Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange
Part 15
~Usener~ ist der Ansicht, daß ~Stephanos~ die Vorlesungen über Astrologie und Chemie nicht wirklich gehalten haben könne; betreff der Astrologie[1168] widerstreiten der üblichen Angabe einige seiner eigenen Äußerungen, und die Chemie, deren Ausübung Kaiser ~Diokletian~ in Ägypten untersagt und durch Verbrennung der Schriften chemischen Inhaltes unmöglich gemacht hatte[1169], die daher seitdem als „verbotene Kunst“ galt, durfte er im kaiserlichen Palaste zu Konstantinopel nicht wohl lehren. Auch der Inhalt dieser Vorlesungen scheint ~Usener~ dagegen zu sprechen, daß ein Mathematiker von Fach sie geschrieben habe, und er neigt daher dazu, sie (und auch einige andere Fragmente) als Pseudepigraphen aus späterer Zeit (etwa um 775) zu betrachten[1170]. So beachtenswert diese Ansicht auch ist, so scheint sie doch noch weiterer Vertiefung zu bedürfen, da das Vorhandensein von Widersprüchen bei Kompilatoren von der Art des ~Stephanos~ keineswegs vereinzelt dasteht, das Eingreifen des ~Diokletian~ aber wohl kein gerade der Chemie so feindliches gewesen ist (s. weiter unten), und überdies seither auch mehrere Jahrhunderte vergangen waren; zudem soll gerade der Kaiser ~Heraklius~ von besonderer Vorliebe für alle Geheimwissenschaften erfüllt gewesen sein[1171].
Das Buch des ~Stephanos~, das sich bei den späteren Alchemisten ganz besonderer Wertschätzung erfreute und auch im arabischen „Fihrist“ gepriesen wird, vermag indessen solchen hohen Ruf in keiner Weise zu rechtfertigen[1172]. Seine neun, stets „σὺν θεῷ“ („mit Gott“) überschriebenen Abschnitte oder πράξεις (Práxeis = Vorlesungen, Traktate, Handlungen), -- dieses Wort bezeichnet in den magischen Schriften und Papyrus-Urkunden namentlich auch die +Zauber+-Handlungen[1173] --, mag man aufschlagen wo man will, man wird allerorten das Nämliche vorfinden: unklare und weitschweifige Paraphrasen der „Alten“, die den Mangel jeglicher eigener Sachkenntnis und praktischen Erfahrung bezeugen; kritikloses Aufzählen und Rühmen der Autoritäten, ihrer Axiome und ihrer Präparate; schwülstige und scholastische Darlegungen unverstandener oder halbverstandener Theorien; wirre mathematische und astrologische Anspielungen, -- dies alles im Gewande hohler, unbestimmter, oft jedes faßbaren Inhaltes entbehrender Redensarten und dabei untermischt mit mystischen, enthusiastischen und religiösen Anrufungen, Ausrufungen und Deklamationen. Das ganze Werk, -- ~Usener~[1174] bezeichnet es als Homilie voll geheuchelten, Heidnisches, Mystisches und Christliches vermengenden „sacri furoris“ --, bietet ein trauriges Beispiel des letzten und völligen Verfalles einer Wissenschaft unter den Händen der vielschreibenden byzantinischen Buchgelehrten und Kommentatoren; es ist geradezu eine Satire auf das hübsche von ~Stephanos~ irgend einem Vorgänger entlehnte Zitat[1175]: „Die Wissenschaft vermag alles; sie sieht das Unsichtbare und vollbringt das Unmögliche.“
Genauer auf den Inhalt des Buches einzugehen, -- von dem ~Berthelot~ übrigens keinen Abdruck, sondern nur einen Auszug gegeben hat[1176] --, lohnt dem Vorstehenden zufolge nicht, es wird vielmehr genügen, auf einige Hauptpunkte kurz hinzuweisen.
Die alten Chemiker, zu denen u. a. auch ~Platon~ und ~Aristoteles~ zählen, stellten treffliche Grundsätze auf, wie „ἄνω καὶ κάτω“ (nach oben und nach unten) und „Eines ist Alles, Alles ist Eines“[1177], erdachten vorzügliche Vergleiche, wie den des großen Werkes mit der Schlange ~Uroboros~ und den des menschlichen Kopfes mit einem Destillierhelm[1178], und fanden die Bedingungen auf, unter denen das große Werk gerät und Gold liefert, das besser und schöner ist als das natürliche[1179]. Als Ausgangsmaterial benützten sie entweder Kupfer, das wie ein Mensch Körper, Seele und Geist hat[1180], oder eine Legierung von vier Körpern (= Metallen), die Magnesia[1181]. Zur Einleitung der Umwandlung, die auf einem Herauskehren des Inneren beruht, verbrennt man die Rohstoffe erst zu Asche und betrachtet das gute Gelingen +dieser+ Arbeit als günstiges Vorzeichen für das der +gesamten+[1182]; es folgt die Schwärzung, „diese großartige und bewunderungswürdige Sepsis [hier = Digestion, Maceration] der ~Isis~“, sodann die Weißung, die sich langsam vollzieht wie das Bleichen von Geweben, und schließlich die Gilbung[1183]. Diese Operationen erfordern die Anwendung von Medizinen und Tinkturen[1184], u. a. des Schwefels, des göttlichen Wassers, des Quecksilbers, das flüssig und heiß wie Blut ist, sowie des anderen Quecksilbers, das man aus dem „Männlichen“ (Arsenikon) gewinnt, und dessen Name die Lösung vom Rätsel der neun Buchstaben verbirgt[1185]. Wichtiger und mächtiger als diese alle ist aber der zauberkräftige Stein [βοτάνη, Botáne, ursprünglich nur Zauber+kraut+], den unser Land Äthiopien hervorbringt[1186], der „Stein der Weisen“, „Stein der Philosophen“, der auch etesischer Stein heißt, der geheim und allbekannt, gemein und kostbar ist, und vermöge astrologischer Einflüsse der zwölf Zeichen des Tierkreises aus den Naturen und Farben der sieben Planeten hervorgeht[1187]. Er vollzieht aber das große Werk, indem er das Männliche mit dem Weiblichen vereinigt, also das Aktive mit dem Passiven, das Heiße mit dem Kalten, das Rote mit dem Weißen, ~Hermes~ mit der ~Aphrodite~: „kämpfe Kupfer! kämpfe Quecksilber!“ In Freuden gesellen sich Männliches und Weibliches, denn die Natur erfreut sich an der Natur, es erfolgt Zeugung, und das Gezeugte reift binnen 40 Tagen zu Gold[1188].
c) Herakleios (Heraklios) und Justinianus.
Mehrere anscheinend verschollene Abhandlungen alchemistischen Inhaltes werden dem „König ~Herakleios~“ zugeschrieben[1189], den einige Autoren für einen nicht weiter bekannten Chemiker halten, andere aber für den byzantinischen Kaiser dieses Namens (610-641), der große Vorliebe für die Geheimwissenschaften gezeigt und den ~Stephanos~ als Vortragsmeister berufen haben soll; nach dem weiter oben Ausgeführten dürfte ihm durch diesen allerdings kaum wesentliche Förderung zuteil geworden sein.
Nicht viel mehr ist über die Werke des ~Justinianus~ bekannt[1190], die ebenfalls zwar noch in den Inhaltsverzeichnissen gewisser Handschriften (z. B. des Codex Marcianus) aufgeführt werden, in deren jetzt vorliegenden Texten aber nicht mehr mitenthalten sind; einige im „Codex Vossianus“ zu Leiden aufgefundene Bruchstücke handeln von den Bestandteilen des philosophischen Eies, und zwar ungefähr in der aus den „Praxeis“ des ~Stephanos~ bekannten und auf dessen Zeitalter hinweisenden Art.
d) Philosophus Anonymus (Anepigraphos).
Dieser byzantinische Sammler ist, da er den ~Stephanos~ zitiert, für jünger anzusehen als der ~Philosophus Christianus~, der ~Stephanos~ nicht oder nur an später Einschiebung verdächtigen Stellen nennt, und wird von ~Berthelot~ in das 7. Jahrhundert versetzt[1191], von ~Kopp~ in das 8.[1192]. Betreff seiner Abhandlung gilt das nämliche wie hinsichtlich derer des ~Philosophus Christianus~, einige Hinweise werden daher auch hier genügen.
Die genauen und sicheren Vorschriften zur Ausführung des großen Werkes gaben die ökumenischen Philosophen und Kommentatoren des ~Platon~ und ~Aristoteles~, von ~Hermes~ angefangen bis auf den großen ~Olympiodoros~ und ~Stephanos~[1193], am gründlichsten aber ~Demokritos~; die Lehren seiner vier Bücher sind vergleichbar den vier Haupt- oder authentischen Tonarten der Musiker, während die Mißerfolge und Fehlschläge (νεκρώσεις = Tötungen, Absterben) den Dissonanzen und plagalen Schlüssen parallel gehen[1194]. Wesentliche Grundlage des großen Werkes ist das Blei, das „etesische Metall“ von an sich kalter Natur, das aber in der Wärme leicht flüssig wird, sich mit anderen Körpern vereinigt und so die Schmelze ergibt, die, nach den Worten μῖξις und μίγνυμι (Mischung, mischen), auch „Magnesia“ genannt wird[1195]; weil die Wärme diese Mischung (σύνθημα) „ausbrütet“, heißt sie „Ei der Philosophen“, auch besitzt sie die vier Teile, die nach dem Philosophen ~Xenokrates~ das Ei aufweisen muß, nämlich Schale, Eihaut, Eiweiß und Eigelb[1196]; das Produkt des großen Werkes bezeichnet man demgemäß als ὕλη ὀρνιθογονία = das Vogel-Entsprossene, und das im Laufe der Arbeit aufsteigende Sublimat als ὄρνις = Vogel, denn als die „Eier“ dieses „Vögelchens“ sind eben die seine Entwicklung (γέννησις τοῦ ὀρνιθίου) ermöglichenden Bestandteile anzusehen[1197]. Man reinigt diese erst durch Taricheia und dann durch Waschen, wobei darauf zu achten ist, daß schließlich so wie beim Waschen des Leinenzeugs, der Schaum (τὰ σκάμματα) völlig klar abläuft[1198]; die nötigen Sublimationen geschehen im δίπλωμα (Díploma = Wasser- oder Aschen-Bad), in passenden Gefäßen, oder auch in geraden, teils einfachen teils mehrfachen [in- oder übereinander gestellten] Rohren[1199]; die schließliche Umwandlung erfolgt durch Projektion (ἐπιβάλλειν)[1200].
e) Pappos.
Ein Aufsatz dieses „Philosophen“, der sich außer auf ~Moses~ und andere Alte auch auf ~Stephanos~ beruft und deshalb in das 7. oder 8. Jahrhundert versetzt wird[1201], bietet inhaltlich nichts Bemerkenswertes; eingeleitet wird er von einer Schwurformel, die Verwandtschaft mit der von ~Isis~ an ihren Sohn ~Horos~ berichteten zeigt und auf die schon bei Besprechung dieser letzteren hingewiesen wurde.
f) Kosmas.
Diesen Schriftsteller halten nach ~Kopps~ Bericht Einige für vermutlich noch dem 7. Jahrhundert angehörig[1202], aller Wahrscheinlichkeit nach aber mit Unrecht; zum mindesten zeigen seine Werke, so wie sie jetzt vorliegen[1203], die wohlbekannte Beschaffenheit der späteren byzantinischen Kompendien, d. h. sie stellen, ohne viel sachliches Verständnis, allerlei Auszüge aus ~Zosimos~ und anderen Förderern der Chemie (χυμία)[1204] zusammen, knüpfen daran leere und hinfällige Betrachtungen, die das stete Sinken des wissenschaftlichen Geistes deutlich ersehen lassen, und geben sich nicht einmal äußerlich mehr den Anschein, nach Form und Inhalt irgend einem deutlichen und bestimmten Ziele zuzustreben. Auf späte Einschiebungen deutet auch das Vorkommen verschiedener Bezeichnungen hin, die entweder wie σαλόνιτρον[1205] (Salónitron = Salpeter) und τζαπάρικον[1206] (Tzapárikon = Salmiak, ursprünglich = Soda, Nitron) Chemikalien betreffen, die den Byzantinern vor dem 13. Jahrhundert kaum näher bekannt waren, oder die [was sehr charakteristisch ist!] aus lateinischen Worten umgebildet sind, wie ῥασούχθη aus „aeramen ustum“ (dem „gebrannten Kupfer“ des ~Dioskurides~)[1207], oder das eben genannte σαλόνιτρον aus „sal nitrum“.
Grundlage der Metallverwandlung, die nur angestrengte Arbeit, nicht irgendwelchen Aufwand erfordert, ist auch nach ~Kosmas~ die Magnesia, so genannt nach dem Mischen und Legieren der Bestandteile, denn sie ist ein bleihaltiges Gemenge (σύγκρασις), eine Vereinigung der Substanzen (synousiôsis), die reine und einzig verehrungswürdige „Weiße“ (μόνη σεβασμία λευκότης), das weibliche Prinzip, der etesische Stein (λίθος αἰτήσιος), der Molybdochalkos des ~Demokritos~ und ~Olympiodoros~[1208]; auf sie beziehen sich die Worte „wenn nicht 1 zu 3 würde und 3 zu 1, so wäre das All (τὸ πᾶν) ein Nichts (οὐδέν)“[1209]. Man unterwirft die Magnesia erst „zwecks Einwirkung des Flüssigen“ der Taricheia[1210] und setzt sie sodann dem zu Fixierenden aus[1211], und zwar im „Ei der Philosophen“, -- das hier als ein chemischer +Apparat+ auftritt --, bis sich nach 120tägiger Behandlung im Pferdedünger die Seele (ψυχή, Psyche) zu entwickeln beginnt[1212]. Als Xerion dient Quecksilber [hier = Arsen], das man zwischen zwei flachen mit Ton und Eiweiß verkitteten Schüsseln sorgfältig sublimiert hat[1213]; so erhält man aus dem Kupfer das Silber, „diese σεληναία ὕλη“ (dem Mond zugehörige Substanz), und weiterhin aus diesem das Gold[1214].
g) Theophrastos Christianos, Hierotheos, Archelaos.
Die in jambischen (sog. politischen = volkstümlichen) Versen abgefaßten, die heilige Kunst, ἱερὰ τέχνη, betreffenden Gedichte dieser Autoren, die ~Kopp~ frühestens in das 8., ~Berthelot~ in das 9. Jahrhundert versetzt[1215] und die sich in ~Idelers~ „Physici et medici graeci minores“ abgedruckt finden[1216], sind gänzlich verworren, inhaltsleer und voll von mystischen, dem ~Stephanos~ entlehnten oder nachgebildeten Deklamationen und Anrufungen, die z. B. an einer Stelle des ~Theophrastos~ gleich zwanzig aufeinanderfolgende Zeilen ausfüllen, deren jede mit einem O! beginnt[1217]. Über den Drachen dieses Autors, -- den man 20 Tage im Mist halten soll, bis er seinen Schwanz verschlingt, worauf man ihn schlachtet, seine Galle herausnimmt und mit ihr weißt und gilbt --, hat sich schon ~Borrichius~ in dem weiter oben erwähnten „Conspectus“ lustig gemacht[1218]. Das sonst Vorgetragene beschränkt sich auf die gewöhnlichen Redensarten von reinem Herzen, von der Gnade Gottes, von den Gebeten und Wohltaten „zur Abwendung des Neides“, vom Männlichen und Weiblichen, vom Weißen und Gilben des italischen Kupfers und Stimmis[1219], usf., und es ist daher ebenso erstaunlich wie bezeichnend, daß gerade diese flachen und abgeschmackten Gedichte seitens der Nachwelt andauernd hoch in Ehren gehalten und als besonders wertvoll angesehen wurden[1220].
h) Salmanas.
Nach einer nicht ganz einwandfreien Vermutung, die sich auf gewisse Angaben des byzantinischen Gelehrten ~Psellos~ (1020-1105) stützt, soll ~Salmanas~ im 9. oder 10. Jahrhundert gelebt und gewirkt haben; aus seiner vorgeblichen Schrift, die u. a. zuerst (?) das aus dem Persischen entlehnte Wort τάλκ oder τάλακ (Talk) zu enthalten scheint, läßt sich nicht klar ersehen, ob wirklich eine Abhandlung des ~Salmanas~ in Frage kommt oder nur ein Bericht über ihm zugeschriebene Verfahren[1221]. Diese sollen sich u. a. auf die Herstellung runder großer Perlen, anscheinend aus mehreren kleineren, beziehen, also auf einen Gegenstand, den (ebenso wie die Nachbildung von Edelsteinen) die griechischen Alchemisten nicht selten zu behandeln pflegten; zwar wird ~Salmanas~, -- man weiß nicht von wann an --, als „Araber“ bezeichnet, da aber die arabischen Quellen und Zusammenstellungen nirgends einen Alchemisten ~Salmanas~ erwähnen[1222], und die fragliche Schrift auch allein in griechischer Fassung bekannt ist, so spielt der Beinamen des „Arabers“ hier vermutlich nur eine ähnliche dekorative Rolle, wie in so manchen anderen Fällen der des „Persers“ oder „Inders“. Überdies ist dem Griechischen der Namen ~Salmoneus~ keineswegs fremd, es führt ihn u. a. schon ein Sohn des ~Aeolus~ und Bruder des ~Sisyphos~[1223].
i) Psellos.
~Psellos~ (Michael Constantinos), der 1018-1078 in Konstantinopel lebte, daselbst Lehrer der Theologie und Philosophie, vermutlich auch beamteter Priester war, und vielerlei schriftstellerische Arbeiten verfaßte, richtete u. a., auf eine Anfrage des Patriarchen ~Xiphilinos~ hin, an diesen einen Brief über die Goldmacherei (Chrysopoiía), in dem er sich als wohlvertraut mit der überlieferten Literatur zeigt, nirgends aber, wie man irrtümlicherweise behauptet hat, auf eigene alchemistische Tätigkeit anspielt[1224]. Dafür, daß die späteren Byzantiner solche ausübten, fehlen überhaupt noch entsprechende Nachweise, und die sehr dürftigen Notizen einiger Lexikographen (auf die weiter unten noch zurückzukommen sein wird) zeugen eher gegen, als für diese Behauptung. Der Brief des ~Psellos~, der für die Verbreitung alchemistischer Ideen im westlichen Europa zur Zeit der beginnenden Renaissance von Bedeutung war, führt die Herstellung des Goldes teils auf die Behandlung, des „ψάμμος χρυσίτης (goldfarbigen Sandes) der Ufer“ zurück, teils auf die Anwendung der von den Alten, namentlich von ~Demokritos~, beschriebenen Verfahren, an deren Vortrefflichkeit und Untrüglichkeit ~Psellos~ offenbar fest glaubt, deren Schilderung aber durch seine Darlegungen nicht an Deutlichkeit gewinnt; eine lateinische, ziemlich willkürliche und nicht ganz vollständige Übersetzung des Briefes veröffentlichte zuerst 1573 ~Pizzimenti~ als 5. Teil seines wiederholt erwähnten Werkes.
Eine Anzahl inhaltsarmer alchemistischer Verse, die früher Einige dem berühmten ~Johannes Damaskenos~ (700-754), Andere dem ~Psellos~ zuschrieben, gehört keinem dieser Autoren an, ist vielmehr vermutlich von ~Philippos Solitarios~ verfaßt, einem byzantinischen Mönche, der um das Jahr 1100 lebte[1225].
k) Nikephoros.
~Nikephoros~ identifizieren die Handschriften zumeist mit ~Nikephoros Blemmydes~, der im 13. Jahrhundert zu Konstantinopel eine geistliche Würde bekleidete (?)[1226]; da es aber nach ~Berthelot~ für jene Gleichsetzung an ausreichenden Gründen fehlen soll[1227], +kann+ er auch viel früher gelebt haben, und der Inhalt seiner nur unvollständig erhaltenen Schriften[1228] spricht nicht gegen eine solche Annahme. Sie erwähnen u. a. das Abwägen und das Zerkleinern der Substanzen, zu dem man μάρμαρον πορφύρεον gebraucht (wörtlich: marmornen Porphyr, d. i. Porphyrstein, -- auf ägyptischen Ursprung deutend)[1229], ferner die Magnesia, die auch „gebranntes Kupfer“ oder „Gelbes der Eier“ heißt[1230], endlich den „Stein der Weisen“ (λίθον τῶν σοφῶν), der aus den vier Elementen „Heiß, Kalt, Trocken, Feucht“ besteht[1231]; dieser „Stein, der kein Stein ist“, stellt das wahre Xerion vor, das ξήριον ὀξυπορφύρεον [das intensiv rote = goldfarbige], von dem schon die kleinste Menge, auf Silber projiziert, dieses in prächtiges Gold verwandelt[1232]. -- An mehreren Stellen wird die Destillation der vorgeschriebenen Substanzen verlangt und dabei angegeben, daß sich das Kondensat in einem Glasgefäße ansammeln soll wie bei der Destillation des Rosenwassers das ῥοδόσταγμα, d. i. das Rosenöl[1233]; die Gewinnung dieses Öles durch Destillation scheint in Persien spätestens bereits während des 9. Jahrhunderts in größerem Maßstabe üblich gewesen zu sein, und die Vorschriften des ~Nikephoros~ bieten daher unter allen Umständen hohes Interesse, namentlich auch für die Geschichte der Destillation und ihrer Ausführung.
9. Technische Abhandlungen und Vorschriften.
(8. Jahrhundert und später?)
Unter dem Titel „Technische Abhandlungen und Vorschriften“ hat ~Berthelot~ eine Zusammenstellung zahlreicher einzelner „industrieller Methoden“[1234] und „Atelier-Rezepte“[1235] veröffentlicht, die er den verschiedensten Stellen der von ihm herausgegebenen griechischen und byzantinischen Schriften entnahm und dadurch völlig ihrem ursprünglichen Zusammenhange entfremdete, -- dessen Wiederherstellung einen unverhältnismäßig großen und kaum gerechtfertigten Arbeitsaufwand erfordern würde. Die betreffenden Angaben erweisen sich nämlich fast stets als äußerst dunkel und schwerverständlich; ferner entstammen sie meist weit auseinander liegenden und nicht stets sicher feststellbaren Zeiten (etwa vom beginnenden 8. Jahrhundert an bis zum 13. oder gar 14.)[1236]; sodann erweisen sie sich, auch wo sichtlich Altes zugrunde liegt, durch byzantinische Einschiebungen und Zusätze entstellt[1237]; endlich sind sie zu einem großen Teile in jenem barbarischen Griechisch der späten und ganz späten Perioden abgefaßt, dessen hervorstechendes Kennzeichen die Benützung lateinischer und romanischer, persischer und arabischer Worte in gräzisierter Form ist.
Was +Gold+ und +Silber+ anbelangt, so wird deren Bearbeitung und Verarbeitung, die viele Handarbeit und viel Brennstoff in Anspruch nimmt[1238], ferner die Gewinnung dünner Blättchen, die Goldschlägerei, die Herstellung von Goldschrift und Goldbuchstaben[1239] u. dgl. in einer Art beschrieben, die den (allerdings auch +vor+ ~Berthelot~ von niemandem bezweifelten) Zusammenhang der betreffenden antiken und frühmittelalterlichen Verfahren deutlich hervortreten läßt[1240]. Neben dieser „Verarbeitung“ ist aber nicht selten auch von der „Anfertigung“ der Edelmetalle die Rede: Silber macht man z. B. nach einer aus dem Tempel des ~Helios~ [= ~Ptah~] stammenden Vorschrift des Königs ~Salomon~, die eine Anwendung östlichen (ἀνατολικόν) und westlichen (δυτικόν) Quecksilbers und eine Arbeitszeit von 40 Tagen voraussetzt[1241], Gold aber nach dem Verfahren des „Kaisers“ ~Justinianus~ unter Benützung einer Kerotakis und binnen 41 Tagen[1242]. Die Schwärzung vollzieht sich mittels eines Xerions, zu dessen Bereitung aus „Asche“ ~Isis~ und ~Zosimos~ Anleitung gaben, und über das ~Zosimos~ auch sagte: „es schwärzt, ohne selbst schwarz zu sein, aber nicht dauerhaft“[1243]; das Xerion (ξήριον) ist der trockene (ξηρόν, xerón) Teil des fixierenden Steines (λίθος σφίγγων)[1244], der die schließliche Umwandlung in Gold bewirkt, die durch Gegenwart etwas fertigen Goldes sehr gefördert wird. Daher bringt man auch ein wenig Gold an dem Ende des zur Mischung dienenden Rührstockes an[1245], -- ein Verfahren, das naheliegenden und frühzeitig erkannten, aber bis in die Neuzeit hinein immer wieder mit Erfolg benützten Kniffen alchemistischer Betrüger Tür und Tor geöffnet hat.
Gold „macht“ man auch durch „Färben“ des +Kupfers+ nach persischer Vorschrift mittels θουθία[1246]. -- Die Überlieferung einer persischen Vorschrift ist in +diesem+ Falle sicherlich begründet, denn θουθία = Tutía wird abgeleitet vom persischen Dûd = Rauch, und bezeichnet das beim Rösten zinkhaltiger Materialien durch eine Art Sublimation gewonnene Zinkoxyd, dessen Einwirkung auf Kupfer das +Messing+ ergibt; dafür, daß man diese goldglänzende und goldähnliche Legierung, die anfänglich wohl durch unmittelbares Verschmelzen von Kupfer oder kupferhaltigen Erzen mit zinkhaltigen dargestellt wurde, in Persien schon seit +sehr+ langer Zeit kannte, sprechen u. a. einige Angaben bei ~Aristoteles~.
+Oreichalkon+ (wörtlich = Bergerz), dessen ursprüngliche Beschaffenheit dahinsteht, gilt den Verfassern der in Rede stehenden Schriften ebenfalls bereits für +Messing+, denn zu Oreichalkon, gelb wie Gold, wird das Kupfer außer durch „Safran, Eigelb, Honig, Galle, κορκυμά (Kurkuma), .... und anderes Gelbes“ auch durch τουτία (Tutía), durch τάρταρος (Tártaros), der auch als spanische grüne (?) Tutia gekennzeichnet wird[1247], und durch κόπρος [Kópros, wörtlich Kot, hier Abfall, nämlich eines Erzes oder Metalles][1248]. -- Wie Kurkuma (der prächtig gelbe Farbstoff der Kurkuma-Wurzel) und Tutia, so weist auch Tartaros auf arabische Vermittlung hin, denn „Tartarum“, -- in dieser Form tritt das Wort im 11. Jahrhundert zuerst auf --, ist eine durch Volksetymologie entstandene Umbildung des arabischen (vom persischen Durd abgeleiteten) Dúrdijj, nach ~Tschirch~ „Durdijjun“, das, ebenso wie κόπρος, einen Abfall, einen Bodensatz bezeichnet, z. B. den Weinstein, faex vini, τρὺξ οἴνου, so daß die Gleichsetzung von „Bodensatz“ und „Unterwelt“ leicht begreiflich und naheliegend erscheint[1249].
Die altbekannte Legierung „aus einem Pfund cyprischen Kupferrostes und zwei Unzen Zinn“, d. i. +Bronze+, wird bei Schilderung der aus ihr herzustellenden Gußsachen unter dem Namen βροντήσιον (Brontésion) erwähnt[1250], der nach ~Berthelot~ hier, in einer etwa dem 11. Jahrhundert angehörigen Schrift, zum ersten Male in dieser Gestalt auftritt, soferne nicht schon dem wohl einer byzantinischen Quelle des 7. bis 10. Jahrhunderts entstammenden Zusatze „ἀπὸ βροτισίων“ (Brotisíon) zu einer Abhandlung des ~Zosimos~[1251] die nämliche Bedeutung „aus Bronze“ unterzulegen ist (Näheres s. weiter unten).
+Quecksilber+, das sich, wie bereits angeführt, als orientalisches und okzidentalisches unterschieden findet[1252], liefert bei der Vereinigung mit Schwefel Zinnober[1253], sowie bei einer besonderen (ganz unklar beschriebenen) Behandlung die „Sublimat“ genannte Substanz, die furchtbar giftig ist und sich allmählich schwärzt, wodurch sie dann unbrauchbar wird[1254].