Part 16
»Wir werden kommen. Unternimm ja nichts Vorschnelles; das könnte dich und deinen Vater in große Gefahr versetzen.«
»Ich werde eine ganze Woche warten. Seid ihr dann noch nicht gekommen, so handle ich selbst.«
»Gut! Wenn es geht, werde ich dir noch diese Nacht Speise, Licht und Feuerzeug durch das Fenster bringen. Vielleicht können wir auch miteinander sprechen. Wenn es ohne Gefahr geschehen kann, sollst du die Stimme deines Vaters hören. Jetzt, lebe wohl; ich muß gehen!«
»Herr, reiche mir deine Hand!«
Ich hielt sie ihm entgegen. Er drückte sie mit beiden Händen, daß es mich schmerzte.
»Allah segne diese Hand, solange sie sich bewegt, und wenn sie sich zum Todesschlaf gefaltet hat, so möge dein Geist sich im Paradiese freuen der Stunde, in welcher du mein Engel wurdest! Jetzt gehe, damit dir nichts widerfahre!«
Ich verschloß das Gefängnis und begab mich leise zum Agha zurück. Er schlief und schnarchte noch immer, und ich setzte mich nieder. So saß ich wohl eine ganze Stunde lang, bis ich Schritte vernahm, welche vor der Hausthür halten blieben. Schnell zog ich die bisher offene Thüre zu und rüttelte den Agha munter. Es war dies keine leichte Arbeit, besonders da sie schnell geschehen mußte. Ich stellte ihn aufrecht empor. Er starrte mich verwundert an.
»Du, Emir? Wo sind wir?«
»Im Gefängnisse. Raffe dich zusammen!«
Er schaute sich verdutzt um.
»Im Gefängnisse? Ah! Wie kommen wir hierher?«
»Denke an den Juden und an die Arznei; denke auch an den Sergeant, den wir überraschen wollen!«
»Den Serg-- -- -- Maschallah, jetzt weiß ich es! Ich habe geschlafen. Wo ist er? Ist er noch nicht da?«
»Sprich leiser! Hörst du? Sie stehen noch unter der Thüre und reden miteinander. Reibe dir den Schlaf aus dem Gesichte!«
Der gute Selim sah sehr jämmerlich aus; aber er hatte wenigstens die Besinnung wieder gefunden und vermochte ohne Schwanken aufrecht zu stehen. Und jetzt, als die Hausthür verschlossen wurde, nahm er die Lampe in die Hand, stieß unsere Thüre auf und trat in den Gang hinaus. Ich folgte ihm. Die Uebelthäter blieben erschrocken stehen, während er auf sie zuschritt.
»Wo kommt ihr her, ihr Hunde?« fuhr er sie an.
Seine Stimme klang wie Donner in dem langen, schmalen Raum.
»Vom Kawedschi,« antwortete der Sergeant nach einigem Zögern.
»Vom Kawedschi! Während ihr hier wachen sollt! Wer hat euch die Erlaubnis erteilt, fortzugehen?«
»Niemand!«
Die Leute zitterten vor Angst; sie dauerten mich. Ihre Nachlässigkeit war mir ja von so großem Vorteile gewesen. Trotz des kleinen Flämmchens sah ich, wie schrecklich der Agha seine Augen rollen ließ. Die Spitzen seines Bartes bebten, und seine Hand ballte sich vor Wut. Aber er mochte bemerken, daß er denn doch noch nicht ganz fest auf den Füßen stehe, und daher besann er sich eines Besseren.
»Morgen erhaltet ihr eure Strafe!«
Er setzte die Lampe auf eine der Treppenstufen und wandte sich zu mir:
»Oder meinst du vielleicht, Emir, daß ich gleich jetzt das Urteil fälle? Willst du haben, daß ich den einen durch die andern auspeitschen lasse?«
»Verschiebe ihre Züchtigung bis morgen, Selim Agha! Sie kann ihnen ja nicht entgehen.«
»Ich thue deinen Willen. Komm!«
Er öffnete die Thüre und verschloß sie von draußen wieder.
Wir gingen nach Hause, wo uns die >Myrte< erwartete.
»Warest du so lange beim Mutesselim?« fragte sie ihn argwöhnisch.
»Mersinah,« antwortete er, »ich sage dir, daß wir eingeladen wurden, bis zum frühen Morgen zu bleiben; aber ich wußte dich allein zu Hause und habe darum die Gastfreundlichkeit des Kommandanten abgeschlagen. Ich will nicht haben, daß dir die Russen den Kopf abschneiden. Es giebt Krieg!«
Sie schlug erschrocken die Hände zusammen.
»Krieg? Zwischen wem denn?«
»Zwischen den Türken, Russen, Persern, Arabern und Kurden. Die Russen stehen bereits mit hunderttausend Mann und dreitausend Kanonen vier Stunden von hier in Serahru.«
»O Allah! Ich sterbe; ich bin bereits tot! Mußt du auch mitkämpfen?«
»Ja. Fette mir noch heute nacht die Stiefel ein! Aber laß keinen Menschen etwas wissen. Der Krieg ist jetzt noch Staatsgeheimnis, und die Leute von Amadijah sollen es erst erfahren, wenn die Russen morgen die Stadt umzingelt haben.«
Sie taumelte und setzte sich ganz entkräftet auf den ersten besten Topf, der in ihrer Nähe stand.
»Schon morgen! Morgen sind sie wirklich da?«
»Ja.«
»Und sie werden schießen?«
»Sehr!«
»Selim Agha, ich werde dir deine Stiefel nicht einschmieren!«
»Warum nicht?«
»Du darfst nicht Krieg führen helfen; du sollst nicht erschossen werden!«
»Gut! Das ist mir sehr lieb, denn dann kann ich schlafen gehen. Gute Nacht, Effendi! Gute Nacht, meine süße Mersinah!«
Er trat ab. Die Blume des Hauses blickte ihm etwas verwundert nach; dann erkundigte sie sich:
»Emir, ist es wahr, daß die Russen kommen?«
»Das ist noch ein wenig ungewiß. Ich glaube, daß der Agha die Sache etwas zu ernst genommen hat.«
»O, du träufelst Balsam in mein verwundetes Herz. Ist es nicht möglich, sie von Amadijah abzuhalten?«
»Wir wollen uns das überlegen. Hast du die Kaffeesorten auseinander gelesen?«
»Ja, Herr. Es ist das eine sehr schlimme Arbeit gewesen; aber dieser böse Hadschi Halef Omar ließ mir keine Ruhe, bis ich fertig war. Willst du es sehen?«
»Zeige her!«
Sie brachte die Büchse und die Tüte herbei, und ich überzeugte mich, daß sie sich allerdings große Mühe gegeben hatte.
»Und wie wird dein Urteil lauten, Emir?«
»Es lautet gut für dich. Da deine zarten Hände diese Bohnen so oft berühren mußten, so soll der Kaffee dein Eigentum sein. Auch das Geschirr, welches ich heute einkaufte, gehört dir; die Gläser aber schenke ich dem wackeren Selim Bey.«
»O Effendi, du bist ein gerechter und weiser Richter. Du hast mehr Güte, als ich Töpfe hatte, und dieser duftende Kaffee ist ein Beweis deiner Herrlichkeit. Allah mag das Herz der Russen lenken, daß sie nicht kommen und dich nicht erschießen. Denkst du, daß ich heute noch ruhig schlafen kann?«
»Das kannst du; ich versichere es dir!«
»Ich danke dir, denn die Ruhe ist noch das einzige, an dem ein geplagtes Weib sich freuen kann!«
»Schläfst du hier unten, Mersinah?«
»Ja.«
»Aber nicht in der Küche, sondern nach vorn hinaus?«
»Herr, eine Frau gehört in die Küche und schläft auch in der Küche.«
Hm! Das war unangenehm. Uebrigens kam mir der dumme Witz des Agha sehr ungelegen. Die >Myrte< schlief heute gewiß nicht gleich ein. Ich stieg nach oben, ging aber, anstatt in mein Zimmer, in dasjenige des Haddedihn. Er hatte sich bereits schlafen gelegt, erwachte aber sofort. Ich erzählte ihm mein Abenteuer im Gefängnis, und er ward des Staunens voll.
Wir packten dann Eßwaren nebst Licht und Feuerzeug ein und schlichen uns nach einer leeren Stube, welche an der Hochseite des Hauses lag. Sie hatte nur ein Fenster, das heißt, eine viereckige Oeffnung, welche durch einen Laden verschlossen war. Dieser war nur angelehnt, und als ich hinausblickte, sah ich das glatte Dach, welches diese Seite des kleinen Hofes umschirmte, nur fünf Fuß unter mir. Wir stiegen hinaus und von dem Dache in den Hof hinab. Die Thüre des letzteren war verschlossen; wir befanden uns also allein und gingen in den Garten, in welchem einst die schöne Esma Khan geduftet hatte. Nun trennte uns von dem Gefängnisse nur eine Mauer, deren Höhe wir mit der Hand erreichen konnten.
»Warte,« bat ich den Scheik. »Ich will der Sicherheit wegen erst sehen, ob wir auch wirklich unbeobachtet sein werden.«
Ich schwang mich leise hinauf und drüben wieder hinab. Aus dem ersten kleinen Fensterloche rechts im Parterre sah ich einen fahlen Lichtschein. Dort war die Stube, in welcher der Agha geschlafen hatte. Und dort saßen jetzt wohl die Arnauten, die vor Angst nicht schlafen konnten. Das nächste, also das zweite Fenster gehörte zu dem Raume, in welchem Amad el Ghandur auf uns wartete.
Ich durchsuchte den schmalen Hofraum, ohne auf etwas Verdachterregendes zu stoßen, und fand auch die Thüre verschlossen, welche aus dem Gefängnisse in den Hof führte. Nun kehrte ich zu der Stelle der Mauer zurück, hinter welcher der Haddedihn stand.
»Mohammed!«
»Wie ist es?«
»Alles sicher. Kannst du herüber?«
»Ja.«
»Aber leise!«
Er kam.
Wir huschten über den Hof hinüber und standen nun unter dem Fensterchen, welches ich beinahe mit der Hand erreichen konnte.
»Bücke dich, Scheik, stütze dich gegen die Wand und stemme die Hände auf die Kniee!«
Er that es, und ich stieg auf seinen Rücken, welcher jetzt eine beinahe wagrechte Lage angenommen hatte. Ich stand mit dem Gesicht grad vor dem Loche des Kerkers.
»Amad el Ghandur!« sprach ich in dasselbe hinein und hielt dann schnell das Ohr hin.
»Herr, bist du es?« klang es hohl von unten herauf.
»Ja.«
»Ist mein Vater auch da?«
»Er ist hier. Er wird dir Speise und Licht an einer Schnur herablassen und dann mit dir sprechen. Warte; er wird gleich oben sein.«
Ich stieg von dem Rücken des Arabers herab.
»War ich schwer?«
»Lange ist es nicht auszuhalten, denn die Stellung ist zu unbequem.«
»So werden wir es jetzt anders machen, da du jedenfalls nicht nur einen kurzen Augenblick mit deinem Sohne reden willst: du kniest auf meine Achseln; dann kann ich aufrecht stehen und es so lange aushalten, wie es dir beliebt.«
»Hat er dich gehört?«
»Ja. Er fragte nach dir. Ich habe in der Tasche eine Schnur, an welcher du das Paket hinablassen kannst.«
Die Schnur wurde befestigt; ich bildete mit auf dem Rücken gefalteten Händen einen Tritt, auf welchen er den Fuß setzen konnte, und er stieg auf. Nachdem ich meine Hände an seine Kniee gelegt hatte, so daß er nicht abrutschen konnte, kniete er auf meinen Achseln so sicher wie zur ebenen Erde. Er ließ das Päckchen hinab, und nun begann ein leises, aber desto eifrigeres Zwiegespräch, von dem ich nur den von Mohammed Emin gesprochenen Teil vernehmen konnte. Dazwischen hinein fragte mich der Scheik zuweilen, ob er mir nicht zu schwer werde. Er war ein langer, starker Mann, und deshalb war es mir schon recht, als er nach ungefähr fünf Minuten zu Boden sprang.
»Emir, er muß heraus; ich kann es nicht erwarten,« sagte er.
»Vor allen Dingen wollen wir gehen. Steig einstweilen voran; ich will dafür sorgen, daß man am Tage keine Fußspur findet.«
»Der Boden ist ja hart wie Stein!«
»Vorsicht ist besser als Nachlässigkeit.«
Er ging voran, und ich folgte bald nach. In kurzer Zeit waren wir auf demselben Wege, den wir gekommen waren, zurückgekehrt und befanden uns in dem Zimmer des Scheik.
Er wollte nun sogleich einen Plan zur Befreiung seines Sohnes mit mir beraten; ich aber empfahl ihm, darüber zu schlafen, und schlich mich auf mein Zimmer.
Am andern Morgen besuchte ich zunächst meine Patientin; sie hatte nichts mehr zu befürchten. Die Mutter war ganz allein bei ihr, wenigstens bekam ich weiter niemand zu sehen. Sodann machte ich einen Gang durch und um die Stadt, um eine Stelle in der Mauer ausfindig zu machen, an der es möglich war, hinaus in das Freie zu gelangen, ohne das Thor passieren zu müssen. Es gab eine, aber sie war nicht für Pferde, sondern nur für Fußgänger zu passieren.
Als ich wieder nach Hause kam, hatte sich Selim Agha erst vom Lager erhoben.
»Emir, jetzt ist es Tag,« meinte er.
»Bereits schon lange,« antwortete ich.
»O, ich meine, daß man nun besser als gestern über unsere Sache reden kann.«
»Unsere Sache?«
»Ja, unsere. Du bist ja auch dabei gewesen. Soll ich Anzeige machen oder nicht? Was meinst du, Effendi?«
»Ich an deiner Stelle würde es unterlassen.«
»Warum?«
»Weil es besser ist, es wird gar nicht davon gesprochen, daß du während der Nacht im Gefängnisse gewesen bist. Deine Leute haben jedenfalls bemerkt, daß dein Gang nicht ganz sicher war, und sie könnten dies bei ihrer Vernehmung mit in Erwähnung bringen.«
»Das ist wahr! Als ich vorhin erwachte, sah mein Anzug sehr schlimm aus, und ich habe lange reiben müssen, um den Schmutz wegzubringen. Ein Wunder, daß dies Mersinah nicht gesehen hat! Also du meinst, ich soll die Anzeige unterlassen?«
»Ja. Du kannst ja den Leuten einen Verweis geben, und deine Gnade wird sie blenden wie ein Sonnenstrahl.«
»Ja, Effendi, ich werde ihnen zunächst eine fürchterliche Rede halten!«
Seine Augen rollten wie das Luftrad einer Stubenventilation. Dann standen sie plötzlich still, und sein Gesicht nahm einen sehr sanftmütigen Ausdruck an.
»Und dann werde ich sie begnadigen, wie ein Padischah, der das Leben und das Eigentum von Millionen Menschen zu verschenken hat.«
Er wollte gehen, blieb aber unter der Thüre halten; denn draußen war ein Reiter abgestiegen, und ich hörte eine bekannte Stimme fragen:
»Sallam, Herr! Bist du vielleicht Selim Agha, der Befehlshaber der Albanesen?«
»Ja, der bin ich. Was willst du?«
»Wohnt bei dir ein Effendi, welcher Hadschi Emir Kara Ben Nemsi heißt, und zwei Effendi, einen Diener und einen Baschi-Bozuk bei sich hat?«
»Ja. Was soll er?«
»Erlaube, daß ich mit ihm spreche!«
»Hier steht er.«
Selim trat zur Seite, so daß der Mann mich sehen konnte. Es war kein anderer als Selek, der Dschesidi aus Baadri.
»Effendi,« rief er mit großer Freude, »erlaube, daß ich dich begrüße!«
Wir reichten einander die Hände; dabei sah ich, daß er ein Pferd Ali Beys ritt, welches dampfte. Er war jedenfalls sehr rasch geritten. Es war zu vermuten, daß er mir eine Botschaft, und zwar eine sehr wichtige, zu überbringen hatte.
»Führe dein Pferd in den Hof und komme dann herauf zu mir!« wies ich ihn an.
Als wir uns in meiner Stube und also allein befanden, griff er in den Gürtel und zog einen Brief hervor.
»Von wem?«
»Von Ali Bey.«
»Wer hat ihn geschrieben?«
»Mir Scheik Khan, der Oberste der Priester.«
»Wie hast du meine Wohnung gefunden?«
»Ich frug gleich am Thore nach dir.«
»Und woher weißt du, daß zwei Effendi bei mir sind? Als ich bei euch war, hatte ich nur einen bei mir.«
»Ich erfuhr es in Spandareh.«
Ich öffnete den Brief. Er enthielt sehr Interessantes, einige gute Nachrichten, welche die Dschesidi betrafen, und eine schlimme, welche sich auf mich bezog.
»Was? Einen solchen Erfolg hat die Gesandtschaft Ali Beys gehabt?« fragte ich. »Der Anadoli Kasi Askeri[79] ist mit ihr nach Mossul gekommen?«
»Ja, Herr. Er liebt unsern Mir Scheik Khan und hat eine strenge Untersuchung gehalten. Der Mutessarif wird weggenommen; an seine Stelle kommt ein anderer.«
»Und der Makredsch von Mossul ist entflohen?«
»So ist es. Er war an allen Fehlern schuld, die der Mutessarif gemacht hat. Es haben sich sehr schlimme Dinge herausgestellt. Seit elf Monaten hat kein Unter-Gouverneur die nötigen Gelder und kein Befehlshaber und kein Soldat seinen Sold erhalten. Die Demütigung der Araber, welche die hohe Pforte anbefohlen hatte, blieb unterlassen, weil er alle Summen einsteckte, welche dazu erforderlich waren. Und so noch vieles andere. Die Khawassen, welche den Makredsch gefangen nehmen sollten, sind zu spät gekommen; er war fort. Darum haben alle Beys und Kajahs der Umgegend den Befehl erhalten, ihn festzunehmen, sobald er sich sehen läßt. Der Anadoli Kasi Askerie vermutet, daß er nach Bagdad geflohen sei, weil er ein Freund des dortigen Weli[80] gewesen ist.«
»Das ist wohl eine falsche Vermutung! Der Flüchtling ist sicher in die Berge geflohen, wo er schwerer zu ergreifen ist, und wird lieber nach Persien als nach Bagdad gehen. Das Reisegeld kann er unterwegs sehr leicht erhalten. Er ist der Oberrichter sämtlicher Untergerichtshöfe, deren Gelder ihm zu Gebote stehen.«
»Du hast recht, Effendi! Noch gestern abend haben wir erfahren, daß er am Morgen des vorigen Tages in Alkosch und am Abend bereits in Mungayschi gewesen ist. Es scheint, daß er nach Amadijah gehen wolle, aber auf einem Umwege, weil er die Ortschaften der Dschesidi fürchtet, die er überfallen hat.«
»Ali Bey vermutet mit Recht, daß mir sein Eintreffen hier große Schwierigkeiten bereiten kann. Er wird mir sehr hinderlich sein, und ich kann leider nicht beweisen, daß er selbst ein Flüchtling ist.«
»O, Emir, Ali Bey ist klug. Als er von dem Makredsch hörte, befahl er mir, sein bestes Pferd zu satteln und die ganze Nacht zu reiten, um noch vor dem Oberrichter hier einzutreffen, falls dieser wirklich die Absicht haben sollte, nach Amadijah zu kommen. Und als ich Baadri verließ, gab er mir zwei Schreiben mit, die er aus Mossul erhalten hat. Hier sind sie; du sollst sehen, ob du sie gebrauchen kannst.«
Ich öffnete sie und las. Das eine war der Brief des Anadoli Kasi Askeri an Mir Scheik Khan, in welchem diesem die Absetzung des Mutessarif und des Makredsch mitgeteilt wurde. Das andere enthielt die amtliche Weisung an Ali Bey, den Makredsch festzunehmen und nach Mossul zu transportieren, sobald er sich auf dessen Gebiete sehen lasse. Beide waren mit der Unterschrift und dem großen Siegel des Kasi Askerie versehen.
»Diese Papiere sind mir allerdings sehr wichtig. Wie lange kann ich sie behalten?«
»Sie sind ganz dein.«
»Also vorgestern abend ist der Makredsch in Mungayschi gewesen?«
»Ja.«
»So könnte er heute hier ankommen, und ich brauche diese Schreiben bloß für diesen Tag. Kannst du so lange warten?«
»Ich warte so lange, wie du befiehlst, Emir!«
»So gehe jetzt zwei Thüren weiter! Dort wirst du Bekannte treffen, nämlich Hadschi Halef und den Buluk Emini.«
Die Nachricht, daß der Makredsch nach Amadijah kommen könne, hatte mich zunächst mit Besorgnis erfüllt; sobald ich mich aber in dem Besitze der beiden Schriftstücke sah, mußte diese Besorgnis schwinden, und ich konnte seinem Kommen mit Ruhe entgegensehen. Ja, ich glaubte bereits, daß die Kunde von der Absetzung des Mutessarif eine Freilassung des gefangenen Haddedihn zur Folge haben könne, kam aber von dem Gedanken zurück, als ich las, daß die Feindseligkeiten gegen die Araber nicht als eine Privatsache des Mutessarif, sondern auf Befehl der Pforte unternommen seien.
Am Nachmittage trat die >Myrte< in meine Stube.
»Effendi, willst du mit in das Gefängnis?«
Das kam mir erwünscht, aber ich mußte doch erst mit Mohammed Emin reden. Darum sagte ich:
»Ich habe jetzt keine Zeit.«
»Du hast es mir aber doch versprochen und auch gesagt, daß du den Gefangenen erlauben willst, einiges von mir zu kaufen!«
Der Rose von Amadijah schien sehr viel an dem Gewinne zu liegen, den dieser kleine Handel ihr jedenfalls einbrachte.
»Ich würde mein Wort halten; aber ich habe leider erst in einer Viertelstunde Zeit.«
»So warte ich, Emir! Aber wir können doch nicht mitsammen gehen!«
»Ist Selim Agha dabei?«
»Nein. Er hat jetzt Dienst bei dem Mutesselim.«
»So befiehl dem Sergeanten, daß er mir öffnen möge. In diesem Falle kannst du bereits jetzt gehen, und ich werde nachkommen.«
Sie verschwand mit heiterem Angesichte. Sie schien es gar nicht der Mühe wert zu halten, daran zu denken, ob der Sergeant mir den Zutritt erlauben werde, da ich doch weder ein Recht dazu hatte, noch die Erlaubnis seines Vorgesetzten nachweisen konnte. Natürlich ging ich sofort zu Mohammed Emin und setzte ihn von meinem bevorstehenden Besuche im Gefängnis in Kenntnis. Ich empfahl ihm, zur Flucht bereit zu sein und zunächst für seinen Sohn durch Halef heimlich einen türkischen Anzug kaufen zu lassen. Dann brannte ich mir einen Tschibuk an und stieg mit gravitätischen Schritten durch die Gassen. Als ich das Gefängnis erblickte, sah ich die Thüre desselben offen. Der Sergeant stand unter derselben.
»Sallam!« grüßte ich kurz und würdevoll.
»Sallam aaleïkum!« antwortete er. »Allah segne deinen Eintritt in dieses Haus, Emir! Ich habe dir viel Dank zu sagen.«
Ich trat ein, und er verschloß die Thüre wieder.
»Dank?« fragte ich nachlässig. »Wofür?«
»Selim Agha war hier. Er war sehr zornig. Er wollte uns peitschen lassen, aber endlich sagte er, daß wir Gnade finden sollen, weil du für uns gebeten hast. Sei so gütig, mir zu folgen.«
Wir stiegen die Treppe empor, welche zu finden und zu passieren mir der Agha gestern so viele Mühe gemacht hatte. Auf dem Gange stand Mersinah mit einem blechernen Kessel, welcher eine Mehlbrühe enthielt, die ganz das Ansehen hatte, als ob sie aus dem Spülwasser ihrer Küche und Schlafstätte bestehe, und auf dem Boden lag das Brot, welches ihre zarten Hände gebacken hatten. Es war einst auch Mehlwasser gewesen, hatte aber durch Feuer und anhaftende Kohlenreste eine feste Gestalt bekommen. Neben ihr standen die Arnauten, mit leeren Gefäßen in den Händen, die von einem Scherbenhaufen aufgelesen zu sein schienen. Sie verbeugten sich bis zur Erde herab, blieben aber aus Ehrfurcht stumm.
»Emir, befiehlst du, daß wir beginnen sollen?« fragte die >Myrte<.
»Ja.«
Sofort wurde die erste Thüre geöffnet. Der Raum, in welchen ich blickte, war auch ein Loch, doch lag der Boden desselben mit dem Gange in gleicher Höhe. Ein Türke lag darin. Er erhob sich nicht und würdigte uns keines Blickes.
»Gieb ihm zwei Portionen, denn es ist ein Osmanly!« befahl der Sergeant.
Der Mann erhielt zwei Schöpflöffel voll Brühe in einem größeren Napfe und ein Stück Brot dazu. In der nächsten Zelle lag wieder ein Türke, welcher die gleiche Portion erhielt. Der Insasse des dritten Loches war ein Kurde.
»Dieser Hund erhält nur ~eine~ Portion, denn er ist ein Mann aus Balahn!«[81]
Das war ja eine ganz allerliebste Einrichtung! Ich hätte den Kerl beohrfeigen mögen. Er führte dieses Prinzip während der ganzen Speiseverteilung durch. Als die oberen Gefangenen versorgt waren, stiegen wir hinab in den untern Gang.
»Wer befindet sich hier?« fragte ich.
»Die Schlimmsten. Ein Araber, ein Jude und zwei Kurden von dem Stamme Bulamuh. Sprichst du kurdisch, Emir?«
»Ja.«
»Du magst wohl nicht mit den Gefangenen sprechen?«
»Nein; denn sie sind es nicht wert!«
»Das ist wahr. Aber wir können nicht Kurdisch und auch nicht Arabisch, und diese Hunde haben doch stets etwas zu sagen.«
»So werde ich einmal mit ihnen reden.«
Das war es ja, was ich so gern wollte; nur hatte ich nicht geglaubt, daß ich den Wächtern auch einen Gefallen erweisen werde.
Die Zelle des einen Kurden wurde geöffnet. Er hatte sich ganz vor gestellt. Der arme Teufel hatte jedenfalls Hunger; denn als er seinen Löffel Brühe erhielt, bat er, man möge ihm doch ein größeres Stück Brot geben, als gewöhnlich.
»Was will er?« fragte der Sergeant.
»Etwas mehr Brot. Gieb es ihm!«
»Er soll es haben, weil du für ihn bittest.«
Nun kamen wir zum Juden. Ich schwieg, weil dieser türkisch reden konnte. Er hatte eine Menge Klagen vorzubringen, die von meinem Standpunkte aus alle sehr wohl begründet waren; aber er wurde nicht angehört.
Der zweite Kurde war ein alter Mann. Er bat nur, vor den Richter geführt zu werden. Der Sergeant versprach es ihm und lachte dabei.
Jetzt endlich wurde die letzte Zelle geöffnet. Amad el Ghandur hockte tief unten in der Ecke und schien sich nicht rühren zu wollen, aber als er mich erblickte, erhob er sich.
»Ist das der Araber?« fragte ich.
»Ja.«
»Spricht er nicht türkisch?«
»Er redet gar nicht.«
»Nie?«
»Kein Wort. Deshalb erhält er auch kein warmes Essen.«
»Soll ich einmal mit ihm reden?«
»Versuche es!«
Ich trat näher zu ihm heran und sagte:
»Sprich nicht mit mir!«
Er blieb infolgedessen still.
»Siehst du, daß er nicht antwortet!« meinte der Sergeant zornig. »Sage ihm, daß du ein großer Emir bist, und dann wird er wohl reden!«
Nun wußte ich ja ganz genau, daß die Wächter wirklich nicht Arabisch verstanden; und wenn auch, der Dialekt der Haddedihn war ihnen fremdklingend.
»Halte dich heute abend bereit,« sagte ich zu Amad. »Vielleicht ist es mir heute möglich, wiederzukommen.«
Er stand stolz und aufrecht da, ohne eine Miene zu verziehen.
»Er redet auch jetzt noch nicht!« rief der Unteroffizier. »Nun soll er heute auch kein Brot bekommen, da er nicht einmal dem Effendi antwortet.«
Die Revision der Löcher war beendet. Nun führte man mich auch weiter in dem Gebäude herum. Ich ließ dies geschehen, obgleich es keinen Zweck hatte. Endlich waren wir fertig, und Mersinah sah mir mit fragender Miene in das Gesicht.
»Kannst du den Gefangenen Kaffee kochen?« erkundigte ich mich bei ihr.
»Ja.«
»Und ihnen Brot dazu geben, eine sehr reichliche Portion?«
»Ja.«
»Wie viel kostet das?«