Durch Massailand zur Nilquelle
Part 10
Wer seine Füsse rein hält und täglich untersuchen lässt, um die etwa eingedrungenen Thiere zu entfernen, der hat diese Plage nicht besonders zu fürchten. Wird jedoch ein Sandfloh -- der einmal eingedrungen, nicht mehr schmerzt -- vernachlässigt, so schwillt er zu Erbsengrösse an und erzeugt schliesslich Geschwüre, die, wenn massenhaft auftretend, Blutvergiftung und den Tod veranlassen können. Besonders in Gegenden, wo das Thier neu auftritt, wo also dessen Behandlung nicht bekannt ist, richtet es geradezu Verheerungen an. Wir sahen in Usinja Leute, welchen die Glieder einzeln abfaulten, ja ganze Dörfer waren in Folge dieser Plage ausgestorben. Ich suchte derselben dadurch zu begegnen, dass ich bei meiner Mannschaft eine strenge Strafe für Jeden ansetzte, der sich wegen Sandfloh fussmarode meldete. Dadurch erreichte ich, dass die Leute ihre Füsse sorgfältig visitierten, und litt fast gar nicht unter diesem Uebel.
In den nächsten Tagen zogen wir durch flaches Land längs des Emin Pascha-Golfes, der in zahlreiche papyrusreiche Buchten endet. Die Landzungen zwischen diesen sind meist mit Busch bedeckt. Am Ende der Buchten wechselt Sumpfgebiet mit offenem, theilweise bebautem Land, in welchem grosse Schmiedehütten verstreut lagen. Die eigentlichen Dörfer waren fast ganz im Papyrus des Ufers verborgen und gegen aussen durch hohes Gras fast unsichtbar. Als wir im Dorfe =Irangala= lagerten, fing eine der Grashütten, die in nächster Nähe meines und des pulvergefüllten Lastenzeltes lagen, Feuer, welches ohne das energische Eingreifen der Askari und Makua leicht schweres Unheil hätte anrichten können. So wurde jedoch alles Feuergefährliche rasch beiseite geschafft und schliesslich verbrannte nichts als eine -- Kaffeemühle.
Am 19. August erreichten wir die äusserste Südwestecke des Nyansa, wo die Hütten und ärmlichen Felder von =Amranda= liegen. Hier kreuzten wir die Route Stanley's und Emin Pascha's und lagerten etwas nördlicher in Busirayombo, dem Hauptdorf von =Bukome=, das an Papyrusufer in öder, staubiger, buschbewachsener Gegend liegt. Es hat etwa dreissig Hütten und ist die Residenz eines blutjungen, etwas beschränkt aussehenden Häuptlings mit Wahumatypus, der einen Schutzbrief von Dr. Stuhlmann besass und in dessen Reisewerk abgebildet ist. Er brachte mir Bananen und Pombe und erhielt ein Gegengeschenk, das von ihm und seinem Gefolge buchstäblich mit stürmischem Applaus aufgenommen wurde. Hier, wie in ganz Usinja und den westlichen Gebieten, ist es nämlich Sitte, Höhergestellte durch Niederknien und Händeklatschen zu begrüssen, welches in Bukome besonders kräftig gehandhabt wurde. (Siehe Abb. pg. 63.)
Etwas nördlich lag eine kleine Handelsniederlassung Mr. Stokes', des irischen Händlers, dessen Angestellter, ein netter Mnyamwesi, mir seinen Besuch machte. Bei dieser Station ist der Nyansa nicht mehr von Papyrus eingeengt. Bei Busirayombo besitzt er gelblich schmutziges und übelriechendes Sumpfwasser, in dem Wasserwanzen umherschwimmen und das Abends ganze Wolken Mosquitos ausspeit, die eine keineswegs angenehme Zugabe zu den tausenden von Sandflöhen bilden.
Am 21. August verliessen wir ohne Bedauern Bukome und zogen westwärts, durch einen unbewohnten Streifen, der Landschaft Ussui zu. Ziegelrother Lateritboden bedeckte die hügelige, mit jungem, lichtem Buschwald, Akazien und einzelnen Baumeuphorbien bestandene Landschaft. Wir passirten einen Hügel, von dem die Eingeborenen Raseneisensteine als Erz gewinnen, und erreichten Mittags das erste Dörfchen von =Ussui=. Dasselbe zeigte sich uns als ein reich bebautes, ziemlich stark gewelltes Land, das hauptsächlich von Sorghum- und Patatenfeldern bedeckt ist, in welchen die kleinen, von Bananenhainen umgebenen Dörfer liegen. In der Umgebung reifen auch schöner Tabak und Tomaten. Die Eingeborenen, die fast alle in Zeug gekleidet waren, besitzen viele Schmieden und begegneten uns scheu, weil sie noch nicht wussten, wie ihr König Kassussura sich zu meinem Besuche stellen würde.
Am 23. August überstiegen wir zwei hohe felsige Kämme, zwischen welchen leicht gewelltes, bewohntes und bebautes Land lag. Von der letzten Höhe stiegen wir in ein weites Thal ab, dessen untere Hänge mit Bananenhainen und Feldern bedeckt waren. Jenseits lag der grosse Hüttenkomplex =Kassussura's=, des Häuptlings von Ost-Ussui, eines der mächtigsten eingeborenen Potentaten in Deutsch-Afrika.
Von Bananen umschlossen lagen in der Nähe die ärmlichen Hütten einer Niederlassung Mr. Stokes', deren einzigen Reiz ein hoher Schattenbaum bot. Eine andere, aus Swahíli-Hütten bestehende Handelsstation hatte der Inder Kipilipili gegründet, der augenblicklich nicht anwesend und durch den Araber Pangalala vertreten war. Auch Stokes hatte einen intelligenten Araber Namens Raschid in Ussui stationirt, der uns freundlich begrüsste. Er war im Innern Afrika's gross geworden, hatte Burton und Speke gekannt und wies uns die Stelle des Dorfes Uthungu, wo der grosse Forscher vor 30 Jahren durchgekommen. Auch die Eingeborenen erinnerten sich deutlich an Speke und erzählten, er habe dem Vorgänger des jetzigen Häuptlings durch Schiessen sehr imponirt.
Von Kassussura erfuhr ich nicht viel Gutes, er sollte persönlich zwar recht freundlich, doch sehr habsüchtig sein und keine Karawane ohne Wegzoll (Hongo) passiren lassen. Einen deutschen Reisenden hatte er noch nicht bei sich gesehen und die Araber versicherten, dass es ohne Hongozahlen nicht abgehen werde. Wirklich erschien auch nach einiger Zeit ein Würdenträger mit einer Anzahl Leute als Abgesandter Kassussura's, der ein ziemlich unverschämtes Benehmen zur Schau trug. In solchen Fällen schadet es nie, die Unverschämtheit durch noch grössere zu übertrumpfen; bevor daher der Abgesandte eine Hongoforderung stellen konnte, fragte ich ihn, warum er mit leeren Händen zu mir komme, ob denn Kassussura nicht wisse, dass er an mich Hongo zu bezahlen hätte? Der Würdenträger war erst ganz starr darüber, dass er, der gekommen war, um Hongo zu fordern, nun selbst Hongo zahlen sollte; aber ein Rundblick durch das Lager mit den Askari und Ruga-Ruga machte ihn doch nachdenklich, und in dieser Stimmung kehrte er zu seinem Herrn zurück.
Die Araber begannen nun eifrig verrostete Schiessprügel und Schwerter zu putzen und meinten, es müsse unbedingt zu blutigen Kämpfen kommen, denn so etwas lasse sich der grosse Kassussura in seinem eigenen Lande nicht bieten. Aber nichts dergleichen geschah: am Abend erschien eine ganze Schaar von Wassui, die ungeheure Massen Lebensmittel anschleppten, das Hongo Kassussura's. Zugleich kam auch der Würdenträger, nun ganz kleinlaut, und erklärte, dass der König zwar mein Freund sei, aber doch den heissen Wunsch hege, mich =nicht= zu sehen. Ich glaubte auf das Vergnügen seiner Bekanntschaft verzichten zu können und sandte ihm ein schönes Geschenk, welches ihn sehr befriedigte und zu neuer Spende veranlasste.
Den 24. August verbrachte ich in der Stokes'schen Niederlassung, wo sich auch ein ganz weisser Egypter befand, der kränklich und von Sandflöhen gequält war. Es war einer der Leute Emin Pascha's, Namens Hassan, der mit Stanley aus Equatoria abgegangen, jedoch in Karagwe liegen geblieben war. Von da ab wurde er von verschiedenen Arabern ernährt und beherbergt, war jedoch halb verrückt, was sich hauptsächlich darin äusserte, dass er von Jedermann, z. B. auch von mir, seinen rückständigen egyptischen Sold verlangte. Ich hätte den Armen gern mitgenommen, doch konnte er kaum gehen.
Am selben Tage liess ich pro forma die Einwilligung Kassussura's zum Marsch durch sein Land einholen, die er bereitwilligst ertheilte und uns vier Mann als Wegweiser und Geleit mitgab. Gleichzeitig schickte er eine Heerde Ziegen und an 100 Lasten Bananenmehl und süsse Kartoffeln und bat um eine deutsche Flagge und um Stellung unter deutschen Schutz, ein Ansuchen womit ich ihn an die Station Bukoba verwies.
Am 25. August zogen wir an dem bananenreichen, aber anscheinend nicht sehr stark bewohnten Residenzdorf Nyaruvungu vorbei, überstiegen ein Joch und gelangten in ein Grasland mit offenen Büschen, das von Sorghumfeldern, Bananenhainen und freundlichen Hütten unterbrochen war. Stellenweise erhebt sich ein hoher Laubbaum, von früherer stärkerer Waldbedeckung zeugend. Höher ansteigend gelangt man in das Plateauland am Msenyi, das von tief einschneidenden Thälern durchzogen ist, deren Gewässer dem Urigi-See zuströmen. Die Höhen bedecken wellige, ausgedehnte Weidegebiete, die mit ihrem üppigen Graswuchs und der kühlen Luft, die auf ihnen herrscht, an Mutyek erinnern. Nur fehlten dort die kleinen Bananenhaine und Felder der weit zerstreuten Siedelungen, an welchen sich die Eingeborenen, schlanke Leute mit sanften, angenehmen Gesichtszügen zeigten, die uns knieenden Gruss darbrachten.
Schon früh hielten Kassussura's Wegweiser bei einem freundlichen Dörfchen und meinten, dass dieser Ort uns zum Lager bestimmt sei. Da wir noch weiter marschiren wollten, baten sie uns dringend zu bleiben, da Kassussura's Programm, das er schon durch Boten überall hin verkündet hatte, sonst gänzlich zerstört würde, was ihnen eventuell den Kopf kosten könnte. Thatsächlich sah man schon von allen Hängen mit Lebensmittel und Pombe beladene Eingeborene herabsteigen, denn in diesen Ländern ist der Reisende überall Gast des Königs und zwar eines Königs dem alles im Lande gehört und demgegenüber niemand Privat-Eigenthum besitzt. Eine Art Polizei erschien, die mit langen Knüppeln Ordnung hielt und tüchtig auf die Eingeborenen einhieb, falls sie in das Lager eindringen oder uns sonst irgendwie belästigen wollten. Denn wir hatten natürlich der Bitte der Wegweiser nachgegeben und gelagert, worauf diese ihre Köpfe wieder etwas sicherer zwischen den Schultern sitzen fühlten. Doch sollte einer von ihnen noch einmal an diesem Tage für sein Haupt zittern müssen, indem er einen Regenschirm verlor, den Kassussura ihm vor einigen Tagen geschenkt hatte. Eine solche Nichtachtung seines Geschenkes würde sicher mit dem Tode bestraft worden sein und der Arme war der Verzweiflung nahe, bis er zum Glück seinen Regenschirm wieder fand.
Je weiter wir gegen Westen vordrangen, desto bergiger und reizvoller wurde das Land. Zwar behielten die Höhen noch Plateaucharakter, doch fielen sie nach allen Seiten in steilen, oft in schroffen terassenförmigen Felswänden abstürzenden Hängen nach den engen Bachthälern ab. Auf felsigem Pfade stiegen wir zu den grasigen, von ziegelrothen Viehwegen durchschnittenen Thälern ab. Die Eingeborenen der spärlichen, weit zerstreuten Dörfer pflegten mich meist in Gruppen zu erwarten, die etwa zehn Schritte vor mir Halt machten, worauf die Leute einzeln laufend ankamen und knieend und händeklatschend ihren Gruss »Kssura!« riefen. Das Baumwollzeug beginnt hier abzunehmen und macht der Fellkleidung Platz. Das Lager im Dorfe Uakilinda war durch eine riesenhafte Ricinuspflanze merkwürdig, die etwa 10 Meter hoch war, einen dicken Stamm und ausgebreitete Aeste besass.
Am 27. August verliessen wir das Gebiet des Urigi-See's und betraten den Grenzdistrikt Kassussura's, der weit trockener und weniger fruchtbar ist. Während sonst überall klare Bäche in den Thälern rieseln, trifft man hier auf trockene Wasserrisse und an den Hängen tritt oft rothbraunes, metallisch glänzendes Gerölle zu Tage, zwischen welchem nur einzelne, niedrige Bäumchen ihr Dasein fristen. Auch der graue Boden der Thäler scheint wenig fruchtbar. Wir bestiegen einen hohen Kamm, auf dem eine duftende Veilchenart gedieh und hatten einen weiten Blick über den Distrikt =Nyakawanda= mit seinen bräunlichen, tafelförmigen Bergen und den fernen Höhen von Uha im Süden.
Das Land ist wenig bewohnt, stundenweit liegen die kleinen ärmlichen Dörfchen von einander entfernt. Das grösste ist jenes des »Gouverneurs« von Nyakawanda, das einen Stachelzaun besitzt, der durch zahllose Spinngewebe von Weitem das Aussehen einer Mauer bekommt. Auch das Thierleben dieser Gegend, überhaupt der Länder westlich vom Nyansa, ist sehr arm, Wild trifft man fast gar nicht und selbst die unvermeidliche Hyäne liess sich Nachts selten hören. Vielleicht war daran die empfindliche Kälte schuld, die besonders in den frühen Morgenstunden das Thermometer auf 5 Grad Celsius fallen liess.
Am 28. August verliessen wir Kassussura's Land und durchzogen eine wilde von Bergkämmen durchschnittene, steinige, wasserarme Gegend, die den südlichsten Zipfel von Karagwe bildet und gänzlich unbewohnt ist. Sie trennt Ost-Ussui von West-Ussui oder =Uyogoma=, dessen erste Dörfer wir am Morgen des 29. August erreichten. Hier herrschte der Häuptling =Yavigimba= (Ruavigimba) der von unserem Nahen und friedlichen Absicht offenbar schon gehört hatte, denn an der Grenze erwarteten uns andere Wegweiser, und Lebensmittel wurden überall bereit gehalten.
Am 29. August kreuzten wir vor =Kaponora's= Dorf die Route Stanley's und traten in gänzlich unbekanntes Gebiet ein. Für die nächsten Tagereisen, soweit Yavigimba's Herrschaft reichte, konnten wir Erkundigungen einziehen, darüber hinaus jedoch lag =Urundi=, ein Land, mit dem keinerlei Verkehr bestand und von dem nur dunkle Gerüchte in's Ausland drangen. Vor der Massai-Tour konnten wir doch Nachrichten über die zu bereisende Gegend einziehen, diesmal jedoch tappten wir völlig im Dunkeln, betraten eine terra incognita im buchstäblichen Sinne des Wortes, ein Land, in dem der Kompass uns als einziger Leitstern diente.
Das östliche Uyogoma war kein besonders einladendes Gebiet, ein steriles Bergland mit unendlichen Hügelzügen, mit wenigen, ärmlichen Dörfern. Die Bewohner sind dunkler, negerhafter als die Leute in Ost-Ussui, sie gehören bereits der Warundi-Gruppe an und einige meiner Leute, die in Ujiji am Tanganyika geboren waren, konnten sich fliessend mit ihnen verständigen.
Von =Rusengo= an trat der Plateau-Charakter schärfer zu Tage, grasige Halden dehnten sich aus, in welchen einige Laubbäume verstreut waren. Die engen Thälchen haben ein schwaches Gefälle und sind von Papyrus-Massen erfüllt, zwischen welchen dünne, sumpfige Gewässer sickern. Die Niederlassungen waren weit auf den Hochebenen verstreut und schlecht gehaltene Felder umgaben die verfallenen Grashütten. Erst am 1. September erreichten wir ein etwas grösseres Dorf, die Residenz des Häuptlings Yavigimba. Derselbe zeigte sich vorerst nicht, doch kamen zahlreiche Eingeborene, die ihren Kniefall machten und reichlich Lebensmittel brachten, obwohl sie anscheinend selbst nicht sehr viel hatten. Alle waren mit langen Stäben und Speeren ausgerüstet, die sie bei der Begrüssung weglegten und trugen am Unterarm einen merkwürdigen dicken Holzring, der beim Bogenspannen dienlich ist. Sie sprachen kein Kisinja mehr, sondern nur Kirundi und scheinen früher eifrig Viehzucht getrieben zu haben, die jedoch durch die Seuche schwer litt.
Am 2. September kam Yavigimba, ein hochgewachsener dunkelfarbiger Mann, um Geschenke mit mir auszutauschen. Es war ihm sehr um die Freundschaft der Europäer zu thun und er bat mich dringend, ihm als sichtbares Zeichen eine Flagge zu geben. Hier war ein Verweisen nach Bukoba nicht mehr möglich, denn dieser Ort lag für Yavigimba gänzlich aus der Welt, ich nahm daher keinen Anstand, ihm eine deutsche Flagge und eine Bescheinigung zu geben, die jederzeit gegen einen Schutzbrief eingetauscht werden konnte.
Wenn ich gehofft hatte, in Yavigimba's Residenz etwas Sicheres über Urundi zu erfahren, so sollte ich mich getäuscht haben. Zwar erzählte man mir allerlei von den blutgierigen, kriegerischen Warundi, die keine Fremden in ihr Land liessen, von ihrem König Mwesi, der irgendwo an unbekanntem Orte throne, von zahlreichen »Nyansa«, welche das Land bewässern -- aber irgend welche Klarheit konnte ich nicht erlangen. Von dem »Akanyaru«, dem Alexandra-See, den Stanley erkundet, kannte man allerdings den Namen und berichtete, dass er ein »Nyansa« sei, der Tage lang mit Kanus befahren würde, so dass ich hoffen durfte, einen grossen See zu entdecken.
Noch zwei Tagereisen hatten wir durch Uyogoma zurückzulegen, dann überschritten wir einen Kamm und stiegen sanft in ein Thal ab, das von mauerartigen, von verbranntem Gras geschwärzten Tafelbergen gesäumt ist. Die Wassui der kleinen zerstreuten Dorfkomplexe folgten uns schaarenweise mit ihren langen Speeren, leisteten ihren Gruss und schlossen sich dann in lachenden und scherzenden Gruppen der Karawane an.
Schon in den Morgenstunden erreichten wir das Ufer eines breiten Flusses, der seine graubraunen Wogen zwischen hohen von üppiger Vegetation gekrönten Ufern dahin wälzte. Mit Bewegung blickte ich in die Fluthen dieses Stromes, aus welchem steile Granitriffe hervorragten; war es doch der =Quellfluss des Nil=, hier Ruvuvu, später =Kagera= genannt, bildete er doch die Westgrenze von Ussui gegen jenes räthselhafte Urundi, in welches wir nun eindringen sollten!
Doch das Leben des Reisenden gewährt keine Frist zu langen Betrachtungen; schon hatte Mkamba den primitiven Einbaum, der als Fähre dient, in Beschlag genommen und mit kräftigen Stössen und Ruderschlägen beförderten die Wassui-Fährleute die ersten Askari an's linke Ufer. Hinter der Karawane, die sich am Ufer niederliess und allmählich übergeführt wurde, sammelten sich hunderte von Wassui und bedeckten dicht gedrängt als schwarze bewegliche Masse mit blitzenden Speeren die Hügelhänge und das Ufer. Auf der Felsinsel im Flusse hockten zahlreiche Eingeborene, gleich Affen sassen sie auf Baumstämmen, die in den Fluss hinausragten, ja sie schwammen trotz der vielen Krokodile darin herum, um das Schauspiel unseres Uebergangs zu geniessen.
Mit dieser Bewegung am rechten stand die Ruhe am linken Ufer in grellem Widerspruch. Wussten die Warundi etwa nicht, dass wir kamen, oder brüteten sie abseits Arges? Sollten die vielen Tage des Friedens, die wir genossen nun wirklich ein Ende haben und wir wieder blutigen Kämpfen entgegengehen? Die Askari am linken Ufer schienen ähnliches zu vermuthen, sie hatten Wachen ausgestellt und Mkamba's hohe Gestalt tauchte auf dem Gipfel eines Termitenhügels auf, unbeweglich in die Ferne spähend.
Plötzlich -- ich befand mich gerade im Kanu -- ertönte aus dem Dickicht des Ufers von Urundi ein langgezogenes Jauchzen und wie durch Zauberschlag tauchten plötzlich zahlreiche dunkle Gestalten mit langen Stäben aber ohne Waffen auf. Im Gänsemarsch kamen sie, Laub und ihre Stäbe schwingend, an, kräftige Gestalten mit originellen Haartouren und braun und grau gemusterten zipfelförmigen Ueberwürfen aus Rindenzeug, das von nun an das einzige Bekleidungsmaterial bildete. Auf der Höhe der Rampe stellten sie sich in zwei oder drei Reihen an und führten jenen merkwürdigen Tanz auf, den ich dann noch unzählige Male sehen sollte, ohne dass er seinen Reiz für mich verlor. Derselbe wird weder von Trommeln, noch von Gesang, noch von irgend einem Instrument begleitet. Den Takt giebt einfach der Tanzschritt, der durch mehr oder weniger kräftige Tritte bezeichnet ist. Unter Leitung eines Vortänzers führen die Massen mit unglaublicher Gleichmässigkeit und Geschicklichkeit diese Tänze auf, dass der Boden dröhnt und mächtige Staubwolken die Tänzer umhüllen. Mit hocherhobenen Armen schwingen sie zierlich ihre Stäbe und Laub, schreiten vor- und rückwärts, führen gleichzeitig hohe Sprünge aus und fallen dabei niemals aus dem Takt, der durch die Fusssohle gegeben wird. Dabei verliert der Tanz nie das Gepräge einer kraftvollen Anmuth; besonders die Vortänzer könnten es in kühnen und doch eleganten Sprüngen mit jedem Ballettänzer aufnehmen. Für einen alten Unteroffizier müsste der Tanz der Warundi geradezu ein Labsal sein, denn was ist der schneidigste Parademarsch gegen diese komplizirten, fortwährend wechselnden und doch unglaublich taktfest ausgeführten Tanzschritte!
Zum Schluss stimmten alle wieder das eigenthümliche Jauchzen oder besser gesagt Jodeln in der Fistel an, rissen Blätter von den Bäumen und streuten dieselben knieend vor mir aus. Während die Karawane übersetzte und wir am Ufer Lager schlugen, kamen immer neue Schaaren von Tänzern und die früheren lagerten in malerischen Gruppen auf der Uferrampe. Es war ein grossartiges Schauspiel. Am rechten Ufer standen Kopf an Kopf die Wassui, in dicht gedrängten Massen die Hügel bedeckend, am linken trampelten, jauchzten und klatschten hunderte von Tänzern in der grellen Sonne, einer Bande Wahnsinniger gleichend. Bei den Wassui sah man noch einzelne Fetzen Baumwollzeug, einige Glasperlen, die äussersten Vorposten der alles umfassenden europäischen Industrie, hier nichts dergleichen; Kleidung und Schmuck war echtes, unverfälschtes Afrika. Erst gegen Abend verzogen sich die Menschenmengen und es erschienen die Aeltesten der Gegend, um mir ein laubbekränztes Schaf und eine Sorghum-Aehre als Friedenszeichen zu überbringen.
Am 6. September verliessen wir den von leichten Morgennebeln überlagerten Nil und traten in welliges Grasland ein, dessen zahlreiche kleine Thäler von Papyrus erfüllt und von felsigen Thalstufen unterbrochen sind, über welche das klare Wasser der Bäche rieselt. Fast kein Baum oder Strauch ist auf den theilweise verbrannten Grasfeldern sichtbar und die Dörfer mit ihren Bananenhainen und den glänzendblättrigen Ficusbäumen, die Rindenstoff, theilweise auch Brennholz liefern, heben sich gleich dunkelgrünen Inseln von den gelbbraunen Flächen ab. Dieses Alpenland, welches unter gewöhnlichen Umständen wohl recht ruhig dalag, glich nun einem gestörten Ameisenhaufen. Von allen Seiten eilten dunkle Gestalten auf den schmalen Pfaden der Hänge oder querfeldein auf uns zu, während von den entfernten Dörfern Hornstösse ertönten, unser Kommen anzeigend.
Vor den Hüttenkomplexen standen die alten Leute, knieten bei unserem Herannahen nieder, klatschten und reichten mir Grasbündel unter allerlei schönen Redensarten, die ich noch unzählige Male hören sollte. In langen Reihen, mit Stäben und ausgebreiteten Armen kamen die Krieger laufend herbei, traten längs unseres Pfades an und führten ihren Tanz auf, worauf sie uns mit jubelndem Geschrei vorliefen und von neuem zu tanzen begannen.
Etwas im Hintergrunde hielten sich die Weiber mit ihren grauen Lendenschürzen und den Ueberwürfen, die bei Verheiratheten den Busen decken, während die wohlgeformten Brüste der jungen Mädchen frei bleiben. Singend begleiteten sie die Karawane, in den offenen Armen Laubzweige tragend.
Einige Leute hatten sich als eine Art Festordner aufgeworfen und hieben tüchtig in die andrängende Masse ein. Denn alle diese Menschen blieben keineswegs bei ihren Dörfern zurück, sondern zogen lachend und jubelnd hinter uns her. Von einer Anhöhe zurückblickend, sah ich bald tausende von braunen, wildbewegten, in der Sonnengluth glänzenden Leibern mit geschwungenen Stäben und Laubzweigen einer Bacchanten-Schaar gleichend.
Den ungeheuren Lärm übertönten Rufe wie »Mwesi!« »Mkasi ya Urundi!« (Beherrscher Urundi's) »Viheko visima« (Grosser König) und »Tuli Wahutu« (Wir sind Sklaven), die mein Dolmetscher mir übersetzte und die mich schliessen liessen, dass die Begeisterung der Warundi einen besonderen Grund haben müsse. Bei der allgemeinen Raserei war es nicht so leicht, diesen zu erfahren und erst nach einigen Tagen brachten meine Leute das richtige heraus.
Die Warundi waren nämlich sonst von einem Herrschergeschlecht regiert worden, welches seine Abkunft vom Mond (mwesi) herleitete und dessen Königstitel »=Mwesi=« war. Der letzte Mwesi, namens Makisavo (das Bleichgesicht) war seit langem verschollen, lebte aber der Tradition nach im Monde fort und wurde vom Norden her erwartet. Als nun plötzlich ein weisser Mensch vom Norden ins Land kam, sahen sie in ihm den ersehnten Herrscher, den Mwesi Makisavo.