Part 6
»So, Ernst, du kriegst jetzt wieder 1 Mark 50 Pfennig, und kein Mensch, außer deiner vortrefflichen Tante selbstverständlich, braucht etwas davon zu erfahren! -- Na, aber Ernst, du willst mir doch nicht die Freude verderben! Nein, nein, ich möchte aber wirklich, daß du das nimmst! Nun geh, mein Junge, und tu, als wenn gar nichts gewesen wäre!«
Da zögert der Ernst noch einen Augenblick; dann aber gibt er Doktor Fuchs die Hand und sagt ein leises »Danke schön, Herr Doktor!« -- -- --
Zwei glückliche Menschen traten aus dem kleinen Sprechzimmer auf den Flur hinaus: der eine ging schnell und leichten Schrittes der Unter-Tertia ~O~ zu, der andere aber wandte sich den Flur weiter hinauf zur Quarta hin, wo soeben jemand quiekte, als ob eine halbe Klasse an ihm herumwürgte und ihm an der Kehle säße. -- -- --
Würden und Ämter.
Wie Doktor Fuchs nach dem Läuten in seine Klasse tritt, sind die partiewütigen Tertianer gewappnet. Er hat ja gesagt, sie sollen heute einen Zettel mitbringen mit dem Ziel der Partie. Und den Zettel, den haben nun alle da, viel vollzähliger und gewissenhafter als sonst irgend ein Exerzitium. Da nun Doktor Fuchs auch ganz genau weiß, was solche flotten Jungen freut, so setzt er eine sehr wichtige Miene auf und nimmt die bewußten Zettel in alphabetischer Reihenfolge ab. Die Jungen finden das durchaus richtig, während Doktor Fuchs seinerseits findet, daß eigentlich keiner unter vier Meilen von Berlin weg landen will. Potsdam, Werder, Bernau, das ist überhaupt das nächste.
So fängt denn Doktor Fuchs an: »Na, Jungs, man kann nicht gerade sagen, daß ihr bescheiden gewesen seid. Es wundert mich nur, daß ihr alle noch in Europa bleiben wollt. Na also, da wird’s wohl nicht anders werden. Da werde ich also als Klassenpapa umso bescheidner sein müssen, und« -- dabei dreht sich Doktor Fuchs auf dem Katheder um -- »und da möchte ich nur auch schnell meinen Wunschzettel an die Tafel schreiben. -- Grunewald!« --
Ein lautes und sehr geringschätziges »Aaach!« und »Der Katzensprung!« vom dicken Puntz.
Doktor Fuchs hat sich herumgedreht und macht dieses »Aaach,« »der Katzensprung!« in demselben Tone nach, so daß einige schon anfangen zu lachen. Die sind schon wieder halb und halb mit dem Grunewald ausgesöhnt.
»Na, Dicker, wann hast du denn das letzte Mal den Grunewald gesehen?«
»Am letzten Sonntag!« sagt der da so recht mißmutig und gedehnt und verächtlich.
»Am letzten Sonntag! I Gott bewahre, Dicker, was denkst du denn? Seit dem letzten Sonntag, ach! seit dem letzten Sonntag, da ist der Grunewald ganz anders geworden! Ich sage dir bloß, ganz anders! Den kennst du gar nicht wieder! Das glaubt ihr wohl nicht, Jungs?«
Da lachen schon wieder alle und beteuern laut und überzeugungstreu: »Nein!«
»Dann werde ich es euch beweisen! Ihr werdet erstaunt sein! Also es geht in den Grunewald!«
Der dicke Puntz sagt nichts mehr; aber nach der Stunde erklärt er: »Fuchs ist ein guter Kerl! Der bedenkt dabei eben die armen Deibel. Für die würde es bis Bernau doch zu teuer sein!«
Das sieht schließlich auch jeder ein, und so hat man sich denn auch schon am nächsten Tage mit dem Grunewald ausgesöhnt. Nur will man noch fragen, wohin es im Grunewald selbst gehen soll.
Aber Doktor Fuchs kommt am nächsten Tage -- nun ist’s inzwischen schon Freitag geworden -- selber wieder auf die Partie, als er von der Inspektion draußen auf dem Mittelflur in die Klasse kommt.
»Also, Jungs, es geht nach dem Grunewald! Wer kennt denn den König Wilhelms Turm auf dem Karlsberg?«
Alle, bis auf zwei Vorörtler aus dem Norden.
»Wer Wannsee?«
Ein paar weniger.
»Wer Nikolskoi?«
Nur vier; der fünfte weiß es nicht genau. Wenigstens ist es schon sehr lange her, daß er da war.
»Wer Sakrow?«
Einer.
»Wer die Römerschanze?«
Keiner.
Da lacht Doktor Fuchs so lustig. »Na, ihr seid eine Gesellschaft! Und einige wollten da gleich nach Werder und wer weiß wohin. Na also!«
»Ja, Herr Doktor, wollen wir denn nun nach der Römerschanze?«
»Ja, Hagen, wollen mal sehen, ob ihr nicht schon vorher die Beine schleppt! Unsere Losung wenigstens soll sein: ›So weit wie möglich!‹«
Damit sind nun alle zufrieden, so daß Doktor Fuchs fortfahren kann: »Ich brauche einen Vergnügungsausschuß.«
»Ich, ich, Herr Doktor! Herr Doktor!«
»Ruhig Blut, Jungs! Den wählt ihr euch selbst! Morgen wird mir der Ehrenfried vier Mann dafür vorschlagen. -- Zweitens: Ich brauche zwei Schrittmacher. Das ist der Windhund, der Hobein, und der dicke Puntz!«
»Herr Doktor,« remonstriert aber der Dicke da, »ich werde lieber die Musik liefern.«
»Kannst du das?«
»Ja, mit der Mundharmonika!«
»Gut! Also der wackere Puntz ist unsere dicke Hauskapelle! Wollte sagen, der dicke Puntz ist unsre wackre Hauskapelle!«
Der kleine Gebhardt hat sich währenddessen schon gemeldet: »Darf ich meinen photographischen Apparat mitbringen?«
»Selbstverständlich! Dich erhebe ich zum Schönheitsrat!«
»Kann ich auch was sein? Herr Doktor?«
»Wollen mal sehen! Ich brauche noch den Herrn Feldwebel oder die Kompagniemutter. Das muß der Doef werden!«
Der hebt sich, als ob er Bergeslast auf dem Rücken trüge. Er scheint sich aber die Sache erst überlegen zu müssen. Endlich fragt er: »Was habe ich denn da zu tun?«
»Oh, du hast das wichtigste Amt. Du mußt darauf sehen, daß uns keiner abhandenkommt. Wir müssen also immer volle Zahl haben!«
Verträumt scheint Doef nachzudenken; aber er ist Praktikus und verhandelt ganz ruhig mit Doktor Fuchs: »Wenn nun einer doch fortläuft?«
»Darf nicht vorkommen!«
»Aber wenn er fortlaufen _will_?«
Doktor Fuchs tut, als wenn er in die Hand spuckt, und er macht die Geste des Hauens.
Doef sieht seine eigene, große Tatze an und sagt tonlos, aber sicher: »Ja!«
»Dürfen wir spielen, Herr Doktor?« -- Die Frage hat den Leverenz schon halb zu Tode gequält.
»Na, so ~en passant~! So viel uns Zeit bleibt.«
»Ich werde einen Ball mitbringen.«
»Meinetwegen! Aber kaum nötig!«
»Können wir sackhüpfen?«
»Halt mal, du! Dazu kriegen wir eben einen Vergnügungsausschuß!«
»Essen wir zu Mittag?«
»Ja, unten an der Pfaueninsel, beim alten Ehrecke. Preis etwa 75 Pfennig. Wer essen will, muß es mir morgen sagen. Ihr könnt euch aber auch selbst was mitbringen!«
* * * * *
Nach jeder Stunde, die Doktor Fuchs als Ordinarius in der Klasse hat, werden noch zwei oder drei Minuten der Pause auf dem Altar der bevorstehenden Partie geopfert. Am nächsten Montag steht der Primus auf und erklärt: »Herr Doktor, die meisten Stimmen für den Vergnügungsausschuß haben Greff, Hagen, Sausig und Woller!«
»Also noch einmal langsam! Greff -- Hagen -- Sausig und Woller. Gut! Nehmen die Herrn die Wahl an?«
Die vier lächeln vielsagend und zufrieden und nicken mit dem Kopfe.
»Kennt ihr auch den Grunewald genau?«
»Wir sind beinahe jeden Sonntag drin.«
»Gut, dann bleibt ihr heute um 1 Uhr noch einen Augenblick hier. Ich werde in die Klasse kommen. Und nun wieder für alle! Wir machen die Partie noch nicht am nächsten Mittwoch, wie es ursprünglich geplant war, sondern erst in der nächsten Woche. Und zwar am Freitag, am letzten Tage also vor den Pfingstferien. Ein Abwaschen!«
»A--a--ch? Am Freitag? Dann fällt doch am Nachmittag aus!«
»Selbstverständlich! Nun weiter! Wer sich draußen gar nichts kaufen will, der muß sich Essen und Trinken mitbringen. Der würde nur das Fahrgeld bis zur Station Grunewald und zurück von Wannsee oder höchstens von Potsdam gebrauchen. Wer sich gar nichts zum Essen mitbringt, muß Geld dafür ausgeben. Über zwei Mark aber darf keiner bei sich haben.«
»Herr Doktor! Wenn es nun aber regnet?«
»Wir kriegen genau das Wetter, das der liebe Gott für den Freitag vor Pfingsten angesetzt hat. Dich aber, Hänsel, ernenne ich zur Partie-Unke.«
Und während da natürlich alle den Hänsel vergnügt auslachen, erklärt Doktor Fuchs kurz: »Fertig jetzt! Nur noch eins will ich sagen: je fleißiger man vorher arbeitet, desto größer ist nachher das Vergnügen!« --
Der Überfall am Pechsee.
Wie wenig man auch in der letzten Woche vor Pfingsten von der Partie hatte sprechen können, da ja an jedem Tage dieser »feinen Woche« etwas unregelmäßig war und vom Stundenplan abgeknapst wurde, vergessen hatte drum doch keiner die Partie.
So war auch endlich der Freitag vor Pfingsten, der heiß ersehnte Freitag, angebrochen. Ein herrlicher Tag! Vom hellen Osten her strahlte die Sonne, als freue sie sich über all die fröhlichen Jungengesichter, die schon um sechs Uhr und noch früher oder gar noch viel früher nach ihr ausgeschaut und sie jubelnd begrüßt hatten. Die Mutter mußte noch einmal soviel Frühstück schneiden, als sonst und das Portemonnaie wurde zur Vorsicht wieder und immer wieder hervorgeholt und ein Blick auf den Mammon geworfen, der darin ruhte. Dann zog ein jeder zum Bahnhof. Die von der Friedrich Straße sammelten Station für Station ein paar neu auf, auf dem Lehrter Bahnhof, auf Bellevue, auf Tiergarten, auf Zoologischer Garten, sogar auf Savigny Platz und Charlottenburg. Auf Station Zoologischer Garten hatte man Doktor Fuchs mit polizeiwidrigem Hallo und Freudengeheul empfangen. Schon in Charlottenburg aber war die Kompagniemutter bei ihrer ruhigen Besonnenheit zu dem sicheren Ergebnis gekommen, daß zwölf Mann fehlten.
»Wer sind denn die?«
»Hagen -- Sausig -- Boenick -- Schulz -- Woller --«
»Das ist ja gerade der Vergnügungsausschuß, Herr Doktor!«
»Wahrhaftig! Na, was machen wir nun da, Doef?«
»Wir warten, und sie kriegen gleich was!«
»Na, wir wollen mal sehen!« --
Da läuft auch der Zug schon in Station Grunewald ein. Alles springt aus den Wagen; eiligst geht man hinunter, und ohne Aufenthalt schreitet auch Doktor Fuchs mit seinen lustig umherspringenden Schutzbefohlenen schnell weiter.
Wo der Weg sanft rechts ab nach der Saubucht hinüberbiegen will, da ist auf einmal der Doef wieder neben Doktor Fuchs.
»Ja,« sagt er bedächtig, »wollen wir denn nicht auf die zwölf warten, Herr Doktor?«
»Ach,« bleibt der mit einem Ruck stehen, »Herr Feldwebel! Ja doch! Das hatte ich ja ganz vergessen! Also der Vergnügungsausschuß wollte mit ein paar andern was ganz für sich unternehmen. Aber in Saubucht spätestens sollen sie wieder bei uns sein. Wollen mal sehen, wer zuerst da ist, die oder wir.«
»Au ja!« begeistern sich da einige andere. »Ein bißchen dalli jetzt! Wir müssen die ersten sein!«
»Ja, aber Dicker, höre mal! Ich sehe schon, du bummelst gern. Das gibt’s nicht! Immer hier bei der Masse bleiben! Und dann noch eins, Jungs! Lest mal feste Kienäpfel auf! Wenn die andern oben in Saubucht nach uns ankommen sollten, dann dürft ihr sie ordentlich bombardieren!« --
Im übrigen aber bummelt nun alles gemütlich neben- und hintereinander hin. Friedlich und wohl auch einmal nicht friedlich; denn hier und da puffen sich auch zwei etwas freundschaftlich ab, und hin und wieder fliegt sogar ein Kienapfel jemand an den Kopf, der ihn nicht erwartet hat und darum nun etwas grob und »jiftig« wird, wie Fritze Köhn da sagt. Doktor Fuchs muß sogar manchmal ein begütigendes und doch streng klingendes »Na, na!« dazwischenwerfen.
»Wohin jetzt, Herr Doktor? Rechts oder links?«
Vorn ist die Spitze an der Ecke eines niedrigen, rechtwinklig an den Weg vorstoßenden Waldbestandes stehen geblieben.
»Rechts ab und nach 150 Schritten links hinein!«
Doktor Fuchs hat dabei spähend vorausgeblickt und lächelt auf einmal so vergnügt: »Alles in Ordnung!«
»Was ist denn in Ordnung, Herr Doktor?« fragt da Posener, der immer neben Doktor Fuchs geht und ihn offenbar angenehm unterhalten will.
»Er schmeißt sich ran!« sagt der dicke Puntz mit einem so verächtlichen Tonfall, daß auch alle das glauben, die es hören.
»Ja, ja, ist alles in Ordnung!« wiederholt Doktor Fuchs kurz, geht aber nicht weiter auf Poseners Fragen ein.
Man tritt nach einem Viertelstündchen wieder aus dem Wäldchen heraus.
»Wo nun hin, Herr Doktor?« kommt es von vorn.
»Schräg rechts immer der Nase nach! Der Weg ist ja breit genug!«
»Hier ganz rechts geht’s nach Spandau!« wissen da einige.
»Dort, den Berg hinunter, nach Schildhorn!« wissen andere.
Nach zehn Minuten biegt eben die Spitze nach dem Pechsee ab, als ein lautes, stürmendes Hallo von vorn erschallt. Und Kienäpfel fliegen, -- und Hagen -- wo kommt der auf einmal her? -- hat den dicken Puntz über den Haufen gerannt und gibt ihm einen kräftigen Klaps auf den Südpol, bevor er zu weiteren Heldentaten schreitet. Sausig und Woller und Schulz und die andern, die noch fehlten, die sind auf einmal auch da und stürmen mit Hurra auf Doktor Fuchs und seine Schar ein. Kienäpfel surren durch die Luft; ein Hallo und Hurra donnert nach dem andern; die Jungen werden ganz wild.
»Die haben uns überfallen!« schreit Posener und will davonlaufen. Aber Doktor Fuchs gibt ihm einen Stoß. »Du da drüben! Und du und du und du! Und wir andern hier drüben! Ausschwenken! Kienäpfel raus! Die Bande nehmen wir in die Mitte!«
Neues Leben kommt in die Jungen, und eine regelrechte Kienäpfelschlacht hebt an. Herüber und hinüber fliegt es. Je mehr die Wurfgeschosse auf die Neige gehen, desto näher rückt man sich auf den Leib, bis man endlich handgemein wird. Und schon ringen die verschiedenen Paare und legen sich -- ~les uns les autres~ -- mehr oder weniger sanft auf die Erde. Da pfeift Doktor Fuchs »Das Ganze halt!« Aber er muß doch noch einige kräftige Wörtlein dazu reden, bis er die eifrigsten Kampfhähne wieder auseinanderhat.
Der ganze Überfall hat nur eine Minute gedauert; aber das Spiel ist von den Jungen doch ziemlich ernst genommen worden. Überall steht man da und schöpft tief Atem und sieht sich wohl auch nicht wenig erbittert an.
»Da hört sich denn doch Verschiedenes uff!« erklärt Fritze Köhn. »Jotte doch! War det ’n Klumpatsch!«
»Warum habt ihr nicht aufgepaßt?«
»Wir haben ja gar nichts gewußt!« kommt ein andrer noch dazwischen.
»Es sollte ja auch ein Überfall sein!«
»Wo ist meine Mütze?« sucht Richter herum.
»Wer hat mich denn hier gekratzt?«
»Hab’ dich doch nicht! Hier ist Heftpflaster!«
»Das bißchen? Und noch so dreckig! Nee, danke für Backobst!« --
So geht es weiter, und alle stehen noch mit hochrotem Schopfe da, als der Dicke auf einmal vorwurfsvoll sagt: »Sehen Sie, Herr Doktor!« -- Er klopft sich dabei die Nadeln und den Sand ab. -- »Wenn ich hinten gegangen wäre, dann hätte ich zusehen können! Der eine ist wie ein Wilder auf mich zugesprungen!«
Doktor Fuchs aber muß lachen. »Das war gerade ganz nett, Dicker! Was denkst du wohl, wie gut das einem wohlbeleibten Menschen tut!«
Da muß der Dicke auch mitlachen. Er ist auch schon wieder ganz zufrieden und blickt eben belustigt auf den Leverenz hin, der wie ein Harlekin vor seinem Ordinarius hin- und hertanzt und einmal ums andere ruft: »Ich war die erste Stafette, Herr Doktor!«
»Ja,« kommt Hagen dazu, »ich habe hier noch seine Meldung! Sehen Sie mal, Herr Doktor! ›Der Feind kommt auf Bahnhof Grunewald an um 8 Uhr 4 Minuten!‹«
Schulz hält währenddessen seinen Kopf auch heran. »Ich habe Sie beobachtet, wie Sie in das Wäldchen kamen, Herr Doktor!«
»Hier!« macht sich Hagen wichtig. »Die Meldung der zweiten Stafette: ›Der Feind tritt um 8 Uhr 32 Minuten in das Wäldchen ein!‹«
Da staunen die Jungen, die mit Doktor Fuchs gekommen sind: »Das war aber alles fein abgepaßt!«
Hagen geht auf wie ein Pfannkuchen. »Das kenne ich von meinem Vater! Hier ist die Meldung der dritten Stafette: ›Der Feind verläßt das Wäldchen um 8 Uhr 46 Minuten. Er schlägt den direkten Weg nach der Saubucht ein!‹«
»Ach, schenke mir den Zettel, Hagen!« kommt der kleine Köckeritz dazwischen.
»Du bist wohl ver--!« wehrt Hagen in aller Ruhe und freundschaftlichst ab. »Die hebe ich mir zum Andenken auf!«
»Ach so?« höhnt jetzt der Kleine. »Die willst du dir wohl einrahmen lassen?«
»Ruhe jetzt!« befiehlt auf einmal Doktor Fuchs. »Ich konstatiere, daß der Überfall des Feindes als wohl gelungen bezeichnet werden muß. Ich konstatiere aber auch, daß meine Truppe sich schnell in die Situation hineingefunden und den Überfall kräftig und mit ziemlichem Erfolge abgewehrt hat!«
Ein fröhliches Lächeln allerseits.
»Aber wir haben doch gewonnen!« meint Hagen.
»Beide Teile haben ihre Sache gut gemacht!« erklärt Doktor Fuchs. »Wir scheiden mit einem Hurra von dieser glorreichen Stätte. Hipp, hipp, Hurra!«
»Hurra!« fallen die Jungen lustig ein. Und alle sind jetzt zufrieden und wieder gut Freund. Aber während man hurtig durch die Senke am Pechsee und dann weiter hinaufschreitet, immer am Zaune der Saubucht entlang, lösen sich die Jungen in Grüppchen auf, und lebhaft und mit für und wider wird die soeben gelieferte Schlacht weiter besprochen. Die homerischen Heroen mit ihrem Geflunker und mit ihren Renommistereien sind nur Waisenknaben gewesen im Vergleiche zu diesen Jungen, die schon nach fünf Minuten die Wahrheit zur Dichtung und die Dichtung wieder zur Wahrheit gemacht haben. -- -- --
Endlich sitzt man oben auf den hölzernen Bänken vor dem lieben, kleinen Restaurant Saubucht und verträgt sich wieder bei etwas gräulicher, sterilisierter Milch und schäumendem Selterwasser.
»Bier gibt’s hier nich!« brummt der Dicke. --
Auf hoher Warte.
»Zum Karlsberg!« heißt es endlich.
Einträchtiglich zieht Freund und Feind in die Senke hinunter. Den gegenüberliegenden Abhang hinauf. An einer Schonung vorbei und dann einen breiten Weg hinan. Als man da halbwegs hoch ist, ragt zur Rechten, etwas nach dem Rücken zu gewendet, der rote, wuchtige Schlot der Pumpstation am Teufelssee über die schwanken Gipfel und Wipfel hinweg, und nach vorn, durch den breiten Einschnitt gesehen, verdämmern drei Hügelzüge, einer hinter den andern gelegt und vom leicht aufsteigenden Dunst der tief unten liegenden Havel mit sanft bläulichem Hauche verbrämt.
So tritt man endlich nach einem langen Viertelstündchen hinaus auf die Chaussee, die sich von rechts her heraufzieht und sich so jetzt quer vor den Weg der Jungenschar legt. Gewaltig ragt drüben aus reinlichem, rötlichem Mauerstein, wie ihn der felsarme Märker brennt, der König Wilhelms Turm auf. Majestätisch breit legt sich die geräumige Rampe um den Fuß des Turmes.
Schon sind diese nimmermüden Tertianer des Doktor Fuchs weg über die große, steinerne Freitreppe. Sie stehen jetzt an dem schwarzgrauen Stein, der so sicher um die Plattform herumläuft, und bewundernd taucht der Blick hinab in die Tiefen des herrlichen Landschafts- und Seenbildes, das die gütige Natur hier mit Wunderhand in Urzeiten geschaffen. Hier steht man auf hoher Warte. Im Rücken rauscht und raunt so geheimnisvoll der Kiefernwald. Rechts und links steigt er hinab zum Saume des Wasserspiegels, der sich glitzernd und blitzend und vom Morgenwehen leicht gekräuselt hindehnt. Nach Norden hinauf verliert sich der Blick in die verschwimmende Ferne, wo Spandaus Mauern und hochragende Häuser wie eine verblassende Fata Morgana auf leicht wallendem Erdennebel thronen. Vorüber an den eckig-hochragenden Sandwällen, von deren einem einst Jazko sich auf seinem Wendenroß in die Havelflut stürzte, findet sich der Blick zurück und bleibt haften auf dem lieblichen Gatow, das sich verschämt tief unten dem jenseitigen Ufer der breitströmenden Havel anschmiegt und sich einhüllt in das lauschige, weiche Gewand schattender Laubbäume. Lichter wird dann drüben die Gegend und lockt den Blick die grünen Ackerlehnen hinauf, hinweg über die hochragenden Pappeln der städteverbindenden Straßen in die gesegneten Fluren des Ost-Havellandes hinein.
Doch, was schwebt da von Süden heran und fesselt den Blick? Auf der sonnenbeglänzten Fläche der weitauslagernden Havel ziehen sie langsam herauf, und merklich kaum kommen sie näher: fünf, sechs, sieben der Schiffe mit weißlich schimmernden Segeln! Schwänen vergleichbar, aus einer weit größeren Welt, so stehen sie auf der lichten Fläche des spiegelnden Wassers. Daneben liegen verträumt und breit hingelagert die grünbewaldeten Höhen der Havelberge und umrahmen mit sattgrünem, dunklem Bande lieblich dieses Bild, das im Hintergrunde durch den sanft verdämmernden Nikolskoier Höhenrücken und durch die ganz in die Ferne gerückten Türme von Potsdam zu einem wunderbaren und wundervollen Stimmungsgemälde abgeschlossen und abgerundet wird.
Hier auf dem König Wilhelms Turm, im Mittelpunkte des herrlichen Panoramas, steht nun Doktor Fuchs mit seinen Tertianern, versunken in diese Waldes-, Seen- und Flurenpracht. Als da Hagen von der andern Seite herumgesprungen kommt: »Was ist das, Herr Doktor? Und was ist das?« da fährt es Doktor Fuchs heraus: »Junge, laß es heißen, wie es will! Bewundere nur diese Natur! Kapsele dir das Bild im Auge ein, Hagen! So was Schönes siehst du so bald nicht wieder!«
Damit will der Lehrer seine Schar zusammentrommeln. Aber -- wo sind denn die Jungen alle? Einige sind ja zum eigentlichen Turm zurückgetreten und schauen da auf das Standbild des Königs Wilhelm; aber die andern? Etwa -- gegen seinen Befehl -- doch auf dem Turm? Nein! In dem Augenblicke rast Hagen an ihm vorbei, die Freitreppe wieder hinunter. »Wasser!« ruft er dabei mit wilder Freude.
Aha! Jetzt weiß es Doktor Fuchs: die Jungen sind bei dem kleinen Brunnen unten vor der breiten Rampe. Aber da ja keiner mehr erhitzt ist, so gönnt er jedem gern den kühlen Trunk. Einige wollen sogar schon wieder essen. Aber nein! Es soll doch lieber gleich weitergehen! --
Brennesseln und Regenwürmer.
Den breiten Kiesweg ziehen sie alle hinab und auf der Chaussee weiter, die nun hinunterführt an die Havel, um dort unten am steilen Abfall der Havelberge hinzulaufen. An der scharfen Ecke vorn indessen geht’s mit Hurra den Berg links hinauf und oben noch einige Schritte weiter wieder an den Rand der kiefernbestandenen Höhe vor.
Bergauf und bergab etwa noch ein Viertelstündchen dahin, bis man einen freien Durchblick durch die hochstrebenden Kiefernstämme auf den klaren Spiegel der Havel unten hat. Da setzt sich schließlich Doktor Fuchs nieder; um ihn herum lagert sich seine kleine Schar.
»So, Jungs, hier machen wir halt! Hier könnt ihr meinetwegen weiterfrühstücken!«
Die Lagerdisziplin aber liegt den Jungen noch nicht im Leibe; nur der dicke Puntz ist schon so müde, daß er sich ohne viele Umstände und mit steifen Beinen auf den Teil des Körpers fallen läßt, der nun einmal von der Natur zum Sitzen bestimmt ist. Der kleine Achim Köckeritz dagegen macht erst noch ein paar Luftsprünge und setzt sich dann sehr sorgfältig neben Doktor Fuchs nieder. Er schlägt die Beine zusammen wie ein Schneider und fängt an, sein Frühstück auszuwickeln. Ein paar Schritte weiter aber sind im Nu zwei zum Balgen gekommen, weil jeder von ihnen gerade dieses Plätzchen haben will. Doktor Fuchs muß sich sogar herumdrehen: »Donnerwetter, Jungs! Sieh mal, Schreier, das feine Plätzchen hier! Na, wird’s bald? -- So!«
Wie sich aber Doktor Fuchs wieder nach vorn wendet, da hat eben, unehrerbietig genug, der tolle Hagen seinen Primus, den Ernst Ehrenfried, bei den Beinen gepackt und zieht ihn ohne viele Worte von seinem Platze weg. Den will er haben. Doktor Fuchs hat nicht einmal Zeit, etwas dazu zu sagen; denn hinter ihm quiekt es auf einmal fürchterlich los. Als er sich umdreht, sieht er, wie zwei Mann den Drewian gefaßt haben und ihn mit kolossalem Biereifer zwingen wollen, sich auf eine stattliche Brennessel zu setzen. Doktor Fuchs will aufspringen; da lassen die beiden los. Drewian macht gerade noch einen Luftsprung zur Seite und versucht dabei, sich am Stengel der Brennessel festzuhalten. Worauf er sich zum Gaudium aller andern noch ein halbes Dutzend mal um seine eigene Achse dreht; denn die Brennessel hat dieses Zufassen übel genommen. Selbstverständlich schimpft nun der Drewian, freilich nicht auf die Brennessel, sondern auf die beiden Missetäter, bis der eine von denen ganz trocken meint: »Der Drewian ist ja dumm, Herr Doktor! Hätte er nicht so geschrieen, dann hätten wir ihn ganz sanft auf die Sache drauf gesetzt; da hätte er gar nichts gefühlt!«
»Meinst du?«
»Ja! Ganz sicher!«
»Drewian, lotse mal die Brennessel hier neben mich her! -- So! -- Na, also Dittmer, nun los! Setze dich drauf!«