Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange
Part 48
Die Entstehung der so merkwürdigen und vom rein chemischen Standpunkte aus ganz unbegreiflichen, ja völlig widersinnigen Theorie vom Schwefel und Quecksilber als den Grundlagen sämtlicher Stoffe und wesentlichen Bestandteile der Metalle, -- einer Theorie, die trotz ihrer Absurdität fast anderthalb Jahrtausende lang in unvermindertem Ansehen blieb und vielen noch im 18. Jahrhundert durch die analytischen Untersuchungen hervorragender Gelehrter keineswegs endgültig widerlegt erschien --, wird daher nur verständlich, wenn man sich gegenwärtig hält, daß sie, allem Dargelegten zufolge, überhaupt nicht an der Hand +chemischer+ Voraussetzungen abgeleitet wurde und werden konnte, sondern nur auf Grund +philosophischer+, und zwar allein der oben erwähnten, ausschließlich für ganz bestimmte spätgriechische Schulen charakteristischen.
Dieser Umstand ist von besonderer Wichtigkeit für die Lösung gewisser, im übrigen nur schwierig aufzuklärender geschichtlicher Fragen, die die Ausbreitung der Alchemie betreffen; denn sobald, auch in anscheinend ganz entlegenen Kulturkreisen, die dogmatische Lehre vom Schwefel und Quecksilber als Ursubstanzen auftaucht, wird man mit größter Wahrscheinlichkeit schließen dürfen, daß sie nicht zufälligerweise in aller ihrer Eigenart zum zweiten Male entwickelt, sondern in bereits fertig ausgebildeter Gestalt von außen her übermittelt worden sei.
3. Das „Steinbuch des Aristoteles“.
Das noch von ~Berthelot~, vermutlich auf das Urteil älterer Orientalisten hin, als wichtige Quelle früharabischer Alchemie angesehene sog. „Steinbuch des ~Aristoteles~“ kann zwar als solche, den neuesten eingehenden Untersuchungen ~Ruskas~[3989] zufolge, nicht mehr in Betracht kommen, enthält aber immerhin sehr vieles für die Geschichte der Chemie und Alchemie höchst Merkwürdige und Beachtenswerte. Das Buch ist nach ~Ruska~ syrisch-persischer Herkunft und ursprünglich noch vor dem Jahre 850 in arabischer Sprache von einem mit der griechischen und persischen Litteratur wohlvertrauten Syrer niedergeschrieben, vielleicht von dem 873 verstorbenen, berühmten Universalgelehrten ~Honein~ (~Hunain~) ~ibn Ishaq~[3990]; diese erste arabische Fassung, die mehrfach in die hebräische und aus dieser wieder in die lateinische Sprache übersetzt wurde und nur die Edelsteine nebst einigen anderen seltenen und auffälligen Steinen behandelt zu haben scheint, ist als ältestes Dokument arabischer Mineralogie anzusehen[3991]. Leider blieb sie aber in unveränderter Gestalt weder im Original noch in Übersetzung erhalten, vielmehr sind die uns vorliegenden Texte Ergebnisse vielfacher und oft wiederholter Erweiterungen und Interpolationen, die von sachkundigen, teils orientalischen, teils spanischen muslimischen Gelehrten herrühren: diese fügten zunächst die Metalle nebst deren Zubehör ein[3992], sodann eine stets wachsende Zahl medizinisch, chemisch und magisch wirksamer oder wirksam geglaubter Steine[3993], und überarbeiteten schließlich die ganze Schrift in alchemistischem Sinne, ohne aber diese Absicht offen einzugestehen oder deutlich hervortreten zu lassen[3994].
Als ein „Steinbuch des ~Aristoteles~“ will das Werk offenbar für die Übersetzung eines griechischen Originales gelten, und indem es dem ~Aristoteles~ u. a. auch die Kenntnis aller nur möglichen in Kleinasien, Syrien, Persien usf. vorkommenden Mineralien und ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Eigenschaften zuschreibt, knüpft es an eine Überlieferung der „Alexander-Sage“ an[3995]: diese, die zuerst schon im zweiten vorchristlichen Jahrhundert nachweisbar wird, läßt nämlich ~Alexander~ den Großen auf seinen sämtlichen Feldzügen von ~Aristoteles~ begleitet sein, der mit übermenschlicher Weisheit stets auf den ersten Blick alles Niegesehene erkennt, alles Unerhörte enträtselt, List und Trug durchschaut und jede drohende Gefahr abwendet, wodurch er sich in gleichem Maße als Lehrer wie als Schutzgeist seines königlichen Schülers bewährt. ~Alexander~ selbst lebt in der Sage nicht nur als größter Eroberer, Feldherr und Herrscher fort, sondern wird allmählich auch zum Gelehrten, Philosophen[3996], Arzt, Magiker und Chemiker ersten Ranges; die nötigen Kenntnisse übermittelte ihm der allbewanderte ~Aristoteles~, der sie selbst wieder teils dem weisen, aller Künste und Zauber kundigen König ~Salomon~ verdankte, teils dem Verfasser der tausend Bücher, dem ~Hermes~[3997]. Von ~Salomon~ stammte z. B. sein Wissen um jenen „roten Schwefel“ (= Gold), den die Ameisen für diesen König aus den Felsen des „Tales der Ameisen“ graben mußten[3998], -- jedenfalls als späte, von hellenistischer Phantasie gezeugte Nachkommen der märchenhaften goldgrabenden Ameisen des ~Herodot~; von ~Hermes~ hingegen erlernte er die Kunde der Steine[3999], sowie die Astrologie, auch übersetzte er das astrologische Werk des ~Hermes~ ins Griechische und verfaßte zu dem des ~Ostamahis~ (= ~Ostanes~?) einen Kommentar, den, auf seine Empfehlung hin, auch ~Alexander~ der Große zu studieren pflegte[4000].
Kaum bedarf es des Hinweises, daß die echten Schriften des ~Aristoteles~ keine Spur von astrologischen Anschauungen enthalten, und daß ~Aristoteles~ zwar zoologische und (verloren gegangene) botanische Bücher herausgab, aber keine eigentlich mineralogischen[4001]. Von seinem Schüler und Nachfolger ~Theophrastos~ rührt zwar eine (nur fragmentarisch erhaltene) Abhandlung „Über die Steine“ her, und diese mag, als der Schule des ~Aristoteles~ entstammend, in späterer Zeit von manchen auch als von ihm selbst verfaßt angesehen worden sein; doch auch in ihr ist nirgends von den zauberhaften, magischen und medizinischen Wirkungen der Mineralien die Rede, wie sie sich z. B. schon bei ~Dioskurides~ geltend machen, bei ~Plinius~ bereits vorherrschen und die Schriften der hellenistischen Spätzeit, z. B. die dem ~Orpheus~ zugeschriebenen „Lithika“, die „Kyraniden“ u. dgl., völlig erfüllen[4002]. Im wesentlichen beschränken sich die Kenntnisse des ~Theophrastos~[4003] auf die Silber, Kupfer, Eisen und Blei führenden Erze; auf Malachit und Lasur, Oker und Rötel, gelbes und rotes Arsen; auf Bleiweiß, Grünspan und Zinnober, sowohl den natürlich vorkommenden aus Spanien und Kolchis, als auch den „künstlichen“, d. h. künstlich aufbereiteten, den ~Kallias~ aus dem „Sand“ der ephesischen Silbergruben durch wiederholtes Pochen und Waschen als rotes, prächtig glänzendes Pulver darstellte; ferner auf „Magnetis“, ein silberglänzendes, vom Drechsler zu bearbeitendes Gestein (wohl eine Art Glimmer oder Talk), sowie auf den für ein Mineral angesehenen Bernstein, der Elektron oder Lynkurion genannt wird. [Die schon im Altertums weitverbreitete Anschauung, „Lynkurion“ sei der zum Stein verhärtete Harn (οὖρον, Uron) des Luchses (λύγξ, Lynx), erklärt sich aus einer Mißdeutung des Namens der Lingurier oder Ligurer, in deren Gebiet eine der uralten nord- und zentraleuropäischen Handelsstraßen, auf der u. a. auch der Bernstein befördert wurde, die Küste des Mittelmeeres erreichte.]
Von den über siebzig im „Steinbuche des ~Aristoteles~“ besprochenen Mineralien sind besonders die nachstehenden, als auch für die alchemistische Litteratur wichtig, hervorzuheben: +Schwefel+, der als gelber, roter und weißer auftritt[4004]. -- +Arsen+, Zarnik, Zirnich [d. i. Schwefelarsen], findet sich als gelbes und rotes, gibt beim „Verkalken“ eine weiße, tödlich giftige Masse [d. i. Arsenigsäure], färbt das Kupfer weiß, eignet sich als Zugabe für Feuerwerkssätze (opera ignea) und liefert mit Kalk, Nura, vereint ein treffliches Enthaarungsmittel[4005]. -- +Magnesia+ ist [im Sinne von Braunstein] unentbehrlich für die Glasmacher[4006], färbt auch den Billaur oder Bellor, aus dem man Gefäße und Brenngläser macht [d. i. eigentlich Bergkrystall, hier wohl ein Krystallglas][4007]; Magnesia benennen viele aber auch den schwefelhaltigen Androdámas [= Pyrit][4008], sowie den glänzenden, Gold und Silber führenden Markasit [= Pyrit, Kupferkies usf.], von dem es sehr zahlreiche Arten gibt[4009]. -- +Ithmid+, auch Itmad, Ezmit, Azmat, ist Stimmi [d. i. Schwefelantimon, zuweilen auch Schwefelblei, also Antimon- oder Bleiglanz][4010]. -- +Tutia+ [d. i. wesentlich Zinkoxyd] kommt in vielen, bald weißen, bald gelben oder grünen Sorten an den Seeküsten von Hind und Sind [d. i. des nordwestlichen Indiens und des südöstlichen Persiens] vor und ist auch ein vorzügliches Augenheilmittel[4011].
Aus Kalkand (χάλκανθος, Chálkanthos) und Kalkatar oder Kalkadir (χαλκῖτις, Chalkítis) entsteht der +Zâdsch+, Vitriol, eine glasartige Masse von mancherlei Farben (vitrum multorum colorum)[4012]; zu seinem Geschlechte zählen manche auch den für die Färberei so wichtigen +Schabb+, Alaun, dessen beste Sorte aus Jemen kommt[4013]. Für alle diese und viele andere Substanzen gibt es „Spezialisten“, das sind Gelehrte, die nur eine einzige bestimmte Gattung und deren Anwendungen behandeln, über diese aber, die nun einmal ihre „Spezialität“ ist, niemals hinausgehen[4014]. -- Vom gewöhnlichen Salz kennt man ebenfalls höchst verschiedene Arten, darunter die sehr schöne feste, schneeweiße (lapis albus sicut nix); merkwürdigerweise sind viele Fundorte des Salzes auch solche der leicht entzündlichen Naphtha (minerae ignis graeci = Fundstätten des griechischen Feuers)[4015]. -- Dem Salze gleichen die +Kali+ genannten Aschen bestimmter „baumhoch wachsender“ Kräuter, die beim Verbrennen durch das Feuer versteinert und verhärtet werden[4016], ferner das zum Waschen und Reinigen dienliche +Nitron+ oder Natron, eine Abart des Borax[4017], sodann der eigentliche +Borax+, der aus gewissen Salzseen stammt und sich sehr geeignet zu Zwecken des Lötens und Schmelzens erweist[4018], endlich auch in mancher Hinsicht der +Kalk+, Nura[4019]. Ein Salz ist auch der +Nausadir+ [Nûschâdir, Salmiak; nach ~Lagarde~ armenisch?][4020], „nasciador qui fit in balneis“, „liscianada quae fit in balneis“[4021], d. h. „der Salmiak der in den Bädern entsteht“ [nämlich durch Sublimation, aus dem zum Heizen gebräuchlichen getrockneten Miste, besonders dem der Kamele]; er ist von heißer und trockener Natur, zieht viele Stoffe an sich und fixiert daher die Farben und zeigt Weiße, Farbe und Glanz des Diamanten[4022].
Dieser kostbarste aller Edelsteine findet sich allein in einer völlig unzugänglichen Felsenschlucht Indiens; ihn aus dieser herauszuholen glückte erst ~Alexander~ dem Großen, indem er, -- wie schon 392 der gegen die Ketzer schreibende ~Epiphanios~ erzählt, und wie es 1190 der persische Dichter ~Nizami~ in seinem „Alexander-Liede“ bestätigt --, mächtige Stücke rohen Fleisches hinabwerfen und sie samt den anhaftenden Edelsteinen durch große Vögel wieder emportragen ließ. Der Diamant wird durch Feuer nicht angegriffen, löscht es vielmehr aus[4023] [vermöge seiner „besonders kalten Natur“]; zum Gold hat er Neigung und zieht es an wie ein Magnet[4024], hingegen ist ihm das Blei feindlich, „zerbricht und pulvert ihn“[4025]. [Dieser noch im Mittelalter sehr allgemein verbreitete Aberglaube rührt vermutlich daher, daß man Edelsteine aller Art durch An- oder Einschmelzen in Bleiplatten zu befestigen pflegte, um sie gehörig schleifen und polieren zu können.]
Unter den +Metallen+, -- deren Schilderung, wie oben erwähnt, vermutlich erst in späterer Zeit (und wohl gemäß den Angaben in der Enzyklopädie der „Treuen Brüder“) in das „Steinbuch“ eingefügt wurde[4026] --, ist allein das +Gold+ völlig rein und unveränderlich[4027], während schon das weiße und glänzende +Silber+ durch Blei oder Quecksilber „verdorben“ und durch Schwefel geschwärzt wird[4028]. Vom +Kupfer+, Nuhâs[4029], kennt man viele Arten und verfertigt aus ihm Messing, Sifr[4030], aber auch sonst noch unter Benützung von Borax, Vitriol und anderen Zutaten allerlei dem Golde Gleichendes[4031]; kupferne und messingne Gefäße machen Speisen und Getränke giftig, es ist nämlich in ihnen ein tödliches Gift „verborgen“, das man mittels Essig „herauszuziehen“ vermag, d. i. der Grünspan, Zindschar[4032], eine Art Malachit, der aus dem Kupfer entsteht[4033]. +Zinn+, Rasas[4034], das oft mit Blei verwechselt oder für Blei angesehen wird[4035], enthält oft etwas Gold oder Silber und ist selbst eine Art unreines Silber, das man nur von Weichheit, Gestank und „Geschrei“ befreien müßte, um es in wahres Silber überzuführen[4036]. Mannigfaltiger Art ist das +Eisen+, dessen merkwürdigstes Erz, das Magneteisen, im indischen Meere den berühmten Magnetberg bildet[4037]; man kennt übrigens mehr als zwanzig verschiedene Magnete, die sämtliche Metalle und auch noch vieles andere anziehen[4038]. Im Feuer gibt das Eisen roten Eisenrost[4039] und durch die Kraft gewisser Zusätze wird es zu Stahl, Fûlâd[4040]. Das +Blei+, Usrub oder Rasâs[4041], wird aus Ithmid [= Bleiglanz; oft aber auch = Antimonglanz] gewonnen[4042] und ist bei völliger Reinheit frei von Trockenheit, kalt und weich, „zerbricht“ aber trotzdem den Diamanten[4043]; in ihm verborgen ist das glänzende, zu Salben nützliche Bleiweiß, Isfîdâdsch (= weißes Wasser), das Essig schon in der Kälte „herauszieht“[4044], ferner noch die nur durch Feuer herausziehbare Bleiglätte, Martak[4045], die bei weiterem Erhitzen rot wird und Mennige, Usrundsch, liefert, aus der man mit Öl ein Bleipflaster anfertigt[4046]. +Quecksilber+[4047] ist ein „beschädigtes“ Silber und so schwer, daß alle schwersten Mineralien auf ihm schwimmen, mit Ausnahme des Goldes; ~Alexander der Grosse~ kam aber [was auch der Dichter ~Nizami~ erwähnt] auf seinen Zügen an ein Meer, dessen Wasser ebenso schwer war wie Quecksilber. Selbst sehr giftig gibt Quecksilber einen noch weit furchtbarer giftigen Dampf; in „verkalktem“ Zustande macht es das Kupfer weiß[4048], beim Erhitzen mit Schwefel in verschlossenen Töpfen färbt es sich hingegen rot und wird dabei zu Zinnober, Zundschufr oder Schandschart, aus dem man es jedoch durch „Brennen“ in gläsernen Gefäßen wieder „ausziehen“ kann[4049]. Nicht selten wird Zinnober verwechselt mit Mennige und samt dieser wieder mit Bleiglätte, sowie mit Rötel[4050].
Was die, gelegentlich später Umarbeitungen, in das „Steinbuch“ eingeschobenen +alchemistischen+ Betrachtungen anbelangt[4051], so besagen sie, daß die Philosophen in dieser Hinsicht allerlei Andeutungen zu machen, sie aber vor der großen Menge sorgfältig zu verbergen pflegen[4052]; der (neben anderen Steinen genannte) „philosophische Stein“ verleiht, wie das die Goldmacher wissen (sciunt qui faciunt aurum), die Kunst des großen Werkes (scientiam magisterii)[4053] und findet sich im gemeinen Kot (in luto), und zwar in zwei Abarten, die weiß und rot sind und die weiße und rote Farbe (d. h. Silber und Gold) hervorbringen[4054]. Aus Silber (14 Teilen) erhält man rotes Gold entweder durch Einwirkung von „Satansstein“ (1 Teil), der unter Wasser gelb wie Auripigment aussieht, an sich aber rot ist und beim Verkalken zu einem Zinnober wird[4055], oder durch Behandlung mit „Farsalus“, d. i. Aphroselinon[4056] [= Talk, Glimmer; hier wohl Deckname für ein alchemistisches Präparat]. Der Farsalus ist überhaupt von wunderbarer Kraft: er fixiert das Quecksilber, was außerdem auch die Steine „Karsijâd“, „Hâdi“ und „Wollmagnet“ vermögen[4057], er verwandelt Blei und Eisen in Silber und Gold[4058] und erzeugt aus Kupfer Silber sowie aus Silber Gold[4059]. Kupfer wird „weiß“ [d. h. zu Silber] durch Quecksilber, durch den Stein „Baumwollmagnet“[4060] und vor allem durch Zirnich [= Arsen], den „weißen Vogel“ [avis alba = Arsenigsäure], in dem das „große Geheimnis“ steckt, und der auch „Weiß der Ifrangis“ (Franken) heißt[4061]; Kupfer und auch Silber wird „rot“ [d. h. zu Gold] durch den „indischen“ Stein „Hâmi“, sowie durch Schwefel, der es rötet und rot färbt, weshalb er wichtige Anwendung beim Machen des Goldes findet[4062]; auch Borax, Vitriol und andere Zutaten ergeben aus Kupfer oder Messing „Goldähnliches“, das viel billiger einsteht wie echtes Gold, jedoch nicht feuerbeständig ist[4063]. -- Zu alchemistischen Zwecken dürfte auch die persische Legierung „Haftdschausch“, d. h. „aus sieben [nämlich Metallen] gekocht“, bestimmt gewesen sein[4064]; Mischungen, auch im Sinne von Temperamenten, werden mit „Kîmûsât“ (abgeleitet vom griechischen χυμοί, Chymoi = Säfte) bezeichnet[4065], die Künste der Metallgießer aber auch mit „Kîmijâ“, Chemie[4066], zu deren Aufgaben u. a. das „Auflösen“ (Zersetzen) der Substanzen mittels „Kürbis und Alembik“ [d. h. durch Sublimation oder trockene Destillation] gehört[4067].
Wie bereits eingangs bemerkt wurde, ist das „Steinbuch“ syrisch-persischer Herkunft und liefert mit einen wichtigen Beleg zu der Tatsache, daß die Araber ihre eingehenderen mineralogischen und namentlich metallurgischen Kenntnisse zuerst den Persern entlehnten, bei denen sie zur Zeit der arabischen Eroberung (die um 640 stattfand) also längst vorhanden waren. Demgemäß sind nicht nur die Namen der Edelsteine u. dgl., sondern auch die der metallischen und mancher anderen Produkte zu einem großen Teile persischen Ursprunges. Im ganzen richtig erkannte dies bereits vor fast einem Jahrhundert ~Hammer-Purgstall~, wenngleich im einzelnen viele seiner Vermutungen durch die Fortschritte der Wissenschaft überholt, jene aber als ganz unrichtig erwiesen sind, die den Übergang persischen Sprachgutes auch in das Griechische betrafen. Von den Angaben, daß u. a. zurückgehe: Amethyst auf Dschemest, Jaspis auf Jascheb, Hyazinth auf Jakut, Smaragd (arab. Zabargad) auf Smerrud, Lasur (arab. Lazward) auf Ladschiwerd, Margarita auf Merwarid, Bezoar auf Pâwzahr (armenisch Fadzuhr) usf.[4068], ebenso wohl auch Türkis auf Turkesa[4069], sind daher die ersteren sämtlich zu streichen[4070]. Wirklich dem Persischen entlehnte arabische Worte sind hingegen z. B.: Fûlâd (Stahl), Zindschar (Grünspan), Usrub und Rasâs (Blei, Zinn), Isfîdâdsch (weißes Wasser = Bleiweiß), Martak (Bleiglätte; das mittelpersische Wort hat sich im Arabischen erhalten), Usrundsch (Mennige), Sifr (Messing), Zundschufr (Zinnober) usw.[4071].
4. Syrische Schriften.
Die vielfachen und in hellenistischer Zeit ganz besonders engen Beziehungen zwischen Ägypten und Syrien machen es sehr wahrscheinlich, daß in letzterem Lande auch die alchemistischen Lehren bereits frühzeitig eine Stätte fanden, ja den nach Westen vordringenden Arabern zuerst schon dort bekannt wurden[4072]. Mit Recht betonte daher, wie dies bereits oben bei Besprechung des ~Pseudo-Demokritos~ Erwähnung fand, der berühmte Orientalist ~G. Hoffmann~ schon 1884 die Wichtigkeit der einschlägigen früh-syrischen und -arabischen Handschriften (namentlich der in London und Cambridge vorhandenen) und deren Unentbehrlichkeit zur Aufklärung der anfänglichen Geschichte der Chemie und Alchemie. Ebenso wurde weiter oben auch erwähnt, daß ~Berthelot~, dem gegebenen Fingerzeige folgend, ~Duval~ und ~Houdas~ zur Herausgabe und Übersetzung zweier der bedeutsamsten dieser Manuskripte veranlaßte; sie erwiesen sich teils als vermutlich dem 7.-9. und 9.-10. Jahrhunderte angehörige Kompilationen[4073], teils als dem 9.-10. und 10.-11. Jahrhunderte entstammende Übersetzungen aus dem Griechischen, die vieles sehr Alte, aber auch so vieles von weit späteren Autoren Zugefügte und Eingeschobene enthalten, daß ihr eigentlicher Sinn oft arg verdunkelt, oft auch bis zur gänzlichen Unerkennbarkeit entstellt erscheint. Da die Niederschriften der jetzt vorliegenden Fassung frühestens dem 11. Jahrhundert angehören sollen, Zeitgrenzen für die Interpolationen aber kaum genau festzulegen sind, lassen sich bestimmte Schlüsse auf die ursprüngliche, von arabischen Einflüssen noch unberührte Gestalt dieser Werke vorerst nur mit großer Zurückhaltung ziehen, und zumeist bleiben die Ergebnisse zu erhoffender weiterer Erforschung der zugehörigen alten Litteratur abzuwarten; zur Vorsicht betreff dieser mahnt aber das Vorhandensein vieler Pseudepigraphen, zu denen u. a. auch die von ~Berthelot~[4074] aus dem „Fihrist“ angeführten, angeblich im 6. Jahrhundert verfaßten Übersetzungen des ~Sergius von Resaina~ zählen, -- wie dies ~Hoffmann~ schon 1884 hervorhob[4075].
a) Ältere Schriften.
Der in +syrischer+ Sprache abgefaßte +ältere+ Hauptteil der Manuskripte[4076] verbreitet sich zunächst über die Eigenschaften, die für jeden des großen Werkes Beflissenen unumgänglich sind, nämlich Reinheit, Selbstlosigkeit, Freisein von Geiz oder Geldgier usf., in dem aus den Schriften des ~Pseudo-Demokritos~ und ~Zosimos~ genügend bekannten Sinne[4077]; sodann führt er die sieben Metalle an nebst ihren (weiter oben schon im Zusammenhange besprochenen) planetarischen Zeichen und Namen, als welche zumeist, aber nicht stets gleichbleibend, die bei den späteren griechischen Autoren gebräuchlichen in Betracht kommen[4078]. Daß auch die vier Elemente den Planeten zugeordnet werden, scheint indessen auf kein griechisches Vorbild zurückzugehen[4079].