Eine feine Woche!

Part 5

Chapter 54,037 wordsPublic domain

Auf sein Klingeln oben macht ihm ein kleines Mädchen von etwa fünf Jahren auf. Das hat den Zeigefinger der linken Hand in den Mund gesteckt und sieht den vornehmen Besucher staunend an.

»Mein Kind, ist vielleicht Papa oder Mama da?«

Die Kleine läßt die Tür offen stehen, läuft in die Küche zurück und ruft leise: »Mutti! Mutti! Ein Mann ist da!«

In dem Augenblick kommt auch schon die Mutter aus der Küche heraus. Sie war gerade beim Kartoffelschälen und hat die Schalen noch in der Schürze; die Schürze aber hat sie zusammengenommen und die Zipfel über den linken Arm geschlagen. Da sieht noch die Hand hervor, die jetzt das Messer hält, während die Frau die rechte Hand schnell an der Schürze abwischt. An dieser Schürze hängt noch ein kleines Mädchen von vielleicht drei Jahren, während ein noch kleinerer, pausbäckiger Junge eben aus der Küchentür hinter der Mutter her heraustorkelt.

»Guten Tag, mein Herr!«

Doktor Fuchs grüßt freundlich: »Guten Tag! Ich bin der Ordinarius des Ernst Ehrenfried. Sie sind wohl seine Tante?«

Die Frau, an der jetzt die drei Kinder hängen, nickt: »Ja, ja!« so daß Doktor Fuchs fortfährt: »Da kann ich Sie vielleicht einmal auf einen Augenblick sprechen.«

»Ja, bitte sehr, wollen Sie nähertreten?«

Sie schiebt sanft die Kinder zur Seite und öffnet die Tür eines Zimmerchens, das neben der Küche liegt. »Wollen Sie einen Augenblick eintreten, Herr Lehrer?«

So hat Doktor Fuchs Zeit, sich in dem Zimmerchen umzusehen. Es ist offenbar das Arbeits-, Wohn- und Schlafzimmer des Ernst Ehrenfried; denn da, auf dem kleinen, saubern Regal, stehen seine Schulbücher, und auf dem kleinen Tischchen liegt eine kleine Wachstuchdecke, auf der ein Tintenfläschchen steht mit sonstigem Schreibmaterial. Alles ist sauber zusammengelegt, und auch das ganze Zimmerchen macht einen höchst reinlichen, wenn auch sehr einfachen und ärmlichen Eindruck.

Da tritt auch die junge Frau schon wieder herein. Sie hat sich statt der blauen Arbeitsschürze eine weiße, saubere Schürze vorgebunden; den pausbäckigen Kleinen hat sie auf dem Arm, während die beiden Mädchen sich wie kleine Wächterinnen neben ihr halten.

»Sie entschuldigen wohl, Herr Lehrer, daß ich die Kinder mit hereinbringe. Man kann sie in der Küche keinen Augenblick allein lassen. Wenn Sie meinen Mann sprechen wollen, so kann ich ihn wecken. Er hat nämlich Nachtarbeit gehabt, und dann muß er immer am Vormittag etwas schlafen.«

Jetzt weiß Doktor Fuchs, warum hier alle so gedämpft sprechen, und warum auch die Kinder zwar lebhaft in ihren Bewegungen, doch recht ruhig mit dem Munde sind. So spricht er also auch nur halblaut, als er sagt: »Nein, nein, lassen Sie ruhig Ihren Mann schlafen! Wir beide können das ebenso gut allein abmachen. Sehen Sie, Frau Ehrenfried, meine Klasse macht in der nächsten Woche einen Ausflug, und da will sich der Ernst ausschließen. Ich glaube aber den Grund dazu erraten zu haben, und nun möchte ich Sie bitten, ihm doch diese« -- Doktor Fuchs hat das Geld schon in der Hand -- »ihm doch diese Mark und fünfzig Pfennig dafür zu geben. Aber natürlich müssen Sie nicht verraten, daß ich sie Ihnen gebracht habe. Vielleicht sagen Sie ihm, es wäre das vom Vormund für unvorhergesehene Fälle.«

Die Frau ist recht verlegen geworden. »Herr Lehrer,« antwortet sie, »ich weiß nicht, ob ich das tun kann. Mit dem Vormund, das glaubt der Ernst doch nicht! Der kann ja eigentlich auch nichts für unnütze Sachen hergeben. Sehen Sie, Ernsts Eltern sind ja beide tot. Der Tisch da ist noch von ihnen und das Bett; aber das bißchen, was noch da war, als mein Schwager starb, ist alles verkauft, und nun reicht das Geld gerade noch, daß der Ernst ein paar Jahre auf die Schule gehen kann. Er hat ja das Schulgeld frei; aber er braucht doch auch Sachen und sonst manches!«

»Hm! Das täte mir aber leid! Ja, und ich weiß nicht, ob ich Sie bitten darf, ihm zu sagen, Sie selber wollen es ihm geben.«

Da wehrt die Frau Ehrenfried ab: »Nein, das würde er gar nicht nehmen. Er weiß ganz genau, Herr Lehrer, daß ich so viel Geld nicht abstoßen kann, und da ist der Ernst sehr eigen drin. Er ist ja doch nur eine Waise, und wir haben ihn natürlich sofort und gern genommen; aber der Junge ist sehr verständig, Herr Lehrer, sehr verständig, und wenn er es auch nicht sagt, aber es tut ihm doch immer sehr leid, daß er uns zur Last fällt!«

»Sie haben den Ernst ohne irgendwelches Entgelt in Ihre Familie aufgenommen?«

Die Frau nickt: »Freilich, freilich! Der Vormund wollte ja das so ordnen, daß wir jede Woche was für den Ernst bekämen. Aber der Junge lernt doch nun mal so gut, und als sein Vater starb, da war es sein letzter Wunsch, daß der Junge mal etwas Schule genießen sollte. Sehen Sie, Herr Lehrer, mein Mann sagte: ›Mit Gottes Hilfe werden wir ja durchkommen, auch wenn einer mehr mit am Tisch sitzt!‹ Es ist ja auch bis jetzt gegangen!«

»Nun, der Ernst ist ein ehrlicher, ernst veranlagter Junge. Der wird es Ihnen einmal danken!«

»Oh, das tut er jetzt schon! Er tut alles, was er uns an den Augen absehen kann. Und die Kinder hängen an ihm wie an einem älteren Bruder. Mir hilft er auch, wo er kann. Er ist immer unverdrossen; ich kann ihn schicken wohin ich will. Nur,« -- die Frau lächelt dabei, als hätte das schon recht spaßige Szenen gegeben -- »er kann nicht ›danke!‹ sagen; das wird ihm doch nun einmal zu schwer!«

»Na, besser kommen die ja im Leben fort, die so was sagen können. Aber ist denn der Ernst immer so still und ernst gewesen?«

»Nein, nein, früher war er ein ganz aufgeräumtes Kind. Aber seit auch sein Vater gestorben ist, da kann er nicht mehr lachen. Er spielt ja mit den Kindern hier sehr nett; aber er kann nicht mehr lachen!«

Doktor Fuchs hört es der Frau an, wie weh ihr das tut, daß der Ernst scheinbar so alle Lebensfreude verloren hat.

»Nun,« setzt er also hier wieder ein, »deshalb möchte ich gern, daß er die Partie mitmacht. Es tut sicherlich gut, daß er auch einmal auf andere Gedanken kommt. Darf ich Ihnen denn nicht das Geld hierlassen? Dann braucht er doch nicht ›danke!‹ zu sagen.«

Doktor Fuchs muß dabei lächeln.

»Na, ich will es versuchen. Dann muß ich sagen: ein Herr, dem ich erzählt habe, daß er die Partie nicht mitmachen will, weil er nicht die Mittel dazu hat, der hat mir das Geld für ihn gegeben.«

»Gut, gut, tun Sie das, liebe Frau!« -- Dabei steht Doktor Fuchs auf. -- »Ich habe Sie nun wohl auch schon etwas lange von Ihrer Arbeit abgehalten!«

»Ich bitte sehr. Na, ich danke Ihnen, Herr Lehrer, für das Geld, da es der Ernst ja nicht selber tun kann.« --

Die Tür schließt sich leise hinter Doktor Fuchs. Der aber geht sinnend nach dem Restaurant, wo er -- als Junggeselle -- täglich ißt. Er kann alle die Gedanken und Bilder nicht loswerden, die soeben in sein Empfinden eingetreten sind. Das ist doch noch Barmherzigkeit und Liebe, welche der arme Fabrikarbeiter und seine Frau da draußen in der Hofwohnung der Havelberger Straße auch ohne viele Worte üben! »Mein Mann sagt, mit Gottes Hilfe werden wir ja noch durchkommen, auch wenn einer mehr mit am Tisch sitzt!« -- Aber noch viel mehr beschäftigt seine Gedanken der Ernst Ehrenfried, der das drückende Gefühl durch sein Leben schleppt, den armen Verwandten eine Last zu sein, und der nicht mehr lachen kann, nachdem auch sein Vater gestorben ist. -- -- --

2 ~m~ Schottisch.

Als die Tante um ¾2 Uhr dem Ernst die Tür öffnet, da ruft sie ihm auch schon entgegen: »Ernst, Ernst, denke mal, ich habe heute früh einem Herrn erzählt, daß du die Schulpartie nicht mitmachen willst. Da hat er mir eine Mark und fünfzig Pfennig für dich gegeben. -- Na, freust du dich nicht?«

Der Ernst hat schon den Milchtopf in der Hand; denn er holt jeden Mittag für die Kinder etwas Milch aus dem Kuhstall nebenan herauf, und mit ernstem Gesicht sagt er: »Das kann ich doch nicht nehmen! Wer ist denn der Herr?«

»Das kannst du ruhig nehmen, Ernst! Der Herr meinte auch, du brauchtest seinen Namen nicht zu wissen; er würde sich aber freuen, wenn du nun mitmachtest!«

Der Ernst sagt kein Wort mehr. Er hat den Milchtopf genommen und geht still und ruhig zur Tür hinaus.

Als er wieder in die Küche tritt, sagt er ebenso ruhig: »Tante, ich werde das Geld nehmen! Wo ist es denn?«

»Hier, hier, Ernst; da wird sich aber der Herr freuen! Das machst du recht!«

Ohne noch ein Wort zu äußern, nimmt der Ernst die beiden Geldstücke. Er wickelt sie sauber und sicher in ein Stückchen Zeitungspapier und schlägt dann das Paketchen zur Sicherheit auch noch in das Taschentuch ein.

Die Tante wundert sich höchlichst über die Bereitwilligkeit des sonst so spröden Ernst; sie hütet sich indessen, etwas zu sagen.

Ernst aber nimmt, wie sonst am Nachmittag, wenn er seine Schularbeiten gemacht hat, die drei Kinder und geht mit ihnen hinunter. Dieses Mal freilich nicht nach dem Spielplatz hinüber, sondern nach der Wilsnacker Straße. Da steht er lange vor dem großen Schaufenster eines Schnittwarengeschäftes, so daß die Kinder schon ungeduldig werden wollen. Er hat sogar den Mut, in den Laden einzutreten. Die Verkäuferin macht ein erstauntes Gesicht.

»Kann ich Stoff kriegen zu einem Kleidchen für das Marthchen? Das ist die Kleine hier!«

»Was soll es denn für Stoff sein?«

»Ich weiß nicht, aber meine Tante -- solches hier! Bunt kariert!«

»Da sind zwei Meter nötig. Das macht sechs Mark!«

Der Ernst bekommt einen heillosen Schreck. »Meine -- meine --« stottert er, »meine Tante sagt, das kostet eine Mark fünfzig bis zwei Mark!«

»Ach so!« sagt die Verkäuferin nachlässig. »Das ist Schottisch! Solches hier!« --

Nicht immer hat das Volk mit dem Volke Mitleid. Die Verkäuferin sieht jetzt die Kinder kaum noch. Sie wirft das Paketchen Zeug auf den Ladentisch. »Hier kostet das Meter 90 Pfennig. Soll ich zwei Meter abschneiden?«

»Ja, ja,« antwortet der Ernst freudig. »2 ~m~ Schottisch!« -- Er hat außer der Mark fünfzig Pfennig noch vierzig Pfennig, die er einst dadurch gespart hat, daß er sich den Caesar alt kaufte. Die brauchte er dem Vormund nicht zurückzubringen. Davon opfert er nun freudig dreißig Pfennige. Dem Marthchen legt er dann das Röllchen in die Arme, und freudig gehen sie nach Hause.

»Mutti, Mutti, das hat Ernst gekauft!«

Statt sich aber zu freuen, erschrickt da die arme Frau. »Aber, Ernst,« ruft sie, »das Geld durftest du nicht so ausgeben! Das war für die Partie!«

»Nein, nein, Tante, die Partie brauche ich nicht mitzumachen. Du hast doch neulich auch zu Onkel gesagt, daß Marthchen so notwendig ein Kleidchen braucht. Und könntest du nur einige Groschen abstoßen, dann würdest du schottischen Stoff kaufen und ein Kleidchen machen. Ich freue mich jetzt schon, daß Marthchen ein Kleid kriegt!«

»Ach, Ernst; du hast es ja wieder sehr gut gemeint; aber das geht doch nicht! Nein, das geht wirklich nicht!«

»Was soll ich denn auch bei der Partie, Tante? Die andern Jungen sind da immer so wild. Das Geld haben wir nun besser angewendet.«

Aber wenn auch die Tante jetzt nichts mehr sagt -- denn sie muß in der Küche noch waschen -- sie wälzt doch immer den Gedanken im Kopfe herum: »Aber nun wird sich doch der Lehrer wundern, wenn der Ernst nicht mitmacht! Er denkt vielleicht, ich habe dem das Geld gar nicht gegeben! Herr Gott! Herr Jeses, Herr Jeses! Wie mache ich denn das nur? Wie mache ich denn das nur? Das Zeug wieder hintragen ins Geschäft? Die nehmen es sicher nicht wieder, wenn’s doch nun einmal vom Stück abgeschnitten ist!« --

Schließlich kommt sie darauf, das ihrem Manne zu sagen, wenn er am Abend nach Hause kommt. Der würde ja schon einen Ausweg finden. -- -- --

Den Ausweg aber, den die Mutter nicht finden konnte, den fand jetzt eben das kleine, fünfjährige Töchterchen, das Lenchen. Und das sogar ganz ungezwungen und ganz leicht; ganz ohne es zu wollen.

Sie spielt nämlich gerade an Paulchen, dem kleinen Brüderchen herum. Sie legt ihm dabei ein Tüchelchen über die Schultern und sagt ganz traumverloren: »Nun sieht Paulchen aus wie der Herr Lehrer! Ja, wie der Herr Lehrer!«

Der Herr Lehrer? Das Wort trifft das Ohr Ernsts, der am Tische sitzt und da etwas liest. Der Herr Lehrer? Er legt das Buch hin und fragt das Lenchen: »Was für ein Herr Lehrer denn?«

Aber das Kind hat gar nicht auf die Frage geachtet; es hat sie im Spiel einfach überhört. »So! Und dann schenkst du Mutti auch Geld! Viel Geld! So! Und --«

»Du, Lenchen,« -- Ernst ist jetzt ganz aufgeregt zu dem kleinen Plappermäulchen hingetreten -- »was für ein Lehrer denn? Lenchen! Hörst du denn nicht? Was für ein Lehrer denn?«

Da sieht das Lenchen auf. »Der Mann, der Mutti das Geld gegeben hat. Du sollst doch mitmachen!«

»Das war ein Lehrer?«

»Der Herr Lehrer!« lallt das Kind, und es spielt weiter mit dem Tüchelchen am kleinen Bruder herum.

»Wie sah denn der Herr Lehrer aus, Lenchen?«

Ja, die Frage versteht das Lenchen wohl, aber sie weiß doch nicht, was sie darauf antworten soll: »Ganz anders als Vati! Und der hat Mutti das Geld für dich gegeben!«

Da springt der Ernst mit hochrotem Kopf schnell die paar Schritte in die Küche hinaus: »Tante, Tante, Lenchen sagt, der Herr Lehrer hat dir das Geld für mich gegeben. War das vielleicht Herr Doktor Fuchs?«

Die Tante richtet sich am Waschfaß auf: »Ach, Ernst, da du nun ja selber darauf kommst, ja, der war hier und hat mir das Geld für dich gegeben! Was machen wir denn nun?«

Dem Ernst zittern die Beine. Er hat sich auf den Küchenstuhl setzen müssen, und auch das Lenchen kommt jetzt in die Küche herein und sieht ihm ängstlich ins Gesicht. »Nicht wahr, Mutti,« der Herr Lehrer hat dir das Geld gegeben!«

»Ja doch! Nun geh nur! Ich müßte es dir von meinem Wirtschaftsgeld geben, Ernst. Aber ...«

»Nein, Tante! Ich werde morgen Doktor Fuchs sagen, warum ich die Partie nicht mitmachen kann. Laß nur! Das ist gar nicht schlimm!« Dabei geht der Junge auch schon wieder aus der Küche hinaus.

Aber nur äußerlich ist Ernst ruhig geworden. In seinem Innern zuckt und reißt es an ihm herum. Wie soll er das bloß anstellen? Und was wird Doktor Fuchs denken? Und was wird er sagen? Oh, der Ernst hätte bei diesem Gedanken laut aufstöhnen können. Er kam sich wie ein ganz gemeiner Verbrecher vor. Nun sollte er das auch noch alles selber gestehen! Ihm wurde es schon sowieso schwer, überhaupt zu jemand etwas zu sagen! Und nun gar unter vier Augen zu Doktor Fuchs! Ach, ganz elend wurde ihm dabei zu Mute. Aber es mußte ja wohl sein. Die arme Tante ängstigte sich nun auch. Auf keinen Fall aber konnte sie etwas von den paar Pfennigen abgeben, mit denen sie für Essen und Trinken der Familie sorgen sollte. Nein, nein, es mußte eben sein! Er mußte es Doktor Fuchs sagen! Gleich am andern Morgen auf dem Flur! Ganz allein!

Ernst nahm das Buch recht zittrig wieder in die Hand. In der Nacht wurde er durch schreckliche Träume gequält, und er schlief recht schlecht. -- -- --

Edler Wettstreit.

Als Doktor Fuchs am andern Morgen als Inspizient den Mittelflur des weiten Schulgebäudes langsam hinabschritt, sprang der kleine Köckeritz die Treppe herauf. Der sprang sie überhaupt immer herauf, trotzdem seine Beine nicht allzu lang waren und dabei auch so dünn, daß Doktor Fuchs auf dem Hof schon einmal scherzhaft zu ihm gesagt hatte: »Na, Achim, wenn mal die Sperlinge Stiftungsfest haben, mußt _du_ die Fahne tragen!«

Der Achim springt also jetzt die Treppe herauf und direkt vor seinen Ordinarius hin: »Herr Doktor, wir machen doch die Partie und --«

»Gut, gut! ~Ad~ Partie nachher in der Klasse!«

Da der kleine Köckeritz Doktor Fuchs die Hand gegeben, so zieht der ihn dabei zugleich an sich vorüber und zeigt ihm so den Weg zu seiner Klasse, die noch ein paar Schritte weiter den Flur hinunter liegt.

Aber der Achim Köckeritz tanzt im nächsten Augenblick schon wieder vor Doktor Fuchs einher: »Nein, nein, Herr Doktor, wir machen doch die Partie, aber ...«

»Na freilich! Und nun drückt er sich!«

»Nein, nein, Herr Doktor, das gehört ja zur Partie, aber es ist doch was ganz andres!«

Da bleibt Doktor Fuchs stehen. »Du meinst, es gehört zur Partie und gehört doch auch nicht zur Partie!«

»Ja! Nein, nein! Ja!«

»Na nun, Achim! Was ist also los? Aber mach’ schnell!«

»Ja, Herr Doktor! Ich habe das von Ehrenfried zu Hause erzählt. Der kann doch die Partie nicht mitmachen, weil er -- weil er --«

»Na gut; ich weiß schon! Weil er kein Krösus ist!«

»Ja! Und da läßt mein Papa Sie bitten, Herr Doktor, dem Ernst Ehrenfried die zwei Mark hier zu geben, damit er mitmachen kann!« Dabei will der Achim dem Doktor Fuchs das Geld hinreichen, das der Vater ihm in ein weißes Blättlein eingewickelt hat.

»Achim,« sagt da Doktor Fuchs, »Junge, du bist ein Prachtkerl! Und deinem Herrn Vater sage, daß ich ihm als Ordinarius des armen Ernst Ehrenfried für dieses Anerbieten herzlich danke. Aber es wäre schon alles erledigt. Der Ernst Ehrenfried macht die Partie auch mit. Also, Achim, stecke das Geld wieder ein! Empfiehl mich deinem Herrn Vater, und vergiß nicht, ihm zu sagen, wie sehr ich mich über sein Anerbieten gefreut hätte.«

»Jawohl!« erwiderte der Achim und zog ab. Er zog auch nicht gerade sehr betrübt ab; im Gegenteil, immer lustig und fidel. Er dachte sich sicherlich auch nicht allzuviel bei der Sache.

An der Tür aber rannte er beinahe den Tauscher, den würdigen Sekundus der Klasse, über den Haufen. Der trug als Sekundus neben dem Primus auch die Last einiger Ämter. So war er besonders der Kassenwart; denn wenn auch der Ordinarius offiziell nichts von solcher Kasse wissen durfte, so wußte er doch inoffiziell sehr wohl, daß immer einige Pfennige da waren. Wovon sollte sich denn auch sonst die Klasse zu Neujahr einen neuen Wandkalender kaufen oder eine zerbrochene Scheibe bezahlen, die natürlich keiner oder noch öfter auch zu viele auf einmal zerschmissen hatten? Es kann eben so mancherlei in einer Tertia vorkommen und Geld kosten! Und der Kassenwart also, der stand jetzt an der Tür und hatte schon ein kleines Weilchen darauf gewartet, daß der kleine Köckeritz da vor Doktor Fuchs fertig werden sollte. Jetzt schoß er nun hinter Doktor Fuchs her, der eben aus der Tür der Schlußklasse wieder auf den Flur heraustrat und sonderbarerweise vor der Treppe Posto gefaßt hatte, als müßte er hier auch inspizieren. Da nickte er recht herzlich einem Jungen zu, der offenbar die Treppe heraufkam und jetzt gerade mit dem Kopf hochtauchte.

Das war -- der Ernst Ehrenfried.

»So’n Pech!« sagte Tauscher und drehte sich einmal um sich selber.

Offenbar hatte der Ernst Ehrenfried dem Doktor Fuchs auch etwas zu sagen; denn er hatte die Mütze wieder abgenommen und trug sie in der Hand, und einen puterroten Kopf bekam er auch eben, wie immer, wenn er mit einem seiner Lehrer sprechen wollte.

Aber Tauscher war doch flinker als der Ernst Ehrenfried, und schon stand er jetzt neben seinem Ordinarius und meldete sich krampfhaft: »Herr Doktor! Herr Doktor!«

»Na, wo brennt’s denn, Junge?«

Da druckst und würgt der Tauscher und dreht sich so sonderbar hin und her. »Herr Doktor!«

»Na ja doch, schieß nur los!«

Jetzt ist der Primus, der Ehrenfried, vorbei und weit genug weg!

»Herr Doktor! Der Ernst Ehrenfried wollte doch die Partie nicht mitmachen. Können wir da nicht aus der Klassenkasse etwas Geld nehmen, daß er auch mitkann?«

»Na, wieviel hast du denn drin?«

»2 Mark 57 Pfennig, und dann haben wir noch fünf Hefte. Die werden doch mit 15 Pfennigen das Stück verkauft. Das sind noch 75 Pfennige!«

»Ja, du allein darfst aber doch nicht über das Geld verfügen!«

»Ich habe aber schon die meisten gefragt; es sind alle dafür, daß Ehrenfried auch mitkommt.«

Tauscher ist früher in Sexta, Quinta und Quarta immer der Beste und der Primus der Klasse gewesen; seit aber der Ernst Ehrenfried da ist, hat er von diesem Ehrenposten zurücktreten müssen. Einer solchen Konkurrenz war Tauscher doch nicht gewachsen. Aber neidlos hatte er sich unter den klügern und fleißigern, freilich auch ältern Mitschüler gestellt, und jetzt möchte er den Ernst Ehrenfried auch bei der Partie haben.

Alles das schießt Doktor Fuchs durch den Kopf; er schätzt es hoch, sogar sehr hoch ein, daß Tauscher so neidlos ist und jetzt so selbstlos handelt. So sagt er denn mit inniger Wärme zu dem Jungen: »Tauscher, das ist wirklich nett von dir, daß du so an Ehrenfried denkst. Ich freue mich, daß ihr beide so gute Freunde geworden seid. Komm her, mein Junge, gib mir die Hand! Das will ich dir nie vergessen!«

Tauscher macht ein ganz seliges Gesicht.

»Aber,« fährt Doktor Fuchs fort, »du kannst für dieses Mal der Klassenkasse das Geld erhalten; die Sache ist schon erledigt: der Ernst Ehrenfried kommt auch so mit!«

Da legt sich das helle Staunen in die Augen des kleinen Kassenwarts; er dreht sich dann, ohne noch ein Wort zu sagen, um und geht der Klasse zu. --

Der Ernst Ehrenfried indessen hat eben um die Ecke des Türpfostens geguckt. Als er den Tauscher der Klasse näher kommen sieht, faßt er sich ein Herz und geht Doktor Fuchs entgegen, der ja den Flur jetzt auch langsam herunterschreitet.

»Ach, das ist ja heute ein schneidiger Betrieb! Da kommt ja auch mein Primus an! Na, was gibt’s Neues, Ernst?«

»Herr Doktor!« -- Der Ernst kann nicht weiter. Die Tränen treten ihm in die Augen; es zuckt so eigentümlich über sein Gesicht hin, als ob er weinen wollte.

Aber Doktor Fuchs ist auch schon schnell bei der Hand: »Also, du willst die Partie mitmachen! Das freut mich, Ernst! Man muß sich mit seinen Kameraden auch einmal freuen können!«

Nun laufen dem armen Jungen aber wirklich die hellen Tränen über die Backen. »Nein, Herr Doktor,« sagt er mit zitternder Stimme, »ich kann doch nicht mitkommen. Ich wußte nicht, daß -- daß -- dieses Geld -- das Geld --« Jetzt schluchzt der Ernst Ehrenfried so herzzerbrechend, daß ihn der Doktor Fuchs schnell in das Sprechzimmer zieht, das in der Flucht der Klassen in der Mitte des Flures liegt.

»Na, also, Ernst, nun beruhige dich erst mal! Die ganze Sache ist doch nicht zum Weinen!«

»Doch! Ich habe das Geld schon verbraucht. Ich wußte nicht, daß -- daß -- Sie es gebracht hatten!«

»Du hast das Geld schon verbraucht?« -- Es klingt beinahe aus dem Tonfall heraus, als ob Doktor Fuchs etwas enttäuscht wäre.

Das scheint der Ernst Ehrenfried auch zu fühlen. Er glaubt, jetzt muß er den Doktor Fuchs schleunigst aufklären, damit dieser nicht noch schlechter von ihm denkt. So trocknet er hastig seine Tränen: »Darf ich einmal alles schnell erzählen, Herr Doktor?«

»Nun, Ernst, ich bin überzeugt, daß du die paar Pfennige zu einem guten Zweck ausgegeben hast!«

»Herr Doktor, meine Verwandten sind sehr arm; das kleine Marthchen brauchte schon lange ein Kleid. Da habe ich für das Geld den Stoff zu diesem Kleide gekauft. Meine Tante wollte mir ja das Geld für Sie wiedergeben; aber das wollte ich nicht. Ich werde heute zu meinem Vormund gehen und Ihnen morgen das Geld bringen.« --

Der Ernst ist ganz erschöpft. Er hat diese Worte hervorgestoßen, atemlos, vor Aufregung zitternd. Aber Doktor Fuchs sieht jetzt in den Seelenadel seines Primus hinein, der auf ein Vergnügen verzichtet, um den armen Verwandten ihre Liebe zu vergelten. Er ist selber gerührt und muß einen kleinen Augenblick warten, um diese Rührung nicht aufkommen zu lassen. Dann aber legt er die Hand dem armen Jungen auf die Schulter und sagt: »Mein lieber Ernst! Du hast so gehandelt, wie man es nicht anders von dir erwarten kann. Gott erhalte dir diesen reinen und dankbaren Sinn! Dein Onkel und deine Tante sind einfache und schlichte, aber edeldenkende Menschen. Sie haben deine Dankbarkeit verdient!«

Das hat nun der Ernst nicht erwartet. Er weiß nicht, was er sagen soll. Er fühlt nur, wie ihm eine Blutwelle über die andere über das Gesicht jagt. Und doch ist ihm jetzt so wohl, daß er dieses schwere, schwere Geständnis vom Herzen hat. Da setzt auch Doktor Fuchs den Hebel ein, und er trifft den richtigen Ton: »Nun, Ernst, mußt du mir aber auch eine Freude machen und doch mitkommen. Und da wir beide ja nun ganz offen miteinander stehen, so machen wir beide auch keine Umstände mehr miteinander.«

Damit zieht Doktor Fuchs das Portemonnaie.