Emma und Bertha oder die Zwillingsschwestern Eine unterhaltende Erzählung für die Jugend
v. Falkensee kaufte er einen geschmackvollen Seidenzeug zu einem Kleid, für
den Baron einen schönen Pfeifenkopf, für seine Lieblingsschwester Bertha (wie er sie öfters gegen Franz nannte) goldne Ohrenringe, welche aus kleinen bunten Juwelen ein niedliches Blümchen bildeten; Emma sollte einen Wollenhacken von Silber erhalten, und Franz eine reich eingerichtete Brieftasche.
Jugendliche Ungeduld ließ Heinrich die Nachhausekunft nicht erwarten; nein schon auf dem Markt theilte er die Geschenke an die Geschwister aus. Aber im Gewühl der Menschen Menge verwechselte er, was ihm auch auf dem Krankenbette öfters wiederfahren war, die, sich so ähnlichen Zwillingsschwestern; und Emma erhielt, was er für Bertha bestimmt hatte, diese, was Jene erhalten sollte. Erst als zu Hause den Aeltern Alles jubelnd von den Kindern gezeigt wurde, bemerkte Heinrich den Irrthum, und zwar mit wahrem Schmerz; denn obgleich er Emma's Vorzüge einsah, und sie deshalb ebenfalls brüderlich liebte, so war er doch Bertha einen größern Beweiß seiner dankbaren Anerkennung schuldig. Ihrer Vermittlung hatte er ja die gastfreie Aufnahme im Hause der Aeltern zuzuschreiben, sie befreite ihn damals aus einer großen Noth und Verlegenheit und erzeigte ihm später viele, freundliche Dienste. Er klagte Franz was geschehen war, und bat ihn: die Schwestern auf irgend eine Weise zu einem Tausch zu bewegen; doch noch ehe dieser seinen Auftrag ausrichten konnte, trat Emma, die schon Ohrenringe besaß, Bertha die neuerhaltenen ab, und nahm dagegen den Wollenhacken; denn ihr richtiges Gefühl sagte ihr, daß nicht sie, sondern Jene das werthvollere Geschenk von dem lieben Gast verdient habe. Wie freute sich dieser als er nach einigen Tagen Bertha im Besitz des ihr bestimmten Eigenthum's erblickte. Doch die erhaltenen schönen Sachen waren nicht die alleinige angenehme Folge der, von der Falkensee'schen Familie bewiesene Gastfreundschaft. In Heinrichs Wohnort lebte ein böser Schuldner des Majors, von dem er, trotz alles Mahnen's die geliehene Summe nicht bekommen konnte. Der Vater des wackern Jünglings war ein geschickter Rechtsgelehrter, und sobald der Sohn im älterlichen Hause die Freuden des Wiedersehens genoßen hatte, war es eine seiner ersten Bemühungen, die Angelegenheit des Barons dem Vater zur baldigen und erfolgsreichen Besorgung anzuempfehlen. Volkmars getroffenen Maßregeln gelang es, die genügte Zahlung zu bewerkstelligen, und nun konnte er es nicht versagen, die, schon für verloren geachtete Summe Falkensee selbst einzuhändigen, und die edlen Menschen kennen zu lernen, welche seinem Sohn so viel Gutes erzeigten. Der Vater des, von Allen geliebten Heinrichs wurde aufs freundlichste empfangen, und auch gegen ihn jede Pflicht der Gastfreundschaft treu und freudig geübt. An einem Abend, als der Major und Volkmar bei einer Pfeife Taback beisammen saßen, und traulich von diesem und jenem schwazten, kam das Gespräch auf ihre Jugendjahre, und nun ergab sichs: daß sie beide als Knaben eine Schule besuchten. Man rief sich allerlei lustige und verwegene Streiche ins Gedächtnis zurück, welche damals zu Schulden kamen, und unter andern erwähnte der Major einer Lebensgefahr, in welche ihn und andere, Knaben-Uebermuth gebracht hatte. Es zog nämlich einmal im Winter, wo es kaum ein paar Nächte gefroren hatte, eine Schaar wilder Jungen auf einen nahen Teich, der nur mit dünnem Eis überzogen war, und wollten darauf Schlittschuh laufen. Falkensee war der erste, der es versuchte, und -- siehe da -- des Wassersspiegels Decke krachte, jener plumpste hinein, und würde ertrunken seyn, wäre nicht ein entschlossener Knabe herbei gesprungen, und hätte jenen gerettet. »Was!« -- rief Volkmar, das waren Sie? Ach so habe ich meinem Sohn einen Wohlthäter am Leben erhalten. Wunderbarlich sind die Führungen Gottes! -- Wohl erinnere ich mich der Begebenheit fuhr er fort, aber die Furcht vor der Strafe bestimmte mich, damals bei der Sache mich ganz stille zu verhalten, und so blieb mir der Name des Schülers, der überdies mit mir nicht die nämliche Claße besuchte, unbekannt. Auch Falkensee staunte, und er und alle die Seinigen, (als sie die Begebenheit hörten,) waren tief gerührt. Jener aber sezte noch hinzu, der Schrecken, den das kalte Wasserbad bei mir verursachte, benahm mir in den ersten Stunden das deutliche Bewußtseyn, und nachher waren -- wie es bei Kindern gewöhnlich der Fall ist, die nähern Umstände des Ereignisses gar bald vergessen. Späterhin aber dachte ich öfters an meinen Lebensretter, und wünschte ihn zu kennen. Meine Mitschüler konnten mir jedoch keinen Aufschluß geben, und so war es mir für diesen Augenblick aufbehalten, mich dem Edlen zu nähern, jezt erst den Dank gegen ihn auszusprechen, den ihm schon früher mein Herz weihte. »Stille, stille!« fiel ihm Volkmar ins Wort. »Dem Vater ist Alles abgetragen worden, was der Mitschüler etwa einst verdient hatte.« Und nun zählte er wiederholt alles Gute auf, was sein Sohn in dieser Familie genossen hätte. Daß Bertha dabei zu erwähnen nicht vergessen wurde, läßt sich denken; doch Volkmar verwechselte sie sehr oft, und auch gegenwärtig mit Emma, die aber bescheiden dann immer zurück wich, und der Schwester das erhaltene Lob abtrat.
Nach einigen Wochen reißte Volkmar wieder ab; in der spätern Zeit werden wir indeßen ihm und seinem Sohne, nur unter andern Verhältnissen, in dieser Geschichte wieder begegnen. Bis dahin nehmen auch wir freundlich Abschied von ihnen.
Die plauderhafte Dienerin.
So oft der Postbote einen Brief brachte, wurde der Kinder Erwartung gespannt. »Er ist gewiß von Heinrich;« meinte Franz. »Oder von meiner lieben Pathin;« äusserte Bertha, und Emma freute sich immer auf Nachrichten von Moosdorf, von dorther eine Zuschrift erwartend. Wirklich wurde diesmal _ihre_ Hoffnung erfüllt. Es traf ein Schreiben von Herrn Werthlieb ein, in welchem er zwar von seinem und der Seinigen Befinden Erfreuliches zu berichten hatte, aber zugleich meldete er auch den erfolgten Todesfall des Schullehrers im Ort, des wackern Feßlers, der noch recht gut in Franzens und der Schwestern Andenken lebte, und welchem sie jetzt wehmüthig im Geiste ein -- »Schlafe wohl redlicher Mann!« nachriefen. Feßler besaß kein Vermögen, aber viele Kinder, daher mußte Suschen die älteste Tochter sich entschließen, Dienste zu suchen. Sie war ein Mädchen von 14 Jahren, und wir kennen sie schon aus Emma's Tagebuch, wo sie derselben als eine etwas wilde Gespielin Bertha's erwähnt: doch längere Kränklichkeit des Vaters, und endlich sein Tod hatten jede Spur von Ausgelassenheit in ihr vertilgt, und es war ihr mit dem Verlangen: in der Fremde eine gute Unterkunft zu suchen, und diese durch ein wackeres Betragen zu verdienen, wahrer Ernst. Dies wußte Werthlieb, und hegte im Stillen den Wunsch: Suschen möchte in dem, von ihm so hochgeachtetem Falkensee'schen Hause ein Plätzchen erhalten. Er unterließ daher nicht in seinem erwähnten Schreiben die Lage von Feßlers Hinterbliebenen nach ihrer wahren Beschaffenheit Mitleid erregend darzustellen; und auch Suschens Vorhaben mit bedeutungsvollen Worten anzuführen. Zum Glücke jener war gerade die Majorin entschloßen, ihrem Stubemnädchen den Dienst aufzukündigen, da sie Ursache hatte mit ihr sehr unzufrieden zu seyn und, Bertha, der alten Freundschaft eingedenk, rief, sobald Werthliebs Brief vorgelesen war. »O lieb Mütterlein, nimm Suschen in Dienst statt Christinen!« Auch Emma stimmte bei, und so kam es denn wirklich dazu, daß des Pastors geheimer, menschenfreundlicher Wunsch erfüllt wurde.
Schon war Suschen mehrere Wochen im Dienst, und man fand gegenseitig keine Veranlaßung, den gethanenen Schritt zu bereuen. Das Mädchen that ihre Schuldigkeit, vollzog pünktlich alle erhaltenen Befehle und Aufträge, und hatte dafür das beste Leben. Ja ihre gütige Herrschaft nahm auf ihre vermögenslose Lage Rücksicht, und beschenkte sie noch ausser dem bedungenen Lohn, mit allerlei, theils neuen, theils abgetragenen Kleidungsstücken. Für Speise, Trank und ihre andern Bedürfnisse war ohnehin gesorgt, und da sie ihre Pflicht erfüllte, so erhielt sie auch kein schlimmes Wort. Besonders aber besaß sie Bertha's Liebe und sie hing ebenfalls vor Allem an Jener. Zwar verwechselte sie oft das Schwesternpaar, und bereute es dann wohl nicht, wenn sie Emma statt Bertha mit besonderer Eile und Pünktlichkeit bedient oder einen Auftrag von ihr auf solche Weise vollzogen hatte, denn Erstere stand auch gut bei ihr angeschrieben; aber Bertha erhielt dennoch den Vorzug in ihrem Herzen. Sie hatte es bald weg, daß ihr Liebling den Hang zur Neugierde hegte, der wirklich in Berthas Innern immer noch nicht ausgerottet war; und um ihr Freude zu machen, gab sich Suschen alle Mühe, ihr viel Neues mittheilen zu können. Sie trug ihr Alles zu, was in und ausser dem Haus geschah, und Jener, wie allen unbefangenen Kindern, vielleicht unbekannt geblieben wäre. Dadurch erhielt Bertha's, ohnehin noch nicht ganz besiegte Neigung aufs Neue Nahrung und Stärke, und Suschen gewöhnte sich auf diese Art eine tadelnswürdige Waschhaftigkeit an, welche sie bald um ihre gute Stelle gebracht hätte.
Für den angehenden Winter war Emma ein neuer Mantel verheißen, der aus einem, von der Mutter ihr abgetretenen verfertigt, und daher dieser ganz auseinander getrennt werden sollte. Es häuften sich aber gerade für Frau