Erinnerungen eines alten Leipzigers

Part 16

Chapter 163,384 wordsPublic domain

Die Turner-, Sänger- und, nicht zu vergessen, die Schützenvereine, letztere in hochherziger Weise in allen ihren Bestrebungen stets unterstützt durch einen echt deutsch fühlenden Fürsten, den erst jüngst verstorbenen Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha, waren es, welche auf großen nationalen Festen, wie sie seit jener Zeit Deutschland nie wieder gesehen hat, das deutsche Banner aufs Neue entfalteten und hochhielten. Alle Stämme deutscher Nation strömten auf diesen Festen zusammen und höher als jemals flammte der deutsche Patriotismus im gesammten Volke auf. Wohl haben auch wir Leipziger seit jener Zeit hohe patriotische Feste gefeiert -- aber wer von den Bewohnern das dritte deutsche Turnerfest in Leipzig 1863 mit erlebt hat, der muß sagen, daß alle diese Feste nur ein schwacher Abglanz jenes für alle Theilnehmer unvergeßlichen Festes geblieben sind. Und die Folgen dieser Tage blieben nicht aus. Mit dem noch in demselben Jahre erfolgten Einmarsch der deutschen Executionstruppen in Holstein eröffnete sich jene Reihe von Kämpfen und Ereignissen, welche das deutsche Volk endlich zum erwünschten Ziele führen sollten.

Damals wurde der »Verbrechertisch« in der Guten Quelle zum Centralpunct des national gesinnten Leipzigs.

Vater Grun sorgte dafür, daß hier die eingehenden Depeschen stets zuerst eingesehen werden konnten, und waren dies besonders wichtige, so erhob sich ein Mitglied des »Verbrechertisches«, um dieselben vorzulesen. Schon das Erheben des Betreffenden von seinem Sitze genügte, um unter den vielen Hunderten der in dem großen Local Versammelten sofort die tiefste Stille eintreten zu lassen. Und dann fügte wohl der Vorleser dem Telegramm einige patriotische Worte hinzu, denen wir jungen Leute begeistert lauschten, indem wir uns gelobten treu mit zu arbeiten an dem großen nationalen Werke, soviel es mit unsern geringen Kräften nur irgend möglich sei.

So kam 1866 und so kam 1870. Vater Roßmäßler war freilich schon schlafen gegangen und ruhte aus von des Lebens Kämpfen und vielen Enttäuschungen, aber die Anderen hielten treu zusammen, und als die deutschen Stämme aufs Neue die Kriegsfahne entrollten, da sammelte sich ein großer Theil der zur Fahne Eilenden ein letztes Mal vor dem Ausmarsch in jenen Hallen, und wieder erschollen erhebende Worte von den Männern jener hochverehrten Tafelrunde. Höher und höher schlugen an jenem unvergeßlichen Abend die patriotischen Wogen, und als ein Leipziger Blatt es damals wagte, (Sächsische Zeitung), in particularistisch-antideutschem, franzosenfreundlichen Sinne einen Leitartikel zu bringen, da zog eine große Schaar Einberufener vor das Haus jenes Redacteurs und warf daselbst die Fenster ein. Gewiß, das war keine Heldenthat, und das Thun derselben war wohl kaum zu billigen, aber dennoch waren unter jenen jungen Leuten die besten Volksclassen vertreten und viele von ihnen, viele, viele, haben durch ihren Tod auf dem Felde der Ehre oder schwere Verwundung und tapferen Kampf bewiesen, daß es ihnen mit ihrem feurigen Eifer für Deutschlands Geschick auch heiliger Ernst war.

Aber auch während wir draußen im Felde waren, blieb der »Verbrechertisch« der Centralpunct der patriotischen Leipziger Bevölkerung. Wie strahlten die Mienen der Alten, wenn sie dem reich versammelten Auditorium wieder eine neue Siegesdepesche vorlesen konnten! Vergessen waren dann alle früheren trüben Zeiten, und freudig stimmten sie in die patriotischen Gesänge der Anderen ein.

So erlebten noch Viele von jener Tafelrunde das Wiedererstehen des Deutschen Reichs. Dann aber lichtete sich der Kreis allmälig mehr und mehr. Einer nach dem Andern ging zur ewigen Ruhe, Andere wandten sich weg von Leipzig, und auch Vater Grun, der alte treue Gastgeber jener Tafelrunde, machte sich auf zum Marsche in das himmlische Dorado.

Die leichtgeschürzte Muse hat jetzt in jenen Räumen ihr Standquartier aufgeschlagen, und in derselben Ecke, in der einst jener denkwürdige Tisch stand, sitzt jetzt vielleicht Abends ein angehendes junges Braut- oder Liebespärchen und beklatscht freudig die Witze irgend eines Komikers. So ändern sich die Zeiten!

XXIX.

Allerlei Chronika.

[Sidenote: Augustusplatz.]

Anno 1861 im Frühjahr wurden die Promenaden hinter dem Museum angelegt, auch neue Bänke statt der früheren alten Latten- oder steinernen Bänke für die Spaziergänger aufgestellt.

[Sidenote: Roßplatz.]

Nach der Messe zu Ostern, wurde ein Theil des Roßplatzes planirt und mehr ebner gemacht als bisher, wobei man viele Skelette kaum eine Elle tief in der Erde fand; aus den Ausrüstungsgegenständen, Knöpfen und Uniformüberresten, welche gleichzeitig mit zu Tage kamen, erkannte man, daß die Beerdigten meist der russischen Garde angehört hatten.

[Sidenote: Hirsch erlegt.]

Am 27. September schoß der damalige Burgkellerwirth Herr Trietschler in der Burgaue bei Böhlitz-Ehrenberg einen starken Hirsch im Gewicht von 288 Pfd. Es wird dies wohl der letzte Hirsch gewesen sein, der in unseren Rathshölzern geschossen worden ist. Einige Tage darauf wurde derselbe unter großem Zulauf im Hofe des Burgkellers öffentlich zur Schau aufgehängt und dann in einer solennen Festlichkeit verzehrt.

[Sidenote: Pfähle und Ketten.]

Anno 1861 wurden auch die steinernen weißangestrichenen Pfähle vor Teubners Haus am Augustusplatz, welche früher durch Ketten verbunden waren, entfernt. (Es waren diese Pfähle bei den Herren Jungen sehr beliebte Voltigirgegenstände.)

[Sidenote: Rundtheile.]

Im Spät-Sommer wurden die mit Gras bewachsenen und von einigen Büschen umsäumten sogenannten Rundtheile vom Augustusplatz entfernt, Theile des Fleischerplatzes planirt, sowie die Promenaden an der Thomaspforte verändert.

[Sidenote: Gewerbefreiheit.]

Anno 1862 am 1. Januar trat im Königreich Sachsen die Gewerbefreiheit in Kraft, welche insofern für viele Handels- und Gewerbetreibende von hoher Wichtigkeit war, als mit ihr zugleich das Gesetz fiel, welches bis dahin den Juden verbot, auch außer den Messen in Leipzig frei Handel zu treiben, oder Grundbesitz zu erwerben. -- Die einzelnen Gewerbe, fast sämmtlich in Innungen mit uralten und streng gehandhabten Gesetzen, wachten peinlich darüber, daß nicht das Mitglied eines andern Gewerbes etwas that, anfertigte oder verkaufte, welches in den Gewerbebetrieb nur des Einen gehörte. Kein Herrenschneider durfte Damensachen anfertigen und umgedreht und oft ging ein Gegenstand bis zu seiner vollständigen Fertigstellung durch eine ganze Menge einzelner an sich verschiedener Gewerke, weil eben jeder nur seinen Theil daran machen durfte. Manche harte, aber auf der andern Seite wieder wohlweise Einrichtungen und Gesetze über das Meisterwerden und den ganzen Geschäftsbetrieb fielen mit einem Schlage, denn während früher nur so viele Meister in einer Stadt ihr Gewerbe betreiben durften, als auch voraussichtlich daselbst ihre gute Nahrung hatten, konnte sich nun -- sogar ohne das Meisterstück zu machen, ja ohne überhaupt das betreffende Handwerk erlernt zu haben, Jedermann etabliren. Daß natürlich insbesondere die alten Meister, welche damals sämmtlich ihre gute Existenz hatten und nun Alles aufbieten mußten, um der sich mächtig entwickelnden Concurrenz entgegenzuarbeiten, sehr über die neue Einrichtung räsonnierten, ist natürlich. Die Gewerbefreiheit ist aber auch, trotz ihres Namens bis zum heutigen Tage, wo noch Anwalts- und Apothekenzwang existieren, eine niemals vollkommene, ihren Namen thatsächlich entsprechende gewesen und ihr Segen daher noch immer ein fraglicher.

[Sidenote: Turnfest.]

Anno 1863 fand in der Zeit vom 2. bis 6. August unter kolossaler Betheiligung aus ganz Deutschland das 3. deutsche Turnfest in Leipzig statt. (S. No. XXXI.)

XXX.

Die politische Lage Deutschlands zu Ende der fünfziger, bis Mitte der sechsziger Jahre des 19. Jahrhunderts.

Auf die gewaltsame Niederwerfung des Aufstandes 1848/49 folgte mehr als ein Jahrzehnt der starren Reaktion. Gerade diejenigen Männer, welche Amt und Würden, Stellung und Vermögen daran gesetzt hatten, das deutsche Reich wieder zu einem wahrhaft geeinten, geschlossnen Ganzen zu machen, fielen als Opfer ihrer nationalen Bestrebungen. Tod und langjähriges Gefängniß bis zur Zuchthausstrafe des gemeinen Verbrechers, oder im günstigeren Falle freiwillige oder erzwungene Verbannung war ihr Loos. Noch bis weit in die fünfziger Jahre hinein dauerten Verhaftungen und Verurteilungen politisch Gravirter fort und die unter der Zuchtruthe einer harten Censur stehenden Zeitungen, die in ihren Spalten oft die Steckbriefe auf ihre eignen früheren Mitarbeiter bringen mußten, seufzten lange unter dem bestehenden Druck und vermieden politische Erörterungen wo sie es nur vermochten. Die Turnvereine, mit Recht als die jederzeitigen feurigen Träger des nationalen Gedankens betrachtet, aber durchaus fälschlich als »_demokratisch_« gesinnt verdächtigt, wurden scharf beobachtet und wo es nur ging in ihrer Entwicklung gehemmt; Servilismus und kriechendes Streberthum, Frömmelei und politische Heuchelei waren an der Tagesordnung. -- -- --

Und doch -- trotz all diesen Hindernissen, vermochte man wohl den nationalen Funken zu unterdrücken, aber nicht zu verlöschen und obwohl er eben unterdrückt wurde, wo es nur anging -- in der Presse wie im Lehrstuhl -- so loderte er doch immer wieder hoch empor, in den Festen, welche das deutsche Volk, aus allen Gauen nach einem Central-Punkte zusammenströmend, zusammen feierte und bei welchen die Ideale der deutschen Nation immer und immer wieder zum unverhohlenen Ausdruck kamen. -- --

Jetzt wo seit bereits einem viertel Jahrhundert die schon damals geforderten Ziele zum allergrößten Theile erreicht sind, vermögen sich die jetzt lebenden Generationen wohl nur schwer in die damaligen Verhältnisse zurückzuversetzen und -- viele der Aelteren haben unter den politischen Erfolgen der Neuzeit die Misere jener Tage längst vergessen, oder standen den Weltereignissen schon damals so gleichgiltig gegenüber, wie sie es jetzt -- nach der Neu-Errichtung des deutschen Reiches wieder thun. Ja -- es giebt nicht Wenige, welche nur zu sehr geneigt sind -- im Bewußtsein der jetzigen politischen Macht des geeinten Deutschlands -- auf jene Tage mit spöttischer Ueberlegenheit zurückzublicken, dabei aber ganz vergessend, daß -- wenn sich nicht eben das Volk, vor Allem aber die damalige Jugend in _allen_ deutschen Gauen ihrer nationalen Ziele voll und ganz bewußt und fest entschlossen gewesen wäre, für dieselben mit Gut und Blut einzustehen -- wohl schwerlich Deutschlands Fürsten diesem wahrhaft inneren und unaufhaltsamen Drange der Nation nachgegeben hätten. Daß diese opferfreudige Begeisterung des damaligen Jungdeutschlands aber eine unmittelbare Folge der Jahre 1848/9 war und deshalb auch jenes Blut nicht vergeblich geflossen ist, ist eine unbestreitbare Thatsache, und nachdem die ärgste Zeit der Reaktion vorüber war, wurden auch die berechtigten Forderungen des Volkes aufs Neue immer und immer wieder laut. Im Anfange der sechsziger Jahre aber, als sich auch für die politisch stark Gravirten von 1848/9 die Gefängnisse wieder öffneten und viele Begnadigte aus dem Exil wieder in die Heimath zurückkehrten, unverrückt die Ziele und Ideale der eignen Jugend im Auge behaltend, da ging die politische Entwicklung Deutschlands mit Riesenschritten vorwärts. -- -- Betrachtet man die damalige politische Lage der deutschen Einzelstaaten, so sah man überall nur unerquickliche Verhältnisse. In Oesterreich -- wo nicht blos in dessen deutschen Staaten, sondern auch in Ungarn mächtige Kämpfe nothwendig gewesen waren, um die Autorität der Regierung aufrecht zu erhalten, herrschte ein noch viel schwererer Druck wie im übrigen Deutschland. Magyaren- und Deutschthum befanden sich im schroffsten Gegensatze, die Gefängnisse überfüllt, nirgends Vertrauen, dazu die neuen Schläge im Kriege gegen Frankreich und Piemont 1859, die Finanzen nahe am Staatsbankrott, dabei fortwährende Häkelei und nie endende Eifersüchtelei auf den zweiten deutschen Großstaat Preußen. In Baden noch weit- und tiefgehende Nachwirkungen des dortigen großen Aufstandes, denen sich ein großer Theil des dortigen Militärs angeschlossen hatte. Nicht viel besser war es in den übrigen süddeutschen Staaten. In Preußen, wo eben König Wilhelm den Thron bestiegen hatte, in dem das Volk, verstimmt durch manche seiner früheren Erklärungen zur Zeit der Volkserhebung, nicht seinen späteren ruhmreichsten und erhabendsten Fürsten ahnte, bereiteten sich die harten Kämpfe zwischen Regierung und Volksvertretung vor; in Sachsen liebäugelte Beust mit dem Liberalismus, ohne aber mit offnen Karten zu spielen, in Hessen seufzte das Volk unter seinen Kurfürsten; die größeren Staaten untereinander eifersüchtig und uneinig, die kleineren Staaten bald hier bald dorthin schwankend, aber stets auf ihre Selbstständigkeit pochend, zehnerlei Geld aus hunderterlei Staatsbanken, bis ins Kleinste tiefe Zerrissenheit, dazu das Schmerzenskind der deutschen Nation, Schleswig-Holstein -- fürwahr -- die gesammten politischen Verhältnisse waren sehr traurige zu nennen und die Hoffnung auf eine Besserung derselben lag -- wenigstens scheinbar -- noch im weiten Felde.

Da war es denn kein Wunder, daß sich die Augen aller wahrhaften Vaterlandsfreunde vertrauend und hoffend auf einen Fürsten richteten, der, obschon nur Herrscher eines kleinen deutschen Staates, doch durch hunderterlei Züge bewiesen hatte, daß er in Wahrheit ein Fürst mit echt deutschen Gesinnungen sei, bereit, jederzeit für deutsch nationale Bestrebungen in die Schranken zu treten und dieselben zu stützen und zu schützen, so viel es nur irgend in seiner, freilich sehr beschränkten Macht stand.

Es war dies der erst vor Kurzem in hohem Alter und gesegnet von seinem ganzen Lande und Millionen anderer Deutscher gestorbene Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha.

Er war es, unter dessen Augen und mit dessen Bewilligung und entgegenkommender Theilnahme das erste deutsche Turnfest 1860 in Coburg stattfand, der diesen Festen seine besondere Aufmerksamkeit widmete und sehr wohl erkannte, wie sich auf diesen Festen die besten und national gesinntesten Männer Deutschlands persönlich näher traten und der diese Zwecke in wahrhaft fürstlicher, großherzigster Weise begünstigte und förderte. Offen bekannte er seine Sympathieen für die deutsch-nationale Bewegung und so kam es, daß in den sogenannten Sturmjahren 1848/49 sein Land von jeder aufständischen Bewegung verschont blieb.

»Schützen-Ernst« haben ihn, den wahrhaft deutschen Fürsten, später oft und spöttisch Viele genannt, welche entweder unfähig waren, die Tragweite jener Volksverbrüderungen auf den ersten Turner- und Schützenfesten zu erkennen oder böswillig genug, um den hervorragenden Antheil, den Herzog Ernst an der endlichen Wiedergeburt des deutschen Reiches hat, zu verringern. Wohl wird auch jetzt noch bei den mehr prunkhaft glänzenden, als politisch werthvollen Festen der neueren Zeit der Patriotismus gefeiert, aber -- welch schwachen Abglanz dieselben jetzt, gegen die früheren, von der Sehnsucht und dem Gefühl der allgemeinen Zusammengehörigkeit getragenen Feste, bilden -- nun -- die jetzige Generation mag und kann dies vielleicht nicht begreifen, aber die -- welche einst inmitten derselben standen, die jene Zeiten der kläglichen Zerrissenheit Deutschlands noch als Männer gekannt und jene erhebenden Feste mitgefeiert haben, die kennen den Unterschied zwischen damals und jetzt genau und mit ihm auch die großartige Bedeutung dieser Feste selbst. Meldeten sich doch im Herbst 1863 als es hieß, Herzog Ernst beabsichtige mit einem Heere Freiwilliger gegen Dänemark zu ziehen, um Schleswig-Holstein zu befreien, binnen wenig Tagen viele Tausende junger Leute aller Stände, und wieder waren es die Turnhallen, in denen diese Contingente ihren Sammelplatz fanden. Aber es kam nicht so weit, denn als man sah, daß man dem Drängen des Volkes um Abhilfe jenes Zwitterzustandes in den Herzogthümern nicht länger widerstehen konnte, da raffte sich endlich der deutsche Bund zusammen, schon zu Weihnachten 1863 rückten Sachsens und Hannovers Executionstruppen in Schleswig-Holstein ein und die erste Serie jener blutigen Kämpfe von 1864, 66, 70 und 71 nahm ihren Anfang.

XXXI.

Das 3. deutsche Turnfest zu Leipzig vom 2. bis 6. August 1863.

Vom Rathhausdurchgang links ist in der Mauer unsres altehrwürdigen Rathhauses eine einfache Steinplatte in die Wand gelassen, welche die ebenso einfache Inschrift »Zur Erinnerung an das 3. deutsche Turnfest zu Leipzig vom 2.-6. August 1863« trägt und welche der Stadt Leipzig von der gesammten deutschen Turnerschaft als Dank für ihre Gastfreundschaft in jenen Tagen, als dies bis jetzt unübertroffene, erhabendste und großartigste aller wahrhaft deutschen Feste stattfand, gewidmet worden ist. Viele Tausende gehen täglich gleichgiltig an jener einfachen Gedenktafel vorüber, ohne auf sie zu achten oder allenfalls flüchtig den Blick über dieselbe gleiten zu lassen; noch andere lächeln beim Lesen der Inschrift fast mitleidig -- »1863 -- ach das ist ja lange her -- eine längst vergessene Zeit -- Kindereien damals -- politische Spielereien -- da lobe ich mir doch das stolze Siegesdenkmal -- -- --.« Aber es bleibt doch auch zuweilen einer oder der andere hier stehen, denen man allerdings ansieht, daß er im Herbst oder im Winter des Lebens steht, sinnend betrachtet auch er die unscheinbare Tafel und auch er lächelt; aber dieses Lächeln verklärt sein alterndes Angesicht und noch lange, während er weiter dahinschreitet, gedenkt er jenes größten und deutschesten aller Feste, jener herrlichen Tage voll glühender Begeisterung, in denen die Bewohner Leipzigs und der Umgegend vom Palast bis zur kleinsten und ärmlichsten Behausung gleichsam aufgingen in dem Bestreben, eine Gastfreundschaft und eine so herzlich warme Theilnahme am ganzen Fest zu bieten, wie dieselbe in der Geschichte aller früheren oder späteren deutsch-nationalen Feste nie wieder geboten und nie wieder erreicht worden ist.

Schon zum 1. deutschen Turnfest zu Coburg 1860 hatten sich, freudig empfangen von Fürst und Land daselbst, einige Tausende deutscher Turner zusammengefunden, und als 1861 das 2. deutsche Turnfest in Berlin stattfand, stieg die Anzahl derselben auf etwa 4000. In Berlin wurde nun zunächst Nürnberg zur Feier des 3. dieser Feste für 1863 ins Auge gefaßt, allein man entschied sich schließlich für das besser im Centralpunkt von Deutschland liegende Leipzig und die durchaus national und hochpatriotisch gesinnten Oberhäupter der Stadt, der unvergeßliche Oberbürgermeister ~Dr.~ Koch und der ebenso patriotische Polizeidirektor ~Dr.~ Rüder nahmen die Entscheidung für Leipzig freudig und mit opferwilliger Begeisterung auf. Wir haben im vorstehenden Artikel die damalige politische Lage, wenn auch nur flüchtig geschildert. Die starre Reaktion der fünfziger Jahre hatte nachgelassen und das deutsche Volk drängte zur Klärung der politischen Lage, aber noch immer mußte sich die Presse an vielen Orten Zügel anlegen, noch immer gab es Regierungen, welche die sich mehr und mehr entfaltende Volksbewegung mißtrauisch betrachteten -- da tönte der Ruf des Comités der deutschen Turnerschaft durch ganz Deutschland und bis in die entferntesten Winkel des Landes begann ein Rüsten und Organisiren, um diesem Rufe in ungeahnter Weise Folge zu leisten. Was nützte es Dänemark, daß es seinen Schleswig-Holstein’schen Turnern geradezu verbot nach Leipzig zu gehen? Zu Hunderten -- als Geschäfts- und als Vergnügungsreisende, als Handwerksburschen, angeblich für die Wanderschaft ausgerüstet, gingen diese Turner und mit ihnen Hunderte Anderer über die Grenze, die Fahnentücher wurden in Ränzel verpackt und erst jenseits der Grenze fand man sich zusammen, um in Leipzig auch die Schleswig-Holstein’schen Fahnen, freilich mit dem Trauerflor beschattet, vor den übrigen deutschen Brüdern zu entrollen.

Indeß rüstete sich die Feststadt in wahrhaft großartiger Weise zur würdigsten Begehung des Festes. Hochherzig, alle kleinlichen Bedenken bei Seite schlagend, bewilligten Rath und Polizeidirektion das Anerbieten der Turnerfeuerwehr, ihr allein den gesammten Festpolizeidienst anzuvertrauen, und so geschah das für jene Zeiten doppelt unmöglich Gehaltene, Unerwartete, daß zu einem Feste, welches eine volle Woche dauerte und an welchem Hunderttausende sich in Leipzig zusammenfanden, kein uniformirter Polizist oder Gendarm zu sehen war. Das Wort König August des Gerechten von Sachsen »Vertrauen erweckt Vertrauen« bewährte sich denn auch hier im glänzendsten Maaße, denn die Behörden hatten in keiner Weise ihr Vertrauen zum deutschen Volk zu bereuen, auch nicht der geringste Mißklang störte die allgemeine Harmonie, trotz der tausendfach verschiednen Zusammensetzung der theilnehmenden Elemente.

Wie bereits bemerkt, hatte Leipzig Anfangs an Nürnberg, dessen Gastlichkeit erst kurz vorher beim Sängerfeste sich so glänzend bewährt hatte, eine gefährliche Nebenbuhlerin. Da beschlossen, ehe noch der Turnverein selbst über seine Stellung zur Festfeier mit sich einig war, die Stadtverordneten am 18. September 1861 eine Zuschrift an den Stadtrath des Inhalts:

»Das Collegium, welches die Wahl Leipzigs zum Festorte des dritten allgemeinen Turnfestes mit Freuden begrüßen würde, erklärt sich bereit, die zu einer würdigen Feier desselben erforderlichen Kosten zu bewilligen, und giebt dem Wunsche Ausdruck, daß die Behörden die Wahl Leipzigs in jeder Weise begünstigen möchten.«

Und der Rath erwiderte am 16. Oktober: »er sei dem Beschlusse der Stadtverordneten, daß sie die Wahl Leipzigs zum Festorte des dritten allgemeinen Turnfestes mit Freuden begrüßen würden, einstimmig beigetreten, sei bereit, die Wahl der Stadt in jeder Weise zu begünstigen, und werde die seitens der Stadtverordneten ausgesprochene Bereitwilligkeit, die zu einer würdigen Feier des Festes erforderlichen Kosten zu verwilligen, entsprechend benutzen.«

Der Voranschlag der Festkosten, wie ihn der Centralausschuß nach den von sämmtlichen Unterausschüssen eingereichten Budgets aufgestellt hatte, erreichte die Höhe von 75,000 Thlrn.; der muthmaßliche Kostenausfall war auf 29,000 Thlr. berechnet. Mit dem 10. April 1862 war der Tag gekommen, an dem über die Bewilligung dieser großen Summe bei den Stadtverordneten verhandelt werden sollte; der Rath der Stadt Leipzig hatte bereits einige Tage vorher die Bewilligung beschlossen und um Zustimmung bei den Stadtverordneten nachgesucht. Unterlag es nun auch keinem Zweifel, daß diese Zustimmung nicht ausbleiben würde, so verbreitete doch die Nachricht davon allgemeine Freude und wir Leipziger waren stolz auf unsere Stadtväter.

Bei solchem Entgegenkommen der Bürgerschaft und der Behörden mußten alle Bedenken und Abneigungen drinnen und draußen, welche sich gegen die Wahl Leipzigs geregt hatten, schwinden, um so mehr, als auch das _Königliche Ministerium des Innern_ auf deshalb ergangene Anfrage und Bitte des Turnraths in dankenswerthester Weise die Abhaltung des Festes und des mit demselben verbundenen Turntags zu gestatten versprach. Der Ausschuß der deutschen Turnvereine erklärte sich einmüthig für die Wahl Leipzigs zum Festorte und Nürnberg schob das von ihm beabsichtigte Fest auf das Jahr 1865 hinaus.

Als _Festplatz_ wurde sodann eine vom Stadtrath mit dankenswerther Bereitwilligkeit überlassene, fast ganz ebene und trocken gelegene Feldflur erwählt, welche sich unweit der Zeitzer Straße an der Connewitzer Chaussee mit geringer Erhebung nach der Seite des Napoleonsteines in Form eines Vierecks, zugänglich von allen Seiten, ausdehnt. Es ist dies der jetzige Schmuckplatz an der südlichen Baierischen Straße, begrenzt von Schenkendorf und Moltkestraße, auf dem jetzt zwei Schulen stehen, sowie dessen Verlängerung nach Süden, damals vom Tivoli ab alles noch freies Feld.