Durchs wilde Kurdistan

Part 27

Chapter 273,849 wordsPublic domain

»Er befand sich auf der Flucht nach Persien; denn der Anadoli Kasi Askeri ist gekommen, um ihn und den Mutessarif von Mossul abzusetzen.«

Diese Kunde erregte die allergrößte Ueberraschung bei dem Bey. Er teilte die Neuigkeit sofort den Seinigen mit, von denen sie mit demselben Erstaunen aufgenommen wurde. Ich mußte alles sehr ausführlich erzählen.

»So wird der Mutesselim wohl auch abgesetzt?« fragte der Bey.

»Das kann man nicht wissen. Er war der Kerkermeister des Mutessarif, der einen jeden, der aus Mossul verschwinden sollte, nach Amadijah sandte.«

»Doch wohl nur Verbrecher?«

»Nein. Hast du nicht gehört von Amad el Ghandur, dem Sohne des Scheik der Haddedihn?«

»Ist auch er gefangen genommen und nach Amadijah geschickt worden?«

»Ja. Er hat nichts von ihrer Hinterlist geahnt.«

»Wäre ich ein Haddedihn, so zöge ich nach Amadijah, um den Sohn meines Scheik zu befreien.«

»Bey, das ist eine schwere Sache!«

»Und dennoch würde ich es thun. Die List ist oft eine bessere Waffe als die Gewalt.«

»So wisse denn, daß es einen Haddedihn giebt, welcher nach Amadijah gegangen ist.«

»Einen einzigen?«

Ich bejahte es.

»So kann ihm nichts gelingen,« meinte der Bey. »Zu einem solchen Werke gehören viele.«

»Und dennoch ist es ihm gelungen,« entgegnete ich.

»Tu katischt nezani -- was du nicht weißt! Er hat den Sohn des Scheik wirklich befreit? Durch List oder Gewalt?«

»Durch List.«

»So ist er ein tapferer und entschlossener, aber auch ein kluger Mann gewesen. War er ein einfacher Krieger?«

»Nein. Es war der Scheik Mohammed Emin selbst.«

»Chodih, du berichtest mir ein Wunder! Aber ich glaube es, weil du es sagest. Werden sie unangefochten nach ihren Weideplätzen kommen?«

»Das weiß nur Allah und du.«

»Ich? Wie meinst du das?«

»Ja, du. Ich habe gehört, daß sie sich nicht nach Westen, sondern in das Land Berwari wenden werden, um den Zab zu erreichen und auf ihm hinab zu fahren.«

»Emir, das ist ein großes Abenteuer. Die beiden Helden sollten mir willkommen sein, wenn sie zu mir kämen. Wann ist die Flucht gelungen?«

»In der Nacht vor gestern.«

»Woher weißt du dies so genau? Hast du sie gesehen?«

»Beide. Auch du siehst sie, denn sie sitzen an deiner Seite. Dieser Mann ist Mohammed Emin, der Scheik der Haddedihn, und dieser ist Amad el Ghandur, sein Sohn.«

Der Kurdenhäuptling sprang auf und fragte:

»Wer ist dieser andere?«

»Mein Diener.«

»Und dieser?«

»Mein Freund, ein Mann aus dem Abendlande. Wir haben uns vereinigt und den Gefangenen aus Amadijah geholt,« sagte ich ohne Prahlerei.

Jetzt entstand ein vollständiges Redegewirr von kurdischen Erklärungen, türkischen Ausrufungen und arabischen Begrüßungen. Es kam alles zur Sprache, was die Kurden von den Haddedihn gehört hatten; auch ihr Kampf im Thale der Stufen. Ich mußte dabei den Dolmetscher machen, gestehe aber gern, daß mir bei dieser Arbeit der Schweiß in hellen Tropfen von der Stirne schoß. Meine Kenntnis des Kurdischen war gering, und das Arabische wurde ebenso wie das Türkische in einem Dialekt gesprochen, bei dem ich die Bedeutung der Worte und der Wortverbindungen mehr erraten als verstehen mußte. Dies gab Veranlassung zu zahlreichen Verwechslungen und Verdrehungen, über welche trotz aller unserer Würde lebhaft gelacht wurde.

Am Schlusse dieser außerordentlich angeregten Unterhaltung gab uns der Bey die Versicherung, daß er alles thun werde, um unser Fortkommen zu ermöglichen. Er versprach uns die zu mehreren Flößen notwendigen Häute, einige sichere Führer, welche den Wasserlauf des Khabur und des oberen Zab Ala genau kannten, und auch Empfehlungen an die Schirwan- und Zibar-Kurden, durch deren Gebiet wir auf dieser Fahrt kommen mußten. Von einem Ritte über das Tura-Gharagebirge nach dem Akraflusse wollte er nichts wissen, da nach dieser Gegend hin sein Schutz uns mehr Schaden als Nutzen bringen würde.

»Dort giebt es,« fügte er hinzu, »sehr viele christliche Nestorah, auch Teufelsanbeter und kleine Kurdenstämme, mit denen die Berwari in Feindschaft leben. Diese Leute sind lauter Räuber und Mörder, und die Gebirge sind so wild und unzugänglich, daß ihr nie den Zab erreichen würdet. Nun aber ruht euch aus und erlaubt mir, hier meines Amtes zu warten, bevor wir das Mahl einnehmen. Ich habe heute viel zu verhandeln, da ich morgen nicht in Gumri sein werde.«

»Du willst nach Mia gehen?« fragte ich.

»Ja. Wer sagte es dir?«

»Ich habe von Dohub gehört, daß du dort einen Bär jagen willst.«

»Einen? Es sind zwei ganze Familien, die den dortigen Herden sehr viel Abbruch thun. Du mußt nämlich wissen, daß es im Lande der Kurden zahlreiche Bären giebt, und« -- fügte er mit einigem Stolze hinzu -- »die Giaurs dieses Landes sagen, daß es zwei große Plagen für sie gebe, von denen die eine grad so schlimm sei, wie die andere, nämlich die Kurden und die Bären.«

»Wirst du uns erlauben, mitzugehen?«

»Ja, wenn du es wünschest. Ihr sollt zusehen können, ohne dabei in Gefahr zu kommen.«

»Wir wollen nicht zusehen, sondern mitkämpfen!«

»Emir, der Bär ist ein gefährliches Tier!«

»Du irrst. Der Bär, welcher die kurdischen Schluchten und Wälder bewohnt, ist ein sehr unschädliches Wild. Es giebt Länder, in denen die Bären doppelt so groß und stark sind, wie die eurigen.«

»Ich habe davon gehört. Es soll ein Land geben, wo man nur Eis und Wasser findet, und dort haben die Bären ein weißes Fell und werden von den dortigen Arabern Hirtsch el Buz[115] genannt. Hast du solche weiße Bären gesehen?«

»Ja, obgleich ich nicht in jenen Ländern gewesen bin. Man fängt dort die Bären, um sie in anderen Gegenden für Geld sehen zu lassen. Aber es giebt noch ein Land mit fürchterlich großen Bären, welche ein graues Fell besitzen; das sind die stärksten und gefährlichsten. Ein solcher Bär ist gegen einen kurdischen wie ein Pferd gegenüber einem Hund, vor dem man sich hütet, ohne ihn grad zu fürchten.«

»Und diesen hast du auch gesehen?« fragte der Bey verwundert.

»Ich habe mit ihm gekämpft.«

»So bist du Sieger geblieben, denn du lebst noch. Ihr sollt auch mit unsern Bären kämpfen.«

Er führte uns jetzt in eine Stube, in deren Mitte ein niedriges Sufra[116] stand, um welches fünf Kissen gelegt waren. Nachdem er uns verlassen hatte, erschien eine Frau, und hinter ihr kamen einige Dienerinnen, welche ein kleines Vorgericht auftrugen, für den Fall, daß wir zu sehr Hunger hätten, um bis zum eigentlichen Mahle warten zu können. Es bestand aus einem Zicklein, welches zuerst gebraten und dann in Sahne gebacken war; dazu kamen getrocknete Weintrauben, eingelegte Maulbeeren und ein Salat von Pflanzenblättern, die ich nicht kannte; es schien eine Nesselart zu sein.

»Ser sere men at -- ihr seid mir willkommen!« grüßte sie. »Wie habt ihr meinen Vater verlassen, den Nezanum von Spandareh?«

»Wir haben ihn bei gutem Wohlsein verlassen, und auch die andern hat Allah gesund erhalten,« antwortete ich.

»Nehmet und esset einstweilen und habt die Güte, mir von Spandareh zu erzählen. Es ist eine lange Zeit, daß ich nichts gehört habe.«

Ich erfüllte ihr den Wunsch so ausführlich wie möglich. Sie war ganz glücklich, mit mir über ihre Heimat plaudern zu können, und ließ sogar den Windhund aus dem Stalle holen, um ihm mit den Resten des Zickleins einen Beweis ihrer Freundschaft zu geben. Es gab hier ein Zusammenhalten der Familienglieder, welches mich sehr angenehm berührte.

Als wir ihrer Dienste nicht mehr bedurften, verließ sie uns, und wir machten es uns auf den an die Wand geschobenen Kissen so bequem wie möglich. In diesem süßen Nichtsthun wurden wir durch den Eintritt eines Mannes gestört, den wir nicht erwartet hätten. Es war der verwundete Kurde. Er trug den Arm in einer Binde, die er sich um den Hals befestigt hatte.

»Was willst du?« fragte ich ihn.

»Ein Bakschisch, Herr!«

»Ein Bakschisch? Wofür?«

»Daß ich dich nicht töten werde.«

»Ich höre, daß dich das Fieber noch nicht verlassen hat. Wenn einer von uns beiden aus dem Grunde, welchen du angiebst, ein Bakschisch verdient hat, so bin nur ich es allein. Ich habe dir nicht bloß versprochen, dich nicht zu töten, sondern dir bereits das Leben erhalten, als du dich unter den Zähnen meines Hundes befandest. Was aber hast du für mich gethan? Nach mir geschossen und gestochen hast du. Und dafür verlangst du einen Bakschisch? Gehe schnell fort, damit du nicht hörest, daß wir über dich lachen müssen!«

»Herr, nicht dafür, daß ich auf dich geschossen und nach dir gestochen habe, verlange ich ein Bakschisch, sondern dafür, daß ich den Blutpreis angenommen habe.«

»Den Blutpreis? Von wem?«

»Vom Bey. Er hat ihn bezahlt.«

»Wie viel hat er gegeben?«

»Ein Pferd, eine Luntenflinte und fünfzig Schafe.«

»Also bedeutend weniger, als du von mir verlangtest.«

»Er ist mein Scheik; ich mußte auf ihn hören. Aber weil es so wenig ist, darum sollst du mir ein Bakschisch geben.«

»Wäre ich ein freier, stolzer Kurde, ich würde nicht wie ein türkischer Hammal[117] um ein Bakschisch betteln. Da du es aber dennoch thust, so sollst du es erhalten; aber nicht jetzt, sondern erst dann, wenn wir Abschied nehmen.«

»Wie viel wirst du mir geben?«

»Das kommt ganz darauf an, wie du dich gegen uns verhalten wirst.«

»Und wird unser Nezanum auch etwas erhalten?«

»Hat er dir geboten, mich darüber zu fragen?«

»Ja, er that es.«

»So sage ihm, daß ich nur dann einem Bettler etwas gebe, wenn er mich selbst bittet. Ist der Nezanum ein Mann, der von der Empfehlung des Propheten lebt, so soll er von jedem von uns gern eine Gabe erhalten; aber er mag dann selbst zu uns kommen. Uebrigens habe ich ihm bereits das Leben seines Sohnes geschenkt, und das ist mehr als jede andere Gabe.«

Der Kurde ging. Er hatte den Blutpreis erhalten, aber sein Gesicht sah ganz so aus, als ob ich mich hüten müsse, ihm einmal unter andern Umständen zu begegnen.

»Was wollte der Kerl?« fragte Lindsay.

»Der Bey hat ihm an unserer Stelle den Blutpreis bezahlt, und nun -- --«

»Wie? Der Bey?«

»Aus Gastlichkeit!«

»Nobel! Sehr nobel! +Yes!+ Wie viel?«

»Ein Pferd, eine Luntenflinte und fünfzig Schafe.«

»Wie viel ist dies an Geld?«

»Nicht mehr als fünf Pfund oder hundert Mark.«

»Werde es ihm wiedergeben.«

»Das wäre eine große Beleidigung, Sir. Wir müssen das durch ein Geschenk auszugleichen suchen.«

»Gut! Schön! Was geben wir?«

»Darüber wollen wir uns den Kopf jetzt noch nicht zerbrechen.«

»Und nun verlangt dieser Mensch noch ein Bakschisch? -- Master, was heißt auf Kurdisch ein Backenstreich, eine Ohrfeige oder eine Maulschelle?«

»Sileik.«

»+Well!+ Warum habt Ihr ihm nicht einige Sileiks gegeben?«

»Weil es nicht am Platze war. Ich habe ihm im Gegenteil ein Bakschisch versprochen, welches er erhalten soll, sobald wir von hier fortgehen.«

»So erlaubt, daß ich es ihm gebe. Soll ihm zugleich zur Erinnerung und zur Besserung dienen!«

Als der Bey seine Amtsgeschäfte erledigt hatte, kam er, um uns hinab in den Hof zu führen, wo das Mahl eingenommen werden sollte. Es waren zu demselben wohl an die vierzig Personen geladen, und außerdem kamen noch viele andere, um sich nach orientalischer Sitte ganz ungeniert selbst zu Gaste zu bitten.

Gegen Ende des Mahles stellte es sich heraus, daß die Speisen nicht für alle langten, und so erhielten die >Trollgäste< ein lebendiges Schaf, welches sie sich gleich selbst zubereiteten. Der eine machte ein Loch in die Erde; andere holten Steine und Holz zur Feuerung herbei. Derjenige, welchen die Wahl getroffen hatte, ergriff das Schaf, schnitt ihm die Kehle durch und hing es mit den zusammengebundenen Vorderbeinen an einen Balkenpflock auf. Die Eingeweide wurden nicht herausgenommen, sondern der Kurde nahm einen Mund voll Wasser, hielt die Lippen an .... des Tieres und blies das Wasser hinein. Er fuhr in dieser possierlichen Beschäftigung so lange fort, bis die Eingeweide vollständig aufgebläht und nach oben hinaus ausgespült waren. Dann wurden die Gedärme in so viele Stücke zerschnitten, als Männer von dem Schafe essen sollten; auch das Fleisch des Schafes wurde in eben so viele Teile zerlegt. Nun wickelte ein jeder sein Stück Darm um sein Fleisch und legte dieses Präparat in das mit den Steinen ausgekleidete Loch, über welches ein Feuer angemacht wurde. Schon nach kurzer Zeit ward dasselbe hinweggenommen, und die halbgaren Stücke gingen zwischen den Zähnen der Kurden ihrer nützlichen Bestimmung entgegen.

Nach dem Essen zeigte uns der Bey seinen Stall. Es befanden sich in demselben über zwanzig Pferde, doch war unter ihnen nur ein Schimmel, der einer besonderen Aufmerksamkeit würdig war. Dann gab es Kampfspiele und Lieder, zu denen ein zweisaitiges Tambur[118] die Begleitung wimmerte, und endlich wurden von einem Manne Märchen und Geschichten erzählt, Geschichten, Tschiroka: Baka ki mir -- vom sterbenden Frosch; Gur bu schevan -- der Wolf als Hirt; Schyeri kal -- der alte Löwe; Ruvi u bizin -- der Fuchs und die Ziege.

Die Versammlung hörte diesen Vorträgen mit größter Aufmerksamkeit zu, mir aber war es sehr lieb, als sie zu Ende waren und wir uns zur Ruhe begeben konnten. Zu diesem Zweck führte uns der Bey in eine große Stube, an deren Wänden rundum Diwans standen, die uns zum Lager dienen sollten. Da in diesem Raume gar nichts Merkwürdiges zu sehen war, so wunderte ich mich über die gespannten Blicke, mit denen der Bey uns beobachtete. Es waren ganz die Blicke eines Menschen, der erwartet, daß man bei ihm eine außerordentliche Entdeckung machen und bewundern werde. Endlich erkannte ich aus der so oft wiederkehrenden Richtung seiner Augen den Gegenstand, den wir entdecken und bewundern sollten, und natürlich brach ich sofort in das größtmögliche Erstaunen aus:

»Was ist das! Oh, Bey, mit welch einem großen Reichtum hat Allah dich gesegnet! Deine Schätze sind größer als diejenigen des Bey von Rewandoz oder des Beherrschers von Dschulamerik!«

»Was meinst du, Emir?« fragte er mit einer gewissen Koketterie.

»Ich meine das kostbare Dscham[119], mit welchem du deinen Palast geschmückt hast.«

»Ja, es ist sehr selten und teuer,« antwortete er mit stolzer Bescheidenheit.

»Von wem hast du es?«

»Ich kaufte es von einem Israel[120], der es aus Mossul brachte, um es dem Schah von Persien zu verehren.«

Es wäre unhöflich gewesen, nach dem Preise zu fragen. Der Jude hatte das Märchen vom persischen Schah erfunden und den Bey jedenfalls ganz tüchtig geprellt. Das Glas war nämlich ein kleines Stück einer zerbrochenen Fensterscheibe und hatte die Größe von kaum zwei Mannshänden. Es war als der größte Schmuck des Zimmers an das geölte Papier des Fensters geklebt worden und ließ den Raum nun allerdings über alle Nebenbuhlerschaft erhaben erscheinen. Der Bey wünschte uns eine gute Nacht in dem Bewußtsein, uns mit diesem Fenster außerordentlich imponiert zu haben.

Wir waren müde und sehnten uns nach Ruhe, die wir nun in vollkommener Sicherheit genießen konnten.

Sechstes Kapitel.

Bären- und Menschenjagd.

Am andern Morgen weckte uns der Bey in eigner Person mit den Worten:

»Emir, erhebet Euch, wenn Ihr wirklich mit nach Mia wollt! Wir werden sehr bald aufbrechen.«

Da wir nach dortiger Gewohnheit in unsern Kleidern geschlafen hatten, so konnten wir ihm fast augenblicklich folgen. Wir erhielten Kaffee und kalte Bratenstücke, und dann setzte man sich zu Pferde. Der Weg nach Mia führte durch mehrere kurdische Dörfer, welche von gut bewässerten Gärten umgeben waren. Kurz vor dem Dorfe erhebt sich das Terrain bedeutend, und wir hatten einen Paß zu überschreiten, an dem wir von einigen Männern erwartet wurden. Dies schien dem Bey aufzufallen, denn er fragte sie, warum sie nicht in Mia geblieben seien.

»Herr, es ist seit gestern vieles geschehen, was wir dir berichten müssen,« antwortete einer von ihnen. »Daß die Nestorah das untere Dorf verlassen haben, wird dir Dohub gesagt haben. Heute in der Nacht nun ist einer von ihnen in dem oberen Dorfe gewesen und hat einem Manne, dem er Dank schuldet, dringend geraten, schnell aus Mia fortzugehen, wenn er sein Leben retten wolle.«

»Und da fürchtet ihr euch?« fragte der Bey.

»Nein, denn wir sind stark und tapfer genug, es mit diesen Giaurs aufzunehmen. Aber wir haben in der Frühe erfahren, daß die Christen bereits moslemitische Einwohner von Zawitha, Minijanisch, Murghi und Lizan getötet haben, und hier in der Nähe von Seraruh sind einige Häuser weggebrannt worden. Wir ritten dir entgegen, damit du diese Kunde so bald wie möglich empfangen solltest.«

»So kommt. Wir wollen sehen, was davon zu glauben ist!«

Wir ritten im scharfen Tempo die Höhe hinunter und kamen bald an die Stelle, wo der Weg sich nach dem obern und dem untern Dorfe zu teilt. Wir schlugen die erstere Richtung ein, da der Bey in dem oberen Dorfe ein Haus besaß. Er wurde an demselben von einer Schar Kurden erwartet, welche mit langen Lanzen und vielen kurzen Wurfspießen bewaffnet waren. Es war die Jagdgesellschaft.

Wir stiegen ab, und der Aufseher des Hauses brachte uns Speise und Trank herbei. Während wir uns labten, hielt der Bey draußen vor dem Hause ein Verhör bezüglich der Unruhen der Nestorianer. Das Ergebnis desselben schien ein sehr befriedigendes zu sein, denn als er bei uns eintrat, lächelte er wie ein Mann, der unnötigerweise belästigt worden ist.

»Ist Gefahr vorhanden?« fragte ich ihn.

»Gar nicht. Diese Nestorah haben uns verlassen, um hinfort keine Dscherum[121] mehr bezahlen zu müssen, und da drüben bei Seraruh ist ein altes Haus verbrannt. Nun reden diese Memmen von Aufstand und Blutvergießen, während die Giaurs doch froh sind, wenn wir sie ungeschoren lassen. Kommt; ich habe Befehl zum Aufbruch gegeben. Wir reiten nach Seraruh zu, und da haben wir sogleich Gelegenheit, zu erfahren, daß die Männer von Mia zu ängstlich gewesen sind.«

»Werden wir uns teilen?« fragte ich nun.

»Warum?« erwiderte er, einigermaßen erstaunt.

»Du sprachst von zwei Bärenfamilien.«

»Wir werden beisammen bleiben und erst die eine und dann die andere Familie vernichten.«

»Ist es weit von hier?«

»Meine Männer haben die Spuren verfolgt. Sie sagten mir, daß wir nur eine halbe Stunde zu reiten haben. Willst du wirklich mit uns gegen die Bären kämpfen?«

Ich bejahte, und er sagte dann:

»So will ich dir einige Wurfspieße geben.«

»Wozu?«

»Weißt du nicht, daß keine Kugel einen Bären tötet? Er stirbt erst dann, wenn viele Spieße in ihm stecken.«

Das brachte mir keinen guten Begriff von den Kurden und ihren Waffen bei. Entweder waren die ersteren feig oder die letzteren schlecht.

»Du magst deine Spieße immerhin behalten; es reicht eine Kugel vollständig hin, um einen Bären zu töten.«

»Thue, was du willst,« meinte er überlegen, »aber bleibe stets in meiner Nähe, damit ich dich beschützen kann.«

»Allah erhalte dich, so wie du mich erhalten willst!«

Wir ritten zum Dorfe hinaus. Der ganze Reitertrupp hatte das Aussehen, als ob wir auf die Gazellenjagd auszögen, so wenig gediegen erschien mir alles. Es ging erst in das Thal hinab und dann drüben wieder empor über Berge, durch Schluchten und Wälder, bis wir endlich in einem Buchenwalde halten blieben, in dem es viel Unterholz gab.

»Wo ist das Lager der Tiere?« fragte ich den Bey.

Er deutete nur so vor sich hin, ohne einen bestimmten Punkt anzugeben.

»Man hat die Spuren gefunden?«

»Ja, auf der andern Seite.«

»Ah! Du lässest das Lager umstellen?«

»Ja, die Tiere werden auf uns zugetrieben. Du sollst zu meiner Rechten bleiben, und dieser Emir aus dem Abendlande, der auch keinen Wurfspieß haben will, zu meiner Linken, damit ich euch beschützen kann.«

»Sind die Bären alle drin?« fragte ich wieder.

»Wo sollen sie sein? Sie gehen nur des Nachts stehlen.«

Es war eine wunderbare Anordnung, welche jetzt getroffen wurde. Wir waren sämtlich zu Pferde und bildeten einen Halbkreis, dessen einzelne Glieder beim Beginne des Treibens etwa vierzig Schritte voneinander halten sollten.

»Sollen wir schießen, wenn der Bär kommt?« fragte ich ungeduldig.

»Ihr könnt es thun, aber ihr werdet ihn nicht töten; dann jedoch flieht sofort!«

»Und was thust du?«

»Wenn der Bär kommt, so wirft ihm der nächste den Dscherid[122] in den Leib und flieht so schnell, als das Pferd laufen kann. Der Bär setzt ihm nach, und der nächste Jäger verfolgt den Bären. Er wirft ihm auch seinen Dscherid in den Leib und flieht. Nun wendet sich der Bär, und der erste Jäger auch. Es kommen mehrere herbei. Wer seinen Spieß geworfen hat, der wendet sich rasch zur Flucht, und der Bär wird von den andern abgehalten. Er bekommt so viele Spieße in den Leib, daß er sich endlich verbluten muß.«

Ich übersetzte das dem Engländer.

»Feige Jagd!« räsonnierte er. »Schade um den Pelz! Wollen wir einen Handel machen, Sir!«

»Welchen?«

»Will Euch den Bären abkaufen.«

»Wenn es mir gelingt, ihn zu erlegen.«

»Pshaw! Wenn er noch lebendig ist.«

»Das wäre kurios!«

»Meinetwegen! Wie viel wollt Ihr haben?«

»Ich kann doch den Bären nicht verkaufen, wenn ich ihn noch gar nicht habe!«

»Sollt ihn eben gar nicht haben! Wenn er ja hier herauskommt, so werdet Ihr mir ihn wegschießen. Aber ich selbst will ihn schießen, und darum werde ich ihn Euch abkaufen.«

»Wie viel gebt Ihr?«

»Fünfzig Pfund, Sir. Ist's genug?«

»Mehr als genug. Aber ich wollte nur sehen, wie viel Ihr bietet. Ich verkaufe ihn nämlich nicht.«

Er machte mir ein sehr grimmiges Gesicht.

»Warum nicht, Sir? Bin ich nicht Euer Freund?«

»Ich schenke ihn Euch. Seht, wie Ihr mit ihm fertig werdet!«

Er zog das gewohnte Parallelogramm seines Mundes so in die Breite, nämlich vor Vergnügen, daß es schien, als ob sich unter der Riesennase ein Bewässerungsgraben von einem Ohre zum anderen befinde.

»Sollt die fünfzig Pfund dennoch haben, Master!« sagte er.

»Nehme sie nicht!«

»So werden wir auf andere Weise quitt! +Yes+!«

»Ich stehe bereits weit höher in Eurer Schuld. Aber eine Bedingung muß ich dennoch stellen. Ich bin begierig, die Art und Weise kennen zu lernen, wie diese Kurden den Bären jagen, und darum wünsche ich nicht, daß Ihr sofort schießt. Laßt ihm erst einige Speere geben! Nicht?«

»Werde Euch den Gefallen thun.«

»Aber nehmt Euch wohl in acht! Schießt ihm in das Auge oder grad in das Herz, sobald er sich erhebt. Die hiesigen Bären sind zwar nicht sehr schlimm, aber man kann doch immerhin Gefahr laufen.«

»Ha! Wollt Ihr mir einen Gefallen thun?«

»Recht gern, wenn ich kann.«

»Tretet mir für diese Weile Eure Büchse ab. Sie ist viel besser als die meinige. Tauscht Ihr mit mir so lange?«

»Wenn Ihr mir versprecht, daß sie dem Bären nicht zwischen die Tatzen kommen soll!«

»Werde sie in meinen eigenen Tatzen behalten!«

»So gebt her!«

Wir tauschten die Gewehre. Der Engländer war ein guter Schütze, aber ich war doch neugierig, wie er sich einem Bären gegenüber verhalten werde.

Die Schar der Kurden löste sich auf. Die Hälfte derselben ritt mit den Hunden fort, um als Treiber zu dienen, und wir andern blieben zurück, um die bezeichnete Linie zu bilden. Halef und die beiden Araber hatten Wurfspieße angenommen und wurden in die Zwischenräume eingereiht; ich aber mußte mit dem Engländer bei dem Bey halten bleiben. Meinen Hund hatte ich nicht zum Treiben hergegeben; er blieb an meiner Seite.

»Eure Hunde holen den Bären nicht, sondern sie treiben ihn?« fragte ich den Bey.

»Sie können ihn nicht holen oder stellen, denn er flieht vor ihnen.«

»So ist er feig!«

»Du wirst ihn kennen lernen.«

Es dauerte eine geraume Weile, ehe wir an dem Lärmen merkten, daß sich die Treiber in Bewegung gesetzt hatten. Dann erscholl lautes Bellen und Halla-Rufen. Das Bellen näherte sich schnell, das Rufen etwas langsamer. Nach einigen Minuten verkündete uns ein lautes Geheul, daß einer der Hunde verwundet worden sei. Nun krachten Schüsse, und die Meute fiel mit verdoppelter Stärke ein.

»Paß auf, Emir!« warnte der Bey. »Jetzt wird der Bär kommen.«