Part 15
»Du willst sagen, in einigen großen Flaschen!«
»Wann?«
»Jetzt, wenn es dir gefällig ist!«
»So laß uns eilen, daß wir nach Hause kommen!«
»O nein, Emir, denn da ist mir Mersinah im Wege. Sie darf niemals wissen, daß ich ein krankes System der Verdauung habe!«
»Aber sie sollte es doch wissen, da sie dir die Speisen bereitet.«
»Sie würde die Medizin an meiner Stelle trinken. Ich weiß einen Ort, wo man diesen Trank in Ruhe und Sicherheit genießen kann.«
»Wo?«
»Effendi, ein solcher Ort ist allemal bei einem Juden oder bei einem Griechen. Hast du dies noch nicht bemerkt?«
»Sehr oft. Aber man wird dich sehen, und dann erfährt die ganze Stadt, daß du dich nicht ganz auf dein System verlassen kannst!«
»Nur wir beide werden einander sehen. Dieser Jude hat eine kleine Stube, in welche nicht einmal der Mond blicken kann.«
»So komm! Aber laß uns vorsichtig sein, daß wir nicht beobachtet werden.«
Also wieder einen Angriff auf meinen Geldbeutel! Uebrigens war ich ganz vergnügt, den Agha als einen Moslem kennen zu lernen, dem zwar der Wein, nicht aber die Arznei verboten ist, welche aus dem Blute der Trauben gekeltert wird. Ein kleines Räuschchen konnte mir Vorteile bringen.
Nachdem wir einige enge und winkelige Gäßchen passiert hatten, hielten wir vor einem kleinen, armseligen Häuschen, dessen Thüre nur angelehnt war. Wir traten in den dunklen Flur, wo Selim in die Hände klatschte. Sogleich erschien eine krumme, mit einem echt israelitischen Gesichte ausgestattete Gestalt aus der Stube und leuchtete dem Agha in das Gesicht.
»Ihr seid es, Hoheit? Gott Abrahams, bin ich erschrocken, als ich sah im Hause stehen zwei Gestalten statt der Eurigen, die ich gewohnt bin, alle Tage die Ehre zu haben, zu empfangen in meinem Hause mit Vergnügen und sehr tiefer Unterthänigkeit!«
»Mach auf, Alter!«
»Mach auf? Was? Die Stube, welche ist die kleine oder die große?«
»Die kleine!«
»Bin ich auch sicher, daß dieser Mann, welcher hat die Ehre, mit Euch zu kommen in mein Haus, nicht wird sein ein Herr, dessen Mund redet von Dingen, die von mir geschehen aus Barmherzigkeit und doch nicht sollen werden besprochen, weil mich dann bestrafen würde der mächtige Mutesselim?«
»Du bist ganz sicher. Oeffne, oder ich mache mir selbst auf!«
Der Alte schob einige Bretter zur Seite, hinter denen eine Thüre zum Vorschein kam. Sie führte in ein sehr kleines Gemach, dessen Boden mit einer zerrissenen Bastmatte belegt war. Einige Mooskissen bildeten die Sofas.
»Soll ich brennen an die Lampe?«
»Natürlich!«
»Was werden begehren die Herren zu trinken?«
»Wie immer!«
Jetzt brannten zwei Flammen, und der Jude konnte mich, der ich bisher stets hinter Selim gestanden, nun besser betrachten.
»Katera Musa[74], das ist ein hoher Effendi und ein großer Held des Krieges! Ist er doch behangen mit glänzenden Silahs[75], trägt einen goldenen Kuran am Halse und hat einen Simbehl[76] wie Jehoschuah, der Eroberer des Landes Kanaan. Da darf ich nicht bringen den Gewöhnlichen, sondern ich muß gehen in eine Ecke des Kellers, wo da liegt vergraben ein Trank, den nicht ein jeder bekommt.«
»Was für welcher ist es?« fragte ich.
»Es ist Wein von Türbedi Haidari, aus einem Lande, welches niemand kennt und wo Trauben wachsen, deren Beeren sind wie die Aepfel und deren Saft kann umreißen die Mauern einer ganzen Stadt.«
»Bringe eine Flasche!« befahl der Agha.
»Nein, bringe zwei Krüge! Du mußt nämlich wissen, daß der Wein von Türbedi Haidari nur in großen Thonkrügen aufbewahrt und nur aus kleinen Krügen getrunken wird,« sagte ich.
»Du kennst ihn?« fragte der Jude.
»Ich habe ihn oft getrunken.«
»Wo? Wo liegt dieses Land?«
»Der Name, den du nanntest, ist der Name einer Stadt, welche in Terbidschan in Persien liegt. Der Wein ist gut, und ich hoffe, daß du verstanden hast, ihn zu behandeln. Was kostet er?«
»Du bist ein vornehmer Herr; darum sollst du ihn haben halb umsonst. Du wirst bezahlen dreißig Piaster für den Krug.«
»Das ist halb umsonst? Bringe die zwei Krüge, damit ich ihn koste. Dann werde ich dir sagen, wie viel ich gebe!«
Er ging. In einer Ecke lehnten einige Pfeifen neben einem Kästchen mit Tabak. Wir setzten uns und griffen nach den Pfeifen, die ohne Spitze waren. Ich zog mein Mundstück aus der Tasche und schraubte es an; dann versuchte ich den Tabak; es war ein guter Perser.
»Was ist drüben auf der andern Seite des Hauses, Selim Agha?« fragte ich.
»Ein Spezereiladen und eine Kaffeestube. Hinten ist eine Opiumbude und eine Weinschänke für das Volk; hier aber dürfen nur vornehme Herren eintreten,« erklärte er mir mit selbstgefälligem Gesichte.
Ich kann sagen, daß ich mich auf diesen Wein freute. Es ist ein roter, dicker und ungemein starker Naturtrank, von dem drei Schluck genügen, um einen Menschen, der noch nie Wein getrunken hat, in einen gelinden Rausch zu versetzen. Selim liebte das Getränk Noahs, aber ich war überzeugt, daß ihn der Krug mehr als überwältigen werde.
Da kam der Wirt mit zwei Krügen, von denen jeder vielleicht einen Liter faßte. Hm, armer Selim Agha! Ich versuchte einen Schluck. Der Wein hatte auf der Reise gelitten, ließ sich aber trinken.
»Nun, Hoheit, wie ist er?« fragte der Jude.
»Er ist so, daß ich dir für den Krug zwanzig Piaster geben werde.«
»Herr, das ist geboten zu wenig, viel zu wenig! Für zwanzig Piaster werde ich wieder mitnehmen meinen Wein und dir bringen einen andern.«
»Im Lande, wo er bereitet wird, gebe ich nach hiesigem Gelde für diesen Krug vier Piaster. Du siehst, ich will gut bezahlen, aber wenn dir das nicht genügt, so nimm ihn wieder mit!«
Ich stand auf.
»Was soll ich bringen für welchen?«
»Keinen! Ich trinke nur diesen für zwanzig Piaster, den du mir auch für fünfzehn ließest. Bekomme ich ihn nicht, so gehe ich, und du magst ihn selbst trinken.«
»So wird ihn trinken die Hoheit des Selim Agha.«
»Er wird mit mir gehen.«
»Gieb neunundzwanzig!«
»Nein.«
»Achtundzwanzig!«
»Gute Nacht, Alter!«
Ich öffnete die Thüre.
»Komm her, Effendi! Du sollst ihn doch haben für zwanzig Piaster, weil es mir ist eine Ehre, dich zu sehen in meinem Hause.«
Der Handel war also abgeschlossen, und jedenfalls sehr zur Zufriedenheit des Juden, der sich, nachdem ich ihm das Geld gegeben hatte, mit verstecktem Schmunzeln entfernte. Der Agha kostete ein wenig und that dann einen tiefen Zug.
»Allah illa Allah! Wallah, Billah, Tallah! Solchen habe ich noch nicht bekommen. Glaubst du, daß er gut ist für ein krankes System, Emir?«
»Sehr gut!«
»Oh, wenn das die >Myrte< wüßte!«
»Hat sie auch ein System?«
»Ein sehr durstiges, Effendi!«
Er that einen zweiten und nachher einen dritten Zug.
»Das ist kein Wunder,« meinte ich. »Sie hat sehr viel zu sorgen, zu schaffen und zu arbeiten.«
»Für mich nicht; das weiß Allah!«
»Aber für deine Gefangenen.«
»Sie bringt ihnen täglich einmal Essen, Brot und Mehlwasser.«
»Wie viel giebt dir der Mutesselim für jeden Gefangenen?«
»Dreißig Para täglich.«
Also fünfzehn Pfennige ungefähr! Davon blieb sicherlich die Hälfte in den Händen Selims kleben.
»Und was erhältst du für die Beaufsichtigung?«
»Zwei Piaster täglich, die ich aber noch niemals bekommen habe. Ist es da ein Wunder, daß ich diese schöne Arznei noch gar nicht kenne?«
Er that abermals einen Zug.
»Zwei Piaster? Das ist sehr wenig, zumal dir die Gefangenen sehr viele Mühe machen werden.«
»Mühe? Gar keine! Was soll ich mir mit diesen Halunken für Mühe geben? Ich gehe täglich einmal in das Gefängnis, um nachzusehen, ob vielleicht einer gestorben ist.«
»Zu welcher Zeit thust du das?«
»Wenn es mir paßt.«
»Auch des Nachts?«
»Ja, wenn ich am Tage es vergessen hatte und grad ausgegangen war. Wallahi, da fällt mir ein, daß ich heute noch nicht dort gewesen bin!«
»Meine Ankunft hat dich gestört.«
»Das ist wahr, Effendi.«
»So mußt du nachsehen?«
»Das werde ich nicht thun.«
»Warum nicht?«
»Die Kerle sind es nicht wert, daß ich mich bemühe!«
»Richtig! Aber wirst du dir nicht den Respekt verscherzen?«
»Welchen Respekt?«
»Du bist doch Agha, ein hoher Offizier. Deine Arnauten und Unteroffiziere müssen Angst vor dir haben! Nicht?«
»Ja, das müssen sie. Bei Allah, das müssen sie!« beteuerte er.
»Auch der Sergeant, der im Gefängnis ist?«
»Auch dieser. Natürlich! Dieser Mazir ist überhaupt ein widerspenstiger Hund. Er muß Angst haben!«
»So mußt du ihn gut beaufsichtigen, mußt ihn zuweilen überraschen, um zu sehen, ob er im Dienste pünktlich ist, sonst wird er dich niemals fürchten!«
»Das werde ich; ja, bei Allah, ich werde es!«
»Wenn er sicher ist, daß du nicht kommst, so sitzt er vielleicht beim Kawedschi[77] oder bei den Tänzerinnen und lacht dich aus.«
»Das soll er wagen! Ich werde ihn überraschen, morgen oder auch heute noch. Emir, willst du ihn mit überraschen?«
Ich hütete mich wohl, einen Zweifel darüber blicken zu lassen, ob ich überhaupt das Recht habe, in dem Gefängnisse Zutritt zu nehmen; ich that im Gegenteile so, als ob ich ihm mit meiner Begleitung eine Ehre erwiese:
»Ist so ein Kerl es wert, daß er das Angesicht eines Emir sieht?«
»Du begleitest mich doch nicht um seinet-, sondern um meinetwillen.«
»Dann muß mir aber auch die Ehre erwiesen werden, die einem Emir und Effendi, der das Gesetz studiert hat, gebührt!«
»Das versteht sich! Es wird so sein, als ob mich der Mutesselim selbst begleitete. Du sollst das Gefängnis inspizieren.«
»So gehe ich mit, denn ich bin überzeugt, daß mich diese Arnauten nicht für einen Khawassen halten.«
Er hatte nur noch eine kleine Neige im Kruge, und ich hatte mit ihm gleichen Schritt gehalten. Seine Augen wurden kleiner, und die Spitzen seines Schnurrbartes standen auf Krakehl.
»Wollen wir uns noch einen Krug kommen lassen, Selim Agha?« fragte ich ihn.
»Nein, Effendi, wenn es dir beliebt. Ich dürste danach, diesen Mazir zu überraschen. Wir werden morgen wieder hierhergehen!«
Der Sergeant wurde nur vorgeschoben, in Wirklichkeit aber mochte der gute Agha die Gefährlichkeit des Weines aus Türbedi Haidari bereits verspüren. Er legte die Pfeife fort und erhob sich ein wenig unsicher.
»Wie war der Tabak, Effendi?« erkundigte er sich.
Ich ahnte den Grund und antwortete deshalb:
»Schlecht. Er macht Kopfschmerzen und Schwindel.«
»Bei Allah, du hast recht. Dieser Tabak schwächt das System des Blutes und der Nerven, während man doch gekommen ist, es zu stärken. Komm, laß uns gehen!«
»Müssen wir denn dem Juden unsere Entfernung melden?«
»Ja.«
Er klatschte in die Hände. Das war wieder das Zeichen; dann traten wir in das Freie. Das kurze Weinstudium war für mich vorteilhaft gewesen.
»Komm, Emir, gieb mir deinen Arm! Du weißt, ich liebe dich!«
Es war weniger die Liebe als vielmehr die Schwächung seines »Systems«, welche ihn bewog, diese Bitte auszusprechen; denn als ihm die frische Abendluft entgegenwehte, verriet er den sichtbarsten Eifer, in jene akrobatische Fatalität zu verfallen, in welcher man den Nadir mit dem Zenith zu verwechseln pflegt.
»Nicht wahr, Mohammed war ein gescheiter Kerl, Emir?« fragte er so laut, daß ein eben Vorübergehender stehen blieb, um uns etwas in Augenschein zu nehmen.
»Warum?«
»Weil er die Arzneien nicht verboten hat. Hätte er auch dies noch gethan, so müßte man aus den Trauben Tinte machen. Weißt du, wo das Gefängnis liegt?«
»Hinter deinem Hause.«
»Ja; du hast immer recht, Emir. Aber wo liegt unser Haus?«
Das war nun eine jener leichten Fragen, die sich doch sehr schwer beantworten lassen, wenn nicht die Antwort ebenso albern sein soll, wie die Frage.
»Grad vor dem Gefängnisse, Agha.«
Er blieb stehen oder versuchte vielmehr, still zu stehen, und sah mich überrascht an.
»Emir, du bist just ein ebenso gescheiter Kerl wie der alte Mohammed; nicht? Aber ich sage dir, dieser Tabak ist mir so in das Gehirn gefahren, daß ich hier rechts das Gefängnis sehe und dort links ebenso. Welches ist das richtige?«
»Keines von beidem. Da rechts steht eine Eiche, und das da oben links, das ist eine Wolke.«
»Eine Wolke? Allah illa Allah! Erlaube, daß ich dich ein wenig fester halte!«
Der wackere Agha führte mich und zeigte dabei jene merkwürdige Manie des unwillkürlichen Fortschrittes, welchen man in einigen Gegenden Deutschlands »eine Lerche schießen« nennt. So kamen wir allerdings ziemlich schnell weiter, und es gelang mir endlich, ihn vor das Gebäude zu bringen, welches ich für das Gefängnis hielt, obgleich ich es von seiner vorderen Seite noch nicht gesehen hatte.
»Ist dies das Zindan?«[78] fragte ich ihn.
Er schob den Turban in das Genick und blickte sich nach allen Seiten um.
»Hm! Es sieht ihm ähnlich. Emir, bemerkst du niemand in der Nähe, den man fragen kann? Ich habe dich so fest halten müssen, daß mir die Augen wirbeln, und das ist schlimm; denn diese Häuser sprangen an mir vorbei wie eine galoppierende Karawane.«
»Ich sehe keinen Menschen. Aber es muß es sein!«
»Wir wollen einmal probieren!«
Er fuhr mit der Hand in seinen Gürtel und vigilierte nach etwas, was er nicht finden konnte.
»Was suchest du?«
»Den Schlüssel zur Gefängnisthüre.«
»Hast du ihn?«
»Stets! Lange du doch einmal her und sieh, ob du ihn findest!«
Ich suchte und fand den Schlüssel sofort. Man mußte ihn bei dem ersten Griffe fühlen, denn er war so groß, daß man ihn mit einer Bärenkugel Nummer Null hätte laden können.
»Hier ist er. Soll ich schließen?«
»Ja, komm! Aber ich denke mir, daß du das Loch nicht finden wirst, denn dein System hat sehr gelitten.«
Der Schlüssel paßte, und bald knarrte die Thüre in ihren Angeln.
»Gefunden!« meinte er. »Diese Töne kenne ich sehr genau. Laß uns eintreten!«
»Soll ich die Thüre wieder zuschließen?«
»Versteht sich! In einem Gefängnisse muß man vorsichtig sein.«
»Rufe den Schließer!«
»Den Sergeant? Wozu?«
»Er soll uns leuchten.«
»Fällt mir gar nicht ein! Wir wollen doch den Schurken überraschen!«
»Dann mußt du leiser sprechen!«
Er wollte vorwärts, stolperte aber so, daß er gefallen wäre, wenn ich ihn nicht mit beiden Händen gehalten hätte.
»Was war das? Emir, wir sind dennoch in ein fremdes Haus geraten!«
»Wo ist der Raum, in dem sich der Sergeant befindet? Liegt er zu ebener Erde?«
»Nein, sondern eine Treppe hoch.«
»Und wo führt die Treppe hinauf, hinten oder vorn?«
»Hm! Wo war es nur! Ich glaube, vorn. Man hat von der Thüre aus noch sechs bis acht Schritte zu gehen.«
»Rechts oder links?«
»Ja, wie stehe ich denn? Hüben oder drüben? O Emir, deine Seele kann die Arznei nicht gut vertragen; denn du hast mich so schief gestellt, daß dieser Hausflur nicht gradaus läuft, sondern von unten hinauf in die Höhe!«
»So komm her! Hinter dir ist die Thüre; hier ist rechts, und da ist links. An welcher Seite nun geht die Treppe empor?«
»Hier links.«
Wir schritten vorsichtig weiter, und mein tastender Fuß stieß wirklich bald an die unterste Stufe einer Treppe.
»Da sind die Stufen, Agha!«
»Ja, das sind sie. Falle nicht, Emir! Du warst noch nie in diesem Hause; ich werde dich sehr sorgfältig leiten.«
Er hing sich schwer an mich, so daß ich ihn die mir unbekannte Treppe förmlich emportragen mußte.
»Jetzt sind wir oben. Wo ist die Stube des Sergeanten?«
»Rede leiser; ich höre alles! Rechts die erste Thür ist es.«
Er zog mich fort, aber grad aus statt nach rechts; ich schwenkte ihn also herum und fühlte nach einigen Schritten die Thüre, welche ich tastend untersuchte.
»Ich fühle zwei Riegel, aber kein Schloß.«
»Es giebt keins.«
»Die Riegel sind vorgeschoben.«
»Dann sind wir am Ende doch in ein fremdes Haus geraten!«
»Ich werde öffnen.«
»Ja thue es, damit ich erfahre, woran ich mit dir bin!«
Ich schob die schweren Riegel zurück. Die Thüre ging nach außen auf. Wir traten ein.
»Giebt es ein Licht in der Stube des Sergeanten?«
»Ja. Die Lampe steht mit dem Feuerzeuge links in einem Mauerloche.«
Ich lehnte ihn an die Wand und suchte. Das Loch, nebst dem Nötigen wurde entdeckt, und bald hatte ich die Lampe angebrannt.
Der Raum war eng und klein. Eine Binsenmatte lag auf der Diele; sie hatte als »Möbel für alles« zu dienen. Ein zerbrochener Napf, ein Paar zerrissene Schuhe, ein Pantoffel, ein leerer Wasserkrug und eine Peitsche standen und lagen auf dem Boden herum.
»Nicht da! Wo steckt dieser Mensch?« fragte der Agha.
»Er wird bei den Arnauten sein, die auch hier zu wachen haben.«
Er nahm die Lampe und wankte voran, stieß aber an den Thürpfosten.
»Schiebe mich nicht, Emir. Komm, halte die Lampe; ich will dich lieber führen, sonst könntest du mich die Treppe hinabwerfen. Ich liebe dich und bin dein Freund, dein bester Freund; darum rate ich dir, nie wieder diese persische Arznei zu trinken. Sie macht dich ja ganz gewaltthätig!«
Ich mußte allerdings einige Gewalt anwenden, um ihn unbeschädigt hinabzubringen. Als wir vor der bezeichneten Thüre anlangten, war auch sie verschlossen, und als wir sie öffneten, fanden wir auch diesen Raum leer. Er glich mehr einem Stalle als der Wohnung eines Menschen und ließ sehr Trauriges über die Asyle der Gefangenen erraten.
»Auch fort! Emir, du hattest recht. Diese Schurken sind fortgelaufen, statt zu wachen. Aber sie sollen lernen, mich zu fürchten. Ich lasse ihnen die Bastonnade geben; ja, ich lasse sie sogar aufhängen!«
Er versuchte, die Augen zu rollen, aber er brachte es nicht fertig; der Wein wirkte je länger desto kräftiger; sie fielen ihm zu.
»Was thun wir nun?«
»Was meinst du, Emir?«
»Ich an deiner Stelle würde warten, um die Arnauten so zu empfangen, wie sie es verdient haben.«
»Freilich werde ich dies thun. Aber wo warten wir?«
»Hier oder oben.«
»Hier. Ich steige nicht erst wieder hinauf; du wirst mir zu schwer, Effendi. Sieh, wie du wankst! Setze dich nieder!«
»Ich denke, wir wollen die Gefängnisse inspizieren?«
»Ja, das wollten wir,« sagte er ermüdet. »Aber, diese Menschen sind es nicht wert. Es sind lauter Spitzbuben, Diebe und Räuber, Kurden und auch ein Araber, welcher der schlimmste von allen ist.«
»Wo steckt dieser Kerl?«
»Hier nebenan, weil er am schärfsten bewacht werden soll. So setze dich doch!«
Ich ließ mich neben ihm nieder, obgleich der Boden nur aus hartgestampftem Lehm bestand und den höchsten Grad von Unreinlichkeit zeigte. Der Agha gähnte.
»Bist du müde?« fragte er mich.
»Ein wenig.«
»Darum gähnst du so. Schlafe, bis sie kommen. Ich werde dich wecken. Allah illa Allah, du bist ganz schwach und unzuverlässig geworden! Aber ich werde es mir so bequem wie möglich machen.«
Er streckte sich aus, stemmte den Ellenbogen auf und legte den Kopf in die Hand. Eine lautlose Stille trat ein, und nach einer kleinen Weile sank der Kopf vollends nieder -- der Herr des Gefängnisses schlief.
Wie oft hatte ich gelesen, daß ein Gefangener durch die Berauschung seiner Wächter befreit worden sei, und mich über diesen verbrauchten Schriftstellercoup geärgert! Und jetzt befand ich mich in voller Wirklichkeit infolge eines Rausches in dem Besitze aller Gefangenen. Sollte ich dem Haddedihn Thor und Thüre öffnen? Das wäre wohl unklug gewesen. Wir waren nicht vorbereitet, augenblicklich die Stadt zu verlassen. Am Thore standen Wachen, welche sicher Verdacht geschöpft hätten. Auf den armen Agha wäre die ganze Schuld gefallen und -- ich mußte ganz offen als der Thäter bezeichnet werden, was mir große Gefahr bringen oder wenigstens später viele Ungelegenheiten bereiten konnte. Es war jedenfalls besser, den Gefangenen so verschwinden zu lassen, daß sein Entkommen ganz unbegreiflich blieb. Das war jetzt in meine Hand gegeben und machte es mir möglich, jeden Verdacht von mir fern zu halten. Ich beschloß also, heute mit dem Haddedihn nur zu sprechen, und die Flucht erst dann zu bewerkstelligen, wenn sie gehörig vorbereitet sein würde.
Der Agha lag am Boden und schnarchte laut bei offen stehendem Munde. Ich rüttelte ihn erst leise und dann stärker am Arme. Er erwachte nicht. Nun ergriff ich die Lampe und verließ die Stube, deren Thüre ich leise zumachte. Auch einen der Riegel schob ich lautlos vor, um auf keinen Fall überrascht zu werden. Ich hatte bereits vorhin achtgegeben und bemerkt, daß alle Thüren ohne Schlösser und nur mit zwei Riegeln versehen waren. Einen Schlüssel brauchte ich also nicht zu suchen.
Es war mir doch ein wenig verändert zu Mute, als ich so allein draußen auf dem Gange stand, dessen Finsternis von dem kleinen Lichte der Lampe nicht durchdrungen werde konnte. Aber ich hielt mich auf alles gefaßt. Wäre ein zwingender Umstand eingetreten, so hätte ich alles gewagt, um nicht ohne den Gefangenen fortzukommen. Ich schob die Riegel zurück, öffnete und ließ die Thüre weit offen stehen, um jeden Laut vernehmen zu können, nachdem ich eingetreten war.
Ja, es war ein Loch, welches ich erblickte! Ganz ohne die Vermittelung von einigen Stufen fiel der vor mir liegende Raum hart hinter der Thüre über zwei Ellen tief hinab. Er hatte eine Länge von vier und eine Breite von zwei Schritten ungefähr und zeigte weder Tünche, noch Holz- oder Lehmboden. Oben, dicht unter der Decke war eines jener Löcher angebracht, die ich am Tage von außen bemerkt hatte, und außer einem »Napfe« mit Wasser, wie man ihn einem Hunde vorgesetzt haben würde, sah ich nichts als den Gefangenen in dieser Höhle.
Er hatte auf der feuchten dumpfen Erde gelegen, war aber bei meinem Erscheinen aufgestanden. Hohläugig und abgemagert, glich er einem Halbtoten, aber dennoch war seine Haltung eine stolze, und sein Auge blitzte zornig, als er mich fragte:
»Was willst du? Darf man nicht einmal schlafen?«
»Sprich leise! Ich gehöre nicht zu deinen Wächtern. Wie ist dein Name?«
»Warum fragest du?«
»Sprich noch leiser, denn man soll uns nicht hören. Wie heißest du?«
»Das wirst du wissen!« antwortete er, aber doch mit gedämpfter Stimme.
»Ich vermute es, aber ich will aus deinem Munde wissen, wer du bist.«
»Man nennt mich Amad el Ghandur.«
»So bist du jener, den ich suche. Versprich mir, ganz ruhig zu sein, was ich dir auch sagen werde!«
»Ich verspreche es!«
»Mohammed Emin, dein Vater, ist in der Nähe.«
»Allah il Al-- -- --!«
»Schweig! Dein Ruf kann uns verraten!«
»Wer bist du?«
»Ein Freund deines Vaters. Ich kam als Gast zu den Haddedihn und habe an der Seite deines Vaters gegen eure Feinde gekämpft. Da hörte ich, daß du gefangen seiest, und wir haben uns aufgemacht, dich zu befreien.«
»Allah sei gelobt! Aber ich kann es nicht glauben!«
»Glaube es! Siehe, dieses Fenster geht in einen Hof, welcher an einen Garten stößt, der zu dem Hause gehört, in dem wir wohnen.«
»Wie viele Männer seid ihr?«
»Nur vier. Dein Vater, ich, noch ein Freund und mein Diener.«
»Wer bist du, und wer ist dieser Freund?«
»Laß das für später, denn jetzt müssen wir eilen!«
»Fort?«
»Nein. Wir sind noch nicht vorbereitet, und ich kam zufällig hierher, ohne es vorher geahnt zu haben. Kannst du lesen?«
»Ja.«
»Aber es fehlt dir das Licht dazu.«
»Zur Mittagszeit ist es hell genug.«
»So höre. Ich könnte dich gleich jetzt mitnehmen, aber das wäre zu gefährlich; doch ich versichere dir, daß es nur ganz kurze Zeit noch dauern wird, bis du frei sein wirst. Noch weiß ich nicht, was wir beschließen werden; aber wenn du einen Stein durch das Fenster fallen hörst, so hebe ihn auf; es wird ein Papier daran gebunden sein, welches dir sagt, was du thun sollst.«
»Herr, du giebst mir das Leben zurück; denn beinahe wäre ich verzweifelt! Wie habt ihr erfahren, daß man mich nach Amadijah geschleppt hat?«
»Ein Dschesidi sagte es mir, den du am Wasser getroffen hast.«
»Das stimmt,« antwortete er schnell. »O, nun sehe ich, daß du die Wahrheit redest! Ich werde warten, aber grüße den Vater von mir!«
»Ich werde es noch heute thun. Hast du Hunger?«
»Sehr!«
»Könntest du Brot, Licht und Feuerzeug verstecken?«
»Ja. Ich grabe mit den Händen ein Loch in die Erde.«
»Hier hast du meinen Dolch dazu. Es ist für alle Fälle gut, wenn du eine Waffe hast. Aber sie ist mir kostbar; laß sie nicht entdeckt werden!«
Er griff hastig zu und drückte sie an die Lippen.
»Herr, Allah mag dir das in deiner Todesstunde gedenken! Nun habe ich eine Waffe; nun werde ich frei sein, auch wenn ihr nicht kommen könnt!«