Part 21
»So gehest du nach derselben Gegend, nach welcher auch ich abreise, Herr. Mein Tier wartet meiner bereits vor dem Hause. Vielleicht sehen wir uns niemals wieder; dann nimm den Segen einer alten Frau, die dir nichts weiter geben darf, aber auch nichts Besseres geben kann! Aber ein Geheimnis will ich dir verraten, denn es kann dir vielleicht von Nutzen sein. Ueber den Osten von hier brechen böse Tage herein, und es ist möglich, daß du einen dieser Tage erlebst. Kommst du in Not und Gefahr an einer Stelle, welche zwischen Aschiehtah und Gunduktha, dem letzten Orte von Tkhoma, liegt, und es kann dir niemand helfen, so sage dem ersten, der dir begegnet, daß dich der ~Ruh 'i kulyan~[89] beschützen wird. Hört er dich nicht, so sage es weiter, bis du einen findest, der dir Auskunft giebt.«
»Der ~Ruh 'i kulyan~? Der Höhlengeist? Wer führt diesen sonderbaren Namen?« fragte ich die Hundertjährige.
»Das wird dir niemand sagen können.«
»Aber du sprichst von ihm und kannst mir wohl Auskunft geben?«
»Der ~Ruh 'i kulyan~ ist ein Wesen, das niemand kennt. Er ist bald hier, bald dort, überall wo ein Bittender ist, der es verdient, daß seine Bitte erfüllt werde. An vielen Dörfern giebt es einen bestimmten Ort, an welchem man zu gewissen Zeiten mit ihm reden kann. Dahin gehen die Hilfesuchenden um Mitternacht und sagen ihm, was sie von ihm begehren. Er giebt dann Rat und Trost, aber er weiß auch zu drohen und zu strafen, und mancher Mächtige thut, was er von ihm begehrt. Nie wird vor einem Fremden von ihm gesprochen; denn nur die Guten und die Freunde dürfen wissen, wo er zu finden ist.«
»So wird mir dein Geheimnis keinen Nutzen bringen.«
»Warum?«
»Man wird mir nicht sagen, wo er zu finden ist, obgleich man sieht, daß ich seinen Namen kenne.«
»So sage nur, daß ich dir von ihm erzählt habe: dann wird man dir den Ort sagen, wo er zu finden ist. Mein Name ist bekannt im ganzen Lande von Tijari, und die Guten wissen, daß sie meinen Freunden vertrauen dürfen.«
»Wie lautet dein Name?«
»Marah Durimeh heiße ich.«
Das war eine geheimnisvolle Mitteilung, die aber so abenteuerlich klang, daß ich nicht den mindesten Wert auf sie legte. Ich verabschiedete mich und ging nach Hause. Dort merkte ich, daß es ungewöhnlich laut in der Küche herging. Es mußte der edlen >Myrte< etwas widerfahren sein, was ihren Unmut erweckt hatte. Unter den gegenwärtigen Umständen konnte das kleinste Ereignis für mich Wert besitzen, und so trat ich ein. Mersinah hielt dem tapfern Agha eine Strafpredigt, das sah ich auf den ersten Blick. Sie stand mit drohend erhobenen Armen vor ihm, und er hielt die Augen niedergeschlagen wie ein Knabe, der von seinem Erzieher einen Verweis erhält. Sie sahen mich eintreten, und sofort bemächtigte sich die >Myrte< meiner.
»Siehe dir einmal diesen Selim Agha an!«
Sie deutete mit gebieterischer Miene auf den armen Sünder, und ich machte mit meinem Kopfe eine Viertelwendung nach rechts, um ihn pflichtschuldigst in Augenschein zu nehmen.
»Ist dieser Mann ein Agha der Arnauten?« fragte sie nun.
»Ja.«
Ich gab diese Antwort natürlich in dem Tone meiner festesten Ueberzeugung, aber grad dieser Ton schien einen Rückfall ihres Raptus über sie zu bringen.
»Was! Also auch du hältst ihn für einen Befehlshaber tapferer Krieger? Ich werde dir sagen, was er ist; ein Agha der Feiglinge ist er!«
Der Agha schlug die Augen auf und versuchte, einen verweisenden Blick zu stande zu bringen. Es gelang ihm leidlich.
»Erzürne mich nicht, Mersinah, denn du weißt, daß ich dann schrecklich bin!« sagte er dabei.
»Worüber seid ihr so ergrimmt?« wagte ich jetzt zu fragen.
»Ueber diese fünfzig Piaster!« antwortete die >Myrte<, indem sie mit der verächtlichsten ihrer Mienen auf die Erde deutete.
Ich blickte nieder und sah nun zwei silberne Zwanzig- und ein ebensolches Zehn-Piasterstück am Boden liegen.
»Was ist's mit diesem Gelde?«
»Es ist vom Mutesselim.«
Jetzt begann ich das übrige zu ahnen und fragte:
»Wofür?«
»Für die Gefangennehmung des Makredsch. Effendi, du weißt ungefähr, wie viel Geld dieser bei sich hatte?«
»Ich schätze es auf ungefähr vierundzwanzigtausend Piaster.«
»So hat Selim mir doch die Wahrheit gesagt. Dieses viele ungeheure Geld hat der Kommandant dem Makredsch abgenommen und von demselben diesem tapfern Agha der Arnauten fünfzig Piaster gegeben!«
Bei diesen Worten bildete ihr ganzes Gesicht ein empörtes Ausrufezeichen. Sie schob die Silberstücke mit dem Fuße fort und fragte mich:
»Und weißt du, was dieser Agha der Arnauten gethan hat?«
»Was?«
»Er hat das Geld genommen und ist davongegangen, ohne ein einziges Wort zu sagen! Frage ihn, ob ich dich belüge!«
»Was sollte ich thun?« entschuldigte sich Selim.
»Ihm das Geld in den Bart werfen! Ich hätte es ganz sicherlich gethan. Glaubst du das, Effendi?«
»Ich glaube es!«
Mit dieser Versicherung sagte ich die Wahrheit. Sie beehrte mich mit einem Blicke der Dankbarkeit und fragte mich dann:
»Soll er es ihm wiedergeben?«
»Nein.«
»Nicht?«
Ich wandte mich an den Agha:
»Hast du das Verzeichnis, welches der Kommandant nach Mossul schicken muß, unterschrieben?«
»Ja.«
»Wie viel hat er angegeben?«
»Vierhundert Piaster in Gold und einundachtzig Piaster in Silber.«
»Weiter nichts?«
»Nein.«
»Die Uhr und die Ringe?«
»Auch nicht.«
»Er ist dein Vorgesetzter, und du darfst ihn dir nicht zum Feinde machen; darum ist es gut, daß du das Geld ruhig genommen hast. Weißt du noch, was ich dir versprochen habe?«
»Ich weiß es!«
»Ich werde mein Wort halten und mit dem Kommandanten sprechen. Tausend Piaster wenigstens sollst du erhalten.«
»Ist das wahr, Effendi?« frug Mersinah.
»Ja. Das Geld gehört weder dem Mutesselim noch dem Agha, aber es kommt auf alle Fälle in Hände, welche kein Recht daran haben, und so mag es bleiben, wo es ist. Aber der Agha soll nicht so schmählich betrogen werden!«
»Er sollte doch wohl siebentausend erhalten?«
»Die bekommt er nicht. Das wurde nur als Vorwand gesagt. Selim, ist der Basch Tschausch schon fort?«
»Nein, Effendi.«
»Er sollte doch am Vormittage fortgehen.«
»Der Mutesselim hat ja einen neuen Bericht zu schreiben, weil er in dem alten sagte, daß er den Araber schicken werde. Vielleicht soll der Basch Tschausch warten, bis wir den Entflohenen wieder haben.«
»Dazu ist wohl keine Hoffnung vorhanden.«
»Warum?«
»Weil er sich an den Felsen zu Tode gestürzt hat.«
»Und wenn wir uns getäuscht hätten?«
»Wieso?«
»Der Mutesselim scheint jetzt zu glauben, daß er noch lebt.«
»Hat er dir nähere Mitteilung darüber gemacht?«
»Nein; aber ich hörte es aus verschiedenen Worten, welche er sprach.«
»So wünsche ich ihm, daß er sich nicht irren möge!«
Ich begab mich nach meinem Zimmer. Sollte ein von mir oder von uns unbeachteter Umstand den Verdacht des Kommandanten erregt haben? Möglich war es. Aber dann war es auch geraten, sich auf alles gefaßt zu machen. Doch ehe ich meinen Gefährten eine Mitteilung machte, ging ich im Geiste noch einmal alles Geschehene durch. Ich konnte nichts finden, was mir hätte auffallen können, und noch war ich mit mir nicht im klaren, als der Agha die Treppen emporkam und bei mir eintrat.
»Effendi, es ist ein Bote des Mutesselim da. Er läßt uns sagen, daß wir nochmals in das Gefängnis kommen sollen.«
»Er ist bereits dort?«
»Ja.«
»Erwarte mich unten. Ich komme sogleich!«
War es in Frieden oder war es Feindseligkeit, daß er mich kommen ließ? Ich beschloß mich auch auf letztere vorzubereiten. Die beiden Revolver waren geladen. Ich steckte auch die Pistolen zu mir und ging dann zu Halef. Dieser war allein in seiner Stube.
»Wo ist der Buluk Emini?«
»Der Basch Tschausch hat ihn geholt.«
Das war nichts Besonderes, fiel mir aber doch auf, weil ich einmal Verdacht gefaßt hatte.
»Wie lange ist es her?«
»Gleich als du fortgingst, um das Pferd zu kaufen.«
»Komm mit herüber zum Haddedihn!«
Dieser lag rauchend am Boden.
»Emir,« empfing er mich, »Allah hat mir nicht die Geduld verliehen, lange auf ein Ding zu warten, nach dem ich mich sehne. Was thun wir noch in dieser Stadt?«
»Vielleicht verlassen wir sie in kurzer Zeit. Es hat fast den Anschein, als ob wir verraten seien.«
Jetzt erhob er sich langsam und in der Art und Weise eines Mannes, der zwar überrascht wird, sich aber stark genug fühlt, diese Ueberraschung zu verbergen und ihren Folgen zu begegnen.
»Woraus schließest du das, Effendi?«
»Ich ahne es einstweilen nur. Der Kommandant hat zu mir geschickt, daß ich in das Gefängnis kommen soll, wo er mich erwartet. Ich werde gehen, aber die Vorsicht nicht vergessen. Komme ich in einer Stunde nicht zurück, so ist mir ein Uebel widerfahren.«
»Dann suche ich dich!« rief Halef.
»Du wirst nicht zu mir können, denn ich werde mich vielleicht in dem Gefängnisse befinden, und zwar als Gefangener. Ihr könnt dann wählen: -- entweder ihr flieht, oder ihr sucht, mich frei zu machen.«
»Wir werden dich nicht verlassen!« versicherte der Haddedihn mit ruhiger Stimme.
Wie er jetzt stolz und aufrecht vor mir stand; im langen, weißen Bart, der bis auf den Gürtel herab wallte, bot er ganz das Bild eines kühnen, aber doch besonnenen Mannes.
»Ich danke dir! Sollten sie mich gefangen nehmen, so steht doch so viel fest, daß es nur nach einem heißen Kampfe geschieht. Binden aber lasse ich mich auf keinen Fall, und dann wird es wohl möglich sein, euch die Zelle zu bezeichnen, in der ich mich befinde.«
»Wie willst du dies thun, Sihdi?« fragte Halef.
»Ich werde versuchen, an der Mauer in die Höhe zu kommen, und euch das Zeichen mit einem meiner Kleidungsstücke geben, welches ich soweit im Loche vorschiebe, daß ihr es sehen könnt. Dann ist es euch vielleicht möglich, mir durch den Agha oder durch Mersinah eine Botschaft zu senden. Lange bin ich keinenfalls gefangen. Auf alle Fälle aber haltet ihr eure Pferde gesattelt. Ueberlegt euch die Sache selbst weiter; ich habe keine Zeit, denn der Mutesselim wartet, und ich muß noch zum Engländer.«
Auch dieser saß auf seinem Teppich und rauchte.
»Schön, daß Ihr kommt, Sir!« begrüßte er mich. »Wollen fort!«
»Warum?«
»Ist nicht geheuer hier!«
»Sprecht deutlicher!«
Er erhob sich, trat in die Nähe der Fensteröffnung und deutete auf das Dach des gegenüberliegenden Hauses.
»Seht dort!«
Ich blickte schärfer hinüber und erkannte die Gestalt eines Arnauten, welcher auf dem Bauche lag und unsere Wohnung beobachtete.
»Werde auch auf unser Dach steigen,« sagte Lindsay ruhig, »und dem Manne dort eine Kugel geben!«
»Ich gehe jetzt nach dem Gefängnisse, wo mich der Mutesselim erwartet. Wenn ich in einer Stunde nicht zurück bin, so ist mir etwas geschehen, und ich sitze fest. In diesem Falle stecke ich irgend ein Kleidungsstück aus dem Loche heraus, in welchem ich hocke. Ihr könnt es von den hintern Fenstern oder von dem Dache aus sehen.«
»Sehr schön; wird großes Vergnügen sein; sollen Master Lindsay kennen lernen!«
»Verständigt Euch mit Halef. Er spricht ja einige Brocken Englisch.«
»Werden Pantomimen machen. +Yes!+«
Ich ging. Ueber mich wachten drei Männer, auf die ich mich verlassen konnte. Uebrigens war Amadijah bereits menschenleer; die Hälfte der Garnison laborierte am Fieber, und den Mutesselim hatte ich in meiner Hand.
Selim Agha stand bereits unter der Thüre. Die beiden Besprechungen hatten ihm zu lange gedauert, und er suchte das Versäumte durch einen schnellen Schritt wieder einzuholen. Wie bereits heute morgen, stand der Kommandant auch jetzt wieder unter der geöffneten Gefängnisthüre. Er trat zurück, als er uns erblickte. Seit meinem Austritte aus der Wohnung bis hierher hatte ich scharf gespäht, aber keinen Menschen gesehen, der den Auftrag hätte haben können, mich zu beaufsichtigen. Die zwei Gassen, durch welche wir kamen, waren leer, und auch in der Nähe des Gefängnisses ließ sich niemand sehen. Der Kommandant begrüßte mich sehr höflich, aber mein Mißtrauen entdeckte sehr leicht, daß hinter dieser Höflichkeit sich eine Arglist barg.
»Effendi,« begann er, als er die Thüre hinter sich und uns verschlossen hatte, »wir haben den Körper des Entflohenen nicht gefunden.«
»Hast du in der Schlucht suchen lassen?«
»Ja. Es sind Leute an Stricken hinabgelassen worden. Der Gefangene ist nicht dort hinab.«
»Aber seine Kleider lagen dort!«
»Vielleicht hat er sie dort nur abgelegt!«
»Dann würde er ja ein anderes Gewand haben müssen!«
»Vielleicht hat er das gehabt. Es ist gestern ein vollständiger Anzug gekauft worden.«
Er blickte mich bei diesen Worten forschend an. Er meinte jedenfalls, ich werde mich durch eine Miene verraten; im Gegenteil aber hatte er sich durch diese Bemerkung bloßgestellt, denn nun wußte ich ganz genau, was ich von ihm zu erwarten hatte.
»Für ihn?« fragte ich ungläubig lächelnd.
»Ich glaube es. Ja, man hat sogar ein Reitpferd gekauft!«
»Auch für ihn?«
»Ich denke es. Und dieses befindet sich noch in der Stadt.«
»Er will also offen und frei zum Thore hinausreiten? Oh, Mutesselim, ich glaube, dein System ist noch nicht in Ordnung gekommen. Ich werde dir Medizin senden müssen!«
»Ich werde nie wieder eine solche Medizin trinken,« antwortete er einigermaßen verlegen. »Ich habe die Ueberzeugung, daß er zwar hier aus dem Gefängnisse entkommen ist, sich aber noch in der Stadt befindet.«
»Und weißt du auch, wie er entkommen ist?«
»Nein; aber davon bin ich nun überzeugt, daß weder der Agha noch die Wächter die Schuld tragen, daß es ihm gelang.«
»Und wo soll er sich versteckt halten?«
»Das werde ich schon noch entdecken, und dabei sollst du mir helfen, Effendi.«
»Ich? Gern, wenn ich es vermag.«
Ich hatte bei meinem Eintritte einen raschen Blick zur Treppe emporgeworfen und oben mehr Arnauten stehen sehen, als vorher hier postiert gewesen waren. Man hatte also wohl die Absicht, mich hier festzuhalten. In dieser Ueberzeugung bestärkten mich natürlich die unvorsichtigen Reden des Kommandanten. Ein Blick auf das offene Gesicht des Agha ergab, daß er von dem Vorhaben des Mutesselim ganz sicher keine Kenntnis hatte. Also auch er stand im Verdacht, und daraus schloß ich, daß man den Entsprungenen in seiner und in meiner Wohnung vermute.
»Ich habe gehört,« meinte der Kommandant, »daß du ein großer und geschickter Kenner aller Spuren bist.«
»Wer hat dir das gesagt?«
»Dein Baschi-Bozuk, dem dein Diener Halef es erzählte.«
Also er hatte den Baschi-Bozuk verhört. Darum also war derselbe von dem Basch Tschausch geholt worden! Der Kommandant fuhr fort:
»Und darum bitte ich dich, dir einmal das Gefängnis anzusehen.«
»Dies habe ich doch bereits gethan!«
»Aber nicht so genau, wie es geschehen muß, wenn man Spuren entdecken will. Dann ist oft ein ganz kleines Ding, welches man erst gar nicht beachtet hat, von sehr wichtiger Bedeutung.«
»Das ist richtig. Also das ganze Haus soll ich durchsuchen?«
»Ja. Aber du wirst wohl mit dem Loche beginnen müssen, in dem er gesteckt hat, denn dort hat auch seine Flucht begonnen.«
O schlauer Türke! Hinter mir hörte ich auf den Treppenstufen etwas knistern. Die Arnauten kamen leise herab.
»Das ist sehr richtig,« bemerkte ich scheinbar ahnungslos. »Laß die Thüre zu der Zelle öffnen!«
»Mache auf, Selim Agha!« gebot er.
Der Agha schob die Riegel zurück und legte die Thüre ganz bis an die Wand hinum.
Ich trat näher, aber so vorsichtig, daß mich kein Stoß von hinten hinabwerfen konnte, und blickte aufmerksam hinein.
»Ich sehe nichts, was mir auffallen könnte, Mutesselim!«
»Von hier aus kannst du auch nichts sehen. Du wirst wohl hinabsteigen müssen, Effendi!«
»Wenn du es für nötig hältst, werde ich es thun,« erwiderte ich unbefangen.
Ich trat zur Seite, faßte die Thüre, hob sie aus den Angeln und legte sie quer vor der Thüröffnung auf den Boden nieder, so daß ich sie von dem Loche aus stets im Auge behalten konnte. Das hatte der gute Kommandant nicht erwartet; es machte ihm einen sehr dicken Strich durch seine Rechnung.
»Was thust du da?« fragte er enttäuscht und ärgerlich.
»Ich habe die Thüre ausgehoben, wie du siehst,« antwortete ich.
»Warum?«
»O, wenn man Spuren entdecken will, so muß man sehr vorsichtig sein und alles im Auge behalten!«
»Aber das Abnehmen der Thüre ist doch nicht notwendig. Du erhältst dadurch nicht mehr Licht in das Loch, als vorher.«
»Richtig! Aber weißt du, welche Spuren die sichersten sind?«
»Welche?«
»Diejenigen, welche man in dem Angesichte eines Menschen findet. Und diese« -- dabei klopfte ich ihm vertraulich auf die Achsel -- »weiß ein Effendi aus Germanistan ganz sicher zu finden und zu lesen.«
»Wie meinst du das?« fragte er betroffen.
»Ich meine, daß ich dich wieder einmal für einen großen Diplomaten halte. Du verstehst deine Geheimnisse und Absichten ausgezeichnet geheim zu halten. Und darum werde ich dir auch deinen Willen thun und jetzt hinunterspringen.«
»Was meinst du für Absichten?«
»Deine Weisheit hat dich auf den ganz richtigen Gedanken geführt, daß ein Gefangener es am besten erraten könne, wie es einem andern Gefangenen möglich gewesen sei, zu entkommen. Allah sei Dank, daß er so kluge Männer geschaffen hat!«
Ich sprang hinunter in das Loch und bückte mich, um zu thun, als ob ich am Boden suche. Dabei jedoch sah ich unter dem Arm hinweg und bemerkte einen Wink, den der Mutesselim dem Agha gab. Beide bückten sich, um die schwere Thüre aufzunehmen und in die Angeln zu bringen. Ich drehte mich um.
»Mutesselim, laß die Thüre liegen!«
»Sie soll dahin, wohin sie gehört.«
»So gehe ich auch wieder dahin, wohin ich gehöre!«
Ich machte Anstalt, mich emporzuschwingen, was nicht sehr leicht zu bewerkstelligen war, weil das Loch eine bedeutende Tiefe hatte.
»Halt, du bleibst!« gebot er mir und gab zugleich einen Wink, auf welchen mehrere bewaffnete Arnauten herbeitraten. »Du bist mein Gefangener!«
Der gute Selim erschrak. Er starrte erst den Mutesselim und dann mich an.
»Dein Gefangener?« fragte ich. »Du scherzest!«
»Es ist mein voller Ernst!«
»So bist du über Nacht verrückt geworden! Wie kannst du glauben, daß du der Mann seist, der mich gefangen nehmen kann!«
»Du bist ja schon gefangen und wirst nicht eher wieder frei kommen, als bis ich den Entflohenen entdeckt habe.«
»Mutesselim, ich glaube nicht, daß du ihn entdecken wirst!«
»Warum?«
»Dazu gehört ein Mann, welcher Mut und Klugheit besitzt, und mit diesen beiden Eigenschaften hat dich Allah in seiner Weisheit verschont.«
»Du willst mich verhöhnen? Siehe zu, wie weit du mit deiner eignen Klugheit kommst! Legt die Thüre an und schiebt die Riegel vor!«
Jetzt zog ich eine der Pistolen.
»Laßt die Thüre liegen, das rate ich euch!«
Die braven Arnauten blieben sehr verlegen stehen.
»Greift zu, ihr Hunde!« gebot er drohend.
»Laßt euch nicht erschießen, ihr Leute!« sagte ich, indem ich die Hähne spannte.
»Wage es, zu schießen!« rief der Mutesselim.
»Wagen? O, Mutesselim, das ist ja gar kein Wagnis. Mit diesen Leuten werde ich ganz gut auskommen, und du bist der erste, den meine Kugel trifft!«
Die Wirkung war eigentümlich, denn der kühne Held von Amadijah verschwand sofort von der Thüröffnung. Aber seine Stimme ertönte:
»Schließt ihn ein, ihr Schurken!«
»Thut es nicht, ihr Männer, denn ich werde den, der diese Thüre zu schließen wagt, ganz sicher in die Dschehennah schicken!«
»So schießt ihr wieder!« ertönte es von der Seite her.
»Mutesselim, vergiß nicht, wer ich bin! Eine Verletzung meiner Person würde dich deinen Kopf kosten.«
»Wollt ihr gehorchen, ihr Buben! Oder soll ich es sein, der euch erschießt? Selim Agha, greif zu!«
Der Neffe des Schwagers von der Schwester des Enkelsohnes der Mutter von der Stiefschwester der >Myrte< war dem Beispiele seines Vorgesetzten gefolgt und hatte sich in der Entfernung an die Mauer gedrückt. Er befand sich jetzt gewiß in sehr großer Verlegenheit, aus der ich ihn erretten mußte.
»Tretet ein wenig zurück, ihr Männer, denn jetzt geht es los!«
Ich richtete die Mündung der Waffe auf sie und bekam die Oeffnung frei. Nach einer schnellen Kraftanstrengung stand ich oben vor dem Kommandanten, dem ich die Pistole unter die Nase hielt.
»Mutesselim, ich habe da unten keine Spur gefunden!«
»Alla illa Allah! Emir, thue diese Waffe weg!«
Daß er selbst ein solches Schießding, mit dem er sich ja wehren konnte, im Gürtel trug, schien ihm gar nicht einzufallen.
»Sie kommt erst dann zurück an ihre Stelle, wenn diese Wächter zurückgekehrt sind nach oben. Selim Agha, schaffe sie fort!«
Diesem Befehle leistete der Agha augenblicklich Folge:
»Packt euch, und laßt euch nicht wieder sehen!«
Sie retirierten schleunigst die Treppe empor.
»So, jetzt stecke ich die Waffe ein. O, Mutesselim, in welche Schande hast du dich gebracht! Deine List ist nicht gelungen, deine Gewalt hat nichts genützt; und nun stehest du da wie ein Fakara günakiar[90], der um Gnade bitten muß. Warum wolltest du mich einschließen lassen?«
»Weil ich bei dir haussuchen muß.«
»Darf ich nicht dabei sein?«
»Du hättest dich gewehrt.«
»Ah, du hast also Respekt vor mir? Das höre ich gern! Und du meinst, daß die andern sich nicht gewehrt hätten?«
»Du bist der schlimmste, sie aber hätten wir nicht gefürchtet.«
»Du irrst, Mutesselim. Ich bin der gütigste von ihnen allen. Mein Hadschi Halef Omar ist ein Held; der Hadschi Lindsay-Bey ist ein Wüterich, und der dritte, den du noch nicht gesehen hast, der übertrifft noch beide. Du wärest nur tot von ihnen weggekommen! Wie lange aber, glaubst du, daß ich mich hier in diesem Loche befunden hätte?«
»So lange es mir beliebte!«
»Meinst du? Sieh diese Waffen und diesen Beutel mit Kugeln und Patronen! Ich hätte die Riegel oder die Angeln aus der Thüre geschossen und in zwei Minuten da gestanden, wo ich jetzt stehe. Und bereits bei dem ersten Schusse hätten meine Leute gewußt, daß ich in Gefahr war. Sie wären herbeigeeilt, um mir zu helfen.«
»Sie hätten nicht herein gekonnt.«
»Eine Büchsenkugel öffnet dein altes Schloß ganz leicht. Komm her, ich will dir etwas zeigen!«
Ich drehte ihn nach der Zelle zu und deutete nach dem Fensterloche, durch welches man ein Stückchen des Himmels erblicken konnte; jetzt aber sah man in dem Rahmen des Loches eine Gestalt, welche ein schwarz und rot karriertes Gewand trug, eine Büchse in der Hand hielt und aufmerksam nach dem Gefängnisse herüberblickte.
»Kennst du diesen Mann?« fragte ich.
»Hadschi Lindsay-Bey!«
»Ja, er ist's. Er steht auf dem Dache meiner Wohnung und wartet auf das Zeichen, welches wir verabredet haben. Mutesselim, dein Leben hängt an einem Haare. Was hast du gegen mich?«
»Du hast den Entflohenen befreit!«
»Wer sagte das?«
»Ich habe Zeugen.«
»Mußt du mich da gefangen nehmen, mich, einen Effendi und Bey, einen Emir, der viel höher steht, als du, der das Budjeruldi des Großherrn besitzt und dir schon viele Beweise gegeben hat, daß er keinen Menschen fürchtet?«
»Ja, du fürchtest niemand, und eben darum wollte ich dich hier sicher haben, ehe ich deine Wohnung durchsuchte.«
»Du kannst sie in meiner Gegenwart durchsuchen!«
»Herr, nun thue ich es nicht. Ich werde meine Leute senden.«
Ah, er fürchtete jetzt den ›Helden‹, den ›Wüterich‹ und den, der diese beiden noch übertraf.
»Auch das werde ich gestatten, wenn es ohne Aufsehen geschieht. Sie können jeden Winkel durchstöbern; ich habe nichts dagegen. Du siehst also, daß du mich nicht einzusperren brauchtest, Mutesselim!«
»Das wußte ich nicht!«
»Dein größter Fehler aber war, daß du glauben konntest, ich sei mit Blindheit geschlagen und werde mich ruhig einsperren lassen. Thue das nicht wieder, denn ich sage dir: dein Leben hing an einem Haar.«
»Aber, Emir, wenn wir den Gefangenen bei dir entdecken, so werde ich dich doch gefangen nehmen müssen!«
»Dann werde ich mich nicht weigern.«
»Und ich kann dich jetzt nicht nach Hause gehen lassen.«
»Warum?«
»Ich muß sicher sein, daß du nicht den Befehl giebst, den Gefangenen zu verstecken.«
»Gut. Aber ich sage dir, daß meine Gefährten dann die Wohnung nicht durchsuchen lassen. Sie werden im Gegenteile einen jeden niederschießen, der sie zu betreten wagt.«
»So schreibe ihnen, daß sie meine Leute eintreten lassen sollen!«