Erinnerungen eines alten Leipzigers
Part 7
Bei den jetzigen Anstrengungen, welche man in anerkennenswerther Weise macht, um die Leipziger Messen wieder zu heben und den früheren Verkehr, wenn auch nur annähernd, wieder herbeizuführen, dürfte es gewiß Jedermann interessiren, einen Blick auf das Leben und Treiben innerhalb unseres Leipzig zur Meßzeit um 40 Jahre zurückzuwerfen. Wer den damaligen Verkehr, der bis zum Anfang der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts fortwährend stieg, um allerdings dann durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes und andere gewichtige Factoren, bis zur Mitte der siebziger Jahre erst allmälig, dann aber, hauptsächlich wohl mit veranlaßt durch allerlei verkehrte und den freien Verkehr hemmende Maßregeln, rapid abzunehmen, nicht mit eigenen Augen gesehen hat, vermag sich wohl kaum noch einen Begriff von demselben zu machen, und deshalb soll eine möglichst genaue Schilderung desselben in diesen Blättern den jetzigen und vielleicht auch späteren Generationen ein Bild von demselben geben. Wenn wir sagen, daß in der inneren Stadt z. B. jedes Haus bis in seine entferntesten Winkel dazu eingerichtet war, Meßzwecken zu dienen, so mag Mancher dies jetzt für arge Uebertreibung halten, und doch war es nicht blos in der That so, sondern -- was die Hauptsache ist -- diese entferntesten Winkel waren auch mit Verkäufern besetzt und wurden mit horrenden Miethpreisen bezahlt. Es ist natürlich, daß zu jener Zeit die Besitzer von Häusern der inneren Stadt thatsächlich im Besitz der »goldene Eier« legenden Henne waren und an jene Zeiten mit Wehmuth und voller Groll auf die Jetztzeit zurückdenken. Gab es doch Grundstücke, welche durch ihre Meßvermiethungen riesige Erträge abwarfen, und wenn z. B. zu jener Zeit Auerbach’s Hof _zu jeder Stunde_, Tag und Nacht, _das ganze Jahr über gerechnet_, einen Doppellouisdor eingebracht haben _soll_, was ungefähr jährlich 300000 Mark beträgt, so ist dies ganz sicher nicht das einzige, ja höchst wahrscheinlich noch gar nicht das einträglichste Grundstück gewesen. Gab es doch Häuser, in denen sich, wie im Hotel de Pologne, Elephant, goldnen Hahn, Anker, gr. Joachimsthal, Mauricianum etc. etc. Hunderte von Ständen und Verkaufsgewölben -- ferner das alte Gewandhaus mit seiner riesigen Anzahl von Tuchständen auf den sogenannten Tuchböden -- befanden, und einfache Hofstände wurden mit 4—500 Mark pro Messe, kleinere Läden mit 8—1200 Mark und große Gewölbe mit 1500 bis 2000 Mark _für die Hauptmesse_ bezahlt. Ja selbst in der nie zu der Größe der Hauptmessen gekommenen, nur zwei Wochen währenden Neujahrsmesse war der Verkehr immer noch ein vielfach stärkerer, als jetzt zu den Hauptmessen. Aber alle diese Hausstände und Läden genügten noch bei Weitem nicht für den riesigen Engrosverkehr, denn es waren noch alle Straßen und Plätze mit Buden für die kleineren Fabrikanten und Grossisten besetzt, und in den Hauptstraßen befanden sich Waarenlager bis in die dritten und vierten Stockwerke der Häuser. Dabei hatte jede Branche ihre bestimmten Straßen inne. Die Grimmaische Straße, in welcher Verkaufsstände und Buden fast die Hälfte der Straßenbreite vom Grimmaischen Thor bis zum Markt einnahmen, enthielt die Lager der Damenconfection, der Herrenconfection, Blumenfabriken, Gold- und Silber- und Bijouteriewaarenfabrikanten, sowie Hüte, Mützen und Kunsthandlungen (Bilder). Im Mauricianum hielten Hunderte von Lederhändlern, ebenso im rothen Colleg und der ganzen Ritterstraße, welche noch Buden für Kunstleder, Schäftefabriken, Nähnadeln und Zwirngrossohändler trug. Der Nicolaikirchhof und die Nicolaistraße waren mit rheinländischen und Lausitzer Posamenten, Apoldaer Strumpf- und Phantasie-Wollartikeln, sowie sächsischen Baumwollwaaren besetzt. Im Salzgäßchen domicilirten sächsische Cravatten-, Cachenez- und Taschentücherfabriken und Grossisten, im Goldhahngäßchen Chemnitzer Damaste und Berliner Chales und Tücher. In der Reichsstraße standen die großen Firmen der Manufacturwaarenbranche aus Greiz, Gera, Glauchau, Meerane, sowie solche, die englische und sächsische Lüsters und Orleans führten; in den Höfen und Durchgängen, sowie im Böttchergäßchen wurden Hohenstein-Ernstthaler Westen, Bett- und Tischdecken, Teppiche und Läuferstoffe, baumwollene Cords und Hosenstoffe, Lamas und Flanelle, sowie Möbelplüsche feilgehalten. In der Katharinenstraße waren die großen Lager Eilenburger und Berliner Kattune und Piqués, die Lausitzer Leinwand-, Gedeck- und Handtuchfabrikanten, Shlipse und Cravatten, Drelle und Bettzeuge zu finden. Im Brühl von der Reichsstraße bis zur Hainstraße befanden sich schweizer und englische, sowie sächsische Gardinen, Crefelder und Berliner Seidenwaaren und Sammete, Jupons und Schürzen, sowie Breslauer und Berliner Futterstoffe, im untern Brühl bis zur Ritterstraße der riesige Rauchwaaren-, Fell-, Borsten- und Därmehandel, sowie der jüdische Trödelmarkt, letzterer auf hunderterlei Ständen mit ebensovielerlei alten und neuen Gegenständen. Einen geradezu riesigen Complex aber nahmen die noch jetzt zahlreichen Tuch- und Buckskin- und Confectionsstofffabriken und Grossisten damals ein. Alle Höfe und Durchgänge von der Katharinen- nach der Hainstraße, von dieser bis zur Fleischergasse und wieder von dieser bis zum Neukirchhof, auf welchem sich noch Hunderte von Ständen in Buden befanden, sowie sämmtliche Läden der genannten Straßen waren mit dieser Branche bis in die kleinsten Winkel besetzt. In den großen Läden der Hainstraße dominirten die Berliner Weltfirmen der Confectionsstoffbranche, welche oft mit einem Apparat von über einem Dutzend Leuten, bestehend aus Chef, Procurist, Buchhalter, Commis, Lehrlingen und Markthelfern, zu denen sie aber noch ein anderes Dutzend Packer und Meßhelfer hier engagirten, zur Messe kamen. Das Gewicht der Waaren, welche diese Häuser, wie Jacob Landsberger, Reinhold Wolff und Co., Rosenstiel Söhne, Morgenstern Söhne etc., hierher mit zur Messe brachten, betrug Hunderte von Centnern, und bereits Wochen vor der Messe trafen Ladungen derselben hier ein. Vor uns liegt die Specificirung der Meßspesen eines solchen Geschäftes, dieselben betrugen für _eine einzige_ Michaelismesse in ihrer Gesammtheit 3215 Thaler 28 Neugroschen, also fast 10000 Mark; dabei ist jedoch ausdrücklich bemerkt, daß in dieser Summe die Gehalte des mitgebrachten Personals nicht mit inbegriffen waren. Diese Geschäfte führten Alles, was zur Herren- und Damenconfection (die Confection erstreckte sich damals bei Damen nur auf Mäntel etc., nicht auf Kleider) gehörte: Buckskins aller Art, Tuche, Ratiné, Double, Krimmer, Plüsche etc. bis herab zu den Cloths. Welchen Meßumsatz ein derartiges Haus machen mußte, um nur erst die Spesen zu verdienen, kann sich wohl Jeder leicht vorstellen. Sie verdienten aber nicht blos die Spesen, sondern mehr.
Im großen Joachimsthal, Stern und Hotel de Pologne standen die Tuch- und Buckskinhändler aus Aachen, Verviers, Quedlinburg und Berlin, in den anderen Häusern und Straßen, sowie auf dem Neukirchhof die Fabrikanten aus Cottbus, Spremberg, Forst, Sorau, Crimmitschau und Werdau. Die kleineren Fabrikanten feiner Tuche standen seltsamerweise weit von ihren Collegen entfernt und zwar auf dem Neumarkt und im Gewandhaus. Es waren dies die aus Roßwein, Leisnig und Döbeln. Auf der oberen Hälfte des Neumarktes standen die Antiquare, in den Höfen und Hausfluren die Gemäldehändler. Die Petersstraße war damals nur wenig geschäftlich belebt, es saßen deshalb rechts und links auf derselben die Obsthändler. Auf dem Marktplatz fanden sich Spielwaaren, Geigen- und Instrumentenfabriken, Annaberger geklöppelte Spitzen, Marmor-, Glas- und Meerschaumwaaren und tausenderlei Anderes, im Thomasgäßchen Pariser Bijouterien, Schweizer Weißwaaren und Spielwaaren. Auf dem Thomaskirchhof befanden sich die Eisen- und Kurzwarenhändler.
So waren in der inneren Stadt die Branchen vertheilt, dabei fand ein fortwährendes Gewühl und Gedränge statt: vor den Geschäftslocalen standen trotz der die Straßen ohnehin sehr beengenden Buden noch Pyramiden von Kisten und Waarenballen, und auf dem schmalen, nun noch übrigen Fahrweg schlängelten sich hin- und herschleudernde Schleifen, Roll- und Lastwagen, Droschken und Handwagen im bunten Knäuel durcheinander. Arbeiten -- feste arbeiten! war die Losung während der Vor- und Engroswoche, und wenn Abends spät in den Geschäften endlich die Läden vorgesetzt wurden und der Andrang der Käufer für den Tag zu Ende war, dann ging das Zusammenstellen der Commissionen, das Registriren, Facturiren, Copiren, Vergleichen und Verpacken los, denn am Tage war dazu keine Zeit, und oft schliefen die Ermüdeten die wenigen verbleibenden Stunden auf den Ballen. Aber »der Alte« ließ sich in dieser Zeit schwerer Arbeit »nicht lumpen«, es gab Bier, Kaffee, Punsch und kalte Küche im Ueberfluß, und die »Meßgratification« war auch nicht zu verachten.
Wo sind jetzt jene Zeiten? Längst und wohl für immer vergangen! -- -- Die Buden verschwanden von den Straßen, die sonst so belebten Höfe stehen meist leer, die Regaleinrichtungen in den Hausfluren verfallen, und die früher so beschäftigten Ballenaufzüge in den großen Durchgängen strecken betrübt ihren Arm in die Luft. Daß bei solchem Verkehr und den kolossalen Geschäftsumsätzen natürlich auch eine Menge Menschen ihre Existenz fanden, ist einleuchtend. So kamen speziell aus den ärmeren Gegenden des Erzgebirges und Vogtlandes zu jeder Messe Hunderte von Leuten mit ihrem Schiebebock (einrädriger Handwagen) und der hölzernen Trage zu Fuß nach Leipzig, lösten sich für wenige Groschen bei der Behörde einen Arbeitsschein, wurden registrirt und erhielten nun eine um den linken Arm zu tragende Blechmarke mit ihrer Nummer. Diese Leute traten nun als Packer oder Meßhelfer bei den Fremden in Dienst, erhielten zwei Thaler pro Tag und kehrten nach der Messe ebenso wieder zu Fuß, diesmal aber mit einem hübschen Sümmchen ersparten Verdienstes, in ihre Heimath zurück. Sie waren treu und ehrlich und meist viele Jahre bei demselben »Meßfremden« thätig. Solcher Existenzen aber gab es vielerlei, und so verbreitete die Leipziger Messe ihren Segen tausendfältig bis weit in die Ferne. Aber auch die Leipziger Gewerbe fanden durch die Messe und ihren riesigen Verkehr reichlichen Absatz. Zimmerleute zum Aufbau der tausenden von Meßbuden, Tischler und Schlosser zu den Regalen, Firmenschreiber, Schneider und Schuhmacher, alle, alle mußten zur Messe mit verstärkten Kräften oft Tag und Nacht arbeiten.
Vom Bäuerlein, das zur Messe mit seinen Gäulen kam, um bei Spediteuren oder dem Rollfuhrverein in den Dienst zu treten, bis zum Rußbuttenmann und dem Verkäufer des »Wach--holder--beer--saft«, von der armen Wittwe, die zur Messe mit Kind und Kegel in der ärmlichen Küche auf der nur nothdürftig mit Stroh bedeckten Diele schlief, um ihre Stube einem »Meßfremden« einzuräumen, bis zum Hotel I. Ranges -- Alle fanden Brot und Nahrung von der Leipziger Messe.
XIV.
Der damalige Meßfremde.
_Der »Meßfremde«_, in keiner Weise identisch mit dem jetzt gleich einem flüchtigen, oft nur scheinbar glänzenden Meteor nur auf Tage die Messe besuchenden »Meßonkel«, war im Gegensatz zu diesem leichtlebigen, anspruchsvollen, über alles raisonnirenden, oft nur dem Vergnügen huldigenden und ebenso schnell, wie er gekommen, wieder verschwindenden, unbeständigen Meßbesucher -- ein Mann von soliden Grundsätzen. Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit bezüglich der Meßquartiere und Toleranz gegen mäßige Meßpreise und entsprechend verkleinerte Beefsteaks, sowie den damals noch weitberühmten sächsischen Kaffee war seine lobenswerthe Eigenschaft. Er nahm es nicht übel, wenn er für das Bett in einem Zimmer des 4. Stockes, welches Zimmer außer ihm noch zwei, drei andre »Meßfremde« zur Nachtzeit bewohnten, für die Nacht drei Mark bezahlen mußte, und fiel nicht vor Schreck auf den Rücken, wenn er des Morgens seine Stiefel nur mit Studentenwichse (Speichel) nothdürftig gewichst fand. Wußte er doch, daß im Uebrigen seine »Wirthsleute« Alles thaten, was sie ihm an den Augen absehen konnten; und war erst der ärgste »Meßtrubel« vorüber und die Masse der großen Einkäufer wieder abgereist, dann avancirte er ohne Preiserhöhung zum Selbst- und Alleinherrscher in seiner Stube, die Wirthin kochte ihm seine Lieblingsgerichte. Der Kaffee wurde nicht mehr gar so sehr »in die Länge« gezogen, er trat in den Alleinbesitz eines pfundschweren Hausschlüssels, den er sich wegen der Größe und des Gewichtes desselben in den auf seiner Kehrseite befindlichen Hosenriegel schnallte, und schäkerte gern mit den ihn »Onkel« anredenden Kindern seines Gastfreundes, selbst wenn dieselben nicht weiblichen Geschlechtes und jünger als 16 Jahre waren. Schon sein ganzes Aeußere bei seiner Ankunft machte einen vertrauenerweckenden, soliden Eindruck. Seine Hauptkennzeichen waren im Sommer langer Gehrock und hochgeschlossene Weste mit massivgoldener Uhrkette nebst daran hängendem Petschaft, niedrige Reisemütze mit breitem Schild, Regenschirm, Cylinderhutschachtel, Geldkatze, bescheidene Vatermörder mit schwarzseidenem Halstuch und dickbauchige Reisetasche mit den aufgestickten Worten »~Bon voyage~« oder »~Au revoir~«; im Winter kam ein mächtiger Reisepelz, Pelz- oder lange Filzstiefel oder Fußsack (letzterer wieder mit Stickerei versehen), sowie ein dicker, 3—4 Ellen langer gestickter Shawl hinzu, dessen Enden ihm malerisch bis auf die Knie herabfielen. Den Platz der Sommermütze hatte dann eine runde Pelzmütze eingenommen. So entstieg er pustend, aber munter und beweglich, dem Post- oder Eisenbahnwagen, mit nie fehlender Pünctlichkeit empfangen von seinem über das ganze Gesicht lachenden erzgebirgischen »Meßhelfer«, der nun hinter seinem »Herrn« mit dem Gepäck ins »Logis« trabte. Hier fand nun feierlicher Empfang statt, der »Meßfremde« schälte sich aus und hörte nun ebenso gewissenhaft den Rapport seines »Wirthes« über etwaigen neuen Familienzuwachs oder sonstige intimere Familienereignisse mit an, wie er selbst gewissenhaft über die Seinen zu Hause rapportirte; denn der »Meßfremde« wohnte oft wieder in derselben Familie, in welcher schon sein Vater gewohnt hatte, und oft verband die beiden Familien langjährige, enge Freundschaft. Nachdem sich der »Meßfremde« von den Strapazen der Reise erholt hatte, ging es sofort an die Arbeit, denn obwohl er meist schon Mittwoch oder höchstens Donnerstag vor der »Vorwoche« eingetroffen war, gab es doch scharf zu thun. Da mußte der »Meßzoll« (pro Centner 25 Pfennige) erlegt, die Ballen und Kisten angenommen und controlirt und dann -- zunächst hinter verschlossenen Ladenthüren -- ausgepackt werden. Daneben gab es die langjährigen Nachbarn, welche ebenfalls aus allen Richtungen der Windrose eintrafen, zu begrüßen, um Abends todtmüde in den »Kahn« oder »Gondel« zu fallen. Freitags und Sonnabends trafen bereits die »Einkäufer« ein, machten ihre Runden, drangen bis in die dunkelsten Winkel der Höfe, und Montags ging das Geschäft los. Da wurde geprüft und untersucht, geschachert und gefeilscht, die dickleibigen Brieftaschen der Einkäufer wurden schlanker und zusehends dünner, dagegen füllten sich die Geldkatzen der Verkäufer. Alle Quartiere waren doppelt und dreifach belegt, die Hotels und Gasthöfe bis auf den letzten Vorsaalplatz besetzt, und in den Judenherbergen in den Hinterhäusern des Brühls und der Ritterstraße lagen die Söhne Israels schichtenweise zur Nachtzeit neben- und aufeinander. Alles arbeitete, hastete, lachte, scherzte, denn Alles verdiente Geld, und »Leben und leben lassen« war der allgemeine Wahlspruch. Waren aber die »großen Einkäufer« wieder verschwunden und die Vorwoche zu Ende, so stellte sich zur nun kommenden Meßwoche die »kleine Kundschaft aus der Provinz« ein. Diese treuesten aller Kunden brachten ebenfalls straffe Beutel mit, beglichen ihre alten Conten und belasteten dieselben durch neue Einkäufe. Das Geschäft war hier ein glattes, auf gegenseitigem, durch langjährige Verbindung begründetem Vertrauen basirend. Immer noch war die Arbeit eine scharfe, angestrengte, denn wenn sich auch die zweite Woche ihrem Ende zuneigte, die »Kunden« seltener wurden, fehlte es doch nicht am Geschäft. Es stellten sich die Männer mit der scharf ausgeprägten Physiognomie ein. Sie fragten nach »ä Pöstchen _Waare_« oder »_ä Ramschpöstchen, er kann sein groß_ oder _klein_« -- und dann neigte sich die Engrosmesse ihrem Ende zu, und die Arbeit ließ bedeutend nach.
Jetzt ging aber auch mit dem »Meßfremden« eine bedeutende Umwandlung vor. Er häutete sich geradezu.
Er steckte eine unternehmende, ja kecke Miene heraus; kam der Abend heran, so legte er »den guten Anzug« an, steif gestärkte Vatermörder, von einer leichtfertigen bunten Halsbinde lose umschlossen, schauten über die großgeblumte seidene Weste mit dem breiten Kragen; in der Mitte des Vorhemdchens prangte eine ungeheure Busennadel, der langschößige solide Rock verschwand, und ein »Schniepel« (Frack) oder kurzer Rock mit breitem Revers umhüllte nur flüchtig seine Hüften. Breite Galons und straffe Stege zierten die hellen Hosen, ein schwindelhaftes Fischbeinstöckchen ersetzte den soliden Familienregenschirm, und der nach oben kühn geschweifte Cylinderhut hielt aus der Tiefe seines Futterals seine Auferstehung. Haupthaar und Backenbart erhielten durch Brenneisen und Bürsten sanfte Kräuselungen und einen kühnen Schwung, der Trauring marschirte in die Tiefen der Westentasche und -- -- -- der »Meßfremde« stürzte sich -- in den darauffolgenden Tagen am chronischen Kater leidend -- mit Todesverachtung in die Freuden und Genüsse der Messe, heute hier -- morgen da »den Affen loslassend« bis das allmälige Verschwinden fast aller Einkäufer und auch etwas »moralischer Katzenjammer« ihn wieder solideren Bahnen zulenkte und er -- den Trauring wieder ordnungsgemäß placirend -- dem verführerischen, aber, ach, so gemüthlichen Leipzig wieder einmal Ade sagte, schon im Voraus die Wochen berechnend, welche vergehen mußten, ehe er hier wieder seinen Einzug halten konnte.
XV.
Wichsekrah!
Einer der beliebtesten und drolligsten Volksoriginale der damaligen Zeit in Leipzig war ein kleiner kaum vier Fuß hoher Mann, im Volksmunde »Wichsekrah« genannt und unter diesem Namen nicht blos den Einheimischen, sondern auch fast allen regelmäßigen Meßbesuchern wohl bekannt. Seine zwerghafte aber keineswegs verwachsene Person steckte stets in einem abgetragenen schwarzen Anzug, Rock mit langen Schößen, Weste und meist viel zu langen Hosen. Sein verhältnißmäßig viel zu großer Kopf, auf dem er stets einen mehr oder minder abgeschabten Cylinderhut trug, war nur von spärlichem Haar bedeckt, eine dicke, ziemlich lange Nase saß in dem schwammigen, finnigen Gesicht und den großen breiten Mund mit den wulstigen Lippen beschattete eine Anzahl Haare zweifelhafter Farbe, welche Wichsekrah in ihrer Gesammtheit mit dem Namen Schnurrbart beehrte: doch behaupteten seine besonderen Gönner, insbesondere die stets zu allerlei Allotria aufgelegten Studios, es seien die Motten in diese defecte und lückenhafte Manneszierde hineingekommen. Ein Vorhemdchen, dessen Weiße niemals zweifelsohne war, und dessen Hüftbänder ihm consequent unter den Rockschößen hervorbaumelten, bedeckte die breite Heldenbrust des kleinen Mannes, und ein Paar ebenfalls bezüglich ihrer Farbe zwischen dem Weiß der Unschuld und einem soliden Schmutziggrau schwankende Vatermörder umschlossen, festgehalten durch ein altes zerknittertes Halstuch, den Hals Wichsekrah’s.
Wenn wir nun noch hinzufügen, daß derselbe infolge einer Angewohnheit den Kopf ein wenig nach links geneigt trug, wodurch der linke Vatermörder stets traurig, einer geknickten Lilie gleich, seine Spitze abwärts senkte, während die des rechten kühn in die Lüfte starrte, so haben wir mit historischer Treue das Bild unseres Helden der jetzigen und den späteren Generationen vor die Augen geführt. -- -- Halt! Noch Eines fehlt! Eines -- ohne welches Wichsekrah eben nicht Wichsekrah gewesen wäre, eines -- ohne welches man ihn nie sah -- das zu ihm gehörte wie die Sohle zum Stiefel und der Kaftan zum polnischen Juden.
Dieses Eine war -- sein Kasten; ein ziemlich großer, sehr fester Holzkoffer, den sein Besitzer stets an einem breiten Lederbande, welches er über die Brust und Schulter hängte, mit sich herumtrug. Dieser Kasten, viel zu groß für seine angeblichen Zwecke, als Behälter der wenigen Schachteln und Büchsen mit Wichse, Pomade und Streichhölzern, mit welchen Gegenständen Wichsekrah handelte, war denn auch zu Höherem bestimmt, denn -- er war das Podium eines ausübenden Künstlers, Declamators, Sängers und -- -- Tänzers, als welcher sich einem verehrungswürdigen, kunstliebenden Publicum, mochte dasselbe nun aus halbwüchsigen Jungen, auf den Katerbummel begriffenen Studios oder ulklustigen Meßonkels bestehen, wenn es nur irgend Geld einbrachte, Wichsekrah sich entpuppte. Wichsekrah war trotz seines nicht sehr geistreichen Aussehens und der dämlichen Miene, welche er in der Regel aufsteckte, ein ganz aufgeweckter, heller Junge und in erster Linie Geschäftsmann.
»Vor Nischt -- is Nischt! -- Die Wichs is gut!« war sein heimlicher Wahlspruch, und der Zusatz »De Wichs is gut« war ihm so zur Gewohnheit geworden, daß er überhaupt jeden Satz, jede Rede und Declamation, ja sogar seine Leistungen auf dem Gebiete Terpsichorens stets und unwiderruflich damit schloß. Leider stieß er beim Sprechen etwas mit der Zunge an, was seine rhetorischen Leistungen einigermaßen beeinträchtigte. An gewöhnlichen ruhigen Tagen war Wichsekrah nur selten zu sehen, er besuchte dann höchstens ab und zu die Kneipen der Studentenschaft, aber wenn irgendwo zu einem Feste die Massen zusammenströmten, hauptsächlich aber wenn Tausende von Meßfremden die Straßen bevölkerten, dann fehlte auch Wichsekrah niemals und je lebhafter es zuging, desto mehr war er in seinem Element, desto mehr ging er aus sich heraus, desto größer war er in seinen Leistungen.
»Hollah -- da is Wichsekrah! -- Wichsekrah Hurra! Declamire mal -- willst ne feine Habbannah?«
Der Angeredete blinzelte unter seinen buschigen Brauen die ihn auf diese Art Anredenden grüßend und schläfrig listig an.
»Wennst de eene hast?« schmunzelte er dann vergnügt, wenn die Prüfung wenigstens mittelmäßig befriedigend ausgefallen war. »De Wichs is gut!«
»Hier -- eine ganz feine!«
Krah betrachtete die erhaltene Cigarre mißtrauisch eine Weile.
»De hast doch kee Feierwerk neingethan? De Wichs is gut.«
»I -- wo -- aber nu declamire ooch e mal -- -- --«
Aber Wichsekrah kannte seine Verehrer, hier war außer der Cigarre sicher nichts Baares zu holen, eine Cigarre aber war nischt und »vor Nischt is Nischt«. Er steckte deshalb auch die Giftnudel, als was er sie sofort erkannte, ruhig ein, sagte:
»Danke -- de Wichs is gut!« und trollte weiter, den etwas verblüfften Cigarrenspender mit Gelassenheit dem spöttischen Gelächter seiner Genossen preisgebend.
Es ist am Ende der Engroswoche. Die Vorwoche der Messe mit ihren zur Zusammenstellung und Verpackung der massenhaften Verkäufe durchgearbeiteten Nächten ist vorüber, und das Engrosgeschäft neigt sich seinem Ende zu. Die stillen Tage beginnen und vor den Geschäftslocalen stehen die Chefs und Commis in rosiger unternehmender Laune, denn die Messe war gut und der Umsatz ein bedeutender, kein Wunder, daß Scherz und allerlei Ulk getrieben wird, zumal die fremden Verkäufer einander seit vielen Jahren kennen und hier zusammen hausen. Da kommt Wichsekrah mit seinem Kasten auf dem Rücken, einen qualmenden Cigarrenstummel im Mundwinkel, langsam dahergebummelt, und im Nu ist er von dem fidelen Chorus regelrecht gestellt.
»Guten Tag, meine Herren -- scheene Wichse, Pommade, Streichhelzer -- de Wichs is gut!«
»Bravo Wichsekrah! Declamiren! Rede reden! Singen -- was macht die Wichse?«
»De Wichs is gut!«
Allgemeines Gelächter und erneute Aufforderungen zur Vorführung seiner Künste.
»De Bolizei -- --« versucht Wichsekrah sich scheinbar gegen die Wünsche des Chorus zu stemmen.
»De Wichs is gut!«