Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange

Part 6

Chapter 63,101 wordsPublic domain

Ganz abgesehen von den unvereinbaren chronologischen Verhältnissen, -- der +Philosoph+ ~Demokritos~ starb um 350 v. Chr., und der Charakter jener Schriften ist ausgesprochen späthellenistisch, -- muß es zunächst unbegreiflich erscheinen, wie gerade der +echte+ ~Demokritos~ in den Ruf eines Magiers, Astrologen und Alchemisten geraten konnte, er, der anerkanntermaßen einer der scharfsinnigsten und nüchternsten Köpfe des Altertums war, als Hauptbegründer der atomistischen Schule neue und selbständige Pfade einschlug, und von ~Aristoteles~ „als ein Mann, der über fast alles nachgedacht hat“, mit hoher Achtung erwähnt und als unbedingt erste Autorität bezüglich der Naturkunde angesehen wird. Den nächsten Anlaß zu dieser Umwertung, sicherlich einer der auffälligsten, die die Geschichte der Wissenschaften kennt, gaben wohl seine ungewöhnlich zahlreichen Reisen, deren Umkreis spätere Berichte immer weiter ausdehnten, zuletzt bis in das Innere Ägyptens und Babyloniens, dieser alten Heimstätten des Zauberwesens und der Magie[364]; gefördert wurde sie durch das Vorhandensein eines, angeblich auf vielerlei eigene Versuche und Erfahrungen gegründeten, χειρόκμητα (Cheirókmeta = Handgriffe, Kunstgriffe) betitelten Werkes, dessen ursprüngliche (echte?) Fassung leider, wie die aller Schriften des wahren ~Demokritos~, verloren ist, über dessen Inhalt aber allmählich immer abenteuerlichere Vorstellungen in Umlauf kamen und auch Glauben fanden. Jedenfalls stand das Bild des ~Demokritos~ als Astrologen und Magiers ersten Ranges gegen Anfang unserer Zeitrechnung bereits längst fest, und aus den „Cheirókmeta“, auf die ~Vitruv~[365] und ~Plinius~[366] hinweisen oder anspielen, sowie aus anderen seiner Werke wird eine Fülle derartig abergläubisch-unsinniger (+nirgends+ aber alchemistischer!) Aussprüche und abgeschmackter Behauptungen angeführt[367], daß schon einigen der Autoren, aus denen ~Plinius~ schöpfte, der Gedanke an Unterschiebungen aufstieg[368]; ~Plinius~ glaubt zwar nicht an solche, aber sein Zeitgenosse ~Columella~ (gest. gegen 65 n. Chr.)[369], sowie der spätere ~Aulus Gellius~ (gest. um 180 n. Chr.)[370] sprechen von ihnen nicht nur als von etwas bereits völlig Bekanntem, sondern nennen auch den (oder einen) Hauptfälscher, ~Bolos~ aus ~Mendes~ in Ägypten, der nicht lange nach Beginn der Ptolemäerzeit gelebt und „zur Schule des ~Demokritos~“ gehört haben soll[371]. Das Vorhandensein einer solchen Schule, die doch unbedingt einer längeren Entwicklungszeit bedurfte, wäre von großem Interesse, erscheint aber fragwürdig; wenn wir jedoch bei ~Petronius~ (gest. 66 n. Chr.) lesen[372], „~Demokritos~, ein zweiter Herakles (nämlich der Wissenschaften) ..., füllte ein Leben mit Versuchen aus, um die Kräfte der Steine und Pflanzen völlig ins Reine zu bringen“, und wenn ~Seneca~ (um 60 n. Chr.) anführt[373], „~Demokritos~ verstand auch Elfenbein zu erweichen und mineralische Schmelzen in Smaragd zu verwandeln, wie das noch jetzt mit den dazu passenden geschieht“, -- so erhalten wir eine ziemlich ausreichende Vorstellung dessen, +was+ sie etwa dem ~Pseudo-Demokritos~ zuschrieb; wir ersehen ferner, daß für die technisch Ungebildeten jener Zeit ein den ägyptischen Glasmachern seit altersher so geläufiger Kunstgriff wie das Grünfärben von Glasschmelze durch kleine Mengen geeigneter Metallverbindungen noch den Charakter einer, der geheimen „Kraft“ des Zusatzes zuzuschreibenden „Umwandlung“ trug. +Hier+ ist also die Stelle, an die die Phantasien der weiteren apokryphen Litteratur anknüpften[374]. Aus dieser schöpfend berichten z. B. im 3. Jahrhundert ~Diogenes Laërtius~[375], und im 4. ~Synesios~ (s. unten) und ~Panodoros~ (dessen ägyptische Chronik im Auszuge bei ~Georgios Synkellos~, einem Autor des 8. Jahrhunderts, vorliegt), ~Demokritos~ habe schon von einigen Magiern, die als Begleiter des ~Xerxes~ während des griechischen Feldzuges zu Abdera im Hause seines Vaters Wohnung bezogen, Unterricht in den Geheimwissenschaften erhalten (also etwa 20 bis 25 Jahre vor seiner Geburt?); später sei er zu Memphis in Ägypten durch den persischen Priester ~Ostanes~, den ersten und berühmtesten Lehrer der Astrologie und Alchemie (s. unten), in diese Künste eingeweiht worden; daraufhin habe er dann die Vorschriften zur Anfertigung des Goldes und Silbers (χρυσο-, ἀργυροποιία, Chryso- und Argyropoiía) verfaßt und die „Bücher der Färbekunst“ (βίβλους βαφικάς) geschrieben, deren vier Abschnitte das „Färben“ (βαφή, Baphé, Tinktur) des Goldes, des Silbers, der Edelsteine und der Purpurgewänder behandelten[376]. Die Folgerichtigkeit der Anschauungen tritt hierbei klar zutage, denn genau so, wie die Gewinnung von grünem „Smaragd“ aus farblosem Glas, oder von purpurnem Gewebe aus farblosem Stoffe, sprach man auch jene des Goldes und Silbers in erster Linie als einen Vorgang der Farbengebung an: war es erst mehr oder weniger geglückt, ungefärbten oder anders gefärbten Metallen die Farbe von Gold und Silber zu verleihen, dann hatte man eben auch sie mit mehr oder weniger Erfolg „umgewandelt“, also Gold und Silber „gemacht“.

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Die Lehren des ~Pseudo-Demokritos~ wurden der Neuzeit zuerst einigermaßen bekannt, als 1573 ~Pizzimenti~ in Padua das Buch „Demokritos Abderita, De arte magna“ veröffentlichte, dessen erster Abschnitt „De rebus naturalibus et mysticis“ (Über das Natürliche und Übernatürliche) eine Anzahl aus nicht näher angegebenen Quellen entnommener Fragmente in lateinischer (sehr unzureichender) Übersetzung bringt[377]; nach ~Berthelot~, der diese als seither unbekannt geblieben ansieht, obwohl u. a. ~Kopps~ „Beiträge“ einen ausführlichen Abdruck enthalten[378], stimmt ihr Inhalt völlig überein mit dem des Werkes „Physica et Mystica“ (das in verschiedenen Handschriften überliefert ist), nur umfaßt letzteres noch zwei weitere Absätze: der erste berichtet über eine zauberische Anrufung des „persischen“ Magiers ~Ostanes~ und die Auffindung der von seinem Geiste angekündigten Geheimschriften, während der zweite ein Rezept zum Färben mit Purpur wiedergibt[379]. -- Hauptquellen zur Kenntnis des ~Pseudo-Demokritos~ sind die griechischen Texte seiner angeblich eigenen Werke, die am ausführlichsten die berühmte, wahrscheinlich aus dem 10. Jahrhundert stammende alchemistische Sammelhandschrift der St. Markus-Bibliothek zu Venedig enthält, ferner die Zitate aus seinen Schriften bei späteren griechischen Alchemisten (u. a. bei ~Zosimos~ im 3. und ~Synesios~ im 4. Jahrhundert) und endlich einige in syrischer Sprache erhaltene Übersetzungen und Auszüge.

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Um zunächst einen Begriff vom Inhalte und von der Abfassungsweise der demokritischen Schriften zu geben, sei der erste Absatz aus der Einleitung in die „Goldmacherkunst“ (χρυσοποιία) vorausgeschickt, der wörtlich wie folgt lautet[380]: „Nimm Quecksilber, fixiere es mit dem Körper der Magnesia, oder des italischen Stimmi, oder mit nicht erhitztem [d. h. natürlichem] Schwefel, oder mit Aphroselinon, oder mit gebranntem Kalk, oder mit Alaun aus Milo, oder mit Arsenikon, oder mit etwas, was du sonst als passend kennst; wirf [projiziere] die weiße Erde auf Kupfer, so erhältst du glänzendes Kupfer; wirfst du gelbes Silber darauf, so erhältst du Gold, wirfst du aber Gold darauf, so erhältst du Goldkoralle in Substanz. Die nämliche Wirkung bringt das gelbe Arsenikon hervor, ferner das richtig behandelte Sandarach, oder der völlig herausgekehrte [d. h. umgewandelte] Zinnober; glänzendes Kupfer erhältst du allein mittels Quecksilbers. Die Natur besiegt die Natur.“

Wer hiernach über das Verfahren Gold zu machen und über die dabei zu benützenden Hilfsstoffe nicht genügend klar geworden ist, dürfte seine Zuflucht vor allem zum sogenannten „Lexikon der χρυσοποιία“ nehmen, einem schon in den ältesten Handschriften angefügten, erläuternden Verzeichnisse der Stoffnamen, sowie der Bedeutungen, die diesen neben ihrem nächstliegenden Sinne noch zukommen können; nach Durcharbeitung der zahlreichen, jeder bestimmten Anordnung entbehrenden Paragraphen dieses Wörterbuches[381] wird er sich im Besitze nachstehender Erklärungen der im Absatze I vorkommenden Fachausdrücke finden, -- wobei vorausgesetzt sei, daß die Grundsubstanz „Quecksilber“ auch wirklich Quecksilber sein soll, was möglich, aber keineswegs gewiß ist:

Magnesia: weißes Blei; Kadmia; weibliches Stimmi; stärkster Essig; „Blätter der Krone“.

Stimmi: natürliches [d. i. Spießglas, Schwefelantimon]; „Muschel“, dargestellt aus Kupfer, Blei, Zinn und Eisen; Goldkoralle.

Nicht erhitzter Schwefel: Safran aus der Lösung; Dampf und Sublimiertes aus Quecksilber.

Aphroselinon: Silberschaum; Argyrolith; Kupholith; Komaris von allen Arten Schwefel und Arsen; Talk; Selenit; Weinstein; Alaun; festes Quecksilber.

Gebrannter Kalk: Kalk der Eier; Marmor aus Theben; Titanos; Alaun; Alaun von Melos; Stein des Dionysos; Knochen der Sepia; Muscheln.

Alaun: weißer Schwefel [d. i. Arsenigsäure]; glänzendes Kupfer; gereinigtes Blei; phrygischer Stein; nicht erhitzter Schwefel.

Arsenikon: weißer Schwefel; Komaris; attischer Oker; Erde aus Samos.

Kupfer: Schale der Eier.

Glänzendes Kupfer: Alaun.

Gelbes Silber: Asem.

Goldkoralle: feinstes rotes Gold.

Gelbes Arsen: gelber Sand [d. i. Auripigment, gelbes Schwefelarsen].

Sandarach: roter Sand [d. i. Realgar, rotes Schwefelarsen]; scythisches Wasser; Quecksilber aus Zinnober.

Zinnober: sublimierter Dampf, im Topfe gekocht; Sandarach; Mennige; Rotheisenstein [d. i. Hämatit].

Das angeführte Beispiel, das eine noch keineswegs zu den schlimmsten zählende Stelle betrifft, im übrigen aber für Geist und Form +aller+ alchemistischen Werke, von den frühesten an bis zu denen des ausgehenden Mittelalters, recht charakteristisch ist, läßt ersehen, welche ungewöhnlichen Schwierigkeiten der Text jedem Versuche zureichender Deutung entgegensetzt, und in wie geringem Grade diese durch das „Lexikon“ behoben werden; schon ~Kopp~ sagt von diesem[382], es sei ein bloß verwirrendes, für das Verständnis wertloses, selbst erst eines Kommentars bedürftiges Verzeichnis nicht der erwarteten Erklärungen, sondern der nach alchemistischer Redeweise gebräuchlichen Synonyma. Demgemäß verheißt ein Vorgehen, abzielend auf weitere Anführung umfangreicher Stellen aus derartigen Schriften und jedesmalige Auslegung ihrer Einzelheiten, wenig Erfolg; zweckentsprechender erscheint der Versuch, den Inhalt nur im allgemeinen wiederzugeben, jedoch unter tunlichster Berücksichtigung der Ausführung und Erklärung chemischer Operationen, der gebrauchten Kunstausdrücke und der benützten Apparate.

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Das Hauptwerk des ~Pseudo-Demokritos~ „Physica et Mystica“[383] weist gleich in seiner Einkleidung arge Widersprüche auf. ~Demokritos~ beschwört den Geist des einstigen Lehrers, des +persischen+ Magiers und dabei +ägyptischen+ Priesters ~Ostanes~, und erhält von ihm die Auskunft, seine Geheimschriften befänden sich im „Tempel“; dieser wird fruchtlos durchsucht, und erst später öffnet sich beim Gottesdienste plötzlich eine Säule, die Bücher kommen zum Vorschein, enthalten jedoch nichts als den Spruch „ἡ φύσις τῆ φύσει τέρπεται, ἡ φύσις τὴν φύσιν νικᾷ, ἡ φύσις τὴν φύσιν κρατεῖ“, d. h. „Die Natur freut sich über die Natur, die Natur siegt über die Natur, die Natur herrscht über die Natur“[384]; die Schüler sind äußerst verwundert über die Kürze und Kärglichkeit dieses Vermächtnisses, -- aber weiteres ist nicht vorhanden. Trotz dessen gibt sich das ganze Werk des ~Demokritos~ als das wiedergefundene des ~Ostanes~, freilich ohne dies ganz offen auszusprechen; die übliche Auslegung besagt allerdings, jener knappe Satz schließe eben alles Sonstige bereits in sich, und von der übermenschlichen Weisheit des ~Ostanes~ zeuge gerade seine Fähigkeit, die ungeheure Mannigfaltigkeit der Erfahrungen in diesen wenigen Worten zusammenzufassen. Merkwürdig bleibt hierbei noch, daß ~Ostanes~, den doch ~Demokritos~ hier als frühesten und ersten der Alchemisten sprechen läßt, selbst wieder Berufung an die „Älteren“ einlegt und empfiehlt, mit der Begründung, die „Neueren“ glaubten nicht genügend an die „Schrift“, τῇ γραφῇ[385], d. h. an die noch gar nicht vorhandene schriftliche Überlieferung seiner Lehren!

Was nun ~Demokritos~ in „Physica et Mystica“, einerseits unter Verweisung auf Bücher der persischen Magier[386], andererseits unter rätselhafter Andeutung gewisser Geheimnisse der ägyptischen Tempel[387], über das „Machen“ von Gold und Silber verrät, geht durchaus auf jene drei Methoden hinaus, von denen (wie bereits weiter oben angeführt) schon ~Salmasius~ spricht, und in völlig übereinstimmender Weise auch ~Berthelot~[388]. Für +Silber+, zuweilen auch Asem genannt, kommt in Frage: 1. Die „Weißung“ der Oberfläche von Kupfer durch quecksilber- oder arsenliefernde Chemikalien, wie gelbes und rotes Schwefelarsen (Auripigment und Realgar), Zinnamalgam, Zinnober u. dgl. 2. Auftragen silberglänzender Firnisse auf Kupfer, Eisen, oder Blei. 3. Bereitung silberähnlicher Legierungen aus Kupfer, mittels Zinn, Blei, Orichalkum und anderer Zutaten, wobei hinterher nach Bedarf auch nochmalige Weißung erfolgen kann. Für +Gold+ ist in Betracht zu ziehen: 1. „Gilbung“ der Oberflächen von Kupfer und Silber durch die Röstprodukte von Pyriten und Spießglanz (d. i. Schwefelantimon), sowie durch Schwefel, arsen- oder schwefelliefernde Präparate, u. a. „göttliches Wasser“ [d. i. Calciumpolysulfid?]. 2. Auftragen goldglänzender Firnisse[389], bestehend u. a. aus Kadmia, Safran, Chelidonium, Carthamus, Eigelb, Kalbsgalle, nebst den Ölen von Terebinthen [d. i. die Frucht von Pistacia Terebinthus], Ricinus, Rettig usf. 3. Bereitung goldähnlicher Legierungen aus Kupfer, Silber und Blei, z. B. aus natürlichem Schwefelsilber mit Bleiglätte und Spießglas, oder aus Kupfer nebst Blei, Zinn und „Klaudianos“ [Kupfer, Blei, Zinn oder Messing enthaltende Legierung?], auch unter Mitverwendung von Quecksilber, Zinnober, Elektron, und unter schließlicher abermaliger Gilbung. Nützliche Zusätze zur Darstellung von Silber und Gold sind endlich kleine Mengen Silber, Gold, oder Elektron[390], am besten als feine Pulver, die offenbar gleich „Samen“ die beabsichtigte Umwandlung anregen, oder sie nach Art von „Hefe“ fördern und beschleunigen sollen.

Als wichtigster Ausgangsstoff für die Herstellung der Edelmetalle wird das Blei bezeichnet, „dessen Natur sich so leicht in vielerlei anderes umwandeln läßt, μετατρέπεται[391], [nämlich in die wohlbekannten Präparate weißes Bleiweiß, schwarzes Schwefelblei, gelbe Bleiglätte, rote Mennige]; da nach den Theorien des ~Platon~ und ~Aristoteles~ alle Metalle mehr oder weniger Wasser enthalten, das ihre Schmelzbarkeit bedingt und im Augenblicke der Verflüssigung sichtlich hervortritt, und da ferner dieser Wassergehalt bei den edlen Metallen am kleinsten, bei den unedlen am größten sein soll, so hat aber jedenfalls auch der niedrige Schmelzpunkt des Bleies dazu angeleitet, dieses gemeinste der Metalle als dasjenige anzusehen, das als eine Art Urstoff [materia prima] den übrigen zugrunde liegt, zunächst denen der „Tetrasomie“ (Vierkörperschaft) der Unedlen, d. i. Blei, Kupfer, Eisen und Zinn[392]. Doch ist unter „Blei“ nicht stets das gewöhnliche Blei zu verstehen, -- nämlich das „schwarze“ (plumbum nigrum), neben dem das Zinn das „weiße“ (plumbum candidum) heißt, -- sondern zuweilen auch das +metallische Antimon+, dessen, als einer Art Blei, u. a. schon ~Plinius~ und ~Dioskurides~ gedenken[393]; dieses wird aus dem sehr leicht reduzierbaren στίμμι [Stimmi, Spießglas, Schwefelantimon] gewonnen und „μόλυβδον τὸ ἡμών“ = „+unser+ Blei“ genannt[394], ähnlich wie an anderer Stelle eine scharfe Flüssigkeit „τὸ ἡμέτερον ὄξος“ = „+unser+ Essig“[395]. Wie mehrere Bleie, so gibt es auch mehrere Quecksilber, nämlich neben „einem aus Zinnober“ auch „eines aus Arsen“[396]; unter diesem ist das durch Röstung und Reduktion der natürlich vorkommenden Arsensulfide leicht zu gewinnende, durch Silberglanz, Sublimierbarkeit usf. dem Quecksilber analog erscheinende +metallische Arsen+ zu verstehen, das „aus Kupfer und aus Asem Silber erzeugt“[397] [indem sich eine silberglänzende Kupfer-Arsen-Verbindung bildet]. Die Arsensulfide und der „Rauch“, den sie beim Rösten entweichen lassen, heißen auch κοβαθία (Kobathía)[398], -- ein Wort, mit dem, ebenso wie mit dem verwandten κόβαλος (Kóbalos), nach ~Beckmann~ (1799) und ~Lobeck~ (1829) unser heutiges Kobold und Kobalt zusammenhängen soll[399].

Um nun das „Blei“ genannte Rohmaterial in Silber oder Gold überzuführen, hat man ihm jene richtige βαφή = Färbung zu erteilen, „die das Ziel der großen Kunst bildet“[400]; die Aufgabe hierbei ist im wesentlichen keine andere als die, farblose Gewebe aus Rohwolle und Rohleinen in herrlich blaue und rote Prachtstoffe umzuwandeln[401]. So wie man das ägyptische Chamäleon veranlassen kann, die verschiedensten Farben anzunehmen, wobei aber seine eigentliche Natur keine Veränderung erleidet, ganz ebenso hat man Farbenveränderungen des Ausgangsmaterials anzustreben, das solcher sehr wohl fähig ist, in ihrem Verlaufe ebenfalls seine ursprüngliche Natur bewahrt und deshalb [im Sinne eines Urstoffes, einer Materia prima] auch selbst „Chamäleon“ heißt[402]. Diese Veränderungen vollziehen sich jedoch nicht plötzlich, sondern in verschiedenen Stufen[403], als deren vier wichtigste die Mélansis (Schwärzung), Leúkosis (Weißung), Xánthosis (Gilbung) und Íosis (Rötung) gelten; die erste erfüllt eine +unabänderliche Vorbedingung+, indem sie die verschiedenen Rohstoffe in eine gleichmäßige schwarze Urmasse überführt, die das Substrat jeder weiteren Veränderung darstellt, die zweite bewirkt die Entstehung weißen Silbers, die dritte die gewöhnlichen gelben, und die vierte die reinsten roten Goldes.

Die Leukosis und Xanthosis, das Weißen und Gilben, sind, wie ~Zosimos~, ~Synesios~ und andere spätere Erklärer bestätigen, die wichtigsten jener „Handfertigkeiten“, die ~Demokritos~ in dem, von ihnen χειροκμήματα genannten „Buche über die vier edlen Künste“ als ἄργυρο- und χρυσο-ποιία (Machen des Goldes und Silbers) lehrte[404] und angeblich auch in „geheimen Schriftzeichen“ (= Hieroglyphen) auf die Säulen der Tempel setzen ließ[405]. Das Weißen und Gilben muß der τεχνιτῆς[406] (Techniker, Kunstbeflissener) auf das Gründlichste studieren[407], erstens, indem er durch immer wiederholte Versuche die Eigenschaften und Wirkungen aller der festen und flüssigen Stoffe erforscht, durch deren Einwerfen (ἐπιβάλλειν, projizieren)[408] man das Weiße und Gelbe gewinnt, zweitens aber auch, indem er die hierfür günstigsten Umstände ermittelt; dabei wird sich z. B. herausstellen, daß Erfolg, namentlich guter Erfolg, nur eintritt, wenn sich alle Substanzen in flüssigem (gelöstem oder geschmolzenem) Zustande befinden, ἀναλυόμενα πάντα[409]. Die wichtigsten der erwähnten Stoffe sind Quecksilber[410], ferner aber auch Zinnober[411], Schwefel, Arsen, gelbes Arsen [Auripigment], rotes Arsen [Realgar, Sandarach], Spießglas [Schwefelantimon], Pyrit [Schwefelkies u. dgl.], und zwar besonders dessen silber- und goldglänzende Arten, z. B. λίθος χρυσίτης (Goldkies)[412], sodann Sory und Misy[413] [Zersetzungsprodukte des Pyrits; Schwefel, Kupfer, Eisen und andere Metalle enthaltend], endlich noch Kadmia[414] (καθμεία), die auch den Namen Magnesia (μαγνησία), weißes Blei, weißer Pyrit, Silberkies, u. dgl. führt[415].

Die Wirkung, die von ihnen ausgeht, beruht auf συγγένεια (Syngéneia), d. i. Affinität, Verwandtschaft, wie eine solche in allbekannter Weise sämtliche Metalle zum Schwefel, oder das Eisen zum Magnetstein zeigen[416]; diese führt (so lehrte schon ~Platon~) zu einer gänzlichen Verschmelzung und Vereinigung, zu einer wahren „Vermählung“, daher sich denn z. B. Kupfer und Kadmia [hier ein zinkhaltiges Mineral] durchdringen ἕως συγγαμήσωσιν (bis sie sich vermählt haben) und dabei Nikäanisches Orichalkum [hier offenbar Messing] erzeugen, ganz ebenso wie aus Kupfer und Zinn durch eine Vermählung gleicher Art „Erz“ [= Bronce] hervorgeht[417]. Wie in diesen Fällen die Einflüsse geringer Beigaben Zinn oder Kadmia, so sind auch die der oben angeführten weißenden oder gilbenden Zusätze beim „großen Werke“ zu beurteilen; sie veranlassen eine Umwandlung (μεταβολή, Metabolé), eine Artverwandlung (ἀλλοίωσις, Alloíosis)[418], ersichtlich an der Farbenveränderung, ja mit dieser geradezu identisch: „μεταβολὴ καὶ ἀλλοίωσις ἐστὶ βαφή“, „die Umwandlung und Artverwandlung besteht in der Umfärbung“[419]. Daß die Umwandlungen eintreten, ist nicht weiter erklärbar: „O ihr allmächtigen Naturkräfte (φύσεις παμμεγέθεις), die ihr Metabolé bewirkt!“ ruft ~Demokritos~ aus[420], und weist hierdurch auf den dogmatischen Lehrspruch des ~Ostanes~ zurück; Grundlage des letzteren wiederum soll in Wahrheit ein auch von ~Zosimos~[421] angeführter Satz sein „αἱ ποιότητες δι’ ἀλλήλων παρέρχονται“ (die Qualitäten verdrängen sich gegenseitig), den ~Berthelot~ als aus der „Physik“ des ~Aristoteles~ entlehnt bezeichnet; doch steht er weder an der angegebenen Stelle (Buch IV, cap. 6), noch ist er mit Hilfe des ~Bonitz~schen Registers zu des ~Aristoteles~ Werken auffindbar.

Was die Ausführung der chemischen Operationen anbelangt, so ist bemerkenswert, daß ~Pseudo-Demokritos~, wie das Altertum überhaupt, von Säuren nur den Essig und einige saure Pflanzensäfte kennt; Essig wendet er in verschiedenen Stärken an, u. a. auch als „schärfsten“ (unverdünnten), ὄξος δριμύτατος[422]; Citronensaft ist ihm „der Essig aus Citronen“ (ἐν ὄξει κιτρίνῳ, ἐν χολῷ κίτρῳ)[423]. Das Behandeln mit Chemikalien heißt ταριχεύειν (taricheúein)[424], welches Wort das Einpökeln der Fische, aber auch das Einbalsamieren der Mumien bezeichnet (das tatsächlich häufig nur ein Einsalzen mit Nitron war). Gelindes Erwärmen, oft 15-31 Tage dauernd, erfolgt durch Einsetzen in Mist, z. B. Pferdemist, ἐν ἱππείᾳ κόπρῳ[425], stärkeres Erhitzen durch freies Feuer, wobei sich die leichteren Dünste des Wassers und anderer Substanzen, aber auch jene dichteren Dämpfe, die alsbald in Form von Sublimaten wieder fest werden, zunächst als „Wolke“ erheben. Von der ἄρσις ὕδατος καὶ νεφέλης, dem „Aufsteigen des Wassers und der Wolke“, sowie von der νεφέλη im Sinne eines Sublimates, ist daher häufig die Rede[426]. Neben offenen Gefäßen (anscheinend meist tönernen) werden auch einseitig und allseitig verschlossene erwähnt; diese letzteren heißen ἀγγεῖον περίφιμον πάντοθεν, „ringsum geschlossene Gefäße“, und machen keinen Anspruch auf Neuheit mehr, da man sich ihrer ὡς ἔθος (wie gebräuchlich) bedienen soll[427].

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Was die Zitate aus ~Pseudo-Demokritos~ bei den +späteren Alchemisten+ betrifft, wie bei ~Zosimos~ und ~Pelagios~ im 3., bei ~Synesios~ und ~Olympiodor~ im 4. bis 5., und bei dem sog. ~Philosophus Anonymus~ und ~Christianus~ im 6., 7., oder 8. Jahrhundert, so ist es selbstverständlich, daß sie desto weniger Anhalt bieten, je ferner diese Schriftsteller ihrer wirklichen oder angeblichen Quelle stehen; schon was sie inhaltlich besagen, wird allmählich stets wertloser, zudem gestaltet sich aber auch die Form der Überlieferung immer fragwürdiger, indem philosophische und mystische Theorien in den Vordergrund treten, u. a. besonders die Entgegensetzung von Körper (σῶμα, Soma) und Geist (πνεῦμα, Pneuma), von festen somatischen Grundlagen und flüchtigen pneumatischen Eigenschaften, usf.