Eine feine Woche!

Part 4

Chapter 43,816 wordsPublic domain

Vorsichtig fing also der Herr an, an dem Hebel zu drücken. Doch, die kleine Schnur, so dünn sie auch sein mochte, leistete einen gewissen Widerstand. Die Jungen sahen gespannten Blickes auf die ganze Manipulation hin. Mucius sogar etwas empört. Schließlich, er mußte doch sein Fenster auch besser kennen als jeder andere! Und wenn der andere auch sogar vielleicht Professor war. Passierte was dran, dann war er selber doch Fuchsen dafür verantwortlich, und es war doch eben _sein_ Fenster! Aber _er_ würde --

Knipps! -- Da war die dünne Schnur gerissen. Rupps! fuhr das Fenster oben auf. Krach! sprang der Flügel aus den Angeln.

Alles am Fenster dort vorn prallte zur Seite; denn schon sauste der schwere Holzrahmen mit der Scheibe zu Boden, und klirr! klirr! klirr! zerschmetterte sich die Scheibe unten an den Dielen in tausend Stücke.

Ein Augenblick entsetzten Schweigens! Dann aber brach der Spektakel los. Ein Lachen! Ein Johlen! Ein Heulen! Dort vorn am Fenster bogen sich die nächsten mit schadenfrohem Gesicht zu der ganzen, zerbrochenen Herrlichkeit hinunter; hier sahen die ersten auf der Bank dem Lehrer in die erschrockenen Augen; hinten aber hatten sich ein paar direkt umarmt, und man hätte nur noch zweifelhaft sein können, ob sie lieber einen Schunkelwalzer oder einen Indianertanz aufführen wollten.

Es kam zu keinem von beiden; denn im selben Augenblick erschien auch schon der Direktor auf der Bildfläche.

»Na nu? Was ist denn hier los?«

Der Geschichtslehrer kam um die Bänke herum und erklärte die ganze Sache. Und verlegen lächelnd fügte er hinzu: »Ich werde natürlich für den Schaden aufkommen, Herr Direktor!«

»Ich weiß nun nicht mal, ob Sie das dürfen,« erwiderte indessen der Direktor ablehnend. »Die Fabrik, die diese Verschlüsse eingerichtet hat, ist der Stadt zu einer tadellosen Leistung verpflichtet, und doch ist beinahe in jeder Klasse etwas daran nicht in Ordnung. Sehen Sie, dieser Zapfen da oben! Ja, der! Der ist immer zu kurzstielig! Ich habe jetzt schon eine ganze Zeit lang eine wirkliche Angst gehabt, daß mit den Dingern was passieren könnte. Und als ich draußen gerade vorbeiging« -- der Herr Direktor lachte wieder -- »da dachte ich mir gleich, daß was mit diesen Fenstern los wäre. Es hörte sich ja ganz gefährlich an!«

»Na, hier noch mehr!« freute sich auch der Geschichtslehrer. »Es ist nur gut, daß kein Unglück sonst dabei vorgekommen ist!« -- -- --

Ach, Unglück oder nicht! Das war den Jungen schließlich ganz schnuppe. Aber der entsetzliche Krach, die Verlegenheit des Lehrers, die Angst und die Aufregung des Direktors, alles das zusammen machte ihnen ja einen Heidenspaß. Die Zeit ~NB.~ verging doch dabei auch; die Zeit, die kostbare Zeit, mit der sonst so gespart und gegeizt wurde. Na, kurz und gut, höchst willkommen die ganze Geschichte! Die alten Griechen waren dabei weit, weit weggeraten. Was hätten die auch hier gewollt, die dummen Kerle, die mit dem besten Willen von der Welt überhaupt keine Scheibe hätten zerschmeißen können! Eine feine Stunde wieder mal, fein, wie die ganze Woche! Beinahe war es sogar jammerschade, daß es jetzt schon läutete und man so nicht mehr weiter das Bewußtsein haben konnte, daß die ganze letzte halbe Stunde zum Teufel gegangen war -- durch die Schuld des Lehrers. --

»Hast du übrigens gesehen, was für ein Gesicht er dabei machte?«

»Ja, als wenn er die ganze Scheibe auf den Kopf gekriegt hätte!«

»Ach, die hat er auf den Kopf gekriegt?«

»Ih wo!«

»Na, wer weiß?«

»Na freilich!«

»Quatsch nich, Krause!«

Fritze Köhn hat dieses gewichtige Wort gesprochen. Und mit listig und lustig blinkenden Äuglein fährt er fort: »Ob die Zappen an den an’nern Fenstern nich auch en bißken kleener jemacht werden könnten! So ’n bißken kurzstieliger, meen’ ick!«

Die Jungen stutzten wohl etwas, dann aber lachten sie doch nur Über den »verrückten« Einfall. »Ach nein! Aber eine feine Stunde war es doch wieder mal!«

»Ganz ausgezeichnet fein!« bestätigte Köckeritz. »Wie die ganze Woche!«

»Ja! Und morgen noch die Partie! Das wird das Allerfeinste!« -- -- --

Freitag: Die Klassenpartie.

Der alte Caesar und eine moderne Landpartie.

Ja, das Allerfeinste! Der eigentliche Lichtpunkt in der Mühsal des Klassen- und besonders des Tertianerlebens, das ist die Partie, die Klassenpartie! Und als ein wirklich großes Ereignis, das sie in der Tat ja ist, wirft sie natürlich auch ihren Schatten voraus! Wochenlang!

So ist es auch dieses Mal hier in der Unter-Tertia gewesen, und vielerlei ist darüber zu berichten, bevor noch dieser Freitag der feinsten Woche überhaupt herangekommen war. --

Langsam hatte sich eines Nachmittags -- noch im Mai war das gewesen! -- die Unter-Tertia in dem großen Klassenzimmer zusammengefunden. Müde und mißmutig. Der ganze Nachmittagsunterricht kann den Jungen gestohlen bleiben. Zweimal am Tage hermüssen bei den weiten Schulwegen! Schauderhaft! Und noch dazu nun Latein! Und bei Bumsvallera!

Da tritt eben der dicke Puntz herein. Er hat die grüne Mütze etwas verwegen ins Genick gerückt und zieht unter der Weste das ~Bellum Gallicum~ hervor. Er wirft das braun gebundene Büchlein vor sich auf den Tisch, daß es kracht.

»Der Caesar! Da liegt der Kerl! Der Hund von unserm Schlächter heißt auch Caesar! Der ist mir lieber!«

Am andern Ende der Bank lacht der kleine, lustige Köckeritz laut auf. Er ist kein schlechter Schüler, aber doch ein leichter Bruder, dem der Reichtum des Vaters nicht gerade förderlich ist; denn er strengt sich nicht halb so an, wie er es wohl könnte. Und der etwas ängstliche Papa hält ihm nun stets und ständig Hauslehrer, die aber mit dem kleinen Windbeutel auch nicht viel anfangen können.

»U--ah!« -- Man denkt gar nicht, daß der kleine Kerl seine Arme so weit in die Welt hinausstrecken kann. -- »U--ah! Dicker, nicht wahr, du hast auch keine Lust!«

»Nee, nich die geringste! Sage mal, kannst du fein übersetzen?«

»Natürlich! Denkst du, ich soll noch mal reinfallen?«

»Du, dann übersetze mal schnell!« --

Die grüne Mütze fliegt im selben Augenblick an den nächsten Haken und schwankt da ein ganzes Weilchen hin und her, ganz nachdenklich, ob sie sich bei solcher niederträchtigen Behandlung nicht lieber platt auf den Boden legen soll. Aber sie bleibt doch oben hängen; denn sie muß zu ihrem Schrecken sehen: gerade der, den sie immer so nett bedeckt und beschirmt hat, der hätte jetzt weder Lust noch Zeit, sie aufzuheben.

Wirklich! Der Dicke sitzt schon neben dem kleinen Köckeritz. Sie versuchen emsig, mit den Belgiern Bibrax zu stürmen. Und auch andere scheint das noch außerordentlich zu interessieren; denn bald hat sich um Köckeritz ein kleines Häuflein gebildet, und die Jungen hocken da so dicht zusammen, daß sie von weitem aussehen, als wollten sie einen Trichter im lebenden Bilde darstellen. Während aber doch sonst alles in den Trichter hinunter und zu Tal läuft, so strömt hier scheinbar alles von unten nach oben. Unten im Loch nämlich sitzt der kleine Köckeritz. Und je weiter seine Worte zu dem weiten Trichterrand empordringen, desto andächtiger werden sie auch aufgenommen; denn da oben am Trichterrand sitzen in diesem Falle naturgemäß die meisten Ohren.

Ab und zu wird der Trichterrand oben sogar noch höher, weil noch jemand anders wissen möchte, was nun eigentlich aus Bibrax werden soll. Alles drängt sich heutzutage zur Wissenschaft. Das tun auch gerade die Jungen da oben, die zuletzt dazugekommen sind. Und wenn auch unten im Trichter dafür eine Beule entsteht, die sogar, wider alle Naturgesetze, ein kräftiges Wort gegen die unverschämte Drängelei von oben zutage fördert, so hat doch jetzt keiner recht Zeit, auf so etwas achtzugeben: sie stehen alle in der Furcht des Herrn Professor Bumsvallera!

Da stürzt auf einmal der tolle Hagen in die Klasse herein: »Jungs! Partie, Partie! Vor den großen Ferien noch! Eine Klassenpar--!«

Ha! Wenn der alte Caesar das jetzt hätte sehen können! Bei seinen Lebzeiten war er ja auch oft genug in der Klemme gewesen; aber so schnell war er wirklich nie aus solcher Klemme herausgekommen wie in diesem Augenblicke, als alle diese Tertianer, die ihm eben noch ganz nahe auf den Leib gerückt waren, aus dem Trichter herauspurzelten. Plötzlich saß der kleine Köckeritz ganz allein da, und sein rundes Köpfchen ragte hoch über die zerflossene Trichterflut weg. Er hatte natürlich unten in dem Loch nichts von der sieghaften Ankündigung Hagens gehört; er glaubte vielmehr scheinbar, daß der Professor Bumsvallera ganz überraschend den Einwohnern von Bibrax zu Hilfe gekommen wäre. Da sah er nun Hagens freudig gerötetes Gesicht vor sich und war so erstaunt darüber und machte selber ein so dummes Gesicht dabei, daß Hagen ganz erschrocken tat und mitten in seinem letzten Wort, in der »Klassenpartie« nämlich, stecken blieb.

Aber er hatte keine Zeit, noch länger erstaunt zu sein; denn um ihn fluteten jetzt die Kameraden alle herum und bestürmten ihn, wie just eben noch die Belgier die Stadt Bibrax.

»Wieso?« -- »Wer hat das gesagt?« -- So ruft alles durcheinander. -- »Woher weißt du das?« -- »Erzähle mal!« -- »Mit Fuchs allein? Oder eine Schulpartie?«

Indes, Hagen ist jetzt wieder Herr der Situation. Er hat seine Bücher schnell hingelegt und hebt jetzt eben ruhig seine Hände, wie um die aufgeregten Wellen zu beschwichtigen. Und dann sagt er ebenso gemessen wie gewichtig: »Erst -- mal -- Ruhe -- im -- Saal! Großmutter will tanzen!«

»Unsinn! Sage mal schnell!« -- Wie konnte der dicke Puntz bloß so rapide den Professor Bumsvallera und den alten Caesar vergessen! --

»Also, Jungs!« -- Hagen bleibt in dem Schneckenton. -- »Der -- Direx -- hat -- in -- der -- Sekunda -- gesagt: in der nächsten Woche sollen alle Klassen einen Ausflug machen. Na, und Ausflug heißt doch auf gut deutsch Partie!«

Dabei hat Hagen seine Daumen in die Ärmellöcher seiner Weste gehängt und sieht triumphierend im Kreise herum. Er schmunzelt dabei noch ganz urgemütlich und macht ein eckig-ehrpuseliges Gesicht, wie ein leibhaftiger Großpapa, so daß der dicke Puntz ungeduldig losplatzt: »Na, du warst doch nicht dabei, als der Direx das gesagt hat!«

»Nee, aber der dicke Vietz hat mir’s gesagt. Der ist übrigens noch dicker als du!«

»Vietz? Der hat sicher geflunkert!«

»Du meinst, die Dicken flunkern alle!«

»Ich werde dir gleich --«

»Bumsvallera! Bums!«

Da zerstieben die Tertianer wie einst die Belgier vor dem großen Caesar.

Aber der hatte doch den rechten Zeitpunkt immer weit besser abgepaßt als der alte Professor jetzt; denn Bumsvallera, ja, der war entschieden zu früh gekommen. Der hätte wirklich noch warten sollen, bis man dem Hagen ein klein wenig wegen seiner Leichtgläubigkeit den Kopf gewaschen hatte. So behielt jeder der Jungen noch etwas auf der Zunge sitzen. Wie hätte da nun noch eine schöne Caesarübersetzung darauf Platz gehabt? Nein, nein! Das ging heute eben schauderhaft trotz der Trichterarbeit des kleinen Köckeritz. Und in seiner heiligen Erregung, in seinem Eifer, aus diesen heute so vernagelten Jungen doch die beste Übersetzung herauszuholen, bumste und ballerte Bumsvallera drauf los, daß die Jungen jetzt begriffen, warum schon frühere Generationen dem Professor Ketzel eben den Spitznamen Bumsvallera gegeben hatten. Aber je schlimmer es jetzt kam, desto mehr klammerten sich die Gedanken der Jungen an der Partie fest. So fest, daß am Ende der Stunde kein einziger mehr daran zweifelte, daß solche Partie gemacht werden müßte. Kaum hatte man also um 4 Uhr die Klassentür hinter sich, so wurde auch sofort auf dem Flur schon, auf der Treppe, auf dem Hofe verhandelt, wie man Doktor Fuchs, den Ordinarius, zu einer recht feinen, echten Klassenpartie kriegen könnte. Mit der Klasse allein natürlich! Nicht in der Herde mit der ganzen Schule. -- -- --

Vorfreuden.

Was tun? Als man nach der Pause wieder in die Klasse hinauf muß, entscheidet der dicke Puntz: »Der Primus muß es Fuchsen sagen!«

Hagen indessen hat mehr Menschenkenntnis: »Ehrenfried? Der Mummelgreis!«

Da erbietet sich der kleine, flotte Köckeritz: »Ich werde Fuchsen einfach mal fragen.«

Sausig aber weiß es noch besser; er schießt den Vogel damit ab. »Wir schreiben es an die Tafel!«

Und der Klassenbarde, der Schmuck, ist gnädig genug und erbietet sich: »Ich werde die Verse dazu machen!«

»Schmuck soll leben! Los, Schmuck!«

»Jetzt nicht! Morgen!«

»Unsinn!« -- Der Fritze Köhn greift immer feste zu. -- »Jetzt haben wir bei Fuchsen! Also los! Dir wer’n wer sonst ’n Schnörgel nach links drehn!«

Da steht auch schon alles um Schmuck herum und schiebt ihn auf das Katheder. »Los doch, Schmuck, los doch!«

Von hinten wird ~a tempo~ vorgeschlagen:

»Sechs mal sechs ist sechsunddreißig, und die Klasse war so fleißig!«

Sausig ist in dem Augenblick an die Tafel gesprungen und schreibt auch schon diese beiden Musterverse an. Und um seinen Dichterruhm nicht unrettbar zu verlieren, hat jetzt auch Schmuck nach der Kreide gegriffen:

»Ruhig mal! Also gefällt euch das? Hier steht schon:

»Sechs mal sechs ist sechsunddreißig, und die Klasse war so fleißig.« --

»So!« --

»Will auch noch sehr fleißig sein!«

»Na,« wirft da der dicke Puntz ein, »wollen lieber nischt versprechen!«

Aber schon hat Schmuck weitergeschrieben:

»Denkt indes, es wäre fein, nicht zu schwitzen in dieser Pein.«

»Ja, allens wat recht is!« gibt hier Fritze Köhn wieder sein gewichtiges Urteil ab.

»Sondern zu wandern weit hinaus und möglichst spät zu kommen nach Haus.«

Dem einen gefällt’s, dem andern nicht; aber es steht nun einmal da, und -- plötzlich tritt auch der Ordinarius in die Klasse.

Da steht alles stramm und mäuschenstill. Als aber Doktor Fuchs die erhobene Hand schnell und mit einem kleinen Knall des Daumens und des Mittelfingers senkt, da setzen sich die Jungen, daß es nur so ruckt und zuckt.

Und dann kommt der große Moment! Doktor Fuchs dreht sich herum, um auf das Katheder zu steigen, und -- er sieht die voll beschriebene Tafel, die doch sonst in ihrer unbefleckten Schwärze blitzsauber sein muß. Er liest jetzt die Verse halblaut und recht bedächtig.

Als er aber bis zu Ende gekommen ist, da dreht er sich schaudernd um und sagt: »Brr! Da korrigiere ich ja lieber den größten Stoß Hefte!«

O weh! Das sieht nun zwar wie ein frühzeitiges Ende aller Partiegelüste aus; aber die Klasse freut sich doch stürmisch über das »Brr!« und über den »größten Stoß Hefte«.

Endlich kommt auch Doktor Fuchs wieder zu Worte. »Na, also Jungs, über die Sache läßt sich reden, aber erst müßt ihr mal bessere Verse machen!«

Na, freilich! Jetzt weiß es auf einmal jeder. Das sind furchtbar schlechte Verse. Der dicke Puntz hatte ja auch gleich gewichtige Bedenken gehabt, und Fritze Köhn plädiert am Ende der Stunde dafür: »Schmuck muß zu morjen anständije Verse machen, oder wir hau’n uff’n Kopp, det er Plattbeene kricht!«

Damit hat der Fritze Köhn auch die Meinung der andern durchaus zutreffend und richtig ausgesprochen. »Oder er wird verhauen!« So denkt und sagt jetzt jeder, und das glaubt schließlich auch Schmuck. Und weil er nicht verhauen werden will, so will er auch anständige Verse machen. -- -- --

Aus Abend und Morgen wird wieder ein Tag. Und alles stürmt am nächsten Morgen auf den Klassenbarden ein. Jeder will die Verse sehen. Aber Schmuck bleibt fest: »Ich schreibe sie nachher an; da könnt ihr sie dann alle lesen!«

In der Pause vor Doktor Fuchs’ Stunde bleibt also der Pegasusreiter oben, mit Erlaubnis des inspizierenden Herrn draußen auf dem Flur. Und nachher prangen denn auch die erhofften Verse in Schmucks schönster Schrift an der Tafel.

»Fein, Schmuck!« -- »Ach, _der_ Vers taugt nichts!« -- »Da muß noch hinein, wohin wir wollen!«

Aus dem Durcheinander von Lob und Tadel aber erhebt sich Puntz und findet: »Das ist sehr fein! Ick hätte es nicht so gekonnt! Und ein anderer auch nicht!«

Puntz nicht und ein anderer auch nicht! Das galt. --

Auch der Ordinarius kam dann und las wieder die Verse ebenso bedächtig wie gestern.

»Fröhlich lacht uns entgegen die Sonne, Jugend tummelt sich draußen mit Wonne; sämtliche Schulen fliegen schon aus, nur unsere Klasse darf nicht hinaus! Lehrer gehen doch auch gern ins Freie, besonders im wunderschönen Maie! Und wenn’s nicht mehr kann sein im Mai, der Juni ist auch noch nicht vorbei! Die Pfingsten sind ja nun heran, die schönste Jahreszeit bricht an. Gewähren Sie uns doch die eine Bitte, beim Ausflug zu thronen in unserer Mitte!

Die Unter-Tertia ~O~.«

Als der Ordinarius geendet hat, da wartet er noch einen Augenblick, als müßte er sich erst von seinem Staunen über solche Leistung erholen. Dann sagt er aber: »Schön! Wer ist der Poeta?«

»Schmuck! Schmuck! Schmuck!«

»Das ist ganz nett! Aber deshalb darf er mir nun noch kein Trauerspiel schreiben!«

Schmuck freut sich mehr, als je ein ~poeta laureatus~ sich gefreut hat. Und die Klasse freut sich mit ihm, besonders da nun Doktor Fuchs fortfährt: »So, Jungs! Morgen bringt jeder einen Zettel mit. Darauf steht neben eurem Namen der Ort wohin der Träger dieses Namens die Partie machen will.«

Da ist nun die Begeisterung kolossal. Alle reiben sich die Hände vor Vergnügen; man lacht sich fröhlich an, und schon schwirrt es durcheinander: »Märkische Schweiz!« -- »Potsdam!« -- »Königswusterhausen!« -- »Zwei Tage, Herr Doktor! Ach ja, zwei Tage, Herr Doktor!«

Der aber winkt ruhig ab. »Morgen Zettel! ~Notabene~: hoffentlich beteiligen sich alle an der Partie!« -- -- --

Ein armer Junge.

Der Primus, der Ernst Ehrenfried, ist aufgestanden. »Ich weiß es noch nicht!«

Die ganze Klasse lauscht mäuschenstill; im selben Augenblick aber lispelt auch der kleine Köckeritz seinem Nachbar, dem Hänsel, empört zu: »Der ist immer der Spielverderber!«

Das ist zwar leise, doch immerhin noch so deutlich gesagt, daß es die ganze Klasse gehört haben muß. Auch Dr. Fuchs hat es sicherlich gehört; indes, er will es offenbar nicht gehört haben; denn er sagt nur in scheinbar zürnendem, dabei aber auch lustig schmollendem Tone zu Ehrenfried hin: »Was! Unser Primus will uns im Stich lassen! Ih, das wäre noch schöner! Da muß ich schon unsern Primus nachher mal extra bearbeiten!«

Der Ernst Ehrenfried kriegt einen roten Kopf, und ganz verwirrt setzt er sich nieder. Zugleich aber hat auch ein Blick des Ordinarius den kleinen, impulsiven Köckeritz gestreift. Der versteht den Blick; denn er sagt nichts mehr, sondern richtet sich gerade auf und verläßt jetzt den Ordinarius mit keinem Auge. Dann macht sich Doktor Fuchs an sein Pensum, und vierzig Minuten lang hat kein Junge Zeit, an die Partie zu denken.

Nach der Stunde aber tut Doktor Fuchs gar nicht, als ob er den Ehrenfried »extra bearbeiten« wolle. Er hat es offenbar vergessen; er geht auch schnurstracks auf den Hof, wo er allerdings in dieser Pause die Aufsicht zu führen hat.

Dabei läuft ihm der kleine, lustige Köckeritz über den Weg, und Doktor Fuchs winkt ihn zu sich hinan.

»Sage mal, Achim, was hast du denn immer mit Ehrenfried vor?«

»Ach, gar nichts, Herr Doktor! Ich uze ihn nur immer ein bißchen!«

»Warum?«

»Er ist immer so still und so steif. Das kann ich nicht ausstehen!«

»Wenn er dich aber nun mal verhaut! Er ist ja doch viel älter und viel größer als du!«

»Ja, das wohl! Aber das tut er nicht. Wir sind sonst ja die besten Freunde!«

Einen Augenblick geht Doktor Fuchs neben dem kleinen Köckeritz her, so daß der Zeit hat, so fröhlich und schelmisch mit den Augen nach links und nach rechts zu blinzeln, um seine Bekannten zu suchen. Endlich aber sagt Doktor Fuchs: »Nun, höre mal, Achim! Du bist ja sonst ein ganz vernünftiger Junge. Ja, Ehrenfried ist etwas steif und schwerfällig; aber das kommt doch von den Verhältnissen her, in denen er lebt. Du weißt doch, daß er keinen Vater und keine Mutter mehr hat?«

»Das habe ich gehört; er selbst hat’s noch keinem von uns gesagt!«

»So? Er ist aber doch nun schon über ein Jahr auf unserer Schule!«

»Ja, er trat hier in die Quarta ein; aber er hat noch keinem was über sein Leben erzählt. Ich weiß nur, daß er draußen in Moabit wohnt, bei seinem Onkel. Der ist gewöhnlicher Fabrikarbeiter!«

»Siehst du, Junge, Fabrikarbeiter! Gewöhnlicher Fabrikarbeiter, mein Junge! Das sagt noch gar nichts; aber er ist sicher ein sehr ehrlicher und fleißiger Mann, und das sagt viel! Und nun -- jetzt halt mal die Ohren steif! -- gefällt es mir gar nicht, daß du immer so an Ehrenfried herumhakst. Er schleppt das Bewußtsein mit sich herum, eine Waise zu sein und seinem Onkel zur Last zu liegen; vielleicht verstehst du das noch nicht recht, mein Junge; aber du mußt es mir glauben, daß das auf den armen Ernst Ehrenfried drückt. Na also, Achim, von jetzt ab läßt du mir unsern Primus etwas in Ruhe!«

»Herr Doktor!« -- Dem kleinen Köckeritz ist jetzt das Weinen näher als das Lachen. -- »Wir sind ja sonst die besten Freunde. So hatte ich es ja auch gar nicht gemeint!«

»Es ist gut! Lauf jetzt! Dahinten balgen sich zweie.«

Mit großen Schritten geht Doktor Fuchs auch schon auf die beiden Kampfhähne los, die freilich bei seiner Annäherung schnell Frieden schließen und versuchen, sich in dem Kreis der Jungen, der sich im Handumdrehen um sie herum gebildet hat, zu verlieren. Aber Doktor Fuchs hat schon seine Pappenheimer erkannt; er winkt die beiden zu sich hinan. Dann nimmt er sie beim Kopf und reibt, ohne noch ein Wort zu sagen, die beiden Dickschädel aneinander. Das tut, auch ohne Worte, den beiden sehr gut und freut alle andern riesig. Und da sich kein Junge gern auslachen läßt, so merken sich das die beiden und noch mancher andere dazu, so daß in der Inspektion des Doktor Fuchs recht wenig Ungehöriges vorkommt; er kann also ruhig einmal bei seiner Inspektion mit einem Jungen sprechen, wie er es eben mit dem kleinen Köckeritz getan hat.

Auf den aber waren schon längst die andern zugestürzt: »Was wollte denn Fuchs von dir?«

Der kleine Köckeritz wehrt ab: »Halt doch mal das Maul jetzt! Das sieht doch Fuchs! Nachher!«

Nachher aber meinte er nur zu den Neugierigen: »Ach, er hat gehört, daß ich zu Hänsel gesagt habe: ›Ehrenfried ist immer der Spielverderber!‹ Da hat er mir eine Standpauke gehalten, daß sich das nicht gehörte!« -- -- --

Der »Spielverderber« war so erledigt; für die Klasse wenigstens, doch nicht für Doktor Fuchs. Er dachte daran, dem Ehrenfried aus eigener Tasche das Geld zur Partie zu geben; aber er wußte, wie feinfühlig der Ernst Ehrenfried trotz seiner Armut war. Um ihn also nicht noch erst recht kopfscheu zu machen, ließ er den Jungen an diesem Nachmittag noch laufen.

»So eilt die Sache nicht,« sagt er zu sich selber, »und über Nacht kommt Rat!« -- -- --

Und der kam. Am nächsten Vormittag hatte Doktor Fuchs nur bis 11 Uhr Unterricht, während doch seine Klasse erst um 1 Uhr herauskam. So suchte er denn um 11 Uhr schnell das Nationale seiner Jungen hervor und las daraus vor sich hin: »Ernst Ehrenfried. Geboren am 1. Mai 1890 in Schöneberg bei Berlin. Klassenalter I. Semester. Schulalter 1 Jahr. Wohnung des Vaters: Vater und Mutter verstorben. Stand des Vaters: war Gärtner. Wohnung des Schülers: Aha! ~NW~, Havelberger Straße 250. Aufsicht: Ehrenfried, Onkel, Arbeiter. Vormund: Silber, Schutzmann, Schöneberg, Torgauer Straße 105.«

Da stand nun Doktor Fuchs. Zum Vormund gehen? Nach Schöneberg und nach der Torgauer Straße? »Die weiß ich ja gar nicht mal! Nein, ich möchte dabei doch auch gleich die Pflegeeltern meines Primus kennen lernen. Also aus nach Moabit! Das ist bekanntes Gebiet. Wie war es doch gleich? Havelberger Straße 250! Leicht zu merken! Genau ein Vierteltausend!«

Schnell steckt Doktor Fuchs das Nationale wieder weg und wickelt sich noch ein Paketchen Hefte zusammen. Und nach einem guten halben Stündchen steht er draußen vor der Mietskaserne Havelberger Straße 250. Der stille Portier, wie der Berliner das Verzeichnis der Bewohner des Hauses nennt, sagt ihm: Ehrenfried, Arbeiter, rechter Seitenflügel, 3 Treppen links. -- -- --