Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange

Part 21

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Schon zur Zeit der ersten Ptolemäer, des ~Ptolemaeus Lagi~ (331-283), ~Philadelphos~ (283-246) und ~Euergetes~ (246-221), bildeten in Ägypten, besonders aber in Alexandria, einen der zahlreichsten und intelligentesten Bestandteile der Bevölkerung die Juden[1716]; sie allein von allen orientalischen Nationen unternahmen den Versuch, die griechische Philosophie, unter entsprechender Umgestaltung, mit ihren eigenen religiösen Überlieferungen in Einklang zu bringen[1717] und schufen so eine höchst merkwürdige Mischlehre aus platonischen, stoïschen und alttestamentarischen Elementen[1718]. Die Anfänge dieser Bestrebungen dürften in das 2. Jahrhundert fallen, soferne, wie es berechtigt scheint, die Fragmente des ~Aristobulos~ (gegen 150 v. Chr.?) als echt anzusehen sind[1719]. In ihnen machen sich bereits die Versuche geltend, Griechisches und Jüdisches vermöge allegorischer Deutungen biblischer Lehren sowie gefälschter Zitate aus ~Orpheus~ und ~Linos~, aber auch aus ~Homer~ und ~Hesiod~ kunstgemäß zu vereinigen, die ältesten griechischen Dichter und Philosophen aber ihre Weisheit den Schriften des ~Moses~ entlehnen zu lassen[1720]; es geschieht dies schon völlig im nämlichen Sinn, in dem sich noch um 150 n. Chr. ~Numenios~ dahin ausspricht, ~Platon~ habe aus ~Pythagoras~ geschöpft und dieser aus den heiligen Schriften der Inder, Perser, Ägypter und Juden, so daß in letzter Linie ~Platon~ nichts anderes sei als ein Μωύσης ἀττικίζων, ein griechisch sprechender ~Moses~[1721]. -- Gedanken, die denen des ~Aristobulos~ verwandt sind, finden sich auch niedergelegt in der „Weisheit ~Salomons~“ (verfaßt zwischen 100 und 50 v. Chr.), in der u. a. Gott die Welt ἐξ ἀμόρφου ὕλης schafft (aus der gestaltlosen Urmaterie)[1722], ferner im sog. „4. Buche der Makkabäer“ (verfaßt um 100 v. Chr.)[1723] und vor allem im dritten (ältesten) Abschnitte der „Sibyllinen“, d. s. 14 Bücher jüdisch-christlicher Orakel, die ursprünglich zwischen 150 und 100 v. Chr. niedergeschrieben, später vielfach erweitert, von den Kirchenvätern aber für durchaus echt und uralt angesehen wurden[1724].

Der Vermengung jüdischer und griechischer Vorstellungen entsprangen, wohl nicht ohne Einwirkung iranischer, auch die den neupythagoräischen Lehren verwandten gewisser jüdischer Sekten[1725], u. a. jene der ägyptischen „Therapeuten“, die in der Nähe Alexandrias ein beschauliches und asketisches Dasein führten[1726], sowie der palästinensischen Essäer (Essener), die gleichfalls besonderen religiösen Lebens- und Kult-Formen huldigten[1727], den „wahren“ und geheimzuhaltenden Namen der Engel große und übernatürliche Wirkungen zuschrieben und die „verborgenen“ Heilkräfte der Pflanzen und Mineralien nutzbar zu machen verstanden; sie sollen magische oder Zauber-Bücher besessen haben „nach Art derer des Königs ~Salomon~“ und gaben dieser Litteratur das rechte Ansehen, indem sie sie Verfassern aus fernster Vorzeit unterschoben[1728].

Die hervorragendste Persönlichkeit des jüdisch-hellenistischen Zeitalters ist ~Philo~ von ~Alexandria~, auch ~Philo Judaeus~ genannt, der etwa von 30 v. Chr. bis 50 n. Chr. lebte und in seinen umfangreichen Werken das gesamte Gut der Schule niederlegte, wie es schon seit Generationen überliefert wurde, und zwar teils mündlich, teils in Form schriftlicher Lehrvorträge, die die Zuhörer abschrieben oder auszogen[1729]; die innige Verknüpfung des Judentums mit der hellenistischen Religionsphilosophie, wie sie sich in ihm verkörpert, bedeutet nach ~Harnack~ den größten aller religions- und kulturgeschichtlichen Fortschritte, wenngleich sie selbst es noch nicht zu kräftigen religiösen Bildungen brachte, ihre Schöpfungen vielmehr erst im Christentum zur vollen Entfaltung gelangten[1730]. ~Philos~ griechische Quellen, die er übrigens keineswegs stets aus erster Hand benützt zu haben scheint, sind hauptsächlich ~Platon~ und die Stoïker, weiterhin auch die Peripatetiker und Skeptiker, sowie die Neupythagoräer[1731]; ihre Verbindung mit alttestamentarischen Anschauungen vollzieht er, wie ~Harnack~ sagt[1732], „als Meister in der Kunst der Allegorik und biblischen Alchemie“, die ihn zum Vater des „feinen Dualismus“ macht.

Aus der Materie, die für ~Philo~ in der Regel nicht Hyle ist, sondern die stoïsche Usia[1733], gehen zunächst die vier Elemente hervor, die sich in den beiden Gruppen der „Groben“, d. i. Wasser und Erde, und der „Feinen“, d. i. Luft und Feuer, gegenüberstehen, und denen sich der Äther bald als fünftes Element, bald als ἱερὸν πῦρ (himmlisches Feuer) der Stoïker anschließt[1734]; aus den vier Elementen bauen sich die Einzeldinge auf und erhalten ihre Qualitäten durch die Spannung (τόνος, Tónos) des sie durchströmenden Pneumas[1735], das ein materieller Lufthauch ist, zugleich aber, als allgemeinstes Prinzip des Seins, des Lebens und der Kraft, auch der Odem Gottes[1736]. Nun kann sich aber Gott, weil die Materie gemein, unrein und daher Grund aller Mängel und Übel ist, nicht selbst mit ihr befassen und durch sie beflecken[1737]; seine Einwirkung, -- denn er verhält sich zu ihr wie das ποιοῦν (das Tätige) zum πάσχον (dem Leidenden)[1738] --, muß sich daher durch schöpfende, bildende und lenkende Mittelwesen vollziehen, als da sind die Weltseele, der Demiurg und die Ideen ~Platons~, die Kräfte und wirkenden Ursachen (δυνάμεις) der Stoïker, die Dämonen des Orients, die Engel der Juden, vor allem aber der Logos, der auch als ~Hermes~ allegorisiert wird[1739]. Den Begriff Logos führt ~Philo~ ohne weitere Erklärung ein, fand ihn also wohl bei den alexandrinischen Philosophen schon als gebräuchlich vor[1740]. Der Logos ist ihm die wirksame göttliche Vernunft, die göttliche „oberste Idee“, die Kraft Gottes; Gott ist sein Vater, die göttliche Weisheit (Sophia) seine Mutter, er ist Gottes erstgeborener Sohn (πρωτόγονος ὑιός), die zweite Gottheit (δεύτερος θεός), das Bindeglied zwischen Gott und Welt[1741]; Gott schuf die Welt durch ihn als seinen Stellvertreter, er gilt für den göttlichen Vermittler und Dolmetscher (ἑρμηνεύς, Hermenéus), für das Werkzeug (ὄργανον, Organon) Gottes, daher auch für den Ober- oder Hohenpriester[1742]; als „Kraft der Kräfte“ stellt er den Bildner und Erhalter der Welt dar, als „weltwirksame Kraft“ die Einheit und Zusammenfassung der die Einzeldinge gestaltenden Logoi = Ideen und Logoi spermatikoí = Sonderkräfte[1743]; er ist Träger aller Macht der Engel, Dämonen und sonstigen Zwischenwesen und identisch mit dem Äther der Peripatetiker, dem Pneuma der Stoïker und daher auch mit der Seele und mit dem göttlichen Geiste der Weisheit[1744].

c) Die Neuplatoniker. Die Schule von Athen.

Eine Schule der Platoniker scheint in Alexandria schon um 100 v. Chr. bestanden zu haben[1745]; aus ihr entwickelte sich sehr allmählich und erst gegen Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. in bedeutsamer Selbständigkeit hervortretend, jene der +Neuplatoniker+, die +selbst+ zwar allezeit den Anspruch erhoben, getreue Jünger ~Platons~ zu sein[1746], +in der Tat+ aber Eklektiker waren und den Versuch machten, „durch Verbindung wissenschaftlicher und religiöser Motive den griechischen Polytheismus zu einer vergeistigten Naturreligion zu verklären und zu einem pantheistischen Systeme zu entwickeln“[1747]. Für die Richtigkeit der ehemals ziemlich allgemeinen Voraussetzung einer Abhängigkeit neuplatonischer von indischen Gedanken haben sich, wenngleich mancherlei merkwürdige Übereinstimmungen statthaben, doch keinerlei Beweise beibringen lassen[1748]; orientalische Einflüsse sind zweifellos vorhanden[1749], jedoch nicht gerade (wie früher vermutet) solche seitens der Gnostiker, welche religiösen Sekten vielmehr umgekehrt fast alle ihre philosophischen Lehren der griechischen und jüdisch-hellenistischen Philosophie entnahmen[1750]; von entscheidendem Gewichte ist dagegen die enge Verbindung mit dem Eklektizismus ~Philos~[1751], nach dessen Weise die metaphysischen Grundsätze im wesentlichen dem ~Platon~ entlehnt werden, die methodischen dem ~Aristoteles~, die zwecks Verbindung beider Lehren erforderlichen, oft tiefgehenden Abänderungen den Peripatetikern und Stoïkern, die mystischen Allegorien den Neupythagoräern, usf.[1752]. Das so entstandene System soll vermeintlich ein rein platonisches sein, zugleich aber auch auf pythagoräischer Grundlage fußen; die kühne Behauptung von der Identität der Lehren ~Platons~ und ~Pythagoras’~ ließ sich um so leichter verfechten, als die für Letztere fehlende Überlieferung jede beliebige Unterstellung ermöglichte; zudem aber bot sie auch den Vorteil, statt auf die Autorität ~Platons~, „der doch allzu genau historisch bekannt war“, auf die des fast mythischen ~Pythagoras~, also auf eine weitaus imponierendere, zurückgreifen zu können[1753].

Von ~Ammonios Sakkas~, der um 200 n. Chr. zu Alexandria auftrat und nur als Lehrer, nicht als Schriftsteller wirkte, ist mit Sicherheit allein bekannt, daß er als neues, allen Uneingeweihten strenge zu verschweigendes „Schulgeheimnis“ die Übereinstimmung der platonischen und aristotelischen Lehren „in ihrer wahren Reinheit“ verkündigte und hierdurch den endlosen Streitigkeiten der Platoniker und Peripatetiker ein Ziel setzte[1754]; Materie und Pneuma, Körper und Seele, so behauptete er, können durch κρᾶσις (Krásis), gleich Wasser und Wein, völlig Eines werden, ohne in ihren Grundwesen eine Veränderung zu erleiden (κατ’ οὐσίαν ἀλλοιοῦσθαι)[1755].

Eigentliches Haupt der Neuplatoniker ist sein Schüler ~Plotinos~ (204-270?), auf dessen überragende Bedeutung für die gesamte Geschichte der Metaphysik und Religion an dieser Stelle nur hingewiesen werden kann[1756]; sein Hauptwerk ist in der unter dem Titel „Enneáden“ bekannten Fassung erhalten, sechs Gruppen von je neun Abhandlungen bildend[1757], und ein Auszug aus einigen von diesen liegt in der pseudepigraphischen „Theologie des ~Aristoteles~“ vor, die im Mittelalter für echt galt und außerordentlichen Einfluß ausübte, nach allen Einzelheiten aber erst in neuerer Zeit, auf Grund einer arabischen Übersetzung, bekannt wurde[1758].

Grundlage (ὑποκείμενον) aller Körper ist nach ~Plotinos~ eine gemeinsame, ungestaltete, unwandelbare, keiner Metabolé oder Alloíosis fähige, aber jede Form willig aufnehmende Urmaterie[1759]; sie besitzt, im Sinne des platonischen μὴ ὄν (des Nichtseienden), nur +eine+ Eigenschaft, die στέρησις (Stéresis), d. i. die reine Negation, daher ist sie das Unbegrenzte, Unbestimmte, in Schatten und Finsternis Liegende, in ethischer Hinsicht aber (wegen ihrer Wirkung auf die Seele) das Gemeine, Unreine, Böse, das πρῶτον κακόν = Wurzel alles Übels[1760]. Die Materie als Hyle stellt das niedrige, weibliche, empfangende Prinzip vor, dem durch das höhere, männliche, gestaltende, erst die Form verliehen werden muß[1761]. Dies geschieht durch den göttlichen Logos, den Vermittler, Demiurgen und zweiten Gott (δεύτερος θεός)[1762], den die „Alten“, weil er als Sendbote des höchsten Intellektes anzusehen ist, allegorisch-mystisch (μυστικῶς) auch ~Hermes~ benannten[1763]. Er faßt die sämtlichen Qualitäten als Inbegriff zusammen[1764], durch sie, die zugleich platonische Ideen, pythagoräische Zahlen, Lógoi spermatikoí, Samen (σπέρματα) und Seelen sind, geht er in die Materie ein, verbindet sich mit ihr vermöge der κρᾶσις τῶν ὄλων und bringt so die Einzeldinge aus ihr hervor[1765]; das Wesentliche hierbei sind die in den „Samen“ wirkenden Logoi, die gestaltenden, erzeugenden, zwecksetzenden Begriffe, die Träger der für die Einzeldinge charakteristischen und zu ihrer Entstehung notwendigen Formen[1766]. Indem so, durch eine Art Emanation oder Ausstrahlung, aus dem einheitlichen und obersten Weltprinzip (τὸ ἕν = to Hen; das „Eine“) zuerst der Logos als einheitliche Weltvernunft und Weltseele, sodann die Logoi spermatikoí als individuelle Samen und Seelen, schließlich aber die materiellen Einzel-Dinge und -Wesen hervorgehen[1767], ergibt sich, im Sinne des „platonischen Ringes“, der „platonischen Kette“, eine Welt, die zwar in zahlreichen Abstufungen reich gegliedert ist, deren Glieder jedoch vermöge der Einheitlichkeit des höchsten Prinzips auch selbst alle in einheitlicher Verbindung und in gesetzmäßigem Zusammenhange stehen.

Hieraus erklärt es sich, daß die Einzeldinge nicht nur infolge äußerer +physischer+ Vorgänge aufeinander wirken, sondern auch infolge innerer +sympathetischer+[1768], und auf letzteren beruht u. a. die den Gestirnen als „göttlichen Wesen und sichtbaren Göttern“ zukommende Macht, die also bei den Neuplatonikern +ursprünglich+ der „gegenseitigen Sympathie aller Dinge“ als eine rein naturgemäße und ganz allgemeine, nicht eigentlich astrologische, entfließt[1769]. Erst im Laufe +weiterer+ durch den Geist der Zeit bedingter Entwicklung wird dann die nämliche Quelle auch zu der aller geheimen und mystischen Wirkungen, -- denen u. a. die der Gebete beigezählt werden[1770], -- und hat die Möglichkeit der Magie zu beweisen, sowie die der Zauberei und Astrologie, der Vorbedeutungen und abergläubischen Ideen, des Verkehres mit Dämonen und Geistern, der ekstatischen und eschatologischen Träumereien, z. B. von der Auferstehung und ewigen Seligkeit usf.[1771]. Will die Seele derartigen Lohnes teilhaftig werden und dadurch ihre ursprüngliche himmlische Vollkommenheit wiedererlangen, so hat sie sich von der gemeinen und bösen Materie des Leibes loszulösen und im Leben durch tugendhaften Wandel einer κάθαρσις (Kátharsis = Läuterung) zuzustreben, indem sie nach Kräften die unreinen Elemente von sich weist und ausstößt, die reinen aber anzieht und in sich aufnimmt: schon ein wenig Zinn macht bei der Darstellung des Erzes das Kupfer besser und schöner, wobei es selbst völlig verschwindet[1772].

Bei ~Porphyrios~ aus Tyros (232-304?), dem Schüler des ~Plotinos~ und Herausgeber seiner „Enneaden“, der den ägyptischen Aberglauben und die orientalische Mystik bekämpft und Großes in allegorischen Umdeutungen (u. a. auch des ~Homer~) leistet, überwiegt die Philosophie immerhin noch die Theologie[1773]. In den Schriften seines Schülers ~Iamblichos~ aus Chalkis in Syrien (gest. 330?) sowie dessen syrischer Freunde und Nachfolger wird hingegen der Schwerpunkt bereits zielbewußt nach der Seite der Theologie verlegt[1774]; die Vermengung sog. orphischer, pythagoräischer (= neupythagoräischer), ägyptischer und chaldäischer (= spätbabylonischer) Lehren und ihre Verbindung mit Theurgie und Mantik, Magie und Dämonologie, -- wie z. B. in der „Synagogé (= Sammlung) der pythagoräischen Meinungen“ --, fand indessen den größten Beifall der Zeitgenossen, die nicht anstanden, dem Verfasser den Beinamen θεῖος = der Göttliche zu erteilen[1775].

Von großem Einflusse erwies sich ~Iamblichos~ auf die letzten Mitglieder der „+Schule von Athen+“, deren eigene Philosophie ein bereits völlig scholastisch anmutendes Gemisch platonischer, aristotelischer, stoïscher, neupythagoräischer und -platonischer philosophischer, mit orphischen und chaldäischen theologischen Überlieferungen darstellt[1776]. Zu nennen sind ~Proklos~ (410-485), dieses „Bindeglied antiker und mittelalterlicher Wissenschaft“, bei dem neben den höchsten Begriffen des ~Platon~ und ~Aristoteles~ auch chaldäische Gebete und ägyptische Zauberräder ihre Rolle spielen[1777], der „göttliche“ ~Nestorios~ nebst seinen Jüngern[1778], sowie ~Simplikios~ (um und nach 500); in seiner Polemik gegen ~Philoponos~ verteidigt er nochmals die neuplatonischen Lehren von der Materie, u. a. den Unterschied zwischen πρώτη ὕλη (Urstoff) und σῶμα (Soma; Einzelkörper), die Natur des Äthers als fünftes Element, den Gegensatz zwischen Feuer nebst Luft und Wasser nebst Erde (aktiv -- passiv, ποιοῦν -- πάσχον, Kraft -- Stoff, Seele -- Leib, ....), die Durchdringlichkeit materieller Körper für immaterielle, die Göttlichkeit der beseelten Gestirne usf.[1779].

Mit der Schließung der „Schule von Athen“, d. i. der platonischen Akademie, durch den beschränkt-glaubenseifrigen und fanatischen Kaiser ~Justinian~ im Jahre 529, nach fast tausendjährigem Bestande, erlosch in Griechenland, wie die Philosophie überhaupt, so auch ihr letzter Ausläufer, die neuplatonische; in Alexandria hingegen, wo z. B. noch gegen 600 der jüngere ~Olympiodoros~ Kommentare zu ~Platon~ und ~Aristoteles~ verfaßte, erhielt sie sich anscheinend um etwa ein Jahrhundert länger, bis zur Zeit der Eroberung Ägyptens durch die Araber[1780].

II. Einflüsse des Orients und des älteren Griechenlands.

1. Einflüsse seitens Babyloniens und Persiens.

+Übersicht einiger Hauptdaten.+

Zwischen 2600 u. 2500, wohl gegen 2500: König ~Sargon~ von Akkad.

„ 2400 u. 2300, wohl um 2340: Fürst ~Gudea~ von Lagas.

„ 2000 u. 1900, wohl seit 1958: König ~Hammurabi~.

Gegen 2000: Die ersten assyrischen Priesterfürsten (Patesi).

„ 2000: Babylon Reichshauptstadt.

1120: Großmacht-Stellung Assyriens unter ~Tiglatpileser~ I.

Gegen 850: Auftreten der Khaldi (Chaldäer).

745-727: ~Tiglatpileser~ IV., Weltherrschaft Assyriens.

721-705: König ~Sargon~ II.

668-626: König ~Assurbanipal~ (~Sardanapal~).

678: Begründung des persischen Reiches (Parsua).

607: Iranische Meder erobern Assyrien; Zerstörung Ninives, Gründung Ekbatanas.

604: Neubabylonisches Reich unter ~Nebukadnezar~ II.

539: ~Kyros~ erobert Babylon.

330: Sturz des persischen Reiches durch ~Alexander den Grossen~.

In den vorstehenden Abschnitten wurde schon wiederholt der Rolle gewisser Vorstellungen religiösen, abergläubischen, astralen und astrologischen Inhaltes gedacht, die der Kultur des Orients entstammen, vor allem jener der großen westasiatischen Reiche, deren mannigfaltige Einflüsse auf sämtliche Länder des östlichen Mittelmeerbeckens sich schon seit sehr früher Zeit als außerordentlich bedeutsame erwiesen.

Die Aufgabe, der Herkunft und Wirksamkeit Bestimmter unter ihnen des näheren nachzuspüren, begegnet jedoch ganz besonderen Schwierigkeiten, vor allem der, daß gerade betreff des wichtigsten Gebietes, Babyloniens und des Zweistromlandes, die Ansichten der Historiker weit auseinandergehen; die Einen, die sog. „Panbabylonier“, führen die Gesamtheit aller einschlägigen und daher auch die der hier besonders in Betracht kommenden Gedanken auf Babylon zurück, und zwar auf das älteste Reich des 3., ja 4. Jahrtausends, die Anderen lassen in der Sache, noch mehr aber in der Zeit, sehr weitgehende Beschränkungen eintreten. Es ist selbstverständlich unmöglich, an dieser Stelle ihre Gründe und Gegengründe zu erörtern, vielmehr muß die Bemerkung genügen, daß das System der „Panbabylonier“, wie es etwa noch neuerdings ~Jeremias~ in seinem „Handbuch der altorientalischen Geisteskultur“ zusammenfaßte[1781], durch die Forschungen und Darstellungen von ~Kugler~[1782], ~Jastrow~[1783], ~Bezold~[1784], ~Ed. Meyer~[1785] ~Boll~[1786] und Anderen in seinen Hauptpunkten widerlegt ist und in vielen Einzelheiten selbst von manchen seiner Verteidiger nicht mehr unbedingt aufrecht erhalten wird. Es sollen daher in dem folgenden Überblicke die Ergebnisse der genannten Gelehrten zugrunde gelegt, die ihrer Gegner jedoch, wo dies angezeigt erscheint, in der Regel unter Hinweis auf das „Handbuch“ von ~Jeremias~ angeführt werden.

a) Babylon und das Zweistromland.

Im Laufe des 3. Jahrtausends, etwa unter König ~Sargon~ I. von Akkad (Agade), der in der Zeit zwischen 2600 und 2500 (näher wohl an 2500) regiert haben dürfte[1787], scheint die Verschmelzung der beiden bis dahin im Zweistromlande bestehenden Kulturkreise erfolgt zu sein, des nordbabylonischen der semitischen Akkader und des südbabylonischen der nichtsemitischen Sumerer[1788], die vermutlich als die eigentlichen Stammväter der gesamten altbabylonischen Kultur und Religion anzusehen sind[1789]. Die Herkunft dieses Volkes ist bisher nicht sicher festgestellt. Die doppelsprachigen Inschriften, die noch im Zeitalter des Begründers der babylonischen Vormacht, des Königs ~Hammurabi~ (um 2200 nach ~Kugler~[1790], um 1950 nach ~Meyer~) sehr häufig vorkommen, beweisen, daß sich die Sprache der Sumerer, die auch die Erfinder der Keilschrift sind, noch jahrhundertelang neben der babylonischen erhielt, und zwar nicht nur zu Zwecken des Kultus, für den ein schon im 3. Jahrtausend mächtiges, organisiertes Priestertum zu sorgen hatte; erst weiterhin erringt die semitische babylonische Sprache gänzlich die Oberhand und ist im 15. Jahrhundert auch in Kleinasien, Cypern und Ägypten die dem höfischen und diplomatischen Verkehre geläufige und im Umgange Vornehmer vielfach gebräuchliche[1791].

Die Verehrung von +Sonne+, +Mond+ und +Sternen+ ist eine bei so zahlreichen Völkern der ganzen Erde und besonders auch des Orientes schon seit altersher derart weitverbreitete[1792], daß die Voraussetzung gerechtfertigt erscheint, es seien ihr auch weder Akkader noch Sumerer fremd geblieben; davon aber, daß diese mindestens zu Beginn des 3. Jahrtausends, wenn nicht gar schon um die Mitte des 4., genaue Kenntnis vom Tierkreise besessen hätten, -- der allerdings fraglos babylonischen Ursprungs ist[1793] --, daß man damals bereits eine „Siebengottheit“ der Planeten angebetet habe und daß spätestens im 3. Jahrtausend eine wissenschaftliche Sternkunde in voller Blüte gestanden sei[1794], kann nach ~Kugler~ und den anderen oben angeführten Forschern ernstlich gar nicht mehr die Rede sein. Die älteste und wichtigste Trias von Gestirngöttern und Gestirnen, über die wir Kenntnis besitzen, ist die von Sonne, Mond und Venus, und zwar rührt diese Vereinigung daher, daß die Venus im Orient als größter, hellster und lichtstärkster Planet erscheint, allein von allen Wandelsternen häufig auch bei Tage gesehen werden kann und als einziger unter ihnen einen deutlichen Schatten wirft[1795]; auf den „Kudduru“ genannten Grenzsteinen, deren ältestbekannte aus dem 14. Jahrhundert herrühren, sowie auf Felsenreliefs und Stelen der gleichen Zeit findet sich die Zusammenstellung der Gottheiten ~Samas~ = Herr der Sonne, ~Sin~ = Herr des Mondes und ~Istar~ = Herrin der Venus schon als eine völlig gebräuchliche vor[1796], verdeutlicht durch Embleme, die einzeln möglicherweise schon im 16. Jahrhundert und auch noch früher nachgewiesen werden können[1797].