Erinnerungen eines alten Leipzigers
Part 6
Hierzu kam aber noch mancherlei weitere Thätigkeit und zwar zuerst die als Fabrikanten des seiner Zeit vorzüglich bei Leipzigs Frauen vielgepriesenen, ja bis zum heutigen Tage noch nicht ganz vergessenen, auch weit über Leipzigs Grenzen wohlbekannten »Chaisenträgerpflasters«, dessen heilkräftige Wirkung sich so ziemlich auf alle bekannten und unbekannten inneren Krankheiten erstrecken sollte. Gegen Gicht und Rheumatismus, Verrenkungen durch Hebung zu großer Lasten, verursachte Leibesschäden, gegen Knochenfraß, alte Wunden, Hexenschuß und Kreuzschmerzen half dasselbe, der Tradition nach, mit absoluter Sicherheit; ja als wir Kinder uns einst bei einem mehrtägigen Besuche auf dem Gute unseres »Buttermanns« in Bösdorf im Essen übernommen hatten und daran nach erfolgter Rückkehr tüchtig laborirten, brachte unsere alte gute Großtante allen Ernstes für jedes von uns ein halbellengroßes fettgeschmiertes Chaisenträgerpflaster herbeigeschleppt, welches das Innere kräftig zertheilen und uns wieder herstellen sollte. Tantchen nahm es denn auch furchtbar übel, als die Mutter ihre Pflaster dankend zurückwies und uns mittelst einiger Tassen aufgelösten Bittersalzes und der Leistungen einer mächtigen Familienklystirspritze, welch letztere damals in keiner Familie zu fehlen pflegte, einer schnellen Radicalcur unterzog und binnen zwei Tagen wieder vollständig herstellte. Erst am nächsten Aschermittwoch, wo wir Kinder pflichtgemäß, wie es damals Sitte war, mit bänder- und blumengeschmückten Tannenzweigen sämmtlichen Pathen und Verwandten aufs Quartier rückten und in handgreiflicher Weise »die Asche abkehrten«, versöhnten wir die gute Alte wieder vollständig, und jedes von uns erhielt einen mächtigen »Vierpfenniger« als gebührende Belohnung für unsere »Arbeit.«
Thatsache ist, daß die Fabrikation dieses Chaisenträgerpflasters, dessen Zusammensetzung von den Mitgliedern der Compagnie streng geheim gehalten wurde und welches dieselben für »einen Sechser« bis zu »zwei guten Groschen« je nach dem Umfang desselben verkauften, eine ganz beachtenswerthe Einnahmequelle der Compagnie bildete.
Vom Anfange ihrer Errichtung bis zu ihrer gänzlichen Auflösung hausten die Chaisenträger unter den vier Bogen der »Börse« am Naschmarkt. Im Hintergrunde derselben standen die Sänften und weiter vorn an den Eingängen standen Stühle, an deren Seite an der Wand kleine Spiegel angebracht waren, denn die Chaisenträger waren in der That Tausendkünstler und ebenso vielseitig als solche.
Sie waren nämlich nicht blos Sänften- und Siechkorbträger, Spritzenleute, Holzzerkleinerer und Fabrikanten ihres berühmten Pflasters, sondern huldigten auch dem Schönheitsgefühle, indem sie -- man staune -- Jedermann und jederzeit gegen den Obolus von »einem Sechser« kunstgerecht die Haarfülle verschnitten, wobei allerdings das Wort »verschneiden« oft genug in des Wortes verwegenster Bedeutung zu nehmen war. Dies hinderte aber verschönerungssüchtige Handwerksgesellen und Lehrjungen, ja selbst sparsame Handwerksmeister nicht, ihre Frisur ruhig den Scheerenleistungen der Sänftenträger anzuvertrauen und ihre Locken _stufenweise_ in den solchergestalt auch der Kunst geweihten Hallen der Börse fallen zu sehen. Wir Herren Jungen waren natürlich Stammgäste der biederen Leuteverschönerer.
»Junge -- nee -- deine Haare! -- Gleich gehst de zu’n Chaisenträgern, un -- -- runter damit -- hier hast de ’nen Sechser!«
Das war dann für uns ein gefundenes Fressen, wie wir damals mehr bezeichnend als sprachlich schön uns zu äußern pflegten, denn die Alten wußten immer etwas Hübsches bei der Procedur der Haarabsäbelung zu erzählen.
Freilich, großen Staat machten sie nicht mit uns und der »Comfort« war gerade nicht übermäßig, aber das machte nichts aus, wir Bengel waren damals eben noch nicht so von der Cultur beleckt, wie jetzt die »jungen Herren«, wie heutzutage der Friseur jeden »dummen Jungen« anredet.
Der eben anwesende Chaisenträger steckte uns, nachdem wir rittlings auf dem uralten Polsterstuhle Platz genommen hatten, vorn und hinten, zum Schutz für unsere »Kutte«, je ein blaugewürfeltes, in Folge mancher Prisenspuren nicht ganz »zweifelsohne« Taschentuch rings in die Halsöffnung der »Kutte« und nun ging die Procedur frisch, fromm, fröhlich vor sich. Erwachsenen, von deren Aeußerem der haarschneidende Künstler stillahnend, leider sich aber oft mit dieser Ahnung selbst betrügend, vermuthete, daß sie sich zu der horrenden Leistung von einem »Neugroschen« aufschwingen würden, wurden _weiße_ Tücher vorgesteckt, bei uns Jungen war dies überflüssig und uns auch vollständig gleichgiltig.
Während nun in diesen heiligen Hallen, vor den Augen des zahlreich vorüberziehenden verehrten Publicums, unsre oft arg zerzausten und meist etwas struppigen »Locken« unter der Scheere des Alten fielen, erzählte uns derselbe gewissenhaft alle Neuigkeiten des Tages, denn die Alten erfuhren Alles und waren eine lebendige Chronik -- oft auch ~chronique scandaleuse~, ja sie führten sogar länger als ein volles Jahrhundert ein ziemlich genaues Tagebuch über alle Stadtereignisse irgendwie bemerkenswerther Natur und waren nicht böse, wenn wir diese ihre Leistungen als Chronisten bewunderten und durchstöberten.
War die Procedur des Haarschneidens vorüber und hatte auch der aus gewissen hier besser verschwiegenen Gründen nunmehr in Function gesetzte »kleine Kamm« seine Pflicht gethan, so schüttelten wir Tücher und Haare ab und überreichten feierlich dem Alten den Lohn für seine Arbeit. Dieser prüfte dann das Geldstück genau, denn, es gab damals auch Sechser, _die darnach waren_, und dann erfolgte große Betrachtung im Handspiegel, worauf uns der Gute mit einem »So, nu siehst de wieder wie e Mensch aus«, feierlich entließ. Mutter schlug dann wohl bei unserem Anblick ab und zu entsetzt die Hände zusammen, aber Vater sagte dann beruhigend und lachend »Na -- laß nur -- se wachsen schon wieder!« Und damit war die Sache abgethan.
In der damaligen Zeit, wo noch nicht einmal die in den sechziger Jahren fest organisirte städtische Feuerwehr existirte, sondern nur die Bürgerschaft, soweit sie nicht Dienst in der Communalgarde that, und die sogen. »Schutzverwandten« (eine Art Bürger 2. Classe, die aber kein Wahlrecht hatten) zum Spritzendienst bei ausbrechendem Feuer, je nach den Stadtvierteln, herangezogen wurden, hatte natürlich eine Corporation wie die Sänftenträger, von denen die Hälfte Tag und Nacht auf ihrem Posten war, auch als Feuerwehrleute großen Werth, und die Fälle, in denen die Spritze derselben bei Schadenfeuern zuerst auf dem Platze war und die für diesen Diensteifer ausgesetzte Prämie empfing, sind sehr zahlreich. Die Compagnie hat bei großen Bränden wiederholt Hervorragendes, sowohl beim Löschen, als beim Retten und Bergen der bedrohten Mobilien etc., ja selbst von Menschen, geleistet, und da die strenge Ehrlichkeit ihrer Mannschaften wohlbekannt war, so wußten die vom Feuer Betroffenen da, wo die Spritze und Mannschaft der Sänftenträger-Compagnie erschien, das Ihrige in guten Händen, zumal da in jener Zeit sich oft schnell herbeigeeiltes Gesindel die Gelegenheit zu Nutzen machte, um zu stehlen, und die Feuerversicherung noch bei Weitem eine nicht so eine allgemeine war, wie zur Jetztzeit.
Selbst auswärts war in solchen Fällen die Compagnie öfters thätig, und als halb Oschatz in Flammen stand, ging auch die Spritze der Sänftenträger mit einiger Mannschaft, begleitet von Deputirten des Rathes, mit Extrazug dahin ab und trat dort in Action.
So war die Compagnie länger als 150 Jahre eine volksthümliche, beliebte und hochgeachtete Corporation, bis die Alles unterminirende Zeit endlich auch sie erst zum Wanken und dann zum Falle brachte und die folgenden undankbaren, flüchtigen Geschlechter in wenig Jahrzehnten dieselbe vergaßen.
Legte schon das Erscheinen der Droschken ihre ursprünglichen Functionen als Sänftenträger lahm, so daß eine Sänfte nach der anderen die Halle am Naschmarkt räumen mußte, so machte später die Organisation der städtischen Feuerwehr auch ihre Hilfe bei Feuersgefahr entbehrlich. Der aller Handarbeit feindliche Dampf treibt jetzt sogar holzspaltende Maschinen, und Brandt’sche Pillen, Glöckner’sches Pflaster und andere Mixturen und Salben haben längst das alte gute Chaisenträgerpflaster aus der Zahl der heilkräftigen Hausmittel verdrängt. Barbiere und Friseure bearbeiten jetzt die Köpfe und deren Haarfülle kunstgerecht mit Walzenbürste, amerikanischer Douche und -- -- Haarschneidemaschinen; leer und verwaist sind die einst so traulichen Hallen am Naschmarkt, nur in einer derselben sitzt jetzt eine menschenfreundliche ältliche Dame und giebt dem Bedürftigen -- -- -- verschämt dabei lächelnd -- einen gewissen Schlüssel zu einer gegenüberliegenden stillen Klause, gegen Einlegung -- -- eines Sechsers -- -- wollte sagen -- -- eines Fünfpfennigers deutscher Reichswährung.
Die Alten sind heimgegangen, nur einer noch, der alte »Vater Wolf«, haust in seiner kleinen freundlichen Wohnung im »Königshaus« am Markt, vorn heraus »fünf Treppen« hoch, dem Himmel oder doch den Wolken ebenso nahe als der undankbaren Erde.
XI.
~D. L. M.~
In einem altrenommierten Leinenwaarengeschäft der Petersstraße, welches noch jetzt besteht, kam es vor vielen Jahren öfters vor, daß sich unter den vielen Käufern auch zeitweilig solche befanden, welche dem etwas mißtrauischen, originellen Chef des Geschäftes betreffs ihrer Absichten zweifelhafter Natur zu sein schienen. In solchen Fällen rief er durch das kleine Fenster aus seinem Contor, durch welches er den Laden und die Käufer überblicken konnte, stets laut »~D. L. M.~« seinen Verkäufern zu.
Einst -- als eine _sehr hohe Dame_ -- allein und in unscheinbarer Kleidung im Laden erschien, um Einkäufe zu machen, rief der Alte wieder laut sein »~D. L. M.~« heraus.
Die Dame aber wandte sich lächelnd zu dem Rufenden und sagte: »Nein -- Vater ~F.~ -- ich mause nicht!«
Die drei Buchstaben sollten nämlich ein Warnungsruf für das Personal des Alten sein und bedeuteten, was der Dame bekannt war: »_Das Luder maust!_«
XII.
Allerlei Chronika von 1846—1849.
[Sidenote: Brand vom Hotel de Pologne.]
Anno 1846 Abends 7 Uhr am 29. August ertönten die Sturmglocken von allen Stadtthürmen, die Tamboure der Communalgarde wirbelten durch die Straßen und die Signalhörner der Jäger schmetterten durch die Luft. Feuerruf ertönte aus der Hainstraße! -- Es brannte im Hotel de Pologne. Ein Markthelfer in der Droguenhandlung von Marx daselbst war mit offener Kerze in den Keller des Hauses gegangen, wo große Vorräthe von Naphta, Vitriolöl und Spiritus lagerten und hatte daselbst ein Anfangs unbedeutendes Feuer verursacht. Erschrocken suchte er es selbst zu dämpfen, aber im Augenblick hatte dasselbe Spirituosen und andere feuergefährliche Stoffe erfaßt und wuchs riesig an. Die schnell herbeigeeilten Feuerwehren, insbesondere die Spritzen der Nachtwächter, Lampenleute und Chaisenträger vermochten den brennenden Stoffen gegenüber nichts zu thun. Man warf Sand, Erde und Mist in die Flammen, aber umsonst, dieselben durchbrachen schnell das Parterre und durchschlugen den ersten und zweiten Stock des Hauses. Der furchtbare Dampf zwang Alles zum Zurückweichen. Das Feuer griff mit solcher Gewalt um sich, daß in wenig Stunden nicht blos das Hotel de Pologne, sondern auch der »blaue Stern« und der »Adler« in Flammen stand. Leider erforderte der kolossale Brand viele Menschenopfer. Ein vom »Stern« einstürzendes Fenster erschlug von einem vorüberfahrenden Sturmfaß Pferd und Kutscher, sowie des Letzteren Knecht. Die ganze Nacht über heulten die Sturmglocken und nach und nach kamen sämmtliche Spritzen der umliegenden Orte an. Auch das Tags zuvor ins Cantonnement gerückte Schützen-Bataillon wurde zurückberufen und traf wieder in Leipzig ein. Alle Fabriken stellten ihre Leute zur zeitweiligen Ablösung der Bedienung der Spritzen zur Verfügung, ein Gleiches thaten die Turner. Die Schlauchführer griffen den riesigen Feuerheerd, mit Todesverachtung und unter eigener Lebensgefahr, von allen Seiten an und drangen sowohl von der Rückseite -- der Katharinenstraße aus, wie vom Brühl und vom »großen Joachimsthal« her über die Dächer vor, während Massen von Schläuchen von den in der Hainstraße gegenüber liegenden Häusern und deren Dächern ebenfalls Ströme von Wasser in die Gluth sandten; aber erst nach fast drei Tagen furchtbarer Arbeit war das Feuer auf seinen Heerd beschränkt. Dasselbe brannte nach Außen noch länger als 14 Tage und von Zeit zu Zeit hörte man im Innern die Explosion der Spiritusfässer.
Da gerade diese drei Häuser hunderten von auswärtigen Tuch- und Buxkinfabrikanten als Verkaufslokale dienten und die Messe unmittelbar bevorstand, so wurden auf den theilweise noch rauchenden Trümmern schleunigst Buden für die alsbald eintreffenden Fremden errichtet, aber als man nach der Messe, _fast 12 Wochen nach dem Brande_, den Schutt gründlich aufzuräumen begann, _stieß man immer noch auf brennende Stellen_. Mehrere Fremde, sowie ein Oberkellner des Hotels verbrannten in den Zimmern. Unter der eingestürzten Einfahrt fand man beim Aufräumen die Ueberreste eines Weinküfers, eines Wollsortirers und eines Mannes von der Feuer-Colonne erschlagen vor. Ein wackrer Schornsteinfeger rettete mit eigner Lebensgefahr mittelst einer Leiter eine um Hilfe rufende Dame aus dem über und über brennenden 3. Stockwerk des Adlers, indem er sie aus einem Fenster auf die Leiter trug und, selbst vom Feuer verletzt, glücklich vor dem Einsturz des Gebälkes zur Erde brachte. Die Knochen und sonstigen Ueberreste von 8 Personen wurden nach einigen Tagen feierlich zusammen beerdigt, 6 weitere Personen fand man erst später auf oder dieselben starben nachträglich an ihren Brandwunden, der Letzte derselben war der Maurer Gehlicke, der beim Retten verunglückt war. Er wurde am 30. September 1846 als erste Leiche auf dem neuen Johannisfriedhof an den Thonberg-Straßenhäusern beerdigt.
[Sidenote: Neuer Friedhof.]
Am 28. September 1846 Nachmittags übergab Bürgermeister ~Dr.~ Groß den neuen Johannisfriedhof zur Benutzung, worauf durch Superintendent ~Dr.~ Großmann, unter Theilnahme einer großen Menschenmenge, die feierliche Einweihung desselben stattfand.
[Sidenote: Erschoss. Liebespaar]
Anno 1847 am 16. August erschoß sich hinter den Gärten bei Sellerhausen ein junges Liebespaar aus Volkmarsdorf. Der Jüngling war 18, das Mädchen 17 Jahre alt. Das Mädchen wurde am 18. August unter Vorantritt der Geistlichkeit und der Schuljugend, sowie ihrer Angehörigen und Freunde beerdigt. Die Jünglinge von Volkmarsdorf trugen den Sarg. Der Leichnam des jungen Mannes kam auf die Anatomie!!!
[Sidenote: Mendelssohn-Bartholdy †.]
Am 4. November 1847 starb hierselbst in der Königstraße der Königl. Preuß. Capellmeister ~Dr.~ Felix Mendelssohn-Bartholdy. Am 7. November wurde der Sarg mit dem Leichnam des Verewigten unter Vorantritt zweier, abwechselnd Trauer-Märsche spielender Musikchöre, unter großem Blumen- und Palmenschmuck und dem Geleit der Mitglieder des Conservatoriums, der Universität, der Civil- und Militairbehörden im feierlichen Zug durch Petersthor und Petersstraße, Markt, Grimmaische Straße in das Innere der Universitäts-(Pauliner-)Kirche gebracht, vor dem Altar niedergesetzt und mit brennenden Wachskerzen umgeben. Nach abgehaltenem Trauergottesdienst und Absingen des Chorals »O Haupt voll Blut und Wunden etc.« unter Orgel- und Posaunenbegleitung, wurde der Sarg Abends per Extrazug nach Berlin gebracht.
[Sidenote: Robert Blum †.]
Anno 1848 am 14. November kam die Nachricht von Robert Blum’s Erschießung, in der Brigittenau zu Wien am 9. November, dem Tage vor seinem Geburtstage, nach Leipzig und fand desselben Tages eine große Volksversammlung in der Thomaskirche statt. Dieser folgte am 26. November 1848 die Todtenfeier für Robert Blum in Leipzig. Auf dem Roßplatz stellten sich sämmtliche Innungen und Corporationen mit ihren Fahnen auf, darunter die Buchdrucker mit einer rothen Fahne und der Inschrift von Blum’s Namen und Todestag. Punkt 11 Uhr marschirte der Zug vom Roßplatz um die Promenade, an der Post vorbei, durch die Hallesche und Katharinenstraße auf den Markt. Hier theilte sich der Zug und hatte die erste Abtheilung Gottesdienst in der Nikolai- -- die Andern in der Thomaskirche. Nachmittags gab der Turnerchor auf dem Exercirplatz bei Gohlis zu Ehren des Erschossenen drei Salven ab.
Robert Blum wurde am 4. November in Wien, nach Bewältigung des dortigen Aufstandes gefangen genommen und nach kriegsgerichtlichem, durch den Fürst Windischgrätz bestätigtem Urtheil am 9. November standrechtlich erschossen.
Am 7. December 1848 veröffentlichte Rechtsanwalt ~Dr.~ Gustav Haubold im Leipziger Tageblatt Folgendes:
»Ich übergebe hiermit die Abschiedsworte Robert Blum’s, zur Widerlegung vielfach verbreiteter Gerüchte, der Oeffentlichkeit.
Leipzig, den 7. Dec. 1848.
~Dr.~ Gustav Haubold, Vormund der 4 unmündigen Geschwister Blum.
Diese Abschiedsworte aber lauteten:
Mein theures, gutes, liebes Weib!
Lebe wohl für die Zeit, die man ewig nennt, die es aber nicht sein wird. Erziehe unsre -- jetzt nur Deine Kinder zu edlen Menschen, dann werden sie ihrem Vater nimmer Schande machen. -- Unser kleines Vermögen verkaufe mit Hilfe unsrer Freunde. Gott und gute Menschen werden Euch ja helfen. Alles was ich empfinde rinnt in Thränen dahin, daher nur nochmals: leb wohl theures Weib. Betrachte unsre Kinder als theuerstes Vermächtniß, mit dem Du wuchern mußt und ehre so Deinen treuen Gatten. Leb wohl, leb wohl! Tausend, tausend -- die letzten Küsse von: Deinem Robert.
Wien, den 9. Nov. 1848, Morgens 5 Uhr. Um 6 Uhr habe ich vollendet!
Nachschrift.
Die Ringe hatte ich vergessen, ich drücke Dir den letzten Kuß auf den Trauring. Mein Siegelring ist für Hans, die Uhr für Richard, der Diamantknopf für Ida, die Kette für Alfred als Andenken. Alle sonstigen Andenken vertheile Du nach Deinem Ermessen. --
Man kommt, lebe wohl! Lebe wohl!
* * * * *
[Sidenote: Neue Speiseanstalt.]
Anno 1849 wurde die frühere Getreide-Expedition am Königsplatz (jetzt Ecke Königsplatz und Markthallenstraße) in eine städtische Speiseanstalt umgewandelt. Die Portion Gemüse und Fleisch kam 12 Pfennige. Die Anstalt wurde am 1. Februar 1849 eröffnet.
[Sidenote: Revolution und Straßenkampf in Leipzig.]
Am 6. Mai ging auch in Leipzig die Revolution los, nachdem dieselbe bereits am 3. Mai in Dresden zum Ausbruch gekommen war. Vom 3. bis mit den 5. Mai passirten viele Freischaaren nach Dresden hier durch, darunter allein 900 Mann aus Werdau und Crimmitzschau. Am 6. Mai sammelten sich Volksmassen auf dem Roß- und Königsplatze an, welche die Escadron der Communalgarde durch Einreiten zu zerstreuen suchte. Hierbei fiel ein Schuß, wodurch ein Mann aus dem Volkshaufen verwundet wurde. Nun begann der Kampf zwischen dem Volk und den Bürger-Gardisten. Die Aufständischen erbauten Barrikaden an der Ecke des Marktes und des Thomasgäßchens, ferner am Neumarkt, gegenüber der Reichsstraße und die höchste und stärkste am Café Francais in der Grimmaischen Straße. Hierbei plünderten die Aufständischen den Meißnerschen Gewehrladen im Thomasgäßchen. Die Bürger-Gardisten nahmen die Barrikaden am Thomasgäßchen und Neumarkt schnell, wobei auf Ersterer der Souffleur Wrede vom Stadttheater erschossen wurde; aber bei der Barrikade am Ausgang der Grimmaischen Straße fanden sie so lebhaften Widerstand, daß sie sich am 6. Mai zurückziehen mußten, wobei Gardist Müller erschossen und die Gardisten Böttchermeister Herrmann und Bäckermeister Ottilie verwundet wurden. Erst am Morgen des 7. Mai zwischen 5 und 6 Uhr gelang es der Bürger-Garde auch die letzte Barrikade zu nehmen, wobei Gardist Seidenwaarenhändler Gontard todt blieb und auf Seiten der Aufständischen der Schmiedegesell der Leipzig-Dresdner-Bahn Merkisch fiel. Auch ein armes Dienstmädchen Namens Emilie Dreßler, welche im weißen Engel diente, wurde hierbei beim Milchholen auf dem Grimmaischen Steinweg durch eine Kugel getödtet. Hiermit war der Aufstand in Leipzig zu Ende.
Am 9. Juli starb noch an seiner Wunde Gardist Böttchermeister Herrmann und wurde gleich den Gardisten Müller und Gontard mit militairischen Ehren beerdigt.
[Sidenote: Alter Friedhof.]
Am 1. November wurde die Gottesackermauer, welche die um die Johanniskirche liegende Abtheilung des alten Friedhofes umgab, niedergelegt und der Platz bis an den Spittel eingeebnet und freigemacht.
XIII.
Die innere Stadt zur Messe vor 40 Jahren.