Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange
Part 67
Für die sehr alte Bekanntschaft der +Sumerer+ mit dem Kupfer spricht schon der Umstand, daß bei ihnen unter den Namen der Metalle +allein+ der des Kupfers, urudu, mit keinem zusammengesetzten Ideogramm geschrieben wird[5760]; von den Metallgöttern, die die Sumerer nach ~Lenormant~ verehrten, soll der Gott des Kupfers der wichtigste und hervorragendste gewesen sein, und in Hymnen und Inschriften begegnet man nicht selten Sätzen wie „Dein Ruhm strahle wie Kupfer in hellem Glanze“, „Dein Übel zerrinne wie geschmolzenes Kupfer“ u. dgl. mehr[5761]. In den ältesten Schichten der Ruinen von Telloh fanden sich u. a. eine große Lanzenspitze des Königs ~Lugal~ von Kisch, der gegen 2900 den König von Telloh bekriegte[5762], eine Votiv-Tafel und -Statue[5763], sowie verschiedene Hacken und Geräte, sämtlich aus reinem Kupfer[5764], und ebensolche Götterbilder und Gefäße kamen aus den vermutlich gleichalterigen Gräbern in Ur zutage[5765]; da aber in beiden Fällen die kupfernen Gegenstände auch schon von bronzenen begleitet werden, so ist eine reine Kupferzeit für Sinear bisher nicht nachgewiesen[5766]. Das Metall einer Statue des Königs ~Bur-Sin~ von Ur (um 2600?) enthält 82% Kupfer und 18% Blei, und auch Kupfer mit 3% Eisen kommt vor[5767], doch lassen solche Zusätze keinen bestimmten Schluß auf eine spätere Herkunft zu, denn eine Statue des Königs ~Rin-Sin~ z. B. (um 2200?) besteht wieder aus ganz reinem Kupfer[5768]. Zur Zeit ~Gudeas~, um 2300, lieferte Kimâs (am oberen Euphrat?) vieles Kupfer[5769], und unter ~Hammurabi~ und ~Singarid~, der einen Höchstpreis für dieses Metall festsetzte[5770], war es billig und diente nur zur Herstellung von Geräten, Instrumenten (auch medizinischen)[5771], sowie Werkzeugen, u. a. der sog. Doppelbeile, deren Bestimmung aber auch in anderer Weise ausgelegt wird (s. unten). Noch später, im 16. Jahrhundert, erscheinen Kupfer- und Bronze-Gegenstände unter den Ausfuhrwaren Babyloniens nach Vorderasien, z. B. nach Syrien[5772].
Die +Ägäis+ weist im Palaste von Knossos auf Kreta Metalle nicht in den ältesten, bis gegen 4000 zurückreichenden Schichten auf, wohl aber in den der Zeit um 3000 angehörigen, und zwar hauptsächlich Kupfer (u. a. Schmucksachen aus Kupferdraht, die das Spiralmotiv zeigen), nach einigen aber auch schon etwas Bronze, so daß eine reine Kupferperiode nicht gesichert erscheint[5773]. Die Heimat jenes Kupfers ist aber nicht das metallarme Kreta selbst, sondern offenbar Cypern, das an der südwestlichen Küste zahlreiche und sehr ergiebige Fundorte besitzt, während des gesamten Altertumes wegen seiner reichhaltigen Minen und seiner vortrefflichen Erzeugnisse berühmt war und von der Sage zur eigentlichen Heimstätte des Bergbaues und der Metallurgie gestempelt wurde[5774]: sollen doch, wie noch ~Servius~ (5. Jahrhundert n. Chr.) überliefert, die Korybanten zuerst in Cypern die reichen Erze des Berges Koryum entdeckt und aus ihnen Kupfer auszuschmelzen gelehrt haben[5775]. Sehr frühzeitig, schon um 3000, war in Cypern das Kupfer vorherrschend und diente an Stelle des Steines zur Erzeugung von Waffen und Geräten, ohne daß jedoch auch hier eine scharfe Trennung von Kupfer- und Bronzezeit möglich wäre[5776]. Alsbald werden auch gewisse charakteristische Formen nachweisbar, z. B. die der Doppelaxt und der eigentümlich gestalteten, nach kyprischen Minen (von 608 g) oder deren Vielfachen ausgewogenen Barren[5777], die bereits während der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends zur Ausfuhr gelangen; wer diese vermittelte, von wann an die Phönizier an ihr teilhatten, ob diese wirklich gerade Cypern erst +nach+ der mykenischen Zeit eifriger besuchten[5778] und ob +sie+ es waren, die sodann das cyprische Kupfer zuerst nach Ägypten brachten (s. oben), ist ungewiß[5779]. Bald nach etwa 1600, sei es infolge politischer Verhältnisse und des Niederganges der mykenischen Kultur, oder der Fortschritte der Nautik, scheint Kreta zur wichtigsten Schiffsstation des ägäischen Meeres und zum Mittelpunkte des gesamten Kupfermarktes aufgestiegen zu sein; dies erklärt die ganz außerordentliche Verbreitung des Kupfers in Gestalt von Barren kretischen Gewichtes (der Mine von 618 g und ihrer Vielfachen), sowie von Doppeläxten[5780], betreff derer vielleicht auch ein Zusammenhang mit der hohen sakralen Bedeutung der λάβρυς (Lábrys, Doppelaxt) in Kreta anzunehmen ist[5781].
In +Troja+ tragen die untersten Schichten (um etwa 3300) noch völlig steinzeitlichen Charakter, scheinen aber bereits vereinzelte kupferne Erzeugnisse zu enthalten, z. B. sehr dünne Messer[5782]; die folgenden führen Geräte aus Kupfer, auch gegossene, schon ziemlich häufig[5783], gleichfalls aber bereits solche aus Bronze, so daß auch hier von einer reinen Kupferzeit nicht wohl die Rede sein kann[5784]. Grabstätten vom Charakter der sog. trojanischen Kultur aus der Zeit um 2000 finden sich auch in einigen Gegenden des inneren Kleinasiens und sind dort nicht minder reich an kupfernen Werkzeugen, Messern und Nadeln[5785].
Die +mykenische+ Zeit um 2000 besaß eine ausgebildete Kupferindustrie, verstand das Kupfer nicht nur kalt zu hämmern und zu gießen, sondern auch zu schmieden, zu treiben, zu löten, zu dünnen Blechen zu schlagen, zu feinen Fäden zu ziehen, usf., und bildete einen ihr eigentümlichen Dekorationsstil aus[5786]; Stücke, wie die große zu Mykene gefundene Kanne, oder wie die Dolche, die aus einem Kupferkerne mit einer Überfangschicht schwarzen Schwefelsilbers und eingelegten Figuren aus Gold oder Elektron bestehen, sind als hervorragende Leistungen des Kunstgewerbes anzusehen[5787]. Der χαλκεύς (Chalkeús), ursprünglich einfach ein Bearbeiter des Kupfers, später auch Kupfer-Gießer, war nunmehr zum eigentlichen Kupferschmiede geworden[5788].
Die +Griechen+ lernten vermutlich auch das Kupfer (Chalkós) durch die Phönizier kennen, die es anfangs als Händler brachten, hauptsächlich aus Cypern, später aber auch die ersten Bergwerke in Gang setzten, u. a. die zu Chalkis auf Euböa[5789]; wenn in der Odyssee[5790] ~Mentes~ nach dem kupferreichen (πολύχαλκος) Temesos fährt, um dort Kupfer einzutauschen, so hat man hierunter nicht Temesos in Unteritalien zu verstehen (obwohl es auch dort Kupfergruben gab), sondern Temesos auf Cypern[5791], wobei zu bemerken ist, daß sich der Name +beider+ Städte vom phönizischen (semitischen) tamassos = Schmelzhütte ableitet[5792]. Das Wort χαλκός weist übrigens nach ~Curtius~ nicht allein oder vorzugsweise auf Kupfer hin, sondern eher auf Metall überhaupt, und könnte mit dem semitischen chalaqa = bearbeiten in Verbindung stehen[5793]. Hierzu würde es stimmen, daß (wie erwähnt) χαλκεύς anfangs nichts weiter ist als ein „Bearbeiter“ des Kupfers, später aber, so schon bei ~Homer~, auch der irgend eines anderen Metalles[5794]; als möglich wird aber auch ein Zusammenhang zwischen χαλκός, dem Kupfer, und χάλκη, der Purpurschnecke, hingestellt, und zwar mit Beziehung auf die gemeinsame Farbe, nach der beide die „Roten“ hießen[5795]. Doch bezeichnet χαλκός fast von Anbeginn an ebensowohl das rote Kupfer wie die goldfarbige Bronze (Erz), so daß die meisten Litteraturstellen, selbst die berühmte hesiodische, die vom „Zeitalter des Erzes“ berichtet, eine gewisse Unklarheit darüber walten lassen, welches von beiden Metallen im Einzelfalle gemeint sei.
In Italien stehen die +Etrusker+ sehr frühzeitig im Besitze reichlichen Kupfers, das sie zum Teil aus den ergiebigen, aber bald erschöpften Gruben der Insel Elba erhielten, zum Teil auf dem Wege des Seehandels[5796]. Kupfer-Bergwerke waren außerdem in der lokrischen Ansiedlung Temesos (Temesa) vorhanden, sowie an verschiedenen anderen Stellen der Halbinsel[5797]; spät (kaum vor 500 v. Chr.) und verhältnismäßig spärlich findet sich Kupfer in den Grabstätten der Po-Ebene[5798], was aber vielleicht nur auf besonderen Zufällen beruht. Im mittleren Italien ist Kupfer, als vorgewogenes Brocken-Kupfer, „aes rude“ oder „raudus“, schon seit dem 9. Jahrhundert ein wichtiger, später aber bis zum 3. Jahrhundert herab, ein fast allgemeiner Wertmesser; allmählich treten hierbei an die Stelle der ungeformten Brocken Kupfer-Stücke oder -Barren, die schließlich auch gemustert und wie die römisch-campanischen mit eingepreßten schönen Bildern von Schweinen oder Stieren verziert werden (daher pecunia = Geld, von pecus = Vieh, das ursprünglich in natura zur Bezahlung diente). Diese Umstände machen die einflußreiche Rolle erklärlich, die Worte spielten wie pendere (zahlen; eigentlich abwägen) und die von aes abgeleiteten aestimare (bewerten, schätzen; eigentlich mit Erz aufwägen), aerarium (Erz-Schatz), u. dgl. mehr[5799]. Wie χαλκός, so bedeutet übrigens auch aes sowohl Kupfer wie Bronze, und es läßt sich nicht stets ohne weiteres entscheiden, welches von diesen. -- Die Inseln des westlichen Mittelmeeres sollen in ältester Zeit, früheren Vermutungen entgegen, nicht viel Kupfer erzeugt haben, ganz außerordentliche Mengen besaß hingegen +Spanien+, vor allem in den Minen der asturischen Gebirge bei Oviedo, deren Halden bis in das zweite Jahrtausend zurückreichen[5800], sowie in jenen der Sierra Morena; aus Tartessos, das die einen für den Namen einer Stadt, die anderen für die Bezeichnung der ganzen Südwestküste erklären, holten es die Phönizier schon seit Beginn ihrer Fahrten nach dem Westen, und es war wohl die älteste und damals wichtigste Ausfuhrware des Landes.
Über das Auftauchen des Kupfers in +Mitteleuropa+ gehen die Meinungen der Forscher noch stark auseinander. Schon in Grabresten, die noch der reinen Steinzeit (um etwa 2500) angehören, finden sich vereinzelt aus kupfernen Perlen oder Drähten hergestellte Schmucksachen, die allem Anscheine nach dem Südosten Europas entstammen[5801]; bekannter wird das Kupfer aber erst gegen 2000 und gewinnt, durch Einwanderer oder Tauschhändler aus dem Südosten herangebracht, weitere, jedoch nur langsame Verbreitung[5802], teils in Gestalt von Spangen, Ringen u. dgl., teils in der von Barren und Beilen[5803]. Diese, namentlich die Doppelbeile, die ihren ersten Ursprung von sumerisch-babylonischem Boden her genommen haben sollen[5804], scheinen nach ~Forrer~ zuerst aus Cypern, seit etwa 1300 aber aus Kreta gekommen zu sein und zeigen dementsprechend anfangs die cyprischen, später die kretischen charakteristischen Formen und Gewichte[5805]. ~Regling~ glaubt zwar, daß ~Forrer~ seine Befunde nicht selten „phantastisch verwertet habe“[5806], gibt aber doch zu, daß die vermutlich cyprischen Doppelbeile der sog. Depot- oder Massenfunde, deren etwa 20 aus ganz Mitteleuropa bekannt sind, zum Teil eingeschlagene Fabriks- oder Gewichtsmarken tragen und daher „in einigen Fällen justiert worden sind[5807]; er betrachtet übrigens diese „praktisch unbenützbaren Formen“ nicht als Werkzeuge, sondern als „Metall in gebrauchsfähiger Gestalt“, im Sinne von Wertgegenständen oder Geldvorräten, etwa wie die späteren eisernen „Spieße“ der Spartaner, die ὄβελοι oder ὀβελίσκοι (Obelisken)[5808]. Nach Nordeuropa verbreiten sich die nach kretischen Minen abgewogenen, 0,5-3 kg schweren Barren und Doppeläxte nur sehr langsam[5809], so daß dort die eigentliche Kupferzeit erst erheblich später einsetzt als in Mitteleuropa, wo sich z. B. um 2000 in den Pfahlbauten des Mondsees schöne Äxte aus reinem Kupfer bereits in größerer Zahl vorfinden[5810]; erst im Verlaufe dieser Kupferzeit, die in Mitteleuropa etwa von 2000 bis 1800 währt, lernt man daselbst zunächst Kupfer, und zwar fertig zugebrachtes, selbst zu gießen und nach dem Vorbilde der noch lange in Benützung bleibenden Steingeräte zu formen[5811], schließlich aber vielleicht auch schon, aus seinen Erzen an Ort und Stelle zu gewinnen. Ob indessen die Annahme zutrifft, daß für Kupfer-Bergbau und -Verarbeitung in Ungarn, Deutschland, den Alpengegenden usf., -- keinesfalls aber in Skandinavien --, ein derart hohes Alter in Anspruch zu nehmen sei[5812], bleibt immerhin zweifelhaft; erstens dauert nämlich die Einfuhr von Kupfer in Gestalt von Ringen kretischen und phönizischen Gewichtes noch nach Beginn des 1. Jahrtausends (der sog. frühen Hallstädter Zeit) fort[5813], und zweitens reichen die ältesten Kupferbergwerke der Alpen, z. B. die zu Mitterberg und Kitzbüchel, keinesfalls so weit zurück, wie dies ~Much~ und andere Forscher voraussetzten[5814], sie gehören vielmehr nach den Untersuchungen von ~Hoernes~ erst der Bronzezeit an[5815].
Widersprechen nun obige Tatsachen einerseits der von einigen Gelehrten verfochtenen Theorie, der gemäß das Kupfer in Mittel- und besonders in Nordeuropa einen selbständigen Entstehungskreis besitze, so sind sie andererseits auch schwer vereinbar mit den Anschauungen von ~Montelius~, nach denen zwei Verbreitungswege des Kupfers nach Mittel- und Nordeuropa in Frage kommen sollen, ein östlicher über die Balkanländer und den Balkan, sowie ein westlicher über das Mittelmeer und den Boden des heutigen Frankreichs[5816]. Gallien war während des gesamten Altertums, ja selbst zu römischer Zeit, niemals besonders reich an Kupfer[5817], wie ja auch von Britannien noch ~Caesar~ behauptet, man mache daselbst nur von eingeführtem Kupfer (aere importato) Gebrauch[5818]. Falls es nun richtig ist, daß gegen Ende der Steinzeit gewisse rundköpfige Stämme aus den Hauptsitzen der sog. Grenelle-Rasse im nördlichen Frankreich über den Rhein und quer durch Deutschland weithin nach Osten und Norden drangen und daß diese damals zuerst das Kupfer verbreiteten, in dessen Besitz sie sich bereits befanden[5819], so fehlt bisher jedenfalls der Nachweis, daß und auf welche Art sie ihre Kenntnisse aus dem Orient empfingen; woher sonst sie ihnen zukamen, bleibt aber allerdings ebenfalls im Dunkeln, und so liegt hier eines der zahlreichen noch ungelösten Rätsel vor, wie z. B. das betreffs der oben erwähnten Kupferbeile der Charente, die eine gewisse Zeit lang bis 3% Arsen enthalten, während sie sich nach deren Ablauf gänzlich arsenfrei erweisen[5820].
Die +Indogermanen+ kennen vor ihrer Trennung und der Zeit der beginnenden Abwanderung aus ihrer immer noch vielumstrittenen Urheimat, also um 2500 und gegen Ende der jüngeren Steinzeit, nur +ein+ Metall, das Kupfer, benützen aber auch dieses nur in sehr beschränktem Umfange, und zwar in Form von Schmucksachen, Flachbeilen, Dolchen, Pfriemen, vielleicht auch Sicheln; sie verstehen, es in Steinformen zu gießen, nicht aber, es zu schmieden[5821]. Nach dem einen Namen des Kupfers, „ayas“ (lat. aes), der zu den ältesten Bestandteilen des indogermanischen Wortschatzes gehört, benennen sie später die ihnen neu bekannt werdenden Metalle, z. B. Gold, als „das gelbe“, Silber als „das weiße“, Eisen (Stahl) als „das blaue“, nämlich Metall[5822]; ein zweiter Name ist raudhâ oder roudhos, der das Kupfer als das „Rote“ bezeichnet, aber auch mit dem anklingenden sumerischen urudu in Zusammenhang stehen soll, -- so wie pereku, das Beil, gr. πέλεκυς (Pélekys), sanskr. paraçu, mit sumer. balag, assyr. pilakku --, ohne daß sich aber angeben ließe, wo oder gar wann diese Beziehung vermittelt wurde[5823]. -- Daß die westlichen +Finnen+ auch vom Kupfer (rauta, ruda) erst durch indogermanische Nachbarn Kunde erlangt hätten, trifft nicht zu; sie waren offenbar schon in ihrer alten Heimat, als die das Ural-Gebiet angesehen wird, mit ihm wohlvertraut[5824] und erklären es in ihren Volkssagen als das älteste Metall. In der „Kalewala“ wird daher der Gott ~Ilmarinen~ gleich mit den kupfernen Geräten des Schmiedes geboren, Kupferschmiede spielen eine große Rolle, und das Kupfer (nicht aber die ganz unbekannte Bronze) findet unzählige Verwendungen[5825]; das nämliche ist im „Kalewipoeg“ der Fall, und in den „Esthnischen Märchen“ gelten u. a. auch kupferne Geräte als „bei uns zu Lande verfertigt“[5826].
Seit wann in +China+ und +Indien+ Kupfer bekannt ist, und ob man daselbst eine eigentliche, jener der Bronze vorausgehende Kupferzeit anzunehmen hat, entzieht sich nach Maßgabe der vorliegenden Funde und Berichte noch jeder Beurteilung[5827]; die zahlreichen von ~Pfizmaier~ zusammengestellten chinesischen Angaben sind teils unklar, teils verraten sie sichtlich schon arabische Einflüsse, wie die über das männliche und weibliche Kupfer, über den „Geist des Kupfers“, über die fünf farbigen Arten des Kupfers, über die „Blüte des Kupfers“ (= Grünspan), die gemeinsam mit Zinnober, Kupferlasur, sowie männlichem und weiblichem Arsen, die „fünf Steine“ bildet, usf.[5828]. In Indien sprechen die Fundstücke für ein sehr hohes Alter des Kupfers, dessen Gewinnung seit jeher in den äußerst unvollkommenen, jedoch mit einer Art Blasebalg versehenen, kleinen Öfen erfolgt sein mag, die daselbst noch gegenwärtig im Betriebe anzutreffen sind[5829]; bemerkenswert ist es, daß noch zu Beginn unserer Zeitrechnung ~Strabon~ versichert, die Indier kennten keine geschmiedeten Kupfergefäße, sondern nur gegossene, die beim Hinfallen zerbrächen wie irdene[5830].
+Persien+ besaß reiche Kupfergruben, die während des ganzen Altertums und Mittelalters in dauerndem Betriebe standen, dessen noch 629 der chinesische Pilger ~Hiuen-Thsang~ gedenkt[5831]. Die bei den Ausgrabungen in Susa zutage gekommenen ältesten Werkzeuge und Nägel bestehen aus reinem Kupfer[5832], dessen erste Darstellung die persische Sage in die fernste Urzeit zurückverlegt und dem völlig mythischen Schah ~Hoscheng~ zuschreibt; in ~Firdusis~ „Schahnameh“ heißt es von ihm[5833]:
„Erz und Gestein er schied mit Verstand. Zum Werkstoff glänzendes Erz er macht’, Das er zog aus dem Felsenschacht: Er kannt’ es und fing die Schmiedekunst an, Durch die er Beil, Säg’ und Axt gewann.“
Auch in den uralten Vorstellungen vom Weltende, die nach den „Gathas“ genannten Verspredigten im „Avesta“ von ~Zarathustra~ selbst, also wohl aus dem 2. Jahrtausend, herrühren sollen, spielt das Kupfer eine wichtige Rolle: neben dem roten Feuer erwähnen sie das rote, lohende, geschmolzene Metall, dessen glühenden Strom die Auferstehenden durchschreiten müssen, wobei ihn die Guten als ein laues Bad empfinden, während er den Bösen die furchtbarsten Qualen bereitet[5834]. In der jüngeren Fassung des „Avesta“ tritt dann unter den auch schon den Gathas bekannten sechs iranischen Erzengeln die Gestalt des ~Schahrewar~ auf, des „Oberherrn der Metalle“, des „Herrn der 7 Metalle“, der diese schmilzt, „das Eisen, das Blei und das gemeine Metall“ (d. i. das Kupfer); im „Bundehesch“ ist er der „Herr der Waffen und der Waffengewalt“, in den späteren Pehlewi-Texten aber der „Geber des Reichtums“, nämlich der Metalle, die Geld und Gut darstellen, und die er am jüngsten Tage durch ein herabfallendes Meteor (?) schmilzt, wobei sie die Gerechten wie laue Milch umfangen[5835].
Bei den +Arabern+ scheint das Kupfer erst nach der Eroberung Persiens weitere Verbreitung gefunden zu haben[5836]; sehr frühzeitig wird ein persischer Klient als Kupferschmied erwähnt[5837], und zur Zeit des Khalifats sind alsbald große Mengen Kupfer vorhanden, Erzeugnisse Syriens, Kleinasiens, der südöstlichen Küstenländer des schwarzen Meeres, Armeniens, Kermans (des alten Karmaniens)[5838], aber auch des Maghrebs (Westafrikas)[5839] und nicht zum wenigsten Transoxaniens und Ferghanas, die als ebenso reich an Kupfer gerühmt werden wie an Türkis, Marienglas, Nûschâdir (Salmiak), Schwefel, Naphtha und zahlreichen anderen Mineralien, Erzen und Metallen[5840].
Was die +Namen+ des Kupfers betrifft, so sind das sumerische urudu und das indogermanische ayas bereits oben erwähnt worden; von letzterem leiten sich das indische ayas ab, das altpersische ayah, das gotische aiz, das lateinische aes, vielleicht auch das keltische umajo und das irische umae[5841]. Mit der roten Farbe des Kupfers hängt die zweite indogermanische Bezeichnung zusammen, raudhâ oder roudhos, und mit dieser wieder die für Rot und Kupfer im Indischen (rudhira und lôha), im Altpersischen (ruad und rôdh, wovon neupersisch rôy), ferner das griechische ἐρυθρός, das lateinische ruber, das gotische raudo, das altslavische rudru und das südslavische ruda, das lettische raudunes, das altpreußische rauda, vielleicht auch das finnische rauta oder ruda, sowie das baskische urreïda[5842].
Für das Wort „Kupfer“ sind einige weithergeholte Etymologien vorgeschlagen worden, nach ~Ludwig~ z. B. käme es vom semitischen K’pôr = Deckel, Scheibe, bedeutete also eigentlich Platten- oder Scheibenkupfer[5843]; nach ~Wilser~ hätten die Römer ihr cuprum der Sprache nordischer Völker entlehnt, etwa solcher Britanniens oder Skandinaviens, woselbst die Kupfergewinnung eine ganz außerordentlich alte sei[5844], -- welche letztere Behauptung übrigens nach ~Hoops~ durchaus nicht zutrifft[5845]. Die größte Wahrscheinlichkeit spricht vorerst immer noch für die nächstliegendste und natürlichste Erklärung, der gemäß cuprum von Cypern abzuleiten ist[5846], seiner ältesten und wichtigsten Gewinnungsstätte, deren hohe Bedeutung auch weiter fortdauerte, als die Insel 57 v. Chr. in römischen Besitz übergegangen war: machte doch noch Kaiser ~Augustus~ dem ~Herodes~, der ihm 300 Talente als Gabe dargebracht hatte, ein wahrhaft kaiserliches Gegengeschenk, indem er ihn mit dem halben Ertrage der cyprischen Erzgruben belehnte[5847]. Das Griechische besaß ursprünglich keinen mit Cypern zusammenhängenden Namen für Kupfer, vielmehr hieß dieses einfach χαλκός (Chalkós), so wie die Bronze, oder zuweilen zum genaueren Unterschiede von dieser χαλκός ἐρυθρὸς = rotes Kupfer, so schon bei ~Homer~[5848], aber auch noch bei ~Poseidonios~ (um 100 v. Chr.)[5849]. Das Lateinische kennt den nämlichen Ausdruck „aes rubrum“, neben diesem tritt aber auch „aes cyprium“ auf, das sich z. B. bei ~Vitruv~ findet, ferner „aes cypreum“ (oft bei ~Plinius~), „aes cyprinum“ und „aes cupreum“; „cuprum“ allein (ohne aes), sowie „cuprinus“ (= kupfern), kommen dagegen erst bei sehr späten Schriftstellern vor, z. B. bei ~Spartianus~ (4. Jahrhundert), bei ~Palladius~, und einigen anderen von ~Rossignol~[5850] und ~Blümner~[5851] aufgezählten Autoren, denen noch der Arzt ~Caelius Aurelianus~ (5. Jahrhundert) anzureihen wäre, der an einer Stelle „lepida cyprina“ (Kupfer-Schuppen) vorschreibt[5852]. Die späte Nachweisbarkeit einer Vokabel in der Litteratur erbringt freilich keine Entscheidung über ihr Alter, es wird z. B. kaum jemand voraussetzen, daß das Wort vitrum = Glas, für das bisher ~Cicero~ der früheste Gewährsmann sein soll, erst zu seiner Zeit plötzlich aufgetaucht sei; so wird wohl auch, neben vielen anderen als cyprische bekannten Erzeugnissen, das cyprische Erz, aes cyprium, cypreum, oder cupreum, im Sinne von Kupfer, dem Volksmunde längst vertraut gewesen, und in der Vulgärsprache abgekürzt „cuprum“ genannt worden sein, worauf u. a. die Bezeichnung der εἰς κύπρον (in Kýpron, in Kupfer) Arbeitenden im Maximaltarife des ~Diokletian~ von 301 hinweist (s. oben S. 274). In ganz ähnlicher Weise ging z. B. der (+nicht+ von Cypern abzuleitende) Name der Cypresse, der noch bei dem höfischen ~Vergil~ „cyparissus“ lautet[5853], nach Beginn der Kaiserzeit, und anscheinend gerade unter Anlehnung an „cuprum“ ganz allgemein in „cupressus“ über, war jedoch schon weit früher in dieser Gestalt gebräuchlich, was sich hier rein zufällig aus einem Verse des ~Ennius~ (239-169 v. Chr.) belegen läßt[5854]. -- Nichts zu tun hat „cuprum“ mit dem von ~Varro~ als sabinisch überlieferten „ciprum“ = gut[5855] und mit den etrurischen Städtenamen Cupra maritima und montana; diese selbst führt man wieder auf eine Göttin ~Cupra~ zurück, in der man bald die griechische ~Kypris~ erblicken wollte, bald die römische ~Juno~, weil nach ~Pausanias~[5856], der aber hierin schon völlig den synkretistischen Anschauungen folgt, ~Hera~ auch ~Aphrodite~ genannt worden sei[5857]. -- Unter den romanischen Sprachen besitzt nur die französische das von cuprum abgeleitete cuivre; die übrigen nahmen das vulgär-lateinische „aeramen“ (etwa = Kupferzeug) auf und bildeten, wie z. B. das italienische „rame“ zeigt, ihre Ausdrücke aus diesem.
5. Bronze.