Durch Massailand zur Nilquelle
Part 9
Zwischen zwei Felskuppen hatte Munyi Hemedi seine Niederlassung errichtet. Ihren Mittelpunkt bildete ein von einem Tembe umschlossener Hof, rings herum waren Hütten im Eingeborenen- und Küstenstil verstreut, alles nett und rein gehalten. Zahlreiche Weiber in Küstentracht begrüssten mit Jubelgeschrei die Karawane und noch zahlreichere braune, halbnackte Kinder lugten aus den Hütten hervor. Die Letzteren waren fast alle hier geboren, denn die Niederlassung bestand schon seit sechs Jahren. Erfreut, wieder einmal unter civilisirten, oder doch halbcivilisirten Menschen zu sein, schlugen wir Lager und ahnten nicht, dass unsere Ankunft zur Auflösung dieser hübschen Niederlassung Veranlassung geben sollte.
In reichen Mengen brachten die Eingeborenen Mehl und Hülsenfrüchte; sie alle schienen Munyi Hemedi, der sie mit seinen Jägern vor einigen Jahren aus Massai-Gefahr errettet, sehr hoch zu achten. Ich beschloss, in Meatu eine Anzahl kranker Leute, darunter besonders Kiroboto, der noch stets in der Hängematte getragen werden musste, zurückzulassen, ebenso auch das Vieh und den grössten Theil der Lasten, um mit leichter Expedition einen Vorstoss in das Gebiet des Eyassi-See zu machen. Dieser war den Elephantenjägern unter den Namen Mangora wohl bekannt, doch erklärten sie, dass ein direkter Vorstoss nach Westen in gegenwärtiger trockener Jahreszeit nicht möglich wäre und verwiesen uns auf den Pfad, der nach den Salzlagern von Nyarasa führt.
Wir brachen am 22. Juni auf, überschritten den Semu-Fluss, der klare Wassertümpel enthält und betraten das Dorfgebiet von =Igulya=, dem südlichsten Bezirk von Meatu, das gut bebautes Land und schöne Wiesen, aber nur schlechtes, faulig riechendes Trinkwasser hat. Dann gelangten wir in unbewohntes, vom Pfad der Salzkarawanen durchschnittenes Land. Der Boden war stets leicht gewellt, oft mit Quarzsplitter bestreut und mit dünnen Streifen Gras bewachsen. Einzelne breite, sandige Bachbette durchziehen die Senkungen und enthielten Wassertümpel, in anderen konnte man durch Graben schlechtes Wasser erlangen. Lichter, hochstämmiger Schirmakazienwald wechselte mit ödem, verbranntem Grasland und Stachelgestrüpp. Dicke Baobabs sind häufig, in welchen die Kletterpfosten eines Steppenvolkes, der =Wanege=, zu sehen sind, welche die Bäume auf der Suche nach Waldhonig ersteigen. An den Bachrissen gedeiht oft dichte Gallerievegetation, Tamarinden und ganze Wälder von Borassus-Palmen, in deren Schatten üppiges Grün aufschiesst. Wild sieht man nur wenig, doch giebt es auffällig viel Löwen, die Nachts das Lager umbrüllten.
Am 25. Juni stiegen wir den niedrigen aber steilen Abfall zum =Wembere=-Graben ab. Vor uns dehnte sich eine ungeheure Fläche mit erst sandigem, dann lehmigem Boden ohne Graswuchs aus, nur stellenweise bedeckt mit kriechendem Akaziengestrüpp. Zahlreiche Nashorne belebten den Rand dieser Wüste, von welchen ich eines, ein riesiges, weibliches Thier erlegte. Am Marago Mihinani fanden wir durch Graben Wasser in einem Bachriss und lagerten, um am nächsten Morgen weiter zu ziehen. Immer öder wurde die Steppe, der Strauchwuchs hörte fast ganz auf und in dicken Krusten bedeckte weisses, glänzendes Salz den Boden, das unter unseren Tritten wie Schnee knirschte.
Von Nordost, vom Eyassi-See her raste fast ununterbrochen ein Sturmwind über die Ebene, geschwängert von dichten salzigen Staubwolken, die alles einhüllen und ein intensives Durstgefühl hervorrufen. Fern im Norden tauchten durch den Staubnebel die dunkeln Umrisse der Neirobi-Berge auf. Auch die übliche Wüsten-Staffage, gebleichte menschliche Skelette, morsches Tragzeug und zerbrochene Töpfe, fehlte nicht: Eine Wasukuma-Salz-Karawane war hier vor längerer Zeit von Massai überfallen und niedergemacht worden. Wild ist nicht mehr zu sehen und die einzigen lebenden Bewohner scheinen mächtige Sandvipern, die mehrmals fauchend neben uns ihr geschwollenes Haupt erhoben.
Wir erreichten den =Simbiti=-Fluss, ein brackisches Gewässer mit lehmigem Löss-Ufer, auf welchem Schwärme von Flamingos und Pelikanen sitzen: der Unterlauf des Wembere. Die Leute waren durch den Durst, den salziges Wasser nicht stillen konnte, aufs Aeusserste erschöpft: ein weiteres Vorgehen in dieser Wüste hätte sicher Opfer an Menschenleben gefordert. Da jedoch der Zweck unseres Ausfluges, der Nachweis des Zusammenhangs zwischen Wembere und Eyassi-See, zweifellos nachgewiesen war, so hielt ich eine Verlängerung desselben nicht mehr für unumgänglich nöthig und trat den Rückweg nach Meatu auf anderer Route an.
Man sollte glauben, dass eine Wüste, in der ein Salzwind weht, zwar kein paradiesischer, aber doch ein gesunder Aufenthalt sei. Es erwies sich jedoch das Gegentheil; ein grosser Theil der Mannschaft und auch ich selbst wurde von heftigen Fiebern ergriffen. In solcher Zeit, wo man sich kaum auf dem Reitesel erhalten kann, wo der Kopf glüht und wilde Fieberbilder jedes klare Denken verwirren, in solchen Momenten die topographische Aufnahme ununterbrochen durchzuführen, gehört zu den schwierigsten Aufgaben des wissenschaftlichen Reisenden. Erst in Meatu, wo wir am 1. Juli anlangten, fand ich die nöthige Erholung und gönnte mir und meinen Leuten eine Rast von 10 Tagen.
Während dieser Zeit hatten die Elephantenjäger, besonders aber ihre Weiber und Töchter, sich sehr mit meinen Leuten befreundet und lagen Munyi Hemedi fortwährend in den Ohren, diese Einöde zu verlassen, und sich mir anzuschliessen. Da dieser sehr begreiflicher Weise nichts davon wissen wollte, seine Niederlassung ohne besonderen Grund aufzugeben, so suchten sie ihn durch ein schlaues Manöver dazu zu zwingen. Einige Jäger brachen nämlich einen Streit mit den Eingeborenen vom Zaun, griffen sie an und brannten eines ihrer Dörfer nieder. Dadurch aufgeregt, sammelten sich die Wasukuma, die sonst stets sehr friedliche Leute gewesen, in grossen Schaaren und rückten gegen das Dorf, so dass es meines Einschreitens bedurfte, um sie zu verjagen. Dann erklärten die von Munyi Hemedi nicht abhängigen Jäger, etwa 20 Mann, mit mir aufbrechen zu wollen. Die übrigen 40 wollten zwar bei ihm aushalten, redeten dem ängstlichen Manne jedoch ein, dass dies unter den gegenwärtigen Umständen gewagt sei.
Als wir am 10. Juli aufbrachen, schloss sich uns ein ganzer Tross von Jägern mit Weib und Kind an. Munyi Hemedi hoffte bis zum letzten Augenblick bleiben zu können, doch als er sah, wie einer nach dem Anderen uns nachfolgte, packte schliesslich auch er seine Siebensachen und zog ab: die Niederlassung war verlassen.
Am =Nenge=-Bach, einem Wasserplatz am Rande der Steppe, hielt ich mit den Jägern grosse Berathung ab. Die 20 Makua, welche nicht Munyi Hemedi's Leute waren, sondern nur seine Niederlassung bewohnten, sagten sich endgiltig von ihm los, die übrigen gelang es mir zu bewegen, bei ihm zu bleiben, doch nur unter der Bedingung, dass er Meatu, das sie schon gründlich satt hatten, verliesse. Es blieben nur die Alten und Gebrechlichen, darunter ein feister Blinder, der Jahre in seiner Hütte kauernd verbracht hatte und nun kaum mehr gehen konnte. Diese willigte ich ein, nach Mwansa zu bringen, wo sie unter dem Schutze der Station ihr Dasein fristen konnten. Munyi Hemedi zog auf mein Anrathen mit seinen Leuten ab nach Uduhe, wo er mehrere Monate später von Herrn Wolf gesehen wurde.
Ich schloss mit den Makua, welche der Expedition beitraten, einen Vertrag, worin sie sich zu unbedingtem Gehorsam und zu allen Arbeiten bereit erklärten, wofür ich ihnen versprach, für sie eine Niederlassung im elephantenreichen Umbugwe zu gründen. Ich forderte sie dann auf, mir ihr Oberhaupt zu zeigen, worauf die baumlangen Kerle, unter denen sich auch einige grauhaarige befanden, zu meinem Erstaunen einen kleinen, hübschen Jungen von etwa 12 Jahren anbrachten. Es stellte sich heraus, dass sie wirklich alle die Sklaven dieses Jungen waren. Obwohl ich also seine Oberherrlichkeit anerkennen musste, bestimmte ich doch als seinen Stellvertreter den ältesten Jäger Fundi Mazazwa. Dann fragten mich die Leute, wie ich hiesse, worauf ich ihnen meinen Namen nannte. Denselben fanden sie »ngumu« (hart) und fügten in der blumenreichen Ausdrucksweise des Kiswahíli hinzu: »Umevunja mapori ya Massai, umevunja nguvu za washenzi, umevunja mji etu: bassi jina lako bwana Kivunja!« (Du bist durch die Massai-Steppen gebrochen, Du brachst die Kraft der Wilden, Du hast unsere Niederlassung gebrochen [gesprengt]: so heisse denn »der Brecher«.) So hatte ich denn einen schönen Namen und war auch für meine Leute von nun an stets der Bwana Kivunja.
Mit den Makua war das Element des »ewig Weiblichen« in der Karawane zur wahren Hochfluth angewachsen. Dasselbe war schon früher in stetem Steigen begriffen; aus den drei Weiblein, mit welchen wir Tanga verliessen, waren schon längst dreissig und mehr geworden; denn solch' eine Karawane übt auf die Schönen des Landes eine zauberhafte Anziehungskraft. Gar mancher schwarzen Dame aus Umbugwe und Schaschi, aus Ukerewe und Usukuma gefiel der flotte, reinliche Swahíli besser als der schmutzige Gatte mit seinem Ziegenfellchen. Nachts verliess sie das sichere Heim und lief der Karawane oft tagelang nach, um im Lager flüchtig geknüpfte Bande zu dauernden zu machen. Selbst dem Sultan Lukonge waren mehrere seiner zahllosen »Sultaninnen« -- und nicht die schlechtesten -- ausgerückt, indem sie einen ganzen Träger dem hundertsten Theil eines Sultans vorzogen. Nur selten kam der erboste Ehegatte nachgeeilt und erhielt die ungetreue Gattin zurück, meist liess er sie laufen und freute sich wohl noch darüber. Doch nun kamen plötzlich über sechzig Weiber und zahlreiche Kinder zur Karawane, denn jeder Makua hatte mindestens drei »Surias« (Kebsweiber) bei sich. Man sollte glauben, dass solcher Tross den Marsch verzögert, was jedoch kaum der Fall ist. Bepackt mit hohen Schachteln, in welchen Mehl und andere Lebensmittel verstaut sind, mit Kochgeschirr und allerlei Hausrath, womöglich noch einen Sprössling auf dem Rücken, marschirten die Weiber tapfer mit. Selbst die Kinder liefen im scharfen Tempo der Karawane und wurden, wenn sie müde waren, von ihren kraftvollen Vätern auf die Schulter gehoben. Im Lager war das Walten der Weiber ein höchst wohlthätiges; die ermüdeten Leute konnten ihre Ruhe völlig geniessen, denn das Sammeln von Brennholz und Wasserholen, das Mehlmahlen und Kochen, dies alles besorgten die Weiber, während die muntern Kinder durch Spiele und heiteres Wesen Leben in das Bild brachten.
Die Makua machten sich von Anfang an nützlich und bewiesen, dass sie in der Kunst des Buschlebens uns doch noch weit über waren. Vor allem verstanden sie es vorzüglich in unglaublicher Schnelligkeit wasserdichte und behagliche Grashütten aufzurichten, was meine Leute ihnen bald ablernten, wodurch unser Lager einen besonderen Charakter erhielt. Auch als geschickte Jäger zeigten sie sich und lieferten häufig grosses und kleines Wild für die Küche.
Vom Nenge-Bach, der nur spärlich Wassertümpel enthält, zogen wir durch fast flache, trostlose Baumsteppen zum Marago =Saïd bin Sef=, einem Lagerplatz, der nach dem früheren Vorstand der Araber-Kolonie Magu benannt ist, wo einige Lachen uns Erquickung boten. Am 12. Juli durchwanderten wir, von den Makuas geführt, wegelose, offene Steppe und überschritten den =Simiyu=, der zu dieser Jahreszeit nur grosse Tümpel enthält, in welchen sich Welse und sogar Flusspferde finden, die zur Regenzeit vom Nyansa aus hierher gelangen.
Durch flache Steppe gelangten wir zu den nahe aneinander gelegenen Dorfgebieten von =Dudumo= und =Sagayu=, kleinen, an die Steppe grenzenden Ortschaften, welche von Flüchtlingen aus Uduhe, Usmau und Ntussu bewohnt sind, die schöne Kulturen und ansehnliche Hütten besitzen. In einer der letzteren fand ich zu meinem Erstaunen ein französisches Erbauungsbuch und eine Kiganda-Bibel und erfuhr später, dass dieselben von dem Ueberfall einer Missions-Karawane in Sengerema herstammten. Gegenwärtig sollen die Bücher als Kopfputz bei Tänzen dienen, eine Verwendung, die ihre frommen Verfasser wohl kaum voraussahen.
Am 15. Juli passirten wir abermals den hier völlig trockenen Simiyu-Fluss und gelangten in die Landschaft =Nyasambe=, wo Wasukuma aus Mwagala wohnen, die besonders viel Baumwolle bauen. Sie spinnen daraus ungemein schöne feste Doppelgewebe, eine Kunst, die in Usukuma weit verbreitet ist. Am 16. Juli überschritten wir mit dem trockenen Ididi-Bache die Grenze von =Usmau=. Eine weite, sanft gewellte Ebene dehnte sich vor uns aus, überall sah man Felder von ungeheurer Ausdehnung, dazwischen die ansehnlichen von Euphorbien umgebenen Dorfkomplexe. Angebaut wird hauptsächlich Sorghum, weniger Mawele (Penicillaria), vereinzelt auch Reis. Die Eingeborenen sind grosse Reisende, fast alle jungen Leute sind an der Küste gewesen und neben fast nackten Burschen mit elendem Ziegenfell sieht man Gestalten mit Flanellbeinkleidern, schwarzem Salonrock und mächtigem grauen Schlapphut. Sie erzählten mir allerlei Neuigkeiten, darunter auch die von meinem eigenen Tode. Der Europäer, meinten sie nämlich, der früher in Katoto sass, sei von den Wagaya todtgeschlagen worden. Andere behaupteten, er wäre vielleicht doch nicht ganz todt, habe jedoch eine Speerwunde erhalten. Ich lachte damals über dieses Negergeschwätz, konnte ich doch nicht ahnen, dass sich ein schlauer Europäer (der Stationsvorsteher von Mwansa) finden würde, der nichts eiligeres zu thun hatte, als diesen Unsinn nach der Küste zu melden, von wo er nach Europa gelangte und dort unnütze Besorgnisse hervorrief.
Am 19. Juli hatten wir Usmau hinter uns und betraten Usukuma im engeren Sinne, wie die Landschaften am Nyansa genannt werden. Am nächsten Tage stiegen wir den steilen Abfall zum See ab und erreichten gegen Mittag die Station =Mwansa=. Wieder breitete sich der herrliche See vor uns aus und drüben, jenseits der Bai, tauchten die grünen Ufer Usinja's verheissungsvoll aus der tiefblauen Fluth.
IV. KAPITEL.
Vom Victoria-See zum Tanganyika.
Durch Usinja. -- Ussui. -- Kassussura's Residenz. -- Uyogoma. -- An der Nil-Fähre. -- Urundi. -- Freudenfeste der Warundi. -- Der Akanyaru. -- Ruanda. -- Raserei der Warundi. -- Gefecht mit Watussi. -- An der Nilquelle. -- Uebersteigung der Missosi ya Mwesi (Mondberge). -- Am Tanganyika.
An den Gestaden der Bukumbi-Bai stand die Expedition abermals an einem Wendepunkt. Der Marsch durch's Massai-Land und die Erforschung der östlichen Nyansa-Gebiete war vollendet, nun hätte programmmässig die Reise nach den südlichen Massai-Gebieten folgen sollen. Ich brachte es jedoch nicht über mich, meine Schritte ostwärts, nach der Küste zu lenken. Denn im Westen, an der Grenze des deutschen Schutzgebietes, lockten mich gänzlich unbekannte Striche, welche die letzten Räthsel des alten Nilproblems bargen. Allerdings hatte Stanley vor fast zwanzig Jahren vergeblich versucht in jene Gebiete einzudringen und das mächtige Prestige, welches dieser Reisende mit Recht geniesst, hatte seither andere abgehalten, ihre Schritte dahin zu lenken. Aber ich besass eine vorzüglich eingeschulte, leistungsfähige Mannschaft; das Material der Expedition war noch in gutem Stande, ich selbst fühlte mich gesund und kräftig: wenn es irgend Vorbedingungen gab die ein Gelingen erhoffen liessen, so waren es diese.
In den Instruktionen freilich, die meine Auftraggeber mir fürsorglich mitgegeben, war das Gebiet meiner Forschungen so ziemlich umgrenzt und von jenen entfernten Ländern stand keine Zeile darin zu lesen. Aber solche Instruktionen sind ja nur dazu da, um nicht befolgt zu werden: entweder sie verlangen zu viel oder zu wenig von dem Reisenden, im letzteren Fall werden sie überschritten -- »und wenn es glückt, so ist es auch verziehn.«
So begann ich denn meine Vorbereitungen für den Marsch nach dem Westen. Ich liess alle Lasten, die nicht unbedingt nöthig waren, bei Seite packen, wählte eine Anzahl schwacher Leute aus und sandte diese, sowie einige angeworbene Wasukuma, unter Befehl des Askari =Mzee bin Jumah=, eines älteren, vorsichtigen Mannes, voraus nach Tabora mit der Instruktion, mich dort zu erwarten. Ferner entliess ich sämmtliche Sudanesen bis auf einen (Faraj Abdallah) und gab sie an die Station Mwansa ab, da sie für meine Zwecke gänzlich unbrauchbar waren. Alle Leute, mit Ausnahme der Sudanesen, schieden nur sehr ungern von der Expedition und mussten förmlich gezwungen werden, mit Mzee zu marschiren, obwohl sie ganz gut wussten, welch' abenteuerliche Reise wir vorhatten.
Der Aufenthalt in Mwansa war nicht übermässig angenehm. An die Stelle des liebenswürdigen Kompagnieführers Langheld war ein Feldwebel getreten, der als Gärtner wohl vorzügliche Eigenschaften besass, im Uebrigen jedoch mit seinem Vorgänger nicht rivalisiren konnte. Dazu kam, dass mir ein Unfall passirte, der leicht ernste Folgen haben konnte. Ein Träger kam nämlich eines Morgens zu mir und erklärte, sein Gewehr wolle nicht losgehen. Als ich selbst versuchte, ging das Gewehr allerdings los, aber nach rückwärts und scharfer Pulverdampf drang mir in die Augen. Eine heftige Entzündung war die Folge, die mich zwang, acht Tage mit verbundenen Augen im Zimmer zu sitzen. Ich siedelte während dieser Zeit nach =Nyegesi= über. Es war dies eine französische Missions-Station, die für einige Zeit an die Seen-Expedition des Antisklaverei-Komite vermiethet worden war und wo mein armer Landsmann Baron =Fischer= vor Kurzem seinen Tod gefunden. Seine gründlichen topographischen Kenntnisse -- er war ein Zögling des Wiener militärisch-geographischen Instituts -- sowie sein wissenschaftlicher Eifer liessen glänzende Leistungen von ihm erwarten, als er leider durch ein tückisches Fieber dahingerafft wurde. Zur Zeit meiner Anwesenheit befand sich in Nyegesi nur der Steuermann Blatt, welcher in der zur Werkstatt umgewandelten Kapelle eifrig an einem Boote hämmerte.
Während ich in Nyegesi krank lag, hatte Mzimba das Uebersetzen der Karawane über die Bucht mit grossem Geschick besorgt. Es war das keineswegs eine leichte Aufgabe, da uns nur wenige und sehr elende Kanus zu Gebote standen und besonders die Rinder grosse Schwierigkeiten machten. Dieselben in das schmale Fahrzeug zu verladen, erwies sich als unmöglich und so mussten sie schwimmend über den breiten Seearm gelangen, was auch ganz gut ging. Am 2. August bezog Mzimba in =Ngoma=, einem kleinen Dorf des Wasinja-Häuptlings Rotakwa, das Lager. Ich selbst konnte erst am 7. August Nyegesi verlassen. Ich begab mich zu jener felsigen Landzunge, von der aus die Ueberfahrt stattfindet und setzte in etwa einer Stunde an's andere Ufer, wo ich von meinen Leuten mit Freudengeschrei begrüsst wurde.
Eine Musterung ergab, dass alles in schönster Ordnung war: alle kränklichen und schwächlichen Leute waren mit Mzee nach Tabora gegangen, die Lasten waren bedeutend vermindert und leicht verpackt worden, für die 30 Rinder, die wir mithatten, waren reichlich Treiber vorhanden und der Unternehmungsgeist, der aus den Blicken der gesunden, nun völlig ausgeruhten Leute sprach, war mir eine Gewähr des Erfolges.
In meinem Haushalt war eine kleine Aenderung vorgegangen indem der Koch, den ich von der Küste mitgebracht, nun nicht mehr da war. Ich hatte ihn an einen Agenten der britisch-ostafrikanischen Gesellschaft, den ich in Mwansa traf, abgetreten, da die Küchenjungen und besonders die Küchenmädchen, von welchen es jetzt wimmelte, ihm seine Kunst bereits abgelernt hatten. Ueber ihnen stand, als unumschränkte Herrscherin, die »Mami safari«, Kibibi, die alle Strapazen und Entbehrungen mit gleich unverwüstlicher Gesundheit und trefflichem Humor ertrug.
Auch einer meiner Dienerjungen musste krankheitshalber in Mwansa bleiben, doch fand ich vollen Ersatz an =Hamadi= (Pflaume), einem etwa vierzehnjährigen Jungen, der durch den Tod seines Herrn, eines Unteroffiziers, dienstfrei in Mwansa weilte. Trotz seiner Jugend hatte er schon viel mitgemacht und war bei der verhängnissvollen Wahehe-Expedition Zelewsky's mit dabei gewesen. Es war der richtige Buschboy, ein anstelliger, aufgeweckter Junge und ein Kerl, der selbst im dichtesten Kugel- und Pfeilregen nicht von seinem Herrn wich.
Am Tage meiner Ankunft in Ngoma gebar ein Makuaweib einen Sprössling, der blassroth gefärbt war und sich -- wie alle neugeborenen Neger -- nur durch den Typus von europäischen Säuglingen unterschied. Erst nach Tagen bricht das dunkle Pigment durch und der kleine Mensch erscheint in schwarzer Farbe. Dieser Junge, der mir zu Ehren den Namen Kivunja erhielt, war der erste einer langen Reihe von Nachfolgern, die alle unterwegs das Licht der Welt erblickten. Unter dem Grasdach der Lagerhütte, ja oft in einem Gebüsch am Wege wurde das Weib von Wehen überkommen und am nächsten Tage schon konnte sie, mit dem Neugeborenen auf dem Rücken, weiter marschiren.
Am 9. August verliessen wir das buchtenreiche Ufer des Nyansa und zogen durch leicht gewelltes, von lichtem Steppen-Wald bedecktes Land. Die grosse Trockenzeit nahte ihrem Ende und einzelne Schauer deuteten das Herannahen der kleinen Regen, der mwua za mwaka, an. Gelb und dürr hingen die Blätter an den Bäumen, wodurch die Landschaft ein herbstliches Gepräge erhielt, das durch die traurigen, verbrannten Grashalden, den trüben Himmel und besonders durch den scharfen Nordwind gesteigert wurde, der vom Nyansa herüberstrich. Doch schon machte sich die Wirkung der jüngsten Regen bemerkbar, aus den schwarzen Brandflächen spross das zartgrüne, junge Gras hervor und neben dürrem Laub schlugen an den Bäumen grüne Knospen aus -- ein Bild der ewig jungen Tropenwelt. In dem gänzlich unbewohnten Gebiet sah man Spuren früherer Siedelungen; die Ackerfurchen sind noch erkennbar und nicht selten trifft man tief ausgeriebene Mahlsteine. Die Wangoni haben diese früher reichen Gebiete entvölkert.
Am 12. August gelangten wir wieder zu Dörfern, die dem Wasinja-Distrikt =Ugulula= angehören. Ausgedehnte Maniokfelder, in welchen gleichzeitig auch süsse Kartoffeln gebaut werden, bedecken hier das Land, in den Wasserrissen und Mulden gedeihen prächtige, tiefschattige Wäldchen, überragt von schlanken Phönix-Palmen. Ueberall sieht man kleine Dörfer mit leichten lebenden Hecken, an welchen sich Bohnengerank hinaufschlingt, und in denen die netten Grashütten unregelmässig verstreut sind. Neben ihnen stehen Vorrathshütten aus eigenthümlichem, cigarrenförmigem Grasgeflecht, welche Getreide enthalten. Die Eingeborenen sind Wasinja, geschickte Schmiede, welche ihr Handwerk in offenen Grashütten ausüben und schöne Speere, Pfeile und Hacken anfertigen, eine Kunst, der sie das viele Baumwollzeug verdanken, das sie von anderen Stämmen eintauschen. Ihr Häuptling Mtikiza besuchte uns und bat, wir möchten einen seiner Feinde bekämpfen, was uns natürlich gar nicht einfiel.
Ausser diesem menschlichen hatten Mtikiza und seine Leute noch einen thierischen Feind, der nicht so leicht zu besiegen war. Es war das ein alter Bekannter von der Westküste Afrika's, den ich hier zum ersten Male traf, ohne sagen zu können, dass mich dieses Wiedersehen besonders erfreute. Ich meine den =Sandfloh=, Pulex penetrans, jenes widerliche Insekt, welches sich in die Zehen und in andere Körpertheile des Menschen einbohrt. Als ich 1885 den Kongo bereiste, war der Sandfloh, der bekanntlich aus Brasilien stammt und von Schiffen mit Sandballast nach West-Afrika gebracht wurde, erst am Stanley-Pool. Durch die Kongo-Dampfer gelangte er rasch nach Stanley-Falls und verbreitete sich über Manyema, von wo er allmählich bis Ujiji und Tabora kam. An das Westufer des Nyansa soll er direkt durch die Stanley'sche Expedition eingeschleppt worden sein. Es wird sicher nicht mehr lange dauern, bis er die Ostküste Afrika's erreicht, ja vielleicht erleben wir, dass er von dort über Indien seinen Triumphzug um die Welt fortsetzt.