Erinnerungen eines alten Leipzigers
Part 3
Dieses Ausrücken fand in der Regel monatlich einmal im Sommer statt und endete mit einem Exerciren im _Feuer_, zu welchem Zwecke jeder Gardist 4—6 Platzpatronen und ein Dutzend Zündhütchen empfing. War ein solcher feierlicher Tag gekommen, so entstand schon gegen Mittag das lebhafte Treiben eines Volksfestes in den Straßen. Von 1 Uhr an sah man die Gardisten in möglichstem Glanz, angethan mit Ober- und Untergewehr, zur Feier des Tages »auf Befehl« in weißen Unaussprechlichen, den Sammelorten ihrer Compagnien zuschreiten. Und etwas später trabten die Angehörigen der schmucken Escadron, mit ihren weißen Mänteln auf dem Rücken, ebenfalls denselben zu. Diese, nach der Uniform der sächsischen Gardereiter gekleidete Escadron, aus besonders günstig situirten Leuten gebildet, welche auf eigenen Pferden gut beritten waren und die auch ein eigenes Corps gut geschulter Trompeter hatte, bildete einen Glanzpunkt des ganzen Auszugs. Der zweite und für die Meisten bedeutendste Glanzpunkt aber war die vorzügliche unter Meister Wenck’s kunstsinniger Leitung stehende Musik der Communalgarde. Wenn die einzelnen Bataillone von ihren verschiedenen Sammelpunkten zusammengetroffen, was meist an der östlichen Promenade geschah, so dehnte sich die Aufstellung der 4 Bataillone vom Blücherplatz bis zur Post aus und hier wurden die Leute von ihren selbstgewählten Unterofficieren und Officieren rangirt. Commandant war meist ein zu diesem Zwecke von der Armee abgegebner Subalternofficier, Ende der fünfziger Jahre Oberlieutenant Neumeister, der aber hier Majorsepauletten trug. Schon bei dem Rangiren auf dem Stellplatze ging es nicht ohne drollige Scenen ab.
»Aber -- heern se Gevatter Lehmann -- ä gleenes Bischen besser hätten se doch wees Gott de Kneppe an der Montirung butzen kennen, mer gomm’n orndlich in’n Verruf mit unser Gorporalschaft!«
»Ich hat grade keen Spiritus derheeme un meine Kleene hats Gnobholz als Linial mit in de Schule genomm’n und dort liegen lassen!«
»I nu wenn och -- -- un Sie -- -- Brickner -- ham Gott Strampach gar statt de weißen, meisegraue Hosen an -- nee, da heert Alles uff!«
»I -- meine Frau -- das Luderchen war rackrig, weil se heite emal zu Hause bleib’n muß un -- richtig -- wie ich in de weißen Hosen fahren will -- sin se noch klitschennaß -- --«
»Na aber -- da gonnten Se doch wenigstens schwarze anziehn!«
»Die hatten vor’n Jahre hinten ä Knacks gekriegt un da hab’ch se mein Adolf zur Confirmation machen lassen un Geld zu ä baar neien hat’ch noch nich!«
* * * * *
Vor und hinter der Front trieben sich natürlich und zwar möglichst in der Nähe ihrer im militairischen Schmuck prangenden Erzeuger, Hunderte von Jungen aller Altersclassen herum.
»Du -- das is mei Vater!«
»Welcher denn!«
»Der mit dem rothen Fähnchen uff der Flinte -- wees de, was der is? Gorporal is er, und weil er die kleene Fahne hat, nennt mer’n ooch Schallonär!«
»Der Kleene mit den krummen Beenen?«
Furchtbare Keilerei folgte diesen Worten.
Endlich kam der Commandant mit seinem Adjutanten angaloppirt. Die Compagnien standen rangirt und marschfertig.
»Ich bitte Eich blos«, flehte ein Hauptmann seine Leute an, »macht mer ene ordentliche Schwenkung, un ja Keener links statt rechts um, die Studenten ham’s eemal heute wieder reene uff uns abgesehen, und looft nich so durchenander, wie de Horburger Zwiebellaatscher -- --«
»Achtung!« commandirte der Commandant, »zu Zweien abgezählt -- -- Zweien ausgerückt -- -- rechts um -- -- vorwärts Marsch!«
Die prächtige Musik fiel ein, die Trompeten der Escadron erklangen, die Keilerei der Jungen endete mit einigen letzten Püffen und Kopfnüssen, und wie eine buntschillernde Schlange wand sich der Stolz der Leipziger Frauen und Kinder im möglichsten Gleichtritt um Promenade und zur Gerberstraße oder dem Rosenthalthore hinaus dem kaum zehn Minuten entfernten alten Exercirplatze zu.
»Meester -- se ham rechts statt links!«
Der Angeredete hoppste mit den Füßen.
»Se ham zweemal gehoppst statt blos emal, Se ham immer noch rechts!«
Der Sünder brummte etwas in den Bart, hoppste aber noch einmal, diesmal besser. -- --
»Heinrich -- kommt Deine Alte och ’naus?«
»Na -- ob -- de ganze Familie -- S’is aber ooch zu scheene heite! -- -- --«
Auf dem alten idyllisch gelegenen Exercirplatz der damaligen kleinen Garnison, der zwischen Gohlis und der Gerberstraße -- weiter erstreckte sich damals die Stadt nicht -- liegt und der das Rosenthal im Rücken hat, standen zu den Zeiten, wo die Communalgarde exercirte, riesige Restaurationszelte aufgeschlagen, deren bunte Fahnen und Wimpel gar lustig im Winde wehten. Lager- und Bayerisch Bier, aber auch Braunbier in steinernen Flaschen, sowie Gose, vor Allem aber die Düfte, welche die in den Blechkesseln brodelnden Stöpelschen _echten Wiener_ Würstchen verbreiteten, ließen lucullische Genüsse erwarten, und Mancher der nach dem kurzen Marsch auf den Platz rückenden Gardisten hob schon von der Ferne schnüffelnd sein Riechorgan und ein mildes Lächeln verdrängte die finstere Miene von der Stirn des von der Schwere eines viertelstündigen Marsches angegriffenen kriegerischen Bürgers. Der Commandant, der seine Leute kannte, hatte denn auch ein Einsehen, denn nach glücklich vollzogenem Aufmarsch ließ er die Gewehre zusammensetzen und die Mannschaften wegtreten. Die den Marsch begleitenden oder ihm vorausgeeilten Frauen oder Kinder der gewappneten Bürger hatten mittlerweile bereits in ihrem Stammzelte Quartier gemacht und empfingen nun den Gatten und Vater, und nun flogen die befrackten dienstbaren Geister, daß es eine Lust war.
»I Herrjeh, Meister Werner, is denn das Ihr Kleenster? Wie alt is er denn?«
»Elf Monate -- ä dichtiger Kerl, nich wahr?« antwortet der Meister stolz und setzt das bewußte jüngste Glied seiner zahlreichen Familie auf seinen Schoß. Plötzlich aber hebt er höchst ärgerlich den Knaben empor und übergiebt ihn den Händen der ahnungsvollen Gattin.
»Schweinigel!« murmelt der glückliche Vater erzürnt, »s’is mer, weeß Gott, durch un durch gegangen!« und eifrig wischt er an seinen unschuldsfarbenen Unaussprechlichen.
Da rufen die Hörner zum kriegerischen Dienst und die Gardisten streben mehr oder minder eilig ihren Compagnieplätzen zu.
»Heernse Müller --« sagt der Hauptmann einer Compagnie -- seines Zeichens sonst Advocat und deshalb etwas streng im Dienst, zu einem Gardisten, der in einer Hand das Gewehr, in der andern ein Paar dick mit Senf bestrichene Wiener Würste mit Semmeln hält »das nehm’s Se mer aber nich ibel -- komm’n Se gar mit den Würsten in der Hand ins Glied geloofen, da heert doch alles uff!«
Der Angeredete hat mittlerweile zwei so riesige Bissen von den Würsten und der Semmel genommen, daß er -- im Begriffe zu antworten -- ein Stück Wurst in die unrechte Kehle kriegt; er verdreht schrecklich die Augen, so daß ihm sein Rottenmann freundschaftlich und hilfreich wiederholt ins Kreuz pufft, worauf ihm ein kräftiger Hustenanfall wieder die zur Existenz nothwendige Luft verschafft.
»De Schinderei is zu arg« murmelte er pustend, »nich ä mal seine beeden Würstchen gann mer in Ruhe verzehr’n!«
»Müller! Wenn Se nu de Würste nich gleich verschwinden lassen, zeige ich Sie an und sie kriegen ä baar Strafwachen!« raisonnirt der Hauptmann weiter.
»Herrjeh -- wo soll ich se hinthun -- ich gann se doch nich ins Gras schmeißen?«
»Weeßt De, Emil«, flüsterte ihm sein Hintermann zu, »steck se in de Patrontasche!«
»Du -- da hast De Recht!« Erfreut öffnet Müller die Tasche, da sieht er die Platzpatronen.
»Nee --« sagt er weiter, »das geht nich -- die heeßen Wärschte und das Pulver -- wenn nachher die Geschichte losginge -- -- --« und mit heroischem Entschluß schenkt er die trockne Semmel einem hinter der Front stehenden Knaben und schiebt dann mit einem Mal den Rest der beiden Würstchen in den Mund. --
* * * * *
Das Exerciren beginnt und stolz und staunend sehen die Familienglieder, wie ihr Gatte und Vater im Schweiße seines Angesichtes rechts und links um macht, schwenkt und aufmarschirt.
»I du meine Gite!« sagte Frau Schulze zur Frau Meier. »Sehen Se blos -- se laden werklich de Gewehre -- wenn nur meiner nischt neinthut in seine Flinte, denn der hat allemal Malheur damit -- un losgehn thut se doch nicht!«
Die muthigen Gardisten bereiten sich nun auf Befehl des Commandeurs zum Sturm auf die am oberen Wege beim Eingang von Gohlis sitzende alte Obstfrau vor. Die Plänkler rennen im soliden Hundeträppchen vor die Front und zeigen durch allerhand schreckliche Geberden mit der guten alten Flinte einem unsichtbaren Feind an, daß sie ihm mit der ganzen Tapferkeit alter schlachtergrauter Germanen an den Kragen gehen wollen; die Musik fällt rauschend ein, was die Courage der Plänkerer sichtlich erhöht, die Tamboure wirbeln -- die Bajonette senken sich --
»Zur Seite Gewehr! -- Vorwärts -- Laufschritt -- Hurrah! -- -- Haalt! -- -- Legt an! -- Feuer!« -- -- Prasselnd krachen die Schüsse aus den Gewehren und der angenehme Geruch des Pulverdampfes steigt kitzelnd und erhebend in die Nasen der tapferen Gardisten und macht ihren Busen in Kampfesmuth schwellen.
»Heite sin wenigstens die Hälfte Gewehre losgegangen«, sagt die alte Pauline, die obenerwähnte Obstfrau, welche die Leistungen der Truppe infolge langjähriger Beobachtungen gleich einem Commandanten zu beurtheilen vermochte, »so scheene fällts nich allemal aus!« -- -- --
Die kriegerischen Uebungen neigen sich ihrem Ende zu. Die Compagnien nehmen am oberen Wege Aufstellung mit der Front nach den Zelten. Der Commandant reitet auf die linke Seite in der Mitte der Entfernung zwischen Garde und Zelten. Der Schlußactus des Exercirens, der Vorbeimarsch in Compagnien, in Parade vor dem Commandeur, beginnt.
»Das mer Alles mit dem linken Beene antritt un nich wieder welche mit’n rechten, wie’s letzte Mal Viele, und der rechte Flügel immer e Bischen eingezogen marschirt, die uff’n linken Flügel ham nich solche lange Beene wie Sie, meine Herrn von rechts, un bleiben sonst zurück! Herr Leitnant Krause, wenn die Compagnie vor uns sich in Bewegung setzt, zählen Sie recht laut die Schritte; das Defilliren is mit dreißig Schritt Abstand befohlen! -- Passen Se also ja gut uff!«
Die Abtheilung der Trommler schlägt ein und schreitet vorwärts, hinter ihr folgt die Musik.
»Bum!« schlägt die große Trommel an und mit einem kriegerischen Marsch fällt die Musik ein.
»Erste Compagnie zum Defiliren in offener Colonne! Vorwärts, Marsch!«
»Eins -- Zwei -- Drei -- Vier -- Fünf -- Sechs!«, zählt der diensteifrige Lieutenant.
»Kinder, paßt gut uff!« ruft der Hauptmann.
»Zwölf -- Dreizehn -- Vierzehn -- Fünfzehn -- --«
»Gewehr in die rechte Hand!«
»Vierundzwanzig -- Fünfund -- -- --«
»Compagnie -- Vorwärts -- -- Marsch!«
»Links -- links -- links -- Augen links!«
Die Gardisten wenden das Angesicht nach links, dem salutirenden Commandanten zu, an dem sie jetzt in passabler Richtung vorbeimarschiren.
»Ueber’s Gewehr! -- Los -- rechts um -- links schwenkt -- sooo -- sehn Se meine Herren, so muß es immer gehen! -- Ham Se gesehen, Leitnant Krause, wie dem Herrn Commandant unsere Compagnie gefiel? Na -- wir trinken nachher noch ein Fäßchen kameradschaftlich auf meine Kosten! Setzt die Gewehre -- -- zusammen! Tretet ab!«
»Weißt Du, Paul«, sagt die junge niedliche Frau des Apothekers Krause, indem sie zärtlich den mit der weißen Binde geschmückten Arm des ihr erst vor Kurzem angetrauten Gatten faßt -- »Du siehst in Deiner Lieutenantsuniform wie ein junger Kriegsgott aus.«
Der geschmeichelte Lieutenant lächelt beglückt und nimmt sich zum Dank für diese Lobrede ernstlich vor, seinem kleinen Weibchen die Mantille, die ihr bei Steckner so gut gefallen hat, gleich morgen zu kaufen, sie muß seiner Lili reizend stehen.
Im Hauptzelt aber, mitten unter den Bürgergardisten, sitzt der Commandant und eine Anzahl Officiere, ebenfalls meist mit den Ihrigen, und hier kommt auch Gott Bacchus zu hohen Ehren, bis der Abend herannaht und die Truppe wieder zum Gewehr eilt, um in die Stadt zurückzumarschiren und am Stellplatz auseinanderzugehen. Vater gab dann wohl seinem Aeltesten oder dem eigens dazu beorderten Lehrbuben die feuerspeiende Waffe zum Heimtragen und ließ dabei Mutter sagen, daß er noch wegen verschiedener dienstlicher Besprechung ins Versammlungslokal der Compagnie müßte und deshalb _leider_ noch nicht nach Hause kommen könnte. Mutter wußte aber ganz genau, was dies zu sagen hatte, drückt aber für heute ein Auge zu. -- -- --
»Sagen Se mal, Frau Nachbarin, wenn ist denn Ihr Mann nach Hause gekommen, meiner kam glücklich um Dreie!«
»Na -- meiner erst -- ’s war ooch um die Zeit -- na -- un gekooft hatt’r sich Een!«
»Ich hab’ mein’n aber ticht’g de Wahrheet gesagt!«
»Wissen Se -- das kann ich bei meinem Mann nich, denn wenn er de Uniform anhat -- da hat er seine militair’sche Laune -- aber er kriegt sein Fett noch -- warten Se nur!« -- -- --
Das war die wahrheitsgetreue Schilderung eines Sommernachmittags, an dem es hieß: »Die Communalgarde rückt aus!«
Längst ist diese Institution schlafen gegangen, aber wenn dieselbe auch keinerlei politischen Werth mehr hatte, so brachte sie es doch mit sich, daß sich die verschiedenen Kreise der Bürgerschaft näher traten, als dies jetzt möglich ist. Mancher Freundschaftsbund ward durch sie geknüpft, der noch bis zum heutigen Tage in alter Treue fest besteht, und darum ist sie es wohl werth, nicht ohne Weiteres als etwas längst Abgethanes, Veraltetes und Lächerliches vergessen zu werden.
Druck von _Fr. Bartholomäus_, Erfurt.
VI.
Der »hohe Seeler!«
Menschen, welche vermöge der angeborenen oder angewöhnten Originalität ihres Aeußeren, oder ihres Lebens oder Charakters eine besondere Beachtung finden, können nur in kleineren und allenfalls in Mittelstädten gedeihen. Im Getriebe der Großstadt treten sie um so weniger hervor, als in dem großstädtischen Hasten und Jagen nach Erwerb und des Lebens sonstigen, oft nur eingebildeten Gütern, der Einzelne nur wenig hervortritt oder seine Originalität nur einem kleinen Kreise bekannt wird. Diese -- sogenannten -- Originale theilen sich entweder in solche, welche ihren Wirkungskreis in das öffentliche Leben und Volkstreiben verlegen und andererseits wieder in solche, welche sich vom Verkehr mit der übrigen Welt möglichst abschließen, und wenn Erstere eben durch ihren Verkehr mit dem übrigen Publicum schnell bekannt werden, so geschieht dies in der Regel erst recht, wenn sich ein Mensch inmitten des bürgerlichen Lebens von der übrigen Welt aus irgend einem Grunde abzusondern versucht. Die liebe Neugierde, welche oft selbst da Geheimnißvolles sucht, wo ganz und gar nichts zu verbergen ist und die Verhältnisse offen vor Jedermanns Auge liegen, entwickelt in solchen Fällen eine kaum glaubliche Phantasie, und vermag man absolut nichts in den pecuniären Verhältnissen des sich Abschließenden zu entdecken, so kommt man schließlich auf allerlei Vermuthungen, von denen meist eine immer toller ist als die andere, keine aber toll genug, als daß sie nicht Glauben und ihre Nachbeter und Vergrößerer fände. Genau so liegt die Sache auch bezüglich derjenigen Originale, welche im öffentlichen Leben verkehren, und dasselbe geradezu aufsuchen, wenn die sonstigen Verhältnisse derselben nicht näher bekannt sind. Ein wahrer Sagenkreis spinnt sich bald um die betreffenden Personen und es ist kein Wunder, wenn sich dieselben zuletzt auf ihre Originalität selbst Allerlei einbilden und eine Beachtung finden, die sie im Grunde eigentlich in keiner Weise verdienen.
Auch in unserem Leipzig hat es, als sich seine Einwohnerzahl noch in den bescheidenen Grenzen des dritten Viertels vom ersten Hunderttausend bewegte, also vor 30—40 Jahren, niemals an Originalen gemangelt, und dieselben waren bei dem damals noch geringen Stadtumfang Jedermann wohl bekannt.
Eines derselben führte im Volksmunde den -- mindestens seltsamen -- Namen: »_Der hohe Seeler!_«, und trotz des eigenthümlichen Beiwortes war er von den damaligen bekannten Stadtoriginalen nicht blos das älteste, sondern auch ein sehr ehrenwerther Mann.
Ein gewissermaßen romantischer Winkel des alten damaligen Leipzigs war die kleine Burggasse, damals eine Sackgasse, welche westwärts nur einen Ausgang durch die schmale kaum mannshohe Hausflur einer an der Pleiße liegenden Fischerhütte hatte. Vorn, quervor -- kaum zehn Schritte von der Zeitzer Straße -- dem jetzigen Peterssteinweg -- bis zwei Drittel in die Gasse hineinragend, stand angelehnt an das alte Bezirksgericht, nur links eine schmale Passage nach dem hintern Theil der Gasse lassend, das kleine Töpferhaus mit seinem Wahrzeichen über der Thür; hinter ihm war rechts die Mauer des Bezirksgerichts. Kaum zwanzig Schritte weiter, auf der linken Seite, nur rechts eine kleine Passage lassend, stand ein anderes kleines Haus, in welchem Dirnen zur Miethe wohnten. Hinter diesem Hause aber erhob sich -- ein Wahrzeichen des damaligen Leipzig -- thurmhoch und langgestreckt das »hohe Seilerhaus«, angestaunt, nicht blos von den Leipzigern, sondern auch, besonders zur Meßzeit, von vielen Fremden ob seiner gigantischen Höhe. Bis zum siebenten Stockwerke war es bewohnt, dann kamen einige Etagen Böden und zuletzt das langgestreckte, von einem Gitter umgebene flache Dach, auf welchem der Besitzer des Hauses, Seilermeister X. in alleiniger Gesellschaft eines das Rad drehenden Jungen und der das Haus umschwärmenden Vögel seine Spinnbahn aufgerichtet hatte. Oft, wenn stürmische Winde das Haus umsausten, so daß die Dachsparren knarrten und die Dachbalken seufzten, mag es wohl dem Jungen unheimlich auf der luftigen Höhe geworden sein, aber der Meister schien unempfindlich gegen das Walten der Elemente, ruhig und sicher setzte er seinen Rückschritt fort, selten kam ein Wort über seine Lippen, wohl aber blieb er manchmal wie träumend stehen und warf einen Blick auf das prächtige Rundgemälde, welches ihm die Natur hier oben auf der Höhe seines Hauses bot. -- Das war im Sommer und allenfalls an schönen Frühjahrs- und Herbsttagen; im Winter und bei rauhem Wetter, das letzte Jahrzehnt seines Lebens aber, als ihm wohl seine allmälig abnehmenden Kräfte das Ersteigen der vielen Treppen nicht mehr gestatteten, das ganze Jahr über, hielt er sich in seinem Verkaufsgewölbe in der damaligen Zeitzer Straße auf und hier war es wo seine Originalität im Verkehr mit dem Publicum immer mehr bekannt wurde, ihm aber auch zugleich zu dem von uns bereits erwähnten Beiwort verhalf.
Johann Gottfried X. war im Jahre 1790 in Liebertwolkwitz geboren; nachdem er das Seilerhandwerk erlernt hatte, sowie kurze Zeit auf der Wanderschaft gewesen war, zog er kurz nach der Völkerschlacht nach Leipzig, wo er im Jahre 1818 das Bürgerrecht erwarb und sich als Seilermeister niederließ. Schon nach einigen Jahren erkaufte er das damals Zeitzer Straße Nr. 4, jetzt Peterssteinweg Nr. 5 gelegene, freilich damals viel niedrigere, unscheinbare Haus, das sich jetzt -- 1866 umgebaut -- um vieles freundlicher präsentirt. Im Parterre des schmalen Häuschens, neben dem Hauseingang, befand sich der noch nach alterthümlicher Weise mit schmaler Bogenthür und vergittertem Fenster versehene Laden, dessen eisenbeschlagene Thür und Fensterladen zur Nachtzeit inwendig an Vorlegebalken angeschraubt wurden. Hinter dem selbst zur Tageszeit stets halbfinstern Laden befand sich ein Raum, der eigentlich eine Ladenstube sein sollte, der aber damals dem Meister zur Aufbewahrung von Oel, Fett, Hanf, Roßhaaren, Stricken und Seilen etc. diente. Der Laden machte schon an und für sich keinen freundlichen Eindruck, obwohl man damals durch keinerlei Eleganz verwöhnt war. Hatte doch damals selbst Gustav Steckner’s schon zu jener Zeit bedeutendes Modenwaarengeschäft nur zwei winzige Auslegefenster und unter seinen Geschäftsräumen sogar die meist von den ärmeren Volksklassen frequentirte Schank- und Speisewirthschaft der Mutter Jummel, deren Düfte den die Auslagen bewundernden Damen in die Näschen stiegen. Aber der an nur etwas Sauberkeit gewöhnte Besucher oder Käufer fuhr denn doch ein Wenig zurück, wenn er unvorbereitet den Seilerladen betrat. Thüren und Fenster, Ladentisch und Regale, Wände und Dielen, ja selbst länger liegende Waaren waren von einer förmlichen Schmutzkruste überzogen. Gewaltige, dicke Netze von Spinnweben hingen in den Ecken und an den aufgestapelten Pech- und Oelfässern, so daß man sofort merkte, daß hier gewiß seit Jahren keine reinigende Hand thätig gewesen war. Das Glanzstück des Ganzen aber, wenn man hier anders vom Glanze des Thrans, Oels und Talgs reden darf, war der Besitzer dieses zierlichen Ladens in eigner Person. Eingehüllt in einen uralten, defecten Schlafrock oder Ueberrock, im Winter auch in einen alten Schafpelz, welcher die hagere Gestalt vom Hals bis zu den Füßen einschloß, auf dem Kopfe eine alte Schirmmütze, Alles aber überzogen mit einer dicken Kruste von Schmutz, kein Zeichen von Wäsche verrathend, hauste hier einsam und allein Jahre lang, bis in sein hohes Alter der Besitzer all dieser Herrlichkeiten.
Und doch war Meister X. nicht blos ein vermögender, sondern, wenigstens nach damaligen Begriffen, sogar ein reicher Mann zu nennen. Was machte ihn zum Sonderling? War es Menschenfeindlichkeit oder Geiz, der ihn verursachte diesen öden, trostlosen Aufenthaltsort lieb zu gewinnen? -- Keines von Beiden! -- Denn in des Alten Brust schlug trotz seiner Einsilbigkeit und Absonderung von den Menschen ein warmes mitfühlendes Herz, das wußten die Armen Leipzigs am besten, von denen Keiner unbeschenkt den Laden verließ. Am meisten aber kam sein Wohlthätikeitsgefühl zum Ausbruch, wenn die Weihnachtszeit herannahte, und in den letzten Tagen vor dem Feste war ein Gedränge von Jung und Alt, vom frühen Morgen bis zum späten Abend vor dem Laden, denn es war männiglich bekannt, daß »der hohe Seeler« keinen Käufer ohne Weihnachtsgeschenk entließ, war auch das Kaufsobject noch so gering und der Kaufende nur ein sogenannter Weihnachtskunde, der sich sonst das ganze Jahr über nicht wieder sehen ließ. Daß natürlich diese Freigebigkeit speculativ ausgenutzt wurde, ist selbstredend, und zwar am meisten von der lieben Jugend, die auf solche Weise kleine Weihnachtsgeschenke für Geschwister und Eltern billig erwarb; ja die Kinder einzelner Familien behandelten die Gelegenheit theilweise geschäftsmäßig, indem immer eines abwechselnd wieder zu dem Alten ging, bis die wenigen Sparpfennige alle waren.
»Meester mir eene Schachtel Streichhölzer vor zwee Pfenn’ge!«
Der Käufer erhielt seine Streichhölzer und ein warmes Halstüchelchen im Werthe von fünfzig Pfennigen zu.
»Mir vor e Dreier Brennöl!«
Ein rothgemustertes baumwollenes Taschentuch erfolgte als Zugabe.
Eine arme Frau mit einem blassen Kind auf dem Arme legte einen Vierpfenniger auf den Tisch und ließ suchend ihre Augen umherschweifen, als wüßte sie nicht, was sie für dieses Geld, ihr einziges, nehmen sollte.
»Nu?« frug endlich der Alte mürrisch.
Aber ehe die Frau antworten konnte, schob er ihr den Vierpfenniger wieder zu, nahm von unten ein gutes warmes Kopftuch für die Frau und eine warme gestrickte Jacke und Mütze für das Kind, legte es vor beide hin und kehrte sich ab, bis die Frau den Laden verlassen hatte.
»Meester -- ne Schachtel Streichhölzer vor zwee Pfenn’ge!«
»Du -- Du! Du warst schon zweemal da!«
»Ich? -- Nee Meester -- ich nich!«
Der Alte nahm ein Halstuch.
»Ach Meester! -- So eens habe ich schon!« sagte der Junge sich selbst verrathend.
»Siehste -- Bengel?«
Aber er erhielt trotzdem das gewünschte rothe Taschentuch für den Vater. -- -- --
So ging es fort und man kann sich wohl ausrechnen, daß diese vielen Hunderte von Geschenken allein einen großen Betrag ausmachten, abgesehen von den vielen Unterstützungen, die der »hohe Seeler« thatsächlich so gab, daß -- wie die Schrift sagt, »die Rechte nicht sah was die Linke gab.«