Part 20
»So giebst du viertausend.«
»Herr! Du steigst ja in die Höhe!«
»Makredsch, du steigest ja abwärts! Ein Mutesselim braucht nicht mit sich feilschen zu lassen. Sagst du nicht ja, so gehe ich noch höher.«
»Ich habe es nicht. Zweitausend könnte ich dir geben!«
»Deine Hand ist verschlossen, aber du wirst sie gern noch öffnen. Jetzt verlange ich fünftausend!«
»Herr, ich will dir die drei Tausend geben!«
»Fünf habe ich gesagt!«
Die Augen des Makredsch hafteten wütend auf dem Kommandanten, und die Angst um sein Geld stand ihm deutlich auf der Stirn geschrieben. Aber die Sorge für seine Freiheit war noch größer.
»Versprichst du mir, mich hinaus zu lassen, wenn ich dich bezahle?«
»Ich verspreche es dir.«
»Schwöre es mir bei dem Propheten!«
»Ich schwöre es!«
Diese Worte sprach der Mutesselim unbedenklich aus.
»So zähle!« sagte der Makredsch.
Er langte in die Taschen seiner weiten Beinkleider und zog ein Paket hervor, welches in ein seidenes Tuch geschlagen war. Er öffnete es und begann, die Summe auf dem Fußboden aufzuzählen, wobei der Agha leuchtete.
»Ist es richtig?« fragte er, als er fertig war.
Der Mutesselim zählte nach und sagte dann:
»Es sind Kaime[88] mit dem Zahlwerte von fünftausend Piaster. Aber du wirst wissen, daß dieses Geld den vollen Wert nicht hat. Das Pfund Sterling kostet, mit Kaime bezahlt, jetzt einhundertvierzig statt einhundertzehn Piaster, und du hast also noch zweitausend Piaster daraufzulegen!«
»Herr, bedenke, daß die Kaime sechs Prozent Zinsen tragen!«
»Früher war dies der Fall, aber auch nur bei einem Teile dieses Geldes; doch der Großherr zahlte auch für ihn keine Zinsen. Lege zweitausend dazu.«
»Herr, du bist ungerecht!«
»Gut! Gehe in dein Loch!«
Dem Makredsch stand der Schweiß auf der Stirn.
»Aber zweitausend macht es ja nicht!«
»Wie viel denn?«
»Dreizehnhundertunddreiundsechzig.«
»Das bleibt sich gleich! Was ich sage, das habe ich gesagt. Du giebst noch zweitausend!«
»Herr, du bist grausam wie ein Tiger!«
»Und dich wird der Geiz noch töten!«
Mit Grimm im Angesichte zählte der Makredsch von neuem auf.
»Hier, nimm!« sagte er endlich, tief Atem holend.
Der Mutesselim zählte wieder nach, schob die Scheine zusammen und steckte sie zu sich.
»Es stimmt!« meinte er. »Danke dem Propheten, daß er dein Herz zur Einsicht bekehrt hat, denn sonst hätte ich noch mehr gefordert!«
»Nun laß mich gehen!« forderte der andere, sein Tuch wieder um die übrig gebliebenen Scheine schlagend.
Der Kommandant sah ihn mit sehr gut gespielter Verwunderung an.
»Gehen lassen? Ja, aber erst dann, wenn du bezahlt hast!«
»Ich habe es doch gethan!«
»Ja, mich hast du bezahlt, aber noch nicht diesen Agha der Arnauten!«
»Alla illa Allah!« rief der Gefangene zornig. »Du hast doch nur fünftausend Piaster verlangt!«
»Allah hat dir deinen Verstand verdunkelt. Warum fragtest du nicht, für wen diese fünftausend Piaster seien? Sie waren nur für mich. Der Agha hat seinen Teil noch zu erhalten.«
»Wie viel?«
»Ebenso viel wie ich!«
»Herr, der Satan redet aus dir!«
»Bezahle, so wird er schweigen!«
»Ich bezahle nicht!«
»So kehrest du in dein Loch zurück!«
»Oh, Mohammed, oh, ihr Khalifen, ihr habt seinen Schwur gehört! Der Scheïtan ist bereits in ihm; er wird ihn umbringen!«
»Das Oel dieser Lampe geht zur Neige. Wirst du bezahlen oder nicht?«
»Ich gebe ihm tausend!«
»Fünftausend! Handle nicht, sonst steige ich höher!«
»Ich habe sie nicht!«
»Du hast sie. Ich habe es gesehen, daß es langen wird.«
»So gebe ich -- -- --«
»Soll ich etwa sechstausend fordern?«
»Du bist ein Tyrann, ja, du bist der Teufel selbst!«
»Makredsch, wir sind miteinander fertig!«
Er erhob sich langsam und vorsichtig.
»Halt!« rief der Gefangene. »Ich werde bezahlen!«
Die Freiheit stand ihm schließlich doch noch höher als das Geld. Er begann von neuem aufzuzählen, während der Kommandant sich wieder setzte. Das Paket langte wirklich; aber es blieben ihm nur noch einige Scheine übrig.
»Hier liegt es,« meinte er, »und Allah verdamme den, der es nimmt!«
»Du hast recht gesagt, Makredsch,« antwortete sein früherer Verbündeter und jetziger Gegner sehr ruhig. »Dieser Agha der Arnauten wird das Geld nicht nehmen.«
»Warum?«
»Es sind nur die fünf Tausend. Du hast vergessen, die zwei Tausend daraufzulegen.«
Der Makredsch machte eine Bewegung, als wolle er sich auf den Kommandanten stürzen; aber er besann sich noch.
»Ich habe nichts mehr als diese drei Papiere.«
»So schließe ich dich ein. Vielleicht besinnst du dich dann, daß du noch mehr Geld bei dir trägst. Komm!«
Der Makredsch machte eine Miene, als ob er ersticken wolle, dann langte er abermals in die Tasche und zog einen Beutel hervor, den er so hielt, daß nur er selbst den Inhalt sehen konnte.
»So will ich versuchen, ob ich es noch zusammenbringe! Dein Herz ist von Stein, und deine Seele hat sich in einen Felsen verwandelt. Ich habe hier nur kleine Silberstücke mit einigen goldenen Medschidje darunter. Diese letzteren sollst du erhalten, wenn sie reichen.«
Er legte die drei Scheine hin und dann sehr langsam ein Goldstück nach dem andern hinzu.
»Hier! Nun bin ich arm, denn ich habe höchstens noch vierzig Piaster bei mir, und diese muß ich haben, wenn ich nicht verhungern will!«
Ich muß gestehen, daß ich mit dem Manne Bedauern empfand; aber ich sah vorher, daß er auch den letzten Heller werde geben müssen. Es war als ob der Anblick des Geldes den Mutesselim vollständig ernüchtert hätte. Und auch an dem Agha war nicht die Spur eines Rausches zu bemerken. Dieser langte hastig zu, um die Summe an sich zu nehmen.
»Halt!« wehrte ihm der Kommandant. »Ich werde dieses Geld einstweilen aufbewahren.«
Er schob es zusammen und steckte es ein.
»Jetzt endlich bin ich frei!« sagte der Makredsch.
Der Kommandant schüttelte in höchster Verwunderung den Kopf.
»Frei! Hast du denn bezahlt?«
»Sind dir deine Sinne abhanden gekommen? Du hast ja das Geld eingesteckt!«
»Das meinige und das dieses Selim Agha. Aber dieser Emir hat noch nichts erhalten!«
»Er hat ja gar nichts zu bekommen!«
»Wer sagt dir das? Er ist ja hier, und muß also auch bezahlt werden!«
»Aber er hat ja über mich nicht das mindeste zu gebieten!«
»Hat er dich nicht gefangen nehmen lassen? Du hast das Fieber, Makredsch, sonst würdest du erkennen, daß er eigentlich noch mehr zu bekommen hat, als wir beiden anderen zusammen.«
»Er hat nichts zu erhalten!« rief der Gepeinigte nun förmlich wütend. »Er bekommt nichts, denn ich habe nichts mehr, und ich würde ihm keinen Piaster und keinen Para geben, selbst wenn ich Millionen bei mir trüge!«
»Du hast noch Geld!«
»Vierzig Piaster, wie ich dir schon sagte!«
»Oh Makredsch, wie dauerst du mich! Glaubst du, daß ich den Klang des Goldes von dem des Silbers nicht unterscheiden kann! Dein Beutel ist noch voll goldener Medschidje zu hundert und fünfzig Piaster, und sein Bauch ist so umfangreich, daß du mehr zusammenbringst, als was du brauchst, um den Emir zu bezahlen. Du hast dich sehr gut mit Reisegeld versehen!«
»Du irrst!«
»Zeige mir den Beutel her!«
»Er gehört mir!«
»So behalte ihn, aber bezahle!«
Der Makredsch wand sich wie ein Wurm unter den unnachsichtlichen Forderungen des geldgierigen Mannes. Es war eine widerwärtige Scene, aber sie warf ein deutliches Licht auf die Zustände der türkischen Verwaltung besonders jener Provinzen, welche dem Padischah am fernsten liegen.
»Ich kann nicht!« erklärte der Makredsch entschieden.
»So folge uns in dein Loch!«
»Ich gehe nicht. Ich habe dich bezahlt!«
»Wir werden dich zu zwingen wissen.«
»So gieb mir mein Geld wieder heraus!«
»Es gehört mir. Bedenke, daß ich dich gefangen habe und verpflichtet bin, dir alles abzunehmen, was du bei dir trägst!«
»Ich würde auch diese Summe bezahlen, wenn ich sie hätte!«
»Du hast sie. Und wenn dein Beutel ja zu wenig enthält, so habe ich eine schöne Uhr bei dir gesehen, und an deinen Fingern glänzen Ringe, welche viel mehr wert sind, als das, was ich noch zu verlangen habe.«
»Es bleibt dabei, ich kann nicht! Fünfhundert Piaster will ich diesem Manne geben, der mein größter Feind ist.«
Er blitzte mir mit Augen entgegen, in denen der grimmigste Haß zu lesen war. Ich konnte nicht an seiner Feindschaft zweifeln.
»So hast du dein letztes Gebot gethan?« fragte der Kommandant.
»Ja.«
»Dann vorwärts! Folge uns!«
Er stand entschlossen auf; auch der Agha that dies.
Ich stand an der Thüre und trat zur Seite, um dem Mutesselim den Vortritt zu lassen. Aus dem Gürtel desselben blickte der Schlüssel hervor. Die Augen des Gefangenen leuchteten auf. Er that einen Sprung, riß den Schlüssel heraus, warf den Kommandanten auf den Agha, daß beide taumelnd an mich flogen und ich fast niedergerissen wurde, sprang zur Thüre hinaus und eilte den finstern Gang hinauf. Die Lampe war umgestürzt und Finsternis umhüllte auch uns.
»Ihm nach!« rief der Kommandant.
Der Makredsch wäre gerettet gewesen, wenn er die Geistesgegenwart gehabt hätte, die Thüre hinter sich zuzuwerfen und den Riegel vorzuschieben. Zeit dazu hätte er gehabt, denn die beiden Männer verwirrten sich ineinander, so daß ich, um schnell hinauszukommen, sie fassen und von der Thüre zurückschleudern mußte.
Schon hörte ich den Schlüssel im Schlosse klirren. Der Umstand, daß die Thüre bereits von mir geöffnet war, wurde dem Makredsch verderblich. Er wandte die Kraft der Verzweiflung an, mittels des Schlüssels den Riegel zurückzubewegen, ohne das Oeffnen der Thüre zu versuchen. Der Riegel aber konnte nicht nachgeben. Jetzt war ich dort und faßte ihn. Er hatte sich gegen mich gewendet und die Vorsicht gebraucht, nach meinem Gürtel zu langen. Ich fühlte dies und griff nieder. Es war ihm gelungen, mein Messer zu ergreifen, denn die Schneide desselben strich, mich verwundend, über die Außenfläche meiner Hand hinweg. Es war so dunkel, daß ich seine Bewegungen nicht sehen konnte. Ich griff ihm also, indem ich ihn mit der Rechten festhielt, mit der Linken nach seiner rechten Achsel und fuhr von derselben aus längs des Armes herab, um sein Handgelenk zu fassen. Es war grad die rechte Zeit gewesen, denn er hatte bereits den Arm erhoben, um zuzustoßen.
Mittlerweile waren die beiden anderen schreiend bei uns angekommen. Der Kommandant packte mich an.
»Lasse los, Mutesselim, ich bin es ja!«
»Hast du ihn fest?«
»Ja. Schließe die Thüre schnell zu, und brenne Licht an. Er kann uns nicht entkommen!«
»Kannst du ihn allein halten, Emir?« fragte der Agha.
»Ja.«
»So werde ich Licht holen!«
Der Kommandant verschloß die Thüre, getraute sich dann aber nicht, uns nahe zu kommen. Ich hatte den Gefangenen an die gegenüberliegende Wand gebracht, konnte ihn aber nicht zu Boden drücken, weil ich die Hand nicht frei bekam, welche mich vor dem Messer zu schützen hatte. Ich hielt ihn aber fest, bis nach einer sehr langen Zeit der Agha mit Licht erschien. Er hatte erst oben bei dem Sergeanten Oel holen müssen. Er stellte die Lampe auf eine der Treppenstufen und kam herbei.
»Nimm ihm das Messer,« bat ich.
Er entriß es ihm, und nun hatte ich freie Hand. Ich faßte den Makredsch bei der Brust. Er griff nach mir, aber augenblicklich bückte ich mich, und während seine beiden Hände in die Luft langten, faßte ich ihn am Unterbeine und riß dasselbe empor, so daß er das Gleichgewicht verlor und niederstürzte.
»Bindet ihn!« sagte ich.
»Womit?«
»Mit seinem Gürtel.«
Sie thaten es. Er lag still und ruhig und ließ es geschehen. Nach der großen Anstrengung war das Gefühl einer Ohnmacht über ihn gekommen.
»Halte ihm die Beine!« gebot der Mutesselim dem Agha.
Der Erstere leerte nun vor allen Dingen die Taschen des Gefangenen; dann zog er ihm auch die Ringe ab und steckte alles zu sich. Hierauf packte der Agha den Gefangenen bei einem der Beine und zog ihn bis vor seine Zelle, in welche er ihn hinabgleiten ließ. Dann wurde dieselbe zugeschlossen. Nun mußte Selim hinauf, um die Wächter frei zu lassen und ihnen die größte Wachsamkeit einzuschärfen.
»Nimm ihnen den Schlüssel zum Thore ab!« rief ihm der Kommandant zu. »Dann kann niemand öffnen, und auch sie nicht.«
Selim that dies, und dann verließen wir das Gefängnis.
Draußen blieb der Mutesselim stehen. Er war jetzt vollständig ernüchtert, indem er sagte:
»Agha, ich werde nun das Verzeichnis von allem anfertigen, was der Makredsch bei sich hatte; denn ich habe alles mit ihm nach Mossul zu senden. Du wirst es unterzeichnen, damit ich beweisen kann, daß ich die Wahrheit geschrieben habe, falls ihm einfallen sollte, zu behaupten, daß er mehr gehabt habe!«
»Wann soll ich kommen?« fragte Selim.
»Zur gewöhnlichen Zeit.«
»Und den Schlüssel behältst du?«
»Ja. Vielleicht gehe ich des Nachts noch einmal hierher. Gute Nacht, Emir! Du warst mir heute von großem Nutzen und wirst mir sagen, wie ich dir dankbar sein kann.«
Er ging, und wir wandten uns unserer Wohnung zu.
»Effendi!« meinte der Agha mit sehr bedenklicher Stimme.
»Was?«
»Ich hatte siebentausend Piaster am Boden liegen!«
»Und freutest dich darauf?«
»Sehr!«
»Laß sie dir geben!«
»Ich? Geben? Weißt du, wie es morgen sein wird?«
»Nun?«
»Er wird ein Verzeichnis aufstellen, in welchem steht, daß der Makredsch tausend Piaster bei sich gehabt hat, und ich werde es unterschreiben. Das übrige, die Uhr und die Ringe behält er zurück, und ich werde dafür die große Summe von hundert Piastern erhalten.«
»Und wirst dich auch darüber freuen!«
»Zu Tode ärgern werde ich mich!«
»Das Verzeichnis erhält der Basch Tschausch?«
»Ja.«
»So wirst du mehr erhalten.«
»Wer sollte es mir geben?«
»Der Mutesselim oder ich.«
»Ich weiß, daß du ein barmherziges Herz besitzest. Oh Effendi, wenn du nur wenigstens noch ein wenig von deiner Arznei übrig hättest!«
»Ich habe noch davon. Willst du sie haben?«
»Ja.«
»Ich werde dir davon in die Küche bringen.«
Wir fanden die Thüre nicht verschlossen. In der Küche lag die >Myrte< auf einigen alten Fetzen, die ihr des Tages als Hadern und des Nachts als Lager dienten, und schlief den Schlaf der Gerechten.
»Mersinah!« rief der Agha.
Sie hörte nicht.
»Laß sie schlafen,« bat ich. »Ich werde dir die Arznei bringen, und dann magst du dich zur Ruhe begeben, die du so nötig brauchst.«
»Allah weiß es, daß ich sie verdient habe!«
Ich fand oben die Beteiligten alle in der Stube des Haddedihn versammelt. Sie brachten mir einen zu lauten Schwall von Worten entgegen, so daß ich Ruhe gebieten mußte. Ich befriedigte zunächst den Agha und überzeugte mich, daß er schlafen ging; dann kehrte ich zu ihnen zurück.
Amad el Ghandur hatte die neue Kleidung angelegt und war von seinem Vater rasiert und gereinigt worden. Nun bot er einen ganz andern Anblick dar, als vorher in der Zelle. Die Aehnlichkeit mit seinem Vater war ganz unverkennbar. Er hatte sich erhoben und trat mir entgegen.
»Emir, ich bin ein Beni Arab und kein plaudernder Grieche. Ich habe gehört, was du meinem Stamme und mir gethan. Mein Leben gehört dir, auch alles, was ich habe!«
Das war einfach gesprochen, aber es kam aus einem vollen Herzen.
»Noch bist du nicht in Sicherheit. Mein Diener wird dich in dein Versteck bringen,« antwortete ich.
»Ich bin bereit. Wir warteten nur auf dich.«
»Kannst du klettern?«
»Ja. Ich werde das Versteck erreichen, trotzdem ich schwach geworden bin.«
»Hier hast du meinen Lasso. Wenn dir die Kräfte fehlen, so mag Hadschi Halef Omar voranklettern und dich ziehen. Hast du Waffen?«
»Dort liegen sie; der Vater hat sie mir gekauft. Hier hast du deinen Dolch. Ich danke dir!«
»Und Nahrung?«
»Es ist alles eingepackt.«
»So geht! Wir werden dich bald abholen.«
Der Sohn des Scheik verließ mit Halef vorsichtig das Haus, und bald schlich auch ich mich fort, seine alten Kleider am Arme. Ich gelangte unbemerkt in die Nähe der Schlucht, riß den Haïk in Fetzen und hing dieselben an die Felskanten und Zweige des Gestrüppes, welches dort stand.
Zu Hause angekommen, wurde ich von dem Engländer in seine Stube geführt. Er hatte ein sehr zorniges Angesicht.
»Herein kommen und setzen, Sir!« sagte er. »Schlechte Wirtschaft! Miserabel hier!«
»Warum?«
»Sitze bei diesen Arabern und verstehe kein Wort! Mein Wein wird alle, mein Tabak wird alle, und ich werde auch alle! +Yes!+«
»Ich stehe Euch ja zu Diensten, um alles zu erzählen!«
Ich mußte ihm seinen Willen thun, obgleich ich mich nach Ruhe sehnte. Doch hätte ich immerhin erst Halefs Rückkehr erwarten müssen. Dieser ließ sehr lange auf sich warten, und als er kam, begann bereits der Tag zu grauen.
»Wie ist's?« fragte Master Lindsay. »Glücklich angekommen auf Villa?«
»Mit einiger Mühe!«
»+Well!+ Halef hat Kleider zerrissen. Hier, Halef, Bakschisch!«
Der Hadschi verstand die englischen Worte nicht, wohl aber das letzte des Satzes. Er streckte die Hand aus und erhielt ein Hundertpiasterstück.
»Neuen Mantel kaufen; sagt es ihm, Sir!« -- -- --
So war denn dieser schlimme Abend vorüber, und ich konnte mich, wenigstens für einige Stunden, zur Ruhe legen, die ich denn auch in einem sehr tiefen, traumlosen Schlafe genoß. Ich erwachte nicht von selbst aus demselben, sondern es weckte mich eine sehr laute, hastige Stimme:
»Effendi! Emir! Wache auf! Schnell!«
Ich blickte von meinem Lager empor. Selim Agha stand vor mir, ohne Oberkleid und Turban. Die Scheitellocke hing ihm schreckensmatt in das Gesicht hinab; der Schnurrbart sträubte sich voll Entsetzen zu ihr empor, und die von dem genossenen Weine noch trüben Augen versuchten ein Rollen, welches sehr unglücklich ausfiel.
»Was giebt es?« fragte ich sehr ruhig.
»Erhebe dich! Es ist etwas Entsetzliches geschehen!«
Erst nach und nach brachte ich aus ihm heraus, daß der Mutesselim die Flucht des jungen Arabers entdeckt habe und nun in fürchterlicher Wut sei. Der geängstigte Agha bat mich inständig, mit ihm in das Gefängnis zu gehen und den Mutesselim zu beschwichtigen.
In kurzer Zeit befanden wir uns auf dem Wege. Unter der Gefängnisthüre wartete der Mutesselim auf den Agha. Er dachte gar nicht daran, mich zu begrüßen, sondern faßte Selim beim Arme und zog ihn in den Gang hinein, in welchem die zitternden Wächter standen.
»Unglücklicher, was hast du gethan!« brüllte er ihn an.
»Ich, Herr? Nichts, gar nichts habe ich gethan!«
»Das ist ja eben dein Verbrechen, daß du nichts, gar nichts gethan hast! Du hast nicht aufgepaßt!«
»Wo sollte ich aufpassen, Effendi?«
»Hier im Gefängnisse natürlich!«
»Ich konnte ja nicht herein!«
Der Mutesselim starrte ihn an. Dieser Gedanke schien ihm noch gar nicht gekommen zu sein.
»Ich hatte ja keinen Schlüssel!« fügte der Agha hinzu.
»Keinen Schlüssel -- -- --! Ja, Agha, das ist wahr, und das ist auch dein Glück, sonst wäre dir sehr Uebles widerfahren. Komm her und sieh einmal in das Loch hinab!«
Wir schritten den Gang entlang. Die Zellenthüre war geöffnet, und in dem Loche war nichts zu sehen, als das Loch.
»Fort!« meinte der Agha.
»Ja, fort!« zürnte der Mutesselim.
»Wer hat ihm aufgemacht?«
»Ja, wer? Sage es, Agha!«
»Ich nicht, Herr!«
»Ich auch nicht! Nur die Wächter waren da.«
Der Agha drehte sich nach diesen um.
»Kommt einmal her, ihr Hunde!«
Sie traten zögernd näher.
»Ihr habt hier geöffnet!«
Der Sergeant wagte es, zu antworten:
»Agha, es hat keiner von uns einen Riegel berührt. Wir haben die Thüren erst am Nachmittage zu öffnen, wenn das Essen gegeben wird, und so ist nicht eine einzige geöffnet worden.«
»So war ich der erste, welcher diese Thüre hier öffnete?« fragte der Kommandant.
»Ja, Effendi!«
»Und als ich öffnete, war das Loch leer. Er ist entflohen. Aber wie hätte er herausgekonnt? Gestern abend war er noch da; jetzt ist er fort. Zwischen dieser Zeit seid nur ihr dagewesen. Einer von euch hat ihn herausgelassen!«
»Ich schwöre bei Allah, daß wir diese Thüre nicht geöffnet haben!« versicherte zitternd der Sergeant.
»Mutesselim,« nahm ich jetzt das Wort, »diese Leute haben keinen Thorschlüssel gehabt. Wenn einer von ihnen den Gefangenen herausgelassen hätte, so müßte er noch im Hause sein.«
»Du hast recht; ich habe ja alle beide Schlüssel,« meinte er. »Wir werden alles durchsuchen.«
»Und schicke auch auf die Wache, um die Mauern der Stadt und die Klippen zu untersuchen. Wenn er die Stadt verlassen hat, so ist es sicher nicht durch eines der Thore, sondern über die Mauer weg geschehen, und dann glaube ich bestimmt, daß eine Spur von ihm gefunden wird. Seine Kleidung ist in diesem Loche so verschimmelt und vermodert, daß sie den Weg über die Felsen gewiß nicht ausgehalten hat.«
»Ja,« gebot er einem der Arnauten, »laufe eilig zur Wache und bringe meinen Befehl, daß die ganze Stadt durchsucht werde.«
Es begann jetzt ein sehr sorgfältiges Durchsuchen des Gefängnisses, welches wohl eine ganze Stunde dauerte. Natürlich aber wurde nicht die geringste Spur von dem Entflohenen entdeckt. Eben wollten wir das Gefängnis verlassen, als zwei Arnauten erschienen, welche mehrere Kleiderfetzen trugen.
»Wir fanden diese Stücke draußen über dem Abgrund hangen,« meldete der eine.
Der Agha nahm das Zeug in die Hand und prüfte es.
»Effendi, das ist von dem Ueberkleide des Gefangenen,« berichtete er dem Mutesselim. »Ich kenne es genau!«
»Bist du dessen sicher?«
»So sicher wie meines Bartes.«
»So ist er dennoch aus diesem Hause entkommen!«
»Aber wohl in den Abgrund gestürzt,« fügte ich hinzu.
»Laßt uns gehen und nachsehen!« gebot er.
Wir verließen das Gefängnis und kamen an den Ort, an welchem ich das Gewand zerrissen und verteilt hatte. Ich wunderte mich jetzt am Tage, daß ich nicht während der nächtlichen Dunkelheit hinab in den Schlund gestürzt war. Der Mutesselim besah sich das Terrain.
»Er ist hinuntergestürzt und sicher tot. Von da unten ist kein Auferstehen! Aber wann ist er entkommen?«
Diese Frage blieb natürlich unbeantwortet, so sehr sich der Kommandant während einiger Stunden auch Mühe gab, dem Geheimnisse auf die Spur zu kommen. Er wütete und tobte gegen einen jeden, der ihm nahe kam, und so war es kein Wunder, wenn ich seine Nähe mied. Die Zeit wurde mir trotzdem nicht lang, denn ich hatte genug zu thun. Zunächst wurde ein Pferd für Amad el Ghandur eingekauft, und dann ging ich zu meiner Patientin, die ich bis jetzt vernachlässigt hatte.
Vor der Thüre des Hauses stand ein gesatteltes Maultier; es war für ein Frauenzimmer bestimmt. Im Vordergemach stand der Vater, welcher mich mit Freuden bewillkommnete.
Ich fand die Kranke aufrecht sitzend; ihre Wangen waren bereits wieder leicht gerötet und ihre Augen frei von allen Spuren des Unfalles. An ihrem Lager standen die Mutter und die Urahne. Diese letztere befand sich in Reisekleidern. Sie hatte über ihr weißes Gewand einen schwarzen, mantelähnlichen Umhang geschlagen und auf ihrem Kopfe war ein ebenfalls schwarzer Schleier befestigt, welcher jetzt über den Rücken hinabhing. Das Mädchen reichte mir sofort die Hand entgegen.
»Oh, ich danke dir, Effendi, denn nun ist es sicher, daß ich nicht sterben werde!«
»Ja, sie wird leben,« sagte die Alte. »Du bist das Werkzeug Gottes und der heiligen Jungfrau gewesen, mir ein Leben zu erhalten, welches mir teurer ist, als alles auf Erden. Reichtümer darf ich dir nicht bieten, denn du bist ein großer Emir, der da alles hat, was er braucht; aber sage mir, wie ich dir danken soll, Effendi!«
»Danke Gott anstatt mir, dann kommt dein Dank an die rechte Stelle; denn er ist es gewesen, der dein Enkelkind gerettet hat!«
»Ich werde es thun und auch für dich beten, Herr, und das Gebet eines Weibes, welches bereits nicht mehr der Erde angehört, wird Gott erhören. Wie lange bleibst du in Amadijah?«
»Nicht lange mehr.«
»Und wohin gehest du?«
»Das soll niemand wissen, denn es wird vielleicht Gründe geben, es zu verschweigen. Euch aber kann ich sagen, daß ich nach Sonnenaufgang reiten werde.«