Emma und Bertha oder die Zwillingsschwestern Eine unterhaltende Erzählung für die Jugend

v. Falkensee erschien, und Bertha wollte jubelnd der Schwester das neue

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Strohhütchen zeigen; blieb aber, gleich einer Bildsäule, vor ihr stehen; als sie Thränen über ihre Wange perlen sah. Emma konnte nicht verhehlen was sie schmerzte; da stürmte, noch während sie, von Schluchzen öfters gehemmt, erzählte, Bertha ins Zimmer, und rief, indem lachender Unwille ihre Wangen mit einer Purpurglut übergoß: »Hören sie, Emma saß nicht neben Dorchen Wider, sie haben ihr Unrecht gethan, ich war Dorchens Nachbarin, und erinnere mich wohl, daß diese ihre Tasse verschüttet hat, ich bin Schuld, wenn der Teppich dadurch verdorben wurde. Von dem Sprung im Spiegel weiß ich aber nichts, doch Emma ist behutsamer als ich; wenn die Magd sahe, daß eine von uns beiden an den Spiegel stieß, so war _ich_ es in meiner Unbedachtsamkeit; sie haben Emma vollkommen Unrecht gethan, hören sie wohl!« Frau v. Falkensee vernahm Bertha's starke Stimme vor dem Zimmer, und eilte hinein die heftige Kleine zur Ruhe zu verweisen. Während sie jedoch mit Frau Rutland sich benehmen wollte, eilte Bertha an ihre Komode, nahm ihre Sparbüchse heraus, näherte sich damit Jener und sagte im sanfteren Ton -- denn schon war ihre Hitze vorüber: »Liebe Frau Rutland, nehmen Sie hier Alles was ich vermag, es reicht doch wenigstens hin, ein neues Spiegelglas zu kaufen, und wegen dem Flecken auf dem Teppich, will ich Hrn. Werthlieb um sein Mittel, befleckte Sachen zu reinigen bitten; gewiß der Schade wird auch wieder zu verbessern seyn.« -- Dann fiel sie Emma, die noch immer sehr bewegt in einer Ecke stand, mit nassem Blick um den Hals und bat schmeichelnd: »Vergieb Herzensschwesterchen, daß ich dir durch meine Unarten diese unverdiente Kränkung zuzog, ich will gewiß besonnener werden.« Frau Rutland wurde durch Alles was sie sah und hörte, ganz betreten; die Majorin aber gebot den Kindern, sich zu entfernen. Als diese gehorchten, äusserte sie nun ihre gerechte Empfindlichkeit über Frau Rutlands schonungsloses Betragen gegen Emma, ohne Bertha rechtfertigen zu wollen, und erbot sich zu den verlangten Schadenersatz. Jene aber, durch Bertha's Schwesterliebe, welche leider bei ihren Töchterchen nicht zu finden war, wunderbar ergriffen, wollte nun nichts mehr von einer Entschädigung wissen, sondern suchte jezt selbst die Verzeihung der Baronin zu erhalten, und entfernte sich bald möglichst. Bertha behielt nun zwar ihr kleines Vermögen, aber einer strengen Rüge der Mutter konnte sie nicht entgehen, welche sie im Gefühl ihres Unrechts demüthig hinnahm, und Besserung gelobte; wirklich nahm sie sich künftig in fremden Umgebungen weit mehr zusammen, um bei einer möglichen Verwechslung Emma wenigstens nimmer zu schaden.

Die Prüfung.

Herr Werthlieb, Falkensee's Hauslehrer erhielt eine Pfarre, und mußte seiner neuen Bestimmung folgen. Der Major fand vor der Hand keinen jungen Mann, welcher ihm Jenen ersezt hätte, so beschloß er, seine Kinder die öffentlichen Anstalten, die sich in seinem Wohnort befanden, besuchen zu lassen. Franz kam in eine lateinische Schule, und die Töchter erhielten in einem Mädchen-Institut Unterricht. Schon war ihnen daselbst ein Jahr verflossen, die Prüfung nahte, und Emma und Bertha sahen ihr mit gespannter Erwartung entgegen. Leider konnten die Aeltern nicht gegenwärtig seyn, denn der Major fühlte sich unwohl, und die Gattin fesselte seine Pflege an das Haus; aber im Geiste waren sie ihren Kindern immer nahe, und während Emma etwas ängstlich und schüchtern, Bertha aber mit einem gewißen Freimuth die Prüfung bestanden, besprachen sich Vater und Mutter über der Töchter geistige Vorzüge und Mängel. Ersterer sagte: »Emma bringt gewiß ein gutes Zeugniß mit nach Hause; denn sie ist wacker und fleißig. Aber Bertha wird uns, wie ich befürchte nicht auf solche Weise erfreuen; ihr Leichtsinn und ihre Flatterhaftigkeit sind zu groß.« Die Baronin erwiederte: »Deine Besorgniß ist nicht ungegründet, lieber Ernst; und es ist Schade um das Mädchen, denn ein gutes Gedächtnis, das ihr der Himmel verlieh, macht ihr das Lernen leicht;« Jener versezte: »das ist es eben, worauf sich der kleine Leichtfuß verläßt, und weshalb die Arbeit immer verschoben, und dann zulezt nur flüchtig vorgenommen wird.« »Vollkommen vertheidigen kann ich Bertha nicht;« fügte die Mutter bei; »aber zu ihrer Ehre muß ich dir versichern daß sie sich schon viel gebessert hat, und deswegen erwarte ich wirklich keinen allzuschlimmen Ausspruch der Lehrer und Lehrerinnen.« -- Nach ein paar Stunden erschienen die Geprüften; beide etwas kleinlaut und verstimmt, und die Aeltern massen sie mit forschendem Blick.

»Nun, wie gings?« fragte endlich der Vater, da die Mädchen immer noch schweigend Hüte und Handschuhe, nebst der Büchermappe mit ihrem ganzen Inhalt auf die nahstehende Komode legten.

»Ich habe ein Diplom erhalten;« versezte Bertha ganz demüthig. »Nun -- und darüber bist Du nicht _mehr_ erfreut?« entgegnete Jener erstaunt. Das Mädchen erwiederte: »Ach ich verdiene es nicht, und Emma, die weit fleißiger war als ich, ist leer ausgegangen, dies schmerzt mich bitter.« -- Emma verhielt sich ganz stille, aber man bemerkte es deutlich, daß sie über die erlittene Zurücksetzung sehr empfindlich schien; Bertha aber nahm erst auf ein wiederholtes Verlangen der Aeltern das Ehrenzeugnis aus der Mappe, und reichte es hocherröthend, und mit gesenktem Blick dem Vater hin. Es war eine zierlich vergoldete Karte, auf welcher die Worte standen: »dem ausgezeichneten Fleiß und sittlichen Betragen.« Der Major strich ihr die Wange und sagte: »das ist brav, das habe ich nicht von dir vermuthet!« Bertha erwiederte: »Gewiß ist es wieder ein, durch unsere Aehnlichkeit veranlaßter Irrthum; Emma bewieß sich immer tadellos; ich hingegen« -- sie schwieg und ihr Blick wurde feucht; »da kein Name auf der Karte steht,« versezte der Major, »so wäre jener Fall möglich, indessen versicherte mir erst vorhin die Mutter: daß meine Bertha sich bessert; vielleicht daß dieses Zeugniß eine Aufmunterung deines Eifers seyn soll.« »Nein, nein!« fiel ihm das Mädchen in die Rede. »Das Diplom gehört nicht mir sondern Emma, und ich behalte es auch nicht.« »Und _Du_ sagst gar nichts dazu?« fragte Frau v. Falkensee Emma, die immer noch verstimmt am Fenster stand, und mit ihrem Schürzenband spielte. »Was soll ich sagen« -- versezte sie verdrüßlich -- »Bertha war die Glückliche die das Diplom erhielt, so soll sie es auch von mir aus bleiben.« »Pfui Mädchen!« nahm der Vater das Wort, »das ist keine Sprache, welche einer guten Schwester geziemt; und nun erst verdient Bertha in meinen Augen wirklich jene Auszeichnung vor dir; inzwischen wird die liebe Mutter, da meine Unpäßlichkeit mich daran hindert, der Wahrheit auf den Grund zu kommen suchen, und die Aeltern werden dann Alles auszugleichen wissen.«

So war es auch, Frau v. Falkensee begab sich zu der Vorsteherin des Instituts, und erzählte ihr den ganzen Vorgang, verschwieg auch Bertha's redliches und schwesterliches Benehmen nicht, welches derselben die Liebe Jener im hohen Grade gewann; auch erfreute sie die Majorin durch die wiederholte Versicherung: daß sie jezt viel weniger Ursache finde, mit Bertha unzufrieden zu seyn, als ehemals, daß jedoch Emma das Diplom sich rühmlich erworben habe, und der Lehrer bei der Austheilung durch die täuschende Aehnlichkeit der Schwestern, irre geleitet worden wäre.

Bertha hatte jedoch diesen Ausspruch nicht abgewartet, sondern schon vorher das Ehrenzeugniß in Emma's Komodschublade gelegt, und als es diese fand, und nicht annehmen wollte, die Schwester mit Thränen gebeten, dasselbe zu behalten. Diese ungeheuchelte Gutmüthigkeit brach Emma's kleinen Trotz. Sie fiel Bertha um den Hals, und sagte schluchzend: »Mit all' meinen hochgeprießenen Tugenden bin ich bei weitem nicht so gut wie du, vergieb mir Schwesterchen ich will künftig gewiß meine Empfindlichkeit besser beherrschen.« --

Der Major wohnte, von den Kindern unbemerkt, im Nebenzimmer, dessen Thüre offen stand, ihrer Unterredung bei; und als nun die Mutter den obigen Bescheid mit nach Hause brachte, theilte ihr Jener seine gemachte Erfahrung mit, und beide kamen darinnen überein: Emma's Besitznahme des Diplom's zu Bestättigen, und Bertha zur Belohnung ihres Benehmens und zur Aufmunterung ihres begonnenen Lerneifers, mit einem neuen Schreibbuch, das einen, mit sinnvollen Bildern gezierten Umschlag hatte, und mit einer fein lackirten Federbüchse, zu beschenken.

Die schönste Puppe.

Die muntere Bertha war der Liebling der reichen Banquier Krause, und ihres einzigen Töchterchens Malwina, welche, eben so lebhaft wie Jene, die stillere Emma weniger liebte, als ihr lustiges Schwesterchen. Bertha wurde auch öfters zu ihr eingeladen, als Emma, und die beiden Freundinnen unterhielten sich köstlich mit einander, obgleich auch manches schlimme Stückchen von ihnen zum Vorschein kam, da sie sich gegenseitig zu muthwilligen Streichen aufforderten, und verleiteten. Frau Krause jedoch, gleich edel als verständig, hielt treue Aufsicht über die Kinder, wenn sie beisammen waren, und verhütete dadurch, daß ihre Munterkeit, nicht in Ausgelassenheit ausartete, und der Muthwille der Kleinen, der nie bösartig, oder unanständig sich äusserte, wurde von ihr nur sanft gerügt, nur leise im Zaum gehalten. Auch vermochte sie es nicht über sich, Emma durch gänzliche Zurücksetzung zu kränken; sie würdigte den Werth des sanften Kindes, gab ihr unverkennbare Beweise ihres Wohlwollens, und Malwina mußte sie immer dazwischen auf ihr Geheiß auch einladen. Aber Bertha's offene Gutmüthigkeit sprach sie doch besonders an, und diese war Tagelang in ihrem Hause; wo im Winter den Mädchen mitunter gestattet wurde, in dem großen Hofraum Schlitten zu fahren, was ein köstliches Vergnügen für sie war; und im Sommer durften sie Frau Krause auf allen Spaziergängen begleiten, und sich auf Wiesen und Fluren nach Herzenslust tummeln. Aber auch das Puppenspiel wurde von ihnen nicht vernachläßigt, nur trieben sie es auf andere Weise als Emma. Dieser gefiel es, die Puppen neben sich hinzusetzen, Speisen für sie zu kochen, und sie damit zu bewirthen, oder wohl gar auch dieselben als Schülerinnen, und sich als ihre Lehrerin zu betrachten, und Unterricht ihnen zu ertheilen. Die flüchtige Bertha aber, und ihre ihr nüzliche Freundin Malwina, fanden an diesem Allen wenig Freude; ihre Unterhaltung war: die Puppen recht oft an und aus zu kleiden, sie, in ihrer Vorstellung, da und dort hin mit zunehmen, und sie blieben also auch in den Winterabenden mit denselben nicht lange ruhig sitzen; indessen wußte sich Bertha nichts hübscheres als eine schön gepuzte Puppe. Als nun ihr 8ter Geburtstag herbei kam, so theilte Malwina, die Jene unbeschreiblich liebte, der Mutter den innigen Wunsch mit, Bertha zum Angebind eine ausgezeichnet schöne Puppe geben zu dürfen. Frau Krause war nicht dagegen, nur äusserte sie, daß Emma dann auch eine erhalten müsse; es wäre eben so gut ihr Geburtstag, und sie dürfte durch Vernachlässigung nicht gekränkt werden. Malwina war es zufrieden, aber sie bat sich aus, daß sie für ihre Bertha die _schönste_ Puppe aussuchen dürfe.

Mit diesem Vorhaben machten sich Mutter und Tochter auf den Weg, jene einzukaufen, und erreichten vollkommen ihren Zweck. Sie fanden 2 Puppen, beinahe sich so ähnlich wie die lebenden Zwillingsschwestern, und nur dadurch unterschieden: daß die eine mit einem Uehrchen geschmückt war, die andere aber nicht, ferner trug jene einen Hut von Seide, diese von einem geringern Zeug, und um den Leib hatte erstere ein Samtband mit einer niedlichen Schnalle, die zweite nur einen mit dem Kleid ähnlichen Gürtel, der eine Schleife bildete. Der übrige Anzug der beiden Puppen war überein; die Kleider aus einem bunten Sommerzeug verfertigt, die Krägen aus feinem weißen Battist, mit schmalen Spizchen besezt, die Füßchen mit netten schwarzen Schuhen und gewebten Strümpfchen bekleidet; jede hielt ein zartgeflochtenes Arbeitskörbchen mit einem blauseidenem Sack versehen, in der Hand. Malwina war über diesen Kauf so sehr erfreut, als sollten die Puppen _ihr_ Eigenthum werden; allein leider konnte das gute Mädchen nicht den Genuß haben, das Entzücken der Freundinnen beim Empfang des schönen Angebinds zu theilen; ja sie durfte auch nicht hoffen, diese bald zu sehen, und von ihnen zu hören, wie die gepuzten Abgesandten ihre neuen Gebieterinnen befriedigt hatten.

Den Abend vor dem ersehnten Geburtstag fühlte sich die arme Malwina unwohl, und schon am folgenden Morgen machte die Mutter die Entdeckung, daß ihr Töchterchen von den Masern befallen worden sey; die Krankheit schien gutartig zu werden, dem ohngeachtet trennte sie dieselbe von Emma und Bertha, da beide jene noch nicht gehabt hatten.

Malwinens Betrübniß darüber war groß, und besonders an dem wichtigen Tag, von dem sie sich so viele Freuden versprochen hatte. Die zärtliche Mutter bot Alles auf, durch andere Erheiterungsmittel Malwinen die Entbehrung weniger fühlbar zu machen, doch diese konnte sie nicht recht verschmerzen; besonders war es ihr eine große Sorge, daß die Magd, welche jezt den Freundinnen das Angebinde bringen mußte, doch ja die Schwestern nicht verwechseln, und der geliebten Bertha die _schönste_ Puppe übergeben möchte. Sie ließ Christinen vor ihr Bett kommen und fragte sie wiederholt und dringend, ob sie Bertha von Emma unterscheiden würde, jene mußte ihr genau angeben, woran sie dieselbe erkenne und ihr feierlich versprechen, ihr und nicht Emma die Puppe mit der Uhr einzuhändigen. Christina aber hatte ein weites Gewissen, sie vergaß ihre Pflicht und ihr Versprechen, und folgte, als sie auf die Strasse kam, der Einladung einer Bekannten, die auf der, eben Stattfindenden Messe ein neues Kleid sich kaufen wollte, und ging mit dieser; eine zweite Bekannte, die ihr begegnete, beauftragte sie, statt ihrer die Puppen zu Falkensee's zu tragen, und mit ihrer Freundin Angelegenheit zu sehr beschäftigt, nannte sie der Ueberbringerin jenes Angebinds wohl die Namen Emma und Bertha, und bezeichnete auch die Puppe, welche leztere erhalten sollte; allein Alles geschah eilig und oberflächlich, und als die fremde Magd in das Haus des Majors kam, wußte sie keinen Bescheid mehr. Indessen lag ihr eine pünktliche Ausrichtung ihres Auftrags auch nicht sehr am Herzen, und als sie Emma auf dem Vorplatz fand, glaubte sie, dieser gehöre die _schönste_ Puppe, übergab ihr, ohne weiter sich zu bedenken, dieselbe in Malwinens Name, und Bertha, welche nun auch herzu kam, die Andere. Diese lieben Gäste fanden bei den Mädchen die freundlichste, fröhlichste Aufnahme, und der Unterschied zwischen beiden wurde anfangs gar nicht beachtet, ja man fühlte sich nur in ihrem Besitz, und durch den Beweis des liebevollen Andenken der kranken Freundin jubelnd glüklich. Nach und nach begann eine genauere Musterung des Anzugs der Puppen, und nun fiel es so wohl Emma als Bertha auf, daß die Puppe der Erstern mehr Vorzüge hatte, und daß Jener dieselbe gehören solle. »Ich glaube immer, die _schönste_ Puppe ist _dir_ bestimmt Bertha;« sagte Emma. »Du bist ja Malwinens beste Freundin, also wird sie dir auch das schönste Geschenk zugedacht haben.« Bertha versezte: »Nicht doch Schwesterchen! ich hörte es wohl, daß die Magd ausdrücklich nach _deinem_ Namen fragte, und dann, als sie diesen vernahm, Dir deine Puppe einhändigte. Laß mich's gestehen, ich dachte anfangs wie du: es sey wieder eine, durch unsere Aehnlichkeit entstandene Verwechslung, allein nun glaube ich es nicht mehr; denn Frau Krause ist dir liebe Emma auch recht aufrichtig zu gethan, und wird dafür halten, daß bei meinen besonnenen Schwesterchen die schönste Puppe besser aufgehoben sey, als bei der flüchtigen Bertha; daher behalte sie in Ruhe, und laß mich nur zuweilen mit spielen, ich will sie dir gewiß nicht verderben. Besonders muß das zierliche Uehrchen recht in Obacht genommen werden. Sieh nur Emma wie allerliebst dies ist! auch die Gürtelschnalle dürfte ich nicht nach meiner sonstigen Weise oft auf- und zuschnallen, der feine Stachel würde bald abbrechen. Ach könnte nur Malwina unsere Freude an den schönen Puppen mit genießen!« So schwazte Bertha noch eine Weile fort, ohne die geringste Misgunst über den Vorzug, den die Schwester erhielt zu zeigen.

Nach mehreren Wochen, als Malwina glücklich hergestellt, und die Gefahr der Ansteckung vorüber war, wurde sogleich Bertha zu ihr eingeladen und Jene konnte es kaum erwarten von ihr zu hören: ob _sie_ doch die _schönste_ Puppe erhalten habe. Bertha's Erzählung überzeugte Malwina vom Gegentheil und tief betrübt darüber, bat sie die Freundin: Schwester Emma zu einem Tausch zu bewegen. Allein dazu verstand sich Bertha durchaus nicht. Sie sprach: »Emma verdient das _Schönste_; sie geht bedachtsamer damit um als ich, und hält ihre Puppe gewaltig in Ehren. Wie könnte ich ihr die Freude rauben! Auch ist sie die Gefälligkeit selbst, und schlägt mir nie die Bitte ab, wenn ich die Puppe ein wenig haben, und mich an dem Anblick des netten Uehrchens ergözen will. Daher soll sie auch ihr Eigenthum bleiben.« Frau Krause, welche diese Aeusserung mit angehört hatte, nahm sich im Stillen vor, noch ein kleines Uehrchen zu bekommen zu suchen, und als es ihr gelang, mußte Malwine insgeheim Bertha's Puppe damit schmücken, und ihre Mutter versezte, als die Kleine sie wieder sah, und ihr für jenes Geschenk dankte: »auf solche Weise wird uneigennützige Schwesterliebe belohnt, wenigstens von mir.« Dabei drückte sie dem guten Mädchen einen herzlichen Kuß auf die Lippen, und Bertha stand wieder eine Stufe höher in ihrem Herzen.

Das Gartenbeet.

Es war aber auch eine seltene Liebe und Treue, welche Bertha an Emma kettete, und um keinen Preis hätte sie das geringste Lob, welches sie, ihrer Aehnlichkeit, wegen, statt Jener erhielt, sich zugeeignet. Schon bei Veranlassung des Diplom's überzeugten sich meine lieben Leserinnen davon, doch kann auch folgende Erzählung zum Beweiß dienen:

An der Wohnung des Major's befand sich ein kleiner Garten, welcher der Familie manche Genüsse bot; besonders lag er der Baronin sehr am Herzen, und so viel sie Zeit erübrigen konnte, widmete sie dieselbe der Pflege ihres Gärtchens. Doch mußte auch zuweilen ein Gärtner Nachhülfe leisten, und einmal nahm das Unkraut so sehr überhand, daß jener mit Schmerzen von Frau v. Falkensee erwartet wurde, um gründlich dem Uebel zu steuern.

Emma welche der Mutter die Wünsche aus den Augen zu lesen verstand, sagte zu Bertha, als Meister Niklas erschien: »Höre Schwesterchen! ich glaube, Mutter würde sich sehr freuen, wenn wir heute nach geendigter Schule statt zu spielen, dem Gärtner Unkraut jäten hälfen. Meinst du nicht auch.«

Bertha fiel ihr mit ungestümer Zärtlichkeit um den Hals und rief: »Ja, ja! das wollen wir thun. Du bist eben meine gescheite Emma, die immer kluge Einfälle hat. Mütterchen wird sich gewiß darüber freuen, und der Gärtner unsere fleißigen Händchen spüren; ich will mich nicht dabei umsehen.« -- Wirklich glaubte man Anfangs, Bertha würde die meisten Beete vom Unkraut reinigen, so eifrig war sie daran; allein es dauerte nicht lange. Bald wurden die Hände loß; sie überschaute knieend diese und jene vergraßte Stelle, und sagte klagend und gähnend: -- »mein Himmel wie viel Unkraut! Es graußt Einem vor der entsezlichen Aufgabe.« Dann sah sie einen bunten Schmetterling fliegen, und nun mußte sie sich schnell erheben und jenen verfolgen; dabei kam sie in die Nähe der Schauckel, schwang sich auf das Brettchen, das an 2 Seile befestigt war, und schob sich mit ihm in Bewegung; auch wurde hie und da ein Beerchen von der Hümbeer-Hecke gepflückt, oder auf dem Rand der Fontaine künstlicher Weise herum spaziert, -- kurz unsere Bertha war überall zu sehen, nur nicht beim Unkraut jäten. Emma hingegen half stille und beharlich dem ehrlichen Niklas, und förderte wirklich seine Arbeit um ein Großes.

Als er den folgenden Tag wieder kam, war Bertha im Zimmer bei der Mutter; der Gärtner hielt sie für Emma und sagte zur Majorin: »O gnädige Frau! gestern sollten sie zu Hause gewesen seyn, und das fleißige Töchterchen hier gesehen haben. Die half mir jäten, daß es eine Lust war, und sie hat mir für heute auch wieder ihren Beistand versprochen, nicht war Kind?« -- Frau v. Falkensee streichelte Bertha's Wange und sagte: »Ei wie höre ich so Gutes von dir, das ist brav; aber meine Emma, -- hat diese nicht auch geholfen?« Der Gärtner zuckte die Achsel und versezte: »könnte nicht rühmen, der Fleiß war nicht heftig.« Da konnte Bertha nicht länger schweigen; hoch erröthend fiel sie der Mutter um den Hals und flüsterte: »Niklas irrt, Emma war die Fleißige, und _sie_ verdient das Lob; ich aber hatte die Arbeit bald satt, und versprach auch für heute nichts; indessen sollst du dennoch mit mir zufrieden seyn.« Sie flog in den Garten, wo sie Emma schon wieder beschäftigt fand, und arbeitete nun mit ihr in die Wette, so daß Meister Niklas am Abend nicht wußte, welcher von beiden Schwestern er den Preis, der in einem, von der Mutter geflochtenen Blumenkranz bestand, zu erkennen sollte. Doch Bertha entschied, daß er Emma gebühre, weil sie ihn schon Tags zuvor durch ihren Fleiß verdient habe.

Die kleine Heldin.

Emma erhielt wegen ihrer Furchtsamkeit manchen Verweiß, oder wurde vom Bruder Franz tüchtig geneckt, allein es war Alles vergeblich; die Kleine hätte sich nicht bewegen lassen, im Dunkeln ohne Licht aus dem Zimmer, geschweige weiter zu gehen. Auch konnte sie ein beißender Hund, eine Heerde Kühe, Schweine oder Gänse, welche ihr irgendwo entgegen kam, in Angst versezen. Bertha aber war gewaltig muthvoll, übernahm daher jeden Auftrag statt des Schwesterchens, wenn am Abend in der Küche, oder da und dort, Etwas geholt werden sollte; auch ging sie unerschrocken ihres Wegs, wenn Emma bei einer Begegnung, wie sie oben erwähnt wurde, zitterte und bebte. Die zwei folgenden Beispiele werden meine lieben Leserinnen die Eigenthümlichkeit der beiden Schwestern in _dieser_ Hinsicht schildern.

Einst befanden sie sich bei einer Freundin der Majorin, welche Besuch von entfernten Verwandten erhalten, und Frau v. Falkensee mit ihren Töchtern eingeladen hatte. Erstere war schon anderwärts versagt, Emma und Bertha aber folgten dem Ruf, und brachten einen vergnügten Abend bei Jener zu; denn unter den Freunden befand sich auch ein wundernettes Mädchen, im Alter der beiden Schwestern, mit welcher sie sich besonders gut unterhielten; auch waren ausserdem, noch mehrere Gespielen versamelt. Nachdem schon viel Gutes genossen, und schon Mancherlei gespielt worden war, kam die Reihe an das beliebte -- Sträußchen binden. Bekanntlich muß dasjenige Glied der Gesellschaft, das den Strauß erhält, bis die Blumen dazu gewählt sind, sich aus dem Zimmer entfernen, um dann unbefangen bestimmen zu können, was sie mit jenen Blumen, welche jede eine Person vorstellt, beginnen will. Mußte nun Emma auf den Vorplaz wandern, so bat sie immer ein Licht mit hinaus nehmen zu dürfen, hielt sich dennoch in der Nähe des Zimmers, und ihr Herzchen pochte gewaltig; ja sehnsüchtig harrte sie auf den Ruf: »herein!« und folgte ihm eilig und froh. Ausser Emma ging jedes von der Gesellschaft im Dunkeln hinaus, und besonders Bertha spazirte dann immer ohne Furcht den großen Vorplaz auf und ab, und war oft von der Zimmerthüre so weit entfernt, daß jener Ruf ein paarmal wiederholt werden mußte, bis sie ihn hörte. Als sie sich wieder einmal aussen befand, vernahm sie von der Seite her eine leise, wehklagende Stimme; entschlossen ging das 8jährige Mädchen dem Schalle nach, mußte über einen langen Gang im finstern tappen, und kam endlich an eine Thüre, die nur zugelehnt war, aber aus deren Spalte der Ton und ein Lichtstrahl hervor ging, Bertha riß Jene auf, da lag eine Weibsperson auf dem Boden, mit blutender Hand, halb ohnmächtig; der Leuchter mit dem Lichte neben ihr, und ein Hühnchen flatterte ängstlich hin und her. Es war die Köchin vom Hause, welche in diesem Kämmerchen das Huhn töten sollte und wollte; ungeschickt aber mit dem Messer in die Hand fuhr, und bewußtlos niederstürzte. Bertha hob das Licht auf, flog ins Wohnzimmer, verkündete was geschehen war, und bat flehentlich um schleunige Hülfe für die arme Magd. Sie wurde auch dieser sogleich zu Theil und Bertha wegen ihres furchtlosen Betragens sehr gelobt; indem ja, wäre sie nicht beherzt dem klagenden Tone gefolgt, Rosine noch länger in dem hülflosen Zustand geblieben seyn, und sich noch mehr verblutet haben würde. Nun aber war sie schon wieder erholt, als die Gesellschaft aus einander ging, und sie ließ es sich nicht nehmen, Emma und Bertha mit der Laterne nach Hause zu begleiten. Dabei konnte sie nicht aufhören, ihrer kleinen Wohlthäterin zu danken, verwechselte indessen immerwährend beide Schwestern. Bertha ließ dies nicht nur geschehen, sondern bat auch heimlich aber dringend die Schwester: den Ruhm auf sich ruhen zu lassen, indem die Aeltern die größte Freude darüber fühlen würden, wenn sie glauben dürften, daß Emma von ihrer Furcht geheilt sey. Ja als Rosina Frau v. Falkensee die ganze Begebenheit erzählte, Emma lobpreisend erhob, und die Mutter erstaunt aber erfreut zuhörte, da zupfte Bertha das Schwesterchen immer insgeheim am Arm, um zu verhindern, daß diese widerspräche. Allein jezt kam auch Franz nach Hause und hörte ungläubig Rosinens wiederholte Schilderung des stattgefundenen Ereignißes zu. Dann sagte er lachend zur Mutter, während er forschend beide Schwesterchen betrachtete: »Siehst du denn nicht lieb Mütterlein, wie Bertha Emma immer zuwinkt, daß sie das Lob, das ihr nicht gehört, für sich behalten soll? sprich Häschen« -- fuhr er zu lezterer gewendet fort -- »sprich ehrlich, verdienst Du es?« »Nein, nein!« rief Emma. »Aber Ihr laßt mich ja nicht zu Worte kommen. Ich mag keinen erborgten Ruhm, und diesen könnte ich mir auch um keinen Preis erwerben. Hu! mich schauderts, wenn ich bedenke, was Bertha sah, hörte und that.« »Und doch Emma,« versezte Frau v. Falkensee -- »und doch mußt du deine Furcht bemeistern, es koste was es wolle. Sie ist deine Quälerin, und würde Dich überdies hindern, in einem ähnlichen Fall die Pflicht der Menschenliebe auszuüben, und dir ein so lohnendes Bewußtseyn zu verschaffen, wie gewiß Bertha jezt besizt.« -- Diese, besorgt, daß das Schwesterchen durch der Mutter ernste Ermahnung gekränkt seyn könnte, sezte, dasselbe liebkosend im schmeichelnden beschwichtigenden Tone hinzu! »Ja ja liebe Emma, nach und nach wird's schon gehen, nicht wahr? halte dich nur« -- raunte sie ihr ins Ohr -- »halte Dich nur an mich, wenn wir im Finstern sind, ich lasse Dir kein Leid widerfahren.« Die Mutter jedoch fügte bei: »Halte Dich lieber an den guten, allgegenwärtigen Gott, welcher fromme Kinder auch im Dunkeln beschüzt, und versprich mir: an Deiner Besserung zu arbeiten.« Mit gesenktem Blick reichte Emma der Mutter die Hand; Bertha aber schlug halb böse, halb lachend den leichtfertigen Bruder, der mit allerlei losen Reden »vom Hasenherz, und von dem mächtigen schwesterlichen Schutz,« die Mädchen neckte, auf das spottende Mäulchen; welchem Schlag bald ein herzlicher Kuß von ihr zur Vergütung folgte.

Bald darauf erhielten beide Schwestern die älterliche Erlaubniß ein Stündchen ums Thor gehen zu dürfen. Es war ein schöner Herbst-Nachmittag, der blaue Himmel hatte kein Wölkchen, die Luft wehte mild, ja die Strahlen der Sonne brannten noch heiß dem Wandelnden auf den Rüken, und aus den schönen Gärten, die vor der Stadt lagen, trug ein sanfter Wind die köstlichen Gerüche der Reseda, der bunten Wicke, und der Herbsthyazinthe den Vorübergehenden zu. Auch Emma und Bertha labten sich daran, und fühlten sich dadurch noch mehr angezogen, hier durch ein schwarzes Gitterthor, dort durch die Spalte einer Dielenwand, oder über eine, schon etwas entlaubte Hecke in jene Gärten zu schauen. Zulezt kamen sie an ein offenes Thor, und das 2jährige Kind des Gärtners lief aus und ein, sezte sich endlich mitten im Fahrweg, faßte in ein Nöpfchen den lockern Sand ein, den es wieder ausgoß, und lange auf diese Weise spielte. Emma und Bertha jedoch traten in den Garten, baten die Gärtnerin, die ihnen entgegen kam, um die Genehmigung ein wenig in jenem herum spazieren zu dürfen, erfreuten sich nun, als es ihnen gestattet wurde, über die schönen Parthien und Anlagen die sie antrafen, und mit lüsternem Blick stunden sie lange vor einem Basquet manigfach blühender Gyranien, welches ein Heckchen von Monatrosen umgab, von denen eine Menge Knospen entfaltet waren, und einen recht schönen Anblick gewährten. »O wer sich hier ein Sträußchen pflücken dürfte!« sagte Emma sehnsüchtig, denn sie war eine sehr große Blumenfreundin. Bertha aber zog sie nach einer Weile hinweg, und meinte: »je länger man das hübsche Beetchen betrachtet, je mehr wünscht man sich, mit seinen Blüthen bereichern zu dürfen: Auch ist gewiß die Stunde schon verflossen, die uns zum Spaziergang zugestanden war, wir wollen also nach Hause wandeln, komm Emma und folge auch einmal deiner Bertha, die sonst immer _dein_ gehorsames Schwesterchen ist.« »Könnte die ausserordentliche Folgsamkeit eben nicht besonders rühmen;« wandte jene ein; »doch du hast diesmal Recht; wir haben uns gewiß schon verspätet.« Eilig schritten die Mädchen den Gang hinauf dem Gartenthore zu, das noch immer offen stand, denn es saß das kleine Bärbchen fortwährend auf der Straße, und spielte nun mit 2 Gefäßen, indem sie aus einem in das andere den Sand laufen ließ. Doch als gerade die Schwestern aus dem Garten traten, hörten sie den schnellen Hufschlag eines Pferdes, und sahen am Ende der Strasse einen Schimmel ohne Reiter im vollen Lauf daher sprengen. Emma nahm ängstlich rufend Reisaus, und lief wieder in den Garten hinein; Bertha hingegen zog das Kind schnell in die Höhe, und ein wenig auf die Seite, dann lief sie mit ihrem aufgespannten Sonnenschirmchen gegen das Pferd, um dieses zum umwenden zu bewegen. Wirklich erreichte sie ihre Absicht, und den Leuten welche dem ausgerissenen Thier nach eilten, wurde es nun leichter, dasselbe aufzufangen. Auf Emma's Schreien, war unterdessen die Gärtnerin herzugesprungen, und zitterte am ganzen Leibe, als sie von Jener im Vorüberrennen vernahm, in welcher Gefahr sich ihr Kind befinde. Doch als sie es zwar weinend, aber gerettet fand, und Bertha, dasselbe mit freundlichen Worten beschwichtigend, bei ihm erblickte, da brach sie in Dank und Freudenäusserungen aus, und rühmte des wackern Fräulchens Muth und Entschlossenheit. Diese aber suchte nun Emma auf, welche sich ganz am Ende des Gartens, hinter ein Gewächshaus verkrochen hatte, und sagte lächelnd: »Nun wahrhaftig Du hast ein sicheres Pläzchen gewählt; hieher wäre freilich der Schimmel nicht gallopirt, aber hätte ichs auch so gemacht, so würde vielleicht jezt das arme Bärbchen von jenem zertretten worden seyn.« Emma konnte sich ihr albernes Betragen nicht abläugnen, und schämte sich dessen wohl, doch sie vermochte es nicht über sich, sich anzuklagen, und schweigend kehrten beide Schwestern zur Stadt zurück.

Bertha hatte Emma viel zu lieb, um sich auf ihre Kosten mit ihrer That zu rühmen; sie verschwieg sie, und verschmerzte auch den Verweiß, den beide über ihr langes Ausbleiben von der Mutter erhielten, ob sie gleich in der erlebten Begebenheit einen großen Entschuldigungsgrund hätte anführen können.

Am folgenden Tag erschien die erwähnte Gärtnerin, und händigte Emma, diese für Bertha haltend, die gerade auf dem Vorplaz war, ein Körbchen köstlicher Pflaumen und einen großen Strauß Monatrosen und Gyranien ein; welches Geschenk sie mit den Worten begleitete: »Der Lebensretterin meines Bärbchens gehört dieß Alles. O könnte ich nur noch mehr geben; aber vergessen werde ich es in meinem Leben nicht, was Sie gethan haben. Ich vernahm gestern wohl in einiger Entfernung Ihr Gespräch mit dem Schwesterchen und Ihren Wunsch von diesen Blumen welche pflücken zu können, allein ich konnte in dem Augenblick nicht von meiner Arbeit weg, und gleich darauf folgte ja die Begebenheit, die mich fast zum Tod erschreckte.« »Welche Begebenheit denn? und was soll dies Alles bedeuten?« fragte Frau v. Falkensee, die dazu gekommen war. Nun mußte Emma beichten, und es geschah mit glührothen Wangen und niedergeschlagenen Blicken. Die Mutter schüttelte misfällig den Kopf, und nahm vor der Hand das ganze Geschenk in Beschlag, freundlich der Geberin dankend. Als nun Bertha, die mit Franz, einen Auftrag des Vaters auszurichten weggegangen war, nach Haus kam; übergab ihr die Mutter obiges Geschenk, und sagte: »_Du_ hast es verdient Bertha, es ist Dein;« und verbot Emma daran Theil nehmen zu lassen, um sie für das Verschweigen des Ereignisses zu strafen. Doch Jene ließ mit Thränen und Bitten nicht nach, bis Frau v. Falkensee den strengen Urtheilsspruch zurück nahm, worauf dann Bertha fröhlich und redlich Alles mit der Schwester theilte.

Die Kirmes zu Moosdorf.

Werthlieb war Geistlicher auf dem Lande geworden, und das Dorf in dem er lebte, lag in einer wunderlieblichen Gegend; besonders gab es in derselben viele Weinberge, welche dieses Jahr eine sehr reiche Lese versprachen. Die Kirmes, oder Kirchweih jenes Orts fiel auch im Herbst, und man versprach sich daher in Moosdorf zu dieser Zeit eine ganze Kette von Lustbarkeiten.

Werthlieb war mit dem Falkensee'schen Hause im herzlichsten Verhältniß geblieben, denn er vergaß es nie, welche würdige und freundliche Behandlung er daselbst genoß, und der Major und seine Gattin erinnerten sich immer dankbar, an die Verdienste, die sich Ersterer um ihre Kinder, namentlich um Franz erworben hatte; denn daß derselbe in eine, für sein Alter hohe Classe aufgenommen wurde, und hier einen der ersten Pläze behauptete, und das er und seine Schwesterchen Sinn für manches Gute in sich trugen, das schrieben mit Recht die Aeltern dem Beispiel, und den Lehren des wackern Werthliebs zu. Man nahm also fortwährend aufrichtig Theil an dem gegenseitigen Geschick, wechselte zuweilen Briefe, und selbst die Kinderchen legten von Zeit zu Zeit einige schriftliche Zeilen, an ihren geliebten ehemaligen Lehrer, dem Schreiben der Aeltern bei. An seinem lezten Geburtstag aber hatte Jener von Bertha und Emma einen seidnen Geldbeutel, und von Franz eine hübsche Zeichnung und einen schön geschriebenen Glückwunsch erhalten. Der Pastor, hoch erfreut darüber, wollte seinen Lieblingen thätig die Dankbarkeit, die er fühlte, beweisen, und lud Emma und Bertha zur nächsten Kirmesfeier, Franz jedoch in seinen, spätereintretenden Schulfeiertagen zur Weinlese ein. Welch einen Jubel veranlaßte dies bei den Geschwistern; sie träumten wachend und schlafend von dem bevorstehenden Vergnügen, denn sie waren noch nicht weiter, als in die nächste Umgegend der Stadt gekommen. Die Reise nach Moosdorf also, die ohngefähr 4 Stunden betrug, erschien ihnen ungeheuer groß und wichtig; und Emma versprach der Mutter ein getreues Tagebuch zu halten. Werthlieb hatte verheißen, seine kleinen Freundinnen selbst zu holen, und beide waren sehr geschäftig, all ihre Habseligkeiten bereit zu halten, um dann gleich abreisen zu können.

Den Abschied aus dem älterlichem Haus, so wie den Aufenthalt in Moosdorf, und der Kinder dort gemachten Erfahrungen soll uns die, jezt 10jährige Emma in ihrem Tagebuch selbst erzählen.

Emma's Tagebuch.

Den 10ten September Morgens 9 Uhr.

Gestern war ich von der Reise, und von Allem was ich erlebt hatte, so ermüdet, und so schläfrig, daß ich mein, der Mutter gegebenes Versprechen, alle Abend in mein Tagebuch zu schreiben, unmöglich erfüllen konnte. Es soll jezt geschehen, während Schwesterchen Bertha noch tüchtig schnarcht. Aber sie hat sich auch gestern mit Schullehrers Suschen recht abgetummelt. Ich hätte das nicht gekannt; ach trotz aller Liebe, die wir hier erfahren, quält mich das Heimweh! -- Schon wieder muß ich weinen, und das Herz ist mir recht schwer. -- O Ihr guten Aeltern! -- Wenn Ihr nur da wäret! oder doch wenigstens mein munteres Fränzchen; mit seinen Schnacken würde er mich erheitern.

So leichtfertig er oft ist, so ging ihm gestern der Abschied von uns doch recht nahe; ich merkte es wohl, ob er es gleich verbergen wollte; und der guten Mutter Auge schwamm ebenfalls in Thränen als ich weinend an ihrem Halse hing. Der Vater aber war standhaft, und meinte: eine so kurze Entfernung und Trennung wäre nicht der Thränen werth, und wir gingen ja frohen Tagen entgegen. Er hat freilich Recht der liebe Vater, allein es ist die erste Trennung von ihm und lieb Mütterlein; und noch nie legte ich mich zu Bette, ohne Jene vorher noch oftmals geherzt und geküßt zu haben. Da dies gestern Abend nicht geschehen konnte, so weinte ich mich, ehe ich einschlief, recht satt. Auch jezt will es mir nicht zu Sinne, daß ich meinen lieben Aeltern, Bruder Franz, und unserer ehrlichen Anna keinen guten Morgen wünschen kann. -- Wenn nur Bertha die Langschläferin aufwachte! die Frau Pastorin wird bald zum Frühstück klingeln; dann geht mirs wieder besser, denn so wohl gestern auf der Reise vergaß ich mich durch all das Neue, was ich sah, als auch hier; so lange wir unter unserer lieben Hauswirthin waren. Beide, so wie Rosalie, die Schwester der Frau Pfarrerin sind gar freundlich und gut; und das nette kleine Dingelchen in der Wiege macht mir auch recht viel Spaß. Ich werde mir es heute öfters ausbitten, Luischen auf den Schoos nehmen zu dürfen. Eine solche lebendige Puppe wäre mir lieber, als alle die welche ich besitze. Aber wie schön die Aussicht von unserm Schlafstübchen hinaus ins Freie ist! Ach die köstlichen reich beladenen Weinberge! -- ich muß wirklich ein Bischen näher ans Fenster treten, und mich an ihren Anblick ergözen. Herr Pfarrer hat uns auch für heute einen weiten Spaziergang versprochen. Wie freue -- Nun da schellts! Geschwind muß ich die faule Bertha weken. --

Den 12ten Abends 10 Uhr.

Ei ei! Wieder ist der gestrige Abende verflossen, und ich habe nicht die erlebten Tagsbegebenheiten aufgezeichnet. Ungesäumt will ich es jezt thun; sonst würde mein gutes Mütterchen mit Recht schmälen, wenn sie von ihrer Emma ein unvollständiges Tagebuch erhielte und ich kann viel, recht viel erzählen.

Zuerst von dem wunderschönen Spaziergang, den wir vorgestern mit unserm theuern Pastor machten. Er führte uns durchs hübsche, reinliche Dörfchen, am Wirthshaus vorüber, wo eben der hohe Maienbaum unter einem großen Zulauf der Dorfsjugend aufgerichtet, und als er stund, von jener umtanzt wurde. Sie scheuten sich dabei nicht vor der Gegenwart ihres Pastors; hatten es aber auch nicht nöthig, den er war gar liebreich, und ermunterte sie selbst zur schuldlosen Fröhlichkeit; Schwester Bertha und ich mußten uns gleichfalls auf sein Geheiß ein wenig im Kreise Drehen. Dann ging es weiter; immer an Weinbergen fort, bis wir bei _dem_ anlangten, welcher das Eigenthum des Herrn Pfarrers ist. Er und Rosalie -- Frau Werthlieb blieb bei ihrem Luischen zu Hause -- führten uns nun an die besten Weinstöcke, und wir durften nach Herzenslust Trauben abschneiden und sie verzehren, auch einige in unserm Körbchen mitnehmen, um unter Wegs uns damit zu laben. Dann verließen wir den Weinberg, und schlenderten über einen frischen Wiesgrund, den ein klarer Bach, von Erlen umpflanzt, munter durchströmte, welcher wie Silber glänzte, wenn die Sonne darauf schien. Nach einer Weile erreichten wir eine Mühle; deren Besitzer sehr wohlhabend sind, und eine große Freude äusserten, über die Ehre, die ihnen durch den Besuch des Herrn Pastors und der Jungfer Schwester zu Theil würde. Die Müllerin wollte uns Kaffe machen, und Gebackenes vorsezen; unser lieber Begleiter verbat es sich aber, und nun kam eine Schale herrliches Obst, gutes schwarzes Hausbrod, und frische Butter auf den Tisch. Wir thaten uns gütlich damit, und dann wurde uns die Einrichtung des Mühlwerks gezeigt. Ich habe nun wohl Alles genau betrachtet, und recht aufmerksam der Erklärung zugehört, aber, du lieber Himmel zum niederschreiben würde ich eine lange Zeit brauchen, das kann ich nicht. Mütterchen soll es mündlich von mir hören, was ich mir gemerkt habe.

Mit der sinkenden Sonne kamen wir von unserm Spaziergang nach Hause, und den Abend über spielten Pfarrers mit uns, nämlich: »Weil und warum; Hast Du deine Lektion gut gelernt, und Salz schneiden« da gab es vielen Spaß. Bertha war beim zweiten Spiel immer gleich mit ihrem -- Ja oder Nein -- bei der Hand, und mußte viele Pfänder geben. Ich nahm mich wohl recht in Acht, doch kam ich auch nicht ungerupft durch. Dabei, so wie überhaupt seit wir hier sind, verwechselt uns Schwestern die gute Pfarrerin immerwährend, bald heiße ich bei ihr Bertha, bald Emma, und Rosalie wird auch zuweilen irre, noch mehr die Magd im Hause, und die andern Leute die aus und ein gehen; ich streite mich nicht darüber ab, denn Schwesterchen Bertha beträgt sich recht gut, warum sollte ich nicht für sie gelten wollen? -- Doch wieder zu meiner Erzählung zurück. Gestern war der erste berühmte Kirmestag; den ich jezt beschreiben will; allein wo fange ich an? Ich möchte gleich _Alles_ zu Papier bringen; aber nein, hübsch in der Ordnung Emma! sonst wird Mütterchen böse, wenn sie ein Quodlibet lesen muß. Also früh in die Kirche -- o weh! ich mußte schon einigemal recht gähnen, der Schlaf kommt mit Macht, ich kann ihm nicht widerstehen.

Den 13ten Morgens 8 Uhr. -- Gescheuder ists, ich nehme die Morgenstunde bei meinem Tagebuch zu Hülfe; am Abend ist wenig Kluges mit mir anzufangen; daher will ich lieber jezt meine Erzählung fortsetzen: Am Sonntag also ging es in die Kirche; sie war mit vielen jungen Birken, mit Kränzen und Blumengewinden geschmückt, und der Herr Pfarrer predigte recht schön _davon_, wie man sich im Gotteshaus betragen soll. Ich habe mir manches gemerkt, und will z. B. gewiß nimmer in der Kirche meine Augen so viel herum spazieren lassen, wie es zuweilen geschah. Am Schluß der Predigt bat Herr Werthlieb so rührend für einen kranken und armen Mann im Dorfe, daß mir die Thränen über die Wangen liefen, und ich gleich wußte, was ich thun wollte. Nach der Predigt wandelten wir Schwestern mit Amtmanns Lotte und Schullehrers Suschen auf den, mit feinen Kieß und rothen Sand bestreuten großen Tanzplan, der auch mit Birken umpflanzt war, um welche sich Blumengewinde schlangen. Die Eßglocke rief uns _endlich_ nach Hause, wo es ein herrliches Mittagsmahl gab; Gänsebraten, Schinken, Bratwürste, Obst und köstliche Weintrauben, auch Wein, zu Ehren der Kirchweih. Nachmittag kam Besuch aus der Gegend; meist Geistliche mit ihren Familien; wir lernten sehr artige Kinder kennen, Knaben und Mädchen, und ich dachte oft an Bruder Franz, der gewiß auch recht vergnügt gewesen wäre; doch er kann jene in der Weinlese besuchen. Nach dem Kaffe trinken begaben wir uns Alle auf den Tanzplan, wo schon 2 Geiger und ein Schalmeibläser lustig mussicirten. Nun wurde frisch getanzt, und Herr Werthlieb hatte seine größte Freude an unserm Vergnügen; auch die Dorfsjugend tanzte mit, betrug sich aber so gesittet, daß man sich ihrer nicht zu schämen brauchte. Nach einem Stündchen gebot unser lieber Herr Pfarrer, daß wir nicht mehr tanzen, sondern in einem nahstehenden Gartenhäuschen uns langsam abkühlen sollten. Dann besahen wir die aufgeschlagenen Buden, wo hübsche Sachen zu finden waren, und Bertha kaufte sich von dem Geld, das die guten Aeltern einer Jeden von uns mitgaben, nette Herzen von Perlenmutter in die Ohrringe, und allerliebstes kleines Geschirr von feinem Porzellan. Gerne hätte ich mir auch eines gekauft, und Bertha bat, zürnte, und bot Alles auf, um mich dazu zu bewegen; allein es half nichts, ich blieb standhaft. Warum? -- ach, soll ich es denn erzählen. Ei wohl! ließt doch dieses Tagebuch niemand als mein Mütterchen, und dieser darf und will ich nichts verschweigen. In der Dämmerung schlich ich mich nämlich in das, von Herrn Pastor bezeichnetes Häuschen zu dem armen Mann, und brachte ihm mein Geld. Ach Gott! welch Elend traf ich hier! Ein noch nicht betagter Mann lag abgezehrt, gleich einem Todtengerippe auf einem elenden Bette, die Frau und 2 Kinderchen von ohngefähr 4 und 7 Jahren saßen betrübt in einer Ecke, jene spann Wolle, der Knabe nagte an einer harten Rinde Brod, und das Mädchen verbarg ihr Köpfchen in den Rock der Mutter, und schluchzte leise, wahrscheinlich aus Hunger. Denn die Gaben, welche die Gemeinde, nach der Aufforderung ihres Seelsorgers, gebracht hatte, und die in Geld bestanden, wurden zur Belohnung des Arztes aufgespart, nach dem in die nächste Stadt geschickt worden war. Ich hatte mir vorgenommen, all mein Geld her zugeben; nun drückte ich aber nur 3 viergroschen Stück der Frau in die Hand, und lief unter dem Versprechen, bald wieder zu kommen hinweg. Mein Vorsatz war, Küchen- und Spielzeug für die armen Kinder zu kaufen, und ihnen zu bringen, doch o weh, die Krämer hatten schon eingepackt, es war nichts mehr zu bekommen, betrübt schlich ich nach Hause; da begegnete mir die alte Liese, welche im Pfarrhaus mancherlei Dienste thut; dieser klagte ich mein Leid und erhielt von ihr den Trost: daß die Buden am folgenden Tag wieder aufgeschlagen würden, wo ich dann mein gutes Werk, wie sie sagte, vollenden könnte. So war es auch, und die Freude, welche Paul und Gretchen über meine kleinen Geschenke hatten, machte mich glücklicher, als alle Herrlichkeiten, die ich mir selbst gekauft hätte. Der Mutter rannen die Thränen über die eingefallenen Wangen, als sie ihre Kinderchen so vergnügt sah, und selbst der kranke Mann lächelte auf seinem Schmerzenslager; und reichte mir die knöcherne Hand. Ach ich war so innig froh, so selig, daß ich es nicht beschreiben kann; und daß ich die Freude so still in mir hatte, daß Niemand davon wußte, als ich, das war mir doppelt lieb; -- aber oft versezte ich mich mit meinen Gedanken in die ärmliche Hütte, und dann fand mich Bertha und die Andern zerstreut und einsilbig, und erstere zankte mich darüber recht ordentlich aus, wenn mir das gesellschaftliche Gewühl lästig wurde, und ich mich ein wenig absonderte; denn gestern ging es im Haus und im Dorfe noch recht lustig zu, es wurde geschmaußt und getanzt; und wieder andere Freunde der Pfarrleute erschienen schon zu Mittag, weshalb abermals viel mehr Gerichte auf den Tisch kamen als gewöhnlich. Es gelang mir, von meinem Teller Eines und das Andere unbemerkt wegzunehmen, und dies trug ich meinen Armen Abends wieder zu.

Den 13ten Abends 9 Uhr. Die alte Plaudertasche die Lies' die mir gestern Abend wieder begegnete, als ich nach Clausens Hütte ging, hat gewiß dem Herrn Pfarrer Alles geschäftig hinter bracht, was sie von mir wußte, aber wieder mich mit Bertha verwechselte; denn heute bemerkte ich von ihm und seiner Frau, sowie von Rosalien eine ausgezeichnete Freundlichkeit gegen Jene. Auch sprach Herr Werthlieb ein paarmal mit großem Ruhm von der stillen Wohlthätigkeit, sah dabei lächelnd und bedeutend auf Bertha, und streichelte ihr die Wange. Sie aber schaute ihn mit großen Augen an, und wußte nicht, wie sie das nehmen sollte. Was soll ich nun thun, soll ich Schwesterchen die Sache erklären oder schweigen? -- Diese Frage beschäftigte mich heute immer, und da ich nicht mit mir einig werden konnte, und überdies ein ununterbrochener Regen uns ins Zimmer bannte, war ich oft ganz verstimmt. Rosalie benahm sich aber recht gütig gegen uns, lehrte uns viele künstliche Sachen aus Karten ausschneiden und zusammenlegen, zeigte und erklärte uns köstliche Bilderbücher aus ihres Bruders Bibliothek, und erzählte uns auch einige schöne Geschichten, dazwischen tändelte und schäckerte ich mit dem kleinen dicken Luischen, und so verstrich der heutige Tag. Morgen aber -- ja Morgen geht es wieder in die liebe Heimath und so vergnügt ich auch in Moosdorf war, so freue ich mich doch unbeschreiblich die guten Aeltern und Bruder Franz wieder zu sehen. Wenn ich nur wüßte, ob ich schweigen, oder Bertha aus dem Traum helfen soll; -- nein, ich will ihr die gute Meinung, welche Pfarrers von ihr hegen, gönnen und -- stille seyn. --

Die Entdeckung.

Wirklich hatte Emma den Sieg über sich gewonnen, den Ruhm, welchen Bertha, ohne es zu wissen und zu verdienen, sich bei Werthliebs erworben hatte, durch keine Erklärung ihr zu entziehen; doch ein Zufall stellte die Sache ins wahre Licht. Emma hatte am lezten Morgen noch einen kurzen Besuch in Clausens ärmlichen Häuschen abgestattet, und dessen Bewohnern versprochen: ihnen durch Franz, wenn dieser zur Weinlese nach Moosdorf kommen würde, einen Beweiß ihres Andenkens zu schicken; die dankbare Rührung der Leute, mit der sie von dem guten Mädchen Abschied nahmen, bewegte Emma selbst so sehr, daß sie sich der Thränen nicht enthalten konnte. Noch unter der Thüre trocknete sie sich die Augen, und wollte dann das Sacktuch in ihr Körbchen schieben, indem kam ein Hund aus einem Seitengäßchen bellend auf sie zugesprungen, und unsere furchtsame Emma lief wie ein gejagtes Reh dem Pfarrhause zu. In Schrecken hatte sie das Sacktuch fallen lassen, Liese, die nahe -- bei Clausen wohnte, dasselbe gefunden, und der Frau Pastorin mit der dazu gehörigen Erläuterung gebracht. Emma's Name, der ins Sacktuch gezeichnet war, sagte Jener nun, daß nicht Bertha, sondern ihre Schwester die kleine Wohlthäterin der armen Leute war, und sie theilte ihrem Manne, so wie Rosalien die Entdeckung mit. Der Pastor vermochte es nicht, Emma sein Wohlgefallen, so wohl über ihre Mildthätigkeit, als auch über ihr anspruchloses edelmüthiges Verschweigen ihrer Handlungsweise vorzuenthalten; aber er nahm sie dabei alleine mit in sein Gärtchen, um ohne Zeugen ihr sein Lob zu ertheilen; denn er wollte weder ihre Bescheidenheit verletzen, noch Bertha wehe thun; Ja er bat Emma: das Schwesterchen nun ganz in Unbekanntschaft mit der Sache zu lassen, »denn« fügte er hinzu; »an deiner Stelle liebe Emma, hätte ich Bertha den Antheil an der schönen That gegönnt. Ihr macht es auch Freude, Armen Gutes zu thun, vereint hättet ihr die Wohlthat noch vergrößern können; und so verschloßen gegen eine Schwester zu seyn, ist nicht recht. Jezt kannst Du nur deinen, gegen Bertha begangenen Fehler dadurch mindern, daß Du die Begebenheit als ein Geheimniß so lange bewahrst, bis Du einmal in einer vertrauten Stunde der guten Schwester Verzeihung wegen deiner Verschlossenheit nach suchen, und ihr dann Alles aufrichtig erzählen kannst und wirst.« Diese Rüge, so sanft sie war, wollte Emma auf das erhaltene Lob gar nicht behagen; aber sie trug für Werthlieb zu viel kindliche Ehrfurcht und Liebe im Herzen, als daß sie ihm ihre Empfindlichkeit gezeigt hätte, auch mußte sie sich sagen, daß er Recht habe. Nach kurzem Nachdenken entschloß sie sich Moosdorf nicht zu verlassen, ohne den Vorwurf, den sie sich selbst zu machen hatte, von sich weggewälzt zu haben. Stillschweigend war sie mit dem Pastor noch ein paar Gänge im Garten auf und nieder geschritten, dann ergriff sie seine Hand, führte sie an ihre Lippen und sagte: »Ich will auf der Stelle mein Unrecht wieder gut machen, schicken Sie mir Bertha, ich werde ihr Alles gestehen.« Werthlieb versprach es mit einem herzlichen Kuß, und bald hatten sich die Schwestern unter sich verständigt, denn Bertha konnte nicht zürnen; aber sie untersuchte den Inhalt ihres Geldbeutelchens, fand noch 2 Groschen darin, kaufte Brod, und brachte es, von Emma hingeleitet den Armen. Mit innerer Zufriedenheit verließen nun beide Schwestern Moosdorf, und schieden mit Dankesthränen von der freundlichen Pfarrerin und von Rosalien. Der Pfarrherr aber hatte den Aeltern versprochen, die geliebten Töchterchen wieder selbst zurückzubringen, und so hielt er auch Wort. Groß war die Freude des Wiedersehens in der Familie Falkensee, und noch an demselben Abend übergab Emma, ehe sie sich schlafen legte, der theuern Mutter das versprochene Tagebuch.

Die Schlittenfahrt.

So wie Bertha, (was meine lieben Leser und Leserinnen sich erinnern werden,) der Liebling bei der reichen Banquier Krause war, so stand Emma bei der Rath Sinthal, _vor_ dem Schwesterchen hoch in der Gunst; denn Frau Krause liebte die _muntere_ Jugend, Jene die sanfteren Kinder, und sie hoffte durch den Umgang mit Emma, ihrer, etwas wilden Thekla, mehr Ruhe und Stille anzugewöhnen. Emma durfte also nicht nur zu Sinthals unaufgefordert kommen wann sie wollte und wurde immer mit Liebe empfangen, sondern es erging auch noch manche besondere Einladung an sie. Mitunter wohl auch an Bertha, jedoch seltener, da Thekla gleichfalls dem andern Schwesterchen mit mehr Liebe zugethan war, ja nach ihrem Wunsch sollte Emma jeden Festtag in der Familie mit verleben, jedes ausgezeichnete Vergnügen mit genießen. Dies konnte jedoch nicht immer geschehen; denn Falkensee's lebten noch in gar manchen freundschaftlichen Verbindungen, an denen die Kinder Antheil nahmen; und dann durften sich, nach der Baronin Grundsäzen, ihre Töchterchen nicht gewöhnen, _täglich_ ausser dem Hause zu seyn; deshalb blieb mancher Wunsch von Thekla in jener Hinsicht unbefriedigt. Aber auf der Erfüllung eines derselben bestund sie einstmals sehr fest. Es fiel nämlich Schlittenwetter ein, und Emma hatte früher hin geäussert: daß sie kein größeres Vergnügen kenne, als in einem Schlitten über die beschneiten Straßen und Fluren hinweg zu fliegen, und dabei das Geläute der kleinen Glöckchen und Schellen zu vernehmen. Nun wurde bei Sinthals eine Schlittenfahrt nach einem entfernten Dorf angeordnet, und Thekla bat flehentlich: Emma daran Antheil nehmen zu lassen. Wohl war der Schlitten schon besezt, denn ausser den Aeltern und dem Töchterchen fuhr noch ein Freund des Vaters mit; indessen hielt man davor, daß ein so kleines und zartes Persönchen wie Emma war, noch einzuschieben wäre, und es wurde bewilligt, sie einzuladen. Die Magd der Räthin war noch nicht lange im Hause, hatte jedoch, da sie sich die Winterabende hindurch mit ihrem Spinnrädchen im Wohnzimmer aufhalten mußte, die Namen der beiden Zwillingsschwesterchen schon öfters nennen hören, und verwechselte sie bei jener Einladung. Bertha hüpfte gerade über den Vorplaz als die Dienerin in ihrer Wohnung erschien, und diese glaubte, als sie die ähnliche Schwester erblickte, nun gar nicht zu irren, indem sie ihren, von der Herrschaft erhaltenen Auftrag an Bertha richtete. »Ach nein,« entgegnete leztere. »Emma ist darunter gemeint, und nicht ich.« »Heißen sie denn nicht Bertha?« fragte die Magd. »Ja das ist mein Name« antwortete das Mädchen, und jene bestättigte ihre Aussage mit der Versicherung: »mir wurde befohlen Fräulein Bertha einzuladen, und so kann ich es nicht anders sagen.« Auch gegen Frau v. Falkensee, die dazu kam, und kopfschüttelnd der Magd zuhörte, wiederholte diese ihre Aufforderung, und blieb hartnäckig auf dem Namen Bertha. Was war zu thun -- so sehr Emma sich im Stillen darüber betrübte, und die Mutter und Bertha zweifelten -- Leztere mußte doch zur bestimmten Zeit sich auf den Weg nach Sinthals Wohnung machen. Thekla hatte sehnsüchtig am Fenster auf Emma geharrt, und sah nun schon von Weitem Bertha herbei kommen. Erschrocken lief sie zur Mutter, und klagte ihr die Verwechslung. Sie theilte ihres Töchterchens Trauer über die erlittene Täuschung, verbot ihr aber strenge, sie Bertha entgelten zu lassen, ja diese sollte nach der Räthin Willen es nicht erfahren, daß sie nicht gemeint war. Sie wurde also recht freundlich empfangen, und da der Schlitten gleich vorfuhr, so hatte man gar nicht Zeit, sich viel zu besprechen. Es war ein köstlicher Wintertag. Die Sonne stand klar und heiter im reinen Himmelblau, und von ihren Strahlen beglänzt, funkelte der Schnee auf den Fluren und Feldern, gleich Diamanten, und die Bäume und Gesträuche waren mit Reif, wie mit feinem Sammt verbrämt. Der Schlitten flog pfeilschnell dahin, und das Geläute des Pferdgeschirrs tönte lieblich und hell. Die Kinder jubelten vor Lust, nur in Bertha stieg zuweilen der Wunsch auf: wenn _nur_ Emma dies Vergnügen mit genießen könnte. Auch gesellte sich zuweilen der Zweifel dazu: und wie -- wenn _doch_ eine Verwechslung Statt gefunden hätte! -- Zwar die Art, wie sie empfangen wurde, hatte in Bertha so ziemlich jene Vermuthung verscheucht; nur auf Thekla's Stirne glaubte sie einige Falten wahrgenommen zu haben; allein es war überhaupt ihre Sache nicht, lange einer ernsten Betrachtung nachzuhängen, und das Vergnügen der Fahrt zerstreute noch mehr ihre Bedenklichkeiten; nur die Liebe zu Emma rief sie zuweilen auf kurze Zeit wieder hervor. Dies geschah auch, als sie, in Hainfeld angelangt, in der wohl durchwärmten Wirthsstube, beim duftenden Kaffetrank saßen, und sich denselben, nebst dem, von Frau Sinthal, mitgenommenen mürben Kuchen trefflich hatten schmecken lassen; es schlenderten darauf beide Mädchen Arm in Arm im Zimmer auf und ab, und plauderten von diesem und Jenem. Da trat wieder Emma's Bild vor Bertha's Seele, und sie flüsterte der Freundin traulich zu: »Sage mir liebe Thekla recht ehrlich: bin ich nicht heute wieder mit meinem Schwesterchen verwechselt worden?« Jene wurde über und über roth, und wußte vor Verlegenheit nicht, was sie antworten sollte. »Ja, ja so ist es! Emma hat dies Vergnügen genießen sollen, und nun ist die Arme um dasselbe gekommen!« rief Bertha und brach -- heftig, wie sie war -- in lautes Schluchzen aus. Erschrocken eilte Frau Sinthal hinzu, und fragte was ihr fehle. Thekla erzählte, und Bertha wollte sich nicht trösten lassen, bis der Rath, der so eben ins Zimmer kam, und sich auch nach der Ursache von Berthas Betrübniß erkundigte, sie mit der Versicherung beruhigte: daß, wenn die Schlittenbahn noch einige Tage währte, er eine zweite Fahrt unternehmen, und Emma mitnehmen wolle. Dies Versprechen troknete die Thränen der zärtlichen Schwester, und bald kehrte ihre vorige Fröhlichkeit wieder zurück. Als die Sonne tiefer sank, als sie einen rosigen Schleier über die ganze Flur verbreitete, und bei den gegenüberstehenden Häusern und Hütten, die Fenster von dem Wiederschein der feurigen Himmelskugel in vollen Flammen zu stehen schienen, wurden von unserer Gesellschaft Anstalten zum Aufbruch getroffen, und die Mädchen freuten sich herzlich auf die Rückfahrt. Jedoch bald, bald wäre ihnen diese sehr verbittert worden.

Der Kutscher hatte nämlich, ohne Wissen des Raths, zur Erwärmung noch ein paar Gläser Brantwein, neben dem Bier, das er von Jenem erhielt, getrunken, so daß er etwas berauscht war, und die muthigen Rosse nicht recht zu bändigen vermochte. Der Schlitten schien kaum den Boden zu berühren, so rannten jene mit ihm davon, und schon sah man die Stadt ziemlich nahe vor sich liegen, als die Pferde vor einer an ihnen vorbeigehenden Frau, und vor ihnen, mit Wäsche hoch aufgethürmten Korb, den sie noch zur Stadt trug, scheu wurden, ausrissen, und durch die Gewalt, mit der dies geschah, den Schlitten umwarfen, und zerbrachen. Glüklicher Weise nahm Niemand Schaden bei dem Fall, und die Pferde wurden mit dem Theile des Schlittens, den sie mit fort nahmen, auch bald aufgefangen. Aber Bertha's erster Ausruf war, als man sich wieder erhoben hatte: »Gottlob daß Emma nicht dabei gewesen ist!«

Auch schickte sie, bei ihrer Nachhausekunft, die Erzählung des erlittenen Unfalls, der, von der Statt gefundenen Verwechslung voraus, und fügte des Raths Zusicherung einer zweiten Schlittenfahrt gleich hinzu, um dem Schwesterchen die heutige unangenehme Erfahrung verschmerzen zu machen. Noch nie war aber Bertha ein solches Wetterhähnchen als in diesen Tagen. Immer prüfte sie Wind und Wolken, ob sie doch kein Thauwetter mitbringen würden. Doch der Himmel erfüllte ihren schwesterlichen Wunsch, und Emma genoß dasselbe Vergnügen, das ihr zu Theil gewordene war, und noch ungetrübter, da auch die Nachhausfahrt glüklich vorüberging.

Die Maskerade.

»Ich möchte doch einmal einen Maskenball sehen!« äusserte die fröhliche Bertha gegen die Mutter; als diese verschiedene Anstalten traf, um einer Aufforderung von mehreren Freunden zu folgen, welche Herrn und Frau von Falkensee zu einer gesellschaftlichen Verkleidung für die nächste Redoute eingeladen hatten. --

»Nun in 5 oder 6 Jahren ist's immer noch Zeit genug für Dich, eine solche Lustbarkeit mit zu machen,« erwiederte die Baronin dem Töchterchen; aber in ihrem Herzen dachte sie anders. Franzen Geburtstag fiel in die Zeit des Carnewal's, und der wackere Sohn erfreute die Aeltern fortwährend durch Fleiß und Lerneifer, so wie durch ein gesittetes Betragen, darum sollte auch ihm, nach dem Wunsche der Mutter, auf seinen Geburtstag ein ausgezeichnetes Vergnügen bereitet werden. Franz tanzte sehr gerne; da führte Bertha's ausgesprochenes Verlangen, Jene auf den Gedanken: an dem erwähnten Tag einen maskirten Kinderball zu veranstalten. Sie erwog Alles hinlänglich, holte sich auch des Gatten Rath und Meinung, und schritt zulezt wirklich zur Ausführung des entworfenen Plans. Alle Kinder aus ihrem Verwandtschafts- und Bekanntschaftskreis wurden eingeladen, und gebeten, mit Masken und in Maskenkleidern zu erscheinen; Auch Emma und Bertha erhielten Leztere, doch keine Masken vor das Gesicht; denn die Majorin wollte sehen: ob der fremde, aber ganz ähnliche Anzug der Töchterchen mehr oder minder zu ihrer Verwechslung beitragen würde, besonders bei Bruder Franz, welcher von der ganzen Veranstaltung nur so viel erfuhr; daß mehrere seiner und der Schwestern Gespielen den Abend mit ihm feiern würden. Wie erstaunte er aber, als er von den Aeltern in das große, hellerleuchtete Zimmer geführt wurde, als bei seinem Eintritt die Musik ertönte, und lauter vermummte kleine Gestalten ihn begrüßten. Da näherte sich ihm ein schlankes Bauern-Bürschchen und reichte ihm mit einem Krazfuß ein Sträußchen dar; dort brachte ihm ein nettes Gärtner-Mädchen ein Körbchen mit ausgesucht schönen Aepfeln; dann kam ein kleiner Harlequin und ließ Franz, ihn neckend, seine leichte hölzerne Pritsche fühlen; ein Türke stolzirte langsam auf ihn zu, und bot ihm an, aus seiner langen Pfeife einige Züge zu thun; ein Pastetenjunge trug sein Backwerk zum Verkauf herum, das, in ein reines weißes Tuch geschlagen, sein Korb enthielt, und mit dem der Geburtstäger, so wie die ganze Gesellschaft damit beschenkt wurde. Ein Zigeunermädel prophezeite Franz aus seiner Hand viel Gutes, und auch viel drolliges; und 2 niedliche Mädchen, nebst 2 Knaben, die 4 Jahreszeiten vorstellend, überreichten Jenem folgende Verse:

_Der Winter._

Verachte nicht den Wintersmann, Bei ihm fing einst dein Leben an; Auch deine Freunde ehren ihn, Und lässt er schöne Blumen blühn Am Fensterglas, dann gehts hinaus Zur Schlittenbahn, in Saus und Braus!

_Der Frühling._

Neues Leben regt sich auf der Flur Und in Kinderherzen, denn -- seht, die Natur Streut auf unsre Wege Blum' und Blüthen.

_Der Sommer._

Trockne die Stirne geduldig; es reift Nur an der Sonne heis glühendem Strahl, Was uns erquicket beim köstlichen Mahl; Nichts ohne Müh' hier gedeihet.

_Der Herbst._

Wenn die Jugend reiche Saat, In das Feld gesenket hat, Lohnt die Erndte jede Müh; Darum denke oft an sie. --

Ausser diesen genannten Masken waren noch Schäfer und Schäferinnen, Pilger und Pilgerinnen, Ritter und Nonnen u. a. m. zu sehen. Manche Kinderchen konnten ihre Sprache, und andere Eigenthümlichkeiten nicht genug verstellen, diese wurden dann natürlich gleich erkannt. Bei Manchen aber rieth man lange hin und her, und immer falsch, so, daß sogar einige aus kindischer Ungeduld die Masken vom Gesicht nahmen, und sich selbst zu erkennen gaben. Daß viel dabei gelacht wurde, werden meine lieben Leser und Leserinnen leicht glauben. Endlich trat ein Kellnermädchen in baierischer Tracht vor Franzen hin, und presentirte ihm auf einem Teller schweigend ein Glas süße Mandelmilch. Das Mädchen trug einen dunkeln Rock, nebst kurzer weißer Schürze, weite lange Hemdermel, ein schwarz-samtnes Leibchen, mit rothem Brustlaz, welches eine silberne Kette schnürte; inwendig einen fein gefälteten Hemdkragen, und ein seidnes Halstüchlein darüber herumgeschlungen; Auf dem Kopf ein kleines silbernes Häubchen; Nach kurzem Anschaun rief Franz lachend: »Ei meine Bertha! seht doch! seht wie schmuck das Mädel aussieht! Nun gieb mir nur deine gute Erfrischung, und nimm dafür meinen schönsten Dank.« Schnell entfernte sich die Kleine, um sich nicht durch Lachen zu verrathen, denn es war -- _Emma_. Ihr folgte die Schwester, Jenem eine Schale Zwieback hinreichend, von welchem er dankend nahm, sich über den schwesterlichen Anzug freute und nun Bertha für Emma hielt, bis beide vor ihm standen, und schäckernd eine jede fragte: »Wer bin ich? Sprich, wer bin ich?« -- Die holden Kellnermädchen tanzten anfangs wenig, sondern spielten ihre Rolle recht natürlich, indem sie sich geschäftig der Bewirthung annahmen, wo aber beständig eine Verwechslung der Schwestern zu Schulden kam. Nach einer Weile entfernte sich Franz auf einen Wink der Mutter, und kam im Anzug eines Tyrolers, der Teppiche zum Verkauf über der Achsel trug, ins Zimmer zurück. Bald warf er jedoch die Decken ab, und fing an zu Tanzen. Sein Herz zog ihn vor Allem zu den lieben Schwesterchen; er holte sich Bertha, ob er gleich Emma der Ältern den Vorzug zugedacht hatte; sprach jene aber immer als diese an; und das lose Mädchen ließ ihn lange auf seinen Glauben, redete wenig und schlug den Blick zu Boden; denn noch immer waren die Schwestern an den Unterschied der Stimme und Augen am kennbarsten. Endlich hielt Bertha im Tanzen inne, rief Emma zu sich und sagte: »Franz will mit _Dir_ Tanzen, und nur durch einen Irrthum ist die arme Bertha des Glükes theilhaftig geworden. Zur Strafe für seine Partheilichkeit wollte ich nun den Herrn Bruder ein Weilchen zum besten haben. Doch Bertha's Zorn ist gar schnell verraucht, und also auch dem Herrn Geburtstäger in Gnaden vergeben.« --

»Was, Du bist nicht Emma?« fragte dieser erstaunt. »Ja wirklich!« fuhr er fort; »und ich hätte nur in Deine muthwilligen Augen schauen dürfen, dann würde ich gleich gewußt haben, woran ich bin; doch laß uns nur noch ein wenig fort waltzen, es geht ja auch mit Dir wie auf einem Schnürchen, und Emma tanzt nachher mit mir, nicht wahr?«

Wie dem eigenen Bruder, widerfuhr es den fremden Knaben und Mädchen; immer waren sie zweifelhaft, wenn sie mit den Schwestern tanzten oder plauderten, welche Emma oder Bertha sey; bis Jene ihnen oft selbst zu Recht halfen. Indessen machten sich Beide durch ihr Betragen allgemein beliebt, also störten die vorfallenden Verwechslungen die gesellige Freude nicht, welche diesen Abend in einer besonders freundlichen Gestalt im Kreise der Kinder waltete. Ja beim Abschied versicherten Alle dem Major und seiner Gattin: daß sie nicht leicht so froh und glücklich gewesen wären als heute. Franz aber fiel am Schluß der Lustbarkeit den geliebten Aeltern um den Hals, dankte ihnen gerührt für ihre genuß- und liebevollen Veranstaltungen zur Feier seines Geburtstags und gelobte für das neue Jahr auch durch neues Streben ihrer Liebe werth zu bleiben. -- Er hielt getreulich Wort.

Das Pathengeschenk.

Bertha hatte ausser einer Taufpathin in ihrem Wohnort, auch noch eine auswärts, welche die vertraute Freundin der Majorin in früherer Zeit war. Auch jezt noch wechselten sie zuweilen Briefe, und keiner wurde gegenseitig abgesendet und empfangen, in welchem nicht des lieben Pathchens Erwähnung geschah. Nach der Schilderung der zärtlichen Mutter hatte Frau v. Weißmann eine sehr gute Meinung von Bertha gefaßt, und ihr Bildniß, das sie einst von den Aeltern derselben erhalten hatte, war ihr ein recht werthes Besizthum. Gerne hätte auch sie öfters Jener einen Beweiß ihres liebenden Andenkens zugeschickt; allein die Entfernung betrug viele Meilen, wodurch der Transport einer Sendung sehr erschwert wurde. Doch es ergab sich, daß ein, in Weißmanns Hause bekannter Officier in Berthas Wohnort versezt wurde. Diese Gelegenheit durfte nicht unbenüzt vorbeistreichen, und Hauptmann Halten wurde recht schön gebeten, einen Auftrag zu übernehmen. Gerne verstand sich dieser dazu, denn er war überdieß ein großer Kinderfreund; und Frau v. Weißmann brachte bei seinem Abschiedsbesuch Berthas Bildniß herbei, und suchte ihn zu bewegen, dasselbe recht anzuschauen, damit ihr liebes Pathchen, das für sie bestimmte Geschenk gewiß erhielt, und nicht die, ihr sehr ähnliche Emma, obgleich für diese auch Etwas beigepackt worden war. Halten glaubte sich des Portraits Züge recht eingeprägt zu haben, und reiste mit der Zusicherung, Alles aufs Beste zu übergeben, ab. Als er an dem Ort seiner Bestimmung angelangt war, überfiel sogleich den, nicht mehr jungen Mann eine bedeutende Krankheit und er mußte längere Zeit, das Bett hüten; durch jemand Anderm aber wollte er nicht die ihm anvertraute Gabe Falkensee's beiden Töchterchen einhändigen lassen, behielt sie also bis zu seiner Wiederherstellung zurück; der Hauptmann war ein frommer Krieger, daher besuchte er, nach wieder erhaltener Gesundheit vor Allem das Gotteshaus, um daselbst dem Höchsten für seine Hülfe zu danken. Von einer Emporkirche herab bemerkte er in einem untern Kirchenstuhl zwei Mädchen, die er sogleich für die Zwillingsschwestern erkannte, und nun sah er aber erst ein, wie schwer eine bezeichnende Verschiedenheit bei ihnen zu finden sey; Er nahm sich vor, die Mädchen auf eine Probe zu stellen, und glaubte sicherlich die, welche darin am besten bestehen würde, müsse Frau v. Weißmanns Pathin seyn, so sehr hatte er für Letztere, durch die Schilderung jener ein günstiges Vorurtheil gefaßt. Aber es zerstreute ihn der Anblick der Mädchen selbst in der Predigt ein wenig, denn er beobachtete immer dazwischen ihr Benehmen, und da entging es ihm nicht, daß das eine still und voll Aufmerksamkeit schien, hingegen das Andere unruhig hin- und herrückte, bald da, bald dorthin schaute, das Sacktuch, das Gesangbuch fallen ließ, und von dem Schwesterchen erst darüber getadelt wurde. Beim Herausgehen aus der Kirche, wo Halten den Kindern auf dem Fuße folgte, sah und hörte er, wie ein armer Greis dieselben um ein Almosen ansprach. Das fromme stille Kind schlug das Gesangbuch auf, nahm eine darin befindliche kleine Münze heraus, und reichte sie mit freundlicher Miene dem Armen; ihre Gefährtin suchte auch in ihrem Gesangbuch nach, doch -- o weh! als sie es in der Kirche fallen ließ, mußte das Geld dadurch verloren worden seyn, -- sie fand es nicht, schien sich aber leicht darüber zu trösten. Dies Alles gab dem Hauptmann Aufschluß über den Charakter der beiden Schwestern, und sein Liebling, die verständige und milde, mußte nun auch nach seiner Meinung das vielgeliebte Pathchen seyn, dem er ein so schönes Geschenk zu übergeben hatte. -- Noch an demselben Tag begab er sich in Falkensee's Wohnung, und begrüßte den Major als seinen Kriegskameraden, ohne der Weißmännischen Familie und seines Auftrags zu erwähnen; aber als die beiden Mädchen nach einer Weile Hand in Hand ins Zimmer traten, begrüßte er sie freundlich, und sagte: »Ich habe schon heute Morgens in der Kirche eure Bekanntschaft gemacht, meine Lieben!« Beide schauten ihn fragend und zweifelnd mit großen Augen an. Er aber fuhr fort: »Ja, ja, so ist es; und ich glaubte, meine andächtige Kleine von dem unruhigen Schwesterchen bei einem Wiedersehen genau unterscheiden zu können, allein eure wunderbare Aehnlichkeit macht es mir dennoch unmöglich; daher sagt mir ehrlich, welche von Euch betrug sich so ruhig und anständig im Hause Gottes, und welche von Euch erfreute den armen Greis mit einer Gabe?« Die Mädchen standen verlegen vor ihm; eine Purpurröthe übergoß ihre Wangen, und ihr Blick senkte sich zur Erde. Endlich hub Bertha an, und sagte halbe laut: »ich war die Unruhige, meine Schwester ist viel artiger als ich.« Halten über diese Offenheit gerührt, stand einige Augenblicke zweifelnd, welchen der Kinder er den Vorzug einräumen, welches er für das Pathchen seiner Freundin erklären sollte. Da fiel ihm erst die Schilderung jener bei, welche ihm Bertha als ein lebhaftes, Emma als ein ruhiges Geschöpfchen bezeichnete, und schon wollte er Ersterer die bestimmte Gabe einhändigen; aber nun kam ihm der Gedanke: die Kleinen noch strenger zu prüfen. Er zog zwei Packette aus der Tasche, übergab das Größere der sanften Emma, und das Kleinere der muntern Bertha, indem er sagte: »meine Freundin Weißmann, Euch wohl bekannt, sendet Euch durch mich viele herzliche Grüße, und diese Geschenke.« Begierig öffneten die Kinder die Päckchen, und Emma fand in dem ihrigen ein schönes seidenes Halstuch, ein goldnes Ringchen mit Haargeflecht, und in einer hölzernen Frucht, die man öffnen konnte, niedliche kleine Kämmchen, Täßchen, Tellerchen, Töpfchen, u. s. w. von blendend weisen Elfenbein. In Bertha's Packett war ein etwas geringeres Halstuch und ein Kästchen voll Dewisen. Als der Hauptmann den Namen, Weißmann, nannte rief Bertha hoch erfreut: »Ach von meiner Pathin, von meiner guten Pathin!« und die Mutter, die während des Gesprächs ihrer Kinder mit Halten, an einer andern Stelle des Zimmers ein Geschäft vorzunehmen hatte, kam auch herbei, und war, gleich den Kindern, begierig, welchen Beweiß ihres Andenkens die entfernte Freundin gesendet haben würde. Als nun die schönen Sachen ausgepackt waren, überzeugte sich Emma sogleich, daß sie das unrechte Packett erhalten habe, und äusserte bescheiden gegen den Hauptmann: »Sie haben sich geirrt, lieber Herr! dies Geschenk gehört Bertha.« »Nein, nein!« fiel ihr diese in die Rede. »Der Herr hält Dich für vorzüglicher, und meint also, Du verdienst das schönere Geschenk. Er hat auch Recht, und da Du es einmal erhielst, so gehört es Dein, ich trete es Dir feierlich ab.« Emma wollte nichts davon hören, und der edle Wettstreit dauerte noch eine Weile. Endlich entschied Halten dahin: daß Emma, das ihr zugefallene Tuch und Spielzeug behalten, Bertha aber das Ringchen annehmen solle, da die Haare von ihrer Pathin, und durchaus _ihr_ bestimmt seyen. Aber tief bewegt, setzte er noch hinzu: »Eure Bekanntschaft liebe Kinder rechne ich zu den angenehmen Erfahrungen meines Lebens, denn eure Schwesterliebe, und edle Uneigennützigkeit hat mich wahrhaft gerührt. O bleibt dieser schönen Denk- und Handlungsweise stets getreu, und seyd gewiß, daß Gottes Segen sie begleitet.« Nach diesen Worten umarmte er die Mädchen herzlich, wandte sich dann an die Baronin und sagte: »Jetzt erst, nachdem ich mein Vorhaben ausgeführt, und den Werth und Charakter Ihrer Töchterchen selbst geprüft habe, kann ich meinen erhaltenen Auftrag ganz genügen, und von ihrer Freundin, deren Abgesandter ich bin, Ihnen viel, recht viel erzählen, so wie von deren würdigem Gatten, meinem lieben Major. Wo ist er denn hingekommen?« dieser war vor einer Weile aus dem Zimmer gerufen worden; kehrte aber eben wieder zurück; seine Gattin bereitete darauf den Theetisch, und daran wurde in traulicher Runde Plaz genommen. Dann begann eine, für den ganzen kleinen Kreis wichtige Unterhaltung, deren Hauptgegenstand die Weißmännische Familie war. Bertha blickte dabei nicht selten auf den, an ihrem Fingerchen schimmernden Ring, und sie und Emma vergnügte oft späterhin in Friede und Eintracht das niedliche, von der gütigen Pathin erhaltene Spielzeug.

Der kranke Zahn.

»Ach Mutter!« jammerte an einem Morgen Emma. »Diese Nacht ließen mich meine bösen Zähne wieder gar nicht schlafen, sage mir doch ein Mittel, das mich von dem argen Schmerz befreit.« »Warte mein Kind;« tröstete sie die Baronin; »heute ist Rasiertag, wenn Herr Ziegler zum Vater kommt, wollen wir ihn um Rath fragen.« Kaum konnte ihn Emma erwarten, und hoffte zuversichtlich Hülfe von ihm. Allein sie hatte sich einigermassen getäuscht; denn jener war ein großer Liebhaber vom Zahn ausnehmen, vor dieser gewaltsamen Operation schauderte aber die zarte Emma zurück, und ließ sich durchaus nicht bewegen, sich derselben zu unterwerfen. »Haben sie den gar kein anderes Mittelchen?« fragte Frau v. Falkensee; und Ziegler erwiederte: »Zu Hause steht wohl eine Tinktur, die zuweilen den Schmerz hie und da gestillt hat, aber immer nur auf kurze Zeit, das Beste ist, wie ich schon sagte, man macht mit dem Friedensstörer kurzen Prozeß, und giebt ihm den Laufzettel.« »Nein, dazu versteh ich mich nicht,« entgegnete Emma und der Chirurg ging seiner Wege. Doch im Lauf des Tages wurde es immer ärger mit dem armen Mädchen. Der Schmerz preßte ihr bittere Thränen aus dem Auge, und sie vermochte weder zu arbeiten, noch zu spielen, sondern lag größtentheils auf dem Sopha und klagte laut. Bertha, die zärtliche Schwester, fühlte das tiefste Mitleid mit der Leidenden, und sagte unter andern: »Ich habe auch einen dienstuntauglichen Unterthan in meinem Mund, und herzlich gerne wollte ich mir ihm auf der Stelle herausziehen lassen, ob er sich gleich nicht rebellisch beträgt, wenn es meiner Emma etwas nützte.« Die Mutter kam herzu, hörte diese Aeusserung, und sagte: »Dies Opfer verlange ich nicht, aber Du könntest zu Ziegler gehen, und ihn um seine Tinktur bitten; ich weiß nicht warum der wunderliche Mann dieselbe nicht schickt, da ich ihn doch beim Weggehen darum bat.« Ungesäumt eilte Bertha fort, blieb aber ziemlich lange aus. Endlich erschien sie, und trat unter herzlichen Lachen ins Zimmer. »Rathet einmal rathet, was mich so lange aufhielt!« rief sie, »es lebe Herr Ziegler der geschickte Zahnarzt!« darauf brach sie wieder in Lachen aus, und konnte kaum zur Erzählung kommen, so sehr belustigte sie die Erinnerung an das bestandene Abentheuer. Doch der Mutter Gebot: ernsthaft zu seyn, und ein Blick auf die leidende Schwester, mäßigte ihre muthwillige Laune, und sie wickelte nun aus ihrem Sacktuch das kranke Zähnchen, dessen sie vorhin erwähnte. »Wie?« fragte die erstaunte Mutter. »Du hast dir ohne alle Ursache den Schmerz zugezogen, und den Zahn herausnehmen lassen?« »Freilich,« erwiederte das muthvolle Mädchen. »Zwar geschah es von meiner Seite nicht freiwillig, aber ich bereue es nicht, hat der faule Schelm doch zu nichts mehr getaugt; hier ist vor Allem die Tinktur, und nun will ich erzählen, wie es mir erging.« Sie fuhr fort, indem sie sich zu Emma wandte, während die Mutter bei derselben das mitgebrachte Mittel anzuwenden suchte. -- »Unsere schon oft angestaunte Aehnlichkeit mein liebes Zwillingsschwesterchen hat mich um meinen armen Zahn gebracht. Es war wohl nichts an ihm gelegen, allein es ist doch eine eigene Sache, so mir nichts, dir nichts, eine solche Strafe vollziehen zu lassen. Indeßen als mich Herr Ziegler erblickte, rief er mir gleich zu: »Aha mein liebes Kind, ich errathe, was Sie zu mir führt; der Bösewicht in ihrem Mäulchen läßt ihnen keine Ruhe: Nun, nun, setzen Sie sich nur, sie sollen gleich von ihm befreit werden.« »Hollah« dachte ich. Der grimmige Helfer hält mich für mein Schwesterchen. Nun es sey! Er wird mir den Kopf nicht mit dem Zahn abreißen, und ich kann dann meiner lieben Emma beschreiben, wie es thut, kann ihr zu oder abrathen meinem Beispiel zu folgen. Unter diesen Betrachtungen hatte Herr Ziegler seine Instrumente herbeigeholt und ein kleines Sesselchen auf welches ich mich geduldig setzte, und ruhig erwartete, was über mich ergehen würde. Seine Magd sollte mir den Kopf halten, dies verbot ich mir aber, auch war es nur ein Ruck, ein Augenblick, und die ganze Geschichte hatte ein Ende; dann kam ein bischen Blut, und als dies auch vorüber war, erklärte ich dem guten Freund seinen Irrthum. Er lachte laut auf, prieß meinen Muth, und meinte, Du liebe Emma solltest ihm nun auch das ungeheuere Vergnügen machen, und dich von deinem schlimmen Zähnchen auf solche Weise befreien.« Emma schüttelte das Köpfchen, obgleich Bertha ihr versicherte: daß der Schmerz der Operation schnell vorübergehend sey, der ihrige sie aber noch lang quälen würde. So war es auch, sie litt' noch mehrere Tage und Nächte, und zuletzt mußte sie sich doch noch den Händen des allzeit fertigen Zahnausnehmer anvertrauen, welcher das muthige Schwesterchen ihr lobpreisend zum Muster aufstellte; und auch die Mutter konnte Bertha ihren Beifall nicht versagen, da sie durch die entschloßene Aufopferung des kranken Zahn's die übrigen gesunden vor Ansteckung schützte, und Zahnschmerz auch in Zukunft zu den Uebeln gehörte, die sie fast gar nicht aus Erfahrung kennen lernte.

Versuchung und Reue.

Frau von Wellenfells, eine Schwester des Majors, hatte ihren Gatten vor 2 Jahren verloren, und ihr schon länger kränkelnder Körper erlag fast unter dem Schmerz jener Trennung. Als sie sich nach und nach wieder etwas erholt hatte, riethen ihr die Aerzte Wohnung- und Luftveränderung, und sie beschloß eine Reise zu ihrem Bruder zu machen, und einige Zeit bei ihm zu bleiben. Man nahm sie gerne auf, denn sie besaß viele Vorzüge, und besonders gewann sie bald die Gunst der Kinder, da sie die Gabe hatte, sie auf allerlei artige Weise zu unterhalten. Sie spielte trefflich den Flügel, wußte viel aus ihrem Leben, so wie auch andere nette Geschichtchen zu erzählen, und in ihrer reichhaltigen Bibliothek befanden sich manche werthvolle Jugendschriften. Wenn sie recht guter Laune war, so lehrte sie Franzen verschiedene kleine Taschenspielerkünste, mit und ohne Karten; und dann war sie auch nicht abgeneigt, mit den Mädchen in ihren Feierstunden zu kochen, und aus frischen und getroknetem Obst, und andern Süssigkeiten, herrliche Gerichte zu verfertigen. Doch, wie gesagt, dies geschah nur, wenn sie sich ganz wohl fühlte, und dann recht heiter war. Oft aber störte ihre Zufriedenheit wirkliches Unwohlseyn; nicht selten auch eingebildetes. Ja dies war eine ihrer Schwächen, daß ihr körperliches Befinden sie viel beschäftigte, und sie immerwährend an sich kurirte. Sie fragte dabei selten einen Arzt, sondern ihre Hausapothecke, die sie mit sich führte, enthielt für alle Arten Uebel ein Mittelchen, dessen sie sich noch obwaltenden Umständen bediente. Es gab darinnen niederschlagende Pulver, Magen- und Nervenstärkende Tropfen, heilsame getrocknete Kräuter, Latwergen, kräftige Wasser, zusammengesezter Essig, und ausser dergleichen Dingen noch viel Gutes zur Erfrischung und Labung in krankhaften Zuständen. -- Als sie in Falkensee's Wohnung anlangte, und ihr Zimmerchen ihr angewiesen war, so ließen sich's Emma und Bertha nicht nehmen, sie dahin zu begleiten, und waren sehr geschäftig beim Auspacken und Einrichten ihr zu helfen. Dabei kam den nun auch das kleine Schränkchen mit der erwähnten Apotheke zum Vorschein, und Tante Hildegard wieß ihr den Plaz in einem Wandbehälter an, der unversperrt, und nur mit einem Griff zum Auf- und Zumachen versehen war. Auch ihre Bücher stellte sie in einem zweiten ähnlichen Schrank, der sich in einer andern Seite der Wand befand. Diese getroffene Maßregel war Bertha höchst angenehm; den _Neugierde_ war ein Hauptfehler des Mädchens, und diese regte sich mächtig beim Anblick der Besitzthümer Hildegardens in ihr; ja sie flüsterte der Kleinen zu: »in diesen unverschlossenen Schränken kannst Du ungehindert öfters alle die Gegenstände und Bücher, die sich darin befinden, genau untersuchen und durchblättern, und Dich damit recht angenehm unterhalten.« Eine bessere Stimme in ihrem Innern widersprach Jener, und ermahnte Bertha: »der Aeltern oft erhaltenen Befehl, ihre Neugierde zu besiegen, Folge zu leisten.« Allein die Lockung war zu groß, denn zufällig waren ihr bei der Einrichtung manche, schon dem Aeußern nach, köstliche Bücher in die Hand gekommen, die sie gar zu gerne näher und länger betrachtet hätte, sie war jedoch gegen die Tante noch zu schüchtern, dieselbe darum zu bitten; auch stack ihr gewaltig das niedliche Schränkchen im Kopf, dessen Inhalt sie zu kennen wünschte. Als daher einmal Hildegard mit der Mutter ausgegangen war, um einige Besuche abzustatten, schlich sich Bertha in ihr Zimmer, kam an den Bücherschrank, nahm eines der Bücher nach dem andern heraus, und in welchem Bilder waren, mit dem unterhielt sie sich eine geraume Zeit. Sie hatte sie noch nicht alle durchgesehen, als sie Tantens Stimme hörte. Eilig stellte sie das Buch, das sie gerade in Händen hielt, an seinen Ort, schlug den Schrank zu, und begab sich an das Fenster, vor welchem schöne Blumen in Töpfen standen, womit man Hildegarden bei ihrer Ankunft beschenkt und überrascht hatte. Bertha ergriff ein Glas Wasser, das in der Nähe stand, begoß damit ein paar der Blumen, und Jene traf sie bei diesem Geschäft. »Das ist schön,« sagte die Tante, »daß Du für meine Blumen Sorge trägst;« und Bertha verbarg das Gesichtchen in einen buschigten Gyranienstock, denn das erhaltene unverdiente Lob jagte ihr das Blut ins Gesicht. »Ich will noch mehr Wasser holen,« sagte sie, und eilte fort, ihre Verlegenheit nicht bemerkbar werden zu lassen. Sie hatte jedoch den Griff des Bücherschrank's vorhin nicht hinreichend herum gedreht, und als sie zur Zimmerthüre hinausstürmte, flog vom Zug der Luft die Schrankthüre auf, und Hildegard sagte, indem sie dieselbe wieder zu machte: und dann daran rüttelte, »Ei, ei! mein Nichtchen hat sicherlich in meinen Büchern gekrammt, den heute früh, als ich mein Gebetbuch hinein stellte, verschloß ich den Schrank ganz fest, wie auch jetzt wieder, wo er nicht so leicht auffahren kan.« Sie frug bei Käthe -- ihrer Kammerjungfer -- nach. Diese aber konnte keinen Aufschluß geben, da sie eine Wäsche für ihre Gebieterin zu besorgen hatte, und deshalb mehrere Stunden im Hofraum beschäftigt war. Nach einigen Tagen, als Tante mit ihrem Lieblings-Nichtchen, Emma, abermals ausgegangen war, begab sich Bertha, vom unwiderstehlichen innern Drang getrieben, wieder in Hildegards Zimmer, um das kleine Schränkchen, wegen dem ihre Neugierde sie nicht ruhen ließ, in der Nähe zu beschauen. Sie fand, die schon früher angegebenen Gegenstände darin, las die Aufschrift jedes Glases, jedes Schächtelchens, stellte und legte Alles ordentlich wieder an seine Stelle, und als sie ihre Neugierde vollkommen befriedigt hatte, wollte sie sich aufs Neue mit dem Bücherschrank unterhalten; aber sie vernahm Tritte, und verließ also eilig das Zimmer. Wirklich war es Käthe, welche die Treppe herauf kam; doch da die Kinder auf demselben Stockwerk auch ihre Spielzeugkämerchen hatten, so konnte Bertha eben so gut von diesem herkommen, und Jene dachte nichts arges dabei. Am Abend dieses Tages, als die Schwestern im Bette lagen -- (sie hatten ihr eigenes Schlafstübchen) -- und nach Gewohnheit noch eine Weile plauderten, seufzte mitunter Bertha tief auf, und Emma fragte sie besorgt, was ihr fehle? »Ach Gott!« erwiederte sie: »mich quält die Reue! Ich war den guten Aeltern heute, und auch vor ein paar Tagen recht ungehorsam. Oft schon verwiesen sie mir ernstlich meine Neugierde, und geboten mir, sie zu beherrschen, und dennoch folgte ich der Lockung derselben, statt ihren Ermahnungen.« Nun erzählte sie Emma Alles was meine Leser schon wissen, und schloß mit einer lebhaften Schilderung der Hausapothecke. Sie sagte: »O Schwesterchen in dieser sind gute Sachen! Nach der Aufschrift der Gläser und Schachteln giebt es Himmbeersaft, Hagenbuttensulze, Brustzelten, Magenmorsellen, süße Latwergen, von verschiedener Art und noch eine Menge herrlicher Erquickungen, für Kranke, die ich darnach gar nicht mehr weiß.« »Ei da wässert auch Gesunden der Mund!« versetzte Emma, die ein gewaltiges Leckermäulchen war. Ja ihre Neigung zur _Naschhaftigkeit_ hatte ihr schon manchen Verdruß zugezogen, ohne daß sie dadurch von Jener ganz befreit worden wäre. Bertha's Erzählung machten den erwähnten Hang wieder ungemein in ihr rege, und er raubte ihr sogar noch eine Weile den Schlaf. Immer sah sie im Geiste die gefüllten Gläser, Tiegelchen und Schachteln vor sich, und das Gelüsten nach ihrem Inhalt überwog das Vermögen, der Stimme der Vernunft und Pflicht, die sich in ihrem Innern erhob, Gehör zu geben. Auch am andern Morgen war bei Emma's Erwachen die Hausapotheke ihr erster Gedanke, und als sie die Tante im Laufe des Tag's zu einem Spaziergang aufforderte, schützte sie eine Arbeit, die sie für den Lehrer zu verfertigen habe, vor, und bat: daß Hildegard lieber Bertha mitnehmen möchte. Erstere prieß ihren Fleiß, ihre Schwesterliebe, und that was sie wünschte. Auch die Mutter schloß sich an Jene an, und so hatte Emma freien Spielraum, den sie, trotz ihres mahnenden und strafenden Gewissens zu benützen sich vornahm. Allein noch, als sie schon vor dem Wandbehälter stand, der das Ziel ihrer Wünsche verschloß, war sie im Zwiespalt mit sich selbst, ob sie der Versuchung folgen, oder ihr muthig widerstehen sollte.

»Ach nur _sehen_ will ich die köstlichen Sachen, und mich an ihrem Anblick weiden;« sagte die Stimme der Verführung in ihr. »Nein, es ist Sünde!« sprach das Gewissen. »Allein das Anschauen ist eine Freude, die Du dir doch erlauben kannst;« wandte Erstere ein, und so öffnete denn Emma den Behälter, und auch das kleine Schränkchen. Nun war es aber um jede Kraft zum Widerstand geschehen. Zu lockend blikten ihr alle die Süssigkeiten entgegen, sie mußte sie kosten. Ja sie nahm von jeder einen Mundvoll, doch so geschickt, daß man es nicht bemerken konnte; brachte dann alles wieder an seine Stelle, und schlich sich davon. Diesmal aber hatte Käthe des Mädchens Thun und Treiben bemerkt, wußte indessen nicht, ob es Emma oder Bertha war, welche sie ohnehin immer verwechselte.

Bald nachher offenbarten sich die Folgen von Emma's Vergehen; denn sie hatte von allen Sulzen, Latwergen und Zelten genoßen, schnell alles verschluckt, und die vielen Leckereien erregten ihr heftige Ueblichkeiten und Magenbeschwerden. Ueberdieß kam Mittag ihr Leibgericht, eine Stockfischpastete auf den Tisch, und ob sie gleich schon nicht ganz wohl sich fühlte, so konnte sie sich's doch nicht versagen, ihre Gelüste darnach zu stillen, und ziemlich viel davon zu eßen. Ihr nachheriges vergrößertes Uebelbefinden wurde nun auf Rechnung jener Speise geschrieben, und Niemand forschte weiter darnach. Aber als am Abend Käthe, die Kammerzofe, ihrer Herrschaft beim Auskleiden behülflich war; sagte sie: »Ich weiß wohl, wo Fräulein Emma's Unwohlseyn hauptsächlich herrührt, die arme Stockfischpastete ist nicht allein Schuld.« Hildegard erwiederte strenge: »Nun so sage was du weißt.« Käthe erzählte ihre gemachten Beobachtungen, und Tante schüttelte unwillig den Kopf. »Nein, nein,« entgegnete sie, »du verwechselst die Schwestern. Emma, meine gute Emma ist einer solchen Handlung nicht fähig; eher die leichtfertige Bertha, die noch überdies recht neugierig ist, denn neulich gerieth sie sicherlich über meinen Bücherschrank.« Die Dienerin versezte: »Auch mir begegnete gestern eine der Schwestern auf der Treppe, doch welche es war, kann ich unmöglich angeben, sie sehen sich zu ähnlich.« Am andern Tag theilte Hildegard der Majorin Kätchens Erzählung mit, und Bertha wurde vor das mütterliche Gericht berufen. Auch die Tante war bei dem Verhör gegenwärtig, und das ehrliche Töchterchen gestand augenblicklich den zweimal begangenen Fehler, wofür sie den verdienten Verweiß erhielt, und ruhig denselben hinnahm. Aber als Hildegard in sie drang, auch zu bekennen, daß sie genascht habe, da braußte die, dem Mädchen eigene Heftigkeit auf, und nur der Mutter drohende Stimme, brachte sie wieder ins Geleise. Die Tante äusserte: »sie wolle es dahin gestellt seyn lassen;« schien jedoch ihren Argwohn nicht ganz aufgegeben zu haben, was Bertha innig schmerzte. Zwar hatte Jene am Morgen, als sie ihre Hausapotheke untersuchte, keine Spur von irgend einem unberufenen Besuch derselben entdeckt, und da Käthe ihr schon einigemal Beweise eines verläumderischen Charakters gegeben hatte, so wußte sie nicht, was sie von der Sache denken sollte, und ließ sie scheinbar beruhen. Ihre geliebte Emma sprach sie in ihrem Herzen ganz frei von Schuld, da ja Bertha eingestanden hatte, zweimal in ihrem Zimmer gewesen zu seyn; gegen diese aber war sie, seit dem Vorfall auffallend kälter, denn sie zweifelte immer noch daran, ob sie Wahrheit gesprochen habe, und die Lüge haßte sie mit Recht, als das schändlichste Vergehen. Beide Schwestern bemerkten ihre veränderte Stimmung und Bertha sprach sich gegen Emma recht tief betrübt darüber aus. Sie kannte des Schwesterchens Fehler, und hielt dafür, daß es gemaußt habe, allein sie konnte es nicht über sich gewinnen, dasselbe darum zu befragen. Emma jedoch kämpfte mit ihrem Innern zwei Tage lang, und fühlte sich immer nicht fähig den bessern Entschluß, der in ihr entstand, auszuführen. Länger aber vermochte sie es nicht, die unverdienten zärtlichen Liebkosungen der Tante anzunehmen, und zu ertragen, daß Bertha's Augen bei der sichtlichen Unfreundlichkeit Hildegardens in Thränen schwammen -- sie fiel, als dies einmal wieder der Fall, und sie mit der Schwester alleine war, dieser weinend um den Hals, und entdeckte ihr, was sie gethan hatte. Von ihr aus flog sie an das mütterliche Herz, und bekannte auch da ihre Schuld, so wie sie dieselbe der Tante nicht verschwieg. Natürlich ließ man der kleinen Näscherin den wohlverdienten Unwillen fühlen; aber ihr aufrichtiges Bekenntniß und Bertha's dringende Fürbitten erwarben ihr auch wieder Verzeihung. Sie gelobte Besserung, und hielt was sie versprach. Entschlossen besiegte sie künftig jede Versuchung zu naschen, wich aber dabei auch der gefährlichen Schaulust aus, und gewann dadurch in einem noch höheren Grad die Liebe der Ihrigen. Die Tante aber bat Bertha förmlich den, im Stillen gegen sie gehegten Argwohn ab, und suchte ihr denselben durch verdoppelte Erweisungen ihres Wohlwollens zu vergüten. --

Belohnte Gastfreundschaft.

Kaum war, nach einem 6monatlichen Aufenthalt der Tante Hildegard, das Gaststübchen leer geworden, so wurde es auf der gutmüthigen Bertha Veranlaßung wieder besezt. Sie besuchte an einem Nachmittag ihre Freundin Malwina, und nachdem sie einige Stunden vergnügt bei ihr zugebracht hatte, wollte sie wieder nach Hause kehren. Es war Dämmerung, der Regen plätscherte aus den Wolken hernieder, und dabei stürmte es so gewaltig, daß Bertha kaum den kleinen Regenschirm, der sie schützen sollte, erhalten konnte. Zulezt riß ihr ihn wirklich ein Windstoß aus der Hand, und jagte ihn an den Rand einer Brücke, über die gerade das Mädchen mühsam schritt. Erschrocken sah sie dem Fliehenden nach, und gewahrte, daß ein Wanderer auf ihn zulief, ihn glücklich erhaschte, und Bertha für die Eigenthümerin erkennend, denselben zustellte. Sie dankte ihm freundlich, er aber erbot sich, da seine Kräfte eher zureichten, den Schirm über sie zu halten, und sie nach Hause zu begleiten. Die Kleine nahm es dankbar an, und versicherte dem jungen Mann ihre Theilnahme, da von seinem Reisehemd und seinem Ränzchen das Wasser immerwährend herunter troff. »Wäre ich nur gesund;« versezte der Wandersmann; »dann würde mich der Regen wenig kümmern, aber ich wollte lieber zu Bette liegen, als in der Nässe herum waten.« Bertha schaute ihn mitleidig an, und sagte: »Armer Mann! wie bedaure ich Sie! Geht denn die Reise noch weit?« Jener erwiederte: »Ei freilich noch mehrere Meilen habe ich zurückzulegen, bis ich in meine Heimath komme.« Bertha's Neugierde und Theilnahme stellte noch viele Fragen an ihren Begleiter, und so erfuhr sie denn: daß er der einzige Sohn reicher Aeltern sey und auf der hohen Schule seines Wohnorts die Theologie studiere, daß er in den Feiertagen entfernte Verwandte besucht habe; auf der Rückreise krank geworden sey und seine ganze Baarschaft, bis auf einen kleinen Rest dadurch aufgezehrt hatte. Noch nicht völlig erholt, wollte er doch weiter wandern, allein im lezten Dorf sey er wieder liegen geblieben, was die lezten Gulden vollends gekostet habe. Nun wisse er nicht einmal, wo er diese Nacht ohne Geld als Fremder eine Unterkunft finden würde. »Ach wüßte meine gute Mutter, in welcher Verlegenheit sich ihr Heinrich befindet, wie würde sie sich grämen und ängstigen!« fügte er am Schluße seiner Mittheilungen tief seufzend hinzu. Auch Bertha seufzte mit, und in ihrer Seele entstand ein Entschluß, den sie nicht als unausführbar verwerfen konnte und wollte. Sie kannte ja die Menschenfreundlichkeit ihrer Aeltern, und hoffte, keine Fehlbitte zu thun, wenn sie dem Reisenden ein Obdach in ihrem Hause für diese Nacht von Jenen zu verschaffen suchte. In ihrer Wohnung angelangt, bat sie den Wanderer auf dem Vorplaz ein wenig zu verziehen, flog ins Wohnzimmer, wo auch gerade der Vater zugegen war, und erzählte mit eiligen Worten des Fremden gefälliges Benehmen gegen sie, und seine Noth. Augenblicklich wurde ihm die Thüre geöffnet, und es verging keine Stunde, so war er in der Familie einheimisch, und wie ein Glied derselben von Allen betrachtet. Besonders schloß sich Franz herzlich an ihn an, und auch der Major und seine Gattin fanden Gefallen, an dem gebildeten, sittlich guten Jüngling. Aber ach, der Arme war noch nichts weniger, als gesund, und schon die erste Nacht brachte er in einem fieberhaften Zustande, zu. Am andern Morgen wurde der Arzt gerufen, und er erklärte den Kranken für bedenklich. Man kann sich die Sorge der Falkensee'schen Familie denken, und Bertha weinte manches Thränchen; denn die Mutter ihres Gastes, welche dieser mit so begeisterte kindlicher Liebe geschildert hatte, lag dem guten Mädchen immer im Sinn, und sie dachte sich lebhaft ihren Gram, wenn sie den geliebten Sohn in der Ferne verlieren sollte. Zu seiner Rettung und Pflege wurde nun Alles aufgeboten, und die Kinder wetteiferten mit den Aeltern darinnen. Namentlich ließ es sich Franz nicht nehmen, seinen neuen Freund treu zu bedienen; Bertha aber übernahm emsig alle Geschäfte, die _ihr_ angemessen waren, und nur aus schwesterlicher Gefälligkeit überließ sie zuweilen Emma eines oder das andere. Heinrich genaß, und sobald es ihm von dem Arzt erlaubt wurde, berichtete er in einem Brief seine Aeltern von seinen gemachten frohen und traurigen Erfahrungen, wobei natürlich die Aufnahme und Behandlung welche ihm im Falkensee'schen Hause zu Theil geworden war, hoch von ihm gerühmt, und mit den lebhaftesten Farben geschildert ward. Bald erschien von Volkmar -- so hieß Heinrichs Vater -- ein Antwortschreiben voll Aeusserungen des innigsten Dankes gegen die Wohlthäter seines Sohnes, und auch das, von dem Jüngling erbetene Geld zur Rückreise und zur Bestreitung noch anderer Ausgaben, hatte Jener beigelegt. Es war gerade Messe, als es anlangte, und nun wußte Heinrich nichts angelegentlicheres zu thun, als mit Franz und seinen beiden Schwestern den Markt zu besuchen; denn es glühte in ihm das Verlangen: den kleinen Freunden thätige Beweise seiner Dankbarkeit zu geben. Auch für Frau