Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange
Part 63
In ~England~ war die Alchemie im 13. und 14. Jahrhundert nicht minder verbreitet als in Frankreich; während der andauernden Kämpfe zwischen diesen beiden Ländern, die die englischen Finanzen wiederholt in die mißlichste Lage brachten, scheint sie in nahe Beziehungen zur Münzfälschung getreten zu sein, die von englischer Seite zeitweise geradezu von Staats wegen gefördert wurde, angeblich auch, um den feindlichen Wohlstand durch das in Umlauf gesetzte Truggold zu schädigen. Jene äußerst anrüchige Verbindung, die zu mehrmals wiederholten strengen Verboten führte, u. a. durch ~Carl~ V. (1380) für Frankreich und ~Heinrich~ VI. (1404) für England[5350], erklärt wohl die Tatsache, daß die Alchemie in England verhältnismäßig frühzeitig in so völligen Verruf kam, wie ihn das 4. Buch der „Confessio amantis“ des Dichters ~Gower~ (vollendet 1390)[5351] und in noch höherem Grade die „Canterbury-Tales“ seines Zeitgenossen ~Chaucer~ (verfaßt 1391?) ersehen lassen: die ganze ausführliche „Erzählung des Canonicus“[5352] ist eine einzige schonungslose Satire auf das unverschämte Auftreten, die frechen Vorspiegelungen und die gemeinen Betrügereien der Alchemisten, dieser würdigen Klienten ihrer Schutzpatrone, des ~Platon~, ~Hermes~ und ~Arnold~ von ~Villanova~. -- Auf die Dauer hielt diese Erkenntnis überlegener Geister freilich auch hier nicht vor, und im 15. und 16. Jahrhundert zeigt sich die gerade in England besonders konservative Denkweise der großen Menge wieder völlig durchsetzt von alchemistischen und astrologischen Vorstellungen und Gedanken. Daß solche jedermann verständlich waren und selbst dem gewöhnlichen Theaterbesucher durchaus vertraut klangen, beweisen die sehr mannigfaltigen Anspielungen auf dramatischem Gebiete: so z. B. erhalten in „Maria Magdalena“, einem der seit 1450 besonders zahlreichen und beliebten „Moralitäten- und Mysterien-Spiele“, die ausziehenden 7 „Fürsten der Hölle“ (= 7 Todsünden) als Geschenke der Planeten deren 7 Metalle, von der Sonne das Gold, vom Monde das Silber, vom Mars das Eisen, vom Merkur das Quecksilber, von der Venus das Kupfer, vom Jupiter das Zinn, vom Saturn das Blei[5353]; die zwischen 1590 und 1612 auf der Bühne erschienenen Werke ~Shakespeares~ wimmeln von alchemistischen und astrologischen Hinweisungen[5354]; sehr häufig finden sich solche auch in den Stücken seiner Zeitgenossen, u. a. des ~Lilly~ (1554-1602), z. B. in der „Gallathea“[5355], sowie in „The woman in the moon“, worin „Natur“ eine Hirtin ~Pandora~ erschafft und mit allen möglichen Gaben ziert, „geraubt den Göttern der 7 Planeten“, die dann zur Rache „aufgehen“ und ~Pandora~ auch aller ihrer bösen Eigenschaften teilhaftig machen, bis sie zuletzt unter dem Einflusse der Luna „lunatic“ (wahnsinnig) wird[5356]; ~Ben Jonsons~ Lustspiel „Der Alchemist“ (1610) setzt sogar eine völlig ins einzelne gehende Kenntnis des alchemistischen Schwindels, mindestens aber ein sehr lebhaftes Interesse für ihn voraus[5357].
Auch in einem bald nach 1500 verfaßten erzählenden Gedichte des ~Hawes~, Hofpoëten König ~Heinrich~ VII., besiegt ein die „Seele“ verkörpernder Ritter das „Ungeheuer der 7 Metalle“, dessen Glieder eine Zauberin unter dem Einflusse der gerade regierenden Planeten schuf, -- das Haupt aus Gold, den Nacken aus Silber, die Brust aus Eisen, die Vorderfüße aus Messing [Mischmetall?], den Rücken aus Kupfer, die Hinterfüße aus Zinn, den Schweif aus Blei[5358] --, und noch in den um ein Jahrhundert jüngeren Erzählungen des ~Barclay~, „Euphormio“ (1603) und „Argenis“ (1621), diesen (in lateinischer Sprache geschriebenen) Moderomanen der Zeit, die ihren Weg sofort durch alle Länder Europas nahmen, spielen Alchemie und Astrologie eine ausführliche, sichtlich den Bedürfnissen des Leserkreises angepaßte Rolle[5359].
In wissenschaftlicher Hinsicht sei daran erinnert, daß ~Bacon~ von ~Verulam~ (1551-1626) zwar die eigentliche Alchemie verwirft, dagegen auf Grund seiner eigenen Theorien vom Wesen der Materie die Umwandlung der unedlen Metalle in edle, sowie die künstliche Darstellung des Goldes für sehr wohl möglich erklärt; er gibt hierzu sogar eine ausführliche Anweisung, die darauf hinausläuft, die einzelnen, seiner Ansicht nach selbständig bestehenden „Formen“ des Goldes, also die gelbe Farbe, den Glanz, die Dehnbarkeit und Hämmerbarkeit, das hohe spezifische Gewicht usf., zu vereinigen, um so eine Art Synthese des Goldes zu bewerkstelligen[5360]. -- Während der folgenden Jahrhunderte traten in England noch eine ganze Reihe einflußreicher Alchemisten auf, deren Schriften in ~Ashmoles~ „Theatrum chemicum Britannicum“[5361] und zum Teil auch in den „Collectanea chemica“ abgedruckt sind[5362]. Kaum glaublich erscheint es, daß noch 1702 ~Dickinson~ großes Aufsehen mit der Behauptung erregen konnte, der Mensch enthalte infolge astraler Einflüsse wahres Quecksilber im Blute und wahre Metalle in Fleisch, Eingeweiden und Exkrementen, so daß man aus seinem Körper Gold, die Universaltinktur, sowie den Stein der Weisen auszuziehen vermöge[5363]; aber sogar noch 1779 kaufte das Parlament einer alten Jungfer namens ~Jane Stephens~ ihr Verfahren zur Herstellung des Steines der Weisen für 5000 Pfund ab, „um es zum allgemeinen Nutzen öffentlich bekannt zu machen“, -- „jedoch (so sagt ~Wiegleb~ sehr hübsch)[5364], wie gewöhnlich, bekannt gemachte Geheimnisse verlieren ihren Wert!“
Für +Deutschland+ zählen die oben angeführten Berichte bei ~Adam~ von ~Bremen~ (gest. 1076) über das Erscheinen eines byzantinischen Alchemisten namens ~Paulus~ am Hofe des Erzbischofs ~Adalbert~ von ~Bremen~[5365], -- er behauptete, Kupfer in Gold verwandeln zu können --, sowie des ~Albertus Magnus~ über die Tätigkeit der Kölner Fälscher jedenfalls zu den ältesten Erwähnungen der Alchemie. Irrtümlich ist die Behauptung, daß ihrer auch der sprachgewaltige Kanzelredner Bruder ~Berthold~ von ~Regensburg~ (gest. 1272) gedenke, denn in seinen Predigten erwähnt er zwar oft die 7 Planeten und ihre vielerlei Kräfte[5366], auch die vier Elemente[5367], das Wachsen von Gold und Silber in der Erde[5368], die Legierungen von Zinn mit Gold und Kupfer, deren erstere sich wieder zerlegen lasse, während die letztere „kein Meister und nicht die ganze Welt voneinander bringen kann“[5369], nirgends berührt er aber auch nur mit einem Worte die Goldmacherei.
Außerordentlichen Aufschwung nahmen Alchemie und Astrologie seit Beginn der Renaissance, die zwar den Hang zur Mystik und sog. Geheimwissenschaft allerorten steigerte, nirgendwo aber in höherem Maße als in Deutschland, dessen Zersplitterung und Kleinstaaterei den „Adepten“ ein von der kaiserlichen bis zur bescheidensten reichsunmittelbaren Hofhaltung herabreichendes, ebenso ausgebreitetes wie lohnendes Feld der Tätigkeit eröffnete. Unter den Größen des 15. Jahrhunderts sei an dieser Stelle nur „die Leuchte der Weisheit“, der hochgelehrte Abt ~Trithemius~ von Sponheim bei Kreuznach (1462-1516) erwähnt; er selbst scheint zwar nichts von Goldmacherei gehalten zu haben, sein 1506 zu Passau schon gedruckt erschienenes „Wunderbuch“ ist aber eine wahre Fundgrube abergläubischer Vorstellungen, u. a. derer über die 7 Planeten, ihre Geister und Zeichen[5370]; über die zugehörigen Pflanzen, Steine und Metalle, sowie deren innere Verwandtschaft mit den Wandelsternen[5371]; über die unreifen und reifen Metalle nebst ihren Zwittern und Hermaphroditen (auch einen aus Eisen und metallischem Antimon)[5372]; über das ägyptisch-chaldäische „Elektron magicum“, eine aus allen sieben Metallen zusammengeschmolzene Legierung, deren unbeschreibliche Eigenschaften sie besonders geeignet zur Anfertigung von Zaubervorrichtungen aller Art machen[5373], usf.
Bei ~Trithemius~ erwarb, nach eigener Angabe, einen erheblichen Teil ihrer alchemistischen Kenntnisse die größte Gestalt der deutschen Renaissance, ~Theophrastus Paracelsus~ (~Hohenheim~; 1483-1541), auf dessen überragende Bedeutung für die Geschichte der Medizin, der Chemie und anderer Wissenschaften nebst ihren Seitenzweigen, aber auch für die des Humanismus und der Mystik, hier nur hingewiesen, nicht eingegangen werden kann. Der Umfang seiner überlieferten einschlägigen Schriften, -- sie füllen in der Sonderausgabe von ~Waite~[5374] etwa 800 Seiten in Großquart --, die Schwierigkeit, sie angesichts des fast völligen Mangels eigenhändiger Manuskripte in echte, entstellte und untergeschobene zu sondern, die Unsicherheit betreffs ihrer zeitlichen Entstehung, nicht zum mindesten auch die Dunkelheit und Zweideutigkeit des Ausdruckes, machen es ungewöhnlich schwer, über die wahren Ansichten des ~Paracelsus~ Klarheit zu gewinnen. An vielen Stellen verwirft er die eigentlichen Lehren der Alchemisten, „dieser Narren, die leeres Stroh dreschen“; an vielen billigt er sie, wenn auch oft nur zum Teil und in abgeänderter Weise, wie er denn Schwefel und Quecksilber als die beiden Grundbestandteile aller Substanzen annimmt, ihnen aber „Salz“ als einen gleich wichtigen dritten hinzufügt; an anderen deutet er sie symbolisch um, und an wieder anderen überträgt er sie aus dem Gebiete der Chemie in das der Medizin und gelangt so zu seinen iatrochemischen Elixiren, Essenzen, Quintessenzen („Tugenden der Dinge“), Tinkturen, Arkanen[5375], Panaceen, Allheilmitteln und Universalpräparaten[5376]. Die durch ~Paracelsus~ und die Paracelsisten entfesselte Bewegung war mächtig und tiefgreifend; nicht nur im deutschen Reiche, sondern in allen Kulturländern löste sie geistige Kämpfe von weitgehender Bedeutung aus, und wie so oft in derlei Fällen trugen die Mißverständnisse und Übertreibungen der Schüler nicht zum wenigsten dazu bei, auch den schwachen Lehren des Meisters unverdiente Beachtung zu verschaffen, hier also der Alchemie zu neuem und gesteigertem Ansehen zu verhelfen.
In der Zeit vor und gegen 1500 war dieses auf einen gewissen Tiefpunkt gesunken, so daß z. B. ~Sebastian Brand~ im „Narrenschiff“ (1494) die Alchemisten und Astrologen nicht nur als Narren hinstellt, sondern als Gauner, Betrüger und gemeingefährliche Fälscher[5377]; als solche sahen sie auch die Behörden an, und es erklären sich hieraus die wiederholten und strengen Verbote der Alchemie, wie sie u. a. 1492 die Reichsstadt Nürnberg erließ, allerdings ohne dauernden Erfolg[5378]. Noch für den in den Naturwissenschaften nicht unbewanderten ~Melanchthon~ (1497-1560), der übrigens Schwefel und Quecksilber als Universalelemente bestehen ließ, ist die Alchemie nichts weiter als ein „sophistischer Schwindel“[5379], während ~Luther~ (1483-1546) zwar die Astrologie mit fast gleichlautenden Worten verwirft[5380], die Alchemie aber mit Rücksicht auf die Wiederbelebung der getöteten Metalle milder beurteilt, „besonders um ihrer Allegorie und heimlichen Deutung willen, die überaus schön ist, nämlich die Auferstehung der Toten am jüngsten Tage“[5381]. Irrtümlich ist die Angabe, daß auch sein Zeitgenosse ~Agricola~ (1494-1555) zu Chemnitz ein Freund oder gar Förderer der Alchemie gewesen sei; die Schriften, aus denen dies gefolgert wurde, gehören nämlich nicht ihm an, sondern einem Namensvetter, während er selbst sich in seinen ausgezeichneten und geradezu grundlegenden mineralogischen und metallurgischen Werken durchaus zurückhaltend äußert und allenfalls nur die Frage nach der bloßen Möglichkeit einer Metall-Verwandlung als eine vorerst noch offene bestehen läßt.
Etwa von 1550 an schwillt allerorten, zumeist aber in Deutschland, die alchemistische Litteratur zur Hochflut auf, so daß um 1650 die Zahl der zugehörigen Werke von ~Borelli~ auf annähernd 4000, und um 1720 von ~Rothscholz~ auf über 5000 beziffert wird[5382], -- und alles dies, ohne daß auch nur ein einziger wirklich neuer Gedanke befruchtend eingriffe! Der Alchemie huldigen nicht nur die Mystiker, wie etwa ~Khunrath~ (1560 bis 1605), Verfasser des „Amphitheaters der ewigen Weisheit“ und des „Dreieinigen natürlichen Chaos der Chemiker“, oder ~Jakob Böhme~ (1575 bis 1624), der sich in der „Signatur der Dinge“, der „Aurora“ usf., an der Macht der Planeten und ihres Zubehörs, an den Kräften des „Marcurius“ und „Sallniter“, an den Wundern des Schwefels, Quecksilbers, Salzes, u. dgl. mehr, gar nicht genug zu tun weiß, sondern auch die bedeutendsten Naturforscher des Zeitalters, u. a. ~Libavius~ (gest. 1616), ~Van Helmont~ (1577-1644), der den Stein der Weisen selbst in der Hand gehabt und mit größtem Erfolge gebraucht hat, ~De la Boe~ (1614-1672), ~Kunckel~ (1630-1702), ja zum Teil sogar ~Boyle~ (1626-1691) und ~Boerhaave~ (1686-1738); und doch hatte dieser selbst nachgewiesen, daß die Metalle weder Schwefel noch Quecksilber enthielten, daß die Fixation des letzteren unmöglich sei, und daß sich Blei nicht in Quecksilber überführen lasse[5383]. Auch für diese Periode findet sich also bewährt, was ~Kopp~ betreffs des Mittelalters ausspricht: „Daran, daß die Alchemie ihr Problem lösen könne, glaubten fast alle, daran, daß sie es bereits gelöst habe, und zwar mit großartigem Erfolge, die meisten, selbst hervorragende geistige Größen[5384].“
Sehr vereinzelt stehen unbedingte Verurteilungen da, wie die durch den berühmten Jenaer Mediziner und Anatomen ~Rolfink~ (1599-1673), der die an Alchemie Glaubenden den Starblinden gleichstellt[5385], oder durch den, trotz aller Absonderlichkeiten, von staunenswertem Wissen erfüllten ~Athanasius Kircher~ S. J. (1665); dieser will zwar nicht bestreiten, daß vordem, jedoch freilich nur mit Hilfe des Teufels, künstliches Gold gemacht worden sei, im übrigen sind aber für ihn einfach alle Astrologen Beutelschneider und alle Goldmacher Münzfälscher[5386]. Der gesunde Sinn solcher Männer verdient aufrichtige Bewunderung, wenn man liest: wie sich 1629 der Vorsteher der kurfürstlichen Sammlung in Dresden bemühte, die 7 Hauptmetalle den Kräften der 7 Planeten gemäß aufzustellen und „auszuteilen“[5387]; wie 1669 ~Becher~, in vielem unbedingt einer der offensten Köpfe seiner Zeit, mit weitläufigen Darlegungen die Behauptung verteidigt, König ~Salomon~ habe, trotzdem er genötigt war Gold aus Ophir holen zu lassen und seine Untertanen übermäßig zu besteuern, doch den Stein der Weisen besessen[5388]; wie 1682 der gelehrte Jenaer Professor ~Wedel~, dessen altes bleiernes Tintenfaß zufällig durch Quecksilber beschädigt worden war, die abenteuerlichsten Hypothesen über die Ursache der plötzlichen Umwandlung des einen Metalles in das andere erörterte[5389]; wie der überaus belesene Polyhistor ~Morhof~ 1719 die Transmutation der Metalle für eine zweifellose Tatsache erklärte[5390]; wie Kaiser ~Franz~ I. 1746 gegen den vermeintlich im Besitze des Steines der Weisen befindlichen Adepten ~Sehfeld~ „peinlich inquirieren“ ließ, und der sonst so mißtrauische ~Friedrich der Grosse~ 1751 zur Durchführung alchemistischer Versuche seitens einer Frau ~von Pfuel~ 10000 Taler bewilligte[5391]; wie 1764 ~Koelreuter~ zugunsten seiner grundlegenden Beobachtungen über Pflanzenbastarde anführt, daß sie trefflich mit den Theorien der Alchemisten hinsichtlich der Umwandlung der Metalle übereinstimmen[5392]; endlich, wie 1760 der keineswegs ganz ungläubige, aber durchaus ehrliche ~Justi~[5393], vor allem aber 1777 der ebenso sachverständige wie unbestechliche ~Wiegleb~[5394], zwar die völlige Nichtigkeit der Alchemie mit den überzeugendsten Gründen für jedermann nachwiesen, der für solche empfänglich ist, einen dauernden Erfolg aber nicht zu verzeichnen hatten. Schon wenige Jahre später vermochte ein Schwindler wie ~Price~, Mitglied der Londoner „Royal Society“, -- der sich schließlich vergiftete, als diese Gesellschaft auf ernstliche Untersuchung drang --, das Urteil auch der deutschen Gelehrten derartig irrezuführen, daß 1782 selbst der aufgeklärte und scharfsinnige ~Lichtenberg~ schwarz auf weiß versicherte, ihm vorerst den Glauben nicht versagen zu können[5395]; ebenso wurden erst 1789 die Ankündigungen des redlichen Halleschen Theologieprofessors ~Semler~, denen gemäß in seinen vor den Fenstern stehenden Gläsern Goldblätter etwa so wuchsen wie Hyacinthen, als Ausflüsse eines Betruges aufgedeckt, dem der Leichtgläubige selbst zum Opfer gefallen war[5396]. Aber auch diese Enthüllungen, die großes und berechtigtes Aufsehen erregten, fielen rasch der Vergessenheit anheim, und von 1796 an konnte ~Kortum~[5397] mit Hilfe des damals in Gotha erscheinenden „Reichsanzeigers“ weite ungelehrte und gelehrte Kreise mit dem Glauben an das Bestehen einer vielverzweigten „Deutschen Hermetischen Gesellschaft“ erfüllen und sie über ein Jahrzehnt lang in einer Weise an der Nase herumführen, die dem witzigen Verfasser der „Jobsiade“ insgeheim manche vergnügte Stunde bereitet haben mag.
Einen nochmaligen Aufschwung nahm die Alchemie im Zeitalter der Romantik, das dem Mystizismus, dem Glauben an Wunderwirkungen, Geister, Gespenster usf. ganz außerordentlich ergeben war, -- es braucht in dieser Hinsicht nur an den polaren „männlichen und weiblichen Feuerstoff“ des Jenenser Mediziners ~Voigt~[5398], oder an den „tierischen Magnetismus“ erinnert zu werden, dessen Entdecker, ~Mesmer~ (1734-1815)[5399], sich schon 1766 durch die abenteuerliche Dissertation „Über den Einfluß der Planeten auf den menschlichen Körper“ hervorgetan hatte. Begünstigend, wenn nicht geradezu fördernd, erwies sich dabei die Haltung der sog. Naturphilosophie. Läßt doch selbst der Begabteste ihrer Vertreter, ~Schelling~ (1775-1854), in der „Philosophie der Kunst“ (1802)[5400], in seiner „Zeitschrift für spekulative Physik“[5401] und der „Neuen Zeitschrift für spekulative Physik“[5402], in den „Ideen zu einer Philosophie der Natur“[5403] usw., eine Fülle ebenso wortreicher wie nichtssagender, völlig hohler Redensarten niedergehen, die auf eine noch unfertige Jugend nur verwirrend wirken konnten: Da beweist die Naturphilosophie, daß den verschiedenen Ordnungen der Metalle, dem Silber oder Gold, gleiche Ordnungen am Himmel entsprechen; daß die Gestirne auf die Bildungen der Erde Einflüsse von eigentlich magischer, mit der gewöhnlichen natürlichen ganz unvergleichbarer Art ausüben; daß hierbei die Gesetze der Zahl und des Abstandes der Planeten mitspielen, die zugleich Einsicht in das innere System der Töne eröffnen, wobei sich die Zentripetalkraft als Rhythmus, die Zentrifugalkraft aber als Harmonie erkennen lassen; da ist die Rede von den geheimnisvollen Zusammenhängen zwischen den vier edlen Metallen (hier Gold, Silber, Quecksilber, Platin) und dem Reiche der Planeten; da wird die wahrhafte innere Gleichheit und absolute Identität aller Materien und die Lehre von den Metamorphosen dieser Urmaterie verkündigt usf. Es waren derlei phantastische Träume, wie sie diese Werke, in noch erhöhtem Maße aber das berüchtigte, seit 1810 in wiederholten Auflagen erschienene ~Oken~sche „Lehrbuch der Naturphilosophie“ erfüllten[5404], aus denen ~Liebig~, der 1821 in Erlangen ~Schellings~ Hörer gewesen war, „mit Schrecken und Entsetzen“ erwachte[5405]; von ihnen umnebelt sah noch 1824 der Bonner Chemieprofessor ~Wurzer~ in den von ihm geprüften Mineralwässern „organische Verbindungen von der Physik und Chemie unerreichbaren Imponderabilien und geheimnisvollen Potenzen“[5406], erklärte sich noch 1832 der verdiente Historiker der Alchemie, ~Schmieder~, als durchdrungen von der Erkenntnis, daß das Goldmachen eine Tatsache sei, und daß es einzelne bevorzugte Besitzer des Steines der Weisen allezeit gegeben habe und noch immer gebe[5407].
Der Glauben an die Möglichkeit der Alchemie ist übrigens bis auf den heutigen Tag nicht völlig erloschen, ja die gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als ein unverkennbares Zeichen der Zeit, abermals allerwärts und in überraschender Weise hervortretende Neigung zu Okkultismus, Mystik, Astralkunde, Theosophie, Spiritismus usf., führte ihm neue Nahrung zu. So entstand in Paris 1894 eine „Société hermétique de France“[5408] und bald darauf eine „Société alchimique de France“[5409], in deren Laboratorien ~Jollivet-Castelot~ und seinen Freunden die Darstellung des Goldes gelang oder doch beinahe gelang[5410]; seit 1890 erschien eine „Bibliothèque rosicrucienne“, seit 1894 eine „Collection hermétique“ in zwei Serien, seit 1896 eine Monatsschrift „Hyperchimie et Rosa alchemica“, seit 1904 eine „Revue d’Astrologie“[5411], und alle diese Unternehmungen scheinen bis in die jüngste Zeit fortgesetzt worden zu sein. Aber auch in Deutschland begann, etwa mit der Herausgabe des (sehr oberflächlichen) „Handbuches der Astrologie“ von ~E. Mayer~ (1891)[5412], die einer ganzen Anzahl ähnlicher Schriften, und die gesamte geistesverwandte Litteratur nahm alsbald derartig an Umfang zu, daß sich 1907 „die Notwendigkeit ergab“, in Leipzig ein „Zentralblatt für Okkultismus“ und 1912 eine „Astrologische Bibliothek“ zu begründen. Daß das „Wöchentliche Verzeichnis des Börsenvereines der Deutschen Buchhändler“ eine ständige Abteilung „Philosophie und Geheimwissenschaft“ führt, daß ferner Anzeigen betreffs Astrologie, Nativitäts-Stellen, Wahrsagerei u. dgl. alltäglich in vielen großen Zeitungen erscheinen, sich also sichtlich gut bezahlt machen, beweist ebenfalls, daß es an einem ausgebreiteten Leserkreise auch gegenwärtig keineswegs fehlt[5413]. Was aber insbesondere die Hoffnungen der Goldmacher anbelangt, so werden sie zur Zeit wesentlich mit Hinweis auf das Radium und die radioaktiven Stoffe wachgehalten[5414], „von deren völlig wunderbaren und für die Wissenschaft gänzlich unerklärlichen Eigenschaften sich +alles+ erwarten läßt“ und denen man, je ungenügender sie noch bekannt sind, desto kühner die außerordentlichsten Wirkungen zuschreiben darf, ohne eine unmittelbare Widerlegung durch den Versuch befürchten zu müssen.
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Nicht des näheren eingegangen, sondern nur kurz hingewiesen werden kann an dieser Stelle auf die Beziehungen der Alchemie zur +Kunst+, die wesentlich durch jene zu den 7 Planeten bedingt sind.
Zu Alexandria, woselbst, wie weiter oben dargelegt, der Kult der Planeten, gefördert von den Gnostikern, Mithrasverehrern, Neuplatonikern usf. erst zu voller Entwicklung und vielseitigster Bedeutung gelangte, dürften auch die Urbilder, aus ihnen aber wieder die bleibenden Typen jener plastischen und zeichnerischen Darstellungen entstanden sein, die u. a. als Vorlagen der in den ältesten astrologischen Codices des Mittelalters auftauchenden und aus diesen dann auch von den meisten jüngeren Handschriften übernommenen Miniaturen anzusehen sind. Sichtlich zeigen sie sich durchaus beeinflußt von der Antike, namentlich auch von der spätrömischen und byzantinischen Verehrung der Planeten als Tagesgottheiten, die bereits im Laufe der Kaiserzeit große Verbreitung und allgemeine Volkstümlichkeit erlangt hatte[5415].