Erinnerungen eines alten Leipzigers

Part 5

Chapter 53,254 wordsPublic domain

Im October desselben Jahres wurde das (alte) Stadttheater behufs Umbaues und gänzlicher Renovation geschlossen, seine Wiederöffnung fand in feierlichster Weise gelegentlich der Rückkehr Sr. Majestät des Königs Friedrich August von einer Reise nach Italien anno 1844 am 10. August statt.

[Sidenote: Deutsch-Katholiken.]

Anno 1844 am 9. Februar fand Mittags 12 Uhr in der Buchhändler-Börse in der Ritterstraße die erste Versammlung der in Leipzig wohnhaften Katholiken, behufs Berathung über Abänderung verschiedener Satzungen der katholischen Kirche statt. Referent und Hauptsprecher der Versammelten war Robert Blum, der einen allgemeinen Austritt aus der katholischen Kirche und Gründung einer neuen beantragte. Sein eifrigster Gegner und Gegenredner war der Bäckermeister Schmieritz, doch behielt Blum die Oberhand und so erfolgte wenige Tage darauf unter Betheiligung der angesehendsten Katholiken die Gründung der »Deutschkatholischen Gemeinde«, der sich sofort 150 Mitglieder anschlossen.

[Sidenote: Streng. Winter.]

Der Winter anno 1844/45 war außerordentlich streng und anhaltend, so daß oft die Eisenbahnzüge ganz ausblieben. Monatelang, vom November bis weit in den April nichts wie Eis und Schnee; Holz und Kohlen waren kaum mehr zu beschaffen, da alle Wege tief verschneit und eisbedeckt waren. Die Dachrinnen platzten an den Häusern und die Sperlinge lagen massenhaft erfroren auf den Straßen und in den Gärten. Noch am 7. März wurde der Sattler Carl auf der Straße bei Mockau erfroren aufgefunden.

[Sidenote: Bau der Kath. Kirche.]

Mitte Juli 1845 wurde mit dem Bau der Katholischen Kirche in Reichels Garten begonnen, die Maurermeister Purfürst und Siegel und der Zimmermeister Schwabe führten unter einem auswärtigen Baumeister den Bau aus, der anno 1847 am 5. August durch den Bischof Dietrich aus Dresden feierlich eingeweiht und der Gemeinde übergeben wurde.

[Sidenote: Aufruhr.]

Am Nachmittag des 12. August 4 Uhr traf Se. Königl. Hoheit Prinz Johann von Sachsen (Chef der gesammten Communalgarden des Landes) in Leipzig ein, inspicirte die Communalgarde und nahm Revue über dieselbe ab. Abends 9 Uhr wurde dem Prinzen vor dem am Roßplatz befindlichen, in den achtziger Jahren neugebauten und in seiner jetzigen Gestalt errichteten, alten ~Hotel de Prusse~ von dem Musikchore der Communalgarde ein Ständchen gebracht, welches mit dem Zapfenstreich schloß. Natürlich hatte sich eine ungeheure Menschenmenge angesammelt, und als die Musikanten wieder abgezogen waren, johlten und brüllten einige Burschen vor dem Hotel. Verwünschungen gegen den Prinzen, den man für einen Feind der neuen antipäpstlich-deutschkatholischen Glaubensbewegung hielt, wurden laut, die Menge wurde immer aufgeregter und stimmte das Lutherlied »Eine feste Burg etc.« an und dazwischen tönten Hochrufe auf den kurz zuvor in Leipzig gewesenen ehemaligen katholischen Priester Johannes Ronge, der ebenfalls zum Deutschkatholicismus übergetreten war.

Als aber sich einige rüde Burschen, wie solche bei derartigen Gelegenheiten stets vorhanden sind, ohne daß man weiß woher sie kommen, dazu verstiegen, die Fenster des Hotels einzuwerfen, rückte eine Abtheilung Militair (Schützen) zum Schutze des Prinzen vor weiteren Insulten, vor die Front des Hotels.

Nachdem auf dreimalige Aufforderung des Commandanten der Abtheilung sich die Menge, von der man allerdings sagt, sie habe die drei Aufforderungen gar nicht gehört, nicht zerstreute, erfolgte eine Salve aus den Gewehren des Militairs auf das Volk. Schon die Thatsache, daß von den in der Nähe der Truppen befindlichen Personen kein Einziger verletzt wurde, zeigt an, daß die Soldaten angewiesen waren, hoch -- also über die Köpfe der Tumultuanten zu feuern; leider hatte man hierbei aber wohl kaum daran gedacht, daß damals ~Hotel de Prusse~ bedeutend tiefer lag als die jenseits der Haupttumultuanten befindliche Fahrstraße und der Hauptweg der viel höher gelegenen Promenade. Da nun aber auf der Promenade ebenfalls Leute standen oder spazieren gingen, welche aber mit dem Tumult auch nicht das Geringste zu thun hatten und die damaligen Gewehre auch lange nicht so weit trugen wie jetzt, so kam es, daß gerade von jenen vollständig Unschuldigen zahlreiche Opfer fielen.

Es waren dies zwei auf dem Wege zum Dienst befindliche Postsekretaire, ein Schriftsetzer, ein Markthelfer, ein _Polizeidiener_, ein Schneidermeister, ein Privatlehrer und ein Destillateur.

Alle acht wurden am 15. August früh Morgens, unter Begleitung des Handelsstandes, der Innungen und betheiligten Gewerke mit ihren Fahnen und Insignien zusammen zur Ruhe bestattet. Vor dem Thore des Friedhofes wurden die Särge in einen Kreis gestellt und Superintendent ~Dr.~ Großmann hielt eine ergreifende Grabrede.

Der Prinz reiste am 13. August Morgens 6 Uhr per Wagen durch das Windmühlenthor über Thonberg nach Grimma ab. -- -- --

IX.

Die letzte öffentliche Hinrichtung in Leipzig.

Anno 1853 am 5. Januar wurde in der Georgenstraße zu Leipzig die Witwe Friese, 57 Jahre alt, eine alleinstehende, daselbst wohnhafte Frau durch Hammerschläge auf den Kopf und Erdrosselung ermordet aufgefunden. Der Mörder hatte die alte Dame nach vollbrachter That fein säuberlich ans Fenster auf ihren Stuhl gesetzt und den Leichnam auf demselben angebunden, so daß man außen die Umrisse des Körpers sehen konnte und wegen ihres Nichterscheinens außerhalb der Wohnung in Folge dessen auch nicht sofort Verdacht faßte. Erst als die Ermordete gar nicht von ihrem Platze weichen wollte, erbrach man die Thür zu ihrer Wohnung und entdeckte den stattgefundenen Raubmord. Ein Mann Namens Eduard Müller, der als Budenwächter sogar in städtischen Diensten stand und welcher öfters für die Dame kleine Wege besorgte, wurde alsbald gefänglich eingezogen, und da man nicht blos eine Masse geraubter Sachen bei ihm fand, sondern ihn sogar im Bett, angethan mit einem Hemd der Ermordeten, antraf, so war man sicher, den richtigen Thäter erwischt zu haben, trotzdem Müller auf das Frechste leugnete. Während der Untersuchung stellte es sich heraus, daß die wenigen Papiere, welche Müller besaß und auf Grund welcher er in Leipzig seinen Aufenthalt genommen hatte, gefälscht waren, und als mehrere Personen, denen Müller vorgeführt wurde, die Meinung aussprachen, er sei mit dem vor zwei Jahren aus dem Gefängniß zu Merseburg ausgebrochenen, wegen mehrfachen Raubmords, verbunden mit Brandstiftung, dort zum Tode verurtheilten Carl August Ebert aus Drossen, 32 Jahre alt, identisch, wurde Müller alias Ebert nach Merseburg transportirt, um seine Recognoscirung zu bewirken. Allein hier erklärte man merkwürdiger Weise, nach Confrontirungen Müller’s mit vielen Leuten, welche den Ebert ganz genau kennen wollten, derselbe sei nicht Ebert, und so brachte man den Gefangenen wieder nach Leipzig. Hier gestand denn endlich derselbe nicht nur seine Thäterschaft bezüglich des Mordes an der alten Dame, sondern auch ein, daß er dennoch Ebert sei, und wurde nun zum Tode durch Enthauptung verurtheilt. Die Hinrichtung sollte mittelst Guillotine, welche damit zum ersten Mal in Sachsen in Gebrauch genommen wurde, stattfinden.

Daß wir Herren Jungen in dem hoffnungsvollen Alter von 12—13 Jahren natürlich über das Wann? und Wo? dieser _öffentlich_ stattfindenden Execution auf das Genaueste informirt waren, verstand sich von selbst, ebenso, daß jeder von uns alle Mittel daran zu setzen gelobte, das Schauspiel, denn als solches und als nichts Anderes wurde der Act der Gerechtigkeit allgemein betrachtet, mit anzusehen. Meine Aussichten standen in dieser Beziehung ziemlich schlecht; Mutter war zwar auf einige Tage verreist und konnte mich also nicht hüten, Vater aber war ein ernster Mann von wenig Worten, welcher erklärte, er würde keinen Schritt nach jener Execution gehen. Unter keinen Umständen aber hätte ich es gewagt, ihn für mich um die nothwendige Erlaubniß zu bitten, da dies allein schon wenig erfreuliche Folgen für mich gehabt hätte, und so verzichtete ich bereits unter tiefem Bedauern, als am Abend vor der Hinrichtung plötzlich mein Oheim mütterlicher Seite aus Chemnitz eintraf, um dieselbe mit anzusehen. Trotz seines Widerwillens konnte oder mochte nun doch mein Vater dem nahen Verwandten, welcher in Leipzig nur wenige Straßen kannte, seine Bitte, ihn an Ort und Stelle der Execution zu begleiten, nicht abschlagen, und klopfenden Herzens hörte ich, wie mein Vater, als wir Kinder eben schlafen gingen, seine Einwilligung gab und ihren Aufbruch auf nächsten Morgen halb vier Uhr festsetzte.

Ich lag schon im Bett, in der an unser Wohnzimmer stoßenden Kammer, als ich durch die halboffene Thür die Abmachung der beiden Herren mit anhörte, und da ich mir ausrechnete, daß ich gegen sieben Uhr, zu welcher Stunde meine um ein Jahr ältere Schwester aufstand, um in Abwesenheit der Mutter den Morgenkaffee zu bereiten, längst wieder zu Hause sein konnte, so beschloß ich, lieber die ganze Nacht kein Auge zuzuthun, als die Zeit von Vaters Weggang zu verschlafen, denn -- daß ich dann ebenfalls hinauswollte, war fest bei mir beschlossen. Indeß -- was sind eines Kindes Vorsätze -- und noch dazu die eines Bengels, dessen Fuß den ganzen geschlagenen Tag über in Bewegung ist, und der sich natürlich auch am Abend einer entsprechenden Müdigkeit erfreut. Ich sank deshalb, auch diesmal, trotz aller heroischen Anläufe, mich wach zu erhalten, gar bald in meinen üblichen festen Schlaf, während welchem man mich ruhig mit sammt dem Bett hätte forttragen können und würde also unbedingt die Zeit verschlafen haben, hätte nicht Vater bei seinem Weggehen meine Schwester, ebenfalls erst nach längerer Bemühung, aufgeweckt, damit dieselbe hinter ihm die Wohnung wieder verschlösse und dann wieder zu Bette ginge. Fünf Minuten nach dem Weggange der beiden Herren lag meine Schwester wieder in den Banden des Schlafes, und weitere fünf Minuten darauf befand ich mich auf der Straße. Der Frühling des Jahres 1854 war rauh und regnerisch, wir befanden uns zwar im Juni, aber trotzdem war das Wetter wie sonst im April. Es war noch nicht vier Uhr und durch den herrschenden Nebel noch nicht hell genug, um weithin sehen zu können, auch nisselte es ab und zu ein wenig, nachdem es die ganze Nacht über geregnet hatte. Die Hinrichtung fand auf den sogenannten Gerberwiesen, welche sich zwischen dem Händel’schen Bad in der Parthe und dem jetzigen Güterbahnhof der damals noch nicht existirenden Berlin-Anhalter Bahn ausdehnten, statt, und trotz der Frühe des Morgens und der naßkalten Witterung strebten bereits Tausende demselben Ziele zu. Damals, wo Leipzig noch kaum 60000 Einwohner hatte, war auch die Bevölkerung betreffs des Straßenpflasters und anderer Einrichtungen noch nicht so verwöhnt wie jetzt und die Hauptpflege des Pflasters erstreckte sich auf die zur Meßzeit mit dichtem Menschengewühl bedeckten Straßen der inneren Stadt. Ein geradezu schauerliches Pflaster mit vielen Löchern hatte nun gerade die Gerberstraße, obwohl damals weder Blücher- noch Löhrstraße existirten und der ganze kolossale Verkehr nach dem Norden nur durch sie bewerkstelligt werden konnte. Auch an jenem Tage hatten sich in den vielen Löchern Pfützen gebildet. Nun kam, eben als ich von der Windmühlenstraße, wo wir wohnten, im Dauerlaufe am alten Leihhause -- einer dem Zusammenbrechen nahen alten Baracke auf dem jetzigen Blücherplatz -- angekommen war -- ein zur Execution als Bedeckung commandirtes Bataillon Communalgarde in Parade-Uniform und also -- in weißen Hosen -- mit Musik anmarschirt, dem ich mich anschloß. Zu beiden Seiten der Colonne der ritterlichen Vertheidiger der Stadt marschirten, ebenfalls in vollem Wichs -- Pikesche und hohe Stiefeln -- eine Unmasse, meist Corpsstudenten, und wenn nun die guten kriegerischen Bürger oder bürgerlichen Krieger gewissenhaft und wegen ihrer weißen Unaussprechlichen ängstlich bemüht waren, den zahlreichen Pfützen, selbst auf die Gefahr des militairischen Tactes, sorgsam aus dem Wege zu gehen, so waren die durch ihre hohen Stiefel geschützten Studenten erst recht bemüht, in diese Pfützen mit größter Gewissenhaftigkeit und Todesverachtung hineinzuspringen und zu patschen, so daß der schmutzige Inhalt derselben mannshoch aufspritzte und sich zum Ergötzen des ganzen begleitenden verehrlichen Publicums über die weißen Beinkleider und die schmucke Uniform der ärgerlichen Gardisten ergoß. Wohl fluchten die Letzteren laut ob dieser Handlungsweise der studirenden Jugend, allein kaltblütig bliesen dieselben den Raisonnirenden den Rauch ihrer langen Pfeifen in das Gesicht und -- es blieb beim Alten. Endlich war unter lebensgefährlichem Gedränge die ebenso uralte wie schmale Gerberbrücke und das dicht dabei befindliche Gerberthor passirt und der Weg führte rechts die jetzige Berliner Straße, welche damals außer der Scharfrichterei und den kleinen Häuschen der Damenbadeanstalten im Gerbergraben kein einziges Wohnhaus aufzeigte, hinaus, über die Gleise der Magdeburger Bahn -- auch die Thüringer Bahn existirte damals noch _nicht_ -- hinweg und dann lagen wiederum rechts die Gerberwiesen vor uns. Das Schaffot, zu welchem drei Stufen in die Höhe führten, war vielleicht vier- bis fünfhundert Schritt von dem Ufer der Parthe errichtet und die Communalgarde schwenkte, die bereits zu Tausenden versammelte Zuschauerschaar durchbrechend, auf dasselbe zu und nahm von einem um dasselbe gebildeten Viereck die Parthen- und rechte Seite, eine Abtheilung Jäger der Garnison bildete die anderen beiden Seiten des Vierecks. Leider gelang es mir nicht, mit der Communalgarde zugleich nach vorn zu kommen, die kolossale Menschenfluth drängte mich zurück, und so hatte ich wider Willen Gelegenheit, das Treiben auf dem riesigen Platze mit anzusehen. -- Wie sehr wohl hat doch die Gesetzgebung gethan, wenn sie jetzt das Walten der strafenden Justiz, bei ihrer höchsten Strafe, in die engen Mauern der Strafanstalten verweist, wo sich der schauerliche Act wenigstens in würdiger Feierlichkeit abspielen kann, und wie sehr Unrecht man früher mit der Meinung hatte, daß die _öffentliche_ Hinrichtung berufen sei, abschreckend zu wirken, das begriff an jenem Tage sogar der Knabe. Denn all die Tausende hier schienen nicht zu einem Acte tiefernster Lehre, sondern zu einem Schauspiel, ja Volksfest versammelt zu sein. Wagen und Stände mit Kaffee-, Bier- und Schnapsverkäufern; Händler mit Semmeln, Kuchen, Brod, Fleischwaaren und Wiener Würstchen wechselten mit Colporteuren, welche Ebert’s und andere Mordthaten und Hinrichtungen in Poesie und Prosa laut zum Verkaufe anboten, ab. Alles lachte, drängte und machte mehr oder minder rohe und zweideutige Witze. Mehrere industriöse Leute waren mit ganzen Wagen voll Stühlen und Holztischen erschienen, welche sie an die Zuschauer vermietheten und wobei sie reißenden Absatz fanden -- -- --

Plötzlich -- -- ein allgemeines »sie kommen« und alle Augen richteten sich auf die etwas höher gelegene Straße, von welcher eben einige Wagen, umgeben von berittenen Gendarmen, nach dem Viereck einbogen. Ich drängte mit Macht nach vorn, schlüpfte hier einem schimpfenden Bürger zwischen den Beinen und dort einem anderen unter dem Arme durch, nahm Püffe und Schimpfworte in den Kauf und kam ein gutes Stück vorwärts, jetzt aber stak ich in der Mitte eines festgekeilten Menschenstroms, sah nichts als Röcke und Hüte und den von Wolken umzogenen Himmel -- es war zum Verzweifeln! -- Da stand vor mir auf einem Holzstuhl ein Student, vor sich hielt er, als Partnerin desselben Stuhles, ein rothbackiges, mit weißer Schürze angethanes Dienstmädchen.

»Knirps --« sagte er, mich gewahrend, »steig auf die Stuhllehne und halte Dich an meinen Schultern fest!«

Im Moment war ich droben. Tiefe Stille herrschte, eben stieg der Verurtheilte, ein kräftiger Mann mit rothem Vollbart, die Stufen des Schaffots hinauf. Jetzt aber kam es über mich wie ein Gefühl unendlicher Angst, ich sah das schräge Fallbeil, hörte in der Ferne die Worte des Richters, welcher dem Mörder nochmals das Urtheil vorlas, sah, wie die Gehilfen des im Frack dastehenden Scharfrichters den Verbrecher ergriffen, dann aber legte es sich wie ein Nebel über meine Augen, ich vermochte es nicht, nach jenen verhängnißvollen zwei Säulen, zwischen denen das Beil hing, zu sehen, meine Füße wankten und krampfhaft hielt ich mich an der Schulter des Studenten fest, da -- ein klatschender Schlag vom Schaffot her -- ein tiefer Seufzer aus der Brust des Studenten -- »es ist geschehen«, sagte er mit bleicher Wange, »Gott sei dem Sünder gnädig!«

»Ist es nicht gerade, als ob die Sonne mit ihrem Erscheinen gezögert habe, bis der Elende gebüßt hat?« sagte ein vor mir herschreitender Herr zu einem anderen. Ich blickte auf und -- in der That -- drüben über Händel’s Bad stieg sie, leuchtend und strahlend die Wolken durchbrechend, in die Höhe, während noch das Blut des Verbrechers durch die Bretterritzen des Schaffotes sickerte, wo Hunderte von Abergläubischen bemüht waren, einige Tropfen desselben mit Tüchern und Lappen aufzufangen.

Die Sonne gab aber auch mir meine Courage zurück, und als mein Vater gegen sieben Uhr heimkehrte, lag ich schon länger als eine Viertelstunde wieder in den Federn, mir aber doch gelobend, ein solches Schauspiel niemals wieder aufzusuchen.

X.

Die Leipziger Sänftenträger-Compagnie.

Mit Errichtung der Fiaker erlitt ein bis dahin blühendes, unseren Tagen und Geschlechtern gewiß eigenartig erscheinendes Institut einen Stoß, der sein völliges Eingehen nur noch zu einer Frage der Zeit machte. Es war dies die ehrsame Corporation der Leipziger Chaisenträger, wie sie im Volksmunde genannt wurde, oder die »Sänftenträger-Compagnie«, wie sie sich selbst nannte und wie auch ihr amtlicher Titel lautete.

Diese Corporation, welche länger als 150 Jahre bestand und sich einst nicht blos hoher Blüthe, sondern auch der Gunst der ganzen Leipziger Bevölkerung, besonders aber der Honoratioren im höchsten Grade erfreute, trug einen halbamtlichen Charakter und zwar insofern, als ihr der Rath von ihrem Inslebentreten an, am Anfang des 18. Jahrhunderts, bis zu ihrer Auflösung, am Ende der sechziger Jahre oder Anfang der siebziger Jahre unseres Jahrhunderts, die Chaisen gegen entsprechende Miethe stellte und die Mitglieder, welchen außerdem noch die Pflicht oblag, bei Feuersgefahr mit einer ihnen besonders zugetheilten Spritze helfend einzugreifen, von Amts wegen feierlich bei ihrem Eintritt in die Compagnie in Pflicht nahm.

Die Chaisen oder Sänften ersetzten früher die jetzigen Droschken. Es waren einsitzige, viereckige Holzkasten, innen mehr oder minder elegant eingerichtet, denn es gab sogenannte Staatssänften und einfachere. Sie hatten rechts und links, wie die Droschken, Thüren mit zum Herunterlassen eingerichteten Fenstern, ebenso Glasfenster nach vorn, welche aber sämmtlich durch innen angebrachte Zugvorhänge verdeckt werden konnten. Zwei lange, lackirte Stangen, welche rechts und links unter angebrachte Halter geschoben wurden, dienten zum Tragen der Sänften und diese Stangen trugen vorn und hinten an kreuzweise über die Brust fallenden weißlackirten Ledergurten je ein Mann der uniformirten Sänftenträger-Compagnie. Die Uniform der Sänftenträger bestand in einem langen blauen Livréerock mit blanken Knöpfen und bis zum Anfang dieses Jahrhunderts in Kniehosen, weißen langen Strümpfen, Schnallenschuhen und dreieckigem Hut, später trugen sie lange Beinkleider und blaue Dienstmützen mit weißem Rand, der Rock aber blieb derselbe, doch erschienen sie auch später noch manchmal, bei besonders festlichen Gelegenheiten, in ihrer alten Galakleidung; so z. B., als sie am 5. August 1847 den zur feierlichen Einweihung der katholischen Kirche nach Leipzig gekommenen Bischof Dietrich aus Dresden zur Kirche trugen. Wie mancher andere Comfort waren auch die Sänften eine ins Deutsche übertragene französische Einrichtung, und wenn sich im vorigen Jahrhundert die geputzten, hochfrisirten und mit Schönheitspflästerchen versehenen Leipziger Damen in den Staatssänften zu den Vergnügungen oder zu Besuchen in Richter’s, Reichel’s oder Bosen’s Garten tragen ließen, so schritten oft die zierlich und stutzerhaft gekleideten und mit dem Paradedegen bewaffneten jungen Kaufleute oder sonstigen Verehrer neben her und suchten eifrig ein Wort oder doch wenigstens einen Blick der Angebeteten zu erhaschen. Auch bei Bällen und Gewandhausconcerten spielten die Chaisenträger mit ihren Tragen eine große Rolle, denn Equipagen wurden mit Ausnahme ziemlich schwerfälliger Reisewagen selbst von reichen Familien nur wenig gehalten, auch war das damalige Pflaster derart, daß man seinen Körper, besonders bei schlechtem Wetter, lieber einer von den wohlgeübten Trägern sanft (daher auch der Name Sänfte) behandelten und ohne alle Erschütterungen getragenen Chaise, als dem schweren Wagen anvertraute, dessen Federn nur mangelhaft waren und der oft aus einem Loch in das andere fiel. Bei solchen Fahrten wurden die damals hohen Frisuren und Reifröcke der Damen oft bedenklich erschüttert und die Perrücken oder zierlichen Zöpfe der gepuderten Herren derangirt, und da waren denn die Sänften sehr an ihrem Platze. Außer mancher anderen Vergünstigung hatten die Sänftenträger auch noch bis zu ihrer Auflösung das Vorrecht, das Klafterholz, welches sich Private für ihren Hausbedarf anfahren ließen, _auf der Straße_ vor dem betreffenden Hause zerkleinern zu dürfen, und vielen alten Bürgern wird noch diese Thätigkeit dieser Leute, bei welcher auch die Frauen derselben mit eingriffen, erinnerlich sein. Es war dabei Sitte, ihnen außer dem Lohne noch das größte Holzscheit, gleichsam als Trinkgeld, zu überlassen.

Mit dem Eintritt des Fiaker- und Droschkenwesens verschwanden auch allmälig die Sänften aus dem öffentlichen Gebrauch und nur Kranke, welche jede Erschütterung durch das Fahren im Wagen vermeiden wollten, benutzten dieselben noch ab und zu. Trotzdem bestand aber die Compagnie noch manches Jahrzehnt fort, und zwar wurden die Sänftenträger amtlich als Träger der Siechkörbe bei eingetretenen Unglücksfällen oder bei schwer Erkrankten behufs deren Transportes in’s Krankenhaus verwendet. Außerdem behielten sie ihren Spritzendienst und ihre Holzhauerarbeiten und fanden so immer noch ihre bescheidene Existenz.