Emma und Bertha oder die Zwillingsschwestern Eine unterhaltende Erzählung für die Jugend

v. Falkensee andere nothwendigen Arbeiten, und Thekla, Emma's Freundin

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wurde in dieser Zeit krank, wodurch letztere sehr oft zu Jener geholt ward, und derselben sich ganze Tage lang widmen mußte. Daher konnte weder sie, noch die Mutter obiges Geschäft vornehmen, obgleich die kältere Jahreszeit Emma den Besitz des neuen Mantels sehr wünschenswerth machte, und der Schneider nach dem vertrennten verlangte. Da erbot sich Bertha die Sache zu fördern, und so wenig sie ausserdem eine Freundin vom langen Sitzen war, so betrieb sie diesmal die erwähnte Arbeit so eifrig, daß sie in ein paar Tagen vollkommen damit zu Stande kam. Die dankbare Schwester wünschte nun ihr dafür auch eine Freude machen zu können, und beredete sich deshalb mit der Mutter. Es wurde beschloßen: daß Bertha in den nächsten Tagen in ihrem Schrank ein neues Filzhütchen finden sollte, ganz so, wie Emma eines von Tante Hildegard erhalten hatte, und Jene sichs sehnlich wünschte. Emma war gesonnen, aus ihrer Sparbüchse einen, nicht unbedeutenden Beitrag zu geben, und freute sich unbeschreiblich auf die frohe Ueberraschung, welche dem Schwesterchen bestimmt war. Suschen hatte während der Verhandlung ein Geschäft im Nebenzimmer, dessen Thüre offen stand, zu besorgen, hörte also Alles, und gedachte ihrer lieben Bertha durch eine frühere Verkündigung obigen Plans, eine frühere Freude zu bereiten, strebte also immer sie allein zu treffen. -- Einmal sah sie Bertha -- ihrer Meinung nach -- im Schlafstübchen derselben, vor einer Schublade ihrer Commode knieend, und eifrig etwas suchend. Es war ausserdem Niemand im Zimmer und Jene in ihr Bemühen gewaltig vertieft. Ueberdies kam Suschen hinter ihrem Rücken her, und begann nun halb leise und wichtig: »O Fräulein Bertha! Ich weiß ein Geheimnis! -- Es drückt mir fast das Herz ab. Nein, ich kann es nicht verschweigen, und muß es ihnen mittheilen.« --

Emma (denn _sie_ war die Kniende) kannte Suschens Geschwäzigkeit, und wollte nun sehen, wie weit sie dieselbe treiben würde. Sie hob den Kopf nicht in die Höhe, sondern suchte scheinbar immer fort, ob sie gleich das, was sie wollte, schon längst gefunden hatte; Jene aber offenbarte die ganze Heimlichkeit, und maß sich noch ein großes Verdienst bei, sie weggeschnappt und Bertha hinterbracht zu haben. Als sie geendigt hatte, sprang Emma auf, trat unwillig vor sie hin und sagte: »Du plauderhaftes Mädchen Du! Sieh mich an, bin ich Bertha? und wenn ich es wäre, so hättest Du ihr und mir die ganze Freude verdorben. Wage es nicht, ein Wort von jenem Geschenk gegen sie zu erwähnen, sonst verrathe ich Deine Plauderei bei der Mutter.« Erschrocken erkannte Suschen ihren Irrthum, und bat flehentlichst um Verzeihung und um das Verschweigen ihrer Schuld. Emma war auch, aus Mitleid mit des Mädchens Angst dazu geneigt; allein ehe sich's Beide versehen, stand Frau v. Falkensee vor ihnen, welche streng den Vorfall zu wissen verlangte. Suschen wurde nun mit dem Verlust des Dienstes bedroht, wenn sie sich je wieder eine ähnliche Waschhaftigkeit zu Schulden kommen ließe. Dies half; denn zu viel war ihr an ihrer Stelle gelegen, und sie gab sich alle Mühe, sich den angenommenen Fehler wieder abzugewöhnen. Als aber Bertha wirklich mit dem schönen Hütchen beschenkt, und ihr nachher erzählt wurde, wie leicht die Ueberraschung hätte vereitelt werden können, da verbot sie Suschen selbst die geschäftige Mittheilung von Neuigkeiten; denn ihr war der Gedanke unerträglich, daß durch ihren und durch Suschens Fehler die geliebte Schwester bald des Genußes beraubt worden wäre, welchen ihr die Veranstaltung, Bertha eine unerwartete Freude zu bereiten; gewährt hatte.

Die Krankheit der Mutter und ihre Folgen.

Nicht nur von Fremden, nicht nur von Suschen wurden die Zwillingsschwesterchen öfters verwechselt; sogar den Aeltern widerfuhr es zuweilen, die Eine für die Andere zu halten. Besonders geschah dies in einem traurigen Zeitpunkt; als nämlich Frau v. Falkensee von einer gefährlichen Krankheit heimgesucht wurde. Der Jammer der ihrigen und aller Hausgenoßen war unbeschreiblich. -- Emma und Bertha wichen nicht von dem Lager der geliebten Kranken, und leisteten, als 11jährige Mädchen, ungemein viel. Da geschah es denn oft, daß die Mutter in ihrer Schwäche, und in dem, durch die zugezogenen Fenstervorhänge verdunkelten Zimmer Emma als Bertha ansprach; und auch wieder umgekehrt. Selbst als sie sich auf dem Weg der Besserung befand, und sich kräftiger fühlte, mußte sie ihre Töchterchen noch ins Auge fassen, wollte sie dieselben von einander unterscheiden, denn ihrer persönlichen Aehnlichkeit gleich, war der Eifer, mit dem sie die theure Mutter bedienten, die Aufmerksamkeit mit welcher sie auf ihr leisestes Verlangen lauschten, und die Umsicht, mit der sie ihr alle Schmerzen und Unbequemlichkeiten zu erleichtern suchten. Beide erwarben sich aber auch gleiche Aeußerungen der mütterlichen segnenden, und dankvollen Zufriedenheit. Der Vater und Franz, die sich ebenfalls oft und viel im Krankenzimmer aufhielten, wurden selbst nicht selten an den beiden Mädchen irre; denn die oft unbedachtsame, lustige Bertha, war still und besonnen, ihrer Schwester ähnlich, und diese ließ, durch den tiefen Schmerz erweicht, alle Empfindungen aus ihrem, oft so verschloßenem Gemüth strömen; und waren Beide, immer friedlich und freundlich gegen einander, so schienen sie jezt nur _eine_ Seele zu seyn. -- Der Arzt beobachtete oft ihr Thun und Treiben mit schweigendem Staunen und Wohlgefallen, und wußte eben so wenig die Mädchen zu unterscheiden, als einer vor den Andern irgend einen Vorzug zu geben. -- Nur in der Aufnahme der begleitenden Nachricht: daß die geliebte Mutter nun ausser Gefahr sey; zeigte sich die Eigenthümlichkeit der Schwestern. Emma zerfloß in Thränen froher Rührung, und hob das schwimmende Auge dankend zum Himmel empor. Bertha tanzte jubelnd im Kreise umher, klatschte in die Hände und war ganz Fröhlichkeit. Wohl geschah dies Alles ausserhalb dem Krankenzimmer, aber die besonnene Emma lief geschwind nach der Thüre, und untersuchte besorgt, ob sie verschlossen sey, damit des Schwesterchens laute Freude die noch sehr schwache Mutter nicht unangenehm berühre. Dieser Vorfall entschied bei Doktor Wollmann über den Werth der beiden Mädchen. Ohne Bertha weniger zu lieben als bisher, fühlte er sich nun doch noch mehr zu der sanften und verständigen Emma hingezogen, und sie ersah er sich jetzt zur Vollzieherin eines Auftrag's, den er schon lange einem der Mädchen ertheilen wollte, jedoch immer nicht mit sich einig werden konnte: ob Emma oder Bertha.

Wollman hatte zugleich mit Frau v. Falkensee eine eben so gefährliche Kranke in die Kur bekommen, für die er ungemein viel Theilnahme hegte. Sie lebte erst seit kurzem in W*, war Wittwe, und besaß ein einziges Töchterchen, welches mit den Zwillingsschwesterchen in gleichem Alter war. Die Mutter litt jedoch nicht nur körperlich, sondern verschämte Armuth drückte den Geist, beugte das Herz, und erschwerte die Genesung des Körpers. Dies entging dem Arzte nicht, welcher reich und menschenfreundlich, schon häufig armen Kranken nicht nur seine einsichtsvollen Verordnungen unentgeldlich ertheilte, sondern überdies noch manche Unterstüzung ihnen zufließen ließ. Bei Frau Tellheim wurde ihm aber dies unmöglich gemacht. Sie erlaubte sich nicht nur keine Klage, sondern wich auch jeder seiner Fragen nach ihren nähern Verhältnissen sorgsam aus. Und doch war es unläugbar, daß der Mangel in der kleinen Wohnung hause, welchen _vor_ der Krankheit Frau Tellheim's fleißige und geschickte Hand, durch feine künstliche Arbeiten abzuwehren suchte. Nun beschloß Wollmann durch Emma der kleinen Lidy ein bedeutendes Geldgeschenk für ihre Mutter einhändigen zu lassen, und unterrichtete das Mädchen von der Rolle, die sie übernehmen sollte. Herr v. Falkensee vermehrte die Gabe des Arztes aus dankbarer Freude über die Rettung seiner theuern Gattin durch einen, nicht kleinen Beitrag, und auch die Kinder ließen es sich nicht nehmen, jedes aus seiner Sparbüchse etwas dazu zugeben. Damit eilte nun Emma in das ihr bezeichnete Haus, und es ergab sich, daß Wollmann seinen Plan gut ausgedacht hatte. Emma's sanfte Weise fand Zugang, sowohl bei der Mutter, als auch bei der Tochter, und die Gabe wurde mit tiefer Rührung angenommen, jene hatte nach Wollmanns Auftrag ausgesagt: ein durchreisender Fremde habe ihr das Päkchen eingehändigt, und sie gebeten, Frau Tellheim es zuzustellen, und so unwahrscheinlich dies klang, so ehrte diese doch Emma's Verschwiegenheit und drang nicht weiter in sie, ihr weitere Aufschlüße zu geben. Lidy aber fand an der neuen Bekannten ein unbeschreibliches Wohlgefallen und da sich diese bei dem ersten Besuch nicht lange aufhalten konnte, so bat sie dieselbe süß schmeichelnd: ja bald wieder zu kommen, und ihr und der kranken Mutter Trost und Erheiterung zu bringen. Emma wurde lange abgehalten, ihren Vorsatz auszuführen. Unterdessen begegnete einmal Lidy Bertha auf der Straße, hielt sie für Emma und umarmte sie mit zärtlichem Ungestüm. Jene benahm ihr den Wahn, und das Mädchen staunte über die wunderseltsame Aehnlichkeit beider Schwester; aber eben dadurch auch Bertha gleich zugethan, bat sie diese, mit Emma zu ihr zu kommen, und Ersterer zu versichern, daß sie ihr eine recht wichtige Neuigkeit mitzutheilen hätte. Ungesäumt folgten beide dem erhaltenen Ruf, und wie erstaunt war Emma, als sie Alles sichtlich verändert fand. Die Armuth und der daraus entspringende Gram schienen ganz verschwunden, und eine glükliche Wohlhabenheit an deren Stelle getreten zu seyn. Freudig theilnehmend erkundigte sich Emma nach der Ursache und erfuhr nun: daß Tellheim einst in einer Lotterie sein Glück versucht, und nun nach seinem Tode die Nummer das große Loos den Seinigen gebracht habe. Aus inniger Dankbarkeit für ihre zarte Weise wohlzuthun, und unter den zärtlichsten Versicherungen ihrer Liebe schlang Lidy um Emma's Hals ein feines goldnes Kettchen, das schon längst für sie bereit lag, und Bertha, die nicht leer ausgehen sollte, wurde mit einem hübschen Nähkästchen beschenkt, in welchem Fingerhut, Nadelbüchschen und all dergleichen Dinge von Silber sich befanden.

Das liebliche Kleeblatt verlebte nun noch manche genußreiche Stunde mit einander, und sie geizten um so mehr darnach, als Frau Tellheim nach einiger Zeit den Entschluß faßte, wieder in ihre Heimath zurückzukehren, aus welcher sie nur Schaam über die eingetretene Armuth vertrieben hatte.

Das Genesungsfest.

Mehrere Monate gehörten dazu, bis Frau v. Falkensee sich völlig erholte. Unterdessen war die glückliche Veränderung mit Tellheims vorgegangen, und durch die Töchter veranlaßt, traten die Mütter ebenfalls in ein freundschaftliches Verhältnis zu einander. Frau Tellheim war es auch werth, die Freundin einer so vorzüglichen Frau, wie die Baronin war, zu werden, diese und jene schmerzte es nur, daß der Genuß des persönlichen Umgangs bald für sie verloren ging, weil die Verhältnisse der Ersteren, wie schon gesagt wurde, dieselbe wieder in ihre Vaterstadt riefen.

Doch ehe dies geschah, bald nach der Genesung beider Frauen feierten sie noch ein schönes Fest, welches sie Wollmanns thätiger Theilnahme hauptsächlich zu verdanken hatten. Er war nicht nur Arzt und Menschenfreund, wie wir ihn schon kennen lernten, sondern er besaß für alles Gute und Schöne ein reges Gefühl, und dieser Sinn sprach sich bei allen seinen, mehr oder minder wichtigen Handlungen aus. In einer glücklichen Ehe lebend, gehörte er und seine würdige Gattin zu Falkensee's Hausfreunden, und Frau Tellheim durfte jetzt im Glück, wie ehedem im Unglück auf die Fortdauer seiner freundschaftlichen Gesinnungen rechnen. Seine Freude über ihre ihm gelungene Herstellung, so wie über die der Majorin war innig und aufrichtig, und sie drängte ihn, auch öffentlich dieselbe an den Tag zu legen. Bei einem seiner lezten ärztlichen Besuche, welche er bei Frau v. Falkensee abstattete, nahm er seinen kleinen Liebling -- Emma -- bei Seite, und theilte ihr seinen Plan mit: durch ihre und der Geschwister Mitwirkung ein Genesungsfest zu bewerkstelligen, dessen Feier, in einem, von den Kindern gegebenen, und von ihm verfertigten kleinen Schauspiel bestehen solle. Hoch erfreut vernahm die Kleine diesen Plan, und versprach mit Hand und Mund des freundlichen Wollmanns Forderungen zu befriedigen. Herr v. Falkensee wurde natürlich auch mit in den Rath gezogen, und ertheilte der Idee seines Freundes vollen Beifall. Wollmann bot seine Wohnung zur Ausführung ihres Unternehmens an, und er und seine Gattin sorgten unermüdet thätig für alle Erfordernisse dazu. An dem dazu bestimmten Abend versammelte sich bei dem Arzte die ganze Gesellschaft. Er hatte ausser Tellheims und Falkensee's noch einige Freunde mit ihren Familien eingeladen, unter denen sich auch Sinthals und Krause befanden, da er bei seinem Plan auf die Anwesenheit Thekla's und Malwinens, so wie auf die, einiger Söhne seiner Bekannten rechnete. Doch wurden diese mit ihren Rollen, welche unbedeutend waren, erst bei ihrem Erscheinen bekannt gemacht. -- Als Alles gehörig vorbereitet war, und die jungen Leute sich schon länger entfernt hatten, führte der Hauswirth die Väter und Mütter in einen geräumigen Saal, welcher sehr zweckmäßig in ein Schauspielhaus umgewandelt worden war. Man nahm Plaz, und darauf rauschte der Vorhang in die Höhe; und Emma stand da in wunderlieblicher, mädchenhafter Schüchternheit, einfach, aber geschmackvoll gekleidet, und nachdem sie sich die gehörige Faßung errungen hatte, sprach sie mit vielem Ausdruck und ohne Anstoß folgende Strophen:

Ihr lieben Herrn und Damen! Vernehmt, was Euch hieher berief: -- Der Schreckenszeit entronnen Wo Angst und Gram das Herz ergriff Empfinden wir nun Wonne Daß die Gefahr entschwunden ist. Und was aus tiefer Seele In Freudenströmen überfließt, Das bitten wir zu theilen Mit uns, die wir alleine nicht Im Stande sind zu tragen Des Glückes Sonne strahlend Licht. Drum hört geneigt, und tadelt strenge nicht Was ungekünstelt Kindesliebe spricht.

Mit einer anständigen Verbeugung endigte sie, und der Vorhang sank. »War dies Emma oder Bertha?« So ging ein Flüstern durch die Versammlung der Zuschauer und selbst Herr und Frau v. Falkensee waren ihrer Sache nicht gewiß. »Dem sey, wie ihm wolle,« ließ sich wieder eine leise Stimme vernehmen -- »Emma oder Bertha -- gleich viel! Die Kleine lößte unbestreitbar ihre Aufgabe recht gut.« »Ja, ja!« bestättigten mehrere; und Jedermann harrte mit gespannter Erwartung des weitern Erfolgs. Da wurde abermals der Vorhang aufgezogen und es erschien Franz, welcher mit einem tiefen Bückling dem Publikum verkündigte daß --

die Mädchengesandtschaft

Ein Schauspiel in 3 Aufzügen gegeben würde.

(Bis zum Anfang des Stücks, und in den Zwischenräumen unterhielt -- ebenfalls auf Wollmanns Veranstaltung -- eine hübsche Musik die Versammlung, doch immer waren die Blicke nach dem Vorhang gerichtet, mit dem geheimen Wunsch, daß er sich öffne, und die kleinen Schauspieler sich zeigen möchten.) Endlich erscholl die Klingel und der _erste Aufzug_ begann:

Franz erscheint im Feströckchen, und besieht sich mit Wohlgefallen im Spiegel, mustert jedes Stück seiner Kleidung, bürstet sie sorgfältig und reibt das braune Lockenhaar. Dabei hält er folgendes Selbstgespräch:

»Gewiß, es ist nicht zu läugnen -- Franz ist ein bildschöner Junge, und der Anzug paßt und steht ihm allerliebst! Aber es verlohnt sich auch der Mühe sich zu putzen. Ein _Abgesandter_ zu seyn -- das ist keine kleine Ehre! und wem gilt die Aufwartung? -- Einem weltberühmten Manne! Wie muß es ihm schmeicheln, daß selbst die Jugend seine Verdienste anerkennt! Gut ist es übrigens, daß meine Mitschüler mich gewählt haben, ich werde ihnen als Redner keine Schande zuziehen -- Allons Franz! wiederhole deine Aufgabe.« --

Er übt sich vor dem Spiegel in Reverenzen, räuspert sich einige male und beginnt: »Angestaunter, preiswürdiger, hochverehrter Meister aller Meister in der Tonkunst!« --

(Bertha war schon länger, Franz unbemerkt, ins Zimmer geschlichen, und hatte ihn belauscht; jetzt konnte sie das Lachen nicht mehr zurückhalten, und Franz erschrack, daß seiner Hand der Hut entfiel, und er ein lautes:

»Ach!« hervorsties.)

Bertha: »Aber sag mir nur einmal Brüderchen, was in aller Welt soll dies bedeuten? Was hast Du denn vor, und wie eitel geberdet sich das Herrchen?«

Franz, zürnend: »Verlaß mich du unnüzes Ding! Gerade jezt kommst du mir in die Quere, und erschreckst mich, daß ich zittere.«

Bertha, schmeichelnd: »Sey nicht böse Franz! ich that dies nicht mit Absicht, aber schon eine ernstere Person als ich hätte deine Grimassen und steifen Krazfüsse nicht ohne Lachen mit ansehen können, und nun erst die lachlustige Bertha! -- nein, um keinen Preis wäre es mir möglich gewesen. Doch erkläre mir nur, warum Du Dich so stattlich aufgepuzt hast und Dich aufbläst wie ein Truthähnchen. Wer ist denn der Glückliche dem Du deinen Besuch abstatten, und so hochtrabend ansprechen willst?«

Franz: »Ei was verstehst Du davon, was sich schickt, und was sich nicht schickt. Wenn ich als Abgesandter einem berühmten Virtuos aufwarte, dann kann ich nicht im Alltagsjäckchen hinlaufen, und ohne Wahl im Ausdruck mich gegen ihn aussprechen. Dazu muß man vorbereitet seyn, und den Anstand beobachten.«

Bertha: »Freilich, wann Du erwachsen wärst, ließ sich dies hören, aber ein Knabe, und ein Abgesandter, wie reimt sich wohl das? und wer sendet dich denn?«

Franz: »Meine ganze ansehnliche Schule, die gestern mit mir dem Conzert beiwohnte, das der große Violinspieler Marko im Gasthaus zur goldnen Rose gab. Wir Alle waren entzückt über das Spiel des unvergleichlichen Meister, und beschlossen nun, daß eine Gesandschaft von uns zu jenem sich heute begeben, und ihm unser Wohlgefallen versichern solle. Mich -- (er wirft sich in die Brust) erkohr einstimmige Wahl zum Redner, und eben wollte ich meine Aufgabe wiederholen, als Du mich störtest.«

Bertha: (rückt Franz vertraulich näher; legte die Hand auf seinen Arm und raunt ihm halb laut ins Ohr:)

»Du gehst auf Stelzen Fränzchen! Gieb Acht daß Du nicht purzelst. Höre, ich bin nur ein einfältiges Mädchen, aber das sehe ich wohl ein: daß ihr Knaben eingebildete Herrchen, und euer Einfall eine Thorheit ist. Der Künstler bedarf _Eures_ Lobs nicht, und kann Euch unfreundlich abweisen. Ich bitte dich Brüderchen, nimm nicht Theil an der Sache, Du erndest keine Ehre davon.«

Franz: »O über die wohlweise Fräulein Schwester! ich muß dich bitten, deine Rathschläge für dich zu behalten. -- Aha! da kommen sie ja, mich abzuholen.«

(Er eilt zum Zimmer hinaus, und in der geöffneten Thüre werden mehrere gepuzte Knaben sichtbar, die jenen in ihrer Mitte fortführen.)

2ter Auftritt.

(Bertha wirft sich auf einen Sessel, legt die gefaltenen Hände in den Schoos, und blickt lange noch dem entschwundenen Bruder nach. Endlich spricht sie:)

»Da geht er hin, um sich lächerlich zu machen, der kleine Thor! Nun, wem nicht zu rathen ist, dem ist nicht zu helfen. Indessen würde er mich dennoch herzlich dauern, wenn er von seinem Beginnen Aerger und Verdruß haben sollte. Er ist ja mein Bruder, und alles was ihn betrift, Freude und Leid fühlt Schwesterchen Bertha lebhaft mit ihm. Doch -- (springt von ihrem Sitz auf) doch warum gräme ich mich um ungewisse Dinge? Herr Marko kann ja auch artiger seyn als ich denke. Nein ich will mich in meiner fröhlichen Laune nicht stören lassen. Ist doch mein Mütterchen wieder gesund und heiter, daher soll und kann mich nichts verstimmen.«

(Sie reibt sich vergnügt die Hände, und hüpft singend gegen die Thüre.)

3ter Auftritt.

(Lidy tritt herein und sagt:)

»Die Stimme der lustigen Bertha hört man im Hause weit und breit ertönen -- sprich was macht Dich denn so überfroh?«

Bertha: »Und Du kannst noch fragen, _Du_ Lidy die Du eine gleiche Erfahrung gemacht hast! die Genesung der theuern Mutter ist es, die mich durch und durch entzückt, daß ich wie ein fröhliches Vögelein eine Sangesweise um die andere anstimme.«

Lidy: »Ja, ja, du hast Recht liebe Bertha. Wir Alle haben Ursache mit frohem Muthe Gott zu danken; denn wie ich höre wollen unsere lieben Mütter nächsten Sonntag den ersten Ausgang in die Kirche unternehmen; da kam mir der Gedanke: wir sollten, ehe dies geschieht, ihre Wiederherstellung durch ein kindliches Fest vereint feiern. Wie meinst Du Bertha?«

Bertha: (Fällt ihr mit stürmischer Freude um den Hals, und ruft:) »o laß Dich herzen und küssen für diesen goldnen Einfall. Ja, ja! das wollen wir. Hast Du auch schon mit Emma gesprochen, und was sagt diese dazu?«

Lidy: »Ich suchte sie, aber fand sie nicht. Komm Bertha wir wollen beide nach ihr gehen, und unsern Plan und Wunsch ihr mittheilen.«

(Sie gehen ab, und der Vorhang fällt.)

2ter Aufzug.

1ster Auftritt.

(Franz sizt an einem Tisch; den Kopf auf beide Hände gestüzt und seufzt einigemale laut auf. Dann spricht er in abgebrochenen Sätzen in sich hinein:)

»Der undankbare Mensch! -- der stolze Künstler! -- Hätte ich mich doch nicht überreden lassen, mit zu gehen! -- Bertha hatte Recht! -- O wie schäme ich mich vor ihr!« --

2ter Auftritt.

Emma und Franz.

(Emma nähert sich besorgt dem Bruder, zieht ihm die eine Hand vom Gesichte weg, und sieht ihm theilnehmend ins thränende Auge. Dann sagt sie:)

»Mein Gott! Brüderchen was fehlt Dir denn, warum bist Du so verstimmt?«

Franz ärgerlich: »laß mich Emma, Du kannst mir doch nicht helfen.«

Emma: »Nein, nein, Du darfst mich nicht so schnöde abweisen. Eine gute Schwester hat immer das Recht nach dem Kummer des Brüderleins zu fragen, und dieser ist verpflichtet, hübsch ordentlich darauf zu antworten. Also sprich Fränzchen, was quält und betrübt Dich?«

(Franz durch Emma's sanftes Zureden erweicht, bricht in Thränen aus, und erwiedert:)

»Die Schande schmerzt mich, die Schande abgewiesen worden zu sehn, wo ich es nicht erwartete.«

Emma: »Ei so erzähle doch nur, ich weiß ja nicht, woran ich bin.«

Franz: »Bertha hat Dir also nicht mitgetheilt, daß ich mit noch einigen Freunden abgesendet wurde, Herrn Marko für sein gestriges herrliches Conzert in unser aller Namen Dank und Lob zu bringen, und ich war erwählt die Anrede an ihn zu halten; allein denke Dir nur: als wir hinkamen, und er durch seinen Diener unser Vorhaben vernahm, ließ er uns wissen: wir möchten gleich wieder umkehren, Knaben-Lob nähme er für Tadel. Nun urtheile Schwesterchen ob ich nicht über diese Erfahrung mich halb zu Tode grämen soll.«

Emma: »Ei das lasse wohl bleiben Du Närrchen, und -- im Vertrauen gesagt, wärst du weniger eingebildet gewesen, so hätte dir dies nicht begegnen können: Doch es ist vorbei und so schlage Dir es aus dem Sinne, hörst Du?«

Franz: »Ach wie kann ich dies? es ist schwer zu verschmerzen.«

Emma: »Nicht doch Franz! ich will Dir gleich etwas mittheilen, über das Du als guter Sohn Dich aufrichtig freuen, und Marko, deine Rede und Kameraden ja alles Unangenehme leicht vergessen wirst.«

Franz: »Du machst mich neugierig, sprich, was ists.«

Emma: »Schwester Bertha, Lidy und ich, wir haben beschloßen, unserer lieben Mutter Genesung zu feiern. Wie? das sollst Du gleich hernach erfahren, denn ich werde jenen sagen: daß sie Dich, als unsern guten Bruder auch Antheil nehmen lassen müssen. Komm nur, komm!« --

(Beide gehen ab; der Vorhang fällt.)

3ter Aufzug.

(Im Hintergrund sieht man einen Kreis weißgekleideter Mädchen, unter ihnen Emma, Bertha, und Lidy. Sie sind eifrig beschäftigt Blumengewinde zu flechten. Franz ist ihnen dazu behülflich, indem er aus mehreren Körbchen taugliche Blumen heraus sucht, und sie jenen hinreicht. Weiter vorne, in der Mitte der Bühne, steht ein kleiner, mit Blumen bekränzter Altar.)

(Emma und Bertha erscheinen nun, eine fertige große Guirlande tragend, in dem Vordergrund und Erstere spricht:)

»Wo Freundschaft und Liebe sich vereinigt, muß jeder schöne Plan gelingen. Und so hat auch dieses Gewinde seine Entstehung erhalten. Unsere Freundinnen haben wacker geholfen, aber alle sind ja auch der guten Mutter Dank für ihre Freundlichkeit und Aeusserungen der Freude über ihre Genesung schuldig; und wir? -- O könnte jedes Blättchen sprechen, dennoch würden die Gefühle nicht erschöpfend geschildert werden können, die für die Theure unser Inneres beleben.« (Mit diesen Worten kommen Emma, Bertha und Franz von der Bühne herab, nähern sich der Mutter, umschlingen sie mit der Guirlande, und rufen mit einer, von frohen Rührungsthränen erstickten Stimme:)

Heil der Genesenen!

(Eine lange heiße Umarmung folgt darauf, in welcher nur einzelne zärtliche Worte den mütterlichen und kindlichen Lippen entschlüpfen. Dann kehren die Geschwister auf die Bühne zurück und nun folgt Lidy begleitet von Emma und den andern Mädchen, und umschlingt mit Hülfe ersterer ihre Mutter, mit dem zweiten Blumengewinde, und ihr Ausruf:

»Heil der Geretteten!«

veranlaßt eine heftige Bewegung in der Seele jener, welche sich beim innigen Kusse der Tochter, in strömenden Thränen ausspricht. Dann zieht sich Lidy mit ihren Begleitern auf die Bühne zurück, alle Kinder bilden auf derselben einen Halbzirkel, und Franz, welcher vortritt, spricht folgende Verse:

»Vorhin, als Abgesandten einer kleinen Schaar, Ward eine herbe Täuschung mir zu Theil; Da nahm mich tröstend auf das Schwesternpaar, Und bald war die erhaltene Wunde heil. Denn nun auch beigesellt mit voller Ehre, Der _weiblichen Gesandtschaft_ kleinem Kreis, Hab ich zu fürchten nichts, was feindlich störe, Die _reine_ Lust -- der _Liebe_ schönen Preis. Wer aber sandte uns, um zu erscheinen Im feierlichen Zuge bei den Theuern? Wer hieß uns fröhlich uns vereinen, Um das Genesungsfest beglückt zu feiern? Die _Dankbarkeit_ ist es, die _Kindesliebe_! Und heilig war uns allen ihr Gebot: Nach überstandner Angst und Noth, Euch vielgeliebte Mütter zu begrüßen. Ach wie ganz anders war mir da zu Muth! Ich stund vor meines Lebens höchstem Gut Und statt, wie dort gar schnöde abgewiesen Erwarteten uns hier der Freuden viel; Denn die melodischen, die süßen Töne, Die aus der Seele treuer Mutter fließen, Sie übertreffen jedes Künstlers Spiel. Und an dem liebereichen Herzen ruhend, Das stets mit Wärme für uns schlägt, Und sanfte Rührung jezt bewegt, Gewährte uns ein süßer Kuß Den schönsten, lohnendsten Genuß. Habt Dank! für diesen Augenblick, Der uns beseligte mit stiller Wonne. Habt Dank! daß eure Liebe unser Glück Erhöht und mehrt, so oft die Morgensonne Uns winkt mir ihrem Strahlenlicht. Und nun o Schwestern -- Freundinnen! -- noch eine Pflicht Bleibt zu erfüllen uns: Ja kniet mit mir Dort an dem heiligen Altare nieder! Das Opfer unsers Dankes bringen wir Dem guten Gott, daß er die Theuern wieder Aufs Neu uns schenkte. Unser frommes Lallen Vernimmt der Ewige mit Wohlgefallen.«

(Die Kinder umgeben knieend den Altar, und der Vorhang fällt.)

Die Badreise.

Zur gänzlichen Herstellung wurde der Baronin vom Arzte eine Badereise verordnet, und noch im Spätsommer des Jahrs von derselben mit Gatten und Kindern angetreten. Groß war die Freude und Erwartung der Mädchen, als sie die frohe Kunde erhielten: daß sie die Mutter begleiten dürften, und schon die Zurüstungen, welche die ziemlich weite Reise erforderte, gewährte ihnen einen süßen Vorgenuß. Lange Zeit unterhielten sich die Schwestern, wenn sie des Nachts in ihr Schlafstübchen kamen, bis der Schlummer ihr Auge schloß, von Nichts, als von dem Vergnügen, das ihnen in kurzem bevorstund, und malten sich dasselbe mit lebhaften, und wunderlieblichen Farben, welche ihnen theils ihre Einbildungskraft, theils Schilderungen des Orts, der das Ziel ihrer Reise war, und die sie von Erwachsenen hörten, verlieh; ja nicht selten wurden diese Gespräche in ihre Träume mit verwebt, welche sie sich dann bei ihrem Erwachen ungesäumt mittheilten. Nur daß der liebe Bruder Franz ihrer, zu hoffenden Genüsse sich nicht auch zu getrösten hatte, dies war ein trauriger Gedanke für sie; allein die Versäumniß in der Schule wäre für ihn zu nachtheilig durch die lange Abwesenheit geworden, als daß die Aeltern seinen stillen Wunsch hätten erfüllen, und ihn mitnehmen können. Er wurde bei einem Freund seines Vaters so lange in die Kost gegeben, und da Jener mehrere Söhne hatte, mit denen er sich gut verstand, so versprach er sich von diesem Aufenthalt auch manche Freude, und verschmerzte leichter die unvermeidliche Entbehrung.

Die Seinigen reißten ab, und Bertha und Emma waren ganz Auge und Ohr, damit ihnen in der neuen Welt, die sich vor ihnen öffnete Nichts entgehen konnte, was ihre Wißbegierde befriedigte. Ja sie hatten schon zu Hause den lieben Vater um die Erlaubniß gebeten, ihn unter Wegs recht viel fragen zu dürfen. Dies wurde ihnen zugestanden, und jener blieb ihnen keine Antwort schuldig. Emma nahm dann öfters ihr Schreibtäfelchen heraus, und bemerkte sich das Wichtigste. Bertha aber meinte: in ihrem Köpfchen hätte dies Alles Plaz, sie brauche nicht, sich die Mühe zu geben und es aufzuschreiben. Bereichert schon mit allerlei erlangten Einsichten und Kenntnissen, langten sie nach 3 Tagen an dem Ort ihrer Bestimmung an, und auch hier brachte ihnen Anfangs fast jede Stunde eine neue Erfahrung; wozu hauptsächlich die Menge der Anwesenden, und noch hinzukommenden Kurgäste das ihrige beitrug; hier sahen sie fast alle Nationen Europa's, lernten fremde Sitten und Gebräuche kennen, begegneten bald da einem unermeßlichen Reichthum, bald dort körperlichem Elende, hier einem Kranken der voll Hoffnung seine Wiederherstellung erwartete, dort einem bekümmerten Zweifler, der kleinmüthig an seiner Rettung verzagte. Die Wirthstafel bot ihnen täglich Veränderungen dar, sowohl in den oft wechselnden Mitgästen, als auch durch die Unterhaltungen, welche daselbst Statt fanden; denn immer erschienen Leute, welche durch Sing und Sang, durch den Vortrag von Romanzen und Liedern, durch Taschenspieler Künste, oder durch den Verkauf allerlei hübscher Sachen das Geld aus der Börse der Kurgäste in ihren Beutel lockten. Oft vergaßen die Mädchen darüber Eßen und Trinken, um alles Neue zu schauen und zu vernehmen, und spendeten willig auch ihr kleines Scherflein, wenn der Teller herum ging, auf dem die Gaben eingesammelt wurden. Traf ein neuer Badegast ein, so verkündigte dies am ersten Abend der musikalische Willkomm, der Jenem von den dortigen Musikern, die sehr vorzüglich waren, zu Theil wurde, und auch dies war eine angenehme Unterhaltung für Emma und Bertha, da sie die Musik sehr liebten; täglich begleiteten sie die Mutter an den Gesundbrunnen, wo das rege Gewühl der Menschen ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Auch auf allen nahen und weitern Spaziergängen oder Fahrten nahmen die liebenden Aeltern ihre Töchterchen mit, und die Reize der Natur in jener wunderschönen Gegend gewährte ihnen viel Genuß. Ueberdieß fehlte es ihnen eben so wenig an geselligen Freuden; denn es befanden sich noch mehrere junge Leute an dem Badeort, welche ihre Aeltern oder Verwandte dahin begleitet hatten, und unsere Schwestern fanden manches Mädchen ihres Alters, zu der sie sich hingezogen fühlten, und angenehme Stunden mit ihnen verlebten. Aber sie selbst erregten große Theilnahme unter den anwesenden Kurgästen, und Einwohnern des Orts. Ihre wunderbare Aehnlichkeit, wurde sehr oft angestaunt, ihre Liebe zu einander, ihr angenehmes Aeussere, so wie ihr sittsames und anständiges Benehmen erwarb ihnen allgemeines Wohlgefallen, und lange waren sie das Tagsgespräch, ohne daß die anspruchslosen Kinder es wußten oder vermutheten; denn treulich sorgten Vater und Mutter dafür, daß das schmeichelnde Lob, welches man ihnen zollte, nicht, oder doch selten zu ihren Ohren drang. Ohne es im geringsten zu veranlaßen, erhielt daher auch Bertha durch einstimmige Wahl einstmals einen sehr ehrenvollen Auftrag, und keines der anwesenden Mädchen beneidete sie darum, indem sie durch ihre Gutmüthigkeit die Liebe aller im hohen Grad erlangt hatte.

Gegen das Ende ihres Badeaufenthalts erschall plözlich die Kunde: daß der allgemein geliebte Landesvater für einige Zeit auch ein Badegast werden wollte. Aufrichtig war die Freude, die darüber laut wurde, und in froher Erwartung schlug jenem jedes Herz entgegen. Mit großer Sorgfalt wurden alle erforderlichen Vorkehrungen zu einer würdigen und bequemen Aufnahme und Beherbergung des hohen Gastes getroffen, und dem Monarchen die schönste Wohnung eingeräumt. Unter den Badbesuchenden war auch ein verdienter General, der für König und Vaterland oft sein Leben aufs Spiel gesezt, und dadurch viele Wunden, die ihm jezt den Gebrauch des Bades nöthig machten, erhalten hatte. Dieser gerieth in fast jugendliche Begeisterung bei der Nachricht: daß sein geliebter Herrscher mit ihm _zugleich_ die Heilquelle trinken und benüzen wolle, und Tag und Nacht beschäftigte ihn der Gedanke, wie Jener recht feierlich empfangen werden könnte. Er besprach sich mit Falkensee darüber, und beide entwarfen einen schönen Plan, welcher dann der übrigen Badegesellschaft vorgelegt und von dieser mit ungetheiltem Beifall aufgenommen wurde.

Der König liebte es, zuweilen, und besonders auf dem Lande sich zwanglos zu unterhalten, und zu freuen, so sollte denn auch die Festlichkeit den Anstrich einer ländlichen erhalten. Am ersten Abend, nach der Ankunft des Monarchen, warfen sich Herren und Damen, Knaben und Mädchen in geschmackvolle Bauerntracht nach dortiger Landessitte; jedoch die Kleidung war sehr anständig, ja bei Manchen, die es daraufwenden konnten, kostbar zu nennen. Alle begaben sich auf einen runden freien Plaz, welcher mit Buchen und Birken umpflanzt, mit Blumengewinden verziert, und mit einer zahllosen Menge Lampen vielfarbig beleuchtet war. In der Mitte des Plazes erhob sich ein kleiner Tempel, aus Baumstämmchen errichtet, deren obere Zweige künstlich verschlungen, das grüne Dach wölbten. Im Hintergrund erblickte man transparent erhellt, eine Lorberkrone in einem Sternenkranz, und die Worte:

Dem Beglücker seines Volkes!

_geweiht_

von treu ihm ergebenen Landeskindern!

Im Tempel war ein Theil der weiblichen Jugend versammelt; diese aber nicht als Bäuerinen gekleidet, sondern in weißen Gewändern, blau ausgeschmückt. An ihrer Spitze die erwählte Bertha, welche dem König auf einem blauseidenen Kissen einige werthvolle Verse, von denen der General der Verfasser war, zu überreichen, und jene zu deklamiren, beauftragt wurde. Den Plaz füllten die verkleideten Landleute, so wie sich auch wirkliche darunter mischten, und fast kein Bewohner des Orts und der Umgegend fehlte. In einiger Entfernung verbarg ein Gebüsch die Musiker, welche beim Erscheinen des Gefeierten das Lied: -- »_Heil unserm König Heil!_« anstimmten, das alle Anwesenden mit einem unnennbar gerührten und frohen Ausdruck absangen. Die Witterung und alle Umstände begünstigten das Unternehmen, und der König war tief bewegt bei diesen Aeusserungen und Beweisen der Liebe und Verehrung seiner Unterthanen. -- Freundlich dankend wandte er sich allenthalben hin, und fast jedes der Theilnehmer an diesem Feste konnte sich rühmen: daß sein geliebter Landesherr einige inhaltreiche Worte ihm gespendet habe, welche dem Gedächtnis tief eingeprägt wurden. Besonders ruhte aber der Blick des Königs wohlgefällig auf der holden Jugend, die sich still und bescheiden auf ihrem angewiesenen Plaz verhielt. Er raunte einem seiner Kammerherrn etwas ins Ohr, worauf sich dieser mit einer Verbeugung entfernte, bald aber zurückkehrte, und dem Monarchen eine kleine Chatoulle einhändigte. Aus dieser beschenkte letzterer nun jedes der Kinder mit einem neugeprägten blanken Thaler, der des Regenten wohlgetroffenes Bildniß trug. Dann nahm er aus dem Kästchen eine Perlenschnur, und schlang sie eigenhändig um Emmas dunkle reiche Haarflechten. Diese verbeugte sich mit Anmuth, küßte des Königs Hand und sagte: »Nicht ich verdiene solche Huld, sondern meine Zwillingsschwester Bertha war es, welche das Glück genoß, Euer Majestät die Verse des guten General Romberg zu überreichen.« Erstaunt blickte der Monarch umher; Emma aber winkte, und Bertha trat zu ihr. »Fürwahr eine täuschende Aehnlichkeit!« rief der König, und fügte bei: »Allein was ich einmal gegeben habe, kann ich doch nicht wieder nehmen; die Schwestern mögen sich gütlich vergleichen.« Mit diesen Worten steckte er an Bertha's Finger ein Diamant-Ringlein, küßte beide Mädchen auf die Stirne, und verließ den Tempel, um auf dem freien Plaz, unter den Anwesenden den Dichter jener Strophen aufzusuchen, und ihm besonders dafür zu danken.

Die festlichen Stunden verstrichen schnell, aber höchst genußreich, und jedes kehrte mit süßen Erinnerungen an dieselben, und mit erhöhter Verehrung für den huldvollen Monarchen in seine Wohnung zurück. Bertha's und Emma's schwesterlichen Einverständniß brachte aber des Königs Geschenk keinen Nachtheil. Die Perlen hatten wohl mehr Werth, als das Ringlein, und Emma wollte jene der Erstern durchaus aufdringen; doch diese ließ sich nicht dazu bewegen, und so blieb es dabei.

Beide verehrten indessen in den erhaltenen Kostbarkeiten ein stets theures Andenken, an den geliebten Landesvater, und an ihre genuß- und folgereiche Badereise.

Die Verwundung.

Bertha, obgleich schon 12 Jahre alt, besaß doch noch einen tüchtigen Theil Muthwillen, der sich aber nie heimtükisch sondern entweder im offenen kleinen Krieg mit Geschwistern und Freunden, oder sonst in schuldlosen lustigen Einfällen und Streichen äusserte. Man konnte ihr auch deshalb nicht zürnen nur _das_ tadelte die Mutter, tadelte Emma und Franz an ihr, daß sie in den Kindergesellschaften, an denen des Bruders wegen, auch Knaben oft theilnahmen, sich immer lieber zu diesen als zu den Mädchen hielt. Ja wenn sie auch nicht mehr wie ehedem mit ihnen herum lärmte, so mußte sie doch, wenn sich jene von dem weiblichen Theil der Gesellschaft absonderten, ihnen nach schleichen, und neugierig schauen, was sie vor haben, mußte ihnen ungebeten mit ihrem guten Rath vorspannen, und ihre weisen Bemerkungen, oft mit gutmüthigen Spott untermischt, mittheilen, nicht selten aber auch mit einem langen Näschen abziehen, das sie sich jedoch gar nicht verdrießen, und sich für einandermal nicht dadurch abschrecken ließ. Im gemeinschaftlichen Spiel suchte sie aber immer ihr Müthchen an den Knaben zu kühlen; strebte angelegentlich sie in Pfänderstrafe oder andere Verlegenheit zu bringen, und lachte herzlich, wenn es ihr gelang. Vor allem reizte sie Richard, ein aufgeblasener junger Mensch, der sich auch öfters unter den Gespielen befand, ihr Witztalent zu üben, und sie verfolgte ihn unaufhörlich mit ihren Neckereien. Sein Wissen war ein erbärmliches Stückwerk, und weit mehr Schein als Wahrheit, da Bertha dies wußte, so trieb sie ihn bei Spielen, die zugleich Verstandesübungen waren, oft so in die Enge, daß er sich nicht zu helfen, und seinen Zorn über Bertha's Tücke (wie er es nannte) nicht zu verbergen wußte. War er dann recht aufgebracht, so bat sie ihn mit tiefen Knieen recht weh- und demüthig um Verzeihung, oder sie brachte ihm, da er Süßigkeiten sehr liebte, zur Versöhnung ein Händchen voll Pfeffernüß'chen, Rosinen oder dergleichen, und beschwichtigte damit seinen Zorn. Wurde sie späterhin von den ihrigen über ihren Muthwillen getadelt, so suchte sie, ihrem Verfahren immer eine gute Seite abzugewinnen; und erwiederte einmal unter andern lachend: »o ihr wißt gar nicht, welch ein gutes Werk ich thue, sonst würdet ihr mich nicht davon abhalten wollen. Ich bringe ja nur das supperkluge Bürschchen zur heilsamen Einsicht seiner Mangelhaftigkeit, und heil ihn von den schädlichsten aller Fehler, vom Eigendünkel.« »Und bist selbst nicht frei davon, wenn du dir einbildest, daß _dir_ dies gelingen würde;« wandte die Mutter ein. »O nicht doch Mütterchen,« versezte Bertha, und verschloß Frau v. Falkensee den Mund mit Küssen. »O doch, deine Bertha hat eine winzig kleine Meinung von sich; und ist nur so ein lustiges Dingelchen, das sich oft vor Muthwillen nicht zu lassen weiß.«

Einst war wieder eine Zusammenkunft junger Leute bei Rath Sinthal veranstaltet, und auch Richard befand sich unter ihnen; er ging unausstehlich hochtrabend einher, und reizte dadurch Andere, theils zum heimlichen Lachen theils zu verborgenen Verdruß. Alles, was sie thaten und sprachen beurtheilte er verächtlich, alle Spiele gab er an, oder meisterte doch die, welche nicht von ihm vorgeschlagen wurden, und man sah es ihm recht deutlich an, daß er sich nur alleine klug dünkte. Da zuckte Aerger und Muthwille wieder durch Bertha's ganzes Wesen, und schnell war ein loser Streich ausgedacht, der Richard gespielt werden sollte. Sie wisperte mit Thekla ein wenig, und entfernte sich darauf mit ihr. Nach einiger Zeit erschien Erstere wieder, trug auf einem großen Tassenbrett Rath Sinthals Klapphut, und auf demselben lag ein mit goldnem Schnitt versehenes feines Papier; es enthielt die von Bertha zierlich und mit großen Buchstaben geschriebene Ernennung Richards zum Magister der _Weltweisheit_ mit dem Beisaz: daß er sich durch seine ausserordentliche Klugheit schon längst den Doktorhut verdient habe. -- Mit einer tiefen Verbeugung überreichte sie Richarden dies ehrenvolle Diplom, welcher das Papier neugierig entfaltete, doch als er es gelesen hatte, es erzürnt zu Boden warf, und in gewaltigen Zornäusserungen aufbraußte. Die andern Kinder aber brachen in ein lautes Lachen und Beifall rufen aus, und Bertha wurde für ihren drolligen Einfall manches Lob zu Theil. Niemand ahnete, daß es ihr so theuer zu stehen kommen würde. Richard jedoch nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit dem Mädchen seine Rache fühlen zu lassen, und der böse Knabe führte sein frevelhaftes Vorhaben wirklich noch am nämlichen Abend aus, allein nicht so, wie er wollte. Es wurde nämlich noch eine Weile »Ring versteckens,« gespielt. Die Gesellschaft sezt sich bei diesem Spiel in einen Kreis, und giebt sich von Hand zu Hand ein Ringlein, doch so daß der Knabe, oder das Mädchen, welches in der Mitte steht, nicht bemerken kann, bei wem es zu finden wäre, und entweder nur durch Beobachtung der Mienen, oder durch sonst eine Vermuthung geleitet, zu dem oder jenem tritt, und die Hand ihm öffnet, um den versteckten Ring zu finden. Ist dies geschehen, so begiebt sich derjenige bei dem sich jener vorfand, in dem Kreis, wird aber falsch gerathen, so ist die Strafe ein Pfand, und das weiter Suchen. Richard, der rachsüchtige Knabe -- hielt während des Spiels, ausser den Ring, wenn er zu ihm kam, noch ein kleines, aber scharfes Messerchen in der Hand, und als einmal Emma, welche er für Bertha hielt, im Kreise sich befand, und auch zu ihm trat, um die Hand ihm zu öffnen, versezte er ihr mit der, in die Höhe gekehrten, Schärfe des Messerchens eine tiefe Wunde. Mit einem lautem Schrei fuhr das Mädchen zurück, und der starke Blutverlust, so wie der erlittene Schrecken zog ihr eine Ohnmacht zu. Man kann sich das Wehklagen und das Entsezen der kleinen Versammlung denken, da überdieß, ausser den Dienstboten kein erwachsenes im Hause war. -- Richard machte sich in der allgemeinen Bestürzung aus dem Staube, und die herbeigerufenen Mägde leisteten Emma die nöthige Hülfe. Im Weglaufen hatte aber jener einem Gespielen zugerufen: »Nun hat Bertha für ihren unzeitigen Wiz den verdienten Lohn.« Aus dieser Aeusserung ergab es sich also, daß wieder eine Verwechslung der Schwestern Statt fand, und die unschuldige Emma für Bertha's Muthwillen leiden mußte. Als sich diese davon überzeugte, wollte sie sich nicht trösten lassen, obgleich die edelmüthige Schwester sie durch die Versicherung zu beruhigen gedachte: daß sie die wahre Ursache ihrer Verwundung verschweigen, und einer Unvorsichtigkeit von ihrer Seite die Schuld beimessen wollte; denn es war zu erwarten, daß Bertha über ihr Benehmen, welches Emma das Unheil zuzog, einen strengen Verweiß erhalten würde, und die kleine Versammlung, welche die Zwillingsschwestern fast gleich liebte, bestärkte jene in ihrem Entschluß und nahm auch Franzen, der am ungehaltensten auf Bertha war, das Versprechen der Verschwiegenheit ab. Doch die Mägde plauderten die Sache aus; und nun fand ein strenges Examen statt, im welchem Bertha und Emma, Alles aufrichtig gestanden. Richard wurde darauf aus den Kindergesellschaften ausgeschloßen und Bertha eingeschärft: das Necken künftig zu unterlassen. Doch sie hatte es sich schon selbst recht ernstlich vorgenommen, und hielt redlich ihren Vorsaz; denn Emma's Wunde verschlimmerte sich in den ersten Tagen so sehr; daß die liebende Schwester unendlich viel Angst und Jammer ausstund. Jeder Blick auf die verwundete Hand der Leidenden prägte jenen Entschluß tiefer in ihre Seele, und recht oft stellte sie die Frage wehmüthig an Emma: ob sie ihr verzeihen, und sie ferner lieben könne? doch diese wußte von keinem Groll, und bald trat auch eine glückliche Heilung ein. Bertha aber widerstand in Zukunft jedem Drang zu Necken, ohne an ihrer muntern Laune zu verlieren, welche ihr so viele Liebenswürdigkeit verlieh.

Die Wette.

Herr v. Falkensee sparte nichts, seinen Kindern eine vorzügliche Ausbildung geben zu lassen. In Allem wozu sie Lust und Anlage hatten, ließ er sie unterrichten, und jedes von ihnen war auch von der Natur mit einem hervortretenden Talent begabt worden. Franz verfertigte artige Verse in deutscher und lateinischer Sprache -- eine Gabe, welche vom Vater, der ein sehr guter Dichter war -- ihm angeerbt schien. Bertha machte im Spiel auf dem Flügel gute Fortschritte, und Emma gab Hoffnung eine geschickte Zeichnerin zu werden.

Einstmals, als der Geburtstag der Mutter wiederkehrte beschenkte Emma Erstere mit einem, von ihr recht schön gezeichneten Blumenstraus, und erreichte auch ganz ihre Absicht damit, Jene zu erfreuen. Jedem, der an diesem Tage zu ihr kam, zeigte sie denselben, und die kleine Künstlerin erhielt das verdiente Lob. -- Am Abend aber hatte der Major zur Feier des Festes eine große Gesellschaft eingeladen, und in dieser Versammlung mußte auch Bertha ihr Talent zeigen. Der zärtliche Gatte hatte zu Ehren der lieben Geburtstägerin einen schönen Rundgesang gedichtet, welcher von der Gesellschaft an der frohen Tafel abgesungen, und den Bertha, nach des Vaters Wunsch und Willen, mit ihrem Spiel auf dem Flügel begleiten mußte, was ihr auch zur allgemeinen Zufriedenheit gelang. -- Unter den anwesenden Gästen befanden sich zwei junge Künstler. Sie waren Brüder, und Söhne eines Freundes des Barons, welcher ihnen, um des Vaters Willen, nicht nur den Zutritt in sein Haus gestattete, sondern ihnen auch schon manche große Gefälligkeit erzeigt hatte. Albrecht, so hieß der Aeltere, widmete sich ausschließend dem Zeichnen und Malen; Walther aber arbeitete geschickt im Wachs, und spielte überdies die Guitarre sehr gut. Beide unterhielten sich diesen Abend viel mit den Zwillingsschwestern, und freuten sich ihrer schönen Talente. Emma's Zeichnung erhielt ihren vollen Beifall, so wie Berthas Flügelspiel, allein immer wurde es jenen schwer, die Mädchen zu unterscheiden, zumal da Emma ebenfalls Clavier spielte, wenn auch nicht so vorzüglich wie Bertha. Als nun die Brüder aus dem frohen Zirkel nach Haus kehrten, unterhielten sie sich noch lange über Falkensee's Töchterchen und prießen die Aeltern wegen ihres Besitzes glücklich. Aber nun entstand unter ihnen ein kleiner Streit. Walther behauptete: Bertha sey nicht nur die gute Clavierspielerin, sondern überdies die Verfertigerin des gelungenen Blumenstraußes. Albrecht jedoch hatte sie richtiger erkannt, und widersprach also mit Feuer dem Bruder. »Ich muß meiner Sache gewiß seyn,« äusserte Walther, »denn ich habe mir vorgenommen, dem Baron für seine uns oft bewiesene Freundschaft, das Anerbieten zu machen, und Bertha, die eine entschiedene Anlage zur Musik hat, unentgeldlich Guitarre zu lehren, daher darf ich sie nicht für Emma, und Emma nicht für sie halten. Daß aber _sie_ die Blumen gezeichnet hat, weiß ich gewiß, und somit besizt sie nach meiner Ueberzeugung die beiden Talente.« »Nicht doch,« wandte Albrecht ein; »warum willst Du denn Emma Alles rauben? _Sie_ ist die Zeichnerin, ich irre mich nicht.« Jener blieb indessen hartnäckig auf seiner Meinung, und brachte Albrecht so weit, daß derselbe eine Wette in Vorschlag brachte. »Es sey,« rief der lustige Walther, und schlug in die dargebotene Hand des Bruders. »Ich wette, daß Bertha auch die Bleifeder künstlich führt, und täusche ich mich wirklich, so will ich unsern ehrlichen Hauswirth um seinen Sonntagsanzug bitten, in diesen bei Falkensee's erscheinen, und Emma wegen des ihr zugefügten Unrechts um Verzeihung bitten.« (Die Jünglinge wohnten bei einem alten ehrsamen Krämer, der eine noch ganz altmodische Tracht beibehielt.) Der ernstere Albrecht verstand sich nicht zu jener tollen Verkleidung, sondern machte sich anheischig, im Fall er Unrecht hätte, Walthern mit einer Sammlung Musikalien, welche eben neu in allen Kunst- und Buchläden erschienen waren, zu beschenken.

Ein Dankbesuch, den, nach seiner Sitte, die beiden Brüder in dem Falkensee'schen Hause für die lezt genoßene Ehre abzustatten gedachten, sollte die Sache entscheiden. Sorgsam bemerkten sie hier die unterscheidenden Kennzeichen der Zwillingsschwestern, und es ergab sich nun, daß Albrecht die Wette gewonnen hatte. Gleich am folgenden Tag erschien Walther wieder in der Wohnung des Majors, und zwar mit einer Stutzperücke auf dem Kopf, an die ein kleiner Haarbeutel befestigt war, in kurzen schwarzen Beinkleidern, grauen Strümpfen und breiten Schuhen mit kleinen silbernen Schnallen; er trug ferner eine grüne Weste mit langen Schoßen, und einen braunzeuchenen Rock, ebenfalls ganz nach alten Schnitt, in der Hand aber hielt er ein hohes spanisches Rohr mit elfenbeinernem Knopf. Auf der Straße hatte er seinen Mantel umgeworfen, doch bei Falkensee's angelangt, legte er diesen ab, und frug nach Fräulein Emma. Die anwesende Magd wollte ihn zu ihrem Herrn führen, allein er bestund darauf, das Fräulein sprechen zu müssen; da öffnete sich die Wohnzimmerthüre, weil die Baronin auf dem Vorplatz laut sprechen hörte, und Walther trat ohne viele Umstände ein. Niemand erkannte ihn, und alle waren im Stillen über die Dreistigkeit des fremden Mannes unwillig. Er schien sich aber nicht daran zu kehren, suchte Emma mit seinen Blicken, fragte ausdrücklich, um sich nicht wieder zu irren; ob sie es doch wäre? und als sie es bejahte, äusserte er: der Künstler Walther habe ihn geschickt, um Emma die, bei ihm zu Schulden gekommene Verwechslung zu bekennen, so wie sein Vergehen, daß er ihr den Ruhm als geschickte Zeichnerin habe rauben wollen, wofür er um Verzeihung bitten lasse. Das Mädchen staunte, eben so die anwesenden Geschwister und Mutter. Da trat Walther ein wenig auf die Seite, wischte sich mit einem Tuch die gemalten Falten aus dem Gesichte, und nahm die Perücke ab, wodurch das dunkle Lockenhaar wieder sichtbar wurde. Als er sich der Familie näherte, rief Alles aus einem Munde. »Ach Walther, Walther ist es! wie drollig! Nein wer hätte dies gedacht!« Franz und die Schwestern brachen in lautes Lachen aus, und musterten jedes Stück an des verkleideten Anzug; selbst die Aeltern -- der Vater kam zufällig dazu -- konnten den jungen Freund nicht ohne Lachen ansehen. Doch als der größte Spaß vorüber war, trug jener dem Major das Anerbieten vor: den Töchtern desselben unentgeldlich Unterricht im Guitarrespielen ertheilen zu dürfen; denn zur Vergütung des, an Emma begangenen Unrechts, wollte er einen Theil seiner sehr beschränkten Zeit auch dieser opfern, und sie als Schülerin annehmen. Beide Mädchen brachten es im kurzen, recht weit bei ihm; jedoch wie Bertha von Emma immer im Zeichnen übertroffen wurde, so diese von ersterer stets in der Tonkunst, und ihr Phantasien Spiel so wie das, nach vorgezeichneten Noten, entzückte jeden, der es hörte; besondere ihren Lehrer, welcher es nie bereute, dem Drang seines dankbaren Herzens gefolgt zu haben. Er sah dadurch einen Theil seiner Schuld abgetragen, die er sich gegen dem Baron bewußt war, und dies beglückte den wackern Jüngling sehr. -- Falkensee hatte nämlich den Brüdern früherhin, durch seine Bekanntschaft mit obrigkeitlichen Personen den freien Zutritt in die Kunstschule des Orts verschaft, und sie, da der Vater kein Vermögen besaß, von Zeit zu Zeit mit Geld unterstüzt, bis sie so weit kamen, sich selbst ihren Unterhalt zu erwerben. Walther mißbrauchte überdies anfangs die Freiheit, die er ausser dem älterlichen Hause genoß, und gerieth durch böse Gesellen auf Abwege. Vorzüglich ergab er sich dem Spiel, und stürzte sich einst in eine verzweifelnde Verlegenheit. Der wackere Bruder wußte keinen Ausweg, als sich dem Major zu entdecken. Dies geschah; letzterer lößte Walthers Spielschuld aus; berief aber den verblendeten Jüngling zu sich, und machte demselben so rührende Vorstellungen, daß er von Reue ganz zerknirscht, seinen Wohlthäter mit Mund und Hand gelobte: keine Karte mehr anzurühren. Er hielt Wort und seine Zufriedenheit und Ruhe war hinfort keiner Störung mehr unterworfen. Dem Baron aber verehrte er wie seinen zweiten Vater, und immer sehnte er sich, ihm sprechende Beweise seiner Dankbarkeit geben zu können, wozu sich nun in der Ausbildung des musikalischen Talents seiner Töchter eine günstige Gelegenheit gezeigt hatte, welche Walther freudig benüzte, und der Erfolg veranlaßte dem erfreuten Vater oft zur Behauptung:

»Wohlthun trägt Zinsen.«

Der wichtige Fund.

Der lezte Winter war hart und streng, und die Armuth hatte viel zu leiden. Wenn nun Franz und seine Schwestern mit ihren gewöhnlichen Gespielen zusammen kamen, dort ein Knabe in die rothen Hände hauchte und durch Reiben ihre Erstarrung zu mildern suchte, hier ein Mädchen zum Ofen eilte, und seine wohlthätige Wärme prieß; wenn wohlschmeckender Thee die Frierenden labte, oder gebratene Aepfel ihnen gespendet wurden, dann meinten sie; der Winter sey doch so übel nicht, und habe auch seine eigenen Freuden. Einstmals aber, als dies wieder zur Sprache kam, wandte Franz ein: »Ihr habt wohl Recht liebe Freunde, so lange ihr bei _unserm_ Schicksal verweilt, wenn ihr aber die armen Leute und Kinder bedenkt, welche jede Erleichterung, die uns dargeboten wird, sich versagen müssen, und deren Noth durch die anhaltende und strenge Kälte furchtbar steigt und sich vermehrt, dann werdet Ihr mit mir doch die beßere Jahrszeit herbei wünschen.« »Ja, wohl, ja wohl!« riefen die Kinder. »Wer nur das Elend aller Hülfsbedürftigen mildern könnte!« fügte ein mitleidiges Mädchen hinzu. »_Allen_ Armen können wir freilich nicht helfen;« begann ein guter und verständiger Knabe in der kleinen Versammlung. »Aber _etwas_ für Jene zu thun, steht doch in unserer Macht. Hört meinen Vorschlag lieben Freunde, der so eben durch Franzens Aeußerung in mir seine Entstehung erhielt. Wir alle, genießen wie ich glaube, durch die Veranstaltung unserer lieben Aeltern viel Gutes zu Hause, wahrscheinlich auch ihr, wie ich und meine Schwestern, immer zum Frühstück und zum Vieruhrbrod weißes, oft gar mürbes Brod. Beim Mittageßen öfters Wein, oder auch Bier, und an Namens- und Geburtstägen manche überflüßige Leckerei und Süssigkeit, ists nicht so meine Lieben?« -- Die Knaben und Mädchen antworteten durch einander: »Du hast Recht Adolph! dies alles was du anführtest, wird mir zu Theil.« -- »Nun wohl,« versezte dieser. »Meine Meinung nach, wäre es kein großes Opfer, wenn wir die Wintermonate hindurch, uns statt mit weißem, mit schwarzem Brod, statt mit Wein und Bier mit Wasser begnügten, auf alle Süssigkeiten verzichteten, und uns für das, was wir entbehren wollen, von unsern lieben Aeltern mit Geld entschädigen ließen, welches wir in eine Büchse sammelten, wöchentlich es gemeinschaftlich berechneten, und unter Arme vertheilten.« »Ja ja, das wollen wir thun; o das ist ein herrlicher Plan, ein köstlicher Einfall!« So äusserten sich alle Glieder der kleinen Gesellschaft, und stimmten auch darinn Adolphen bei, daß keine menschliche Seele, ausser den Aeltern um die Sache wissen dürfe. Gerührt vernahmen die Väter und Mütter den Entschluß der Kinder, und billigten nicht nur denselben, sondern sie nahmen es auch bei der Entschädigung nicht so genau, sondern schlugen z. B. ein Gläschen Wein oder Bier viel höher an, als es werth war, so daß die vereinten Gaben, welche die Kinder wöchentlich zusammen trugen, ziemlich bedeutend wurden, und sie damit mancher augenblicklichen Noth erfolgreich abhelfen konnten. Als kleine Engel erschienen sie in den ärmlichen Wohnungen, und wurden öfters fast angebetet. Aber eben durch die Dankbarkeit der durch sie Gespeisten, Erwärmten, Geretteten kam ihr schönes Unternehmen doch an Tag. Auch plauderte ein kleines Plappermäulchen unter ihnen, und schwazte einmal irgendwo die getroffene Verabredung aus; wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Sage davon in der Stadt, und kam auch zu den Ohren des städtischen Senats. Dieser hielt eine eigene Sitzung über die Sache, und es wurde darinnen beschloßen: die edle Jugend für ihre stille Wohlthätigkeit zweckmäßig zu belohnen.

Aber dieser Beschluß blieb ein Geheimniß, bis der Frühling seine Reize über die Erde ausgebreitet hatte, bis die Wiesen mit sammtartigem grünen Teppich, die Bäume mit Blüthenschnee, und die Gartenbeete mit duftenden Blumen bedeckt waren. Die Armen sahen nun einer sorgenfreiern Zeit, die Reichen wieder neuen Vergnügungen im Schoose der Natur entgegen. Ein würdiger Geistlicher aber verkündigte einmal vom Predigerstuhl herab: daß am nächsten Sonntag auf einem, dazu bestimmten großen Wiesenplan ein Jugendfest gefeiert werden sollte, zu Ehren der wohlthätigen Kinder, welche mit Aufopferung mancher Genüsse im verfloßenen Winter viel Gutes übten, oft die Thränen des Kummers trockneten, oft dem Hunger und Frost in den Hütten der Armuth durch ihre mildthätigen Gaben wehrten, und dies Alles anspruchlos, und im Stillen vollbrachten. »Nun mögen sie sich,« so schloß oder Pfarrherr, »nun mögen sie sich auch schuldlos freuen, und ihre Lust wird das innere lohnende Bewußtseyn erhöhen. An sie ergeht vor Allem die Einladung zu jenem Fest, doch darf demselben jeder gutartige Knabe, jedes gesittete Mädchen, welche die allgemeine Freude nicht stören werden, daran Antheil nehmen, so wie selbst arme Kinder, die mit Gottes und edler Menschenhülfe den harten Winter überstanden haben, welche reinlich und anständig dabei erscheinen, und die nicht durch ein rohes Benehmen sich der Gefahr aussezen, abgewiesen zu werden. Auch durch schuldlose Lust wird Gott gepriesen, und so wollen wir den Freundlichen auf solche Weise ebenfalls loben und danken!« -- Die Glieder des schönen Bundes, welche in der Kirche waren, und diese Aufforderung mit anhörten, schlugen erröthend den Blick zu Boden, und getrauten sich, als sie das Gotteshaus verließen, kaum aufzusehen. Aber süße Gefühle regten sich in ihrer Seele, so wie in der ihrer Gespielen, welche die geistlichen Worte nicht selbst vernahmen, sondern durch treue Mittheilung erfuhren. Man versäumte nicht am bestimmten Tag auf der großen Wiese zu erscheinen; wohin ausser den enger verbundenen Freunden, noch eine Menge Knaben und Mädchen strömten, so wie die meisten Aeltern und Verwandten. Nach der erhaltenen Erlaubniß fanden sich auch arme Kinderchen ein, und fühlten in den Stunden allgemeiner Lust einmal nicht den schmerzlichen Unterschied zwischen ihnen und der reichen Jugend. Auch für sie war der Glückshafen errichtet, und sie konnten sich eines für sie unschäzbaren Gewinns, in einem Halstüchlein, in einer Rechentafel, in ein paar Hemderknöpfchen u. s. w. erfreuen. Auch sie durften sich in dem anwesenden Caroussel schauckeln, oder nach der hübschen Musik im fröhlichen Tanze drehen.

Ihre Eßlust wurde mit Obst und mürben Brod, mit leichtem Backwerk, oder auch mit einer Bratwurst ebenfalls gestillt, -- kurz es war ein Festtag für sie, und seine Genüße sollten in ihnen, nach dem Willen des Senat's; die Dankbarkeit gegen ihre jungen Wohlthäter vermehren, da um dieser Willen und zum Gedächtnis ihres guten Werks das Fest veranstaltet wurde. Jene Kinder selbst, so wie überhaupt die Jugend der höhern Classe belustigten sich auch auf mancherlei Art, im freundlichsten Einverständniß, und auf bescheidene artige Weise. Ja die Stunden enteilten im Fluge dahin, und mit Wehmuth sah man die Sonne sinken, welche den Tag über im reinen Himmelsblau gestrahlt und eine milde Wärme verbreitet hatte, die durch sanfte kühle Lüftchen nicht zur brennenden Hize werden konnte. Die blasse Sichel des Mondes, und der flimmernde Abendstern erinnerte endlich die Theilnehmer an dem fröhlichen Feste in die Stadt und in ihre Wohnungen zurückzukehren, wo man sich lange Zeit an der Erinnerung labte, welche jene schöne Stunden oft in die Seele zurück rief.

Nur Bertha konnte sich nicht ungetrübt dem Andenken an dieselben überlassen, denn sie hatte an dem frohen Abend ein theures Gut, ihr Haarringlein von der geliebten Pathin verloren. Sie trug es selten, denn noch war es ihr ein Bischen zu weit; doch damals konnte sie dem Verlangen, es anzustecken nicht widerstehen, und wie bereute sie es nun, dies gethan zu haben! So bald sie es auf der Wiese vermißte, suchte sie ängstlich darnach, und wer sich in ihrer Nähe befand, bemühte sich es zu finden, allein vergeblich. Besonders waren die anwesenden armen Kinder sehr geschäftig, Bertha wieder in den Besitz des verlorenen lieben Eigenthums zu sezen, und betrübten sich sehr, daß es ihnen nicht gelang. Bertha aber konnte es lange, lange nicht verschmerzen.

Nach einiger Zeit begab sich Emma zu einem, in der Nachbarschaft wohnenden Schuhmacher, der im lezten harten Winter ganz verarmt, jezt mit seinem Weibe und 6 Kindern nur von Wohlthaten guter Menschen lebte. Jene brachte ihm, wie schon öfter, eine kleine Gabe der Aeltern, und hatte noch überdies ein Körbchen Kirschen mitgenommen, um sie unter die Kinder auszutheilen, denn diese erhielten gewöhnlich auch etwas von ihr, und waren daher, besonders das 8jährige Lieschen recht zutraulich gegen sie. Diesmal aber entwischte bei Emma's Eintritt Leztere in die Kammer, erschien auch auf dem Ruf der Mutter nicht, um ihren Antheil Kirschen zu empfangen, und als Erstere sich wieder entfernte, bemerkte sie wie Liese durch die Spalte der Thüre, welche auf den Vorplaz führte, lauschte, bis Emma das Häuschen verließ. Dieser entging es nicht, und des Mädchens ganzes Betragen fiel ihr gewaltig auf; ja, je mehr sie darüber nachdachte, desto unerklärbarer war es ihr, denn sie hatte Lieschen immer nur Liebes und Gutes erwiesen, und konnte daher nicht begreifen, woher ihre plözliche Schüchternheit und Furcht rühre. Indessen kam es ihr doch wieder aus dem Sinne, bis Meister Simon durch eine erhaltene reiche Unterstüzung in den Stand gesezt wurde, von Neuem sein Handwerk zu treiben. Eine gelungene Sammlung für ihn, welche Herr v. Falkensee veranstaltete und durch den eigenen großen Beitrag begründete, brachte Jenen wieder empor, und von nun an durfte er auch unter andern, die Falkensee'sche Familie durchgehends bedienen. Liese aber vermied auch jezt ängstlich mit Emma oder Bertha in nähere Berührung zu kommen, und floh vor ihnen wo sie nur konnte. Dies ärgerte besonders Emma, und sie beschloß der Sache auf den Grund zu kommen; deswegen trug sie einmal schadhafte Schuhe selbst zu Meister Simon, und zwar zu einer Zeit, wo sie wußte, daß jener eine kleine Reise wegen Leder-Einkauf unternommen hatte, und die Frau auf den Markt, der ältere Bruder Lieschens in die Schule gegangen, und diese mit den jüngern Geschwistern alleine zu Hause war. Nun mußte sie ihr zur Rede stehen, und wohl mit sanfter Freundlichkeit, aber mit forschendem Blick drang sie in das Mädchen, ihr die Ursache von ihrem seltsamen Benehmen zu gestehen.

Roth wie Blut im Gesichte, schlug Liese die Augen zu Boden, und unter den gesenkten Wimpern träufelten große Thränen hervor. Endlich brach sie in lautes Weinen aus, rang die Hände und geberdete sich trostlos. Noch dringender verlangte Emma Aufklärung über Alles; und zulezt gestand das Mädchen, daß sie an dem bewußten Kinderfest ein Ringlein gefunden habe, welches Emma gehöre. »Ich habe wohl,« fuhr sie unter Schluchzen fort, »damals gesehen und vernommen, wie Sie liebes Fräulein ängstlich dasselbe gesucht, und um seinen Verlust gejammert haben, und doch war ich so gottlos, dasselbe zu behalten. Allein es ist wundernett, und das Vergismeinnicht von blauen Steinchen, welches das Schildchen vorstellt, gefiel mir so gar wohl, daß ich mich nicht von ihm trennen konnte, und es wie einen Schaz in meinem Nähpultchen aufhob. Aber ganz vergnügt konnte ich doch niemals seyn, wenn ich mich auch an seinem Anblick ergözen wollte; besonders ist, wenn ich Sie sehe, und Sie so gütig gegen mich waren, mein Gewissen aufgewacht, und hat mich mit Vorwürfen gepeinigt. Nein, ich mag das Ringlein nicht behalten, sondern will es gleich holen, und Ihnen geben, dann werde ich hoffentlich wieder ruhig werden.« Mit diesen Worten lief sie fort, und brachte das vorenthaltene Gut. Dabei flehte sie aber mit heißen Thränen: Emma möchte keiner menschlichen Seele von ihrem Vergehen sagen, und steckte jener das Ringlein an den Finger; doch war es Bertha schon weit, so paßte es an Emma's noch zarteres Fingerchen gar nicht, und Lieschen verwunderte sich darüber. Jene war eben im Begriff ihr zu sagen, daß nicht sie, sondern Bertha die Eigenthümerin sey, da kam die Mutter nach Hause, und so eilte Emma fort, um dem Mädchen die sonst gewiße, und harte Strafe zu ersparen: Wie groß war Bertha's Freude, als sie wieder im Besitz ihres lieben Ringleins war, doch als Schwesterchen erzählte, wie es dazu gekommen sey, da beklagten Beide das gewissenlose Kind, das schon so frühzeitig anfange, sich fremdes Eigenthum unrechtmäßig anzueignen. Auf einmal wurde Bertha still, und schien über etwas nachzudenken. Nach einer Weile sagte sie: »Wie wäre es Emma, wenn wir uns um des Mädchens Charakter verdient machten? Mir fällt ein Plan ein, den ich dir mittheilen muß.« Und nun schlug sie jener vor: mit der Mutter Bewilligung Lieschen im Nähen und Stricken zu unterrichten, und ihr dabei recht gute Lehren und Ermahnungen zu geben, damit sie die Rechtschaffenheit schäzen lerne, und sich nicht, wenn sie älter würde, ins Verderben stürze. Von Herzen stimmte Emma in diesen Plan ein, der auch bald ausgeführt, und Lieschen durch Lehre und Beispiel ihrer Wohlthäterinnen ganz für die Tugend gewonnen wurde. Um keinen Preis hätte sie je mehr eine Unredlichkeit begangen; und als sie älter wurde, und in Dienste trat, erwarb ihre gewißenhafte Treue ihr die Achtung aller Guten und Edlen, und es fehlte ihr nie an einer Unterkunft, welche ihren bescheidenen Wünschen genügte, ja oft dieselben übertraf. So oft sie aber an Bertha's Finger das verhängnisvolle Ringlein erblickte, so entschlüpfte ihr immer der Ausruf: »Welch ein wichtiger Fund war dieser!«

Die Blumenfreundin.

Meine lieben Leser und Leserinnen werden sich doch wohl noch der freundlichen Gärtnerin und ihres Bärbchens erinnern, welches lezteres Bertha's Muth dem verlezenden Huf des flüchtigen Schimmels entzog. Erstere wenigstes konnte die erwähnte Begebenheit und die Retterin ihres Töchterchens auch lange nicht vergessen, und wurde nach einigen Jahren wieder lebhaft daran erinnert, als Emma bei ihr erschien, und ein paar Blumenstöcke kaufen wollte.

Es war nämlich Schwester Bertha von einer bedeutenden Krankheit überfallen worden, und Emma hatte viel Angst und Jammer um sie ausgestanden, auch treue Pflege ihr gewidmet, und alles aufgeboten, sie, als die Gefahr vorüber war, zu erheitern und zu zerstreuen. Wir wissen, daß Emma eine große Blumenfreundin war, und so nahm sie es von sich ab, daß der Kranken ein Blumengeschenk die größte Freude bereiten würde. Sie begab sich in den, früher einmal erwähnten Garten, und suchte 2 gewürzhafte Nelkenstöcke von brauner und rother Farbe, und ein blühendes, niedliches Orangenstöckchen, heraus, welche sie aushandeln wollte. Der Preis überstieg den damaligen Zustand ihrer Kassa, und sie beschloß, nur die Nelken zu nehmen. Während dem betrachtete sie Frau Anna lange und schweigend, und endlich rief sie freudig aus: »Ach mein Gott! Sie sind ja die Retterin meines Mädchens! O daß ich Sie nur einmal wieder sehe! Wie groß sind Sie unterdessen geworden, bald hätte ich Sie nicht mehr erkannt! Komm Bärbchen!« rief sie den Garten hinunter. »Komm und küsse diesem guten Jungferchen die Hand; Sie hat dir einstens das Leben gerettet, wie ich dir schon oft erzählte.« -- Das Kind that, wie die Mutter gebot, und Emma -- nicht um mit Bertha's Verdienst zu prahlen, aber in der Hoffnung: daß sie durch den Wahn der Frau, von ihr aus Dankbarkeit das Orangenstöckchen um billigeren Preis erhalten würde, ließ sie in demselben ohne die Sache aufzuklären. Sie hatte sich nicht geirrt; nicht nur die Nelkenstöcke, auch das Orangenbäumchen, und noch zwei ausländische schöne Blumen erhielt Emma, und die dankbare Gärtnerin nahm gar keine Bezahlung dafür an. Sie packte ohne Aufschub die Blumenschäze ihrer Magd auf, welche Emma nach Haus begleiten mußte. Falsche Scham gestattete dieser nicht, den kleinen Betrug den Ihrigen zu gestehen, aber sie konnte es nun kaum erwarten, bis die Kranke aus dem Schlummer, in dem sie eben lag, erwachen, und die mitgebrachten Herrlichkeiten von ihr empfangen würde. Zu ihrem Leidwesen äusserte Jene ihre Freude nicht in _dem_ Grad, wie sie es erwartet, und Emma hatte nun nichts angelegentlicheres zu thun, als die fremden Gewächse, und das Orangenstöckchen in _ihre_ Pflege zu nehmen. Unbeschreiblich ergözte sie sich daran, doch der Genuß war nicht von langer Dauer. Troz aller Sorgfalt, die sie auf ihre Kleinode wandte, welkten sie -- o Himmel! -- dennoch dahin; so wie auch die Nelken. Diese waren von Bertha, als sie wieder hergestellt war, nach ihrer, immer noch zuweilen bei ihr obwaltenden Unachtsamkeit öfters zu gießen vergessen worden, und so war ihr kurzer Lebenslauf wohl kein großes Wunder; aber warum Emma's Pflegkinder dahin starben, -- das konnte sie sich nicht erklären. Sie war recht betrübt darüber, und überdies flüsterte oft eine Stimme in ihrem Gemüthe: »Du hast es verdient, daß deine Freude so vergänglich ist, du bist unwahr gewesen; dies ist die Strafe dafür,« und diese innere Unruhe konnte sie auch nicht lange ertragen. Nein, so wie sie während des Aufenthalts der Tante Hildegard einstens den schönen Sieg über sich gewann, ihr Unrecht zu gestehen, so entstand wieder in ihr plözlich der Entschluß: durch ein aufrichtiges Geständnis die Schuld von sich zu wälzen, die sie drückte. --

An einem schönen Herbsttag beredete sie die jezt vollkommen genesene Schwester zu einem Spaziergang, und führte sie in jenen Garten. Erstaunt sah nun die Gärtnerin die Zwillingsschwestern vor sich, blickte eine nach der andern an, und konnte die Retterin ihres Bärbchens nicht erkennen. Da sagte Emma, auf Bertha deutend: »diese ists liebe Frau; sie darf mir's glauben. Neulich aber verführte mich ein böser Geist, meiner Schwester den verdienten Ruhm zu entziehen, und sie, gute Mutter, in den Wahn zu lassen: _ich_ sey es gewesen, welche das verdienstliche Werk vollbracht, und ihr Töchterchen ihr erhalten habe; aber so ist es nicht; ich war damals die Furchtsame, Bertha die Muthvolle, und nur die Hoffnung, für mein Schwesterchen recht schöne Blumen zu erhalten, konnte mich veranlaßen, mich neulich für Bertha auszugeben. Aber es war Unrecht, und der Unwahrheit folgt die Strafe auf dem Fuße nach. Auch ich ward gestraft: Bertha äusserte nicht _die_ Freude, welche ich vermuthete. Ach es hat dir geahnt, daß es keine _reine_ Gabe war! und dann -- denke sie nur liebe Frau,« sprach sie, wieder zur Gärtnerin gewendet. »Denke sie nur, alle die schönen Blumen sind dahin gestorben. O die herrlichen, köstlichen Blumen. Ich möchte mich halb zu tod grämen. Aber es ist mir schon Recht geschehen, warum war ich so pflichtvergeßen. Vergieb mir Schwesterchen; und sieh meine Reue!« sagte sie unter strömenden Thränen, und weinte lang an Bertha's Halse, welche sie zärtlich zu trösten suchte, und von keiner Schuld wissen wollte. Dann reichte Jene der Gärtnerin die Hand, und bat auch diese um Verzeihung. Frau Anna trocknete sich mit der weißen Schürze die Augen und erwiederte: »Ach gehen Sie doch; Sie machen einen ja ganz weichmüthig, es war ja nicht böse von Ihnen gemeint.« Emma wandte sich nun, um fortzugehen, da erblickte sie hinter dem Gatterthor eine männliche Gestalt, und stieß erschrocken einen lauten Schrei aus. Es war aber keine furchterregende Erscheinung; sondern der alte wackere Hauptmann Halten, der Alles mit angehört und angesehen hatte. Er trat nun in den Garten, umfaßte beide Mädchen mit Liebe und sagte: »Abermals habe ich durch einen Zufall tiefe Blicke in Euer Inneres geworfen, und nichts als Erfreuliches entdeckt. Deine Reue Emma, dein offenes Bekenntniß und deine Schwesterliebe wiegen den begangenen Fehler auf, und von meiner Bertha hörte ich auch wieder Gutes. Kommt liebe Kinder! Ich führe Euch durch den Garten, und Ihr müßt ein Andenken an diese Begebenheit mit nach Hause nehmen.« -- Er suchte unter einer Menge Blumen eine Nachtviole und ein Granatbäumchen heraus. Ersteres erhielt Bertha mit dem Zusaze: daß sie immer wie bisher geräuschlos Gutes thun möge, gleich der Nachtviole; welche im Dunkeln ihre süßesten Gerüche verbreitet. Emma aber beschenkte er mit der Granatenblüthe, und sagte: »Sie trägt die unvergängliche Farbe der Wahrheit, und erinnere dich immer daran, daß diese Tugend ewig besteht, während Trug und Täuschung untergeht.« --

Die Mädchen dankten dem väterlichen Freund innig für seine Geschenke, und versprachen ihren Sinn wohl zu erfassen, und treu in demselben zu handeln. Bei dieser Gelegenheit erfuhr aber Halten Emma's Blumenliebhaberei, und von Zeit zu Zeit erfreute er sie nun immer mit ein paar Blumenstöcken, und die freundliche Gärtnerin mußte die Verwelkten und Alten oft mit frischen und neuen verwechseln. Bertha jedoch, welche die Blumen nicht so liebte, entschädigte er durch schöne Musikalien, und verpflichtete auf solche Weise beide Schwestern zur herzlichsten Dankbarkeit. Ja sie waren tief betrübt, als ein Regimentsbefehl ihren Freund wieder von hinnen, und in eine andere Garnison rief.

Der Flüchtling.

»O verbergen Sie mich, verbergen Sie mich!« bat dringend ein hübscher, aber ärmlich gekleideter Knabe, welcher durch die, so eben offenstehende Hausthüre in das Gärtchen drang, das sich an Falkensee's Wohnung befand, und in welchem sich gerade Emma aufhielt; sie las ausdrucksvoll mit melodischer Stimme Schillers Lied von der Glocke, und übte dadurch wiederholt ein Talent, daß sie und Bertha ebenfalls besaßen. So oft sie eine solche Uebung vornehmen wollten, begaben sie sich in ihr Gärtchen, um hier ungestört und laut irgend ein Meisterstück der Dichtkunst zu lesen. Auch gegenwärtig hatte ein solches Vorhaben Emma hieher geführt, als der erwähnte Knabe weinend und zitternd ins Gärtchen stürzte, und Jene bebend um Schuz anflehte. Ohne sich lange zu bedenken, zog ihn Emma mit sich fort, die Stufen des offenen Kellers mit hinunter und ließ über ihnen die Fallthüre zusinken. Indem kam Bertha in den Garten, sah auf einer Rasenbank das Buch liegen, und fing nun auch laut darinnen zu lesen an. Kaum hörte und sah dies der reiche geizige Böttchermeister Ulrich, der als Falkensee's naher Nachbar in das Gärtchen schauen konnte, so erschien er in demselben, und fragte, Bertha für Emma haltend, dieselbe ziemlich barsch, wohin der böse Junge versteckt worden sey, welcher von seinem Pfirsichbaum Früchte gemaust hat? »Ich sahe sie,« äusserte er, »vorhin schon hier an dem Bassin sitzen und lesen; Sie müssen sicherlich den kleinen Dieb aufgefangen und verborgen haben.« Das Mädchen den Zusammenhang ahnend, aber im Grunde Nichts wissend, konnte ganz unbefangen antworten, daß sie keinen Knaben gehört noch gesehen habe. Ulrich betrachtete sie lange forschend, allein die ehrliche Miene, mit welcher Bertha obige Versicherung ertheilte, benahm ihm jeden Zweifel, und er ging ruhig fort. Nun suchte sie aber nach der Schwester und ihrem Schüzling im Gärtchen umher, und rief mit halblauter Stimme Emma's Namen. So näherte sie sich auch unter andern der Kellerthüre, und vernahm auf ihr Rufen ein leises Pochen unterhalb derselben; allein mit aller Anstrengung vermochte sie die Thüre nicht aufzuheben. Da war nun guter Rath theuer, denn einen Domesticken wollte sie nicht rufen; zum Glücke kam zufällig Franz herbei, welchem die Schwester in Eile und heimlich alle ihre Vermuthungen mittheilte. Der kräftigere Knabe brachte die Kellerthüre in die Höhe, und aus der Tiefe stieg Emma herauf, sich ängstlich umschauend: ob Antons Verfolger nicht mehr in der Nähe wäre. Wohl war dies nicht der Fall, doch zu größerer Sicherheit winkte Franz, daß der Knabe noch im Keller bleiben solle, lief fort, und kehrte aber bald mit seinem Mantel zurück, in welchen er Anton hüllte, und ihn, auf solche Weise unkenntlich durch den Garten in die Wohnung führte. Hier mußte nun vor Franzens Aeltern der Flüchtling beichten, wer er sey, und durch was er sich Ulrichs Zorn zugezogen habe. Er erzählte: daß sein Vater ein armer Maurersgeselle, und Miethsmann des reichen Böttchers, die Mutter schon längst gestorben wäre. Durch einen unglücklichen Sturz vom Gerüste hatte sich der Maurer sehr beschädigt, und eine bedeutende Krankheit kam dazu. Hier brach Anton in lautes Weinen aus, und schilderte seinen Kummer über das Leiden des Vaters so herzergreifend, daß in die Augen Aller, die ihm zu hörten, Thränen traten. Nach einer Weile fuhr er fort: »Wie es nun bei Kranken geht -- sie haben mancherlei Gelüste, und so wünschte sich mein armer Vater, wenn er von seinem elenden Lager ans Fenster wankte, und den reichbeladenen Pfirsichbaum im Hofe unsers Hausherrns betrachtete, sehnlich eine, ach nur _eine_ Frucht desselben. Ich nahm es über mich, den Hartherzigen darum zu bitten, aber er schlug mir rund und kalt mein Gesuch ab; und doch wiederholte der Kranke immer von Neuem sein Verlangen mit solchen Klagen, die mir durch die Seele schnitten. Da wollte ich vorhin, in der Meinung, Meister Ulrich sey nicht zu Hause, einen Versuch machen und einen einzigen Pfirsich abpflücken. Aber hilf Himmel, mein karger Hausherr stand an dem Fenster, das in das Gärtchen und in einen Theil seines Hofraum's führte, und sah mein Beginnen. Nun sprang er die Treppe herunter, und mir nach. Ich wußte mir nicht anders zu helfen, als in ihren Garten zu flüchten, und die Hülfe des Fräuleins anzusprechen. Gott lohne ihnen den Schuz den Sie mir angedeihen ließen, und glauben sie, dass mich nur das Verlangen, meinen kranken Vater das ihm grausam versagte Labsal zu verschaffen, nöthigen konnte, diesen Pfirsich hier zu nehmen. Ach wenn ich ihn nur behalten, und jenem bringen dürfte! doch wie Sie wollen;« sezte er mit einem tiefen Seufzer hinzu, und reichte Herrn v. Falkensee die Frucht hin. Die Kinder sahen erwartungsvoll auf des Vaters Miene, um darin zu lesen, was er thun würde. Dieser gab dem Knaben den Pfirsisch zurück und sagte: »Nun es sey; ich will deinen Versicherungen Glauben beimessen, und hoffen, daß du nie mehr ohne Fug und Macht etwas entwenden wirst, sey es auch nur eine Frucht wie diese; denn wisse, selbst die Liebe zu deinem Vater kann eine solche Handlung nicht entschuldigen. Wärst du zu mir gekommen, siehe, meine Bäume biegen sich unter dem Obstsegen dieses Jahrs; und ich hätte dir deine Bitte um eine Erquickung für deinen Kranken gewiß erfüllt. Nun versprich mir nur,« sagte er noch zu dem still weinenden Knaben; »versprich mir, nie mehr etwas zu stehlen, und dann will ich für dich und deinen Vater sorgen.« Anton legte das feierliche Gelübde in des Barons Hand, und ging mit seinem Pfirsich getröstet fort. Franz mußte ihn schüzend begleiten, und im Namen des Vaters Ulrichen für jene Frucht ein Stück Geld bringen. Dem kranken Lorenz aber sandte der Baron den menschenfreundlichen Arzt Wollmann, der ihn bald wieder herstellte, zumal da Emma und Bertha von der Mutter die Erlaubniß erhielten, jenem täglich eine kräftige Suppe kochen und bringen zu dürfen. Nicht lange, so konnte er wieder sein Handwerk treiben, und jezt mit mehr frohem Muth als sonst; denn sein Sohn Anton, den er herzlich liebte war durch des Majors Veranstaltung versorgt. -- Zuerst durfte er auf Falkensee's Kosten eine Schule besuchen, und dann gab ihn jener in die Werkstatt eines Tischlers, wo er sich zu einem brauchbaren und geschickten Manne bildete. Bertha sagte nachher oft zu Emma: »In diesem Falle hat unsere täuschende Aehnlichkeit etwas Gutes bewirkt; sie führte Meister Ulrich irre, und wäre dies nicht geschehen, so hätte der Grausame den armen Anton mishandelt, statt daß dieser gerettet in unser Haus kam, wir ihn von einer guten Seite kennen lernten, und unser liebe Vater seinem Schicksal eine günstige Wendung gab. Ja, wohl mir, daß ich meinem Schwesterchen ähnlich bin!« sezte dann fröhlich die lustige Bertha hinzu, und fiel Emma mit stürmischer Zärtlichkeit um den Hals.

Der Gevatterbrief.

Wenn es im Falkensee'schen Hause Holz zu spalten gab, so wurde ein armer, aber ehrlicher Taglöhner vom Lande berufen, und ihm jener Verdienst zugewiesen. Ehemals unter des Major's Regiment, gemeiner Soldat, stand er bei diesem noch in großer Gunst, denn er hatte sich immer brav gehalten, und seine Wunden, die ihn zum Invaliden machten, zeigten von seiner Tapferkeit. Er war aber auch seinem ehemaligen Vorgesezten mit Liebe zu gethan, und freute sich herzlich, wenn er in sein Haus berufen wurde. Die Kinder hatten den lustigen Paul recht gern, und unterhielten sich oft lange mit ihm, besonders Bertha, die ohnehin ihr Plappermäulchen öfter in Bewegung sezte als Emma. Sie ließ es sich nicht nehmen, Paul das Frühstück, und sein Mittageßen zu bringen, und erbat sich oft für ihm von der Mutter eine aussergewöhnliche Erfrischung in einem Glas Bier, oder wenn es kalt war, eine Erwärmung in einem Glas Brantewein. Dabei ließ sie sich dann von ihm erzählen wie er als Soldat in manche Noth gerieth, sich durch List und tolle Streiche, aber auch durch Muth daraus half, welche Leute und Kinder er kennen lernte, wenn er hie und da einquartirt wurde, wie seine Hauswirthe ihn immer so ungerne verloren, weil er in Küche und Garten, im Stall und Scheuern gute Dienste leistete, mit den Kindern spielte, ihre zerbrochenen kleinen Besitzthümer wieder herstellte und sich kurz jedem gefällig machte. »Am liebsten,« gestund er lachend, »am liebsten war es mir, wenn ich einen Auftrag im Keller zu besorgen hatte, oder bei einem Wirthe einquartirt wurde, da ließ es sich Paul schmecken, daß es eine Lust war.« Dieser Versicherung mußte man Glauben beimessen, denn noch jezt war Paul's größter Fehler, die Liebe zum Trunk. -- In einem solchen Zustand, wo er nicht ganz seiner Geisteskräfte Herr war, schrieb er einmal, als seine Frau mit einem Mädchen in die Wochen kam, einen Gevatterbrief an Emma, den er eigentlich _Bertha_ zugedacht hatte. Allein die Freude, daß er nach 4 Jungen, ein nettes Mädchen erhielt, ließ ihn das gehörige Maß vergessen, und er sezte in der Schenke dem Gerstensaft wieder tüchtig zu. Als er darauf nach Haus kam, und, da er zu schüchtern war, sein liebes Fräulein persönlich zu Gevatter zu bitten, obigen Brief schrieb, so verwechselte er in der Adreße die Namen der Schwestern, und sezte Emma, statt Bertha. Jene war höchlich darüber verwundert, und konnte es nicht begreifen wie ihr die Taufpathen-Ehre zu gefallen sey, weil sie eigentlich keine absonderliche Gönnerin ihres neuen Herrn Gevatters war, und Bertha trauerte ganz, daß sie von ihm vernachläßiget zu werden schien; da sagte Jene als sie dies bemerkte: »weißt du was Schwesterchen, Paul wird es schon recht seyn, 2 Pathen statt einer für sein Kindchen zu bekommen, wir wollen alle beide bei der Taufhandlung gegenwärtig seyn, und die Kleine soll den Namen Marie, den wir ja gemeinschaftlich tragen, erhalten.« Bertha hüpfte über diesen Vorschlag vor Freuden in die Höhe, und auch die Aeltern genehmigten ihn vollkommen.

Am Tag der Taufe fuhren nun die Schwestern, von der Mutter und Franz begleitet, auf das Dorf, in dem Paul wohnte. Die Landleute versammelten sich neugierig vor der kleinen Hütte, als die Staatskarosse daher fuhr, und bei jener hielt. Beim Aussteigen, wo Bertha ihrer lieben Emma folgte, riefen mehrere der versammelten Zuschauer: -- »Ei, was ist denn das, die Gevatter kommt ja doppelt! oder ist die eine ihr Geist?« -- Paul aber und sein Weib waren ganz erstaunt, die _beiden_ Fräuleins bei sich zu sehen in der Absicht, ihr Kind aus der Taufe zu heben, und weder Mann noch Frau befanden sich im Stande, die Schwestern zu unterscheiden. Während der Weihe-Handlung hielten Emma und Bertha das Kind nach einander auf dem Arm, und freuten sich im Stillen, gemeinschaftlichen Antheil an dem kleinen Mädchen zu zu haben; späterhin aber, als Paul einmal ausser dem Stübchen ein Geschäft zu besorgen hatte, schlich ihm Bertha nach und sagte halb schmollend: »Ich sollte eigentlich recht böse auf dich seyn, alter Paul, daß Du mich nicht zur Gevatter gewollt hast, sondern Schwester Emma. Habe ich Dir denn etwas zu leide gethan, und war ich nicht immer recht freundlich gegen Dich? Warum hast du mir denn jene Freude nicht gegönnt?« »Poz Bliz! ich weiß nicht wie mir geschieht!« antwortete der Taglöhner, faßte bescheiden Bertha bei der Schulter, wandte sie gegen das Licht, das durch die offene Thüre auf den kleinen Vorplaz herein fiel, und sah ihr forschend ins Antliz. »Sagen Sie mir nur« -- fuhr er fort, »sind Sie denn Fräulein Emma oder Bertha? doch ja ja, ich erkenne Sie jezt doch. Sie sind meine liebe lustige Fräulein Bertha, und _Sie_ habe ich auch gemeint.« »Aber du hast ja den Brief an Emma überschrieben« -- wandte jene ein. »Hab ich das wirklich?« frug Paul. »O ich alter Schöps! da war es einmal wieder nicht ganz richtig hier im Kopfe, als ich das schrieb. Ja ja ich erinnere mich, die Buchstaben tanzten damals gar wunderlich vor meinen Augen; aber die Freude, Papa von einem lieben Mädel zu werden, nachdem mir 4 wilde Jungen oft tüchtig warm machen, führte mich zum Trunk, wo ich nicht zur rechten Zeit aufhörte. Doch nun ists gut. _Sie_ erwiesen ja auch meinem Kinde den Liebesdienst und machten meinen begangenen Fehler freundlich selbst gut. Nun habe ich _zwei_ herzige Gevattern statt einer, denn Fräulein Emma ist ebenfalls die Liebe selbst.« Diese trat eben aus der Stube, und erkundigte sich, was Paul mit Bertha so laut verhandle, die Verwechslung kam an Tag, doch des Mannes treuherzige Versicherung: wie dankbar er dem Schwesternpaar für ihre _vereinte_ Pathenschaft sey, verscheuchte bei jener jeden Argwohn, daß er seinen Irrthum bereue. Auch in Zukunft fand er nur Ursache, sich über die Art und Weise, wie sich die Sache gestaltete, zu freuen, denn Emma und Bertha wetteiferten, ihrem Pathchen Liebe und Fürsorge zu beweisen, und auch sie erlebten viel Freude an dem Kinde, das die Aeltern in Gottesfurcht, zum Fleiße und allen Guten erzogen. Die Schwestern aber theilten ihrem lieben Mariechen, als sie größer wurde, auch manches von ihrer Geschicklichkeit in weiblichen Arbeiten mit, und sie vergalt ihre Liebe mit treuer Anhänglichkeit.

Die Erbschaft.

Emma war die erklärte Günstlingin einer alten reichen Bürgersfrau, welche in ihrer Nachbarschaft wohnte. Sie hatte sich ihre Zuneigung durch einen Dienst erworben, den sie ihr nicht vergaß. Es fiel nämlich einmal im Winter Glatteis ein, und als Emma von dem Besuch bei einer Freundin vorsichtig nach Haus trippelte sah sie Frau Günther an den Häusern fortschleichen, an der Mauer sich ängstlich festhaltend, und dennoch ausglitschen. Die eigene Gefahr vergeßend, sprang Emma eilig hin, half der Matrone mit vieler Mühe empor, und bot sich freundlich an, sie in ihre Wohnung zu führen. Es wurde dankbar angenommen, und Schritt vor Schritt suchte man jene glücklich zu erreichen. Hier mußte die Greisin von dem erlittenen Schrecken sich ein wenig erholen, und konnte nicht, wie sie wünschte, auf der Stelle ihrer lieben Führerin die Dankbarkeit, die sie für sie fühlte, mit der That beweisen; aber sie bat dieselbe, recht bald auf länger zu ihr zu kommen. Frau Günther wohnte in einem Stübchen zu ebener Erde, und nach ein paar Tagen vermochte sie das Bett wieder zu verlassen, und an dem Fenster ihren gewöhnlichen Plaz in dem grüngepolsterten Armsessel einzunehmen. Sie gedachte eben, eine Einladung für Nachmittag an Emma ergehen zu lassen, da sie sich immer mit Dank ihres geleisteten Beistandes erinnerte, als Bertha vorüber ging, welche sie für Jene hielt, sie zu sich rief, und selbst jene Aufforderung an sie richtete. Die Schwestern waren gewohnt, von ihren kleinen und größern guten Handlungen, die sie alleine vollbrachten, nichts zu rühmen, und so wußte Bertha auch nichts von dem Dienst, welchen Emma der Frau Nachbarin erwiesen, konnte daher gar nicht begreifen, warum es dieser einfiel, sie einzuladen; denn sie wohnte schon länger in ihrer Nähe, und hatte noch nie etwas von sich hören lassen. Bei ihrer Nachhausekunft erzählte sie also verwundert, was sie erfahren, und bemerkte, wie Emma still und heimlich für sich lächelte. Sie drang in sie, ihr zu sagen, was sie beschäftige, und nun theilte ihr jene obige Begebenheit mit. Darauf bat Bertha die Schwester herzlich, statt ihrer Frau Günther zu besuchen, da _sie_ ja gemeint sey, und auch die Mutter fand es billig. Suschen, das Stubenmädchen hörte es, und sagte: »O Fräulein! wie gut wird es Ihnen da ergehen! Frau Günther bewirthet ihre Gäste vortrefflich, sie werden nicht genug eßen und trinken können.« Dies bewog Bertha noch mehr, Emma, welche wir als eine Liebhaberin vom Backwerk u. d. gl. kennen zuzureden, die Ehre, die ihr rechtmäßig zustehe, zu genießen. »Nun wohl,« sagte diese. »Diesmal will ich hingehen; kommt aber von der lieben Frau Günther wieder eine Einladung, so mußt Du sie benüzen. Bei unserer großen Aehnlichkeit wird die gute Alte gar nicht wissen und erkennen; ob Du oder ich es sey.«

Emma begab sich also hin, und wurde aufs freundlichste empfangen. Es war ihr recht wohl und heimlich in den neuen Umgebungen; und dies konnte auch seyn, denn in dem heitern, grauangestrichenen Stübchen herrschte die größte Ordnung und Reinlichkeit. Der Boden war blendend weis, wie ein hölzerner Teller, Tische, Sessel und Schränke glänzend gebahnt, in den grünen Ofentafeln konnte man sich spiegeln, die klaren hellen Fenster zierten reine Vorhänge von roth- und weisgestreiftem Zeug; auf der Komode, die ein grünes Wachstuch bedeckte, stand ein kleines Schränkchen mit Glasthüren, hinter dem allerlei hübsche Geräthschaften von Glas und Porzelan, auch ein paar Salzfäßer, Messer, Gabeln und Löffel von Silber, ja sogar ein vergoldeter Pokal prangte. Die silberne Zuckerdose und einige Kaffelöffel befanden sich schon auf dem Kaffetisch, der mit einer Decke von feinem geblümten Zitz versehen war. Auf ihm standen auf einem lackirten Brett, drei Tassen vom blau und weißen Dresdner Porzelan, und auf einer gelben Schale ein ziemlich großer köstlicher Gogelhopfen, durch dessen saftige Rinde die kleinen braunen Rosinen, die in Menge darinen waren, hervor schauten, feine Damastene Servietten lagen auf den Pläzen, welche die Hauswirthin und ihr lieber Gast einzunehmen hatten, und neben an stunden Porzelanteller, das Kaffebrod darauf zu legen, und blank geputzte Messer mit braunen Heften, dasselbe zu zerschneiden, fehlten auch nicht dabei. Kaum war Emma eingetreten, so brachte die Magd, die hellkupferne Kaffe- und Milchkanne, und Frau Günther nöthigte ihren Besuch, Plaz zu nehmen, und bediente ihn reichlich. Dabei schwazte sie recht treuherzig von diesem und jenem, und die Zeit verstrich so schnell und angenehm für beide, daß die Hausfrau Emma beim Abschied bat, doch ja recht bald ihren Besuch zu wiederholen, diese es auch versprach, aber im Stillen eigentlich für Bertha es zu sagte.

Wirklich erschien nicht lange nachher wieder eine Einladung von der freundlichen Nachbarin, und auf Emma's Zureden machte Bertha davon Gebrauch. Wie es vorauszusehen war, so geschah es; die Matrone bemerkte nicht die Statt gefundene Verwechslung der Schwestern und war eben so liebevoll gegen Bertha, als gegen Emma. Ja sie lobte vorzugsweise an Ersterer diesmal ihre lautere Aussprache, (welche auch ein Unterscheidungszeichen der Mädchen war, indem Emma's sanfterer Charakter im etwas leiserem Sprechen sich kund gab,) Frau Günther aber litt', wie gewöhnlich alte Personen, am Gehör, und also machte sie obige Bemerkung mit vielem Wohlgefallen. Zur Unterhaltung ihres lieben Gastes öffnete sie auch diesmal ihr Glasschränkchen, nahm ein Kästchen heraus, das aus Ebenholz fein gearbeitet und mit Elfenbein eingelegt war, und worin sich die Kostbarkeiten der Greisin befanden; nämlich silberne und goldne Ketten, Perlen, Ohrringe und Halsgehänge von ächten Korallen, von Perlen und Granaten, Ringe, in denen Inschriften schwarz eingeschmelzt waren u. a. m. Die purpurrothen schönen Granaten gefielten dem Mädchen besonders wohl, und sie äusserte es auch gegen die Eigenthümerin; da sagte diese gütig: »nun warte nur mein Kind, wenn ich sterbe, vermache ich sie dir in meinem Testamente.« »O stille doch gute Frau Günther,« erwiederte Bertha. »Von Ihrem Tode mag ich nichts hören, sie sollen noch lange, recht lange leben!« Bei dieser Aeusserung schlang sie ihren Arm um den Nacken der Greisin, und küßte herzlich ihre faltige Wange. Diese drükte sie aber mit vieler Liebe an ihr Herz und versicherte sie wiederholt: daß ihr jenes Andenken nun ganz gewiß von ihr bestimmt sey. -- Und sie hielt Wort. Nach einigen Monaten, zu bald für Emma und Bertha, nahm sie ein sanfter Tod hinweg. Jene hatten sie abwechselnd fleißig besucht, und wohl späterhin sich ihr als Zwillingsschwestern vorgestellt, aber durch das Alter waren die Geisteskräfte der guten Frau doch etwas geschwächt, und ihr geschah häufiger, was schon jüngern und kräftigern Personen oft widerfuhr, daß sie die Mädchen verwechselte; da ihr der Name Emma von der ersten Begegnung mit derselben an geläufiger war als Bertha, so galt diese bei ihr größtentheils für Erstere. -- Nach ihrem Dahinscheiden ergab sichs, daß sie auch Emma den Granatenschmuck testamentlich bestimmt hatte, und er wurde dieser eingehändigt. Allein nun entstand wieder ein liebender Streit zwischen den Schwestern. Bertha behauptete: Emma verdiene die Erbschaft, da sie der Verstorbenen den wesentlichsten Beistand einst geleistet hatte; Jene aber wandte ein: daß Frau Günther, als sie Bertha die Kostbarkeiten zeigte, ausdrücklich derselben die Granaten versprochen habe. Da es indessen eine große Anzahl waren, so schlug die Mutter eine redliche Theilung vor, und freudig verstanden sich die Schwestern dazu. In diesem Besitzthum ehrten beide dankbar das Andenken an ihre verewigte Freundin, und oft war sie und ihr freundliches Benehmen gegen die Schwestern, ein Gegenstand ihrer Gespräche.

Der Schluß.

Wir haben unsere Zwillingsschwestern bis in ihr 13tes Jahr begleitet, und dabei oft Gelegenheit gehabt, sie ihrer Aehnlichkeit und Verschiedenheit nach, genau kennen zu lernen. Ich hoffe, sie sind meinen lieben Lesern und Leserinnen lieb geworden, und sie würden mir vielleicht gerne länger zuhören, wenn ich ihnen noch eine oder die andere Erfahrung ihres Jugendlebens mittheilen wollte, allein der Raum des Büchleins gestattet mir nicht bei jenem Zeitpunkt zu verweilen, indem ich glaube, es wird meinen jungen Freunden nicht unangenehm seyn auch zu erfahren, wie sich das Schicksal der _erwachsenen_ Emma und Bertha gestaltete; deshalb überschreite ich einige Jahre schweigend oder doch schneller, und stelle Euch die Schwestern als Jungfrauen vor, welche ihr 20tes Jahr erreicht hatten. In dieser Zeit mußten sie manche herbe Erfahrung machen. Ihre Taufpathinnen, so wie mehrere ihrer nähern Freunde und Bekannte wurden ihnen durch den Tod, oder andere Verhältnisse, welche sie in die Ferne riefen, geraubt. Auch Dokter Woldemann war unter den leztern. Ja er konnte gar nicht mehr an seinen besten Freunden Falkensee's seine Geschicklichkeit erproben, indem er einen Ruf in eine sehr entfernte Gegend erhielt, und demselben folgte, noch ehe den Major eine tödliche Krankheit auf das Lager warf, die ihm auch das Leben wirklich kostete. Seine Gattin, welche unbeschreiblich zärtlich ihn liebte, ertrug seinen Verlust nicht lange, sondern folgte ihm bald in die Gruft; und nun standen die Schwestern alleine, und sehr verlassen, denn Franz hatte bei einem reichen Engländer die Stelle als Hofmeister von dessen einzigen Sohn erhalten, und machte mit diesem große Reisen. Das Vermögen aber, das Falkensee hinterließ, war unbedeutend, denn der treffliche Mann hatte seinem wohltätigen Sinne zu viel geopfert, und oft Undank und großen Verlust erfahren müssen, denn nicht alle, die er großmüthig mit Geldsummen unterstüzte, suchten wie Walther auf eine oder die andere Weise ihre Schuld zu tilgen, und also ergab sichs nach seinem Tode, daß die Töchter das Haus und andere Habseligkeiten zu verkaufen, und irgendwo eine Unterkunft für sich zu suchen, genöthigt wurden. -- Für ihre Wohnung erhielten sie lange keinen paßenden Käufer, und so lange sie dieselben besäßen, benüzten sie fleißig ihren Lieblingsaufenthalt, ihr Gärtchen, wo sie sich einzeln und vereint wehmütigen Erinnerungen hingaben, auch zuweilen mit ihrer Guitarre oder einem schönen Buche die Sorgen für ihre Zukunft verscheuchten. An den Garten stieß das Nebengebäude eines stark besuchten Gasthofs, und die Fenster einiger Gastzimmer führten in denselben. Eine durchreisende Gräfin fand im Hauptgebäude keine Unterkunft mehr, mußte sich mit jenen Gemächern begnügen, und bemerkte Emma in ihrer Laube, welche zuerst, nach ihrer frühern Gewohnheit mehrere Stellen aus einer schönen Gedichtsammlung laut und ausdrucksvoll für sich las, dann die neben ihr liegende Guitarre ergriff und ein frommes erhebendes Lied spielte und sang. -- Gräfin Sternfeld suchte schon längst eine Gesellschafterin für sich, da ihre Kinder alle erwachsen und vermählt waren, und sie öfters sich recht einsam fühlte, ob sie gleich jene von Zeit zu Zeit besuchte, und eben auch jezt von einer Reise, welche sie zu einem ihrer entfernt lebenden Söhne gemacht hatte, zurück kehrte. Emma's Talent, gut zu lesen, so wie ihr hübsches Spiel und sanfter Gesang, ließen sie wünschen, die holde Jungfrau zu sich nehmen zu können. Sie ließ den Gastwirth rufen, und fragte ihn nach Namen und Verhältnis derselben. »Es ist Berta von Falkensee,« erwiederte der dienstbefließene redselige Mann. »Das Mädchen ist ein verarmtes Fräulein, überdies eine Waise, deren Aeltern, Gott hab sie selig! wackere Leute waren. Der Major hatte nur einen Fehler, daß er nämlich zu gut war, und sich von jedem Taugenichts hinters Licht führen ließ, dafür müssen nun die Töchter büßen, und in beschränkter Lage leben; indessen hat der Vater auch viel Gutes ausgeübt, und ich denke immer, dies soll den Kindern vergolten werden.«

Dies war genug um die Gräfin in ihrem Entschluß zu befestigen. Sie beorderte den Wirth die Guitarrspielerin, die noch immer ohne zu wissen, daß sie beobachtet wurde, im Gärtchen weilte, rufen zu lassen; und er sandte also nach _Bertha_ Falkensee, welche bei der Gräfin erschien, wo gegenseitig ein vortheilhafter Vertrag sehr bald abgeschlossen wurde. Auch die Abreise fand in den nächsten Tagen Statt, und der Abschied zwischen den zärtlichen Schwestern war ungemein schmerzlich für Jede.

Noch betrübter aber wurde Bertha, als sie, angelangt auf dem Landsitz der Gräfin die vielen Vortheile ihrer neuen Lage, und den trefflichen Charakter jener edlen Frau erst recht kennen lernte, nach einigen Tagen sich aber überzeugen mußte, daß abermals, auch bei diesem wichtigen Schritt, der ihr Schicksal entschied eine _Verwechslung_ der Schwestern Statt fand. Die Gräfin ersuchte nämlich ihre Gesellschafterin, als sie einmal mit ihr in einem Rosenbasquett des großen Parks saß, das Lied zu singen, und auf der Guitarre zu spielen, welches ihr das Wohlgefallen derselben zugezogen habe. Es hatte sich ihr so eingeprägt, daß sie die Endstrophen, mit denen jeder Vers sich schloß, recht in Gedächtnis behalten hatte. Sie lauteten:

»Bewahre dir in Freud und Schmerz Des Glaubens Kraft o Menschenherz!«

Dies war jedoch ein Lied, welches nicht Bertha, sondern Emma immer sang, und Erstere gar nie gespielt hatte. Da entdeckte sich nun, daß der Gastwirth Emma für Berta gehalten, und _dieser_ das Glück mit Gräfin Sternfeld in so schöne Verhältniße zu treten, aus _Irrthum_ verschafft hatte, was die liebende Schwester ungemein beunruhigte. Sie verheelte es weder jener noch Emma selbst, erhielt aber von Beiden den Trost, daß es eine höhere Fügung sey, welcher sie sich ruhig unterwerfen müßten. Bald aber wurde Bertha _ganz_ zufrieden gestellt, indem sie aus der Heimath die Kunde erhielt, daß ein würdiger Mann um die Hand der Schwester geworben habe. Sie kannte ihn wohl; es war ein Bekannter des Banquier Krause, bei dem sie ihn öfter traf, und welcher Gefallen an ihr zu finden schien. Nun hatte er eine kaufmännische Reise zurückgelegt, begründete in W* eine eigene Handlung und begann von Neuem Emma, die er mit Bertha verwechselte, auszuzeichnen. Bald wurde ihm sein Wahn benommen, aber nicht die achtungsvolle Liebe, die ihm Emma nun auch eingeflößt hatte, und er fand nie Ursache zu bereuen, sie, statt Bertha, zur Lebensgefährtin gewählt zu haben. Diese aber traf bei einem Besuch, den sie mit der Gräfin einer verheiratheten Tochter derselben abstattete mit dem Geistlichen des, dem jungen Paare zugehörigem Rittergut's, zusammen, und erkannte in ihm den alten Freund, Heinrich Volkmar. Dieser war noch unverehlicht, und hatte, da der Vater nicht mehr lebte, seine Mutter zu sich genommen, welche dem kleinen Haushalt sorgsam vorstand. Bald erhielt sie in Bertha eine liebende Tochter und Heinrich eine treue Gattin; und so bewährte die Verwechslung der Zwillingsschwestern, in ihrem spätern Leben, keinen nachtheiligen, sondern einen beglückenden Einfluß auf ihr Geschick. Beide aber blieben auch entfernt, im Geiste sich immer noch, und durch die innigste Liebe und Theilnahme verbunden.

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Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Aeltern" -- "Ältern", "Dokter" -- "Doktor", "drückte" -- "drükte", "erschrack" -- "erschrak", "getrocknetem" -- "getroknetem", "glücklich" -- "glüklich", "Hausapothecke" -- "Hausapotheke", "jetzt" -- "jezt", "kan" -- "kann", "priesen" -- "prießen", "verschafft" -- "verschaft", "weis" -- "weiß", "zuletzt" -- "zulezt",

mit folgenden Ausnahmen,

Seite 6: "," nach "Schwester" entfernt (und Schwester Emma in fatale Verlegenheiten brachte)

Seite 7: "rohen" geändert in "frohen" (bei der frohen Aussicht auf jenen Tag)

Seite 9: "Oelinnhalt" geändert in "Oelinhalt" (der Oelinhalt des Lämpchens)

Seite 12: "freute" geändert in "freuten" (erschraken Emma und Bertha, statt daß sie sich freuten)

Seite 12: "ihn" geändert in "ihr" (auf ziemlich freundschaftlichem Fuße mit ihr stand)

Seite 13: ";" geändert in "," (die bei ihnen Statt fand, anhören)

Seite 15: "hofte" geändert in "hoffte" (Emma flog zur Thüre hinaus, sie hoffte auf der Mutter Rückkehr)

Seite 20: "nahstehenden" geändert in "nahstehende" (mit ihrem ganzen Inhalt auf die nahstehende Komode legten)

Seite 21: "auszezeichneten" geändert in "ausgezeichneten", "Fleis" in "Fleiß" (»dem ausgezeichneten Fleiß und sittlichen Betragen.«)

Seite 21: "Irthum" geändert in "Irrthum" (durch unsere Aehnlichkeit veranlaßter Irrthum)

Seite 21: ";" eingefügt (sie schwieg und ihr Blick wurde feucht;)

Seite 23: "." eingefügt (meine Empfindlichkeit besser beherrschen.)

Seite 24: "zukränken" geändert in "zu kränken" (Emma durch gänzliche Zurücksetzung zu kränken)

Seite 29: "," nach "Auftrags" entfernt (pünktliche Ausrichtung ihres Auftrags auch nicht sehr am Herzen)

Seite 43: "den" geändert in "denn" (denn es saß das kleine Bärbchen fortwährend auf der Straße)

Seite 43: "den" eingefügt (und lief wieder in den Garten hinein)

Seite 44: "Muter" geändert in "Mutter" (über ihr langes Ausbleiben von der Mutter erhielten)

Seite 51: "znr" geändert in "zur" (und ermunterte sie selbst zur schuldlosen Fröhlichkeit)

Seite 52: "Pfarres" geändert in "Pfarrers" (des Herrn Pfarrers ist. Er und Rosalie)

Seite 53: "den" geändert in "denn" (denn Schwesterchen Bertha beträgt sich recht gut)

Seite 54: "kan" geändert in "kann" (ich kann ihm nicht widerstehen)

Seite 61: "Schreken" geändert in "Schrecken" (In Schrecken hatte sie das Sacktuch fallen lassen)

Seite 62: "gegönt" geändert in "gegönnt" (hätte ich Bertha den Antheil an der schönen That gegönnt)

Seite 62/63: "," eingefügt (auf und nieder geschritten, dann ergriff sie seine Hand)

Seite 63: Bildunterschrift "Entdekung" geändert in "Entdeckung" (Die Entdeckung.)

Seite 68: "treflich" geändert in "trefflich", "schmeken" geändert in "schmecken" (mürben Kuchen trefflich hatten schmecken lassen)

Seite 69: "Farth" geändert in "Fahrt" (er eine zweite Fahrt unternehmen, und Emma mitnehmen wolle)

Seite 70: "vorans" geändert in "voraus" (der Statt gefundenen Verwechslung voraus, und fügte)

Seite 72: "im" geändert in "in" (mit Masken und in Maskenkleidern zu erscheinen)

Seite 73: "-" eingefügt (näherte sich ihm ein schlankes Bauern-Bürschchen)

Seite 79: "Hauptmaan" geändert in "Hauptmann" (und Hauptmann Halten wurde recht schön gebeten)

Seite 86: "den" geändert in "denn" (denn jener war ein großer Liebhaber vom Zahn ausnehmen)

Seite 93: "können" geändert in "kennen" (dessen Inhalt sie zu kennen wünschte)

Seite 94: "Zimmer-Thüre" geändert in "Zimmerthüre" (und als sie zur Zimmerthüre hinausstürmte)

Seite 95: "nnd" geändert in "und" (und Jene dachte nichts arges dabei)

Seite 98: "den" geändert in "denn" (und so öffnete denn Emma den Behälter)

Seite 99: "," eingefügt hinter "Kammerzofe" (als am Abend Käthe, die Kammerzofe, ihrer Herrschaft)

Seite 104: "," verschoben von "seufzte," nach "mit," (Auch Bertha seufzte mit, und in ihrer Seele)

Seite 106: "seinem" geändert in "seinen" (von seinen gemachten frohen und traurigen Erfahrungen)

Seite 107: "war" geändert in "was" (Emma erhielt, was er für Bertha bestimmt hatte)

Seite 108: "angehme" geändert in "angenehme" (waren nicht die alleinige angenehme Folge)

Seite 115: "gewähnte" geändert in "gewöhnte" (und Suschen gewöhnte sich auf diese Art eine)

Seite 116: "," geändert in "." (sichs sehnlich wünschte. Emma war gesonnen)

Seite 117: "hinter bracht" geändert in "hinterbracht" (und Bertha hinterbracht zu haben)

Seite 120: "." eingefügt (zeigte sich die Eigenthümlichkeit der Schwestern.)

Seite 132/133: "daß" geändert in "das" (nur ein einfältiges Mädchen, aber das sehe ich wohl ein)

Seite 137: ":" geändert in "." (abgewiesen worden zu sehn, wo ich es nicht erwartete.«)

Seite 139: "fer-fertige" geändert in "fertige" (erscheinen nun, eine fertige große Guirlande tragend)

Seite 139: "," eingefügt (Mit diesen Worten kommen Emma, Bertha und Franz)

Seite 141: "zn" geändert in "zu" (Euch vielgeliebte Mütter zu begrüßen)

Seite 142: "Gros" geändert in "Groß" (Groß war die Freude und Erwartung)

Seite 144: "Kurkäste" geändert in "Kurgäste" (und noch hinzukommenden Kurgäste)

Seite 146: "," eingefügt hinter "zollte" (welches man ihnen zollte, nicht, oder doch selten)

Seite 151: "folgereiche-Badereise" geändert in "folgereiche Badereise" (und an ihre genuß- und folgereiche Badereise)

Seite 152: "," eingefügt (Vor allem reizte sie Richard, ein aufgeblasener junger Mensch)

Seite 162: "folgengen" geändert in "folgenden" (Gleich am folgenden Tag erschien Walther)

Seite 164: "konnte" geändert in "konnten" (konnten den jungen Freund nicht ohne Lachen ansehen)

Seite 164: "den" geändert in "denn" (denn zur Vergütung des, an Emma begangenen Unrechts)

Seite 165: "," entfernt hinter "gefolgt" (dem Drang seines dankbaren Herzens gefolgt zu haben)

Seite 173: "Einnerung" geändert in "Erinnerung" (wo man sich lange Zeit an der Erinnerung labte)

Seite 176: "zu-behalten" geändert in "zu behalten" (war ich so gottlos, dasselbe zu behalten)

Seite 182: "," entfernt hinter "ihr" (welche das verdienstliche Werk vollbracht, und ihr Töchterchen)

Seite 190: "Urilchen" geändert in "Ulrichen", "." eingefügt (Ulrichen für jene Frucht ein Stück Geld bringen.)

Seite 191: "den" geändert in "denn" (denn sein Sohn Anton, den er herzlich liebte)

Seite 193: "denn" geändert in "den" (einen Gevatterbrief an Emma, den er eigentlich)

Seite 194: "zn" geändert in "zu" (ihr Kind aus der Taufe zu heben)

Seite 195: "," eingefügt, "»" eingefügt, "den" geändert in "denn" (fuhr er fort, »sind Sie denn Fräulein Emma)

Seite 201: "Zwilligsschwestern" geändert in "Zwillingsschwestern" (Wir haben unsere Zwillingsschwestern bis in ihr)

Seite 201: ";" geändert in "," (oder andere Verhältnisse, welche sie in die Ferne riefen)

Seite 202: "dennn" geändert in "denn" (großen Verlust erfahren müssen, dennn nicht alle)

Seite 202: "nnd" geändert in "und" (das Haus und andere Habseligkeiten zu verkaufen)]