Erinnerungen eines alten Leipzigers

Part 2

Chapter 23,356 wordsPublic domain

Eben war der letzte Bissen unter dem vollen, blonden Schnurrbart meines Freundes verschwunden, und er angelte mit der Rechten nach der herabgerutschten langen Pfeife, da erklangen auf dem Flur draußen harte Tritte, eine derbe Hand pochte an die Thür, und ehe noch M. »herein« rufen konnte, öffnete sich dieselbe. Herein trat in oben beschriebener vollständiger Ausrüstung ein Schütze. Derselbe schloß die Thür hinter sich und begann seinen Vers herzusagen:

»Im Auftrage der etc. Steuerbehörde komme ich, um Sie zum letzten Mal zur Bezahlung der restirenden Steuern aufzufordern!«

Augenblicklich war mein Freund auf den Beinen und schritt freudestrahlend mit Grandezza auf den bärtigen Krieger zu.

»Sei mir willkommen, gewappneter Vertheidiger meiner heimathlichen Gefilde, Gruß und Kuß entbiete ich Dir -- o in Waffen strotzender Jüngling!«

Der biedre Schütze wich vor der ihm angedrohten Umarmung einige Schritte zurück.

»Ach«, sagte er gemüthlich, »machen Se doch keen Unsinn! Hier is de Quittung, wo ham Se d’n s’Geld?«

»Geld?« declamirte M. pathetisch mit der Pfeife in der Luft herum vagirend, so daß der Soldat wieder etwas zurückweichen mußte, »Geld? -- Bedarf es des elenden Mammons, um zwei deutsche Männer, sich in gemeinsamer Liebe zu dem theuern Vaterlande begegnend, an die Brust sinken zu lassen? O -- komm Bruder in meine Arme -- --«. Jetzt wurde die Sache aber doch, wie es schien, dem Schützen etwas zu bunt.

»Ach, machen Se doch keene solchen Ginkerlitzchen!« rief er, »wenn Se eben nich bezahlen, denn bleibe ich hier bei Sie im Quartier un habe zu verlangen -- --«

»Wie?« antwortete freudestrahlend der Gemahnte, »Du bist gekommen, um in diesen der Kunst geweihten Hallen mein Gast zu sein? O -- nochmals -- sei tausendmal willkommen! Doch jetzt hinweg mit dem Völker mordenden Gewehr, herunter mit Deiner schweren Behauptung und dem belastenden Tornister! -- Entgürte Deine Hüften« -- -- -- hierbei nahm er dem theils verdutzten, theils in der Aussicht auf ein längeres gutes Quartier schmunzelnden Soldaten Gewehr, Tzschacko und Tornister ab und schnallte ihm die Leibkoppel los, »-- so und nun -- herab mit den Stiefeln und bequem gemacht; den schweren Rock aus -- was wäre das für ein Gastfreund, der dem geliebten Gast nicht sein Alles gäbe! -- Hier -- meine Laatschen an Deine bisher von rauhem Leder bedeckten Füße -- hier mein Schlafrock zur weicheren, wärmenden Hülle und -- -- hier meinen von einem tunesischen Seeräuber mit eigner Hand erbeuteten Fez -- -- -- so -- -- -- und nun -- o Liebling des Mars, mach’ Dir es bequem auf dem schwellenden Sopha -- --!«

Und richtig saß binnen fünf Minuten der edle Vaterlandsvertheidiger, angethan mit Schlafrock, Laatschen und Fez, ein nicht sehr geistreiches Lächeln auf den Lippen, auf dem Sopha, indeß M. in seine Stiefeln fuhr, seinen Anzug herbeischleppte und -- ohne wegen seiner verschiedentlich erscheinenden Blößen in Verlegenheit zu gerathen, in kaum glaublicher Schnelle vollständig Toilette zum Ausgehen machte.

»Sie sein zu gitig!« sagte schmunzelnd der »Liebling des Mars«, im Sopha lehnend. »Nee so freindschaftlich -- na -- mir wer’n uns schon vertragen! -- Aber -- wo woll’n Se denn hin?« frug er, als jetzt M. seinen etwas schäbigen Calabreser eifrig abbürstete.

»Ich? Du fragst noch -- Freund meiner Seele? -- Ich gehe, um den nun einmal zum Leben unentbehrlichen schnöden Mammon aufzutreiben -- denn -- siehe -- o Bruder -- kein Stümpfchen Licht zur Beleuchtung dieser traulichen Hallen, keinen Spahn Holz und kein Stücklein Kohle zur Speisung des stattlichen Ofens, kein Stücklein Brod und -- -- keinen Pfennig Geld nenne ich mein! -- Aber -- verzage nicht -- ich habe da unten -- wo die Schlösser der Hauptstadt stehen -- in Dresdens lachenden Gefilden -- einen Oheim -- zu dem eile ich auf dem Rappen des Schusters, und habe ich von ihm des Mammons Fülle erbettelt, so nah ich auf des neu errichteten Dampfrosses beflügeltem Rücken, und bringe dem harrenden Gaste der köstlichsten Speisen in Menge!«

Immer länger war das Gesicht des guten »Schützen« während dieses Sermons geworden, jetzt sprang er aber vom Sopha auf und sagte entrüstet:

»I -- nu -- das geht doch nich, mei Gutster! Wie lange soll denn das dauern?«

»Erzürne Dich nicht -- o -- Freund! Ich eile; binnen vier, höchstens fünf Tagen schon trägt mich auf’s Neue das Dampfroß in Deine Arme!«

»Was?! -- Schwafeln Se doch nich so dumm! -- I! Zum Donnerwetter! Da könnte ich derweile verhungern! Ich sehe’s schon ein -- Sie wär’s egal. Nee -- so dumm sin mer nich, da geh’ ich lieber in de Caserne -- das wäre noch scheener -- -- --«

Und weiter raisonnirend warf sich der undankbare Gast, trotz der schmerzlichen Miene seines Gastfreundes, schleunigst die Kleidungsstücke desselben wieder von sich, zog seine Stiefeln fluchend an, umgürtete sich, sackte den Tornister und stülpte den Kriegshut auf, nahm sein Gewehr und -- -- -- ward nicht mehr gesehen! O. M. aber kleidete sich nach dem Entfliehen seines Gastes ruhig wieder aus, legte die von Letzterem verschmähten Gewänder wieder an, stopfte sich eine neue Pfeife, legte sich aufs Sopha und -- erzählte mir mit stoischer Ruhe, nachdem sich meine Lachlust endlich wieder gelegt hatte, die Räubergeschichte von: »Sixtiniano, dem furchtbaren Banditen«.

III.

Die Südvorstadt.

Ein Sonntagsausflug vor fünfzig Jahren.

Wenn man jetzt durch die Straßen der mächtig emporwachsenden Südvorstadt schreitet und dann, rechts abbiegend, den Rennplatz umgeht und sich, auf einer Bank des sorgfältig gepflegten Scheibenparkes Platz nehmend, dann um vierzig Jahre zurückversetzt und an die damaligen idyllischen Zustände dieser Stadtgegend denkt, schüttelt man wohl unwillkürlich über die Vergänglichkeit alles Irdischen und doch wieder über das unermüdliche Schaffen der Menschenhand das Haupt und ein Lächeln über diese Erinnerung an die -- ach so schöne -- Jugendzeit, huscht über das alternde Angesicht. Hat sich doch gerade die Südvorstadt, die ursprünglich von der Natur sehr stiefmütterlich beanlagt war, zu einem der schönsten und wohl auch am zahlreich bevölkertsten Stadttheile emporgehoben, sie, die selbst noch zu Zeiten des unvergeßlichen Turnfestes, also vor kaum 30 Jahren, noch nicht einmal in den Kinderschuhen ihrer Entwickelung stand. Außer dem Peterssteinweg mit seinen alten niedrigen Häusern, welche seitdem zum guten Theil ebenfalls Neubauten gewichen sind, standen, pflichtgemäß jedem Fremden als hervorragende Sehenswürdigkeiten Leipzigs bezeichnet, das Römische Haus und diesem gegenüber am Ende der kleinen Burggasse das wohl zehn Stock hohe Seilerhaus, dessen Besitzer, ein unter die Originale des alten Leipzigs gehöriger, ebenso reicher, wie besonders zur Weihnachtszeit sehr mildthätiger Seilermeister, noch einen anderen nicht auf all zu große Reinlichkeit schließenden Beinamen führte. Hinter dem Seilerhause befand sich das Bad des Altmeisters der Fischerinnung Händel und an dasselbe schlossen sich bis zur Pleißengasse die zahlreichen Fischerhäuschen, keines höher, als daß nicht ein mäßig großer Mann bequem auf das Dach hätte langen können, mit kleinen am Pleißenufer gelegenen blühenden Gärtchen, eine echte und rechte Fischercolonie. Mitten hinein in die Breite der Kleinen Burggasse, sich mit dem linken Seitenflügel an das alte Gerichtsamt, damals Bezirksgericht I, lehnend, stand das einstöckige sogenannte Töpferhaus, über dessen niederer Hausthür ein in Stein gehauener Töpfer mit Zipfelmütze auf dem Kopfe und der Pfeife im Munde, bei seiner Arbeit abgebildet war. Dann kam der alte Petersschießgraben, dessen Hauptfronte, wenn im Saale des ersten Stockes Tanzmusik war, Complimente machte und neben dem Römischen Hause die alte »Grüne Linde«, welche mit der »Dürren Henne« -- jetzt Bamberger Hof, Windmühlenstraße -- und dem noch jetzt existirenden »Blauen Roß« am Königsplatz, die drei größten Ausspannungsgasthöfe des Südviertels bildeten. Zum Petersschießgraben gehörten, nach der Zeitzer Straße zu, noch einige ebenso niedrige Hütten wie die Fischerhäuser, denen gegenüber an der Ecke der jetzigen Emilienstraße das sogenannte »Storchnest«, ein uralter, großer, der Stadt gehöriger Oekonomiehof, auf dessen Dach sich als Wahrzeichen ein alle Jahre besiedeltes Storchnest befand und dann -- ja dann war es mit den Häusern, da sich auch das alte Zeitzer Thor hier befand, zu Ende. Halt! Doch nicht, mitten in den Gärten und Getreidefeldern lag rechts an der Straße, der Stolz des damaligen vergnügungssüchtigen Leipzigers, das Tivoli; außer dem Waldschlößchen in Gohlis und dem Helm in Eutritzsch, wohl damals das am stärksten frequentirte Tanzlocal der soliden Leipziger Bürgerschaft. Weiter unten, rechts im Thale, stand das Gosenschlößchen (jetzt Schubert’s Ballhaus), dann die Brandbäckerei und das 1866 auf so schauerliche Art abgebrannte Feldschlößchen, letzteres mitten im Felde. Die Ansprüche an das Leben und seine Vergnügungen waren damals natürlich weit bescheidener als jetzt, und es war nicht gegen den guten Ton, wie man jetzt in durchaus falscher und überflüssiger Prüderie fast durchgängig annimmt, wenn Vater Sonntags beim Spaziergang nach einem Etablissement auch Muttern mal im Tanze schwenkte! Schreiber dieses weiß noch ganz genau, wie mißbilligend zwar Vater jedesmal die Miene verzog, wenn er sah, daß Mutter zum Spaziergang nach der Brandbäckerei, zwei, drei steifgestärkte weiße Röcke anzog, aber -- er protestirte nicht. Mutter plagte sich die ganze Woche über, gleich ihm, ehrlich und tummelte sich rechtschaffen, die bescheidene Sonntagsfreude verkümmerte ihr Vater nie. Und so ging es denn hinaus ins sonnige Freie durch die Münzgasse und über den kaum ellenbreiten Steg, der über den Floßgraben auf den Floßplatz führte. Der Floßgraben, welcher die ganze Länge des Floßplatzes durchströmte und auf welchem das _Rathsfloßholz_ auf dem einfachsten Wege vom Gebirge bis nach der Stadt herabschwamm, um auf dem Platze selbst in zahlreichen riesigen Stößen zum Trocknen aufgeschichtet zu werden, ist heute ebenfalls verschwunden. Dann führte der Weg an der _Schimmelei_ -- Schimmel’s Gut mit der Insel Buen Retiro -- vorüber, immer zwischen Gärten, bis hinaus auf die Brandbäckerei, wo bei Kaffee, die Portion mit fünf Tassen, für zwei gute Groschen und delicatem Kaffee- oder Käsekuchen, das große Stück für einen Sechser, in einer der prächtigen Lauben Platz genommen wurde. Dies war für uns Kinder. Nach einer oder zwei Stunden ging es dann zurück, Vater wollte nun seine Gose trinken. Der prächtige Garten des Tivoli erstreckte sich damals bis zum Brandweg, der jetzigen Dufourstraße, hinunter und hatte hier ebenfalls einen Eingang. Durch diesen traten wir nun ein, und indeß Vater die dickbauchige Gosenflasche mit Kennermiene balancirte und einschenkte, tummelten wir uns froh in dem geräumigen Garten. Die Töne der Tanzmusik unter Vater Wenck’s gediegener Leitung drangen deutlich und lockend heraus durch die geöffneten Thüren. Vatern wurde es bei denselben allmählich etwas unbehaglich, denn immer deutlicher wippte Mutter bei jedem neuen Tanze mit dem Fuße und ihr gutes freundliches Angesicht nahm allmählich bedenkliche Mienen an. Da -- endlich, als ein schöner ruhiger Walzer begann, erinnerte sich Vater energisch seiner sonntäglichen Pflicht. Vorsichtig legte er die Cigarrenspitze auf den Tisch, räusperte sich vernehmlich, bot dann Muttern voll Grandezza die Hand, und, bewundert von ihrer ehelichen Nachkommenschaft, drehten sich gleich darauf Beide im Tanze auf dem spiegelglatt gebohnten Saale. Hei, wie flogen da die aufgebauschten Röcke unserer Mutter, und die langen Schöße von Vaters Sonntagsrock, aus dessen hinterer Tasche die Enden eines neuen rothseidenen Taschentuches zierlich herausschauten, flatterten hinterher. Vaters Auge blickte zwar etwas stier, denn er konnte das Drehen nicht vertragen, aber Mutter hielt fest und wankte nicht, bis der Walzer zu Ende war. Aufatmend stand dann Vater erst einen Augenblick, um sich über den Ausgang zu orientiren, dann aber zog er das bewußte Rothseidne hervor und mit Genugthuung und männlicher Würde führte er, von uns Kindern im Triumph begleitet, seine wieder in Güte strahlende bessere Hälfte zurück in den Garten. Noch ein oder zweimal und zwar in der Regel bei dem schönen Schottisch:

»Meine Mutter schickt mich her, ob der Kaffee fertig wär -- Sag Deiner Mutter ein Compliment und der Kaffee wär’ verbrennt! etc.«

oder zum Contre, bei welch’ letzterem alle Zierlichkeit der früheren Tanzweise entfaltet wurde, mußte Vater ins Geschirr, wie er sich wohl dann und wann ausdrückte, dann aber hatte Vater Ruhe. Er hatte dann seine zwei Gosen, Mutter ihre Tänze, wir unsern Kuchen und heim ging es wieder, denn der Abend nahte heran und mit ihm die Zeit des Abendbrodes, nach welchem wir Kinder ein für allemal ins Bett mußten.

IV.

Das Gutenbergfest 1840.

So verhältnißmäßig einfach nun auch vor 40—50 Jahren die Bürger und Einwohner Leipzigs in ihrer Häuslichkeit lebten, trotzdem es schon zu jener Zeit sehr reiche Leute in der Stadt gab und wirklich Arme nur wenige vorhanden waren, so gastfreundlich und splendid war doch die ganze Bevölkerung, wenn es galt, nationale oder sonst für die Wissenschaft, Kunst oder Cultur bedeutungsvolle Feste zu feiern, und dieser hohe Sinn, zu dem sich noch stets eine offene Hand bei auswärtigen oder heimischen Unglücksfällen gesellte, hat sich Gott Lob bis zum heutigen Tage erhalten.

Eines der bedeutendsten Volksfeste der damaligen Zeit war das am 24., 25. und 26. Juni 1840 in Leipzig zu Ehren Gutenbergs und der Erfindung der Buchdruckerkunst gefeierte »Vierhundertjährige Jubiläum der Letzteren«.

Mittwoch, den 24. Juni versammelte sich die Kramer-Innung am Kramerhause, Ecke des Neumarktes und des Kupfergäßchens; die Mitglieder der Universität, Rektor, Professoren etc. und Studenten im Hofe des Mauricianums; die Buchhändler in der Buchhändlerbörse in der Ritterstraße und die Buchdrucker, Setzer und Schriftgießer in ihrem Innungslokale und zogen unter Glockengeläute von da ab auf den Marktplatz, wo die Communalgarde Spalier bildete. An der nördlichen Seite des Marktes, vom goldenen Brunnen bis zur Hainstraße, also wo jetzt das Siegesdenkmal steht, war eine große Tribüne errichtet für den hohen Rath, die Offiziere der Garnison, die auswärtigen Deputationen und Damen derselben. Mitten auf dem Markte bei der mittelsten Laterne stand ein drei Ellen hohes und 16 Ellen langes, gleich der Tribüne reich dekorirtes Podium, auf welchem 2 Pressen und 1 Schriftgießerei verhüllt standen, neben an, ebenfalls verhüllt, stand auf hohem Postament die vom Töpfermeister Funk kunstvoll angefertigte Statue Gutenbergs in Lebensgröße. Auf den Söllern des Rathhauses und des demselben gegenüber liegenden Aeckerlein’schen Hauses waren zwei Musikchöre postirt, welche den Festzug der vorgenannten Corporationen mit Musik begrüßten. Nach einer feierlichen Festrede und einem gemeinschaftlichen Gesang, fielen die Hüllen von der Statue und den Maschinen und letztere traten in Thätigkeit.

In der Buchhändlerbörse war große Ausstellung alter Schriften, Pressen und Bücher. Nach dem Festaktus auf dem Markte war feierlicher Gottesdienst in den Leipziger Kirchen, am Abend aber allgemeine Illumination der Häuser der inneren Stadt.

Vor dem Grimmaischen Thor, auf dem Augustusplatze war vom Zimmermeister Richter, der auch die Tribüne und das Podium errichtet hatte, eine stattliche Festhalle -- »wie Leipzig in solcher schöner Gestalt noch nie gesehen«, sagt eine Urkunde mit dem Festbericht aus jenen Tagen -- erbaut worden. Dieselbe nahm fast die ganze Länge und Breite des Platzes rechter Hand vom Fahrweg ein und in derselben war am 24. Abends großer Commers, am 25. aber, von Nachmittag an bis fast zum anderen Morgen großer Ball der Honoratioren und geladenen Festgäste der Stadt. Am 26. Juni aber war allgemeines Volksfest. Früh begann dasselbe mit einem großen Festzug, in welchem alle Gewerke mit ihren Insignien vertreten waren, durch die Straßen der Stadt und zuletzt zum Gerberthore hinaus auf den großen Festplatz, den Wiesen gegenüber von Pfaffendorf, also da wo jetzt die Yorkstraße und ein neuer Stadttheil steht. Auf den vier Ecken des Platzes waren Tanzböden zur allgemeinen freien Benutzung errichtet, zu denen der Rath der Stadt die Musik besoldete. Für die Jugend fanden allerlei Preisspiele wie Wettrennen, Vogelschießen, Hahnenkampf, Sackhüpfen, Stangenklettern und Topfschlagen statt, auch waren zahlreiche Caroussels vorhanden. Geräumige Restaurationszelte spendeten gegen landesübliche Münze Speisen und Getränke. War das ein Leben! Hier führte ein schmucker Altgeselle im besten Sonntagsstaate, angethan mit blauem Frack mit blanken Knöpfen, gelben Nankinghosen und ditto Weste, den unvermeidlichen haushohen Cylinderhut auf dem Kopfe, des schmunzelnden mit seiner Eheliebsten beim »Teppchen Braunbier« sitzenden Meisters Töchterlein zum Tanz und polkte, zierlich »Schiebekästchen« und »rechtsum--linksum« machend, beneidet von seinen Mitgesellen und bewundert von den Lehrjungen, auf den nur flüchtig abgehobelten Brettern dahin. »Mamsell Louischen!« flüsterte er ihr dabei in das rosige Ohr »Ach -- wenn -- ich erst Meister bin -- -- --!«

Hier stockt der Biedere verlegen, aber ein beredter Blick Louischens sagt ihm, daß sie ihn dennoch verstanden hat und -- -- -- ganz seiner Meinung sei -- -- und beglückt segelt das junge Paar weiter, daß die Frackschöße nur so fliegen und die langen Enden des zierlich und kunstvoll geknüpften seidenen Halstuches im Winde flattern, als beabsichtigten sie, ihr intimes Verhältnis mit den steifgeplätteten Vatermördern durchaus aufzugeben. -- -- --

Dicht daneben waren zwei Pfähle etwa 3 Ellen von einander in die Erde geschlagen und beide oben durch einen Strick verbunden. An dem Strick hingen, durch einen Faden festgehalten dicht neben einander »Sechserknackwürste« und echte »Wiener Sausischen« männiglich bekannt als Meister Stöpels wohlrenommirtes Fabrikat. Eine Anzahl größere Jungen und halbwüchsige Lehrbuben steckten bis zum Hals in Getreidesäcken, so daß nur der Kopf und obere Hals frei blieb und bemühten sich in dieser Situation nach den etwa ein viertel Elle über ihren Köpfen baumelnden Würstchen hinaufzuspringen, um ein solches mit dem Munde herabzureißen, die auf diese Weise erkämpften Würste waren dann ihr Eigenthum. Die komischsten Capriolen waren bei diesen Bemühungen geradezu unvermeidlich. -- -- --

»Ja -- un am Sonntage bist de mit der dicken Emile, vom Bäcker Winter, bis früh um Dreie im »Wettiner« gewesen, un mir sagst de, daß de Wache hättst! Foi Deibel!« sagte eine schlanke Vertreterin der dienenden Classe zu einem flott aussehenden Oberjäger der Garnison, der -- die mit des Königs Namenszug versehene zweizipfliche Mütze keck aufs Ohr gedrückt, schuldbewußt vor der zürnenden Küchenhebe den Kopf senkte.

»Aber Carline -- -- --.«

»Mit uns hat sich’s aus carlint« raisonnirte die Schöne zungengeläufig weiter, bis die lockenden Töne eines Walzers vom nahen Tanzboden an ihr Ohr schlagen -- -- ach -- -- Otto -- -- der Ungetreue tanzt so schön! Der Schwerenöther weiß die Gelegenheit sofort zu benutzen.

»Carlinchen -- nur den Walzer noch!«

Caroline schwankt, aber kühn umfaßt Otto ihre Hüfte -- und -- im nächsten Augenblick neigt sie versöhnt das eben noch so finstere Angesicht auf die Schulter des flotten Jägers und mit dem sanften Wiegen im Tanze verfliegt ihr Zorn und aufs Neue schwört sie zu der grün-weißen Fahne der sächsischen Armee. -- --

So nahte der Abend heran und die Studenten ziehen mit Fackeln in den Händen im langen, von Musikbanden begleiteten Zuge vom Festplatz nach der Stadt und durch die Straßen, und als sie auf dem Marktplatz den Zug beenden, tönt brausend unter dem Zusammenwerfen der noch glimmenden Fackeln ihr »~Gaudeamus igitur~« zum sternenbesäten Himmel empor. -- -- Auf dem Festplatz aber geht es bis spät in die Nacht lebhaft zu, wenn auch der Tanz mit der elften Stunde sein Ende erreicht. Aber Alles verläuft in schönster Ordnung und die Communalgarde, welche den Aufsichtsdienst in diesen Festtagen mit versah, rückt ebenfalls, begleitet von Weib und Kind, in der Nacht wieder in die Stadt ein, im erhebenden Bewußtsein, auch in diesen Tagen ihrer beschwornen Bürgerpflicht gewissenhaft genügt zu haben. -- -- -- Ja -- die Communalgarde -- sie war der Kern der Leipziger Bürgerschaft in Waffen und schon ihre öffentlichen Exercitien schufen wahre Volksfeste. Wie es aber bei denselben zuging, dies sei im nächsten Capitel wahrheitsgetreu geschildert.

V.

»Die Communalgarde rückt aus!«

Die Communalgarde Leipzigs, eine Nachfolgerin der 1812 durch den französischen Stadtkommandant auf direkten Befehl des Kaisers Napoleon ins Leben gerufenen Nationalgarde, vereinigte in ihren Reihen die sämmtlichen zum Waffentragen geeigneten, gesunden Bürger Leipzigs aller Stände ohne Unterschied. Sie hatte den Zweck, gewissermaßen das damals nur wenige Militair durch Mitübernahme des städtischen Wacht- und Sicherheitsdienstes gewissermaßen zu entlasten. Eine ihrer Abtheilungen hatte bei Ausbruch von Schadenfeuern stets die Cordons zu ziehen, indeß eine andre allabendlich eine Wache im Stockhaus am Naschmarkt bezog. Kriegerisch thätig ist die Communalgarde, außer 1849 im Aprilaufstand zu Leipzig, bei welchem die Bürgergarde im Kampfe mit den Aufständischen drei Mann verlor, nie gewesen. Sie war eine friedliche Truppe und selbst die Wache im Stockhaus war wohl mehr der Form als der Nothwendigkeit wegen vorhanden. Kriegerische Lorbeeren waren bei dieser »Käsekuchen-Wache«, wie sie im Volksmunde hieß, von vorn herein ausgeschlossen, da sich das Wachtlokal dicht neben der Polizeiwache befand, so daß man nicht wußte, ob die Communalgarde zum Schutze der Polizeiwache, oder diese zum Schutze jener vorhanden sei.

Das Einexerciren resp. Trillen der neu eintretenden Mannschaften erfolgte gewöhnlich im »Wettiner Saal«, einem jetzt ebenfalls verschwundenen Tanzetablissement, welches in der »blauen Mütze« ziemlich versteckt lag und Sonntags den Soldaten und Dienstpersonal als Vergnügungsstätte diente.

Zum Eintritt in die Garde war jeder Mann verpflichtet, der das damals nur mit großen Kosten zu erlangende Bürgerrecht erwarb.

Nun -- in jenen idyllischen Zeiten, wo nur wenig Militair vorhanden war, gönnte man den wackeren Bürgern gern die harmlose Spielerei, ab und zu im militairischen Kleide, angestaunt von den Ihrigen, zu prangen, und wenn auch jeder einzelne Gardist über die dienstliche Schuriegelei, wie er es nannte, raisonnirte, innerlich war er doch gern dabei; gab es doch dadurch manche Gelegenheit, der strengen Aufsicht der Frau Gemahlin ab und zu unter dem Vorgeben dienstlicher Abhaltung ein Schnippchen zu schlagen, zumal Aermere stets kameradschaftlichst von den besser Situirten mit durchgeschleppt wurden, wenn die Zahl der Mai- und anderen Bowlen auf Wache bedenklich wuchs oder der nie fehlende Käsekuchen zu delikat war und noch andere lukullische Genüsse nach sich zog.

Und nun erst, wenn es hieß: »Die Communalgarde rückt aus!«