Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange
Part 5
Zur +Auflösung+ (λύσις, ἄνεσις)[278] von Orseille (φῦκος) bedient man sich einer wäßrigen Abkochung von Bohnenschrot (ὕδωρ ἐρεγμοῦ)[279], zu jener von +Alkanna+ (ἄγχουσα) der Abkochungen von Linsen (φακός), von Wurzeln des Bilsenkrautes (ὑοσκύαμος), des Kappernstrauches (κάππαρις), des Maulbeerbaumes (συκάμεινος), und der Bertramwurz (πύρεθρον)[280], von Safflor (κνῆκος), und von Schachtelhalm (τῆλις)[281]; man kann aber die entrindete und zerkleinerte Alkanna auch mit frischem Gerstenmalz (βύνη, βύνι) feinreiben, einen Tag mit Essig stehen lassen, und dann erwärmen, bis der Essig die Farbe löst[282]; oder sie mit Kamelharn, mit Sodalösung, mit Öl und mit Nüssen (κάρυα) aufkochen, bis die Flüssigkeit [in der die Alkalien, das Öl und das Nußöl lösend wirken] blutrot aussieht[283]; oder endlich sie mit dem Inneren „königlicher, persischer Nüsse“ (βασιλεικῶν καρύων), also großer Walnüsse[284] feinstoßen und mit schiefrigem Alaun zu einer festen Masse (μάζα, Máza) formen, die man dann mit Wasser anreibt, so daß man die Güte der Farbe mit dem Finger zu prüfen vermag[285]. Ähnliche Mittel verwendet man auch, um κόμαρι (+Kómari+) in Lösung zu bringen, [d. i. der rote Farbstoff aus Wurzel und Kraut von Comarum palustre][286]; entweder kocht man mit φέκλη (Phékle, Weinstein, lat. faecula) auf[287], oder mit τραγακάνθη (Traganthgummi), Balsamöl und dem teuren καπνέλαιον (Öl des Kapnos)[288], oder mit Aschenlauge (κονία στακτή)[289], oder mit Harn eines kleinen Knaben, Schweinemist und der durch Löschen gebrannten Marmors in Wasser dargestellten Kalkmilch[290].
Die +Herstellung+ (σκευή, Skeué) „echten“ +Purpurs+ durch ψυχροβαφή (Kaltfärbung, Färben in der Kälte)[291] gelingt, indem man die mit filtriertem Kalkwasser oder mit Eisenrost in Essig [d. i. Eisenacetat] gebeizte Wolle mit Krimnos oder mit Orseille nebst Chalkanthon behandelt[292]; am besten verfährt man aber so, daß man den „Schaum der Isatis der Färber“ [d. i. indischen oder Waid-Indigo] nebst „ausländischer“ [importierter] Alkanna im Mörser feinreibt, der Lösung durch Zusatz von κόκκος (Kókkos, Kermes), oder falls dieser fehlt, von Krimnos, „wie sie die Färber besitzen“, ἄνθος (Anthos, Glanz) verleiht, und die aufgebeizte Wolle hineinbringt: sie erlangt herrliche, unbeschreiblich schöne, der echt purpurnen gleichende Farbe, daher muß man diesen Kunstgriff +geheimhalten+ (ἀπόκρυφον πρᾶγμα)[293].
Auf +heißem+ Wege erhält man echten, prachtvollen Purpur, „so schön wie den [importierten] barbarischen“ (λίαν καλὴ βαρβαρική)[294], durch Kochen mit verschiedenen Farbstoffen und passenden Zusätzen. Orseille verwendet man zusammen mit Amaranth-Blüten oder Maulbeersaft, setzt nach Bedarf auch Eisenrost[295], δάφναι (Lorbeerfrüchte), und κανθαρίδες (Canthariden)[296], sowie Chálkanthon und Hämatit[297] hinzu, und gibt Glanz (ἐπανθίζει) mit Galläpfeln und ὑάκινθος (Hyacinthe)[298], oder mit Kalkwasser[299]; auch kann man mit Orseille und einigen Brocken[300] (Krystallen?, σφαῖρα) Alaun behandeln und, falls die Farbe dunkler gewünscht wird, die Behandlung verlängern, oder eine Kleinigkeit Chálkanthon und Soda beifügen[301]. Alkanna bringt man, in ein Körbchen gefüllt, mit Harn, rohem cyprischem Misy und natürlicher Soda (νίτρον ἄπυρον, Nitron) in einen [wegen der Gefahr des Überlaufens] recht großen Topf, kocht auf, entfernt den Schaum, preßt die (φάρμακα (Mittel) gut ab, stellt mit einem Strähn Wolle eine Vorprobe an und siedet dann die übrige fertig, bis sie den richtigen Glanz (ἀνθισμόν) hat[302]. Krapp (ῥίζα = Wurzel) löst man als gut getrocknetes, zerkleinertes und gesiebtes Pulver in kochendem Regenwasser, setzt Bohnenschrot und weiße Tonerde zu, wirft die mit Waid[303] bläulich angefärbte, mit Aschenwasser und Tonerde gereinigte, nachgespülte und gebeizte Wolle in die heiße Farbflotte, rührt bestens um, gibt „Glanz“ mit Alaun, spült rein, und trocknet im Schatten, fern von Rauch[304]. Rhamnusbeeren (σφαιρεῖα τοῦ ῥάμνου = Fruchtbüschel) und ähnliche Teile von Pflanzen (διὰ βοτανῶν) geben einen schönen (πρώτη = Prima) Purpur, wenn man sie in Abkochungen des ὑοσκύαμος (Bilsenkrautes) und θέρμος (der Feigbohne) löst, die angefärbte Wolle nachher in ὕδορ χαλκέως, d. i. in eisenhaltiges Wasser, bringt[305], sorgfältig nachspült und in der Sonne trocknet[306].
Zur Herstellung bestimmter Nüancen von Purpur bedient man sich besonders ausgearbeiteter Verfahren: Hochroten Purpur (βαφὴ ὀξεῖα) erhält man mittels größerer Mengen Orseille oder Krimnos nebst entsprechenden Beigaben von geriebenem Nitron, Chálkanthon, guter sinopischer Erde und Essig[307]. „Tyrischen Purpur“, prima und probehaltig, ergibt Orseille nebst gebranntem phrygischem Stein, oder Alkanna nebst Harn, gebranntem Kalk, und ἀρσενικόν [Arsenikón = gelbes Schwefelarsen, Auripigment][308]. „Phönizischen Purpur“ (φοινικοῦν) liefert Orseille, in Regenwasser gelöst, nebst „Ziegenblut“[309], oder Alkanna nebst Chalkanthon[310]; durch Zufügen [der Abkochungen] von Scammonia, Elaterium, Helleborus, und wilder Gurke gewinnt man eine hellere Schattierung (λεύκωσις) dieses Purpurs, der auch zum Färben von ὀθόνια (Leinwand) und von βυσσίνη) (Baumwolle?)[311] brauchbar ist[312]. Einen „unvergänglichen“ Purpur (ἀνεξάλειπτον) liefert die im oder am Meere wachsende [nicht näher bekannte] „Flechte“ κόσθος[313] (Kósthos, Kysthos), einen „niemals verschießenden“ (μὴ ἀνιοῦσαν) diese nämliche Flechte nebst Orseille und Essig, oder der rote Farbstoff παιδέρως (Paidéros)[314] in Essig gelöst[315], oder auch Alkanna nebst Orseille, Krapp und „Kalbsblut“[316].
+Rosenfarbe+ (ῥοδοβαφή) erzeugt man mittels einer Lösung getrockneten fein gepulverten Krapps (ῥίζα) in siedendem Regenwasser nebst weißem Essig und Bohnenschrot; man bringt die mit Aschenwasser und Tonerde vorgereinigte, mit Seifenwurzel abgekochte Wolle in die Farbflotte, rührt gut um, gibt ἄνθος (Glanz) mit Alaun, spült nach und trocknet schließlich im Schatten und fern vom Rauch[317]. Zur Erzielung von +Scharlach- oder Kermes-Farbe+ (κοκκίνων βαφή) behandelt man die zunächst durch Waid bläulich angefärbte Wolle mit Kermes und Orseille[318], oder mit Krimnos und Alaun[319], oder, falls „galatischer Scharlach“ gewünscht wird, mit Alkanna, Orseille, „Schweineblut“[320], Chálkanthon und gebranntem ἀρσενικόν [= Arsenigsäure][321]. Eigentliche +Orseillefarbe+ (φύκου βαφή) erhält die mit heißem Harn nebst Alaun gereinigte und gut nachgespülte Wolle durch Sieden mit einer Lösung von Orseille in Trinkwasser (ποτίμον), der man auch noch Chálkanthon beifügt[322]; besondere Dauerhaftigkeit und Festigung (κάτοχος) gewinnt Orseille- und auch Alkanna-Farbe durch Anwendung von Schafharn, von Saft der Zwiebel (βόλβος), und von Abkochungen aus Bilsenkraut, Blättern des Citronenbaumes (κίτρια), Gerste, oder τῆς κοτυληδόνος (vielleicht Malz?)[323].
Schön +rotgelb+, „wie die (rohe) Wolle aus Canuria“ [in Apulien], färbt man durch Kochen mit Akantha (einer Distelart?) und Krimnos im Bleikessel (μολυβδοῦν χαλκίον)[324], schön +goldgelb+ (χρυσανθής) durch Einbringen in einen kalten Auszug aus den Blüten des Safflors (ἄνθος κνήκου) und aus Ochsenzunge (βούφθαλμον)[325]; +nicht+ dauerhaft ist die +dunkelgelbe+ (φαιός) bis hellgelbe, rahmgelbe oder milchweiße Kaltfärbung mit goldglänzender Bleiglätte[326] nebst Kalk und etwas Alkanna[327].
Um +blau+ (γλαυκός) oder dunkelblau (ἀνθράκινος) zu färben, zerkocht man ἄνθραξ (Waid, Indigo) mit Harn in einer großen Kufe vorsichtig und unter stetem Rühren, stellt die allmählich abgekühlte Masse drei Tage lang in die Sonne und arbeitet sie dabei regelmäßig gut um; einen gehörigen Anteil läßt man weitere drei Tage mit Seifenwurzel brodeln, färbt dann die Wolle an, setzt hierauf noch Orseille zu, färbt fertig und wiederholt dies früh und abends, also täglich zweimal, so lange bis die Farbbrühe erschöpft ist[328].
Einige +andere+ beliebte Farben erhält man noch wie folgt: „Phönizisches Hellrot“ mit Heliotrop [d. i. Croton tinctorius], Alkanna und Essig[329]; „Kirschrot“ (κεράσιον) mit Krimnos, dessen Ton man mit σμῆγμα [Seife oder dgl.] aufhöht (ὠξεισμένον)[330]; „κέδρινον“ [Kédrinon, wohl ein helles Gelbrot] mit Heliotrop und Essig[331].
Eine „+Brühe+“ (βάμμα) „+für drei Farben+“ besteht aus Krimnos und Alaun der Färber (βαφική)[332]; für sich färbt sie schön scharlachrot, auf Zusatz von mit Wasser angeriebenem Schwefel aber lauchgrün (πράσινα), und auf Zusatz in Wasser gelöster reiner Soda quittengelb (μήλινα).
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Wie sich aus allem im vorstehenden Dargelegten ergibt, streben die Rezepte des Leidener und Stockholmer Papyrus ganz offen die Nachahmung und Verfälschung der Edelmetalle, der Edelsteine und Perlen, sowie der Luxusfarbstoffe an[333]; sie benennen die erhaltenen Kunstprodukte ohne weiteres mit dem Namen der echten, -- so z. B. heißt es einfach „du findest Smaragd“ oder „du erhältst Purpur“[334] --, und sie stellen ohne jedes Geheimtun und mit sichtlicher Befriedigung fest, zu wie erfreulichen Zielen ihre Vorschriften führen: die Erzeugnisse sind gut, schön, sehr schön, vortrefflich, herrlich, bewunderungswürdig[335], unbeschreiblich[336], wie echt, wie natürlich, schöner als natürlich[337], echt ägyptisch, schön wie die importierten (λίαν καλὴ βαρβαρική)[338], prima (πρώτη), probehaltig, usf., so daß sie selbst die τεχνῖται (Technítai, Werkmeister) täuschen, und diese nichts von der Nachahmung bemerken[339].
Schon diese wiederholte Versicherung läßt ersehen, daß ursprüngliche Ausüber der geschilderten „Künste“ nicht die getäuschten und nichts bemerkenden Arbeitsleute selbst waren, sondern ihnen übergeordnete Persönlichkeiten höheren Ranges, die zwar naturgemäß aus der Erfahrung der Techniker schöpften, aber weitergehende und auch eigentliche Geheim-Kenntnisse besaßen, die sie sogar ihren unmittelbaren Fachgenossen nicht ohne Rückhalt überlieferten[340]. Des Näheren wird auf diese Verhältnisse weiter unten zurückzukommen sein.
Zu den sehr spärlichen +Autoren+, die sich im Leidener und Stockholmer Papyrus als Verfasser benützter Quellenschriften angeführt finden, gehören neben dem im nachfolgenden noch ausführlich zu besprechenden sog. ~Demokritos~ (~Pseudo-Demokritos~), der späteren Zeiten als „erster Alchemist“ und „Vater der Alchemie“ gilt, noch ~Phimenas~, ~Anaxilaos~ und ~Aphrikianos~. Den Ägypter ~Phimenas~ aus Saïs, der nur im Leidener Papyrus vorkommt, hat ~Berthelot~ mit einem anderweitig als „Magier“ bekannten ~Pammenes~ identifiziert, -- ob mit Recht, bleibt aber durchaus fraglich[341]; der Römer ~Africianus~ (Ἀφρικιανός)[342], ist zweifellos als der Verfasser des, nur in sehr entstellter und interpolierter Gestalt auf uns gekommenen Sammelwerkes „Kesten“ anzusehen, d. i. als jener ~Julius Sextus Africanus~, der nachweislich zu Beginn des 3. Jahrhunderts lebte und literarisch tätig war[343]; der Grieche ~Anaxilaos~ endlich, dessen Zeitalter ~Lagercrantz~ für unbestimmbar ansah[344], ist, wie ~Diels~ erinnert, sicherlich der nämliche aus dem berüchtigten Zauberlande Thessalien stammende „Pythagoräer“, von dessen magischen Kunststücken und dessen Ausweisung aus Italien im Jahre 28 v. Chr. ~Plinius~ berichtet[345]; dem Stockholmer Papyrus zufolge[346] empfahl er u. a. ein von ~Demokritos~ herrührendes Rezept, und ~Diels~ vermutet, daß ein größerer Teil auch der übrigen Vorschriften durch ihn aus der [noch unveränderten, also noch nicht in alchemistischem Sinne entstellten] Urschrift des ~Pseudo-Demokritos~ vermittelt ist; auf diesen scheint in einzelnen Punkten vielleicht auch die Sprache des Stockholmer Papyrus zurückzugehen, die sich im ganzen aber als eine äußerst gewöhnliche erweist.
Einige wenige +Siglen+ (z. B. für „Drachme“ und für „einhalb“) und Wortabkürzungen (z. B. πορφ’ für πόρφυρα = Purpur, und υ/στ für στυπτηρία = Alaun) sind dem Stockholmer und Leidener Papyrus gemeinsam[347]; +allein+ im letzteren kommen die oben angeführten Zeichen der Sonne und des Mondes für Gold und Silber vor; in +beiden+, die zwar erst im 3. Jahrhundert niedergeschrieben, im ganzen aber, trotz so mancher Abänderungen, Einschiebungen und Zusätze, doch wesentlich orthodoxe und annähernd getreue Wiedergaben +weitaus+ älterer Überlieferungen sind, fehlen (wie bereits erwähnt) noch gänzlich jene magischen und mystischen Ideen, unter deren Einfluß erst der Übergang derartiger Lehren in eigentlich alchemistische stattfand. Sehr bezeichnend für dieses Eindringen der Mystik, das schon in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten zu beginnen, seinen Höhepunkt aber etwa zwischen 300 und 400 zu erreichen scheint, wäre eine mit dem Stockholmer Papyrus vereinigte Beigabe, sofern sie wirklich zu ihm gehört und zusammen mit ihm aufgefunden wurde, was sich indessen bestenfalls als wahrscheinlich, keineswegs als bewiesen, hinstellen läßt[348]. Sie besteht aus einem Papyrusblatte, das in Zügen, die jenen des Hauptstückes zwar ähnlich, aber doch von ihnen verschieden sind, die Inschrift trägt: „Sonne, Berbeloch, Chthotho, Miach, Sandum, Echnin, Zaguel: bewahre mich, während ich die Mischungen vornehme (συνιστάμενον). Übliche Formeln (κοίνα). Dann salbe Dich, und Du wirst mit eigenen Augen die Ergebnisse sehen“[349]. Der Anrufung der Sonne folgen also eine Anzahl (als Beinamen aufzufassender?) magischer Worte, wie sie in gleicher Art sehr oft in den sog. Zauberpapyri der nämlichen Epoche vorkommen; sodann soll der Ausführende, wie ebenfalls häufig in diesen Zauberpapyri, die κοίνα aufsagen, d. s. die vorgeschriebenen geheimen Formeln (die als ihm geläufig vorausgesetzt werden), und schließlich eine Salbe gebrauchen, deren mystische Wirkung zum gewünschten Ziele führt. Nimmt man die Zusammengehörigkeit des Hauptpapyrus und des Beiblattes an, so drängt sich die verlockende Vermutung auf[350], daß die „vorzunehmenden Mischungen“ die in ersterem beschriebenen seien, daß also der ursprünglich mit völliger Offenheit Nachahmende und Fälschende +hier+ bereits bewußte Täuschung ausübe, d. h. an der Hand eines mystischen Rituales als Magiker und zaubernder Alchemist auftrete. Hierzu wiederum würde vortrefflich die schon von ~Berthelot~ aufgestellte, von ~Lagercrantz~[351] und von ~Diels~[352] gebilligte Hypothese passen, der Besitzer der Leidener und Stockholmer Papyri sei ein der Magie und Alchemie ergebener höherer Priester gewesen; für deren Richtigkeit spricht es noch, daß in Ägypten seit altersher jedermann das, womit er sich im Leben beschäftigte, auch in das Grab mitgegeben erhielt, und daß ein hoher Priester leicht in der Lage war, sich derartige Prunkabschriften als Totenbeigaben zu beschaffen.
Nach ~Wünsch~[353] ist indessen die von ~Lagercrantz~ gegebene besondere Auslegung der Worte „ἔχε με συνιστάμενον“ unzulässig: sie können nicht heißen „bewahre mich, während ich die Mischungen vornehme“, sondern sind eine in den Zauberpapyri des Zeitalters häufige rituelle Anrufung und bedeuten „nimm mich an, der ich zu dir trete“. -- Die magischen Worte hält ~Löw~ für semitischen Ursprunges, wonach das letzte, „Zaguel“, vielleicht als der in sehr ähnlicher Form überlieferte Namen eines jüdischen Engels anzusehen wäre[354]. -- Da ihrer aber sieben sind, stehen sie möglicherweise auch in Zusammenhang mit den sieben Planeten, und in „Berbeloch“ könnte etwa die, durch die religiöse Sekte der Barbelo-Gnostiker bekannte „Barbelos“ (= παρθένος, Jungfrau), als Göttin des Mondes verborgen sein; für die restlichen Worte müßten sich, falls die Voraussetzung zutreffen sollte, Beziehungen zu den übrigen fünf Planeten nachweisen lassen.
2. Demokritos (Pseudo-Demokritos).
(Angeblich im 1. Jahrhundert n. Chr.)
Während die Rezepte des Leidener und Stockholmer Papyrus zwar oft Deutlichkeit und Zusammenhang vermissen lassen, nirgends aber, selbst wo sie sichtlich auf Täuschung und Fälschung hinausgehen, völliger Offenheit und Aufrichtigkeit ermangeln, finden wir die eigentlichen „alchemistischen Traktate“ durchaus erfüllt von mystischem und magischem Beiwerke, von zauberischem und abergläubischem Wesen, von geheimtuenden und allegorischen Anspielungen, -- und daher, trotz ihrer Ausführlichkeit und Breite, dunkel oder unverständlich.
Auf welche Weise, und durch was für Einflüsse vermittelt, dieser veränderte Geist platzgegriffen haben mag, kann an dieser Stelle noch nicht erörtert werden. Hervorzuheben ist jedoch, daß wir bisher noch kein chemisches Werk kennen, das vermittelnden Charakter trüge und allmähliche Übergänge zu ersehen, mindestens zu erschließen, gestattete, daß vielmehr die bezeichnete Eigenart auch schon bei jenen Schriften hervortritt, die die ältesten sind, oder sich doch als solche geben. Freilich muß zugestanden werden, daß wir auch sie, soweit es sich nicht überhaupt um Untergeschobenes oder Apokryphes handelt, sicherlich nur in stark veränderter, durch so manche spätere Hand zweckbewußt umgearbeiteter Gestalt kennen; auf diesem Umstande wird es auch mit beruhen, daß die Reihe der griechisch schreibenden alchemistischen Autoren, obwohl sie rund ein halbes Jahrtausend umfaßt (ungefähr vom 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung bis zur Eroberung Ägyptens durch die Araber, 640-643 n. Chr.), kaum nach irgendwelcher Richtung hin Fortschritt oder Entwicklung verrät, so daß von diesen Schriftstellern gilt, was ~Albrecht von Haller~[355] über die arabischen Botaniker sagt: „sie sind die brüderlichsten Brüder, und hast du einen von ihnen gelesen, so hast du sie alle gelesen“; das einzige, aber ziemlich untrügliche Unterscheidungszeichen älterer und jüngerer Abhandlungen bleibt die bei letzteren immer weiter zunehmende Verworrenheit und Kritiklosigkeit, sowie das stets merklichere Zurücktreten eigentlicher chemischer Kenntnisse und praktischer Erfahrungen hinter leeren alchemistischen Einbildungen und theoretischen Abstraktionen.
Welche Autoren in Wahrheit die frühesten sind, welche Lehren tatsächlich von ihnen herrühren, und welche Auslegungen dieser Lehren wirklich zutreffen, -- alle diese Fragen lassen sich zur Zeit nicht mit Sicherheit beantworten. Wir wissen nur spärliches über Lebenszeiten und Lebensumstände der Verfasser (deren Namen sich überdies in einigen Fällen auch noch wiederholt haben sollen), es läßt sich meist kaum entscheiden, ob und inwieweit ihre Zitate aus den „Alten“ echte oder nur vorgebliche sind, und des weiteren bietet der Wortlaut dieser Berufungen, nicht minder aber auch jener der eigenen Ausführungen, dem Verständnisse noch viele ganz besondere Schwierigkeiten: die Beschreibungen der vorzunehmenden Operationen sind häufig unvollständig, unklar, oft auch „absichtlich geheimnisvoll“ und lassen meist jede Andeutung quantitativer Verhältnisse (Mengen, Zeiten, Konzentrationen, Temperaturen) vermissen; als Bezeichnungen der Substanzen dienen in fast beliebiger Weise vieldeutige Worte, und man hat daher, etwa unter Chalkitis, Chrysokolla, Kadmia, Kommi, Magnesia, Sinopis, Stypteria, je nach den Umständen das Allerverschiedenste vorauszusetzen: nicht nur ganz anderes als der +heutige+ Sprachgebrauch erwarten läßt (bei „Gummi“, bei „Magnesia“, usf.), sondern auch nach +damaliger+ Kenntnis weit Auseinanderliegendes, so z. B. wenn Sinopis[356] bald Rötel aus Sinope bedeutet, bald sinopisches Minium (Mennige), bald aber Zinnober, Realgar, Oker, Eisenrost, oder Hämatit (Roteisenstein). Endlich werden viele der benützten Stoffe überhaupt nur unter dem Schleier von Geheimnamen, sog. Decknamen, eingeführt, betreff derer begreiflicherweise die größte Willkür besteht[357], so daß man schon bei den verständlicher klingenden niemals vorher wissen kann, +welches+ Mineral, +welches+ Präparat, +welche+ Droge irgendein Autor unter Ei, Eigelb, Galle, Honig, Gummi, Safran, Rettigöl, Ricinusöl, Lorbeerholz u. dgl. gerade versteht und verstanden haben will. Daß z. B. an irgendeiner Stelle „magnetische Blumenblätter“ den Braunstein (Pyrolusit, Mangansuperoxyd) bedeuten sollen, wird allenfalls noch Derjenige erschließen können, der weiß, 1. daß „Blätter der Krone“ zuweilen auch als Namen der „Magnesia“ vorkommen, 2. daß „Magnesia“ (neben vielen anderen in den Gebieten Magnesias auftretenden Mineralien) auch den Braunstein bezeichnet, und 3. daß dieser „magnetisch“ auch noch deshalb heißt, weil durch seinen Zusatz das infolge Eisengehaltes dunkle Rohglas entfärbt wird, was schon ~Plinius~ mit den Worten erklärt, er ziehe den Abschaum des Glases (liquorem vitri) ebenso an sich, wie der Magnet das Eisen; darauf aber, daß an irgendeinem anderen Orte mit „Lorbeerblättern“ der „weiße Schwefel“ (= Arsenigsäure) gemeint sein soll, würde überhaupt niemand verfallen können, erschlösse ihm nicht zufälligerweise eine Parallelstelle diesen Sinn, für den uns der richtige Anhaltspunkt völlig fehlt.
Durchaus zutreffend, und ~Berthelot~ gegenüber fast prophetisch, hat also ~Kopp~ hervorgehoben, daß den alchemistischen Werken, -- wie künftige bessere und vollständigere Ausgaben gewiß +noch+ klarer ersichtlich machen würden, -- verhältnismäßig wenig Bestimmtes über das chemische Wissen ihrer Verfasser zu entnehmen ist, und daß die Auffassung des zu Entnehmenden oft zweifelhaft bleibt und in der Luft schwebt, „worüber sich der Fernstehende durch zuversichtliche Behauptungen nicht täuschen lassen darf“[358], um so mehr, als man für eine frühe Zeit und die ihr angehörigen Schriften keine sichere Antwort auf Fragen abzuleiten vermag, die, nach der Erkenntnisstufe jener Zeit, in ihr gar nicht bewußt gestellt wurden[359]. Die Vorschriften zur künstlichen Darstellung von Gold und Silber, so führt ~Kopp~ weiter aus, sind nicht nur insoweit gegenstandslos, als sie dieses unmögliche Ziel für erreichbar oder wirklich erreicht ausgeben, sondern sie lassen auch meist im Dunkeln, wie man es erreicht zu haben +glaubte+, da die Nomenklaturen unverständlich und rätselhaft, die Kunstausdrücke vieldeutig und unsicher, die Einzelnamen fragwürdig und figürlich sind, vielleicht auch ihren Sinn wiederholt gewechselt haben; selbst Vergleiche der Werke untereinander fördern in dieser Hinsicht nicht nach Erwarten, denn die Geschichte aller Irrlehren zeigt, daß diese nicht oder kaum entwicklungsfähig sind, so daß die jüngeren Verfasser die älteren stets nur aufs neue wiederholen und kommentieren[360]. „Man findet bei diesen Autoren“, so sagt sehr richtig schon 1783 ~Moehsen~ in einem noch heute höchst lesenswerten Abschnitte seiner „Beiträge zur Geschichte der Wissenschaften in der Mark Brandenburg“[361], „weitläufige Exegesen, nach Art der kirchenväterlichen über die Bibel, .... der Schüler gibt weiter, was ihn sein Meister lehrte, und der eine Blinde zeigt immer dem anderen den Weg.“
Nur mit großer Vorsicht wird man also unter solchen Umständen zum Versuche schreiten dürfen, Lehren und Leistungen der griechischen Alchemisten nach Möglichkeit klarzulegen.
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Die „alten“ Überlieferungen stimmen so gut wie ausnahmslos darin überein, daß die frühesten der uns vorliegenden alchemistischen Schriften jene des ~Demokritos~ seien[362]; zugleich stellen sie dessen Identität mit dem +Philosophen+ ~Demokritos~ aus Abdera als eine derartig unzweifelhafte und selbstverständliche hin, daß sie für nicht wenige Gelehrte noch inmitten der Neuzeit ein unerschütterlicher Glaubensartikel blieb, obwohl schon ~Salmasius~ (~Saumaise~) 1622 im Kommentar zu des ~Tertullianus~ „Liber de pallio“ erklärte[363], „daß diese Werke zwar unter dem Namen des ~Demokritos~ gehen, aber der letzten Zeit der griechischen Literatur angehören“!