Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange
Part 16
+Eisen+ härtet man durch Abschrecken in Wasser oder Öl und versteht es auch zu „färben“, u. a. zu „indischem“ [sog. damasciertem?] Stahl[1255]; die Namen hierbei angewandter Zusätze werden mit den arabischen (?), wohl aus +einem+ persischen Ausdrucke entstellten Worten Elilag, Belilag und Amblag wiedergegeben, deren letzterer u. a. den Gerbstoff der Myrobalanen bezeichnen soll, vielleicht aber auch nur als Deckname dient[1256]. -- Auf einer der nicht seltenen Verwechslungen von Braunstein und Magneteisenstein dürfte die Angabe beruhen, daß „nach einer in Indien gemachten Entdeckung, die von den Indern zu den Persern und von diesen zu uns kam“, die weibliche Magnesia der Glasmacher (ὑελουργική) den Schwertern hervorragende und wunderbare Eigenschaften verleihe; bei dieser Bearbeitung sollen 4 Pfund Eisen 100 Pfund Kohlen (κάρβωνα, Kárbona) erfordern[1257]. -- Eisen zu vergolden ist man ebenfalls imstande und bedient sich hierzu eines (nicht weiter bezeichneten) τάρταρος (Tartaros)[1258].
+Glas+ stellt man in allen Farben dar, z. B. πράσινον (prásinon, grün), κίτρινον (kítrinon, gelb), κυάνεον (kyáneon, blau), ἄσπρον (áspron, weiß), usf.; zur Entfärbung (Reinigung) benützen die Glasmacher die μαγνησία τὼν ὑελίνων, μαγνησία ὑελουργική (Magnesia der Glasmacher, d. i. Braunstein, Mangansuperoxyd)[1259].
+Edelsteine+ „färbt“ man nach den Rezepten des „im Heiligtume des Tempels gefundenen Buches“, -- eine Angabe, die auf alte Überlieferung deutet oder deuten soll[1260]. Wie die Färbung der Metalle durch das Xerion unbedingt eine Vorbehandlung erfordert[1261] und wie das Färben der Gewebe, z. B. der purpurnen, mit +einer+ einzigen Lösung (die tränkt, färbt und fixiert) nur dann möglich ist, wenn vorher eine beizende Flüssigkeit entsprechend eingewirkt hat[1262], so verhält es sich auch bei den mineralischen Substanzen. Schon ~Demokritos~, ~Maria~ und ~Zosimos~ wußten, daß die Färbung bald nur durch +mehrere+ Zusätze zu den Lösungen (Schmelzen) geschieht, bald auch nur durch +eine+ Zugabe, je nach dem verlangten Erfolge: entweder braucht nämlich die Färbung bloß oberflächlich zu sein, dann kann sie zuweilen unmittelbar, zuweilen mittelbar d. h. unter Zuhilfenahme einer „Beize“, bewirkt werden; oder sie soll die ganze Masse durch und durch betreffen, dann muß erstens die Oberfläche erweicht, zweitens die färbende Substanz aufgebracht, und drittens die Farbe fixiert werden[1263]. Grundlage aller Färbungen, weil alle Farbstoffe in sich aufnehmend, ist +das+, was die Griechen κομάρις (Komáris) oder ἀφροσέληνον (Aphrosélenon) nennen, die Perser und Ägypter aber τάλακ, ταλάκ (Talk)[1264]; dies ist eigentlich Selenit, Marienglas, die klare und durchsichtige Varietät des Gipses, soll aber hier jedenfalls eine ebenso beschaffene und rein weiße Glasmasse bezeichnen, die Färbungen jeden Tones leicht und gut annimmt oder aufnimmt. Als Farbstoffe, die entweder der Glasmasse zugesetzt oder [durchscheinenden Lacken ähnlich] nur auf die fertigen Gläser aufgebracht werden, finden sich genannt: Kupferrost (ein Kupferoxyd), λαξούριον (Kupferlasur?), ἰσάτις (Isátis), ἄγχουσα (Anchusa), Drachenblut [rotes indisches Harz], indisches Schwarz (= ἰνδικόν?)[1265], ferner, nach ~Ostanes~, ~Agathodaimon~, ~Maria~ und ~Moses~ die Gallen des Ichneumons und Geiers, die man zunächst 40 Tage mit Kupferrost maceriert[1266], sowie Gallen, Schuppen und Knochen der im Meere lebenden Fische, Wale und Schildkröten[1267]. Da diese Seetiere des Nachts leuchten, so erhält man mittels ihrer Bestandteile auch jene kostbaren Edelsteine, denen die nämliche Eigenschaft des Leuchtens [Phosphorescierens?] im Dunkeln zukommt, z. B. den λυχνίτης (Lychnítes) und den λαμπηδών (Lampedón)[1268].
Wie alle alten Philosophen lehrten, sind die ὕδατα (die göttlichen Wässer) und πνεύματα (Pneumata) erfüllt von Kräften voll großartiger Wirksamkeit, mittels derer man nicht nur Edelmetalle gewinnen kann, sondern auch +Edelsteine+ und +Perlen+[1269]. Treffliche Vorschriften zur Darstellung von Perlen, namentlich zum Vereinigen mehrerer kleiner zu ganz großen, gab ~Salmanas~ der Araber[1270]; soll der Erfolg ein guter sein, so müssen die nötigen Präparate gewissen [schon dem ~Plinius~ und den Verfassern der sog. „Geopónika“ bekannten] ganz besonderen Reinigungen unterworfen werden, man verfüttert sie z. B. in feinverteiltem Zustande an Vögel und gewinnt sie, durch die Verdauung geläutert, aus deren Exkrementen wieder[1271].
+Seife+ stellt man durch Kochen von Fetten mit Lauge dar[1272]; die Lauge wird bereitet, indem man Asche in einer Reihe von vier Kübeln mit Wasser so auslaugt, daß die im Ersten gewonnene Lösung auf die frische Asche im Zweiten gegossen wird, usw., wodurch die Flüssigkeit den Letzten in stark angereichertem Zustande verläßt; manche verwenden mit Vorteil statt gewöhnlichen Wassers Kalkwasser, andere benützen auch noch Zusätze verschiedenster Art, mineralische, z. B. ἄσβεστον θειώδη, pflanzliche, ja sogar „Bocksblut“[1273]. -- Den ἄσβεστον θειώδη (ásbeston theióde) faßt ~Berthelot~ als Schwefelcalcium auf, doch wäre dessen Gebrauch und Wirkung schwer zu verstehen; vermutlich bedeutet das Beiwort θειώδη nicht „schweflig“ sondern „göttlich“, und es handelt sich um gebrannten Kalk, dessen Eigenschaften man sehr allgemein als höchst wunderbare und magische ansah; zu ihnen zählt u. a. seine äußerst merkwürdige Fähigkeit, „dem mit Kalk und anderen Zusätzen behandelten Leinen“ Unverbrennlichkeit zu verleihen[1274].
Sehr unklar und verworren sind einige Mitteilungen über das Brauen von +Bier+ aus Gerste; das hierbei vorgeschriebene ὕδωρ γλυκύ ist indes nicht „eau sucrée“, wie ~Berthelot~ glaubt, sondern einfach „süßes Wasser“ im Gegensatze zu Meerwasser oder dgl.[1275].
Einige Stellen, die neben dem „gewöhnlichen schärfsten Essig“, ὄξος δριμύτατον κοινόν[1276], auch der +Mineralsäuren+ Erwähnung tun, gehören jedenfalls zu den Einschiebungen aus spätester Zeit, da diese Säuren nicht, wie man früher annahm, arabische Entdeckungen des 8. oder 9. Jahrhunderts sind, vielmehr nachweislich zuerst im Abendlande und zwar im Laufe des 13. Jahrhunderts bekannt wurden, also auch nur von dort aus, und nicht vor etwa 1300, nach dem Osten gelangt sein können[1277]: demgemäß[1278] wird durch Destillation von σαλονίτριον (sal nitrum, Salpeter) mit Alaun oder Vitriol (χάλκανθος), von σαλονίτριον mit βιτριόλον ῥωμάνον [vitriolum romanum, römischer Vitriol, in Wirklichkeit römischer Alaun], sowie von σαλονίτριον mit diesen Stoffen und mit Salmiak jenes göttliche Wasser (θεῖον ὕδωρ) bereitet, das als Kondensat den Helm [τὸ καπούτζιν = die Kapuze, ital. capuccio] verläßt, um sich im Ambix anzusammeln, und ὕδωρ ἰσχυρόν [= aqua fortis, scharfes Wasser, d. i. Salpetersäure bzw. Königswasser] genannt wird (λέγεται); man benützt es zum Ausziehen und Abscheiden des Goldes aus seinen Legierungen [daher „Scheidewasser“], und wenn man es mit Silber oder Quecksilber in einem Kolben (ἐν βικίῳ) auf dem Aschenbade (ἐν θερμοσποδίᾳ) erhitzt und dann eindampft, so erhält man λευκὸν κρύσταλλον, „weiße Krystalle“[1279], [nämlich Silber- oder Quecksilber-Nitrat]. Auch aus dem Schwefel, der beim Erhitzen zunächst weich wird und in diesem Zustande zum Abdrücken von Münzen u. dgl. dient[1280], macht man ὄξος θεῖον, den Essig [= die Säure] des Schwefels[1281], [d. i. Schwefelsäure].
Das oft 5 bis 6 Stunden dauernde Erhitzen der mit verschiedenen Stoffen gefüllten und nach Bedarf mit dem Helm (καπούτζις) verbundenen Gefäße (ἄμβιξ, Ambix) geschieht entweder durch Einsetzen in kochendes Wasser (ὑγρά κάμινος, wörtlich = Wasser-Kamin)[1282], oder im Sand- und Aschenbade (ἐν θερμοσποδίᾳ)[1283], oder endlich, je nach dem erforderlichen Hitzegrade, im Dauerbrandofen (αὐτοματάριον Automatárion)[1284], im Backofen (ἐν φούρνῳ ἀρτοποιοῦ = im Ofen des Bäckers; ἐν φουρνελλίῳ, im Bäckerofen)[1285], und im Ofen der Glasmacher[1286]. Bei der Herstellung der Mineralsäuren ist ein besonders haltbarer Kitt erforderlich, den man aus reinem gebranntem Kalk (ἄνθος ἀσβέστης = Blüte des Kalkes), Käsestoff [d. i. Casein], Haut- oder Knochen-Leim, dicker Hefe oder Eiweiß zurechtmischt[1287]. -- Zum Sammeln und Aufbewahren von Präparaten gebraucht man βυσσία ὑάλινα, Büchsen aus Glas[1288]; Lösungen klärt man durch Filtrieren über Werg[1289]; gleichmäßig feine Pulver gewinnt man durch Sieben mittels πανίῳ μεταξωτῷ[1290], Stoff aus Métaxa = Seidenzeug[1291]. Als Gewichtsmaß, z. B. beim Abwägen von Silber, wird γράμμα (Gramma, Gramm) erwähnt[1292], als Zeitmaß die Länge des Vaterunsers, ἕως ὥραν πάτερ ἡμών[1293]; ~Berthelot~ faßte diese Worte in der Bedeutung auf „bis zur Stunde des Vaterunser-Betens“, doch ergeben sie erstens in dieser keinen rechten sachlichen Sinn, und zweitens ist es eine ganz allgemeine Erscheinung, daß die alten, bei kultischen und Zauber-Handlungen als Zeitbestimmung dienenden Sprüche (z. B. die λόγοι der Zauberpapyri) später als unerlaubte ketzerische angesehen und daher durch erlaubte orthodoxe ersetzt werden[1294], oder daß, wie ~Bouché-Leclercq~ es ausdrückt, Religionen, die sich in der Richtung von Bildung und Moral umgestalten, an Stelle magischer Formeln fromme Gebete treten lassen[1295].
Aus der Reihe der ungewöhnlichen oder aus fremden Sprachen übernommenen und umgebildeten Worte seien die nachstehenden als besonders bemerkenswert hervorgehoben:
ἀέρα = aes (Gen. aeris) = Bronze[1296].
ἀλκίμη, ἄλκιμον = Schmelze, Geschmolzenes[1297].
ἄνθος ασβέστης = Blüte des Kalkes, Ätzkalk[1298].
αντεμόνιον = Antimon[1299], angeblich erschmolzen aus Schwefel und μαρκαζήτα[1300] = Markasit; Markasit und Magnesia bezeichnen nicht selten das Schwefelantimon oder Stimmi[1301].
ἀρτζέντο = argentum = Silber[1302].
ἀσήμη = Silber[1303], (als „non signatum“, ungestempeltes?).
βαμβάκη = Bombyx = Baumwolle[1304].
βερδεράμη = ver d’arain [vom spätlateinischen aeramen] = Grünspan[1305].
βερονίκη = vernix = Firnis[1306]; hat nichts gemein mit dem Eigennamen Beronika, Veronika, denn dieser ist identisch mit Pheronike oder Nikophora = die Siegbringende].
βιτρίολον ῥωμάνον = vitriolum romanum = römischer Vitriol; in Wirklichkeit römischer Alaun[1307].
βοράχη, βόραχον = Alkali, später = Borax[1308].
γλυκόριζον = Süßholz[1309].
διάργυρος = Quecksilber[1310].
καπούτζις = Kapuze (ital. capuccio) = Helm, Deckel[1311].
κόρκομα, κούρκουμα = Kurkuma (gelber Farbstoff)[1312].
λαζούριον = Lasur (Kupferlasur? pers. laǰwerd, laǧwerd)[1313].
λεμόνη = Lemone, Citrone[1314].
λουμπάρδις = Metall der „Lombarden“ = Bronze[1315]; [„Lombarden“ heißen schon gewisse größere Wurfgeschütze aus älterer Zeit].
μανδίλιον = ein Stück Tuch[1316], [= Mantille].
μαρκαζήτα = Markasit[1317].
μάρμαρον ῥωμάνον = römischer Marmor; ἐπὶ μάρμαρον πορφυροῦν = auf Marmor feinreiben[1318] [franz. porphyriser].
μβουράζω = Borax[1319], s. oben.
μέταξα = Seide[1320].
μόλυβδος ἔγχαλκος = kupferhaltiges Blei[1321]), [Legierung].
μόλυβδος δελματήσιος = Blei aus Dalmatien (?); ähnlich σαβυήσιος aus Illyrien (?) und σαρδιανός aus Sardinien[1322].
μονοβασία, ein griechischer Wein = Malvasier[1323].
νατήφ der Araber, eine rote Farbe, auch „Rot der Palmen“, [wie φοίνιξ = Palme, Rot, rotes Schwefelantimon usf.][1324].
νεράντζη, νεράντζιον (persisch) = Orange[1325].
σάλγεμα = sal gemmae = Steinsalz[1326].
σαλονίτριον = sal nitrum = Salpeter[1327], [ital. salonitro].
σαπώνιον, σαπουνίον, σαπόνη, σάπωνον = Alkali, später Seife[1328]; daher σαπονίζειν = reinigen, abseifen.
σηπίας ὄστεον = Sepia-Knochen[1329].
σουλίμα = sublimatum = Sublimat[1330].
τάρταρος = Tartarus[1331], (ein Abfall, Bodensatz).
τζαπαρικόν = Alkali, später Salmiak[1332], [verwandt mit σάπωνον?]
τουτία, θουθία = Tutia[1333] [Zinkoxyd u. dgl.].
φλουρία βενέτικα = florinus veneticus = venetianischer Gulden = Dukaten[1334].
φοῦρνος, φουρνέλλιος = furnus, Bäckerofen[1335] (franz. fournil).
Zweiter Abschnitt.
Die Quellen der alchemistischen Lehren.
I. Die griechische Philosophie.
+Chronologische Übersicht der wichtigsten besprochenen Philosophen+[1336].
~Thales~ (lehrte) um 600
~Anaximander~ 611-545
~Anaximenes~ 585-525
~Pythagoras~ 570-490
~Xenophanes~ 570-470
~Alkmaion~ (lehrte) um 500
~Leukippos~ (lehrte) um 500
~*Anaxagoras~ 500-428
~Heraklit~ (lehrte) um 490
~*Empedokles~ 490-430
~Zenon von Elea~ 490-430
~Parmenides~ (lehrte) um 480
~*Demokritos~ 460-360
~Melissos~ (lehrte) um 440
~Platon~ 427-347
~Philolaos~ (lehrte) um 400
~Diogenes von Apollonia~ (lehrte) um 400
~Aristoteles~ 384-322
~Theophrastos~ 372-287
~*Zenon von Kition~ 342-270
~Xenokrates~ (lehrte) um 339
~*Kleanthes~ 331-251
~Straton~ (lehrte seit) 286
~Chrysippos~ 280-205
~Panaitios~ 180-110
~Aristobulos~ (schrieb) um 150
~Poseidonios~ 135-51
~*Philon~ 30 v.-50 n. Chr.
~Seneca~ (gest.) 65
~*Epiktetos~ (gest.) 115
~Marc Aurel~ 121-180
~Numenios~ (schrieb) um 150
~Ammonios Sakkas~ (lehrte) um 200
~*Plotinos~ 204-270
~*Porphyrios~ 272-304
~*Iamblichos~ (gest.) 330
~Proklos~ 410-485
~Nestorios~ (lehrte) um 500
~Simplikios~ (lehrte) um 500
~Olympiodoros der Jüngere~ (lehrte) um 600
1. Die Vorsokratiker.
Die Gelehrten, die sich mit den griechischen alchemistischen Schriften nach deren Wiederauftauchen seit Ende des 15. Jahrhunderts zuerst beschäftigten, machten bereits die Bemerkung, daß ihr Inhalt in vieler Hinsicht durch gewisse Lehren beeinflußt sei, die sichtlich der griechischen Philosophie entstammten; da man aber über diese selbst und ihre Chronologie noch völlig im unklaren war, und erst die Arbeit einiger Jahrhunderte dahin führte, auf solchem Gebiete auch nur die Haupt-Richtlinien in annähernd zutreffender Weise zu ermitteln, so darf es nicht wundernehmen, daß noch lange Zeit hindurch auch sonst bedächtige und ernste Schriftsteller an Hand völlig haltloser Voraussetzungen die abenteuerlichsten und verkehrtesten Schlüsse zogen; diese blieben dann in der wissenschaftlichen Welt zum Teil bis gegen Mitte des 19. Jahrhunderts hin in einer Geltung, der die Ausführungen einzelner aufgeklärter Köpfe nur geringen Eintrag taten. Richtige und in allem Wesentlichen sachgemäße Einsicht erschloß zuerst 1856 eine Abhandlung „Keime der Alchemie bei den Alten“ von ~Prantl~, dem hervorragenden, um die Geschichte der Geisteswissenschaften und um Herausgabe und Verständnis der aristotelischen Werke gleich hochverdienten Forscher; da sie aber nur in der von vielen als „höheres Unterhaltungsblatt“ angesehenen „Deutschen Vierteljahrsschrift“ erschien[1337], und zwar ohne Namen des Verfassers, der ihrer auch später bloß an einer ziemlich versteckten Stelle seiner ~Aristoteles~-Ausgabe Erwähnung tat[1338], blieb sie leider völlig unbeachtet und den Historikern der Chemie, z. B. ~Kopp~, unbekannt.
Hat nun auch ~Prantl~ alles Hauptsächliche im rechten Lichte gesehen, so ist doch einerseits seit 1856 ein ungeheurer Zuwachs an Kenntnissen zu verzeichnen, andererseits aber bleibt auch eine eingehendere Darstellung wünschenswert, als sie seine für eine Zeitschrift bestimmte Skizze zu bieten vermochte. Im nachstehenden soll daher der Versuch unternommen werden, Auftauchen und Entwicklung derjenigen philosophischen Grundbegriffe und Lehren zu schildern, die maßgebende Wichtigkeit für die Entstehung +alchemistischer+ Anschauungen erlangten. Diese Fassung der Aufgabe macht ersichtlich, daß es sich nur um die zweckentsprechend eingeschränkte +Auswahl+ aus der unermeßlichen Fülle eines Stoffes handeln kann, den in seiner Gesamtheit und allen seinen Verzweigungen nach selbst der Fachmann auf philosophie-geschichtlichem Gebiete längst nicht mehr gleich vollständig zu übersehen und zu beherrschen vermag; über die Anschauungen vieler Forscher, ja ganzer Schulen, die an sich, also ihren Gesamtleistungen und ihrer historischen Rolle nach, von hoher Bedeutung sind, wird daher bald nur Weniges zu berichten, bald ganz hinwegzugehen sein, soferne sie nicht auch auf jenem Sondergebiete bestimmbare Spuren hinterliessen.
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Schon zur Blütezeit Griechenlands, insbesondere aber während der hellenistischen Ära, gaben sich die ägyptischen Priester mit großer Kühnheit als Stammväter wie der griechischen Religion, Poesie und Gesetzgebung, so auch der griechischen Philosophie aus und versicherten, Namen und Lehren der bei ihnen in die Schule gegangenen „Weisen“ in ihren uralten „heiligen Schriften“ und auf den Stelen (ἐν στήλαις) ihrer Tempel verzeichnet zu besitzen; bei den griechischen Zeitgenossen fanden sie mit +dieser+ Behauptung ebenso Glauben[1339], wie etwa mit +der+, auf solchen Säulen lese man die Erzählung von jenen mythischen, in fernster Urzeit ausgefochtenen Kämpfen zwischen den Bewohnern Attikas und der Atlantis, über die ~Platon~ im Dialoge „Kritias“ berichtet[1340], oder auch die vom wahren Hergange des trojanischen Krieges[1341]. Einfluß und Stellung der Priester Ägyptens, woselbst, wie im ganzen Orient, Kult und Hierarchie in engster, dem griechischen Geiste völlig fernliegender Weise verflochten waren[1342], ließen es den fremden Zuhörern offenbar als berechtigt erscheinen, diesen Männern unermeßliche Gelehrsamkeit und geheime Weisheit zuzutrauen, deren Bedeutung man desto höher einschätzen durfte, je weniger man in der Lage war, sie eingehender kennen zu lernen. Richtig sprach indessen bereits ~Platon~ im Dialoge „Vom Staate“ (Republik) aus, die Griechen beseele der Sinn für die reine Wissenschaft, die Ägypter und Orientalen aber das Verlangen nach Erwerb[1343]; auch bestätigen die Ergebnisse der neueren Forschung, daß tatsächlich weder Ägypter noch Phönizier, Babylonier, Perser usf. jemals die Wahrheit nur um ihrer selbst willen suchten, d. h. ohne jede Rücksicht auf ihren Nutzen oder auf ihren Zusammenhang mit bestimmten Zwecken, z. B. mit religiösen. Der westliche Orient besaß also Geheimnisse rein wissenschaftlichen und vor allem rein philosophischen Charakters selbst nicht, war daher auch nicht in der Lage, sie den Griechen mitzuteilen; wohl aber entwickelte sich die griechische Philosophie nicht unabhängig von den an ihrem Entstehungsorte, der kleinasiatischen Küste, so mächtigen orientalischen Einflüssen, z. B. von jenen der ägyptischen „Geometrie“, d. i. der rein praktischen Zielen dienenden Landvermessungs-Kunst, der babylonischen Sternkunde, die, wesentlich astrologischen Inhaltes, u. a. die regelmäßige Wiederkehr der himmlischen Erscheinungen in Cyclen (Kreisläufen) und die Parallelität der himmlischen und irdischen Ereignisse (des Makro- und Mikro-Kosmos) lehrte, sowie endlich gewisser religiöser Vorstellungen babylonischer und iranischer Herkunft. An genauerer Kenntnis dieser aller fehlte es aber ursprünglich noch durchaus[1344].
a) Die jonischen Philosophen: Thales, Anaximander, Anaximenes; Heraklit.
Die jonischen Philosophen, deren Tätigkeit um etwa 600 v. Chr. einsetzt, waren es, die zuerst den Gedanken erfaßten, Kern der bis dahin allein betrachteten Welt des Wandelbaren und Flüchtigen sei ein nur in Erscheinung und Gestalt Wechselndes, seinem eigentlichen Wesen nach aber Beharrendes und Dauerndes, ein einheitliches Prinzip, das sie als „göttliches“, als „Gottheit“ (jedoch nicht im religiösen Sinne des Wortes) bezeichneten und φύσις (Physis) = Urstoff nannten[1345]. Aus dieser Ursubstanz, der Einen (ἐξ ἑνός) und Einheitlichen, in späteren Zeiten auch ἀρχή (Arché = Urprinzip; +nicht+ = Uranfang in +zeitlicher+ Hinsicht) oder οὐσία (Usía = Urmaterie) Geheißenen, die allem Bestehenden zugrunde liegt (ὑποκείμενον), gehen zunächst die vier Elemente hervor, die ebenso dauernd sind oder doch sein können wie der Kosmos selbst, und weiterhin die Einzelstoffe, die sich fortwährend aus den vier Elementen bilden, aber auch wieder in sie zerfallen[1346]; der +Name+ „Element“ (στοιχεῖον, Stoicheíon) taucht allerdings, wie hier ein für allemal bemerkt sei, erst bei ~Platon~ auf (und zwar als nicht mehr ganz neuer)[1347], vorausgesetzt finden sich aber die Elemente, alter Volksauffassung gemäß, bereits bei ~Homer~[1348].
Bei der Bildung oder Auflösung der Elemente handelt es sich also nicht um ein Entstehen oder Vergehen, vielmehr erleidet der Urstoff eine bloße μεταβολή (Metabolé = Umänderung)[1349], und zwar nur eine qualitative αλλοίωσις (Alloíosis = Artverwandlung)[1350], hervorgerufen durch mehr oder minder weitgehende Verdünnung oder Verdichtung unter dem Einflusse von Wärme oder Kälte[1351], deren Fähigkeit zu derlei umformenden und umgestaltenden Wirkungen dogmatisch feststeht[1352]. Demgemäß sind die Elemente potentiell (= der Möglichkeit nach) jedes in jedem enthalten und können wechselseitig ineinander übergehen[1353], nach Regeln, die sich aus ihrem festen Sitze und „natürlichem Orte“ im Weltall ergeben, -- die Erde zu unterst, über ihr das Wasser, hierauf die Luft, zu oberst das Feuer --, und denen zufolge jedes sich am leichtesten in die ihm benachbarten zu verwandeln vermag[1354], z. B. Luft in Feuer durch Verdünnung, dagegen in Wasser und sodann in Erde durch Verdichtung[1355]. In diesem Sinne läßt sich der ganze Kosmos als Ergebnis einer, wenn auch nur allmählichen und stufenweisen, so doch einheitlichen Entwicklung des „einzigen“ und „göttlichen“ Ursubstrates betrachten[1356].
Was den Anteil der einzelnen Philosophen[1357] an der Gestaltung dieser Lehren betrifft, so ist er in vielen Punkten kaum mit wirklich ausreichender Sicherheit zu ermitteln, teils weil die nur in Bruchstücken vorliegenden Überlieferungen durch zahlreiche spätere Einschiebsel und Fälschungen entstellt sind[1358], teils weil die Deutungen, auch die der ersten Fachmänner, oft weit auseinandergehen.