Durchs wilde Kurdistan

Part 28

Chapter 283,905 wordsPublic domain

Er hatte richtig vermutet. Es knackte in dem nahen Unterholze, und ein schwarzer Bär erschien. Es war kein Goliath; ein guter Schuß mußte ihn töten. Bei unserm Anblick blieb er stehen, um sich gemächlich zu überlegen, was unter so mißlichen Umständen zu thun sei. Ein halblautes Brummen verriet seinen Verdruß, und seine Aeuglein blitzten mißmutig zu uns herüber. Der Bey ließ ihm keine Zeit. Da wo wir hielten, standen die Bäume lichter, so daß man sich zu Pferde genügend bewegen konnte. Er ritt auf das Tier zu, schwang einen seiner Spieße und warf ihn dem Bären in den Pelz, wo er stecken blieb. Dann aber riß er sein aus Furcht vor dem Bären zitterndes Pferd herum.

»Fliehe, Emir!« rief er mir noch zu, dann sauste er zwischen mir und dem Engländer hindurch.

Der Bär stieß ein lautes schmerzliches Brummen aus, suchte den Spieß von sich abzuschütteln, und da ihm dies nicht gelang, so rannte er dem Bey nach. Sofort brachen die beiden nächsten Nachbarn von uns hinter ihm her und warfen bereits von weitem ihre Spieße, von denen nur einer traf, aber ohne stecken zu bleiben. Sofort wandte sich der Bär nach ihnen. Der Bey merkte dies, kehrte um, ritt wieder auf ihn zu und warf den zweiten Spieß, welcher noch tiefer eindrang, als der erste. Das jetzt wütende Tier erhob sich und versuchte, den Schaft abzubrechen, während die beiden anderen Reiter von neuem auf dasselbe eindrangen.

»Soll ich jetzt, Sir?« rief mir Lindsay zu.

»Ja, macht der Qual ein Ende!«

»So haltet mein Pferd.«

Er ritt, da wir dem Bären ausgewichen und dabei auseinander gekommen waren, wieder auf mich zu, stieg ab und übergab mir das Pferd. Schon wollte er sich abwenden, da prasselten die Zweige nieder und es erschien ein zweiter Bär. Es war die Bärin, welche nur langsam zwischen den Büschen hervortrat, weil ein schutzbedürftiges Junges bei ihr war. Sie war größer als das Männchen, und ihr zorniges Brummen konnte schon mehr ein Brüllen genannt werden. Es war ein nicht ungefährlicher Augenblick: dort der Bär, hier die Bärin, und wir zwischen ihnen. Aber die Kaltblütigkeit meines Master Fowling-bull kam nicht aus der Fassung.

»Die Bärin, Sir?« fragte er mich.

»Gewiß!«

»+Well+! Werde galant sein. Die Dame hat den Vorzug!«

Er nickte vergnügt, schob sich den Turban aus der Stirn und schritt mit angelegter Büchse auf die Bärin zu. Diese sah den Feind kommen, zog das Junge zwischen ihre Hinterbeine und erhob sich, um den Nahenden mit ihren Vorderpranken zu empfangen. Dieser trat bis auf drei Schritte zu ihr heran, hielt ihr die Mündung des Gewehres so ruhig, als ob er auf ein Bild schieße, vor den Kopf und drückte ab.

»Zurück!« warnte ich ihn.

Es war unnötig, denn er war sofort auf die Seite gesprungen und hielt das Gewehr für den zweiten Schuß bereit. Dieser war nicht nötig. Die Bärin schlug die Tatzen in die Luft, drehte sich langsam und zitternd herum und stürzte zu Boden.

»Ist sie tot?« fragte Lindsay.

»Ja, aber wartet noch, ehe Ihr sie berührt.«

»+Well+! Wo ist der andere?«

»Da drüben!«

»Bleibt hier. Werde ihm die zweite Kugel geben.«

»Gebt die Büchse her! Ich will zuvor den leeren Lauf laden.«

»Dauert mir zu lange!«

Er schritt dem Platze zu, wo sich der verwundete Bär noch immer mit seinen Verfolgern abmühte. Eben wollte der Bey dem Tiere einen neuen Spieß geben, als er den Engländer sah und erschrocken inne hielt. Er hielt ihn für verloren. Lindsay aber blieb ruhig stehen, als er sah, daß der Bär auf ihn losrannte. Er ließ ihn herankommen, wartete, bis er sich zur tödlichen Umarmung erhob, und drückte los. Der zweite Schuß hatte denselben Erfolg wie der erste: -- das Tier war tot.

Es erhob sich ein lauter Jubel, der nur von dem Geheul der Hunde übertönt wurde, die mit Mühe von den toten Bären abzuhalten waren. Der Engländer aber kehrte sehr gleichmütig zu seinem Pferde zurück und übergab mir die Büchse.

»Jetzt könnt Ihr wieder laden, Sir! +Yes+!«

»Da, nehmt Euer Pferd!«

»Wie habe ich die Sache gemacht?«

»Sehr gut!«

»+Well+! Freut mich! Ist schön in Kurdistan, wunderschön!«

Die Kurden kamen aus dem Erstaunen nicht heraus; es war ihnen unerhört, daß ein Fußgänger mit nur einem Gewehre mit zwei Bären fertig zu werden vermochte. Allerdings hatte sich Master Lindsay mehr als musterhaft benommen. Ein größeres Rätsel noch war es mir, die Bärenfamilie beisammen zu finden, da das Junge bereits ziemlich erwachsen war. Die Kurden hatten sehr große Mühe, es zu überwältigen und zu binden, da der Bey es lebendig in Gumri zu haben wünschte.

Nun wurde das Lager der Tiere aufgesucht. Es befand sich im dichtesten Gestrüpp, und die vorhandenen Spuren zeigten, daß die Familie nur aus den Alten mit diesem einen Jungen bestanden hatte. Einer der Hunde war tot, und zwei waren verwundet. Wir konnten mit dieser Jagd zufrieden sein.

»Herr,« sagte der Bey zu mir, »dieser Emir aus dem Abendlande ist ein sehr tapferer Mann!«

»Das ist er.«

»Ich wundere mich nicht mehr, daß euch die Berwari gestern nicht überwältigen konnten, bis sie euch zu schnell überraschten.«

»Auch da hätten sie uns nicht überwältigt; aber ich gebot den Gefährten, sich nicht zu wehren. Ich bin dein Freund und wollte deine Leute nicht töten lassen.«

»Wie ist es möglich, alle beide Bären in das Auge zu treffen?«

»Ich habe einen Jäger gekannt, der jedes Wild und jeden Feind in das Auge traf. Er war ein guter Schütze und hatte ein sehr gutes Gewehr, welches niemals versagte.«

»Schießest du auch so?«

»Nein. Ich habe sehr viel geschossen, aber nur in schlimmen Fällen auf das Auge gezielt. Wo ist der zweite Jagdplatz?«

»Nach Osten, näher nach Seraruh hinüber. Wir wollen aufbrechen.«

Es wurden einige Männer mit den erbeuteten Tieren zurückgelassen; wir andern ritten weiter. Wir verließen den Wald und kamen in eine Schlucht hinab, in welcher ein Bach floß, dessen Ufern wir zu folgen hatten. Der Bey ritt mit den beiden Haddedihn bei den Führern an der Spitze des Zuges; Halef befand sich im dichtesten Haufen der Kurden, mit denen er sich mittels Gebärden zu unterhalten suchte, und ich ritt mit dem Engländer hinterher. Wir waren im Gespräche über irgend einen Gegenstand vertieft und merkten nicht, daß wir soweit zurückgeblieben waren, daß wir die Kurden nicht mehr sehen konnten. Da fiel ein Schuß vor uns.

»Was ist das?« fragte der Engländer. »Sind wir schon bei den Bären, Sir?«

»Wohl nicht.«

»Wer schießt aber?«

»Werden es sehen; kommt!«

Da krachte eine ganze Salve, als ob der Schuß vorher nur als Signal gegolten habe. Wir setzten unsere Pferde in Galopp. Mein Rappe flog wie ein Pfeil über den schmierigen Boden, aber -- da blieb er mit dem Hufe an einer Schlingwurzel hangen; ich hatte sie gesehen und wollte ihn emporreißen, aber es war bereits zu spät. Er überschlug sich, und ich wurde weit aus dem Sattel geschleudert. Das war in zwei Tagen zum zweitenmale; aber ich fiel jetzt nicht so glücklich, wie gestern. Ich mußte mit dem Kopfe aufgefallen sein, oder ich hatte mir den Büchsenkolben an die Schläfe geschlagen -- ich blieb völlig besinnungslos liegen.

Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich eine Erschütterung, die mir den ganzen Körper schmerzen machte. Ich öffnete die Augen und sah mich zwischen zwei Pferden hangen. Man hatte Stangen an die Sättel befestigt und mich darauf gebunden. Vor und hinter mir ritten gegen dreißig kriegerische Gestalten, von denen mehrere verwundet zu sein schienen, und unter ihnen befand sich -- Master Lindsay, aber gefesselt. Der Anführer der Schar ritt meinen Hengst und trug auch meine Waffen. Mir hatte man nur Hemd und Hose gelassen, während Lindsay außer diesen beiden notwendigen Kleidungsstücken auch noch seinen schönen Turban behalten durfte. Wir waren vollständig ausgeraubt und gefangen.

Da wendete einer der Reiter den Kopf und sah, daß ich die Augen geöffnet hatte.

»Halt!« rief er. »Er lebt!«

Sofort stockte der Zug. Alle hielten an und bildeten einen Kreis um mich. Der Anführer drängte meinen Hengst heran und fragte mich: »Kannst du reden?«

Schweigen konnte zu nichts führen; ich antwortete daher mit einem Ja.

»Du bist der Bey von Gumri?« begann er das Verhör.

»Nein.«

»Lüge nicht.«

»Ich rede die Wahrheit.«

»Du bist der Bey!«

»Ich bin es nicht!«

»Wer bist du sonst?«

»Ein Fremder.«

»Woher?«

»Aus dem Abendlande.«

Er lachte höhnisch.

»Hört ihr's? Er ist ein Fremdling aus dem Abendlande, geht mit den Leuten von Gumri und Mia auf die Bärenjagd und spricht die Sprache dieses Landes!«

»Ich war ein Gast des Bey, und daß ich eure Sprache nicht gut spreche, das müßt ihr hören. Seid ihr Nestorah?«

»So nennen uns die Moslemim.«

»Auch ich bin ein Christ!«

»Du?« Er lachte wieder. »Du bist ein Hadschi; du hattest den Kuran am Halse hängen; du trägst die Kleidung eines Moslem; du willst uns betrügen.«

»Ich sage die Wahrheit!«

»Sage uns, ob Sidna Marryam die Mutter Gottes ist!«

»Sie ist es.«

»Sage uns, ob ein Priester ein Weib nehmen soll!«

»Er soll unvermählt bleiben.«

»Sage mir, ob es mehr oder weniger als drei Sakramente giebt!«

»Es giebt mehr.«

Es fiel mir trotz der Gefahr, in welcher ich schwebte, nicht ein, meinen Glauben zu verleugnen. Die Folge bekam ich sofort zu hören:

»So wisse, daß Sidna Marryam nur einen Menschen geboren hat, daß ein Priester sich verheiraten darf, und daß es nur drei Sakramente giebt, nämlich das Abendmahl, die Taufe und die Ordination. Du bist ein Moslem, und wenn du ja ein Christ bist, so bist du ein falscher Christ und gehörst zu jenen, welche ihre Priester senden, um die Kurden, Türken und Perser gegen uns aufzuhetzen, und das ist noch schlimmer, als wenn du ein Anhänger des falschen Propheten wärest. Deine Leute haben einige von uns verwundet; du wirst diese Schuld mit deinem Blute bezahlen.«

»Ihr wollt Christen sein und dürstet nach Blut! Was haben wir beide euch gethan? Wir wissen nicht einmal, ob ihr den Bey angefallen habt, oder ob ihr von ihm angefallen worden seid.«

»Er wurde von uns erwartet, denn wir wußten, daß er in die Schlucht auf die Jagd kommen würde; aber er ist uns mit all den Seinen entkommen. Das wollen wir dir sagen.«

»Wohin führt ihr uns?«

»Das wirst du erfahren, wenn wir dort sind.«

»So befreit mich wenigstens aus dieser Lage, und laßt mich auf einem Pferde sitzen.«

»Das ist auch uns lieber. Aber wir werden dich anbinden müssen, damit du uns nicht entkommen kannst.«

»Thut es immerhin!«

»Wer ist dein Gefährte? Er hat zwei Männer von uns verwundet und ein Pferd erschossen und redet in einer Sprache, die wir nicht verstehen.«

»Er ist ein Engländer.«

»Ein Engländer? Er trug ja kurdische Kleidung!«

»Weil sie in diesem Lande die bequemste ist.«

»Ist er ein Missionar?«

»Das ist er nicht.«

»Was will er hier?«

»Wir reisen in Kurdistan, um zu sehen, was es hier für Menschen, Tiere und Pflanzen, für Städte und Dörfer giebt.«

»Das ist sehr schlimm für euch, denn dann seid ihr Spione. Was habt ihr euch um dieses Land zu kümmern! Wir kommen auch nicht in das eurige, um eure Menschen, Städte und Dörfer auszukundschaften. -- Setzt ihn auf das Pferd und bindet ihn mit dem Manne zusammen, der ein Engländer sein soll. Auch ihre beiden Tiere hängt ihr aneinander!«

Diesem Befehle wurde Folge geleistet. Diese Leute führten so viele Stricke und Riemen bei sich, daß sie sicher auf einen viel größeren Fang ausgegangen waren, als sie mit uns gemacht hatten. Es wurden Stricke zwischen mir und Lindsay herüber und hinüber gezogen, so daß die Flucht eines einzelnen von uns gar nicht möglich war. Der Engländer sah diese Veranstaltungen mit einem unbeschreiblichen Blick über sich ergehen; dann wandte er sich mit einem Gesichte zu mir, an welchem alle bitteren Gefühle der Welt herumzerrten. Der fest zusammengekniffene Mund bildete einen Halbkreis, dessen Enden das Kinn abknüpfen wollten, und die Nase hing farblos nieder, wie eine eingeschneite und steif gefrorene Trauerflagge.

»Nun, Sir?« fragte ich.

Er nickte sehr langsam zwei- oder dreimal und sagte dann: »+Yes!+«

Er brauchte nicht mehr zu sagen, als dieses eine Wort, denn in dem Tone desselben lag eine ganze Welt voll Ausrufezeichen.

»Wir sind gefangen,« hob ich an.

»+Yes+!«

»Und halb nackt.«

»+Yes!+«

»Wie ist das gekommen?«

»+Yes!+«

»Geht zum Kuckuck mit Eurem +Yes!+ Ich habe gefragt, wie es gekommen ist, daß wir gefangen werden konnten.«

»Wie heißt Schelm oder Spitzbube auf Kurdisch?«

»Schelm heißt Heilebaz, und Spitzbube Herambaz.«

»So fragt diese Heile- und Herambazes, wie es ihnen gelungen ist, uns wegzufischen!«

Der Anführer mußte die kurdischen Ausdrücke vernommen haben. Er drehte sich um und fragte: »Was habt ihr zu reden?«

»Ich lasse mir von meinem Gefährten erzählen, wie wir in eure Hände geraten sind,« erwiderte ich.

»So redet kurdisch, damit wir es auch hören!«

»Er versteht ja das Kurdische nicht!«

»So redet ja nicht etwa Dinge, die wir nicht erlauben können!«

Er drehte sich wieder hinum, wohl in der Ueberzeugung, uns einen guten Befehl gegeben zu haben. Ich war jedoch sehr froh, daß er uns das Sprechen nicht überhaupt verboten hatte. Ein Kurde hätte dies sicherlich gethan. Auch waren unsere Fesseln keineswegs beschwerlicher Art. Unsere Füße waren so zusammengebunden, daß der Strick unter dem Bauche des Pferdes hinweglief, und von meinem linken Arme und Beine führte je eine Leine zu den genannten rechten Gliedmaßen des Engländers. Außerdem waren unsere Pferde zusammengekoppelt; die Hände aber hatten wir frei -- man ließ uns die Zügel führen. Unsere jetzigen Herren hätten in einem Kursus bei den wilden Indianern sehr viel lernen können.

»Also, erzählt, Sir!« bat ich Lindsay.

»+Well!+ Ihr schlugt einen Purzelbaum, grad wie gestern. Scheint überhaupt seit neuester Zeit in dieser Motion etwas zu leisten! Ich ritt hinter Euch. Versteht Ihr wohl!«

»Verstehe sehr gut; fahrt fort!«

»Mein Pferd stürzte über Euren Rappen, der jetzt diesem Gentleman gehört, und ich -- -- hm! +Yes!+«

»Aha! Ihr schlugt auch einen Purzelbaum?«

»+Well!+ Aber der meinige gelang besser als der Eurige --«

»Vielleicht habt Ihr in dieser Motion eine größere Uebung als ich!«

»Sir, was heißt Schnabel auf Kurdisch?«

»Nekul.«

»Schön! Gebt also auf Euren Nekul besser acht, Master!«

»Danke für die Warnung, Sir! Eure Ausdrucksweise scheint sich, seit Ihr Euch mit dem Kurdischen beschäftigt, sehr verästhetisiert zu haben. Nicht?«

»Ist auch kein Wunder bei diesem Aerger! Also ich kam zur Erde zu liegen und konnte nur langsam wieder auf. Es mußte sich etwas in mir verbogen haben. Die Büchse war weit fortgeschleudert und der Gürtel aufgegangen; alle Waffen lagen an der Erde. Da kamen diese Herambaz und machten sich über mich her.«

»Ihr wehrtet Euch?«

»Natürlich! Ich konnte aber nur das Messer und eine der Pistolen erwischen; darum gelang es ihnen, mich zu entwaffnen und zu binden.«

»Wo blieb der Bey mit seinen Leuten?«

»Habe keinen von ihnen zu sehen bekommen, hörte aber weiter vor uns noch schießen.«

»Sie werden zwischen zwei Abteilungen dieser Leute hier geraten gewesen sein.«

»Wahrscheinlich. Als man mit mir fertig war, machte man sich an Euch. Ich dachte sehr, daß Ihr tot wäret. Man hat Beispiele, daß selbst ein schlechter Reiter einmal den Hals entzweifällt; nicht, Sir?«

»Möglich!«

»Ihr wurdet zwischen die zwei Mähren gebunden; dann ging es fort, nachdem man unsere beiden Pferde annektiert hatte.«

»Hat man Euch verhört?«

»Sehr! Habe auch geantwortet! Und wie! +Yes!+«

»Wir müssen zunächst aufmerken, in welcher Richtung wir transportiert werden. Wo liegt die Schlucht, in der uns das Unglück passierte?«

»Grad hinter uns.«

»Dort steht die Sonne; wir reiten also Ostsüdost. Gefällt es Euch noch so in Kurdistan wie vorhin, als Ihr die Bären getroffen hattet?«

»Hm! Ein miserables Land zuweilen! Wer sind diese Leute?«

»Es sind Nestorianer.«

»Vortreffliche christliche Sekte! Nicht, Sir?«

»Sie sind von den Kurden oft mit einer solchen unmenschlichen Grausamkeit behandelt worden, daß man sich nicht wundern darf, wenn sie einmal Vergeltung üben.«

»Konnten aber damit warten bis zu einer andern Zeit! Was ist nun zu thun, Sir?«

»Nichts, wenigstens jetzt.«

»Nicht fliehen?«

»In dem Zustande, in welchem wir uns befinden?«

»Hm! War ein schöner Anzug! Wunderschön! Nun ist er fort! In Gumri werden wir andere Kleider erhalten.«

»Das wäre das wenigste. Aber ohne mein Pferd und meine Waffen fliehe ich nicht. Wie steht es mit Eurem Gelde?« fragte ich.

»Fort! Und das Eurige?«

»Fort! Es war übrigens nicht sehr viel,« lautete meine Antwort.

»Schöne Wirtschaft, Sir! Was glaubt Ihr, daß sie mit uns thun werden?«

»In Lebensgefahr befinden wir uns nicht. Sie werden uns früher oder später entlassen. Aber ob wir unser Eigentum zurückerhalten, das ist sehr zu bezweifeln.«

»Laßt Ihr Eure Waffen im Stich?«

»Nie, und müßte ich sie einzeln in Kurdistan wieder zusammensuchen!«

»+Well;+ ich suche mit!«

Wir ritten durch ein breites Thal, welches zwei Höhenzüge trennte, die sich von Nordwest nach Südost erstreckten; dann ging es links zwischen den Bergen empor, bis wir auf eine Hochebene gelangten, von welcher aus man im Osten die Häuser mehrerer Ortschaften und einen Fluß erblickte, in welchen sich mehrere Bäche ergossen. In dieser Gegend mußten Murghi und Lizan liegen, denn nach meiner Ansicht waren wir bereits über Seraruh hinaus.

Hier oben wurde unter Eichen Halt gemacht. Die Reiter stiegen von den Pferden. Auch wir durften herab, wurden aber miteinander an den Stamm eines Baumes gebunden. Ein jeder holte hervor, was er an Eßwaren bei sich hatte, und wir erhielten die Erlaubnis, zuzusehen. Lindsay räusperte sich verdrießlich und knurrte:

»Wißt Ihr, worauf ich mich gefreut hatte, Sir?«

»Nun auf was?«

»Auf Bärenschinken und Bärentatzen.«

»Dieses Gelüste laßt Euch vergehen! Habt Ihr Hunger?«

»Nein, bin satt vor Aerger! Schaut den Kerl! Kann sich mit den Revolvern nicht zurechtfinden!«

Die Leute konnten jetzt mit Ruhe alles betrachten, was sie uns abgenommen hatten. Wir sahen unser Eigentum durch alle Hände wandern, und nächst dem Gelde, welches aber sehr sorgfältig wieder aufgehoben wurde, erregten besonders unsere Waffen die Aufmerksamkeit der neuen Inhaber. Der Anführer hielt meine beiden Revolver in der Hand. Er konnte über sie nicht klug werden, drehte sie hin und her und wandte sich endlich an mich mit den Worten: »Das sind Waffen?«

»Ja.«

»Zum Schießen?«

»Ja.«

»Wie macht man es?«

»Das kann man nicht sagen, sondern man muß es zeigen.«

»Zeige es uns!«

Dem Manne kam es nicht in den Sinn, daran zu denken, daß das kleine Ding ihm gefährlich werden könne.

»Du würdest es nicht begreifen,« sagte ich.

»Warum nicht?«

»Weil du zuvor den Bau und die Behandlung des anderen Gewehres begriffen haben müßtest.«

»Welches Gewehr meinst du?«

»Das zu deiner Rechten liegt.«

Es war der Henrystutzen, den ich meinte. Er war ebenso wie die Revolver mit einer Sicherung versehen, welche der Mann nicht zu behandeln verstand.

»So erkläre es mir!« sagte er.

»Ich habe dir ja bereits gesagt, daß man dies nur zeigen muß!«

»Hier hast du das Gewehr!«

Er reichte es mir, und sobald ich es in meiner Hand fühlte, war es mir, als ob ich nichts mehr zu befürchten brauche.

»Gieb mir ein Messer, damit ich den Hahn öffnen kann,« sagte ich nun.

Er gab mir ein Messer, und ich nahm es, schob die Sicherung mit der Spitze desselben zurück, obgleich ich dies mit dem leisesten Druck meines Fingers hätte thun können, und behielt das Messer dann noch in der Hand.

»Sage mir, was ich dir schießen soll?« hob ich nun an.

Er blickte sich um und sagte dann: »Bist du ein guter Schütze?«

»Ich bin's!«

»So schieße mir einen jener Galläpfel herab!«

»Ich werde dir fünf herunterschießen und doch nur einmal laden.«

»Das ist unmöglich!«

»Ich sage die Wahrheit. Soll ich laden?«

»Lade!«

»So mußt du mir den Beutel geben, der an meinem Gürtel hing. Du hast ihn da an deinen eigenen Gürtel befestigt.«

Das Gewehr war vollständig geladen, aber es war mir um meine Patronen zu thun.

»Was sind das für kleine Dinger, welche sich darin befinden?« fragte er.

»Das werde ich dir zeigen. Wer so ein Ding hat, braucht weder Pulver noch Kugel, um schießen zu können.«

»Ich sehe, daß du kein Kurde bist; denn du hast Sachen, die es noch nie in diesem Lande gegeben hat. Bist du wirklich ein Christ?«

»Ein guter Christ.«

»Sage mir das Vaterunser!«

»Ich spreche nicht gut das Kurdische, aber du wirst es mir verzeihen, wenn ich einige kleine Fehler mache.«

Ich gab mir Mühe, die Aufgabe zu lösen. Er fiel zwar einige Male verbessernd ein, weil ich die Worte >Versuchung< und >Ewigkeit< nicht kannte, meinte aber dann doch befriedigt: »Du bist wirklich kein Moslem, denn ein solcher würde das Gebet der Christen niemals sagen. Du wirst das Gewehr nicht mißbrauchen, und darum will ich dir den Beutel geben.«

Seine Gefährten schienen sein Verfahren nicht anstößig und unvorsichtig zu finden. Sie gehörten alle einer Bevölkerungsklasse an, der durch die Gewalt ihrer Unterdrücker eine lange Zeit die Waffen aus der Hand gerungen gewesen waren, und verstanden darum den Wert derselben in den Händen eines entschlossenen Mannes kaum zu schätzen. Und übrigens waren alle wohl neugierig auf die Unterweisung, welche ich geben sollte.

Ich nahm eine der Patronen heraus und that, als ob ich lud. Dann zielte ich in die Höhe und gab den Zweig an, von welchem fünf Galläpfel verschwinden sollten. Ich drückte fünfmal los, und die Aepfel waren fort. Das Erstaunen dieser einfachen Leute war grenzenlos.

»Wie vielmal kannst du mit diesem Gewehre schießen?« fragte mich der Anführer.

»So vielmal, als ich will.«

»Und hier mit diesen kleinen Gewehren?«

»Auch sehr vielmal. Soll ich sie dir erklären?«

»Thue es!«

»Zeige sie einmal her!«

Ich legte den Stutzen neben mich und langte nach den beiden Revolvern, welche er mir gab. Lindsay beobachtete eine jede meiner Bewegungen mit der größten Spannung.

»Ich habe euch gesagt, daß ich ein Christ aus dem Abendlande bin. Wir töten niemals ungezwungen einen Menschen, aber wenn wir angegriffen werden, so kann man uns nie besiegen; denn wir haben wunderbare Waffen, gegen die es keine Rettung giebt. Ihr seid über dreißig tapfere Krieger; aber wenn wir zwei nicht an diesen Baum gebunden wären und euch töten wollten, so würden wir mit diesen drei Gewehren in drei Minuten damit fertig sein. Glaubst du das?«

»Wir haben auch Waffen!« antwortete er mit einem leisen Anflug von Besorgnis.

»Ihr würdet sie nicht brauchen können, denn der erste, der nach seiner Flinte, nach seiner Lanze oder nach seinem Messer griffe, wäre auch der erste, welcher sterben müßte. Versuchtet ihr aber keine Gegenwehr, so würden wir euch nichts zuleide thun, sondern in Frieden mit euch reden.«

»Das alles könnt ihr nicht, denn ihr seid an den Baum gebunden.«

»Du hast recht; aber wenn wir wollten, würden wir bald frei sein,« antwortete ich in einem ruhigen, erklärenden Tone. »Dieser Strick geht nur um unsern Leib und um den Baum. Ich würde meinem Gefährten diese beiden kleinen Gewehre geben, so wie ich jetzt thue; dann nähme ich dein Messer, und ein einziger Schnitt mit demselben zertrennt den Strick, und wir sind frei. Siehest du wohl?«

Grad so, wie ich gesprochen, hatte ich es auch gethan. Ich stand aufrecht am Baume mit dem Stutzen, Lindsay neben mir mit den Revolvern. Er nickte mir mit seinem breitesten Lächeln zu, gespannt auf alles, was ich that, da er meine Worte nicht verstehen konnte.

»Du bist ein kluger Mann,« sagte der Anführer; »aber diesen Strick brauchtest du uns nicht zu ruinieren. Setze dich wieder nieder, und erkläre uns auch die beiden kleinen Gewehre!«

»Ich habe dir bereits zweimal gesagt, daß man das nicht erklären, sondern zeigen muß. Und zeigen werde ich es euch, wenn ihr nicht das thut, was ich von euch verlange.«

Jetzt endlich begann ihm klar zu werden, daß ich Ernst machte. Er stand auf, und auch die andern erhoben sich, nach ihren Waffen greifend.

»Was verlangst du?« fragte er drohend.