Erinnerungen eines alten Leipzigers
Part 8
»I -- Unsinn! Hier herein!« Man drängt ihn in eines der großen Verkaufslocale oder einen geräumigen Hof. Neue treten herzu. »Wer ist denn da?«
»Wichsekrah!«
»Hallo Krah, nun man los«, commandirt ein Berliner Fabrikant, der nun während der letzten Meßtage ernstlich daran denkt, ein Wenig »in die Höhe« zu gehen, ehe er, scheinbar unschuldig als das bekannte Lämmlein auf der Weide, wieder »zu Muttern« heimkehrt.
Krah kennt seine Leute, jetzt ist er im richtigen Kreise. Scheinbar noch immer widerstrebend, läßt er sich den Kasten herunternehmen, hilfebereit greifen ihm verschiedene Hände unter den Arm, und im nächsten Augenblick, nicht ohne aber vorher sorgsam seinen Cigarrenstummel sicher verwahrt zu haben, steht er auf seinem Kasten und legt los.
»Da -- da -- das -- L -- Lämmbchen!«
»Ein kleines L -- Lämmbchen w -- w -- weiß wie -- --«
»Klee« fielen seine Verehrer ein.
»I -- Nee -- heeren se! -- de Wichs is gut!«
»Weiter Krah -- nicht irre machen!«
»Da -- da -- das Lämmbchen!
Ein kleines Lämmbchen -- w -- weiß wie Schnee
Ging -- ei -- einstm -- mals auf die Weide -- -- De Wichs is gut!«
»Famos Krah! -- Weiter!«
»Mutwillig sprang es in den -- --«
»Schnee -- -- --«
»N -- -- n -- nee -- se derfen Een nich irre machen -- de Wichs is gut!«
»Bravo Krah! Weiter!«
»Mutwillig sprang es in den -- -- --«
»See!«
»Nee doch! -- De Wichs ist gut!«
»Mutwillig sprang es in -- --«
»Die Spree!«
»W -- w -- wenns de’s besser weeßt -- denn kann ichs Maul halten! De Wichs is gut!«
»Nicht doch Krah! -- Weiter!«
»Mutwillig sprang es in den Klee
Mit aus -- ge -- l -- lassner --«
»Kreide!«
»Du bist dumm! -- De Wichs is gut!«
»Jeses -- da laßt ’n doch ruhig weiter deklamiren!«
»Ja wohl! Maul halten!«
»Mit ausgelassner Freide!«
»Komm Krah -- trink erst e Mal!«
»Wenn’st de was hast! De Wichs is gut!«
Leider umgab die meisten seiner Declamationen und die mit blecherner, meckernder Stimme von ihm nun vorgetragenen Lieder kein zarter poetischer Duft, und müssen wir deshalb darauf verzichten, dieselben hier, sei es auch nur zum Theile, weiter auszuführen. Der frühere Meßonkel war in dieser Beziehung nicht so verwöhnt und wählerisch, er liebte zeitweilig eine derbe Kost und -- -- -- Wichsekrah’s Poesie und Prosa ließ allerdings in dieser Beziehung nichts zu wünschen übrig. Kein Wunder, daß der ihm gespendete Beifall ein ungeheurer, allgemeiner und aufrichtiger war, und wenn zuletzt der Tausendkünstler seinen Gesang mit Tanz begleitete und zum Schluß gar ~à la~ Taglioni versuchte, mit möglichst malerischer Pose das Bein zu heben, wobei ihn ein paar hilfreiche Arme vor dem Umfallen bewahrten und er dann mit seinem Schlußwort »De Wichs is gut!« vom Kasten herabkletterte, um den schmierigen Cylinder von Hand zu Hand wandern zu lassen, da regnete es nur so Groschen und Zweigroschenstücke in denselben, und mit einem tiefen Bückling entfernte sich der so vielseitige Geschäftsmann, um -- -- -- in der nächsten Straße sofort anderen Ulkbedürftigen in die Hände zu fallen und sein Spiel aufs Neue zu beginnen.
»Hadje, meine Herren -- de Wichs is gut!«
Wer nun aber etwa aus dem bisher Geschilderten schließen will, daß in Wichsekrah’s Brust blos Raum für rein commerzielle Gefühle und in seinem Hirn nur der Erwerbssinn herrschte, der täuscht sich gewaltig, denn auch mildere Gefühle bewegten oft genug Wichsekrah’s Busen, und vor Allem war sein Sehnen nach der Gunst holder Weiblichkeit ein gewaltiges, leider oft genug von seinen Hauptgönnern, den buntbemützten Jüngern der Wissenschaften, zu allerlei tollen Streichen benutzt. In jenen philiströsen Zeiten -- wie sie wenigstens jetzt der »aufgeklärte« Geist nennt -- hatten die Hausmütter noch die Ansicht, daß ihre Töchter zunächst bestimmt seien, dereinst als wackere Hausfrauen zu walten und daß sie zu diesem Behufe vor Allem die Geschäfte und Pflichten einer solchen von der Pike auf lernen müßten. Jede gute Mutter hätte damals, falls es ihr Töchterlein aus Scheu vor Scheuerbürste und Waschfaß vorgezogen hätte, wie es jetzt modern und allgemein Sitte ist, lieber für 15—30 Mk. monatlich als elegant gekleidete Verkäuferin hinter den Ladentischen zu stehen, lediglich um sich die Haut des zarten Patschhändchens nicht zu verderben, dieses Töchterlein schleunigst mit Scheuerlappen und Kehrbesen eines Anderen belehrt. Dafür saßen die Bürgerstöchter damals aber auch Nachmittags, wenn die Wirthschaft in voller Ordnung war, mit Vorliebe häkelnd oder strickend hinter den sorgsam gepflegten Blumenstöckchen am Fenster und schauten nach dem Wetter und -- -- in allen Ehren -- -- auch ein wenig nach des Landes Söhnen und hierunter nicht am Allerwenigsten nach den mit Pikesche oder doch mit farbiger Mütze versehenen Jünglingen aus. Hatte nun ein solches sittsames Töchterlein durch irgend Etwas, sei es stolze Abweisung, kleine Malicen etc. den Zorn eines Studenten erregt, so mußte in der Regel Wichsekrah auf ganz seltsame Weise die Rache des schnöde Verletzten, als wohlbezahlter Vertreter desselben vollziehen und zwar auf folgende infernalische Weise.
Man wies ihm von einem sicheren Punkte aus die spröde Schöne und machte Wichsekrah unter Beihilfe eines guten Achtgroschenstückes klar, daß die junge Dame ihn (Krah) neulich gesehen habe und in heimlicher Liebe zu ihm entbrannt sei. Es sei deshalb nothwendig, ja seine Ritterpflicht, nicht gar zu sehr den Grausamen zu spielen, sondern der Liebenden wenigstens zu zeigen, daß er sie verstehe und ihre Gefühle erwidere. Hierauf folgten besondere Anweisungen über sein Benehmen.
Ob nun bei Wichsekrah in der That der Glauben an die Mittheilungen des Studio Fuß faßte, oder ob es nicht vielmehr das gespendete Achtgroschenstück und eigne Lust an einem Schabernack war, kurz Wichsekrah ging gern auf den ausgeheckten Plan ein, postirte sich, auf seinem Kasten Platz nehmend, gerade gegenüber dem Fenster der bedrohten Maid und warf, sobald dieselbe nur einmal aufblickte, nicht blos die wahrhaft schrecklich zärtlichsten Liebesblicke, sondern auch Kußhände zu Dutzenden nach der erst ärgerlich erröthenden, dann immer zorniger werdenden und schließlich, da Krah nicht vom Platze wich, unter einer Thränenfluth zum Vater oder der Mutter flüchtenden Jungfrau, worauf es Wichsekrah für gerathen fand, schleunigst das Feld zu räumen, denn mehr als einmal war ihm für seine Gastrolle als Ritter Toggenburg, durch des Vaters Gesellen und Lehrbuben, ein sehr ungewünschter Lohn zu Theil geworden.
Was konnte aber der arme Wichsekrah für die heißen Gefühle seines Mannesherzens? -- Und um diesen Gefühlen Rechnung zu tragen, war er auch in seiner bescheidenen Häuslichkeit durch zarte Bande gefesselt.
Gegensätze ziehen sich an und berühren sich gern, sagt das Sprichwort und wie oft große, starke Männer ihr Herz für immer an kleine, zarte Frauen hängen, so auch umgekehrt. Das letztere war bei Wichsekrah der Fall. Zwar waren die Bande, welche diese beiden Menschen vereinigte, nur loser Natur und vor keinem Altar geknüpft und Standesämter gabs damals noch nicht, auch war die zarte Hälfte keine von Jenen, welcher jemals des Papstes Tugendrose beschieden gewesen wäre, aber -- das genirt bekanntlich große Geister nicht -- und -- kleinen -- gehts nichts an.
Wenn aber sonst der Mann des Weibes Beschützer zu sein pflegt, so war dies bei Wichsekrah und seiner Gefährtin umgedreht der Fall, und wenn er sich auch, gänzlich in Verkehrung der Thatsachen und Sachlage, ja einmal als Haupt des Hauses fühlen wollte, so machte sie ihm sehr schnell begreiflich, daß sie in diesem Falle die Mütze wäre, welche noch _über_ dem Haupte sitzt.
Kam Wichsekrah von seinen Geschäftsausflügen nach Hause, so räumte sie ihm als sorgsame Hausfrau zunächst alle Taschen gründlich aus, und wenn er ja einmal allzu lebhaft dagegen protestirte, so zog sie ihn -- wie die Fama berichtet -- mit zarter Hand einfach ein Wenig über die Knie -- -- und -- -- »De Wichse is gut!« war der Schlußeffect.
Wer aber war Wichsekrah eigentlich und was wurde aus ihm?
Julius Alexander _Grahn_, genannt Wichsekrah, war im Jahre 1822 in Leipzig geboren. Sein im Jahre 1849 verstorbener Vater war Zeichner, kam aber gänzlich herunter und fiel der Armenanstalt zur Last. Seine öffentlichen Declamationen gelegentlich seines Hausirhandels mit Wichse, Pomade und Streichhölzern wurden ihm wiederholt von der Behörde untersagt, worüber er sich in der Nummer vom 18. October 1861 des Tageblattes öffentlich beschwerte. Diese Annonce hatte folgenden Wortlaut:
Wie kommt es denn, daß die Herrn mir Alles verbieten -- wollten?
Der Leipziger Wichs-General. J. A. Grahn.
Er starb am 6. September 1881 im hiesigen Armenhause.
XVI.
Student und Verbindungströdeljude.
Vor dreißig Jahren und länger, wo unsere Vorstädte erst in ihren Anfängen bestanden, concentrirte sich natürlich der ganze damalige Meßverkehr nur auf die wenigen Straßen der inneren Stadt, und da dieser Verkehr ein kolossaler und bei weitem größerer als jetzt war, so wurde natürlich jede Straße und jedes Haus mit in den Meßtrubel gezogen. Unwillkürlich kommt dem alten Leipziger ein Lächeln an, wenn er jetzt liest, daß man jetzt sogar für die Concessionirung neuer Pferdebahnlinien durch die innere Stadt die Straßen derselben für zu eng hält, wenn er an jene Zeit zurückdenkt, wo zur Meßzeit stündlich Hunderte von Fracht- und Rollwagen, untermischt mit den jetzt ganz verschwundenen schwerfälligen Holzschleifen, deren Schleudern oftmals geradezu lebensgefährlich war, die von Fremden aller Art vollgepfropften Straßen passirten. Dabei standen sogar noch oft Pyramiden von Kisten und Waarenballen vor den Trottoirs und -- was hauptsächlich zu berücksichtigen ist -- die volle Hälfte der Straßenbreite nahmen noch dazu Verkaufsbuden ein. Freilich -- war man auch nicht so empfindlich wie heute --, wo ein harmloser Bänkelsänger vielen ästhetischen Leuten ein Greuel sein würde und man sofort einem gesammten hohen Rath das Leben sauer machen würde, wenn man nicht hübsch bequem zur Meßzeit das Trottoir passiren könnte. Keinem Menschen fiel es ein, einmal einen im Gedränge erhaltenen Puff übel zu nehmen; man freute sich vielmehr, je größer der Trubel war, wußte man doch, daß derselbe Ströme Goldes nach Leipzig brachte und von der Steuer-Einnahme bis zum Eckensteher, dem Vorläufer der jetzigen Dienstleute, Alle durch diesen Trubel Geld verdienten.
Selbst der kleinste und finsterste Hofwinkel war mit Waarenlagern auswärtiger großer und kleiner Fabrikanten besetzt und brachte schweres Geld ein, und dasselbe war bezüglich der Wohnungsräume der Fall. Fast keine Familie, selbst sehr gut situirte, gab es, die nicht ihre _Meßfremden_ gehabt hätte, und die Fälle, daß der Sohn wieder bei dem Sohne des Mannes wohnte, bei dem bereits sein Vater als Meßbesucher gehaust hatte, waren gar nicht selten. Für die Hausbesitzer der inneren Stadt waren dies gar goldene Zeiten, denn nicht nur, daß ihnen jeder Winkel ihres Hauses baares Geld einbrachte, nein, auch die Miether wechselten im eigenen Interesse nur höchst selten, und so ging der Vortheil des Einen mit dem des Andern getreulich Hand in Hand und Alle befanden sich wohl dabei. Nun gab es aber noch eine Classe Miether damals, welche für die Bewohner der inneren Stadt von Bedeutung waren, und dies waren die Studenten. Seit mit der Errichtung des neuen Krankenhauses in der Liebigstraße, vor 27 Jahren, die Universität allmälig ihre Hörsäle in die südöstliche Vorstadt verlegt hat, sind auch die Studenten zum allergrößten Theil nach jenem neuen Viertel ausgewandert, damals aber, vor 40 Jahren, wohnten dieselben bis auf wenige Ausnahmen sämmtlich in der inneren Stadt. Auch hier herrschte eine größere Treue und Anhänglichkeit zwischen Miether und Vermiether als jetzt, denn das jetzige sogenannte Semestermiethen der Studenten kam gar nicht vor und in der Regel wohnten die Letzteren während der ganzen Dauer ihrer Studien in Leipzig bei ein und demselben Wirthe. Bei dieser Vermiethung spielten nur die pecuniären Verhältnisse des Musensohnes insofern eine Rolle, als er, falls dieselbe besonders günstig waren, _meßfrei_ gemiethet hatte, also auch während der Messe sein Zimmer behielt. Die meisten Studenten aber zogen es, in richtiger Beachtung des dann bedeutend geringeren Miethzinses, den sie würdiger verwenden konnten, vor, während etwa 2 bis 3 Wochen jede Hauptmesse, wo der Meßfremde erschien, das Feld insofern zu räumen, als sie nur für die Tageszeit ihre Stube bewohnten, zur Nachtruhe aber mit irgend einem Dachkämmerlein vorlieb nahmen. Damals waren zur Meßzeit die jetzt lediglich als Rumpelkammer oder Trockenböden dienenden Bodenräume bis auf die letzte Ecke besetzt, denn Abends, wenn als unbeschränkter Usurpator fast der ganzen Familienwohnung, der Meßfremde erschien, ging -- wie der Vater des Schreibers dieser Erinnerungen oft sagte -- der Zug ab, d. h. Weib und Kind und nicht selten in ihrer Mitte »_unser Student_« trat den Marsch in die höheren Regionen an, was von Seiten der Musensöhne oft genug Veranlassung zu allerlei Allotria gab.
Am Tage aber wohnte er in seinem gewöhnlichen Zimmer, steckte den Kopf mit der langen Pfeife zum Fenster hinaus und schaute, je nach dem Zustand seiner Casse, mehr oder minder sehnsüchtig nach dem zur Messe mit größter Unfehlbarkeit erscheinenden »_Verbindungströdeljuden_« aus.
Weit aus dem Innern Rußlands oder Polens erschien er, der specklockige Schylock, mit seinem schwarzen, ebenfalls speckglänzenden Kaftan und seinem runden Käpsel auf dem Haupte. Seine Sehnsucht waren alte Kleider, die er in riesigen Posten zur Messe hier einkaufte und nach seiner Heimath entführte. Nur der Eingeweihte wußte, daß _oft_, ja sogar _meist_, unter der schmutzigen Hülle dieser Trödeljuden sich Männer von großem Reichthum bargen und daß deren alte Brieftasche oft Summen enthielt, wie sie wohl sonst nur ganz bedeutende Einkäufer mit zur Messe brachten. Ihre Lieblingskundschaft waren naturgemäß die immer Geld bedürftigen Studenten, und nach und nach hatte fast jedes Corps, jede Burschenschaft und Verbindung »Verbindungströdeljuden«, der zum Beginn der Messe gewissenhaft vom Kneipvater der einzelnen Corporationen die Adressen der »gnädigen Herren« holte und dann denselben einzeln seine Aufwartung machte.
Melodisch ließ er zunächst im lieblichsten Moll wiederholt sein »_Nix zu handeln hier!?_« ertönen, und erst wenn der so von seiner Anwesenheit in Kenntniß gesetzte Geschäftsfreund sein buntbemütztes Haupt zum Fenster hinaussteckte und ihm herablassend mit der Pfeife zuwinkte, trat er in tiefster Demuth ins Haus des »gnädigen Herrn« und klopfte gleich darauf zaghaft an die Zimmerthür desselben.
Mittlerweile hatte der Studiosus Alles zusammengeschleppt, was er nur überhaupt für irgendwie verwerthbar hielt. Beinkleider mit mehr als zweifelhaften Sitzgelegenheiten, eine verschossene Pikesche aus altersgrauem Sammet, Kanonenstiefel, deren Schäfte in tiefster Zerknirschung über die Vergänglichkeit auch der besten Glanzwichse wie geknickte Lilien das Haupt hingen. Eine ersoffene Spindeluhr, das letzte Andenken an die Zeit auf dem Kasten (Gymnasium), welche ihr Inhaber einmal in nächtlicher Zerstreutheit statt auf den Tisch in das Waschbecken gesteckt hatte und die seitdem stöckisch jede weitere Thätigkeit verweigerte. Ferner gab es ein von schöner Hand erhaltenes Cervis mit zwar schmutzig gewordenen, aber -- was der Hebräer auf den ersten Blick sah -- echten Goldborden. Ein Paar alte silberne Sporen, ein noch passabler Winterüberzieher, zwei Westen und -- vier ausrangirte Vorhemdchen. Das war es, was »unser Student« auch einst dem alten Itzig Ephraim Rosenstiel aus Meseritz, stolz wie ein Spanier, zum Kaufe anbot und welche Gegenstände überhaupt in der Regel die Geschäftsverbindung zwischen Student und Trödeljude ausmachen. Ich -- ein hoffnungsvoller Bengel von 13 Jahren -- dem »unser Student« in guter Kameradschaft soeben den momentan hoffnungslosen und verzweifelten Zustand seiner pecuniären Verhältnisse anvertraut hatte, harrte voll Interesse des Geschäftsabschlusses. Wußte ich doch, daß »unser Student« dann, im Vollgefühl seines Reichthums, sicher einen Griff in den mammongefüllten Beutel thun und mir, dem so mannichfach Vertrauten, einen Obulus in Gestalt eines Sechsers oder wohl gar eines Groschens zukommen lassen würde, den mir der Vater zum Besuche der damaligen Meßneuheit »des geschundenen Raubritters« entschieden verweigerte. Itzig Ephraim Rosenstiel, nachdem er dem »gnädigen Herrn« demüthig guten Tag und tausend Jahre voller Glück und Gesundheit gewünscht hatte, brachte aber in das stolze Bewußtsein unseres »Studenten«, solche herrliche Sachen zu besitzen, alsbald eine bedenkliche Bresche, indem er fragte, ob der »geehrteste und hochgelehrte Herr Baron« -- »unser Student« war das achte oder zehnte Kindlein eines biederen Dorfpastors, der auf einen sehr bekannten Namen hörte -- »_nichts Anderes zu handeln habe_.«
Hierauf eifriges Auseinandersetzen der Vorzüge der Verkaufsobjecte seitens des schon weniger stolzen Besitzers, zweifelndes Kopfschütteln und geringschätziges Prüfen der Kehrseiten der unglücklichen Hosen; wiederholtes Hervorheben des Glanzobjectes der ganzen Ausstellung, des Winterüberziehers; erneuertes Kopfschütteln des geschäftskundigen Ephraims, welcher that, als ob Uhr, Sporen, beide von Silber, Goldborden und Ueberzieher, welche er sofort als erwerbungswerth erkannte, keinen Pfennig werth wären, und endlich die Frage: »was der gnädige Herr Doctor« für den »Ramsch« haben wolle.
»Zehn Thaler!«
Itzig Ephraim blinzelte den Verkäufer mitleidig an, faßte nach seinem schmierigen Cylinder und erklärte feierlich, daß er darauf dem »gnädigen Herrn« nicht bieten könne, worauf ihn derselbe »zum Teufel« zu gehen einlud und erklärte, der nächste Concurrent Itzig’s, der sich auf der Straße bemerkbar mache, solle die Sachen haben. Itzig Ephraim verschwand und wir Beide sahen uns verständnißinnig an, aber noch ehe wir unsere Bemerkungen austauschen konnten, öffnete sich ganz leise die Thür wieder ein wenig, Itzig steckte den Kopf herein und sagte mit flötender Stimme:
»Wollen Se nehmen zwei Thaler?«
»Nee -- machen Sie, daß Sie fortkommen!«
Die Thür öffnete sich etwas weiter.
»Wollen Se auch nischt nehmen drei Thaler vor das alte Zeug, was nischt werth is acht gute Groschen?«
»Unser Student« schwieg verstockt und wendete sich dem Fenster zu, da eben auf der Straße wiederum der Ruf »Nix zu handeln hier« hörbar wurde.
Aber auch Itzig Ephraim Rosenstiel hatte den Ruf vernommen und, erschreckt ob der ihm drohenden Concurrenz, schob er seine glänzende Person aufs Neue ins Zimmer.
»Gott wie heißt -- gnädiger un gelehrter Herr -- wollen Se verruiniren e armen Geschäftsmann, was gekimmen is hundert Meilen von Polen, um zu verdienen s’ Brot vor seine armen Kinder -- wollen Se nehmen finf Thaler?«
»Unser Student« stand am Fenster und beugte sich hinaus.
»Gott -- was werden Se rufen erst e Andern, der doch nischt kann mehr geben als ich, was wollen Se haben im Ernst?«
»Acht Thaler! Keinen Pfennig weniger!«
Itzig Ephraim streckte alle zehn Finger in die Luft und erklärte sich für das nichtswürdigste Scheusal auf Gottes Erdboden, für einen Rabenvater, der seinen hungernden Kindern das Brod vom Munde wegstehle, wenn er auch nur einen Pfennig mehr als _sechs Thaler_ geben könne -- aber »_unser Student_« winkte nach unten, worauf Itzig Ephraim seinen Arm faßte und -- sieben Thaler -- bot, ein Gebot, das der siegende Verkäufer endlich, _jeder Zoll ein Grande_ -- annahm.
Hierauf zögernde Bezahlung, worauf Itzig auf einmal seine gute Laune wiederfand, woraus der stolze Verkäufer zur Genüge merkte, daß er dennoch der »Gemachte« war. Dies störte aber den großen Geist des »gnädigen Herrn« nicht, huldvoll versprach er dem Juden auch fernerhin seine Kundschaft, und auch meine Hoffnung wurde nicht zu Schanden. Gewissenhaft aber trug ich den funkelnden Groschen hin, um staunend die Geheimnisse des »geschundenen Raubritters« mit anzuschauen, wo das dankbare Publicum auf offener Scene die darstellenden Acteure mit Stöpel’schen _Wiener_ Würstchen fütterte und mit Lagerbier tractirte. Fürwahr, welchem Darsteller würde es jetzt, selbst auf der größten Bühne, so wohl, wie damals jenen ihrer Collegen in der einfachsten Bretterbude am Roßplatz zu Leipzig?
XVII.
Ein Abend bei den Harfenistinnen in Auerbachs Keller zur Messe vor 40 Jahren.
Wer vor 30 oder 40 Jahren zur Sommerszeit eine Geschäfts- oder Vergnügungsreise in das an Naturschönheiten reiche, jetzt immer noch viel zu wenig bekannte und geschätzte sächsische Erzgebirge machte, verließ in Chemnitz die Bahn und ging zu Fuß durch prächtige Wiesengründe, über Berge und durch liebliche Thäler, in denen sich die kleinen, vielfach von wildem Wein umrankten Häuser mit den rothen Ziegeldächern wie solche in den bekannten Spielwaarenschachteln ausnahmen, nach dem hoch gelegenen, damals nur kleinen, aber durch seine Spitzenklöppelei doch schon weitbekannten Annaberg. In der Mitte des etwa zehnstündigen Weges kam er in das schön in einem Thalkessel gelegene Städtlein _Thum_. Aus fast allen Häusern des alterthümlichen Städtchens klapperte dem ermüdet, aber von seiner Wanderung hochbefriedigten Wanderer, wenn er von der »Katze«, einem auf der Höhe vor Thum liegenden Gasthaus, aus ins Thal hinabstieg, der dreiviertel Tact der Webstühle oder das Seufzen der aufgezogenen Strumpfwirkerstühle entgegen, und im Rathskeller fand er billige und reichliche Atzung und ein sauberes Bett für die Nachtruhe. Am andern Morgen aber verließ er den geraden Pfad nach Annaberg und wandte sich in der Regel am Ende des Marktplatzes nach rechts, um den »Greiffenstein« mit seinen romantischen Höhlen zu besteigen, auf dessen Höhe man einen wahrhaft prachtvollen Umblick bis weit hinein ins schöne erzgebirgische Land genießt. Da liegen Annaberg und Scheibenberg, Schlettau und Ehrenfriedersdorf und Gelenau vor unseren Blicken, und aus der Ferne lugt Schloß Augustusburg, Zschopau und Schellenberg durch die Thalmulde herüber. Und hatte sich damals der Wanderer an all’ diesen, im Sonnenlicht funkelnden Herrlichkeiten satt gesehen, so schlug er sich rechts in den herrlichen Eichen- und Buchenwald, folgte einem ziemlich steil herabführenden schmalen Fußpfad und gelangte, begleitet vom Gesange der Lerchen, dem Triller des Buchfinkens, dem Pfeifen des Dompfaffens und der Amsel, nach einstündigem Marsch in das hochgelegene Städtlein Geyer.
Erstaunt hielt der Wanderer beim Heraustreten aus dem Walde seinen Schritt einige Augenblicke an, denn ein eigenthümliches Gemisch von Tönen drang aus den nahen hüttenähnlichen Holzhäusern des Ortes zu ihm herüber, und erst beim Einmarsch in den Ort entwirrten sich die einzelnen Töne, so daß sie der Fremde zu deuten oder wenigstens zu erkennen vermochte.
Da guckte aus dem geöffneten Parterrefenster eines Häuschens eine Clarinette, während aus dem ersten und einzigen Stockwerk desselben ein angehender Trompetenvirtuos seinem Instrument die schauerlichsten Töne -- untermischt mit zahlreichen »Fröschen« -- entlockte. Weiterhin klang das harmonische Summen eines vortrefflich gespielten Violoncellos über die Straße, dem eine Flöte und eine erste Geige ebenso vortrefflich accompagnirten. Aus anderen Häusern rauschten Harfen- und Guitarrenklänge und der Contrabaß brummte verdrießlich dazwischen. Wenn aber der Reisende zur Abendzeit im Städtlein eintraf, und ehe er das schmale, hoch von Betten gethürmte Nachtlager bestieg, noch einmal die wenigen Gassen des Städtchens durchschritt, so konnte er gar prächtige Concerte aus den kleinen, dem Felsen abgerungenen Gärten, hören und zwischen den gutgespielten Instrumenten erklangen die Melodien alter Volkslieder von frischen wohlklingenden Mädchenstimmen.