Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange

Part 80

Chapter 803,338 wordsPublic domain

Bezüglich der arabischen Alchemie sagt ~Berthelot~: Die wahre Alchemie der Araber war bis auf den heutigen Tag unbekannt[7158]; +ich+ entdeckte ihren Zusammenhang mit jener der Griechen und wies dessen Spuren in den sog. arabischen Übersetzungen nach[7159]; ich habe die herrschenden Ansichten über das chemische Wissen der Araber nicht weniger als vollständig umgestürzt[7160]; ich habe die maßgebenden Kenntnisse geschaffen und die bisher unedierten Quellen unter der schätzbaren Beihilfe ~Duvals~ herausgegeben[7161]; ich habe diese ungeheuere und schwierige Arbeit verrichtet, die noch niemals in wirklich kritischer Weise versucht worden ist[7162]. An die Echtheit der ~Geber~schen Schriften glaubte ich anfangs[7163] „wie fast alle Welt“, später aber stiegen mir Zweifel auf und führten mich dahin, sie als lateinische Apokryphen und Pseudonyme des 13. Jahrhunderts anzusehen[7164]; ich zeigte, daß ~Gebers~ „Summa“ (verfaßt gegen 1300), sowie das „Testamentum“ und die „Alchimia“ (verfaßt nach 1300?), weder Theorien noch Autoren zitieren[7165], sich vielmehr auf bestimmt und klar beschriebene praktische Versuche aufbauen[7166] und rein scholastische Art und Mache verraten[7167]; ich legte klar, daß die arabischen Originale des ~Geber~ nicht bekannt sind und daß lateinische Übersetzungen dem ~Albertus Magnus~ und ~Vincentius Bellovacensis~ im 13. Jahrhundert nicht bekannt waren, was ein ganz unerwartetes Ergebnis von hervorragendster Bedeutung (question capitale) vorstellt[7168] und die gesamte bisherige Geschichte der Chemie als eine durch Unwissenheit verfälschte dartut[7169]; ich entdeckte, daß schon die Persönlichkeit des ~Geber~ fragwürdig ist, daß die Werke des ~Dschabir~ nicht die dem ~Geber~ zugeschriebenen Kenntnisse enthalten, sondern sich meist in weitläufiger und sehr allgemeiner Weise über die alten griechischen Theorien verbreiten[7170], und daß bereits ~Dschabir~ selbst „un peu légendaire“ ist[7171].

Hinsichtlich der späteren Zeiten äußert sich ~Berthelot~: Die Jahrhunderte vor dem 14. waren bisher „à peu près ignorés“[7172]; +ich+ ermittelte den Zusammenhang ihrer Alchemie mit der antiken, sowie die wichtige Rolle, die hierbei den Kunsthandwerken zufällt[7173]; ich erwies die mindestens seit dem 3. Jahrhundert bestehende „filiation non interrompue“[7174], wenn auch alle Gelehrten, die die alchemistischen Handschriften kannten, schon seit 1600 eine mit dem 5. Jahrhundert beginnende für zweifellos erachteten[7175]; ich durchschaute die „filiation historique“ der antiken Theorien und Praktiken in den Überlieferungen der Künste und Gewerbe, die bisher kein Mensch beachtete oder ahnte (que personne n’avait soupçonnée) und entdeckte diese durchaus grundlegende Tatsache (ce fait capital)[7176].

Überblickt man die angeführten, von ~Berthelot~ erhobenen Ansprüche, so muß man, da eine so gänzliche Unkenntnis der gesamten einschlägigen Litteratur nicht anzunehmen ist, die Selbsttäuschung geradezu erstaunlich, ja in vielerlei Hinsicht völlig unbegreiflich finden. Einschlägige, bereits an früheren Stellen des vorliegenden Werkes hervorgehobene Einzelheiten sollen hier nicht wiederholt werden. Nochmals hingewiesen sei nur, betreff der beiden „capitalen“ Entdeckungen: einerseits auf die eingehenden Darlegungen über die Erhaltung der antiken Traditionen in den ~Berthelot~ durchaus geläufigen „Original treatises“ der ~Merrifield~ (1849)[7177], in den (von dieser oft zitierten) ~Eastlake~schen „Beiträgen zur Geschichte der Ölmalerei“[7178], und in den Wiener „Quellenschriften für Kunstgeschichte“; andererseits aber auf die älteren Angaben über die Frage der Echtheit von ~Gebers~ Schriften[7179], die ~Berthelot~ sehr unzureichend mit den Worten abtut, er habe anfangs „wie fast alle Welt“ an sie geglaubt. Die Zweifel an der Person und den Werken des ~Dschabir~ äußert doch schon gegen 1000 der „Fihrist“[7180]; daß arabische Originale ~Gebers~ nicht vorliegen und daß weder solche noch lateinische Übersetzungen den Autoritäten des frühen Mittelalters bekannt waren, wußten bereits die älteren Orientalisten und Historiker der Chemie; ausdrücklich sagt auch ~E. Wiedemann~ schon 1878[7181], daß die in den arabischen Codices der Leidener Bibliothek enthaltenen Werke ~Dschabirs~ sich ganz im mystischen Gedankengange der griechischen Alchemisten bewegen und nicht den klaren wissenschaftlichen Geist der lateinischen (~Geber~schen) Schriften zeigen, die ebenso unecht sind wie die sog. Alchemie („De anima“) des ~Avicenna~[7182].

Den „Schöpfer“ aller dieser Erkenntnisse, und damit der Geschichte der Chemie, kann sich daher ~Berthelot~ mit ebensowenig Recht nennen wie etwa den Schöpfer der „chemischen Synthese“, als welchen er sich mit etwas umschriebenen Worten in den „Origines“ bezeichnet, und mit ganz unverblümten in späteren Werken[7183], -- obwohl die ersten Synthesen organischer Stoffe, der Oxalsäure und des Harnstoffes, schon 1824 und 1828 von ~Wöhler~ ausgeführt worden waren[7184], der durch sie die uralte starre Scheidewand zwischen anorganischen und organischen Substanzen umstürzte, der sog. „Lebenskraft“ den eigentlichen Todesstoß versetzte, und so eine wissenschaftliche Tat allerersten Ranges vollbrachte, eine wahrhaft „capitale“. In „Science et Philosophie“[7185] ist aber von ~Wöhler~ im Abschnitte „Über organische Synthese“ gar nicht die Rede[7186], und in dem „Über die allgemeinen Methoden der Synthese“ nur ganz nebenbei als vom Urheber einer „sehr einfachen“ und „isoliert gebliebenen“[7187]; in „La synthèse chimique“[7188] wird ~Wöhler~ zunächst ebenfalls ganz übergangen[7189], und erst gelegentlich ~Kolbes~ Synthese der Essigsäure von 1845 flüchtig erwähnt, -- doch sollen diese Entdeckungen der tieferen Bedeutung ermangeln[7190], nämlich jenen ~Berthelots~ gegenüber. Aber schon wo diese zuerst im Zusammenhange dargestellt werden, in der „Chimie organique fondée sur la synthèse“[7191], spricht sich ~Berthelot~ über seine Vorgänger in so eigentümlicher, den Sachverhalt für jeden, der ihn nicht schon genau kennt, so völlig verschleiernder Weise aus, daß ~Wöhler~, der bekanntlich eine sehr spitzige Feder führte, hierüber an ~Liebig~ schrieb: „Das ~Berthelot~sche Buch ist freilich an sich so jesuitisch abgefaßt, daß selbst für oberflächliche Fachleute der Anschein entstehen kann, als hätte es vor ihm noch gar keine wissenschaftliche organische Chemie gegeben, als sei nichts von der künstlichen Bildung organischer Verbindungen aus den Elementen bekannt gewesen[7192].“ An eine Berichtigung war natürlich auch in diesen Fällen nicht zu denken; denn es gehörte zu den Absonderlichkeiten ~Berthelots~, selbst ganz offenbare Irrtümer, in die ihn weniger gründliche Arbeiten und hartnäckig festgehaltene rückständige Ansichten wiederholt verstrickten, nicht, nicht in offener Weise, und auch nicht ohne weiteres zuzugestehen, sie vielmehr durch Ausflüchte und Hypothesen aller Art so lange als möglich zu bemänteln[7193]. In diesem Sinne schreibt der berühmte Chemiker ~Wurtz~, der viele Jahre lang ~Berthelots~ Kollege, und oft in wissenschaftliche Streitigkeiten mit ihm verwickelt gewesen war, an ~Van’t Hoff~, als dieser eine unrichtige Beschuldigung ~Berthelots~ zurückwies, von ihm aber keinen Widerruf erlangen konnte: „Herrn ~Berthelot~ müssen Sie gänzlich einkreisen, sonst wird er sich in der Richtung der Tangente drücken“ (à M. ~Berthelot~ il faut être très-serré, sans cela il s’échappera par la tangente)[7194].

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In den Studien des frühverstorbenen, scharfsinnigen Wiener Kunsthistorikers ~Kallab~[7195] über die Biographien des ~Vasari~ (1512-1574), in denen er auch gewisse Auffassungen ~Thodes~ gegenüber jenen ~Justis~ auf das Entschiedenste verurteilt, finden sich Sätze, die vollkommen +dem+ Ausdruck geben, was auch als Zweck der vorstehenden Ausführungen zu betrachten ist. Sie lauten: „Diese Darlegungen sind gewiß sehr hart und scharf; aber sie nehmen augenscheinlich die +Sache+ aufs Korn; .... nirgends ist wohl Patriarchentum weniger am Platze und schädlicher als in der Wissenschaft[7196].“ „~Vasari~ zitiert Autoren, Urkunden und Gewährsmänner, aber so, daß durch die Zitate das, was er aus ihnen entnommen hat, verborgen wird; ... nicht immer ist er dabei völlig naiv und bona fide verfahren; jedenfalls läßt er sich von dem Vorwurfe, aus Eitelkeit seine Hauptquellen absichtlich verschwiegen zu haben, nicht reinwaschen[7197].“ -- Ebenso paßt zumeist wörtlich auf ~Berthelots~ Textausgaben und auf die Ergebnisse, die die Art seiner Zusammenarbeit mit ~Ruelle~, ~Duval~ und ~Houdas~ zeitigen mußte, was ~Ruska~ im „Steinbuche des ~Aristoteles~“[7198] über die mineralogischen Schriften ~Clement-Mullets~ sowie über die Zusammenarbeit ~De Mélys~ und ~Courels~ sagt: „Das Durcheinander der zitierten Handschriften ist für eine zeitliche Orientierung überaus hinderlich; ... die [des Herausgebers] Erwartung, daß den Beschreibungen stets bestimmte Kenntnisse und Tatsachen zugrunde liegen, ist vielfach zuversichtlicher, als wir es nach unseren Eindrücken von dem Charakter dieser Litteratur gerechtfertigt finden können; ... ein unmethodischer Eklektizismus bietet weder dem Philologen, noch dem Historiker, noch dem Mineralogen, was er erwartet; ... Paragraphen sind übergangen, die für den Philologen gleichgültig sind, auch wenn sie für den Technologen nützlich sein mögen; ... statt einer objektiven, möglichst nach Quellen und Zeiten disponierten, geschichtlichen Darstellung des wirklichen Inhaltes ... haben wir leider nur eine subjektive und willkürliche Auswahl aus dem Material der in Paris liegenden Handschriften[7199].“ „Gelegentlich der ‚Collaboration d’un orientaliste et d’un médiéviste‘ haben [die Verfasser] ihre Vorgänger, besonders die deutschen, nicht gekannt oder nicht verstanden, ... und wollen die fraglichen Entdeckungen selbst gemacht haben; ... man weiß nicht, was man zu den Resultaten dieser Collaboration sagen soll[7200].“

2. Zusätze und Berichtigungen.

Zu Seite 2:

+ἄλλως+ kündigt in den chemischen Papyri ein neues Rezept ähnlichen Inhaltes (als ἄλλο oft auch nur ein neues Kapitel) an, in den Zauberpapyri aber eine Variante in textkritischem Sinne. Dies zeigte schon ~Wessely~ in seiner Ausgabe der Londoner und Pariser Zauberpapyri („Denkschriften der Wiener Akademie“ 1888; mit reichen Indices), in den „Wiener Studien“ (1886), usf.; von den dort aufgespeicherten neuen Materialien machte ~Dieterich~ ausgiebigen Gebrauch (~Reitzenstein~; ~Wessely~).

Zu Seite 5:

+Magnesia+ (im heutigen Sinne) als Abführmittel kennt bereits ~Hippokrates~ im 5. Jahrhundert v. Chr. (~Hoppe~, A. Nat. 8, 97). -- Den Namen Magnesia führten bekanntlich mehrere Städte: Magnesia am Mäander, am Sipylos, in Thessalien usf.

Zu Seite 9:

+ἐπίβαλε+ = wirf ein, wirf hinein, ist schon bei ~Hippokrates~ (5. Jahrhundert v. Chr.) ein gebräuchlicher Ausdruck, der oft angewandt wird, wenn vom Zusammenmischen der Arzneien die Rede ist (z. B. üb. ~Fuchs~ 3, 506).

Zu Seite 14:

+Marienglas+, eine Abart des Gipses, ist selbstverständlich nicht identisch mit Glimmer, wie aus Zeile 8 von oben herausgelesen werden könnte.

Zu Seite 20 und 21:

+Vitriole.+ Vgl. den eingehenden Aufsatz ~K. B. Hofmanns~ „Über die Kenntnis der klassischen Völker von den Vitriolen und der Stypteria“ („Journal für praktische Chemie“ II, Bd. 86, 305).

Bemerkenswert ist es, daß im Spätlateinischen „Atramentum“ die Bedeutung „Interpunktionszeichen“ annahm (~Maigne d’Arnis~, 234).

Zu Seite 24:

+Leidener und Stockholmer Papyrus.+ Frau ~Hammer-Jensen~ versuchte den Nachweis, daß diese Papyri in keiner Beziehung zur Alchemie stünden, und daß bei vielen ihrer Vorschriften hauptsächlich gallische und indische Herkunft vorauszusetzen sei („Berichte der Dänischen Akademie“, Kopenhagen 1916, 279). Nach ~Diels~ liegt der Hauptmangel ihrer Abhandlung darin, daß sie die beiden Papyri für sich herausgriff, den allgemeinen Zusammenhang mit der gesamten zugehörigen Litteratur aber nicht verfolgte, ja anscheinend gar nicht einsah („Deutsche Litteratur-Zeitung“ 1917, 592). Eine ausführlichere Widerlegung, die auf eine Reihe von Einzelheiten eingeht, veröffentlichte ~Lippmann~ („Chemiker-Zeitung“ 1917, 589).

Vgl. auch ~Hammer-Jensens~ Artikel „Färbung“ (PW., Spl. 3, 461), der die nämlichen Ansichten verficht wie ihre oben erwähnte Abhandlung und in chemisch-technischer Hinsicht vieles zu wünschen übrig läßt.

Zu Seite 26:

+Bücher aus Gräbern.+ Das Einlegen von Büchern in Gräber und ihre Benützung als Toten-Beigaben war in Ägypten sehr häufig, daher konnten sagenhafte Erzählungen mit Recht an diesen Gebrauch anknüpfen (~Schubart~, „Das Buch bei Griechen und Römern“, Berlin 1907, 10; ~Boll~, „Offenb.“ 136 ff.).

Zu Seite 26:

+Beiblatt des Stockholmer Papyrus.+ Vermutlich ist κοίνα (κοινοῦ?) der Imperativ des seltenen κοινάω (κοινοῦσθαι) = „sich anvertrauen“, z. B. θεῷ, dem Gotte. Hiernach umfaßt die Zauberhandlung zuerst ein Gebet: „Sonne usf. nimm mich an, der ich vor dich trete“; sodann heißt es „vertraue dich [dem Gotte] an“ (teile ihm dein Anliegen mit); „hierauf salbe dich, und du wirst ihn mit eigenen Augen sehen (καῖ ἀυτοπτήσεις)“, d. h. er wird erscheinen und dir Antwort geben (~Reitzenstein~).

Zu Seite 32:

+Lexikon der χρυσοποιία.+ Dieses sog. Lexikon ist eine Sammlung kurzer, ursprünglich nicht alphabetisch geordneter Worterklärungen, wie es deren auch z. B. zur Septuaginta und zu ~Homer~ gab; da die Veröffentlichung ~Berthelots~ aber nicht seiner Anordnung und Abfolge in den Handschriften folgt, so läßt sich vorerst nicht absehen, zu welchem Corpus chemischer Schriften es gehört haben mag und ob es auch die Deutung jener Ausdrücke anstrebt, die gerade in den Schriften des ~Pseudo-Demokritos~ vorkommen (~Reitzenstein~).

Zu Seite 35:

+Kobalt.+ In altägyptischen Gläsern und Perlen wies zuerst ~Davy~ Kobalt nach (~Berthelot~, „Coll.“ 2, 9; „Intr.“ 245); verschiedene Forscher fanden es in Glasuren und Tonwaren (~Blümner~ 2, 97; 4, 413, 503), und letztere enthalten zuweilen bis 5,3% davon (~Klein~, „Chemisches Zentralblatt“ 1913, 587). -- Über den Zusammenhang zwischen Kobathia und Kobalt s. „Coll.“ 1, 245, sowie ~Rulandus~, „Lexicon Alchemiae“ (Frankfurt 1612, 158), über Kobalt in „deutschen Sagen“ ~Maigne d’Arnis~ („Lexicon“ 527). Nach ~W. Hommel~ bezeichnete „Kobelt“ ehedem Abfälle der verschiedensten Art („Chemiker-Zeitung“ 1912, 918).

Zu Seite 46:

+~Homer.~+ Die Gegensätze, in denen ~Homers~ „altväterische“ Art und Denkweise mit jener der „neueren“ Zeiten stand, waren schon im 5. Jahrhundert v. Chr. so lebhafte geworden, daß bereits ~Anaxagoras~ (500-428?), nach anderen aber erst sein Schüler ~Metrodoros~ mit der allegorischen Auslegung begann und ~Homer~ als „Physikos“ hinzustellen bemüht war, d. h. als Erforscher und Darsteller des Weltganzen[7201]. Daß ~Platon~, Gründen allgemeiner Art folgend, die homerischen Gedichte als Bildungsmittel der Jugend in seinem Idealstaate verwarf[7202], trug vielleicht bei, derlei Bestrebungen zu fördern, und jedenfalls gewannen sie in der Folgezeit fortdauernd an Boden, namentlich bei den ohnehin der allegorischen Deutung so geneigten Stoïkern; dies gilt schon für die älteren Mitglieder der Schule[7203], in weit höherem Grade aber für die jüngeren. Zu Beginn der Kaiserzeit erklärte der Stoïker ~Heraklit~ (der im übrigen nicht näher bekannt ist und fälschlich mit seinem großen alten Namensbruder identifiziert wurde)[7204], anders als allegorisch aufgefaßt wäre ~Homer~ geradezu ein Frevler gewesen[7205], daher habe man z. B. das Beilager der ~Aphrodite~ und des ~Ares~ als Zusammentreffen dieser beiden Gestirne aufzufassen, die Kämpfe der Götter als Konjunktionen der Planeten, u. dgl. mehr[7206], -- wie denn auch schon im 1. Jahrhundert v. Chr. ~Asklepiades~ von ~Myrleia~ einen ausführlichen Kommentar zu ~Homer~ in rein astrologischem Sinne verfaßte[7207]. Des ~Heraklit~ Zeitgenosse, ~Apion~ von Alexandria, sowie ~Krates~ von Mallos und deren Nachfolger erblickten in ~Homer~ die denkbar tiefste Quelle verborgener Weisheit aller Art[7208], und in seinen Epen eine Enzyklopädie, enthaltend die Summe aller Künste und Wissenschaften[7209]; neu war damals, allem Anscheine nach, diese Auffassungsweise nicht mehr, denn schon zur Zeit der späteren Ptolemäer soll sie mit Anlaß gegeben haben, ~Homer~ zu vergöttern und ihm Altäre und Tempel zu bauen[7210], seine Werke aber als „Losbücher“ und die aufgeschlagenen Verse als „Omina“ anzusehen, ganz so wie dies später betreff des ~Vergil~, und bis in die Neuzeit hinein bezüglich der Bibel geschah[7211]. Ähnlichen Anschauungen und den bewährten Grundsätzen allegorischer Auslegung huldigten auch ~Plotinos~ (204-270)[7212] nebst seiner Schule sowie ~Porphyrios~ (272-304?), wofür als Beispiele nur die Symbolik der Grotte auf Ithaka angeführt sei, ferner die der ~Circe~ als Urbildes magischer Kunst, und die des ~Achilleus~ als Dämons, -- unter welcher Gestalt er seit dem 3. Jahrhundert steigende kultische Verehrung genoß[7213].

Die Kirchenväter waren mit ~Homer~ meist wohlvertraut; ~Irenäus~ z. B. (um 180) führt als Belegstellen willkürlich zusammengestoppelte homerische Verse an[7214], und noch der hl. ~Basilius~ (um 350) zitiert solche wiederholt zu den Wundern, die die hl. ~Thekla~ zu Seleukia vollbrachte, wo sie als Nachfolgerin der ~Athene~ in deren Tempel hauste, vor dem man den Gläubigen nach wie vor geweihte Seife verkaufte, damit sie dem Heiligtume in ritueller Reinheit zu nahen vermöchten[7215]. Wie also im christlichen Seleukia, so war die Kenntnis ~Homers~ auch sonst in Vorderasien sehr verbreitet, und teilweise Übersetzungen besaßen selbst die Armenier und Syrer[7216], welchen letzteren aber ~Homer~ auch als „Vater der Lügenreisen“ und deshalb als Babylonier galt[7217]. Für einen Ägypter hinwiederum, und zwar für einen Thebaner und Sohn des Propheten ~Hermes~, hält den ~Homer~ ~Heliodorus~ (um 250)[7218]; nach einem etwa gleichalterigen magischen Papyrus ist er wie „der Gewährsmann aller Dinge“ so auch der Verfasser eines Zauberbuches, und der 18. Absatz der unter dem Namen des ~Afrikanos~ überlieferten „Kesten“ enthält eine magische Interpolation in eine sog. homerische Hymne, die ~Homer~ zum Erfinder der Zauberkunst zu stempeln sucht[7219]. Verschiedene Überlieferungen der ersten nachchristlichen Jahrhunderte lassen ~Homer~ seine Weisheit bald aus den Archiven des ~Isis~-Tempels schöpfen, bald sie von Geistern und Dämonen empfangen, woraufhin dann seine Werke als teuflisch und deren Leser als verdammt bezeichnet wurden[7220]; homerische Verse und Fragmente finden sich auch in Zauberbücher und -sprüche eingeschoben[7221], und da ~Homer~ auch den ihn allegorisch auslegenden Gnostikern[7222] als Autorität, den Ssabiern aber sogar als Mitbegründer ihrer Religion galt[7223], können Äußerungen wie die der (syrischen) Schriften des ~Pseudo-Demokritos~ oder des „Papyrus Kenyon“ nicht überraschen.

Erwähnt sei noch, daß auch mittelalterliche medizinische Abbildungen nach antiken Vorlagen den „~Omerus~ auctor“ nebst ~Hermes~ mit der Zauberwurzel Moly[7224], oder „~Omerus~“ mit der heil- und zauberkräftigen Wurzel der Paeonia (Pfingstrose) zeigen[7225], sowie daß mittelalterliche alchemistische Pseudepigraphen, z. B. die des ~Pseudo-Platon~, ~Homer~ neben ~Pythagoras~, ~Euklid~, ~Ptolemaios~ u. A. als alchemistischen Autor anführen[7226].

Zu Seite 47:

+Männliches und Weibliches.+ Nach ägyptisch-hellenistischer Lehre, die selbst aber wieder iranischen Ursprunges ist, entsteht die Welt durch Vereinigung zweier Elemente, eines männlichen und eines weiblichen (~Reitzenstein~).

Zu Seite 48:

+Lutieren+ von Töpfen mit Lehm oder einem Gemenge von Lehm und Haaren erwähnt schon ~Hippokrates~ (üb. ~Fuchs~ 3, 528; 2, 481); er gedenkt auch des Lutierens von Rohren für Dämpfe (ebd. 3, 608).

Zu Seite 50:

+Aludel.+ Nach ~Dozys~ Wörterbuch (Supplement) ist al uthâl im Arabischen lediglich als chemischer Fachausdruck bekannt, während für uthâl = Rohr kein Beleg vorliegt, und Rohr im Arabischen jedenfalls nicht uthâl heißt (~Jacob~). -- Nicht ausgeschlossen scheint es, daß, wie Alambik aus al und ἄμβιξ (Ambix), so Aluthâl aus al und αἰθάλη (Aithále) zusammengesetzt ist; das Wort bezöge sich dann ursprünglich nicht sowohl auf die (tönerne oder gläserne) Hülle, als auf deren Inhalt, also auf den in ihr zu kondensierenden Dampf. Vermutlich ist Vermittlung durch das Syrische anzunehmen (~Ruska~). -- Tatsächlich bezeichnet ~Bar Bahlul~ in seinem im 10. Jahrhundert auf Grund weit älterer Quellen verfaßten „Syrischen Lexikon“ (ed. ~Duval~, Paris 1901) das Gerät Atâl als „zur Destillation [Sublimation] dienend“, und schon in einem Papyrus, der aus dem 8. oder 9. Jahrhundert herrühren dürfte, findet sich neben dem „Topf auf dem Topf“ auch das Atâl genannte Gefäß erwähnt (~Seidel~, „Der Islam“ 1, 238, 263). -- Nach ~E. Wiedemanns~ Angaben im „~Kahlbaum~-Gedenkbuch“ vertritt al uthâl die Stelle des griechischen σωλήν = Röhre, Rohr, und auch die sog. Aludeln, wie sie z. B. in Idria noch bis in die neueste Zeit hinein zur Kondensation von Quecksilberdämpfen dienten, sind Rohre oder rohrähnliche Gebilde.

Zu Seite 58:

+Tabula smaragdina+: die Tafel (στήλη) aus Edelstein ist in der Offenbarungslitteratur häufig, ja fast für sie typisch (~Reitzenstein~).

Zu Seite 60:

+~Agathodaimon.~+ Vgl. die ausführlichen, zahlreiches Neue bietenden und vieles Ältere berichtigenden Aufsätze von ~Ganschinietz~ (PW., Spl. 3, 38) und von ~Andres~ (ebd. 3, 101). Nach ersterem sind getrennt zu behandeln: 1. Die menschengestaltige griechische Gottheit, die eine weder ursprüngliche noch eines eigentlichen Kultus gewürdigte war und vermutlich in ähnlicher Weise Boden faßte wie die ~Agathe Tyche~. 2. Die Schlangengottheit, d. i. der griechische Schutz- und Hausgott in Schlangenform. 3. Der Gott der hellenistischen Zeit, entstanden (wohl in Alexandria) durch Verbindung des vorigen mit dem in gleicher Form dargestellten und verehrten ägyptischen ~Agathodaimon~, sowie durch Identifikation mit dem schlangenförmig abgebildeten ~Chnum~ oder ~Kneph~ und mit ~Hermes-Toth~; in dieser Gestalt tritt er, nicht selten neben seinem Gegenbilde ~Kakodaimon~, in der okkultistischen Litteratur auf, in der Hermetik, Astrologie, Alchemie, Gnostik, in den Zauberbüchern usf.

Der Eigenname ~Agathodaimon~ bleibt bis in das 4. Jahrhundert nachweisbar; sein bekanntester Träger ist wohl der alexandrinische Geograph des 2. nachchristlichen Jahrhunderts, ein Nachfolger des ~Ptolemaios~, der u. a. auch die fälschlich als „ptolemäische“ bekannte Weltkarte entwarf (~Fischer~, ebd. 3, 59; M. G. M. 16, 178).

Im Orient lebte ~Agathodaimon~ zusammen mit ~Hermes~ bis in die spätesten Zeiten fort, wie u. a. das philosophische Handbuch des Persers ~Schirazi~ (gest. 1640) zeigt (~Horten~, „Der Islam“, Beiheft 2; Straßburg 1913). Den alten Quellen gemäß, aus denen er schöpft, sind ihm ~Agathodaimon~ und ~Hermes~ neben ~Empedokles~, ~Pythagoras~, ~Sokrates~ und ~Platon~ „die ältesten griechischen Philosophen“ (a. a. O. 14, 16, 146, 254) und neben ~Platon~ und ~Pythagoras~ die ältesten Astrologen (ebd. 16, 147, 229); ~Agathodaimon~ stammte wie ~Thales~ und ~Anaximenes~ aus Milet (ebd. 199), er war ein guter Geist und Engel, der u. a. dem ~Hermes~ die Offenbarung vermittelte (ebd. 201), und verfaßte vielerlei Bücher und Schriften (ebd. 242, 254).

Zu Seite 63:

+Schreiben der ~Isis~ an ~Horos~.+ Die Form des Briefes ist eine bei den Herausgebern magischer Schriften sehr beliebte (~Wessely~; vgl. dessen „Ephesia Grammata“, Wien 1886, 4).

Zu Seite 64:

+Eid der ~Isis~+: Eide dieser Art sind in den Ritualen der Mysterien-Religionen nicht selten und gelten auch in der Buch-Offenbarung noch als bindend für den Leser. Der vorliegende [dessen Überlieferungen nicht unerheblich auseinander gehen, s. bei ~Kopp~, a. a. O.] gehörte ursprünglich wohl einem griechischen Mysterienbrauche an, worauf das Schwören beim Acheron (nicht Charon!) zurückweist, doch ist ihm durch Interpolationen eine mehr orientalische Fassung zuerteilt (~Reitzenstein~).