Erinnerungen eines alten Leipzigers
Part 1
Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
Lange Folgen von Gedankenstrichen wurden auf eine einheitliche Länge gekürzt.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Buches.
Erinnerungen eines alten Leipzigers.
Humoristische Chronika aus Leipzigs jüngerer Vergangenheit.
Von =Adolf Lippold.=
Mit Zeichnungen von =Richard Wolff=.
=Heft 1.=
=Leipzig 1893.= Verlag von Otto Lenz.
Vorrede des Verfassers!
Der außerordentliche Beifall, welchen die »Erinnerungen eines alten Leipzigers« bei ihrer ersten Veröffentlichung im Leipziger Tageblatt gefunden haben, veranlassen mich, diese damals meist kurzgefaßten, zum Theil mehr skizzenhaften Arbeiten, welche dem beschränkten Raum eines Tagesfeuilletons angepaßt sein mußten, zu vervollständigen und weiter auszuarbeiten und als einen gewiß wünschenswerthen Beitrag zur Chronik der Stadt Leipzig, zunächst in Heften, wobei jedes Heft ein in sich abgeschlossenes Ganze bilden wird, herauszugeben.
Die Geschichte unserer lieben Stadt und mit ihr die Deutschlands, weist wohl bis an die ältesten Zeiten zurück keinen Zeitraum auf, der in dem gesammten politischen und volkswirthschaftlichen Leben der Bevölkerung so bedeutende Veränderungen gebracht hätte, als die verhältnißmäßig kurze Spanne Zeit von 1840—71. Die Revolution von 1848/49, die Kriege von 1863, 66 und 70/71 brachten in diesem Umfange nie geahnte, politische Umwälzungen und die Gewerbefreiheit, welche dem alten Zunftzwang und mancher anderen früheren Einrichtung den Todesstoß versetzte, ließ im ganzen volkswirthschaftlichen Leben riesige Veränderungen Platz greifen. Die alte Zeit mit ihrem, trotz Allem, mannigfachen Guten, sank in Trümmer und eine neue Zeit mit ganz anderen Lebens- und Existenzbedingungen kam heran. Und doch ist uns so manches aus jener alten Zeit lieb und werth geblieben, und da bei dem jetzigen Hasten und Jagen nach des Lebens oft nur eingebildeter Glückseligkeit die Vergessenheit des Vergangenen viel schneller eintritt, als dies früher der Fall war, so ist diese »Chronik aus Leipzigs jüngerer Vergangenheit« dazu bestimmt, auch der jetzigen und den kommenden Generationen ein Bild der früheren Verhältnisse und Einrichtungen vor die Augen zu führen und für die Geschichte Leipzigs zu erhalten.
Ich bitte, in diesem Sinne das Ganze ebenso freundlich aufzunehmen und zu beurtheilen, wie dies mit den einzelnen Skizzen im Feuilleton des Leipziger Tageblattes der Fall war; zumal dieser Beitrag zur Chronik von Leipzig nicht in dem gewöhnlichen trocknen Stile der Chronisten erscheint, sondern auch der Humor in demselben zu seinem Rechte gelangt, um dem Ganzen die rechte Würze zu verleihen.
Es sollen, gleichsam eingestreut in eine Chronik über Leipzigs räumliche und sonstige Entwicklung, möglichst genaue Schilderungen aus und nach dem damaligen Volksleben unserer Stadt hier Platz finden, und wenn bei denselben hier und da einmal ein Stück Satyre mit unterläuft, so bitte ich zu berücksichtigen, daß die Satyre die Schwester des Humors ist und eine Verhöhnung oder Verspottung mancher der jetzt Vielen unmöglich dünkenden früheren Einrichtungen in keiner Weise in der Absicht des Verfassers liegt.
Mit diesen Versicherungen schicke ich das kleine Werk hinaus in die so verschiedenartig urtheilende und denkende Welt, möge ihm sein Lebensweg nicht allzusehr erschwert werden.
_Leipzig_, im Juli 1893. =Der Verfasser.=
I.
Die alte innere Stadt anno 1840.
Im Jahre 1840, also vor nunmehr länger als einem halben Jahrhundert, sah es in unserm deutschen Vaterland und mit ihm in den einzelnen Staaten noch gewaltig anders aus als jetzt, wo das weltgeschichtlich so bedeutende 19. Jahrhundert in wenig Jahren in das Reich der Vergangenheit hinabsinkt. Damals Reaktion, noch halbe Hörigkeit, Frohndienste, Zehntenabgaben, Abhängigkeit der Schule von der Kirche, Zunftwesen, das Eisenbahn- und Maschinenwesen in seinen Windeln liegend, gegenseitige Eifersüchteleien unter den einzelnen Staaten, Deutschland mißachtet von allen anderen Staaten -- aber anderseits blühender Gewerbe- und Handwerkerstand, gegenseitige Treue und Glauben, geringe Steuern und Militärlasten u. s. w. u. s. w.
Und jetzt? Ein geeintes Deutschland, feste Gliederung der einzelnen Staaten an einander, würdige Vertretung nach Außen, gediegenes unabhängiges Schulwesen, Gewerbefreiheit, ein dichtes Netz von Eisenbahnen, massenhafte neue Erfindungen, die Nähmaschinen, Gas, elektrisches Licht, Telegraph und Telephon -- aber anderseits Rückgang des früher so blühenden Mittel- und Handwerkerstandes, Socialdemokratie, riesige Militärlasten und schwere Steuern; Gegensätze wie sie wohl kein einziges der vergangnen Jahrhunderte im gleichen Maaße aufweist.
Nicht zum Wenigsten aber sind es die Städte des Landes, welche sich riesig verändert haben und unter ihnen wieder die größeren Städte, welche in den wenigen Jahrzehnten ihren Umfang nach allen Richtungen mächtig ausdehnten und deren Bevölkerungszahl im gleichen Maaße stieg.
Daß auch unser Leipzig, schon vermöge seiner günstigen politischen und geschäftlichen Lage, im Centrum von Deutschland und vermöge seiner besonderen Vorzüge als alte weltberühmte Handels- und Universitätsstadt hierin nicht zurückblieb, ist selbstredend, ja es ging mit wenig Ausnahmen allen anderen Städten Deutschlands voran, indem es sowohl seinen Umfang wie seine Bevölkerungszahl in den letzten 50 Jahren versechsfachte.
Ein großstädtisches Treiben hat sich entwickelt und mit ihm sind nicht nur die früheren um Vieles bescheideneren Ansprüche an das Leben, sondern auch ein gut Theil der alten Gemüthlichkeit verloren gegangen und nur in der Erinnerung des alten Leipziger Bürgers leben dieselben fort, bis auch der Letzte derselben dahinstirbt und die alten lieben Erinnerungen mit ins Grab nimmt. -- -- --
Anno 1840 waren Leipzigs Vorstädte, auf deren allmälige Entwicklung wir später eingehender zurückkommen, noch im Entstehen begriffen und zwar verstehen wir unter diesen Vorstädten keineswegs das jetzige aus der Anektirung der dicht bei Leipzig gelegenen Dörfer gebildete Neu-Leipzig, sondern die jetzigen, sogenannten inneren Vorstädte, welche sich rings um die früheren Wallgräben und jetzigen Promenaden ziehen. Der Wallgraben, dessen bedeutende Tiefe man noch an den Resten desselben bei der nun auch dem Untergang geweihten Pleißenburg erkennen kann -- und von dem der Töpfer- und östliche Fleischerplatz sowie der Schwanenteich noch Ueberbleibsel sind, zog sich in den vierziger Jahren noch vom südlichen Ausgang der Petersstraße bis zum Georgenhause, der jetzigen Creditanstalt an der Ecke des Brühls und der jetzigen Goethestraße. Nur der Augustusplatz unterbrach denselben. Das alte architektonisch prächtig ausgeführte Petersthor, welches erst 1860 abgetragen wurde, bildete eine geräumige, mit Fahr- und Fußwegen, welche durch Säulen und Wandöffnungen von einander getrennt waren, versehene Halle und eine breite Brücke führte über den, rechts und links tief unten liegenden Wallgraben nach dem Roß- und Königsplatz und dem Obstmarkte, auf welch letzterem an Markttagen die von auswärts mit Stroh und Heu nach der Stadt kommenden Händler feil hielten. In der Mitte des Petersthores, links von der Petersstraße, befand sich an dem Durchgang für Fußgänger eine Spitzbogenthür, welche auf die sogenannte Terrasse oder Bastei führte. In der linken Seite dieser schmalen nach der ersten Bürgerschule führenden Gasse standen bis zur Universitätsstraße ganz gleichmäßige, wunderhübsche, idyllisch gelegene, nur einstöckige Häuschen, welche sich mit dem Rücken an die Peterskirche und deren Nebenhäuser lehnten, kleine sorgfältig gepflegte Vorgärten hatten und bis zum Dach mit wildem Wein überzogen waren. Der Neumarkt hatte damals also noch keinen Ausgang auf die jetzige Promenade. Auf der rechten Seite der Terrasse befand sich die etwa brusthohe oben mit Granitsteinen belegte Mauer, welche die kleine Gasse von dem tiefen Wallgraben schied. Rechts und links von der Petersbrücke aus, welche schon damals unten mit Erde ausgefüllt war, führten dichte Tannengebüsche bis hinunter in den Wallgraben, oder wie er damals genannt wurde, den Stadtgraben. Zwei mehr als sechszig Fuß hohe riesige Pappeln, deren letzte erst bei einem Umbau des Polichschen Geschäftes weggeschlagen wurde, standen wie zwei kolossale Wächter rechts und links des Petersthores und ragten vom Grunde des Stadtgrabens noch weit über das sehr hohe, oben mit dem steinernen Stadtwappen gekrönte Petersthor hinaus.
Unten im Wallgraben, dessen Abhänge auch auf der Promenadenseite und an der Universitätsbrücke mit dichtem Tannengehölz bewachsen waren, standen wilde Obstbäume, Vogelkirschen und Eibenbäume in ziemlich wirrem Durcheinander und nur beim Ausgang der Universitätsbrücke am Roßplatz führte ein schmaler Fußpfad hinab in die für uns Jungen zu Räuber- und Indianerspielen besonders verlockenden geheimnißvollen Gestrüppe des »alten Stadtgrabens«. War aber »Blech« -- diesen Spitznamen führte bei uns Jungen der damalige _einzige_ Wächter der Promenadenanlagen und der Stadtgräben -- in der Nähe, so bahnten wir uns auch oft genug, nicht gerade zum Vortheil unserer Hosen und Kutten, einen Weg durch das düstere Gestrüppe der Tannen und mit Vorliebe saßen wir in demselben versteckt und erzählten uns Räubergeschichten aller Art, je schauerlicher desto willkommener, bis uns »Blech«, der »Schippendittrich« -- so nannten wir ihn auch wegen seiner stets mitgeführten Schippe -- auch hier aufstöberte und aus unserm Tuskulum hinausjagte.
An der Universitätsstraße führte ebenfalls eine Brücke, die Universitätsbrücke, über den Graben, der auf der jenseitigen Seite, also hinter der ersten Bürgerschule nach dem Roßplatze zu mit hölzernen Barrieren versehen war, auf denen wir »Kolter und Waitzmann« spielten und unsre ersten kühnen Versuche auf dem Gebiete des Turnens und Seiltanzes machten. Der Roßplatz, damals noch nicht planirt und mit vielen Bodensenkungen versehen, bot uns zur Winterszeit, wenn es glatteiste, eine treffliche Schlittschuhbahn.
Die Grimmaische Straße schloß nach dem Augustusplatz das schon in den vierziger Jahren gefallene Grimmaische Thor ab und von ihm bis zum Georgenhaus standen hohe düstere Universitätsgebäude, das noch vorhandene, aber umgebaute »schwarze Bret«, das »rothe Colleg« u. s. w. An der rechten Seite dieser Gasse -- der jetzigen Goethestraße, stand ebenfalls eine Mauer, welche dieselbe vom früheren Stadtgraben, jetzigen Schwanenteiche schied. Der Eselsplatz, jetzige Ritterplatz beim Königl. Palais, hatte hier keinen Ausgang und auch vom Brühl führte nur das sogenannte »Zuchthauspförtchen« auf die schmale Passage. Die ersten wirklichen Promenadenanlagen erstreckten sich von hier bis an das jetzige »alte Theater«. Uralte Häuser, darunter die »weiße Taube« bildeten von hier einen kleinen Halbkreis bis zum westlichen Brühlausgange gegenüber der Hainstraße. Wo jetzt das Hotel Müller am Neukirchhof steht, standen damals uralte, frühere Klostergebäude, welche sich nach dem alten Theater zu fortsetzten und an der Promenadenseite des jetzigen Hotels »Stadt Gotha« mit dem sogenannten »Neupförtchen« ihren Abschluß fanden. Von hier aus bis zum Schloß Pleißenburg ist die Scenerie seit 1840 nur wenig verändert worden, mit Ausnahme der Freilegung der Thomaskirche. Am Thomaskirchhof zwischen der alten Thomasschule und dem früheren »Schneiderhaus« (damals Eigenthum der reichen Schneiderinnung) lag das »Thomaspförtchen«. Das Schloß Pleißenburg, dessen wahrhaft malerische Schönheit, mit seinen fliegenden Gärten und Bastionen, seinen Säulen und mittelalterlichen Thorgängen, schon durch die Ende der sechsziger und in den siebenziger Jahren unsres Jahrhunderts stattgefundenen Vor- und Einbauten stark entstellt worden ist, schließt unsern Rundgang um Altstadt Leipzig.
Die Petersstraße, damals noch ziemlich still, da sich die Hauptgeschäfte Leipzigs mit Ausnahme des von Gustav Steckner, in der Grimmaischen Straße befanden, zeigte eine Menge ebenfalls sehr alter und großer Gebäude auf. Da war zunächst der »Hirsch« an der Ecke der Magazingasse, dann »Stadt Wien«, halb Hotel, halb Oekonomiehof, bei dessen im Zickzack angelegten Durchgange nach der Schloßgasse man über Pfützen, Löcher und Dunghaufen steigen mußte, dann das finstere alte »Juridicum« mit seiner Halle und der im Hofe befindlichen altberühmten Kitzing und Helbigschen Restauration, dann die »drei Könige« und der »goldene Arm«, alles seitdem umgebaute Häuser. In der Magazingasse stand rechts am Petersthore die thurmlose alte Peterskirche und an der Ecke des Neumarktes der alte Rathsmarstall, ebenfalls ein uralter baufälliger Oekonomiehof, dessen Hauptsehenswürdigkeit ein riesiger Dunghaufen in der Mitte des durch zwei große Scheunenthore nach dem Neumarkt und der Magazingasse zu abgeschlossenen Hofes bildete. In der Universitätsstraße stand rechts neben dem »Bär« das alte rußgeschwärzte »Lutherhaus«. Vom Café Francais resp. Grimmaischen Thor bis zum Eckhaus der Universitätsstraße erstreckten sich die erst 1846 weggerissenen sogenannten Colonaden, die übrigen Straßen und Gäßchen der inneren Stadt haben sich bis auf verschiedene Um- und Neubauten von Häusern nur wenig verändert. Als im Jahre 1845 der Markt neu gepflastert wurde, pflasterte man auch das noch jetzt zu sehende Wappen der Stadt mit farbigen Steinen in die vor dem Rathhausdurchgang befindliche Marktfläche. Am Ende des Brühls nach Osten lag das alte »Georgenhaus«, ein altes finstres burgähnliches Gebäude, welches die Wohnstätte der »Versorgten«, aber auch ein Krankenhaus für Sieche und besonders Irrsinnige, sowie das Waisenhaus enthielt. Ueber seinem Eingangsthore befand sich die Legende des mit dem Drachen kämpfenden Ritters St. Georg in Stein gehauen. Dem Georgenhaus gegenüber, an der Ecke der Ritterstraße lag die »alte Heuwaage«, gewissermaßen eine Copie der damals noch mit einem Treppenthurm versehenen »alten Waage« am Marktplatz.
Die alte »Wasserkunst«, welche am jetzigen Eingange der Mozartstraße, an der Nonnenmühle lag, versorgte die Stadt mit Röhrwasser (Flußwasser) und deshalb befand sich im Hofe fast jeden Hauses ein gewöhnlich hölzerner Wasserbehälter, Röhrtrog genannt. Das Trinkwasser lieferten zahlreiche in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt befindliche Brunnen, von denen einige besonderes Renommée und Zulauf seitens der Bevölkerung hatten. Da war zunächst der noch jetzt stehende »Löwenbrunnen« am Naschmarkt, dann der »goldne Brunnen« am Markte, gegenüber dem Salzgäßchen, dann der »Neumarktsbrunnen« an der »Marie«, Ecke des Neumarktes und Grimmaische Straße; der berühmteste aber war der »Bettelbrunnen« auf dem Augustusplatz, gegenüber der Johannisgasse. Letzterer war von Bänken umgeben und einige Frauen kredenzten dem Durstigen aus bereit gehaltenen Gläsern für einen »Dreier« gern das kühlende Naß.
Die Polizeiverhältnisse waren überaus gemüthliche. Die Bewohnerschaft war den meist lange Jahre im Dienst befindlichen, mit derbem Stock bewaffneten Polizeidienern, nach ihren Revieren, meist genau bekannt und das ehrwürdige Institut der Nachtwächter war auch von Leuten besetzt, die vorzüglich bei dem damals noch völlig unter der Gerichtsbarkeit der Universität stehenden Bruder Studio Spaß verstanden und ihre Kundschaft kannten. Die Handwerksgesellen und Lehrlinge, wie auch viele Handlungsgehilfen wohnten im Hause des Meisters oder Brodherrn; die Bedürfnisse waren geringer wie jetzt, Nahrungsmittel und Wohnungen billiger und die Steuern gegen jetzt kaum nennenswerthe, ihre Eintreibung aber eine so der allgemeinen Gemüthlichkeit Rechnung tragende, daß wir uns nicht versagen können, der Erinnerung an eine solche Episode ein besonderes Capitel zu widmen.
II.
Heiterer Rückblick auf die Steuerbeitreibung in früherer Zeit.
Wenn man als älterer Bürger unserer guten Zukunfts-Millionen-Stadt um vierzig Jahre zurückblickt auf die Steuerverhältnisse der guten alten Zeit und sie mit der Jetztzeit vergleicht, so überläuft Einem einerseits ein gelindes Grausen über die jetzt nie endende Steuerschraube und andererseits ein Lächeln darüber, daß man schon damals über hohe Steuern raisonnirte. Bedenkt man, daß zu jener Zeit der Inhaber des kaufmännischen Geschäftes, in welchem Schreiber Dieses seine Lehrzeit vollbrachte, trotzdem das Geschäft mit einem Commis und mehreren Verkäuferinnen betrieben wurde und also kein unbedeutendes war, Alles in Allem noch nicht 10 Thaler, also 30 Mk., Steuern im Jahre bezahlte, ein Betrag, den jetzt schon ein Arbeiter mit etwa 900 Mk. Einkommen zu erlegen hat, so bekommt man ungefähr einen Begriff von dem Unterschied zwischen jetzt und damals. Und dabei war die Eintreibungsmethode damals eine so gelinde, daß dieselbe für die Jetztzeit eine wahre Freude wäre, und bei dieser Methode kam es fast niemals zu tragischen Episoden, wie jetzt leider oft genug, wohl aber häufig zu den heitersten Vorkommnissen. Es existirte damals nämlich, als es noch nicht so genau darauf ankam, ob einige Tausende ihre Steuern bezahlten oder nicht, denn das Land war ja reich genug, noch das Mahnen durch dazu von der Steuerbehörde vom Garnisoncommando erbetene Soldaten. Zu diesem nicht unlucrativen Geschäft commandirten nun in der Regel die Hauptleute sogenannte, meist verheirathete, Stellvertreter, d. h. solche Soldaten, welche für dreihundert Thaler, außer ihren eignen sechs Jahren, noch weitere sechs Jahre freiwillig dienten. Diese alten Soldaten nun wurden dazu auserlesen, die säumigen Steuerzahler zu ihrer Pflicht zu bringen, und wenn es in Leipzig hieß »_Der Schütze kommt_«, so wußte jedes Kind, was dies zu sagen hatte.
Wenn also irgend Jemand mehr als billig mit den Steuern im Rückstand war und die erste Mahnung eines Rathsdieners, an welchen die Mahngebühr im Betrage eines Sechsers (sechs Pfennige) zu entrichten war, unberücksichtigt ließ, so erhielt er nach einigen Wochen den mit Schwert und Patronentasche umgürteten »Schützen« (in Leipzig standen Schützen und Jäger) zum Besuch. Derselbe mahnte wieder und hatte einen Betrag von 25 Pfennigen oder zwei gute Groschen zu erhalten. Blieb auch diese Mahnung ohne Erfolg, so erschien der Krieger wieder, diesmal aber mit dem Gewehr, und mußte nunmehr 75 Pfennige Mahngebühr erhalten, vorausgesetzt natürlich, daß sie der Säumige hatte oder bezahlte. Lud aber auch auf diese Mahnung der Schuldige nicht schleunigst ab, so erschien -- der kriegerische Mahner mit Ober- und Untergewehr, den Tornister feldmäßig gepackt, den Kriegshut (Tschacko) auf dem Haupte, zum letzten Mal und forderte den Tribut der Landesverwaltung sofort! -- Erhielt er aber denselben wiederum nicht, so -- -- -- quartirte sich der edle Krieger ganz einfach bei dem Schuldner ein, verlangte Bett und reichliche Atzung und -- blieb so lange, bis -- eben gezahlt wurde. Daß bei dieser Methode mancherlei sehr komische Intermezzi mit unterliefen, ist selbstverständlich, und da mir aus meiner Jugendzeit eines derselben, weil es in unserem eigenen Haushalte passirte, besonders erinnerlich ist, so sei es den Lesern dieses Heftes mitgetheilt.
Meine Eltern bewohnten damals für den Miethzins von 80 Thaler die ziemlich geräumige erste Etage (Was würde dieselbe wohl jetzt Miethe kosten?) eines Hauses in der Petersstraße und bei uns hatte ein Zimmer mit Alkoven der akademische Maler O. M. als Chambergarnist inne. Das persönliche Besitzthum dieses ebenso talentvollen wie leichtlebigen jungen Mannes bestand aus einem sogenannten guten Anzug, der aber auch eigentlich sein einziger war; denn einige sonst noch vorhandene Unaussprechliche besaßen derartige Defecte, daß er, wenn er dieselben für den häuslichen Gebrauch anlegen wollte, oft ernstlich im Zweifel darüber war, zu welchem Loch er hinein schlüpfen sollte. Außer diesem Anzug besaß der Edle noch einen alten menschenfreundlichen Schlafrock -- menschenfreundlich in der Beziehung, als er dem Besucher die vorerwähnten Defecte wenigstens einigermaßen verhüllte, obwohl dieselben den glücklichen Besitzer durchaus nicht genirten. Nennen wir nun noch einige, nicht zweifellose Hemden, Strümpfe, ein halbes Dutzend Vatermörder, ein Paar niedergetretene ehemalige Hausschuhe, ~vulgo~ Laatschen, einen türkischen Fez, eine lange Tabakspfeife und einen Stiefelknecht, sowie ein Paar roh zusammengeschlagene Latten (stolz von ihrem Besitzer Staffelei genannt), Pinsel und eine Anzahl meist zerbrochener Farbentöpfe, so glauben wir von seinem Reichthum nichts vergessen zu haben. Halt! Etwas haben wir doch vergessen! Seinen unverwüstlichen Humor, welcher ihn befähigte, das Leben stets nur von seiner Lichtseite zu betrachten, sowie eine Beredsamkeit, die jede andere absolut zum Schweigen brachte und ihn oft genug siegreich aus Situationen zog, welche peinlich zu werden drohten. Brachte er es doch fertig, einst seinem als sehr grob bekannten Schneider, nachdem derselbe Jahr und Tag auf die Bezahlung seiner Rechnung gewartet hatte und mit seiner massivsten Grobheit anrückte, durch seinen bald schmeichelnden, bald herzbrechend klingenden Zungenschlag nicht blos zu noch längerem Warten zu vermögen, sondern ihm -- ach derselbe wußte nicht, was er that -- -- noch um zwei Thaler anzupumpen. Niemand vermochte eben dem lustigen und luftigen Gesell ernstlich oder gar dauernd Gram sein. Selbst mein Vater, der in Geldsachen etwas skeptischer Natur war, unterlag seinem Zauber, von meiner Mutter mit ihrem guten mitleidigen Herzen gar nicht zu reden. Hatte er Geld, so kamen allerdings seine Wirthsleute zuerst daran, dann aber flog es in alle Winde -- und Steuern? -- Lieber Gott! Steuern betrachtete er als ihm widerrechtlich auferlegten Tribut, gegen welchen sich, wie er sagte, seine innerste Natur empörte -- deshalb bezahlte er solche schon aus Prinzip nicht. -- -- Diese letztere löbliche Eigenschaft war denn auch sowohl der Steuerbehörde wie den mahnenden Soldaten hinreichend bekannt, und wenn daher auch der Name O. M. bei jeder neuen Steuerrate mit größter Pünktlichkeit stets wieder auf der Restantenliste figurirte, so strichen erfahrene Mahner eben denselben einfach an und ersparten sich ein für allemal den für sie und den Staat vollkommen unnützen Weg. Nur wenn einmal unter den militairischen Plagegeistern neue, mit ihrer Kundschaft nicht Vertraute eingestellt worden waren, passirte es wohl, daß ein solcher, getrieben von löblichem Pflichteifer, eine neue Attaque auf den leider stets leeren Geldbeutel des Malers machte, mit welchem Erfolg, wird der Leser gleich erfahren. -- -- --
Es war in der Dämmerstunde eines regnerischen Herbsttages, als wir Zwei -- ich war nämlich ein Specialfreund von O. M. -- in dessen Stube zusammen waren. Er lag, in den Schlafrock gehüllt, den Fez auf dem lockigen Haupte, in keineswegs malerischer Pose auf dem Sopha, ich saß auf dem hölzernen Tritt an den Fenstern. Zwischen uns herrschte momentanes Schweigen und zwar aus gutem Grunde, denn wir waren Beide mit der Vertilgung je einer riesigen Fettbemme eifrig beschäftigt, wie dieselben in solcher Größe und Dicke nur meine sparsame Mutter uns Kindern servirte. Diesmal aber war, wie schon oft, unter »uns Kindern« auch wiederum unser Chambergarnist gewesen, denn Mutter hatte seine beredten Blicke bei Austheilung der Bemmen an uns sehr richtig verstanden und ihm ebenfalls eine geschmiert, die er nun mit dem Appetit eines gesunden sechsundwanzigjährigen Mannes verzehrte. Sein Geldbeutel befand sich eben wieder einmal im Zustande vollständiger trostloser Leere, was Wunder, daß ihn das knusprige Bauernbrod von der Größe eines mäßigen Wagenrades, sowie das delicate Schinkenfett auf das Verführerischste in die Augen lachten?