Erinnerungen eines alten Leipzigers
Part 15
Einer der hervorragendsten Characterdarsteller Deutschlands war der zu Anfang der fünfziger Jahre hier in Leipzig vom Stadttheater enagirte X. …, welcher von hier mit bedeutendem Gehalt an das Hoftheater zu Dresden engagirt wurde, aber schon frühzeitig so versumpfte, daß er schließlich sein Ende auf der Landstraße als total heruntergekommenes Subject fand. Dieser X. war schon hier, trotz seines, für die damaligen Zeiten sehr hohen Gehaltes, fast immer in den Händen jener dunklen Ehrenmänner, bei denen Cravatte und Strick gleichbedeutend ist. In permanenter Geldnoth schrieb er natürlich mit Vorliebe quer, was ihm am kürzesten zu Geld verhalf. Kein Wunder, daß X. sehr bald mit dem »Wechseldiener« auf dem Kriegsfuße stand und -- wenn er auch denselben unzählige Male zu entgehen wußte, schließlich doch, als er sich in einem großen Garderobekorb aus dem Theater tragen ließ, von seinen Verfolgern entdeckt, herausgelangt und in Wechselhaft gebracht wurde. Kein größeres Malheur konnte X., für den möglichst unbeschränkte Freiheit und Zügellosigkeit geradezu Lebensbedingung war, passiren, und da es ihm unmöglich war, den Gläubiger zu befriedigen, so trachtete er mit allen seinen Sinnen darnach, demselben dennoch einen Streich zu spielen und sich -- koste es was es wolle -- so schnell als möglich zu befreien. Mittlerweile stellte er sich aber als der Lustigste aller Inhaftirten, schwor, er wolle doch sehen wer es länger aushalte, er -- oder der Geldbeutel des Gläubigers, und als sein Ausgehetag herankam, versicherte er seinem Begleiter, daß er in keiner Weise daran denke, etwa auszureißen; -- Gott bewahre, aber lustig und fröhlich wollten sie sich heute wenigstens einmal machen. Da man an Ort und Stelle den Versicherungen des X. wenig Vertrauen schenkte, so gab man ihm einen der bewährtesten Diener mit, indem man demselben doppelte Vorsicht zur heiligsten Pflicht machte.
Aber X. schien in der That an kein Ausreißen zu denken. Er that, als könne er kein Wässerchen trüben und nachdem der Besuch einiger Weinwirthschaften die beiden Ausflügler in eine unternehmende und rosige Stimmung versetzt hatte, wurde der gerichtliche Begleiter vertrauensvoller und milde freundschaftliche Gefühle gegen seinen Gefangnen zogen allmählich in seinen sonst nur des Dienstes eiserne Strenge geweihten Busen ein.
»Hollah«, sagte X. dem alten Unteroffizier, cordial auf die Schulter schlagend, als sie schon etwas »angerissen« aus der Tiefe von Aeckerleins Keller an das Tageslicht stiegen, »wir haben noch reichlich zwei Stunden Zeit, deshalb auf zu Vater W… allwo liebliche Mädchenblumen aus allerlei Ländern, dem lustigen Verehrer des Bachus, mit sittigem Lächeln und geringer Sprödigkeit die Erzeugnisse des Weinbaus vom Rhein und der Rhone und dem süffigen Nektar des perlenden Champagners credenzen. Auch Du Bruder und Mitbewohner jener der heiligen Hermandad geweihten Hallen wirst kein Kostverächter sein!« »Hm« der gute Bruder kratzte sich doch ein Weniges im Kopf. Er kannte, wenigstens von Sagen und Hören, jene Weinwirthschaft, wohin ihn sein Schützling führen wollte. Es war ein wenig Raum einnehmendes Häuslein am Neukirchhof, das noch jetzt steht und seiner geringen, nur 3 Fenster breiten Front, bei einer Höhe von fast 4 Stockwerken, halber, im Volksmunde »das schmale Handtuch« genannt wurde. »Allerdings -- Donnerwetter! -- Die Idee war nicht schlecht! Aber ob sich der Besuch dort auch mit seiner Instruction vertrug? -- Hm! Eigentlich stand nichts dagegen drinn -- wenn er nur seinen Begleiter wieder richtig »höheren Orts« ablieferte -- dann hatte er seine Pflicht erfüllt. Na -- dafür wollte er schon sorgen.«
»Nanu, Alter? -- Nix Courage? -- Fürchtet Euch wohl gar vor den lieben herzigen Dingern und ihren schelmischen Guckaugen -- was?«
Das griff den Alten, der ohnehin keineswegs abgeneigt war, einmal wieder den Schwerenöther zu spielen, gewaltig an seine Mannesehre.
»I -- nu -- Nee!« sagte er, »vor was wär’n mer denn Soldat und acht Jahre Oberjäger beim 1. Bataillon gewesen, aber -- -- na -- und’s braucht’s ja Niemand zu wissen, wo mir gewesen sind -- wenn mer nur pinktlich wieder zu Hause komm’n!«
»Bravo«, rief der Verführer, »das war ein Mannswort! Auf zu Vater W…!« -- -- dort war es nun allerdings wunderhübsch! Auf ein verständnißvolles Augenzwinkern des Schauspielers, Wirth und Bedienung waren von X. schon brieflich instruirt worden, umgab bald ein ganzer Kranz »sittiger Mädchen« den alten, ehrlichen Amtsdiener, während sich X. in der Nebenstube ans Piano setzte und spielte und sang. -- Herrgott von Mannheim! War das ein Leben. Eierpunsch und Rothwein, Rheinwein und Champagner und wer weiß was Alles credenzten die gar nicht sehr spröden Huldinnen dem alten Soldaten. Bald kam Olga, bald Irma, bald Flora und wie die prächtigen Mädels alle hießen, um mit ihm anzustoßen, und als dieselben unter den Klängen einer im Nebenzimmer gespielten Polka paarweise dahinflogen, da legte auch er kühn die Rechte um die Hüfte der üppigen Rosa und zeigte rechtsrum, linksrum und im zierlichen Schiebekästchen seine als ehemaliger flotter Jäger vielerprobten Kenntnisse in der edlen Tanzkunst.
Er blickte aber doch von Zeit zu Zeit vorsichtig ins Nebenzimmer. Na -- da war aber nichts zu besorgen, X. hatte ja gar den Rock abgelegt und saß in Hemdsärmeln am Pianoforte -- der lief nicht davon, so viel stand fest und in der Gewißheit, sich vielleicht niemals wieder in seinem Leben so amüsiren zu können und noch dazu ohne einen Pfennig dafür auszugeben zu brauchen, stürzte er sich auf’s Neue »rin ins Vergnügen« und genoß das ihm so freundlich Gebotene in vollen Zügen. -- -- --
»Hm« -- was war denn das? -- Er hatte wohl gar geschlafen? -- Es war ihm noch ganz dumm vor’m Kopf. -- Er blickte um sich. -- Er saß in einem kleinen Cabinet auf einem Sofa, die Thür stand offen und von fern her tönten die Pianoklänge herüber zu ihm. -- Himmel! -- halb zwei Uhr Nachts! -- Mit einem Satze war er in die Höhe. Heiliger Bimbam! Und um acht Uhr Abends sollte er spätestens mit seinem Schutzbefohlnen »zu Hause« sein. -- -- -- Na das war eine schöne Bescheerung! Und da setzt sich der Unbesonnene und Verführer noch da vorne ans Pianoforte und ließ ihn hier schlafen, statt ihn rechtzeitig zu wecken. -- -- Donnerwetter -- und sein Schädel -- es war ihm, als ob ein Dutzend Teufel darin Steine mahlten. -- So eine Unverschämtheit -- na -- dem X. wollte er aber schon seine Meinung sagen. -- -- Herr Je -- da saß ja ein ganz andrer Herr am Pianoforte als X. und -- die Mädels lachten alle, wie er jetzt in den »Salon« trat.«
»Na -- hab’n Sie denn ausgeschlafen?« frug ihn Röschen schelmisch. »Ei -- ei -- wer wird so wenig vertragen können!«
»Wo ist denn Herr X.?«
»Der Herr, mit dem Sie kamen? -- Ja -- wir kennen ihn nicht -- der ist aber schon kurz vor acht Uhr weggegangen, er sagte, wir sollten Sie nur ruhig schlafen lassen, in dem Zustande, wie Sie wären, könne er sie nicht mit heimnehmen -- er ginge deshalb allein nach Hause. Sie würden schon Alles hier bezahlen!«
Wenn schon die ersten Beweise angethan waren, ihn vor Schrecken fast auf den Rücken zu werfen, so gab unserm guten »Wechseldiener« der Schluß völlig den Rest.
Er taumelte hinterrücks, bis er einen Stuhl fand, auf den er hilflos und total vernichtet sank.
»Bezahlen? -- -- Bezahlen?« Er zählte im Geiste seine gesammten Moneten -- ach -- die langten ja kaum zu einer Portion Wellfleisch im Gerichtsamt III. »Bezahlen? Bezahlen?«
»Ja freilich! -- Sie haben zusammen 2 Flaschen Champagner ~à~ 4 Thaler, macht 8 Thaler; 4 Flaschen Wein ~à~ 1½ Thaler, macht 6 Thaler, und 11 Glas Schlummerpunsch ~à~ 8 gute Groschen, zusammen 17 Thaler 20 Neugroschen!«
»Siebzehn Thaler -- -- --« ächzte der plötzlich Entnüchterte, »ja ich habe ja gar kein Geld!«
Rosa holte, sich das Lachen verbeißend, den Wirth, dem der aus allen seinen Himmeln Gestürzte seinen Namen und sein Amt sagen mußte.
»Na da geh’n Sie nur«, meinte derselbe, als ihm der Unglückliche jammernd seine Schicksale berichtete, »hoffentlich bezahlt Herr X., sonst muß ich mich freilich an Sie halten.«
Halb betäubt von der Wucht seiner Erfahrungen, wankte der getäuschte Vertreter der Nemesis ins Gerichtsamt, ach -- um dort zu erfahren wie sich auch noch seine heimliche Hoffnung darauf, daß X. wenigstens wieder allein in die Haft zurückgekehrt wäre, als eine trügerische beweisen sollte. Jetzt erst erkannte er die ganze Größe des ihm gespielten Streiches und zitterte vor den Folgen desselben. -- Glücklicherweise waren dieselben gelinder als er dachte. X. bezahlte nicht nur die gemachte Zeche, sondern auch den Wechselgläubiger diesmal ziemlich schnell und der gute Amtsdiener kam daher mit einer allerdings »rüsselhaften Nase« davon.
Als er aber dieselbe in devotester Stellung in Empfang genommen hatte und aus dem Amtszimmer seines Vorgesetzten wieder hinaus auf den Corridor trat, erhob er alle 10 Finger zum Schwure in die Luft und gelobte sich feierlich -- nie wieder einem zum Spaziergang ausgeführten Arrestanten zu trauen -- vor Allem aber nie einem Schauspieler -- »denn da is mer alle Mal der Gemachte« schloß er stets, wenn er einmal im Kreise gleichgesinnter Freunde diese seine Abenteuer vortrug.
XXVIII.
Der Verbrechertisch in der »Guten Quelle«.
Nach der gewaltsamen Niederwerfung des Volksaufstandes von 1849 begann im politischen Leben unseres Vaterlandes eine lange trübe Zeit.
Tod, langjähriges Zuchthaus, freiwillige oder gezwungene Verbannung traf Diejenigen, welche sich am Aufstand -- sei es mit den Waffen in der Hand, sei es durch Wort oder Schrift -- betheiligt hatten, und doch waren unter denselben ein großer Theil, die man zu Deutschlands besten Männern zählen konnte und welche nur zu den Waffen griffen, um den Traum von Deutschlands Einheit schon damals zur Wirklichkeit zu machen. Wie ein Alp lag es damals viele Jahre lang auf den Gemüthern frei denkender Männer, und selbst die Presse wagte es, angesichts einer streng gehandhabten Censur, nur ganz schüchtern, die geheimen Herzenswünsche der Nation dann und wann zum bescheidenen Ausdruck zu bringen. Indessen schmachteten viele, viele wackere Männer in den Gefängnissen Deutschlands, und ein Jahrzehnt und darüber verging, ehe auch ihnen das goldene Licht der Freiheit wieder leuchtete.
Den Männern aber, denen es beschieden war, wenn auch theilweise erst nach vielen Jahren, nach unendlichen Leiden und harter Kerkerhaft wieder in das bürgerliche Leben ihrer Heimath und zu den Ihren zurückzukehren, lohnte das Volk auch mit treuer Verehrung und Anhänglichkeit, und die deutsche Jugend blickte bewundernd und ihren Worten achtungsvoll lauschend zu ihnen empor. Ja, jenen Männern war es zum großen Theile mit zu verdanken, daß die Ideale der deutschen Nation nicht verblaßten, sondern immer gewaltiger anwuchsen, bis -- freilich erst nach hartem Ringen und aus einem Meere von Blut -- endlich diese Ideale sich verkörperten und der deutsche Aar siegreich emporstieg, das neue deutsche Reich erstand.
Es ist natürlich, daß sich diese Männer in ihren Wohnorten meist gesellig zusammenfanden, um ihre Erinnerungen gegenseitig auszutauschen und gemeinschaftlich von einer freundlicheren Zukunft zu plaudern.
Auch in unserm Leipzig fand sich im Anfang der sechziger Jahre ein solcher Kreis von Gesinnungs-Genossen und Leidensgefährten zusammen, und sowohl der weitberühmte Gelehrte, wie der einfache Mann des Handwerks war darin vertreten. Groß war der Kreis nicht, denn gar viele »Begnadigte« hatten doch noch eine neue Heimath jenseits des Meeres gesucht; aber er hielt treu zusammen und war unter dem Namen »_der Verbrechertisch in der guten Quelle_« männiglich gar wohl bekannt.
Damals wirthschaftete der bei allen alten Leipzigern gar beliebte »Vater Grun« in dem noch jetzt bestehenden großen Restaurations-Etablissement, und bei ihm, dem selbst durch und durch deutsch gesinnten Manne, fanden auch jene so lange Geächteten ihr dauerndes freundliches Heim.
Gleich links vom Eingang ins Local war eine nischenartige Ecke, so recht geschaffen für eine trauliche Tafelrunde; an den beiden Wänden befanden sich Bänke mit Ledersitzen, vorn herum hochlehnige Stühle und in der Mitte ein großer runder Tisch. Das war der »Verbrechertisch« in der »Guten Quelle«. Wer pflegte nun dort zu sitzen? Da war zunächst _Roßmäßler_, mit dem feinen durchgeistigten Gesicht und dem langen schneeweißen Vollbart, Professor der Naturgeschichte an der Akademie zu Tharandt, gediegener und äußerst fruchtbarer Schriftsteller auf diesem Gebiete und ebenso bekannt als Volksschriftsteller der damaligen freisinnigen Richtung, ferner 1848 Mitglied des Frankfurter Parlamentes und nahm auch am Rumpfparlament zu Stuttgart Theil. Wegen dieses letzteren Schrittes seines Amtes entsetzt, lebte er von da an in Leipzig, wo er 1806 geboren war, bis zu seinem bereits 1867 erfolgten Tode. Sein Platz am Verbrechertisch war zugleich der Ehrensitz, hinten an der Wand und ihm als Aeltestem von den Anderen zugetheilt worden. Den Platz neben ihm hatte ein anderer Weißkopf inne, dessen mildes freundliches Angesicht vorzüglich alle Kinderherzen sofort zu ihm hinzog. Es war der Dichter und Schriftsteller _Friedrich Hofmann_, damals als langjähriger Mitarbeiter und Redacteur der »Gartenlaube« männiglich als »Gartenlauben-Hofmann« bekannt, allen Kinderfreunden aber durch seine herzigen Kinderlieder unvergeßlich. Links von Professor Roßmäßler saßen zwei Männer, die sich so ähnlich sahen, daß man sie sofort als Brüder erkannte. Es waren die _Gebrüder Dolge_. Beide hatten sich am Aufstand, mit der Waffe in der Hand, betheiligt; während aber die Strafe des einen Moritz Dolge (später Schnittwaarenhändler zu Leipzig, außerdem viele Jahre Mitglied des Stadtverordneten-Collegiums und des Direktoriums des damaligen Vorschußvereins, der jetzigen Creditbank) † 1872 in Leipzig, verhältnißmäßig mild ausfiel, brachte der ältere Bruder August Dolge viele Jahre im Zuchthause zu Waldheim zu. Beide, ursprünglich einfache Handwerksgesellen, waren hochintelligente Leute. August Dolge, seines Zeichens Tischler und Instrumentenbauer, wurde, als am Aufstand betheiligter Kriegsreservist gefangen, ließ sich aus seiner Zelle im Schloß Pleißenburg an einer Leine herab, um zu entfliehen. Leider riß aber der Strick in der Höhe von zwei Stockwerken und Dolge stürzte in der Gegend, wo jetzt die beiden Getreidethürme stehen, also am Ausgang der Pleißenburg nach der Burgstraße zu, herab auf das Straßenpflaster und brach hierbei ein Bein. Hierauf wieder gefangen, wurde er erst zum Tode verurteilt und brachte dann lange Jahre im Zuchthaus zu. Zu Anfang der sechziger Jahre endlich begnadigt, schwang er sich lediglich durch eigene Energie und Thatkraft zum bedeutenden Pianofortefabrikanten und Chef eines Welthauses dieser Branche in die Höhe. Er ging später nach Nordamerika, wo seine Fabrikanlagen einen solchen Umfang angenommen haben, daß dieselben zu einer besonderen Stadt anwuchsen, welche nach dem Gründer »Dolgeville« heißt und lebt noch jetzt daselbst. Er hat aber Alt-Leipzig eine gar treue Anhänglichkeit bewahrt, denn trotz seines hohen Alters kommt er alle paar Jahre einmal von Drüben herüber zum Besuch und ist denn stets ein hochgefeierter Gast der hiesigen Insulanerriege (auf welche wir später in einem besonderen Artikel noch zurückkommen werden). Der frühere braune Bär »August« sowohl, der im zoologischen Garten seinen eigenen Käfig hatte, wie auch der jetzige August, dessen Ersatzmann -- sind Geschenke Dolge’s an die Insulanerriege, welche ihrerseits diese Geschenke dem zoologischen Garten übergaben.
Nicht so regelmäßig wie die Anderen erschien als Gast des »Verbrechertisches« im Anfang der sechziger Jahre häufig ein langer, blasser Mann, dessen gebeugte, hagere Statur, verbunden mit dem tiefes Seelenleiden verrathenden, fast bartlosen Angesicht, das sich erst im Laufe der Alles nivellirenden Zeit wieder etwas rundete, auch körperliche Leiden verriethen; als vollberechtigtes Mitglied jener Tafelrunde. Es war der frühere Pastor von Mittweida, in Sachsen, Ludwig Würkert. Jeder Zoll ein hochbegeisterter Anhänger der deutschen Einheitsidee, hatte er bei Beginn des Aufstandes mit Wort und Schrift die Sache des Volkes ergriffen und feuerte sogar von der Kanzel herab die Männer und Jünglinge des Gebirges an, für diese Ideen in den Kampf zu ziehen. Viele, viele Jahre, mehr als zehn, brachte er dafür im Zuchthaus zu, und als er dasselbe endlich als Begnadigter wieder verließ, da war er nicht blos ein gebrochener, sondern auch von den Seinen verlassener Mann. Seine Frau hatte sich von ihm scheiden lassen, seine Kinder hatten ihn verlassen. Aber seine alten Gefährten ließen ihn nicht im Stich.
Mit ihrer Hilfe pachtete er das in der Klostergasse liegende Hotel de Saxe, und die freien Vorträge, welche alsbald Ludwig Würkert, hier zugleich Volksredner, Volkslehrer und Gastwirth, jede Woche an einem oder mehreren Abenden hielt, zogen Tausende von deutschgesinnten Gästen aller Altersclassen und aller Stände herbei, und an solchen Abenden war der Saal des Etablissements mit allen Nebenräumen stets bis auf den letzten Platz gefüllt. Da saß der einfache Handwerker neben dem Gelehrten, der Großkaufmann neben dem Studenten, und lauschten den begeisterten Worten, welche jener Vielgeprüfte da oben auf der kanzelartigen Erhöhung der Saaltreppe sprach.
Nur wenige Jahre wirkte hier Würkert in seiner doppelten Eigenschaft als Gastgeber und Volksredner. Als ihm aber dann die Stellung eines Geistlichen einer freien Gemeinde (der freireligiösen Gemeinde in Hanau) geboten wurde, da gab er, obwohl seine jetzige Stellung sicher lucrativer war, diese ohne Zögern auf und nahm die immerhin nur bescheidene neue Stellung an. Nebenbei gab er dann noch die Zeitschrift »Freie Glocken« heraus. Er hatte aber doch in Alt-Leipzig nicht nur seinen ersten neuen Wirkungskreis, sondern auch ein neues Heim und eine andere treue Gattin gefunden. Ludwig Würkert starb 1876 am Schlagfluß in Leisnig, wo er zuletzt privatisirte, am Abend vor dem Tage, an dem er eine Gefängnißstrafe wegen Preßvergehens antreten sollte. Sein Begräbniß hatte zahllose Leute herbeigezogen und als der die Grabrede haltende freireligiöse Geistliche unter anderm sprach: »Würkert ist nicht gestorben -- Würkert lebt noch« verstanden Viele »Würkert lebe hoch« und stimmten lebhaft in diesen Hochruf auf den Todten mit ein. Schade, daß er dieses letzte Hoch nicht mehr gehört hat.
Die Mitglieder des »Verbrechertisches« theilten sich in sogenannte »seßhafte« (solche die eben wirklich gesessen oder doch für ihre freisinnigen Handlungen und Worte gebüßt hatten) und »zugelassne« Mitglieder. Unter den »seßhaften« sind außer den bereits verzeichneten noch folgende zu nennen: Professor Benseler, Professor Raschig, Advokat Segnitz † 1873, Theodor Oelkers † 1869, Korbmacher Vieweg † 1871, Magister Naundorf, Buchhändler Ludwig Schreck (floh, steckbrieflich verfolgt, nach Frankreich, kehrte in den 60er Jahren zurück) † 1868, Dr. Burkhardt, Buchdrucker Grumbach, Louis Lindner (der lange Lindner), war Seminarlehrer in Grimma. Derselbe weigerte sich bei einem Zweckessen auf des Königs Wohl anzustoßen. Angezeigt, sagte er naiv: Der König hat das Frankfurter Parlament anerkannt, dann aber die Reichsverfassung nicht -- ich kann also nicht auf sein Wohl trinken. Hierauf ward er eingesperrt, abgesetzt und schrieb nachher ans Ministerium einen viele Seiten langen Protest. Die letzte Seite hiervon hatte er schwarz umrahmt und da stand: »Ich behalte mir mein Recht vor bis zu der Zeit -- wo in Sachsen wieder Gerechtigkeit gilt!« -- Wahrscheinlich hielt ihn Beust für närrisch, es erfolgte wenigstens hierauf kein neues Vorgehen gegen ihn! Er lebte in Leipzig von Berichterstattung, Correkturen, hielt unermüdlich und unentgeltlich Vorträge über Geschichte in Arbeiterkreisen, war der treueste, beste Mensch und Freund (irren wir nicht verwandt mit L. Otto -- Peters) † 1891. Redacteur Aug. Peters † 1860. Als dieser starb, warf Würkert, da er am Grabe nicht länger sprechen durfte, drei Hände voll Erde ins Grab. Bei dem ersten Wurfe sprach er feierlich: »Dresden«, beim zweiten Wurfe: »Bruchsal« (hier saß Peters jahrelang im Zuchthaus), beim dritten Wurfe: »Waldheim« (hier hatte Würkert im Zuchthaus gesessen) -- weiter sagte er nichts -- aber der Eindruck dieser drei Worte war bei Allen ein erschütternder und -- der letzte noch in Europa lebende: ~Dr.~ Karl Albrecht, der jetzt in Freiburg in Baden weilt und dem Verfasser viele Mittheilungen über den Verbrechertisch und seine Mitglieder, so weit sie Verfasser nicht persönlich gekannt hat, verdankt. ~Dr.~ Karl Albrecht ist ein Leipziger Kind und am 4./4. 1823 im »Pelikan« (jetzt ebenfalls einem Neubau gewichen) am Neumarkt geboren. In weiten Kreisen bekannt als Lehrer, Schriftsteller und einer der ältesten Stenographen (Gabelsberg) gerieth auch er, begeistert für Deutschlands Wiedergeburt, in das Fahrwasser der Revolution 1848/49 und trat persönlich und schriftlich für seine Ideale ein. Langjähriges Gefängniß war auch sein Lohn. Außer ihm lebt nur noch ein seßhaftes Mitglied des »Verbrechertisches« -- eben der bereits genannte August Dolge in Dolgeville in Nordamerika. Alle Vorstehenden waren _seßhafte_ Mitglieder und viele derselben erst zum Tode verurtheilt und dann zu langjährigem Zuchthaus begnadigt worden. Als _Gäste_ wurden am Verbrechertisch zugelassen: ~Dr. med.~ Heyner, ~Dr.~ Apel † 1867, Schriftsteller Wartenburg † 1889, Ernst Keil † 1878, Prof. Bock † 1874. Letzterer wurde, obwohl er »_nie gesessen_«, an dem Tisch zugelassen, »_weil er wenigstens alle Tage werth gewesen wäre, ins Zuchthaus zu kommen_«. (Formel seiner Zulassung zum Verbrechertisch.) Beim Turnfest 1863 war auch _Fritz Reuter_ Gast am Verbrechertisch und hielt an einem Abend eine Ansprache an die Anwesenden.
Die jetzige Generation, welche nun bereits seit vielen Jahren mit der Thatsache eines geeinten Deutschlands und des wiedererstandenen Kaiserreiches rechnet, vermöchte es wohl nur schwer, sich in jene Zeit politischer Zerrissenheit unseres Vaterlandes zurückzudenken. Die Ideale des nach der Einigkeit der deutschen Stämme strebenden Volkes waren mit dem Niederschlagen der Bewegung 1848 und 1849 wohl eingedämmt und momentan zu Boden geschlagen worden, aber sie lebten dennoch fort und zwar nicht zum Wenigsten in den Herzen der deutschen Jugend, und am Anfang der sechziger Jahre, als auch die politische Luft wieder etwas milder wehte, da griff die Bewegung so allgemein um sich, dabei aber streng auf dem gesetzlichen Boden bleibend, daß auch die Regierungen der einzelnen Staaten sich schließlich derselben auf die Dauer nicht mehr zu entziehen vermochten und derselben nachgaben.