Part 3
Noch hauche ich Leben von mir, noch klopfet mein Puls, eine Hand kann die andere noch fühlen, noch blühet mein Gesicht, noch kann ich das blasse Antlitz des Todes betrachten — Bald wird man an mir des Todes Ebenbild schauen!— Schon fühle ich den kalten Schauer, der durch die Gräber fährt, in meinen Gebeinen. Aus einer ahnungsvollen Dunkelheit thauet auf meinen Geist Betäubung herab; kalte Todestropfen träufeln auf die Stirn, und meine Sinnen erstarren bey dem stummen Anblick des Verhängnißes. So sinket der Staub, der dich denket, in sich selbst zurück, tiefeste Vorsicht! So verliert sich der Geist in seiner eigenen Dunkelheit, wann er sich in übermenschliche Sphären waget! wie undurchdringlich sind deine Rathschlüße! wir verworren deine Wege! im scheuslichen Dunkel, unserer eigenen Schritte unbewust, wandern wir dem Tode entgegen. Wir taummeln im nächtlichen Sumpfe, und blinken liechtscheu in die Ferne der Zukunft; gaukelnde Schatten täuschen unser träummerisches Daseyn. Erst dort wissen wir, was wir hier gewesen, aber hier wissen wir nicht, was wir dort seyn werden. Blöd wähnen die Sinnen im Gesichtskreise des Gegenwärtigen herum, und die Phantasie schweifet ausser demselben im Raume: jene wähnen was wir sind; und diese träumet, was wir seyn werden. Zwischen Seyn und Werden tritt der Tod in die Mitte. Dieser sondert Gedanken vom Stoffe; reisset von der Seele die mummischen Lappen, und bauet seinen Triumph auf Nichts. Unumschränkt herrschet er hier im entvölkerten Gebiete; täglich mehret sich sein Reich mit ausgestorbenen Familien, alle Opfer seiner Wuth, die seinem Machtspruche gehuldiget. Geschöpfe von Gott, Glückseligkeit dürstende Geschöpfe, sie, denen Unendlichkeit gewiß, die Welt zu eng war, schrumpfen hier ins Nichts zusammen. Tiefsinnig schweigende Statuen, aus welchen das Verhängniß staunet, panegyrischer Marmor soll ihr faulendes Andenken versteinern; doch Jahrhunderte von Jahrhunderten verdrängt, wälzen sich in die Nacht der Vergessenheit zurück. Nichts bleibt übrig von dem, was vergehet (und alles vergeht) als leere Töne in die Luft gehauchet, als ein flüchtiges Gerücht, daß es nicht mehr ist; nichts überlebet den Tod, als ein todter Laut, ein röchelndes Echo der Natur, von den Klippen der Welt zurück geseufzet.
Wer hienieden nach Wesenheit haschet, der greift Elemente, und wer Elemente festhalten will, der greift nach Nebel. Berge entwerfen in herbstliche Thäler nur einen welken Schatten von den verblüthen Schätzen des Frühlings. So mähet die Zeit um sich, bis der Tod selbst, über die angerichtete Verwüstung erstaunt, und durch seine eigene Kräfte aufgerieben, in die allgemeine Niederlage fällt; bis Berge und Klippen an einander stürzen, und die Welt, aus ihren Angeln gerissen, den Tod der ganzen Natur vollendet.
Die philosophische Melancholie.
Die stille Schwermuth zeugt die göttlichsten Gedanken; Sie hebet unsern Geist aus seinen engen Schranken: Es herrscht ein sanfter Ernst auf heiliger Weisheit Bahn, Und zeiget uns den Weg zu bessern Welten an.
Kronegk.
Sanfte Melancholie! Tochter der Nacht, in ernsten Stunden gebohren, du höhere Wollust der Seele! bezaubre durch deine stille Umschattung den Geist; damit er, in holden Schlummer erhabener Empfindungen gewiegt, weit über den Staub sich in tiefer Betrachtung der Zukunft verliere. Flöße tröstendes Entzücken in das Gefühl der Unsterblichkeit: lehre mich denken, und staunen!
Oeffne mir, ernste Weisheit! deinen heiligen Busen, und laß mich Labsal in mein schmilzendes Herz saugen! komm, Urania! keuscheste der Musen! laß mich müden von zeitlichen Ungemach in deine Arme sinken! fühle meine Brust: Liebe wallet in derselben, komm, und theile sie mit mir; dieses Feuer, das durch meine Adern eilet, brennet sonst in sich selbst zurück. Sey du, Tochter des Himmels! Der Gegenstand meiner Liebe, die Sterbliche verachten, oder verkennen! einer Liebe, die allzu enge eingeschlossen, ihr eigenes Behältniß verzehret.
Dein sanfter Einfluß ist ein kühlender Thau am Morgen meines Lebens.
Liebst du den Jüngling, der voll Ehrfurcht deine weisen Eingebungen aufhorcht; o so sey mir zu Seite! begeistre mich mit feyerlichen Tiefsinn! laß in erhabener Stille männliche Gedanken aus der Tiefe meiner Seele empor steigen, wie die Todten aus den Gräbern durch die Stimme der Ewigkeit gewecket! laß deinen rührenden Ernst die gekränkte Sehnsucht der menschlichen Natur in die Höhe lenken!
Weisheit giebt uns unser Herz zurück, dessen Zärtlichkeit, durch heuchlerische Liebkosungen eines Scheinglückes gemißhandelt, endlich aufhöret, für die verrätherische Gegenwärtigkeit zu schmachten. Deine heilsame Trauer, tiefdenkende Melancholie! ist der Seele, was die Thränen dem Körper. Du schließest vor uns unser Innerstes auf, und schaffest der Betrübniß Ausgang. Die schweren Seufzer, die das Herz stossen, schütteln die Last von demselben, und der harte Stein, den das Verhängniß auf unsere Schwachheit gewälzet hat, schmilzt in sanfte Thränen, in welchen der Schmerz wegfließt. — Laß meine Seele über das Loos der Menschheit weinen! Wer reichet sonst dem von irdischen Tändeleyen betrogenen Geiste einen wichtigen Stoff, an dem er sich würdig entwickeln, und seine Unsterblichkeit denken kann? Wo findet er wider die Verfolgungen der gleißenden Laster eine Freystatt, als in der düsteren Grotte der Schwermuth, in der einsamen Betrachtung, in der stillen Hofnung eines künftigen, besseren Lebens?
Statt prächtigen Kleinigkeiten nachzujagen, müde vom Kampfe des Lebens, sinket mein Geist in melancholischen Schlummer dahin, durchdenket die Tiefe der Ewigkeit — und alles wird Nacht in der Schöpfung; die ganze Natur schwärzet sich mit dem Schatten des Todes. Die Pracht der Erde, der Glanz der Welt verschwindet unter mir.
Da ihr mich leider, lange genug getäuschet habt, da ich euren Unbestand, ihr zeitlichen Güter! einsehe; so will ich über euch hinweg, jenseits dieser Welt meine bethränten Blicke kehren; nicht mehr, nein, nicht mehr will ich mein Herz an euch heften: Euer blendender Schimmer ist verloschen; ihr seyd nun nakt, und bloß vor meinen Augen; die Welt hat den Putz ihrer Eitelkeit ausgezogen; öde und entstellt trauert die Natur. Wie schnell hat die wandernde Sonne diesem Abend wieder unseren Gesichtskreis verlassen! O unbefestigte Dauer irdischer Auftritte! Ich strecke voll Sehnsucht meine Arme aus, und will Gegenstände der Glückseligkeit, des Vergnügens und der Liebe umfassen; allein es faulet alles unter meinen Füßen weg; ich steh auf nichts als Gräbern, und greiffe nichts, als Zerstörung. Eh noch als dieser wohlthätige Baum, woran ich mein trauerndes Haupt stütze, sinket mein Körper in die finstere Erde hinab.
Finsterniß und Tod ist hienieden; Liecht und Leben kömmt von oben: dort ist ewiger Tag. Nur einsame stille Funken der Hoffnung blinken aus der Zukunft herab, gleich jenen Edelgesteinen des Firmamentes, die von fern her in stiller Majestät glänzen, und derer hellere Gegend uns zeiget, daß wir im Dunkeln stehn.
Verlassen, traurig und schüchtern irre ich in diesen Thälern herum. — Ihr furchtsamen Glieder! Stützet noch eine kurze Zeit diesen morschen Körper. Reiche mir deine Hand, O Vorsicht! damit ich auf dem Pfade des Todes tröstlich dort hinüberschreiten möge, wo meine Seele, entkleidet von allem, was trüglich und eitel ist, in ihr glückseliges Vaterland aufgenommen wird. Was Geist ist, kann sie nun, durch diese Hülle verfinstert, nicht sehen; dort wird sie sich selbst, dort wird ihr die Gottheit sichtbar, in deren Vereinigung das Liecht der Wahrheit als der Morgenstern ewiger Glückseligkeit aufgehet.
Vergebens suche ich hier unter Täuschung, und Nacht den Gegenstand meiner Liebe. Oben ist er: auf, meine Seele! laß die heiße Flamme in dir zur Gottheit hinauf lodern; sie ist der würdigste, und erhabenste Gegenstand, von dessen Herrlichkeit nur ein dunkler Wiederschein in der Natur verborgen schwebet. Ihr Vorwürfe der menschlichen Begierden, ihr sollt meine Seele nicht mehr fesseln; ich will euch schon itzt, eh ich muß, entbehren lernen: in euer Hinfälligkeit will ich die untrügsame Zukunft ausspüren, und dich, o Unsterblichkeit, dich, o Ewigkeit! denken.
Die du mit dem schwarzen Schleyer der Finsterniß die ganze Natur umhüllest, und die gewesenen Gegenstände des Schimmers zu Monumente des Schröcken machest — öde Nacht! begünstige meinen Gesang! fülle mit deinen bedeutenden Bildern die Einbildung; damit mein Geist die schweigenden Spuren der Allmacht in stummer Geschäftigkeit durchstaune; damit er, wann der Leib mit den Sinnen zur trunknen Vergessenheit dahin starret, in den mystischen Tiefen der mitternächtlichen Dämmerung herum schwebe, und unter heilige Phantasien versenket, in süsse Schwermuth zerfließe — jene weise, erhabene Schwermuth, welche der Selbstgenügsamkeit des leichtsinnigen Thoren ewig ungefühlt bleibet.
Dein schwarzer Pinsel male mir an allem, was stolz und Eitelkeit über den Staub empor gethürmet hat, und was einst der Schutt seiner eigenen Nichtigkeit seyn wird — finstere Gräber; damit ich, mit dem Tode vertraut, nur vor einem unheiligen Leben erbebe.
Ihr schaudernden Thäler, voll melancholischer Krümungen! Ihr dürren Anger, wo schwarze, in Finsterniß zerflossene Bäume auf einsamen Hügeln trauern, wie auf Gräbern, wo ächzende Phatomen sitzen! und ihr ausgestorbenen Gründe, voll staunenden Ernstes! seyd mir ein dunkler Abriß des Todes!
Wie dort die Eiche mit sich verlängernder Dunkelheit einsam empor raget, so steh ich itzt, durch Betäubung versteinert, auf dem verödeten Schauplatze der Natur. Rings um mich her tritt stille Erwartung und einsamer Schrecken auf; Ernst und Schauder schwängern die Finsterniß; und Hügel und Thäler verwildern vor meinen Blicken. Drohend strecken die Tannen ihre schwarzen Aeste aus, wie Schatten von Risen, die mit wüthenden Armen den Aether zerreißen. Die Zotten des wüsten Gestades hangen in den räuberischen Fluß, der mit tückischen Murren den Boden naget, und zwischen schlangenhaarichten Felbern in unwirthbare Haine hinein wühlt.
Schattengebirge reichen dort bis an das gestirnte Vorgebäude der Seeligkeit. In stiller Sehnsucht irret mein Geist in denselben, und dringt ins Ewige. Trächtige Heere zerrissener Wolken steigen über den Horizont, wie ungeheure Felsenstücke, in prächtiger Unordnung herauf. Ein schwarzes Chaos scheinet die donnerschwangeren Lasten aus Nacht und Grauen hervor zu drängen. Fürchterlich herrlich wälzen sie sich im endlosen Raume, und Gottheit ists, die majestätisch unter den Wolken hervor drohet. Schüchtern verbergen sich Weste zwischen zitternde Laube. Unter ihrem leisen Gemurmel schlummert furchtsam das Echo im starrenden Haine, und mit heiligen Schauer unterreden sich Schatten in einsamen Thälern von der Gottheit. Himmel und Erde verkündigen Allmacht; die ganze Natur ist schüchtern, und feyert ehrfurchtsvoll dem Ewigen. Ewigkeit! — Gottheit! — Angebettete Geheimniße! — Ich fühle — ich bewundere — ich staune! heilige Ahnungen durchströmmen mein Blut; der Geist wallet unruhig durch dasselbe, er suchet Ausgang; meine Brust athmet stärker, Begeisterung reißt mich dahin — Schwacher Sterblicher! dein Körper hält dich zurück: gefesselt an das Loos der Menschheit, eilet der Geist umsonst zu seiner Aufklärung. Begnüge dich mit der Hoffnung, bald auf den Wink des Beherrschers der Schicksale da oben zu schweben, woher ein stiller Einfluß schon dich ganz zu berauschen vermag. Begnüge dich, überirdische Seele, mit ihrem Vorgeschmack! einst — bezaubernder Gedanken! einst wirst du sie — die ganze Seeligkeit trinken.
Die Mitternacht.
Welch tiefen Ernst verbreiten Die einsam stillen Dunkelheiten! In Schlummer, Furcht und Nacht Liegt nun das Irdische verhüllet; Von bessrer Hoffnung angefüllet, Ist nun mein Geist erwacht.
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Ich kann in höhern Sphären Itzt reinre Harmonien hören, Da alles horcht und denkt, Da das Gepolter reicher Thoren, Die Pracht der Höfe Aug und Ohren Itzt nicht mehr abwärts lenkt.
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Der Städte stolz Getümmel Steigt nicht mehr frech bis zu dem Himmel Mit ihrem Staub empor. Ein stiller Ernst, ein drohender Schatten Bedeckt die unverschämten Thaten Mit einem schwarzen Flor.
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Es staunt in dunkeln Bildern, Und einer Gottheit Spuren schildern Bey blassen Schimmer sich. Tiefsinnig schwillt von ihrer Fülle Die ganze Schöpfung; schüchtern, stille Feyert die Natur um mich.
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Zum Wunder dieser Erden Stellt des Gestirnes feurge Heerden Der Himmel schaarweis aus; Dem Aug, von heilger Ahnung trunken, Wallt Gottesblick aus jedem Funken Geheimnißvoll heraus.
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In unermeßnen Höhen Der Frommen Zukunft auszuspähen, Erweitert sich mein Geist; Prophetischer Trost hat mich entzücket, Da ich des Himmels Bau erblicket, Der so viel Wunder weist.
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Voll von geheimen Trieben Schwillt itzt, was Grosses auszuüben, Unruhig meine Brust; Geschwinder wallet jeder Tropfen Des Bluts, mir macht ein innres Klopfen Unsterblichkeit bewußt.
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Es lodern reine Flammen In mir, die von der Gottheit stammen, Zur Ewigkeit hinauf. Entbrannt vom höhern Gegenstande, Zerreißt der Geist die irdischen Bande, Und flieht zum Ursprung auf.
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Voll feurigem Entzücken, Seh ich itzt mit erhabnen Blicken Ins Buch der Ewigkeit. Erhabnster Geist, der alle Geister Aus Nichts schuf, unerschaffner Meister, Dein Pfad ist Herrlichkeit!
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Das Größte in den Dingen Weißt du aus Nichts hervor zu bringen, Unendlich mächtiger Geist! Das Kleinste unter deinen Werken Kann uns viel tausendmal bestärken, Daß du das größte seyst.
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Ihr, von euch selbst verführet, Die ihr im Staube euch verlieret, Verkennt nicht euren Gott! Seht ihn in Allmacht eingehüllet, Seht, wie mit Donner angefüllet, Euch jede Wolke droht.
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Er straft — an jedem Orte Herrscht Beben; Donner sind die Worte; Sein Wink stürze Welten um: Er droht — und die Natur erzittert, Das Meer schäumt Wuth, die Erde splittert. Er winkt — Erd, Meer wird stumm.
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Gott! unbegriffner Namen! Dein Ursprung heißt: von Niemand stammen. Dein End: unendlich seyn. Dein Thun: auf Wunder Wunder häufen. Du bists, den Niemand kann begreifen, Als Gott, als du allein!
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O Herr! durch deine Größe Seh ich beschämt itzt meine Blöße. Kurzsichtiger Verstand! Ein Nichts will Gott, will Alles deuten, Ein Sterblicher Unsterblichkeiten, Ein Wurm, verhüllt in Sand!
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Hier, wo durch Wahn verführet, Die Seel im Schutt des Eiteln irret, Und mit dem Stoffe ringt, Und, selbst geblendet von dem Schimmer Des Lichts, nie in die Heiligthümer Des Ueberirdischen dringt,
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Wo sie sich selbst nicht kennet, Ach! Hier ist es ihr nicht vergönnet, Den Himmel auszuspähn. Erlaube, von den Seligkeiten In unerfahrnen Trunkenheiten Das Aussenwerk zu sehn! Erlaub demüthgen Blicken, Daß sie mit heiligem Entzücken Hinschmachten zu der Höh, Wo nach der Nacht im ewigen Liechte Ich einst mit hellerem Gesichte Ganz deine Wunder seh.
Die Seele an ihren schlaffenden Leib.
Ruhe sanft, unaufgeklärter Gefährte dieses schwächeren Lebens! ruhe sie durch diese dunkleren Stunden des Daseyns! erholle dich — vielleicht zum letztenmal — im finsteren irdischen Thale. Lebe sie durch diese todten Stunden der Nächte, bis mir und dir vergönnet seyn wird, in den heiteren Gefilden des ewigen Frühlings zu wandeln. Erholle dich, müder Fremdling! denn mit anbrechendem Tage sollst du wieder deine beschwerliche Reise fortsetzen. Unsicher ist diese Herberg hienieden, und kurz die Erquickung; aber sey getröstet, bald wirst du von allem Ungemach — im sicheren Grabe ausruhen.
Und du, aufrührisches Herz! klopfe nicht so, und wecke durch deine Begierden den schlaffenden Wanderer nicht! —Noch stosset die Brust halbe Seufzer hervor. Da die Natur in nächtlicher Todesstille schlummert, da die Sinnen betäubt, und die Glieder unthätig liegen, noch itzt wachet der Schmerz, und drücket dem Jüngling Thränen aus. Sie starren auf seinem Antlitz, und benarben die glühenden Wangen. Das Loos des Menschen beängstiget mit melancholischen Bildern die Phantasie, und trauert auf den erstorbenen Mienen. Unglücklicher Sterblicher! nur durch die Unsterblichkeit glücklich, laß die Hofnung der Zukunft dein Gesicht erheitern! — versieget, oder eilet flüchtiger über die rötheren Wangen: euch hat sie noch nicht das Alter ausgefurchet, kein blasser Neid, kein schwarzes Gewissen gehöhlet! — doch nein, fließet, ihr sanften Thränen! ihr seyd Zeugen der Ungenügsamkeit an dem Irdischen: — keine Thränen des Weichlings, Thränen der Unsterblichkeit sind sie; diese hoffende Sehnsucht schwimmt in ihrem halb verschlossenen Liechte.
Die Handvoll Erde, hier liegt sie, und trauert um ihren Liebling, den Tag, indessen ich, meiner Würde bewußt, über Wolken dahin schwimme, Triebe der Unsterblichkeit aus erhabneren Sphären sammle, und sie mitleidig auf den weichen, mit Unkraut bewachsenen Boden des Herzens verpflanze.
Täusche nicht, schwarzer Morpheus! Die Einbildungskraft mit über Schatten dahin gauckelnden Tändeleyen der Höfe! täusche sie nicht mit auf Sand gebauten Schlößern zeitlicher Glückseligkeit! denn sie werden wie Träume vor den aufgeklärten Stralen der Zukunft verschwinden: so wird die noch hinter den Bergen glimmende Morgensonne anbrechen; die Nacht und ihre düsteren Kinder, die Nebeln siegreich zerstreuen; über die Welt mit vollem Glanze herschen, und der ganzen schmachtenden Natur neues Leben, und Herrlichkeit mittheilen.
Schon hat die Nacht Ihr trauriges Gefieder Zum leztenmale geschüttelt, schon schmilzt sie hinter die Berge Dämpfend zurück In den Abgrund des Undings;
Denn itzund droht Das Liecht den Finsternissen. Es schlief der Aether im Nebel; Er wacht. Schon schwimmet in Wolken Milderes Weiß, Das allmählich erröthet.
Schon brennt er dort Mit rothgestreiften Stralen, Der Phönix, zwischen den Bergen Im goldnen Neste herüber: Hofnung glänzt so Aus der seligen Zukunft.
Die Ruhe.
Du Freude, und ihr ruhigen Tage, wo seyd ihr? in der Kindheit, in der Jugend, oder im Alter? Unvermögen lallet aus dem Kinde; sein Gefühl — oder wie nenn ich die Gährung emprionischer Säfte? — gleichet dem Chaos, mit dem es vor kurzen noch rang: kaum ist man als Kind seiner selbst sich bewußt. Als Jüngling ganz Gefühl, aber unreif zur Wahl und Mäßigung. Im kalten Alter, des Genußes der Güter unfähiger, weis man die Regeln des Lebens — und stirbt.
So brausen die Tage des Menschen in rastloser Bestrebung nach Ruhe vorüber! nur im kalten Schoose des Todes trocknen die Schweistropfen unserer Müseligkeit. Wären wir hier ruhig, so könnten wir nicht unsterbliche Seelen haben. Soll ein unauflöslicher Geist an Gegenständen der Vernichtung, sollen mit der Gottheit vertraute Geschöpfe, mit dem Vieh sinnlich an dem Gegenwärtigen kleben? Zur Unendlichkeit überlodernde Flammen, können sie im Schlamme des Zeitlichen verlöschen? Zu sehr sind wir für eine Ewigkeit geschaffen, als daß ein Etwas von so mystischem Selbstgefühle, fähig bis zur Gottheit hinauf zu denken, hienieden sich sättige.
Ruhe auf der Reise zur Glückselligkeit entehret den Wanderer. Geduld ist seine Zufriedenheit und Hofnung sein Genuß. Dann erst wann er seine Laufbahn vollendet, die Wüste des Lebens durchgewandert hat, in jenen seligen Gefilden wird sein heisser Durst nach Vergnügen die ächte Quelle finden. Aus jener Urquelle aller seligen Freude wird er seine eigene schöpfen; aber ihr reiner Ausfluß verirret sich nicht zur trüben Erde herab, und irdische Gefässe fassen ihn nicht. Das Behältniß unserer Empfindsamkeit, der Wohnsitz der Seele ist von einer Handvoll gebrechlicher Erde gebildet; die äussere Form ist Schatten und Liecht, das Innere hinfälliger Staub, ohne Festigkeit, ohne Dauer. Hier drähet sich alles unter der Sonne in unruhigen Wirbel herum, und reibet sich auf. Hier ist Zerrüttung, Unsicherheit, Zusammenstoß und Wechsel der Dinge, ein beständiger Tod der Materie, der eine Minute nach der andern unser Daseyn auslöschet. Ein Abend sieht stets auf die verflossenen Zerstreuungen des Tages mit müder Gleichgiltigkeit zurück, und jede Periode des Menschenalters entdecket neuen Betrug in unseren Vergnügungen. Die Zeit entehret ihr eigenes Andenken, wenn sie sich nicht über sich selbst hinaus setzet; zeitliche Geschäfte und Ergötzungen bekommen erst ihren Werth von der Ewigkeit, erst dadurch, daß sie nicht augenblickliche Lust, nicht Täuschung und Possen; sondern unvergängliche Wahrheit, Weisheit und Tugend zum Grund haben. Alles, was in der Zeit nur für die Zeit geschieht, führet heimlichen Eckel, und Reue nach sich. Diese Zeit, in die sich der unsterbliche Geist zu seiner Erniedrigung einschränken muß, machet uns das Bedürfniß der Ewigkeit fühlen; in ihr beunruhigen wir uns über die Unvollkommenheit dessen, was hienieden ist, so sehr, als wir selbsten nicht vollkommen sind. Vollkommene Ruhe ist nicht das Loos der Menschen! — Menschen ruhig? nein, wir müßten entweder ganz Seele, mit Engeln Seligkeit athmen; oder ganz Körper seyn, mit dem Wurme genügsam über den Staub zu herrschen.
Stärke mich, o Vorsicht, noch eine kurze Zeit auf dem Wege zur Ewigkeit! stärke mich durch Hofnung und Gedult! Ihr Menschen, unter denen ich gelebet, und so oft gefehlet habe, vergebet, daß ich euch beleidiget — vielleicht oft durch Liebe beleidiget habe! hasset mich darum nicht! vergönnet mir, ihr Brüder! den Frieden unter euch! seht, wenige Schritte, und dann bin ich am ausgesteckten Ziele — am Grabe.
Dort finde ich dich, sehnlich gewünschte Ruhe, in jener heiligen Stille, welche die öden Gefilde der Verwesung durchschauert! und du, ernste Freude! Wonne der Zukunft, nach der ich so oft in heilig melancholischen Tiefsinn geschmachtet, du steigst mir jenseits des Grabes als eine ewige Morgensonne herauf. Nun ist er mit Kothe verschwistert, dort wird er, der befremdete Geist, den Klumpen von sich streifen, und über die Gränzen der gebrechlichen Natur hinaustretten; dort werde ich aufhören, ihr gebrechlicher Theil — ein Mensch zu seyn.
In meiner Leiche werden vielleicht, schmeichelhafter Gedanken! redliche Freunde — den Freund, den Redlichen beweinen. Ein heiliger, ahnungsvoller Schauer wird dann meine zurückgelassenen Reisegefährten anhalten, wenn sie bey meinem Leichensteine vorüberwandernd, diesen Machtspruch des Verhängnisses eingeätzet finden.
+Er ist todt, euer Freund, mit dessen Hofnung zu leben ihr erst kurz die eurige vertauschet hättet. Verweilet, und betrachtet die wenigen Ueberbleibsel! erkennet in ihm euer Loos, in dem durchlöcherten Gerüppe! des Todes unerbittliche Pfeile wütheten durch alle Gebeine. Entfleischet liegen sie da, die Grundsäulen der menschlichen Maschine, die Stützen des Lebens, die verwäisten Knochen; wie die rindlosen Wurzeln sich in der wüsten Einöde zwischen Moder und Faulniß dahin strecken. Er ist todt, euer Freund, und hat im Grabe die Ruhe gefunden, — die ihm kein Alter, die ihm eine Welt nicht gegönnet.+