Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange
Part 20
Nach der naturwissenschaftlichen Lehre der Stoïker, die, wie erwähnt, keineswegs als eine klare und widerspruchsfreie zu bezeichnen ist, gibt es zwei gestaltlose, ungewordene und unvergängliche Urprinzipien oder αρχάι (Archái)[1611], die am kürzesten Stoff und Kraft, Leib und Seele, oder Körper und Geist zu benennen wären[1612]; ihre Unterschiede werden bald in schärfster Weise hervorgehoben, bald wieder mehr oder minder verwischt, indem man den Stoff als unmittelbar belebt, den Geist aber als einen stofflichen Hauch ansieht[1613], -- so daß hiernach alles gleichzeitig körperliches +und+ geistiges Wesen besitzen, demnach eigentlich +einheitlich+ sein, also nur je nach dem Standpunkte der Betrachtung vorwiegend körperlich oder geistig erscheinen müßte[1614].
Ursprünglich vorhanden war die +Urmaterie+, der allgemeine Grundstoff (ὑποκείμενον, Hypokeímenon), die eine und einheitliche Substanz oder +Usía+ (οὐσία) alles Bestehenden, die auch, -- und zwar +zuerst+ von den Stoïkern[1615] --, mit der +Hyle+ identifiziert und πρώτη ὕλη (materia prima) genannt wird[1616], zuweilen auch πρωτίστη ὕλη = „allererste Materie“[1617]; sie ist der reine, form- und eigenschaftslose Stoff, ἄποιος ὕλη, ἄποιος οὐσία[1618], σῶμα ἄποιον καὶ ἄμορφον[1619], gänzlich +passiv+, aber allempfänglich, fähig jeglicher μεταβολή (Metabolé, Umänderung) und αλλοίωσις (Alloíosis, Artverwandlung)[1620], zu Allem wandelbar und gestaltbar. Diese Gestaltung begann zunächst[1621], indem die +aktive+ göttliche ἄρχη (Gottheit, Zeus, Kraft, Geist, ....) die vier ebenfalls aktiven und göttlichen +Qualitäten+, d. s. Wärme und Kälte sowie Trockenheit und Feuchte, auf die Hyle einwirken und sich (unter Verdünnung und Ausdehnung, Verdichtung und Zusammenziehung usf.) mit ihr verbinden ließ[1622]; hierdurch entstanden die vier Elemente, d. s. Feuer und Luft sowie Erde und Wasser, die jedes nur +eine+ ποιότης (Poiótes, Qualität) haben[1623], -- wie denn z. B. ὕλη + göttliches Wärmeprinzip = Feuer als Element ergibt[1624] --, und die nach ~Heraklits~ Regel ἄνω (áno) und κάτω (káto) ineinander überzugehen vermögen und auch tatsächlich ununterbrochen übergehen[1625].
Die vier +Elemente+ oder στοιχεῖα[1626] sind, im Gegensatze zu den ἀρχάι, geworden und geformt, also auch vergänglich und zerstörbar[1627] und erweisen sich als die ersten besonderen Gestaltungen des göttlichen Wesens, sowie als die allgemeinsten Substrate für die Wirksamkeit der göttlichen Kraft[1628]. Da das Feuer heiß und leicht ist, die Luft kalt und leicht, die Erde trocken und schwer, das Wasser feucht und schwer, so treten [wie auch schon bei ~Aristoteles~ und den Peripatetikern][1629] Feuer nebst Luft, sowie Erde nebst Wasser sich in zwei natürlichen Gruppen gegenüber, die als „obere und untere“, „feinere und gröbere“, „bindende und gebundene“, „aktive und passive“, „tätige und leidende“ Elemente, „ποιοῦν καὶ πάσχον“[1630], ihrerseits wieder im Verhältnisse wie Kraft zu Stoff, Geist zu Körper, Seele zu Leib stehen[1631].
+Wirklich+ und +wirksam+ können nach stoïscher Lehre allein +Körper+ sein, daher muß auch den ποιότητες, den Qualitäten oder Eigenschaften, +körperliche+ Natur zukommen[1632], etwa die einer „feinsten zarten Substanz“, einer „leichten materiellen Strömung“[1633], eines von τόνος (Tónos = tenor; Spannung, Spannkraft) erfüllten Hauches oder Pneumas[1634]. Im Gegensatze zur üblichen Lehre von der Undurchdringlichkeit ist hiernach eine „κρᾶσις δι’ ὅλων“ möglich, d. h. eine „völlige Durchdringung“ der Körper und ihrer Qualitäten[1635]: sie ist weder eine παράθεσις (Paráthesis = mechanische Vermengung) wie die verschiedener Arten Getreide, noch eine gewöhnliche κρᾶσις oder μῖξις (Krásis, Míxis = Vermischung) wie die von festem Eisen mit Feuer oder von flüssigem Wasser mit Wein, noch endlich eine σύγχυσις (Sýnchysis = Verschmelzung) wie die der Salben und Arzneien, bei der die Qualitäten der Bestandteile verschwinden und ganz neue entstehen[1636], vielmehr bewahren bei ihr sämtliche Komponenten ihre Individualität, vereinigen sich aber zu einem neuen Stoff[1637]. In letzter Linie gehen daher aus der Usía, der Ursubstanz als allgemeinen Grundlage der Körperlichkeit[1638], infolge Einwirkung der Qualitäten die Einzeldinge hervor, teils unmittelbar, teils (durch die Zwischenstufe der Elemente) mittelbar, und zwar jedes in Gestalt einer stofflichen, aus Usia und einer veränderlichen Menge verschiedener ποιότητες (Qualitäten) bestehenden Mischung (κρᾶσις); eine solche kann ihrer Natur nach steten Veränderungen unterliegen[1639], indem sie entweder durch Vermehrung oder Verminderung ihrer +Usia+ der Metabolé (Umänderung) fähig ist, oder durch Wechsel ihrer +Qualitäten+ der Alloíosis (Artverwandlung). Diese Einzeldinge, also bestimmte Stoffe wie Holz, Gold, Eisen, Erz, -- für dessen Entstehung aus Kupfer und Zinn die aristotelische Erklärung das ständige Schulbeispiel bleibt[1640] --, werden aber von manchen Stoïkern auch als „Hyle“ bezeichnet oder zusammengefaßt[1641], so daß es dann u. a. auch wieder heißt „die vier Elemente machen die Hyle aus“[1642].
Entsprechend der Lehre ~Heraklits~ gehen die Elemente aus einem „Urfeuer“ hervor[1643] und lösen sich beim Weltuntergange durch ἐκπύρωσις (Ekpýrosis, Feuer-Werdung) wieder in dieses auf[1644]. Verschieden von dem gewöhnlichen verzehrenden Feuer, dem πῦρ ἄτεχνον, ist aber das πῦρ νοερόν oder τεχνικόν, das vernünftig-intellektuelle, künstlerisch-bildende, leben- und wachstumverleihende[1645], das sich auch οὐσία θεοῦ = göttliche Usia, Gottheit, Zeus, Substanz des Himmels und der Gestirne, himmlischer Lufthauch, Pneuma [Spiritus], göttlicher Geist, formende Kraft, Äther, Weltfeuer, Weltseele, Weltvernunft (κοινὸς λόγος), Logos usf. benannt findet[1646]. Obwohl nun dieser Weltkraft alle Merkmale des heraklitischen Logos zugeschrieben werden[1647], so trifft doch auch für sie zu, daß sie als Gottheit „wirkt“, demnach körperlicher Natur sein, dem physischen Stoffe also nach Art eines zarten geistigen Hauches innewohnen muß[1648]; diesen „göttlichen feurigen Hauch“, den schaffenden und wirkenden (τὸ δραστήριον), betrachteten schon die älteren Stoïker als eine Verbindung der leichten und aktiven (ποιητικά) Elemente Feuer und Luft und als identisch mit dem +Pneuma+[1649]. Ursprünglich galt das Pneuma nur als etwas Materielles und Körperliches, als eine Strömung jener feinen Luft, die sich beim Gewitter entzündet[1650] und durch ihre Spannung (τόνος = tónos) die Erdkugel in Schwebe und den ganzen Kosmos in Vereinigung erhält[1651]; allmählich aber würde es (in Fortbildung aristotelischer Anschauungen)[1652] zu einer die gesamte Materie durchdringenden und hierdurch gleichfalls mit τόνος erfüllenden, „geistigen“ und „göttlichen“ Naturmacht, die als „natura naturans“ gestaltet und formt, bildet und bewegt, ja Leben und Empfindung, Seele und Denkvermögen erweckt[1653].
Die Kraft, die den τόνος des Pneumas bedingt, wird insbesondere auch als +Logos+ bezeichnet[1654], der seinem Wesen nach aktiv, zwecksetzend und zielstrebig ist und sich zum Kosmos verhält wie die Seele zum Leib, oder wie die bewegende Ursache (causa) zur bewegten Masse (materia)[1655]. Häufig findet sich der Logos aber auch unmittelbar dem Pneuma gleichgesetzt[1656] und samt diesem wieder dem himmlischen Äther[1657]; als ein „göttliches Feuer“, dem πῦρ τεχνικόν entstammend, durchdringt dann sein „warmer Hauch“, πνεῦμα ἔνθερμον, das Weltall, bewirkt in ihm Einheitlichkeit und Harmonie, Ordnung und Notwendigkeit[1658], bedingt die Entwicklung der Materie nach gewissen Regeln und Normen und erweist sich so als Träger der Gesetzlichkeit und Vernunft[1659]. Da nun die Götter dem menschlichen Geschlechte den Logos, der als Vernunft und Gedanke in der Brust ruht, als Wort und Sprache aber aus ihr hervortritt, durch den ~Hermes~ gesandt haben sollen, so wird dieser Götterbote unter den Namen Logos oder Lógios (λόγιος) auch +selbst+ mit dem Logos identifiziert, und zwar in jener Doppelgestalt des geistigen, die Seelen leitenden und geleitenden „~Hermes~ psychopómpos“ und des weltlichen, die irdischen Angelegenheiten ordnenden und regelnden „~Hermes~ chthónios“, die sich allerdings schon im Volksglauben und bei den älteren Philosophen vorgedeutet findet, ihre eigentliche Ausbildung aber erst bei ~Philo~ von Alexandria (etwa 30 v. bis 50 n. Chr.) und den Kirchenvätern erfährt[1660].
Wie der Gottheit, so muß auch der +Seele+ (ψυχή, Psyche), da sie „wirkt“, den Leib affiziert und von ihm affiziert wird, körperliche Natur zukommen[1661]: sie ist ein warmer göttlicher Hauch, ein Pneuma[1662], -- diese Gleichsetzung kennen in vollem Umfange zuerst die Stoïker[1663] --, ein πνεῦμα ἔνθερμον[1664], als „Usia der Seele“ mit dem Leibe verbunden[1665] und ihn durch ihren τόνος (tónos) erfüllend und beeinflussend[1666]. Die Seele wird aber auch als σπέρμα (Spérma) = +Samen+ bezeichnet[1667], denn der Lehre des ~Aristoteles~ gemäß liegt ihr Keim in dem vom Samen umschlossenen warmen Lufthauch (aura seminalis), und dieses Pneuma des Samens ist selbst wieder als ein losgerissenes Stück der väterlichen Seele zu betrachten; weil diese aber auf gleichem Wege entstanden ist, so enthält sie auch gewisse Reste von den Seelen der Vorfahren, und zwar oft in Form bloßer „Anlagen“, die erst unter passenden Umständen in späteren Generationen wieder zur Entwicklung gelangen[1668].
Zum Körper verhält sich die Seele wie zum Weltganzen der Logos: auch er geht als „Samen“ (σπέρμα, Sperma) in die Materie ein, befruchtet und belebt, bildet und gestaltet sie durch die Macht seines himmlisch-ätherischen Pneumas (δύναμις πνευματική) und bringt aus ihr alle Einzeldinge zur Entwicklung[1669]. Sein Vermögen hierzu erklärt sich daraus, daß er unbeschadet seiner Einheitlichkeit dennoch die „λόγοι σπερματικοί“ (+Lógoi spermatikoí+), die „rationellen Keimkräfte und Keimformen“, „keimhaften Vernunft-Anlagen“, „vernünftigen Samen-Elemente“, die „Samen“ sämtlicher Einzeldinge, bereits in sich enthält[1670]. In diesen λόγοι σπερματικοί schufen die Stoïker „einen ihnen eigentümlichen, doktrinären Begriff, ausgerüstet mit mystisch-dämonischer Gewalt“[1671]; sie sehen in ihm die „allgemeine Vernunft“ als jene formende Naturmacht (natura naturans) am Werke, die zwar als Inbegriff schöpferischer Kraft in ihrer Einheit das Weltganze hervorbringt, zugleich aber auch als „keimbildende Vernunft“ in ihren besonderen Ausflüssen die Einzeldinge[1672]. Als Prinzipien der Entwicklung, -- geistig als λόγοι, materiell als σπερματικοί --, stehen die Lógoi spermatikoí in engster Beziehung zu den ποιότητες, den Qualitäten[1673]; denn indem sie die Materie völlig durchdringen, verleihen sie ihr Eigenschaften, individualisieren sie dadurch, wirken formbildend und fortbildend und befähigen sie ferner unter Umständen, neue Individuen in den alten Formen hervorzubringen[1674]. Die Identifizierung des einheitlichen Logos mit dem Pneuma läßt die als Einzelkräfte in den Dingen waltenden Lógoi spermatikoí ebenfalls als Pneumata ansehen; wie alles übrige, so erfüllen sie auch den menschlichen Körper mit ihrem bald leichteren wärmeren und trockneren, bald dichteren kälteren und feuchteren Hauche, und da sich ihre Veränderungen als Ursachen körperlicher und geistiger Krankheiten auffassen ließen, so ist es leicht erklärlich, daß sich als eigentlich stoïsche Ärzteschule gerade die eingangs erwähnte der „Pneumatiker“ entwickelte[1675].
Daß die Stoïker die Sterne und insbesondere die Planeten als „sichtbare Götter“ betrachteten und ihnen die mannigfachsten Einwirkungen zuschrieben, fand bereits im Vorstehenden kurze Erwähnung; auf +einen+ Umstand muß aber, seiner dauernden Nachwirkung halber, noch ausdrücklich hingewiesen werden, nämlich auf den außerordentlichen Vorschub, den sie dem +Fatalismus+ leisteten, einer Denkrichtung, die allerdings durch die Zeitumstände und namentlich durch die gewaltsamen politischen Ereignisse schon seit dem Auftreten ~Alexanders des Grossen~ und der Diadochen in fortdauernd steigendem Maße begünstigt wurde[1676]. Die Stoïker, meist dem Osten entstammend und „Virtuosen der allegorischen Auslegung“[1677], brachten die älteren griechischen Überlieferungen von der unerbittlichen Notwendigkeit der ἀνάγκη (Anánke) und dem unentrinnbaren Zwange des Verhängnisses, der ἑιμαρμένη (Heimarméne), -- die den jüngeren Orphikern als Tochter des Demiurgen und der Ananke galt[1678] --, in Verbindung mit verschiedenen, ihnen wohlbekannten Ideen zumeist spätbabylonischer (chaldäischer) Herkunft, vor allem mit jenen, die die Astrologie, die Parallelität des Mikro- und Makro-Kosmos und die Lehre von der Sympathie betrafen. Finden sich auch einige Anklänge an diese letztere schon bei ~Theophrast~, so beginnt doch ihre planmäßige Durcharbeitung und litterarische Darstellung erst bei den Stoïkern, denen schließlich die ganze Welt als ein einheitlicher Organismus (σῶμα = Sóma) erscheint, in dem daher notwendigerweise sämtliche Teile durch ein natürliches Band verknüpft sein müssen, durch das Band der σύνθεσις τῶν ὅλων, der allseitigen Zusammengehörigkeit[1679]. Als einen Sonderfall dieser allgemeinen, auf der Einheitlichkeit des Weltganzen beruhenden Sympathie betrachteten nun die Stoïker den Einfluß der Planetengötter, der in jenem des Wandels und der Stellung ihrer Gestirne, der Planeten, sichtlich hervortritt: die zugehörigen orientalischen Anschauungen (über diese s. weiter unten) übernahmen sie ziemlich unverändert, ersetzten die „chaldäischen“ Namen der Planetengötter durch hellenistische oder griechische, und die nämlichen Gelehrten, die sich sonst als ausschließliche Vertreter reiner, den „unnützen“ Naturwissenschaften verschlossener Weisheit und strenger Sittlichkeit zu geben liebten[1680], führten auf derartigem Wege die +Astrologie+ und die Theorie von der Parallelität des Makro- und Mikro-Kosmos in die „praktische Philosophie“ ein[1681]. In dem so entstandenen Systeme, dessen Entwicklung zwar schon zur Zeit des ~Diogenes von Babylon~ und des ~Panaitios~ ziemlich weit fortgeschritten war, den Höhepunkt bedeutsamer und weittragender Ausgestaltung aber erst unter ~Poseidonios~ (135-51 v. Chr.) erreichte[1682], gewährleistet einerseits der gestirnte Himmel, zu dem der Sterbliche mit stets neuer Bewunderung emporblickt, durch die ewige Unveränderlichkeit und vollendete Ordnung seiner Fixstern-Sphäre auch eine solche der gesamten großen und kleinen Welt; andererseits aber irren an ihm nach fortwährend wechselnden Richtungen und in völlig willkürlichen Bahnen die Planeten hin und her, zu unsteter Bewegung und Drehung genötigt durch ihre lenkenden „Sterngötter“, jene furchtbaren und tyrannischen „Dämonen“, die sich schon allein durch diese Störungen der sonstigen Regelmäßigkeit und Harmonie als Feinde der guten Gottheiten erweisen und wie am Himmel so auch auf Erden alles Schlechte und Böse, alles Ungemach und Unglück hervorrufen. Dieses „Wirken der Planeten“, diese „Schicksalsmacht der Sterne“ identifizierten die Stoïker mit der Heimarméne, dem allgewaltigen Verhängnisse, gegen das jeder Widerstand fruchtlos bleibt, und dem daher Niemand zu entrinnen vermag, weder durch Nachdenken noch durch Handeln; zwar erstreben alle Menschen Erlösung von diesem furchtbaren und niederdrückenden Zwange, aber zuteil wird sie nur den Wenigsten, Einigen durch magische und zauberkräftige Geheimlehren oder durch Begnadigung seitens der mit ihren „richtigen“ Namen angerufenen Götter, Anderen durch mystische und religiöse Weihen, noch Anderen durch die wahre (= stoïsche) Philosophie[1683].
4. Die Neupythagoräer und die jüdisch-hellenistische Philosophie; die Neuplatoniker und die Schule von Athen.
a) Die Neupythagoräer.
Zu Alexandria, dem nicht nur für Handel und Verkehr, sondern auch für Wissenschaft und Geistesleben bedeutsamsten Berührungspunkte abend- und morgenländischer Kultur, begannen schon seit dem 2. Jahrhundert, ausgesprochener aber gegen 100 v. Chr., als neue Stämme der Philosophie der +neupythagoräische+ und der +jüdisch-hellenistische+ hervorzutreten; da beide gleichartigen Wurzeln entsprossen und unter gleichartigen Einflüssen erwuchsen, bietet auch ihre Entwicklung nach Inhalt wie Verlauf zahlreiche Analogien[1684].
Auftreten und Erfolg der Neupythagoräer zählen zu den Zeichen eines sinkenden, an Enttäuschungen politischer, wirtschaftlicher und geistiger Art reichen Zeitalters: Glückseligkeit und Erkenntnis, die das +Wissen+ nicht gewährt hat und anscheinend auch gar nicht zu gewähren vermag, sollen nunmehr im +Glauben+ gesucht werden, sei es in den religiösen Überlieferungen „uralter“ griechischer oder orientalischer Kulte und Mysterien, sei es in göttlichen Offenbarungen, die dem Würdigen durch Mittelwesen (Demiurgen, Dämonen, Geister, ...) zuteil werden; würdig ihres Wohlgefallens und ihrer Mithilfe ist aber allein der Fromme, Selbstlose, innerer und äußerer Reinheit Beflissene, daher hat der Philosoph fortan nur mehr als „Diener der Gottheit“ auf Erfolg zu rechnen, und das Priestertum erhebt sich für ihn zu ungeahnter Wichtigkeit[1685].
Vorwiegend beeinflußt haben das neupythagoräische System einerseits die Ansichten der Stoïker[1686], andererseits die seit Beginn des 3. Jahrhunderts zu neuer Bedeutung gelangten wirklichen und vermeintlichen Überlieferungen aus orphischer Quelle, welche letzteren „zum synkretistischen Brei die Zutat der Mystik beisteuerten, als eine für den überreizten Gaumen der Epoche unentbehrliche Würze“[1687]. Gedanken indischer Herkunft sind (früheren Vermutungen entgegen) nicht nachweisbar, der ägyptischen Religion und deren angeblicher geheimer Priesterweisheit entstammende kaum, reichlich dagegen sog. „persische“ (richtiger: spätbabylonische) meist abergläubischen und astrologischen Inhaltes[1688]; vermittelt sind diese hauptsächlich durch die Verbindungen mit Juden und jüdischen Sekten, besonders den Essenern oder Essäern (s. unten)[1689]. Um Beschaffung ansehnlicher, ganze Lehrgebäude stützender „Autoritäten“ war man in Alexandria niemals verlegen, da dort „schon im 2. Jahrhundert v. Chr. das Gewerbe literarischer Unterschiebung und Fälschung durch Griechen und Juden geradezu fabrikmäßig betrieben wurde“[1690]. Im vorliegenden Falle griff man auf ~Pythagoras~ zurück, von dessen Leben und Lehre so weniges Genaue bekannt ist, daß es keine Schwierigkeit bot, beide zweckentsprechend auszugestalten; so z. B. ließ man den „erhabenen Weisen und Propheten“ die Geheimwissenschaft von den ägyptischen Hierophanten, die Astrologie von den persischen Magiern, die Mantik von den arabischen Priestern erlernen[1691] und seine Errungenschaften in strengstens geheim zu haltenden Schriften allegorischen Inhaltes zusammenfassen[1692], wobei, wie in allen dergleichen Fällen, die Schule dasjenige, was ihr selbst für Wahrheit galt, ihrem Stifter in den Mund legte[1693].
Ganz außerordentliche Wichtigkeit maßen die Neupythagoräer der Zahlenspekulation bei, sowie den „von unendlicher Kraft und Bedeutung erfüllten“ Zahlen selbst: die Einheit z. B. bedeutet einerseits wirkende Kraft, Gottheit, Vernunft, Logos, Logos spermatikós, Form der Formen, Maß, Harmonie, Gut, Glück, andererseits aber auch Materie, Chaos, Finsternis, Styx, Tartarus, im ganzen also das „Gerad-Ungerade und Männlich-Weibliche“; die Zweiheit stellt einerseits Gleichheit, Fortstreben, Entwicklung dar, andererseits Teilung, Mehrheit, Wechsel, Gegensatz, Stoff; die Dreiheit ist die erste wahre Zahl, da sie Anfang, Mitte und Ende besitzt; in der Vierheit ist die „Vollkommenheit der Dekas“ (der platonischen Zehnzahl) verborgen, da 1 + 2 + 3 + 4 als Summe 10 ergibt, usf.[1694]. Die Zahlen lassen sich als Punkte darstellen, aus diesen gehen zunächst Linien hervor, sodann Flächen, Gestalten (Figuren) und schließlich die in diesen auftretenden Elemente, denen sämtlich das Vermögen zukommt, ineinander überzugehen (μεταβάλλειν)[1695]; es sind ihrer vier oder unter Hinzurechnung des Äthers, des πέμπτον σῶμα, fünf[1696], und zwar stehen Wasser nebst Erde zu Luft nebst Feuer im Verhältnisse von Stoff zu Form, Passivem zu Aktivem, πάσχον zu ποιοῦν. Nicht selten findet sich aber auch den Elementen die Natur einer Hyle bestimmter Art zugeschrieben, im Gegensatze zur πρώτη ὕλη (materia prima), die als οὐσία (Usía), als noch form- und eigenschaftsloses, jedoch allbildsames Substrat das weibliche Prinzip des Kosmos vorstellt, das durch das Männliche, den Logos spermatikós, befruchtet wird[1697].
Aus Luft und Feuer, die dem Pneuma des Samens entstammen, bestehen auch die Seelen; nach dem Verlassen des Leibes schweben sie, gleich den Dämonen und den jüdischen Engeln, in der Atmosphäre[1698], und der Seelenbeherrscher ~Hermes~, den ~Plutarch~ zugleich mit dem griechischen Logos und dem ägyptischen ~Thoth~ identifiziert[1699], führt die würdigsten unter ihnen empor zum höchsten Gott, der mit einem jüdisch-hellenistischen Ausdrucke als ὕψιστος (Hýpsistos) = der Oberste, Höchstthronende bezeichnet wird[1700]. Die erhabenste Offenbarung der Gottheit ist die Sonne[1701]; ferner stehen in ihrem Dienst als „sichtbare Götter“ die Sterne[1702] und als unsichtbare die Untergötter, Dämonen und Geister, der Demiurg, der Logos usf.; sie sind die Mittler zwischen Gott, dem reinen Geist (Pneuma), und der gemeinen und unreinen Materie, mit der sich unmittelbar zu befassen des ὕψιστος nicht würdig wäre[1703].
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Unter den zahlreichen, durch den neu erwachenden Pythagoräismus beeinflußten Werken ist wegen ihrer tiefgehenden und bis an die Schwelle der Neuzeit anhaltenden Wirksamkeit die Schrift „+Von der Welt+“ (περὶ κόσμου) hervorzuheben[1704]. Sie ist vermutlich im 1. Jahrhundert n. Chr. geschrieben[1705], jedoch dem ~Aristoteles~ untergeschoben, und zwar mit so gutem Erfolge, daß dessen „Opera omnia“ sie samt der vorgeblichen Widmung an ~Alexander den Grossen~ noch in ihren jüngsten Ausgaben enthalten; der Inhalt der Abhandlung, die sich durch Kürze, vortrefflichen Stil und eindringliche Darstellung auszeichnet und in sehr geschickter Weise peripatetischen Theismus mit stoïschem Pantheismus verbindet[1706], gibt ohne weiteres zu erkennen, daß sie unmöglich aus der Zeit des ~Aristoteles~ herstammen kann, daß ihr Verfasser vielmehr ein Eklektiker ist, der seine Anschauungen aus platonischen, peripatetischen und stoïschen Quellen schöpft, -- namentlich aus ~Poseidonios~[1707] --, sie mit denen der Neupythagoräer zu vereinigen sucht[1708] und an Stelle der Metaphysik vielfach bereits die Theologie treten läßt, wodurch er den Übergang von der reinen Philosophie der älteren zur religiösen Spekulation der späteren Zeit vorbereitet, ja mitvollzieht[1709].
Die Elemente bilden auch hier die beiden bedeutsamen Gruppen der aktiven (Feuer und Luft) und passiven (Wasser und Erde)[1710]; der Äther bleibt bald im (peripatetischen) Gegensatze zu ihnen[1711], bald tritt er „in der gröblich materialisierten Gestalt eines eigentlichen fünften Elementes auf“ (πέμπτη οὐσία = quinta essentia, Quintessenz)[1712], und zuweilen wird er dem göttlichen Pneuma gleichgesetzt, dem Stoffe des Himmels und der Gestirne[1713]. Die Hauptrolle unter diesen spielen die Planeten, d. s. Kronos, Zeus, Ares oder Herakles, Hermes oder Apollon, Aphrodite oder Hera, Helios und Selene[1714]; ihre Bewegungen bedingen die Harmonie der Sphären[1715], in der ein Symbol der im gesamten Weltall obherrschenden zu erblicken ist.
b) Die jüdisch-hellenistische Philosophie.