Empfindungen aus meinem Leben

Part 2

Chapter 23,135 wordsPublic domain

Ein redlich Antlitz, sanfte Blicke, Wo bey des Nächsten Ungelücke Des Mitleids edle Zähre fließt: Sind Güter, die der Thor nicht kennet, Der fühllos auf dem Throne gähnet, Wo er der Menschheit Recht vergißt.

Verträulichkeit zwischen Liebe und Natur.

In einer hohen Felsengrotte mit Gebüsch umwachsen.

Verbirg mich, dämmerndes Gebüsch! in deine heilige Stille! Einsames Dunkel! schütze meine Sinnen vor dem Blendwerke des Ehrgeizes und der Wollust, die aufrührisch in mein zu weiches Herz stürmen! hier sey die Ruhe wieder meiner Seele geschenket, die unter dem Joche schmachtet, das allgemeine Thorheit den Menschen aufleget. Unwillig, daß sich ihre kräftigen Aeußerungen unter den sclavischen Hauffen verirret, kehret sie wieder auf die einfache Pfade der Natur zurück. Friede mit euch, ihr Gegenstände der ländlichen Einfalt! Flöße mir hier, unverdorbene Natur, deine Unschuld und Heiterkeit ein! Hier soll mein Herz nur sanfte Regungen fühlen, und ihre reine Zärtlichkeit in dieser verschwiegenen Grotte ausgiessen. Das Geheimniß einer Liebe, die in meinem Innersten brennet, und womit eine Gottheit diesen Staub begeistert, sey dir, holdselige, freundliche Natur, allein anvertrauet! Du verspottest, sie nicht, diese verborgenen Triebe, die du selbst in meinen Busen geleget, diesen Funken der Gottheit, der die Menschen belebet, um sie zu beglücken, Menschen, die in ihr eigenes Eingeweyd wüthen, und das eingefleischte Gesetz ihrer Wesenheit, das heiligste Geschenk der Natur — Die Liebe verkennen; oder mißbrauchen; die sich aus der Kränklichkeit der Einbildung, oder des Körpers einen Beruf lügen, in der Unterdrückung der sanften, geselligen Neigungen, in der Untüchtigkeit und Verwahrlosung der Lebensgeister, in der trägen, unentwickelten Einförmigkeit ihres Daseyns ein Verdienst suchen, und um einseitige, lieblose Absichten zu erreichen, das Grundgesetz der Schöpfung durch leeres Aussenwerk, durch eitle Gepränge unkennbar machen. Ungerechte, die ihr die Natur hintergehen wollet, und der edelsten Thätigkeit unseres Daseyns durch Zwang, Künsteley und stolz ewige Dämme setzet! Dämme, von welchen unsere Leidenschaften mit Ungestüm in unser Gemüth zurück brausen, gleich jenem Bach, der ruhig und still in seinem Rinnsale nach dem Ziele eilet, bis er an einem Felsen zerbrellet. Erbost wühlet er in seinen eigenen Grund, und sprühet unruhig um sich her. Doch weg ihr stürmischen Bilder aus meiner Seele! störet nicht meine friedlichen, einsamen Betrachtungen! Stilles, ruhiges Vergnügen will ich itzt in mich athmen, und nur gelinde Weste sollen meine Schläfe umsäuseln. Hier, wo jede Spur in der Schöpfung von Wohlthun und Liebe des Schöpfers zeuget, hier herrschet nicht feige Eitelkeit, nicht fühllose Dummheit, die Unthat für Keuschheit, und wohlthätige Liebe zur Beleidigung rechnet. Dieses sanfte Gefühl der Menschheit wird nicht durch Pracht, Rang und Wucher, nicht durch Leichtsinn und Meineyd mißhandelt — aber ach! kehret nicht so oft zurück, ihr traurigen Gestalten des Hofes! Laßt mich, in Frieden unter diesem bemoosten Felsen hier ruhen! verträglich will ich mit mir selbst, und mit dieser schönern Natur seyn; vertraut will ich ihr meine geheimen Wünsche entdecken; meine Gedanken sollen sich sanft und frey entwickeln, wie diese Sprossen des Frühlings um mich aus dem Schoose der Natur hervorkeimen. Besänftiget durch ihren Einfluß, begeistert von ihrer Schönheit, will ich hier auf diesem samtenen Moose in süße Hofnungen einschlummern.

Schutzort der Weisheit

Noch seyd ihr, unschuldvolle Freuden Der Schöpfung! Trost in meinem Leiden. Wann harte Menschen mich verscheun, Soll euch mein Herz noch offen seyn. Ich will, die Leyer in den Händen, In seligern Gefilden wandeln; Gold soll mein heitres Aug nicht blenden, Kein falsches Glück mich mehr mißhandeln.

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Natur! in deinem Arm beschützet Die Weisheit mich, wann Bosheit blitzet. Hier will, wann Vorurtheil und Neid Voll schwarzen Geifer um sich speyt, Ich über niedre Bubenstücke Und Dummheit, die im Finstern irren; Hier will ich über mein Geschicke In stiller Wollust triumphiren.

Einladung auf das Land

Ihr Freunde, und ihr Schönen, Besucht die stille Flur, Die anmuthvollen Scenen Der Unschuld, und Natur!

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Eilt, dankbar zu genießen Nach weiser Vorsicht Ziel: Das Leben zu versüssen, Gab sie uns das Gefühl.

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Die fremde Pracht der Speisen Verderbt die Sinnen nur; Es gnüget hier dem Weisen Die Einfalt der Natur. Wo mit den zarten Zweigen Die reiffen Früchte sich Gefällig zu ihm neigen, Da speist er königlich.

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Die Einfalt reiner Sitten Herrscht unter reiner Luft, In ländlich stillen Hütten, Bey Florens Blumenduft.

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Kommt, dort im Grünen wollen Wir, eins dem andern gleich, Uns Früchte, Blumen hollen, — Dann sind wir groß, und reich.

Die Gaben des Weisen.

Daß sich das Wasser in dem Magen Mit den Speisen kann vertragen, Das kann wohl seyn: Jedoch der Rebensaft Giebt auch der Seele Kraft. Das Wasser rinnt so todt hinein. Der Necktar öffnet unsere Herzen Bey seinem Witz und keuschen Scherzen: Ein Weiser trinkt gleich Göttern Wein.

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Daß Schreiberey und Rechnen nütze, Der Gradus vor dem Hunger schütze, Das kann wohl seyn: Jedoch des Dichters Glut Begeistert unser Blut; Flößt edlere Empfindung ein; Kann unser Herz erhaben rühren; Den trägen Geist zum Aether führen: Ein Weiser muß ein Dichter seyn.

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Daß es sich gut in Klöstern lebe, Kastraten, alte Jungfern gebe, Das kann wohl seyn: Jedoch der Menschheit Trieb Erzeugt in uns die Lieb Ihn schuf die Vorsicht allgemein, Nicht, daß wir wieder ihn vernichten, Nein, nur zum rechten Endzweck richten. Ein Weiser muß auch menschlich seyn.

Sehnsucht nach Vergnügen.

Willst du durch Gram und Mißvergnügen Um meiner Jugend frohen Scherz, Verhängniß, ewig mich betrügen? Soll ein der Freude offnes Herz Nicht über deine Härte siegen?

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Hab ich, als Bürger, leer an Schätzen, Als Mensch kein Recht auf edle Lust? Soll ich beym Pöbel mich ergötzen? Soll ich das Leere meiner Brust Durch Niederträchtigkeit besetzen?

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Soll ich die Freuden nie genießen, Die Jugend, Lieb und Freundschaft giebt? Soll stets mein Geist in Gram zerfließen? Kein Mädchen, das mich zärtlich liebt, Kein Freund mein Schicksal mir versüßen?

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Die Jugend glüht auf meinen Wangen, Die Freude lächelt auf der Flur: Soll ich stets wünschen, nie erlangen? Hab ich umsonst von der Natur Ein zärtliches Gefühl empfangen?

Meine Geliebte.

Das nicht vom stolzen Zwange schwillet, Mit buhlerischer Sprödigkeit Auf unverschämte Buhler schielet, Ein Kind, voll sanfter Heiterkeit, Das fühlend denkt, und edel fühlet;

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Wo reine Lust im Busen schwimmet, Ein edler Geist bey Witz und Scherz Im jugendlichen Auge glimmet, — Solch seltner Mädchen treues Herz, Ach, wär doch eins für mich bestimmet!

Das freywillige Leiden.

Nach dem Französischen des Thibault, Grafen von Champagan und König von Navarra. Aus dem 12ten Jahrhundert.

O dürft ich deiner Augen Zauberblicke nicht sehen! O könnt ich, Doris! Die Töne Der reizenden Stimme nicht hören; So würde mein Leiden sich enden. Ach! aber ach, mein Herz verblutet Sich ohne dich! und meine Augen Sind trüb, und meine Ohren Sind nur an deine Stimm gewöhnet. Ich will dich lieber sehen, Ich will dich lieber hören, Und lieber alles leiden.

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Doch leid ich ohne Hofnung, Und hoffe stets vergebens; Die Wehmuth wird mich tödten.

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=Las! Si javois pouvoir doublier Sa beauté, sa beauté, son biendire, Et son tres doux, tres doux regarder, Finiroit mon Martyre; Mais las! mon cœur je nen puis ôter,=

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=Et grande affolage Mest desperer.=

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Doch eben diese Wehmuth, Der Liebe süsse Wehmuth Versüsset alles Leiden; Die Liebe giebt mir Kräfte. Und wie, wie könnt ich, Doris! Wie deine Zauberblicke, Den sanften Ton vergessen? Ich will dich lieber sehen, Ich will dich lieber hören, Und lieber alles leiden.

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=Mais telle Servage Donne Courage Atout endurer. Et puis comment, comment oublier Sa beaute, sa beaute, son biendire? Et son tres doux, tres doux regarder? Mieux aime mon Martyre.=

Kampf einer Leidenschaft.

O Liebe! stürme nicht so sehr in meiner Brust, höre auf diese Adern zu durchwühlen, mächtigste der Leidenschaften! Verschone, o verschone dieses Herz! Hier, ja, hier fühle ich die wüthende Aufruhr: wie pocht es!

Ihr Elemente, zur Bereinigung geschaffen, warum empöret ihr euch in mir? Ist dieß die harmonische Oekonomie, welche die Seele mit dem Körper führen sollte? Soll eine Hand die andere verletzen? Sollen gemeinschaftliche Theile sich von ihrer Bestimmung, von dem ganzen entfernen? Uebermüthige Knochen selbsten einander aufreiben, und durch die Raserey überflüssiger Gesundheit ihren eigenen Körper untergraben? Wenn kein schwarzer Trübsinn die Säfte stocket, sollen sie von jugendlichen Unsinn aufschwellen, und die Däme der Natur zerreißen? Soll ich ein kranker Philosoph, oder ein gesunder Thor seyn? Wer zeiget mir den Mittelweg? — Du o Tugend! mitten in seinem Kampfe wirft mein Geist noch einen schmachtenden Blick nach dir: rette, o rette ihn!

Besänftige dich, tobendes Gemüth! Warum willst du mich, lieblose Leidenschaft, aus dem Geleise der Natur hinaus reißen? Vereinige dich mit der Tugend; wo nicht, so flieh, so flieh mich auf ewig.

Die Quelle des Unmuths.

Flieht, flieht ihr melancholischen Schatten! soll nie ein Schimmer zufriedener Hoffnung durch meine finstere Seele dringen? Mein Blick mit schwerer Sehnsucht immerhin zu Boden sinken? Soll mein Gesicht sich stets in Wolken hüllen — nie lächeln? — Weg, weg schleichender, unwürdiger Trübsinn! — Dort im Thale, wo würbelnd, grüne Dunkelheiten das Aug mit angenehmen Phantasien täuschen, wo eine heimlich anziehende Kraft mich mir selbst, und meinem Grame entäußert; der Bäche leises Gemurmel, das sich labyrintisch unter Stauden verbirgt; der kunstlosen Sänger freyere Conzerte, und die rührenden Gemälde der Natur sollen dort den in sich geschrumpften Geist zur Heiterkeit öffnen, und durch die besänftigten Sinnen in das empörte Herz Frieden, und Erquickung flößen. Dort herrschet der edlen Einfalt glückliche Ruhe; Gesundheit träufelt von bethauten Früchten, und dustet aus dem ländlichen Boden; Genügsamkeit, und harmonische Freude sumset fern durch die Tiefe des Waldes. Die kleineren Geschöpfe, zu klein von Thoren gesehen, zu groß von Weisen begriffen zu werden, locken das junge, benachbarte Echo. Ueber Blumen gauckelnd oder über die leichten Spitzen des Grases, ruffen sie der mütterlichen Natur Dank zu, und ihrem Schöpfer verständig, frolocken ihre Sprachen durch die munteren Gefilde — und ich allein, o mich verworffenen! Ich soll durch schmachtenden Unmuth diese blühenden Triften entweihen? Wie, wann sich die Sonne den Blumen entzieht, die schüchterne Nacht den Boden schwärzet, so verfinstern meine trüben Blicke die jugendliche Röthe. Auf den Wangen Rosen, und im Herzen Dörner; unfühlbar gegen die stillen Reize der Schöpfung, soll ich so manchen Frühling ohne Genuß verblühen sehn? Nein! so tief soll mich mein Schicksal nicht beugen. Wenn schon die größere Welt mir ihre Freuden versaget, so seyd doch ihr, ihr Freuden der Schöpfung, Für alle Menschen geschaffen!

Ruhig fließet der Bach durch den Rinnsal, der ihm in dem allgemeinen Plane der Schöpfung ausgezeichnet ist. Von wirthlichen Schatten umwölbt, erfrischet sein hellbrauner Grund das Auge des Wanderers, der sich in den Spiegel hinabneiget, sein frisches Naß in den lächzenden Gaumen zu schlürfen. Sanft gleitet er über Kiesel dahin, und tragt Blüthen, und Wohlgeruch auf seiner gekräuselten Silberfläche.

So fließen die Tage des Weisen in stiller Genügsamkeit fort: dankbar nimmt er die Freuden mit sich, die ihm die wohlthätige Natur auf seinem Pfade darbeut; voll Sanftmuth und Liebe führet er seine nach Glücke dürstende Mitmenschen zu jener Quelle, aus welcher er itzund Zufriedenheit schöpfet, und von der sie so oft sich verirren; dadurch verdoppelt er sein Vergnügen, genießet, was er andern mittheilet, und ist glücklich. Der Thor feindet die Natur an, irret heißhungerig durch Rosengebüsche, und ritzt sich an Dörnern: tückische Leidenschaften verfinstern seine Seele; schleichen aufrührisch in das Geblüt, und ersticken daselbst die sanfteren Empfindungen.

Mürrisches Geschöpf! sieh die Natur in ihrer zweckvollen Thätigkeit! wie willig jeder Theil an das Ganze sich schmieget! welche Richtigkeit in ihren Durchkreutzungen! welche Harmonie in ihrer Manigfaltigkeit! Soll diese, in allen übrigen eine weisheitsvolle Wohlthäterinn, gegen den Menschen allein Stiefmutter seyn? Willst du Kurzsichtiger, dich unter das Gestirn setzen, um über Elemente zu richten? Willst du dich erkühnen in den allerweisesten Plane der Schöpfung Verbesserungen vorzuschlagen? du, der du allein demselben entstehest! Reiße das Unkraut aus deinem Herzen; bringe deine Triebe in Richtigkeit, und versöhne dich mit der Natur — mit dir selbst. In dir ist die Quelle, aus welcher, wenn sie Eigensinn, und Stolz trübe gemacht, schwarze Galle, Unmuth, und Verzweiflung fließen. Deine trübe Seele sieht dann auf alles, was um sie ist, wie durch ein gefärbtes Glas. Dir lächelt der Frühling vergebens; dir düften die Blumen nicht mehr; dein Ohr ist jeder Harmonie verstopfet; du stampfest unwillig auf den Boden, und zerquetschest die schönsten Blumen, die sich sanft unter deine Füsse geschmieget. Armer Unglücklicher! wie ist dir zu helfen, da du mitten in den Scenen der Anmuth den eckeln Spröden spielest? Nimm deine Einbildungskraft zu Hülf, baue dir eine andere Welt, und sey glücklicher, als du hier seyn könntest — wenn du klug wärest.

Erinnerung an die Jahre der Unschuld.

Die Jahre sind vorbey geflossen, Wo ich, ins Grüne hingegossen, Voll heimlich süsser Trunkenheit Empfindungen der Zärtlichkeit In unerfahrner Unschuld träumte, Wo meine ahnungsvolle Brust, Von innen dunkel sich bewußt, Entzückt in ländlich stiller Lust, Nur Regungen der Liebe keimte.

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Wie heiter irrten meine Blicke — Noch ungestört durch das Geschicke, Und nicht durch niedre Leidenschaft Mit ungestüm dahin geraft — Hin von des Berges halben Höhen, Dem Feilchenthal, der Quelle hold Die einsam über Kiesel rollt, Der Sonne glänzend Morgengold, Die Schätze der Natur zu sehen.

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Noch eh des Urtheils Kräfte reiffen, Die eigne Bosheit zu begreiffen; Da, wo noch kein verbotnes Ach Die stillen Freuden unterbrach; Noch eh durch die verderbten Sinnen Ich Zwist und Tücke, jene Spur Des Fluchs, durch dich, O Welt! erfuhr, Wie friedsam schien mir die Natur! Wie offen waren meine Mienen!

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Umschwebt von frohen Amoretten, Lauscht ich in Florens Blumenbetten, Auf junge Weste; sah am Bach Den Spielen kleiner Wellen nach, Durch Büsche schlüpft ich, gleich der Sonne, Im Hayn mit leichten Füssen fort — Oft stund ich plötzlich still: ein Ort Von gäher Aussicht zeigte dort Mir tausend Scenen voller Wonne.

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Ich stund betäubt; im Antlitz glühte Ein fremdes Feuer, das vom Geblüte Sanft wallend stieg: ein Reiz zoh ihn, Den truncknen Geist ins Tiefe hin. Ich fühlte, ohne zu verstehen. Ein Etwas, ein geheimer Zug Bewog mein Herz, das stärker schlug; Mein Aug konnt sich nicht satt genug Die anmuthvolle Schöpfung sehen.

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Ihr seyd dahin, ihr goldnen Stunden! Nach euch hab ich nicht mehr empfunden, Was Unschuld, jugendlicher Scherz, Ein folgsam, unentweihtes Herz Für Freuden aus der Schöpfung ziehet. Ihr Fluren, wo der Frühling lacht! Seitdem mich Ehrgeiz, Stolz und Pracht Für eure Einfalt fühllos macht, Ist euer Schmuck für mich verblühet.

Der Gottesacker.

Hier ist also jener unfruchtbare Acker der Verwesung, wo der Saamen unzähliger Geschlechter ersticket, wo Menschen ins vorige Nichts zurück faulen. Hier liegt sie zerbrochen, die wunderbare Maschine, die von Allmacht gebaut und mit Unsterblichkeit belebt war. Hier modert im Staube der Staub, in dem ein Geist sich entwickelt, die Gottheit gedacht hat. Hier liegen die Bürger der glänzenden Welt, nun Bürger des dunklen Schattenreichs. Hier ist der Ruhepunkt irdischer Bestrebungen. Hieher, ihr Sterblichen! wo wollt ihr anders hinwandern als in den Tod!

Hier ist der Sammelplatz, wohin das Verhängniß uns ausirrenden Pilgrimen die Loosung gegeben. Hier will ich der blassen Schwermuth zur Seite, unter zerschelten Gebeinen und verstümmelten Statuen, unter fatalen Gräbern herumwandeln; hier— kalt tritt das Geblüt in meinen Adern zurück, ein heimlicher Schauer schweret mich abwärts. — — Entsetzet euch nicht, baufällige Knochen, über die Ueberbleibsel eures Gleichen zu klettern! Feiger Körper, was bebst du zurück? Laßt mich verzärtelte Sinnen! laßt mich! hier will ich ganz Geist die Spuren des Verhängnißes tretten; steif will ich dem Tode ins Angesicht schauen.

Zeige mir, despotischer Würger, zeige mir deine Eroberungen, die aufgethürmten Leichen, meine Mitmenschen; und empfang mich Sterblichen dann auch! wisse, du kömmst mir nicht unerwartet; lange schon hab ich dich gedacht; vertraut will ich in deine Arme sinken. Empfang mich hier in dem Vorgemach der Ewigkeit! hier haben meine Mitgefährten die gröberen Hüllen zurückgelassen, nachdem ihr entbundener Geist der düsteren Sphäre entflohen. Ich bin ein Mitglied dieser erblaßten Gesellschaft. Ich kenne deine Gewißheit; zeige mir deine Schreckniße! denn sieh, ich bebe nicht, ich will sie bewundern, und mit unerschrockener Ahnung in deine kalten Finsterniße hinab staunen.

Oedes Thal der Verwelkung, wo zarte Sprößlinge frühzeitig geknücket, und verjährte Eichen aus den Wurzeln gerissen liegen, gleich einer winterlichen Einöde, durch welche ein reissender Sturmwind geheulet, oder ein feindliches Heer gestreifet hat. Die Natur wurde hier durch die verheerende Macht des Todes verfolget. Zeichen seines Lagers, nackte Kreutze hat er auf melancholischen Hügeln ausgestecket. Ein gottischer Kreuzgang, wo Fama in Leichenschleyer verhüllt, gegen die Krüfte hinab trauert, wirft ernste Schatten in die einsamen Ecke. Dürre Schedeln, zerspaltene Gerüppe, wie verdorrte ausgeweydete Eichen, die ein Donner zu Boden geschmettert, liegen in wilder Vermischung dahin geworffen. Ist daß die redliche Stirn meines Freundes? der edle Stolz seiner Mienen? Wo ist das gefühlvolle Lächlen meiner Geliebten? die glühende Unschuld auf ihren Wangen? Und welche Spuren finde ich jener frommen Verträulichkeit in den sanften Gesichtszügen meiner Schwester? Geliebte, Freunde, Geschwistert liegen in wüster Vereinigung, Meiner, Ihrer selbst unbewußt! die zärtliche Gattin, aus dem Schoose der stillen häußlichen Glückseligkeit gerissen, verweset nun mit ihrem nachgestorbenen Gatten in ungeseliger Fühllosigkeit: beyde vom Tode getrennet, vereiniget! alle gemißhandelt, entstellet!

Das ist unser Loos, elende Menschen! Das war das ihrige! Nun ruhen sie hier in tiefes Schweigen verhüllet — sie ruhen, denn ihre Kämpfe sind vorbey; dieß sind noch die Spuren des menschlichen Elends; noch lese ich in denselben die Empörung der Natur! wie sie ihre ganze noch übrige Kraft aus dem Innersten zusammen gehollet, den lezten Seufzer von sich gestossen hat; noch seh ich die sich ohnmächtig regenden, dahin sterbenden Blicke — itzt — itzt fällt der Vorhang über diese verloschenen Lichter des Geistes, der sich aus seinem Kerker losgefesselt hat. Feyerliches Entsetzen, nächtlicher Tiefsinn dämmert in schwarzen Gemächern; bethränte, blasse Gesichter harren in stummer Entrüstung umher. Der Leichenglocke ächzender Sterbeton durchbebet die kalten Gewölber — Dort bringen sie ein Behältniß voll Erde, in welche der Schöpfer Unsterblichkeit blies, dort bringen sie ihn, den Abkömmling Adams, den Menschen, den Unsterblichen — den Todten. Seine Famillie, seine Freunde schleichen, wie gebeugte Phantomen, in finsterer Pracht einher; ihre Thränen bezeichnen den Pfad, der einst ihnen selbsten, der uns allen zu wandern verhängt ist.

Fühlet euch, Menschen! der Tod wandelt in eurem Geblüte; jede Minute schlägt euer Puls Theile des Daseyns hinweck! Ihr lebet — ihr sterbet. Sehet hinab zu euren Füssen! in solch schaudervolle Höhlen werden eure aufgethürmten Anschläge, die tobenden Wünsche, eure irdischen Hoffnungen stürzen. Durchforschet mit denkenden Blicken dieß Eingeweyde der Erde, das mit Gebeine durchwühlt ist. Grausenvolle Verwüstung! wie ein durch Ueberschwemmung zerrissenes Gestad! Hier ruhen die Trümmer der erschütterten Menschheit! hier trauert die zerstörte Natur!

Glieder, welche die Gesellschaft der Lebendigen verworffen, ein gleiches Loos zusammen gerafft hat, zerschleuderte Körper, von thätigen Geistern durch die Welt geschleppet, befördern sich durch gemeinschaftliche Faulniß ihre Vernichtung. Hier sind der brausenden Thätigkeit ewige Däme gesetzet; Berge von Leichen schwellen sich über diese Schranken der Natur; Millionen Geschlechter stürzen aus dem Wirbel der Welt in die Tiefe der Ewigkeit. — Ewigkeit! Zukunft! welche geheimnißvolle, glänzende Aussicht! welch ein Weg führet dahin? Ein Weg voll Nacht, die Auflösung der Natur: von Nichts ins Etwas, von der Zernichtung ins Unendliche — Mensch, welch ein Räthsel bist du dir? Du kommst aus dem Nichts, um in kurzen wieder zerstöret zu werden, du hörest auf, um ewig seyn zu können.