Durch Massailand zur Nilquelle
Part 11
Dagegen war nichts zu machen; eine Schaar wahnsinniger Fanatiker ist bekanntlich Vernunftsgründen nicht zugänglich, ich war und blieb für sie der Mwesi, und derart zum Pabst-König von Urundi befördert, blieb mir nichts anderes übrig, als meine Würde mit möglichstem Anstand zu tragen.
Anfangs machte mir die Sache übrigens viel Spass, die topographische Aufnahme war zwar durch den unaufhörlichen ohrenzerreissenden Lärm erschwert, aber das Schauspiel dieses grossartigen afrikanischen Volkslebens bot doch das höchste Interesse. Besonders im Lager entwickelten sich förmliche Tanzfeste. In weitem Kreise kauerten und standen die Volksmengen um einen freien Platz, auf welchem die Tänze stattfanden.
In der rechten den langen Stab, in der linken Laub haltend, führten die Krieger der einzelnen Gegenden nach einander die schwierigsten »Pas« auf. Oft hatten sich die jungen Leute desselben Ortes mit gleichartigem Rindenzeug bekleidet, ja eine Gruppe, die mir durch besondere Geschicklichkeit auffiel und von einem jungen, prachtvoll gebauten Krieger geführt wurde, trug schneeweiss bemalte Lederschurze. Komisch war eine Anzahl nackter Knaben, die jedesmal mitzutanzen versuchten, darunter oft kleine Bengel, die kaum die Beine heben konnten. Diese durften Fehler im Tanz machen: doch wehe dem erwachsenen Tänzer der nur den geringsten für Nicht-Warundi kaum wahrnehmbaren Fehltritt machte, er wurde mit Hohngeschrei verjagt und konnte froh sein wenn er ohne Prügel davon kam.
Nach den Männern traten Weiber an, die Verheiratheten in aschgrauer Kleidung, die Kinder auf dem Rücken, die Ledigen mit ganz schmalen Lendenschurzen, kleine Mädchen nackt. Sie stellten sich im Halbkreis auf, dessen Mitte zwei schön gewachsene junge Mädchen einnahmen, die mit ausgebreiteten Armen einen reizenden Tanz im spanischen Fandango-Styl aufführten, begleitet von Händeklatschen und angenehm weichem Gesang. Nichts, als die anmuthigen Bewegungen der Arme erinnerte hier an den obscönen »Bauchtanz« der Orientalen und vieler Negerstämme, bei welchem die Tänzerin fast unbeweglich steht. Hier wurde regelrecht mit den Beinen und zwar mit einer Kühnheit und Anmuth getanzt, um welche jede Ballerine die schwarzbraune Kollegin beneiden könnte. Der wohlklingende, wechselvolle Gesang der sanften Frauenstimmen und der Anblick dieser schlanken Wesen, welche mit ständigem Lächeln jene kunstvollen Tänze aufführten, gaben ein Schauspiel von eigenthümlichem Zauber. Auf das Schöne folgte das Groteske in Gestalt einiger alten Weiber, die mit »süssem« Grinsen, zum Halloh der Träger, ihre runzeligen Glieder verrenkten.
Um Nahrungsmittel brauchten wir hier nicht zu sorgen; der Wunsch, etwas zu kaufen, wurde garnicht begriffen; denn dem Mwesi gehört eben alles, was im Lande ist, er nimmt sich was ihm beliebt und was er nicht nehmen kann wird ihm lastenweise von allen Seiten angebracht. Grosshörnige Rinder, Ziegen und Schafe, Unmengen von Bananen und Hülsenfrüchten, zahlreiche Krüge mit Pombe kamen fortwährend, ohne dass irgend jemand von uns etwas verlangte oder erbat. Selbst die sonst unvermeidliche Bettelei der Neger verstummte dem Mwesi gegenüber. --
Das Land behielt stets den Charakter eines grasigen von engen Papyrusthälchen durchzogenen Berglandes. Manchmal hat man eine breite Senkung zu überschreiten, die stets versumpft und mit verfilzter, schwimmender Grasvegetation bedeckt ist, in welche man leicht einsinkt. Die Warundi häuften hier Bündel von Gras auf, um uns das Ueberschreiten zu erleichtern. In dieser Gegend lebt auch ein den Pygmäen verwandter Stamm der Watwa, der in ärmlichen Grashütten haust.
Wir durchzogen die reich bewohnten Distrikte von =Gutaha= und =Mukivuye= und erreichten am 10. September =Intaganda=, eine Landschaft am rechten Ufer des breiten Thales, welches der papyrusreiche =Akanyaru=-Fluss durchströmt. Dieser gab Veranlassung zur Entstehung der Sage vom Nyansa ya Akanyaru, dem Alexandra-See Stanley's.
Jenseits tauchten hohe grasige Berge mit den dunkeln Punkten der Siedlungen auf; es war =Ruanda=, das räthselhafte Königreich, in welchem weisse Neger vermuthet wurden, jenes Fabelland, von dem viele Reisende gehört, das aber noch Keiner betreten hatte. Mein Wunsch, die Nilquellfrage endgiltig zu lösen, hielt mich davon ab, eine nähere Erforschung dieses Landes vorzunehmen, jedenfalls wollte ich es jedoch besuchen und beschloss daher am nächsten Tage den Akanyaru zu übersetzen.
Die moralische Kraft meiner Leute, besonders der Askari, wurde zu jener Zeit auf eine harte Probe gestellt. Denn darüber waren wir uns völlig klar, dass diese tolle Freundschaft der Warundi, welche ausschliesslich auf Aberglauben begründet war, jeden Augenblick durch irgend welche zufälligen Ereignisse in das Gegentheil umschlagen konnte. Zwar kam alles unbewaffnet und nur mit langen Stäben, doch die Speerspitze steckte in Laub eingewickelt unter dem Rindenzeug, und jeden Augenblick konnten die friedlichen Tänzer sich in speerschwingende blutgierige Gegner verwandeln. Ein strenger Wachtdienst wurde daher Tag und Nacht unterhalten und Befehle ausgegeben, welche es uns ermöglichen sollten, jeden Moment einen Angriff abzuwehren.
Das Bewusstsein der trotz aller Freundschaft stets drohenden Gefahr, der Anblick der tausendköpfigen Menschenmasse, welche gleich einem brausenden Meere sich längs der Karawane hinwälzte, das ununterbrochen andauernde Getöse, alles das war im Stande auch die härtesten Gemüther zu beeinflussen. Vom Tanganyika, dem wir zustrebten, hatte hier kein Mensch eine Ahnung und immerfort ging es nach Westen, unbekannten Fernen zu. Ich versicherte ja freilich, dass der Tanganyika nicht mehr weit sei, aber auch das Vertrauen in die Wissenschaft des Weissen hat in solchen Fällen seine Grenzen. Dazu kam, dass Mzimba an einer Augenentzündung erkrankt und fast blind war, also nichts zur Hebung des guten Muthes der Mannschaft beitragen konnte.
Als wir denn in Intaganda lagerten und das wilde Stampfen und Jauchzen der Warundi draussen ertönte, hielten die Askari unter sich eine Berathung und schickten mir eine Deputation, welche mich bat, zurückzukehren, denn sie wollten nicht mehr weiter ins Innere reisen und den Akanyaru nicht übersetzen. Dies wäre nun vielleicht der Moment gewesen, meine Leute antreten zu lassen, nach berühmten Mustern eine begeisternde Rede zu halten und an ihre Treue und ihren Muth zu apelliren. Vielleicht wären sie mir dann -- ebenfalls nach berühmten Mustern -- zu Füssen gefallen und hätten gerufen: »Mit Dir gehen wir bis an's Ende der Welt.«
Aber ich versäumte leider diese Gelegenheit und begnügte mich, der Deputation einige harte Gegenstände, die sich gerade in meiner Nähe befanden, an den Kopf und sie aus meinem Zelt hinaus zu werfen. Als dann gegen Abend die Askari zur Wachabtheilung antraten, fragte ich sie, ob vielleicht noch jemand von mir etwas wünsche, worauf sie versicherten, dass sie ganz und gar zufrieden seien.
Am Morgen des 11. September übersetzten wir den Akanyaru. Von Intaganda aus marschirten wir zuerst über eine bergige, von Dörfern bedeckte Halbinsel, welche in die Papyrus-Sümpfe einschneidet. Dann stiegen wir steil zum Akanyaru ab und betraten den von Wurzelstöcken durchsetzten, jetzt völlig trockenen schwarzen Boden der Ufer, in dem 2-3 m hohe Papyrus-Halme gedeihen. Der erste Arm des Flusses war etwa 10 m tief und nicht durchwatbar. Am linken Ufer, welches schon zu Ruanda gehört, zeigte sich anfangs keine Seele, und ich begann mit meinen Leuten die Ufer nach einem Kanu abzusuchen.
Da traten drüben einige Wanyaruanda, mit Speeren und Haumessern bewaffnet, aus dem Schilf. Die Warundi riefen ihnen zu, die Speere wegzulegen, da der Mwesi ihr Land besuchen wolle. Dies geschah sofort; auf einen gellenden Schrei des Anführers erschienen noch etwa 50 Leute und begannen unaufgefordert eine eifrige Thätigkeit. Einige holten zwei grosse, im Schilf verborgene Kanus, in welche sie, mit ausgehöhlten Rudern arbeitend, die Karawane überzusetzen begannen. Andere flochten lange Seile aus Papyrus, die sie über den Fluss spannten, worauf sie in Form von Papyrusbündel Scheiterhaufen darauf häuften und festbanden. Auf diese Art errichteten sie in unglaublich kurzer Zeit eine Brücke, auf welcher die Träger, ja selbst Rindvieh und Esel trockenen Fusses übersetzen konnten.
So marschirten wir in =Ruanda= ein, als jedoch unser reichliches Gefolge von Warundi nachdrängen wollte, widersetzten sich die Eingeborenen und auch ich, der ich froh war, die unruhige Gesellschaft loszuwerden, machte meine Autorität als Mwesi geltend und schickte sie heim. Sie blieben zurück und lange tönte ihr Ruf »Gansa gansa Mwami« (sei gegrüsst Häuptling) hinter uns her. Noch überschritten wir einen zweiten, ebenfalls überbrückten Arm und verliessen dann den Papyrusgürtel um den Hang eines steil ansteigenden Grasberges zu betreten.
Auch hier standen grosse Menschenmengen, auch hier wurde getanzt und gejubelt und die Weiber, unter welchen es sehr hübsche gab, empfingen uns mit »offenen Armen« und sangen, ihre Laubzweige schwingend, wohlklingende Lieder. Doch fehlte der tolle Fanatismus Urundi's, ich war eben hier nicht mehr der Mwesi, sondern höchstens ein ausländischer Potentat, dem man einige Aufmerksamkeiten erweist. Wir lagerten auf der Höhe in einem schönen bananenreichen Dorfe =Mundabi=, das gut gebaute, wohnliche Hütten besass. Dort stellten sich mir einige Häuptlinge, Watussi, mit völlig abessinischen Gesichtstypen vor, die hier =Kigere=, den König von Ruanda, vertraten. Auch in der Verproviantirung zeigte sich ein Unterschied mit Urundi, man brachte zwar reichlich Lebensmittel, aber man erwartete und bekam Gegengaben. Die beiden nächsten Tage verbrachten wir in Mundabi und ich zog eingehende Erkundigungen über das Vorhandensein eines Sees in Ruanda ein, erhielt jedoch hier, im Lande selbst negative Antworten. Die Eingeborenen führten öfter Tänze auf, haben es jedoch in der Kunst Terpsichorens nicht annähernd so weit gebracht wie die Warundi.
Am 14. September zogen wir durch stark welliges, offenes Land mit grünenden Thälern und steilen Hängen gegen Südwest. Ueberall rieselten klare Bäche, welche in zahlreiche Gräben abgeleitet, die schönen Felder bewässerten. Ueberhaupt waren die Kulturen und Dörfer in Ruanda viel besser gehalten als in Urundi, ein Umstand, der bei sonst ganz gleichartiger Bevölkerung wohl der Ruhe im Lande, im Gegensatz zu dem politisch zerfahrenen Urundi, zu danken ist. Auch ziemlich viele Rinder mit ungeheueren Hörnern sind zu sehen.
Die Eingeborenen bereiteten uns überall einen freundlichen Empfang, die Weiber sangen und die Aeltesten überreichten uns mit Laub umwundene Spaten als Friedenszeichen. Ueberall gab es Watussi, die durch schlanken Körperbau und fast europäischem Typus sofort auffielen. Einige waren lichter gefärbt und haben wohl zur Entstehung der Sage von den weissen Negern Veranlassung gegeben. Sie benahmen sich etwas zurückhaltend und erklärten stets, wir müssten erst die Erlaubniss Kigeres zum Verlassen des Landes einholen, bevor wir uns der Grenze näherten. Merkwürdigerweise hielt man uns im Lande für gänzlich unbewaffnet, da Gewehre völlig unbekannt waren.
Am nächsten Morgen zogen wir durch mehrere Dörfer, wo wir mit gewohntem Jubelgeschrei empfangen wurden, und wandten uns dem Abfall gegen den Akanyaru zu, der auch hier die Grenze Urundi's bildet. In dem offenen, grasigen Lande konnte ich die ganze Karawane übersehen und bemerkte, dass plötzlich etwa dreissig mit Bogen bewaffnete Eingeborene sich dem Vortrab entgegenstellten. Es waren Watussi, welche Mkamba zuriefen, wir dürften das Land nicht verlassen, bevor Kigere dies bewilligt. Mkamba hielt dies für einen Scherz, da er doch nicht annehmen konnte, dass dreissig Leute die Karawane aufhalten wollten, und marschirte ruhig weiter. Da vertheilten die Krieger sich seitwärts von der Route und begannen ganz gemüthlich, Pfeile auf uns zu schiessen. Natürlich genügten einige Schüsse, um sie zu verjagen, worauf unsere Massai-Viehtreiber sie mit ihren langen Speeren verfolgten. Damit war dieser Zwischenfall erledigt und im nächsten Dorfe erscholl wieder Freudengeschrei und Weibergesang.
Wir stiegen über steile Hänge nach dem Akanyaru ab. In den Schluchten rauschten Gewässer, die von Schirmakazien und Laubbäumen eingesäumt waren. Solche bezeichneten auch den Lauf des Akanyaru, der hier als vielgewundener, reissender Bergstrom gegen Nordost floss. Während wir den Fluss durchwateten, sammelten sich jenseits riesige Menschenmengen an, das »Gansa mwami« erscholl, Alles jubelte, tanzte, klatschte und tobte wie wahnsinnig im Kreise herum -- kurz, wir waren wieder in =Urundi=.
In den nächsten Tagen durchzogen wir die Distrikte =Mugitiva= und =Rusiga=. Das Land steigt immer mehr an und erhebt sich zu bedeutender Seehöhe. Grasige, langgezogene Rücken durchziehen das Land und fallen in steilen Hängen zu den meist sumpfigen Thälern ab. Im Südwesten taucht allmählich eine hohe waldige Bergkette auf, in der ich die Wasserscheide gegen den Tanganyika vermuthete. Die zahlreichen Gewässer bildeten die hintersten Wasser des Nil, dessen Quelle wir uns immer mehr näherten. Die bananenreichen Dörfer waren von Feldern umgeben, in welchen besonders eine vorzügliche Erbsenart gedieh, auf den Wiesen weideten zahlreiche Rinder mit ungeheurem Gehörn.
Der Fanatismus der Warundi erreichte hier seinen Höhepunkt. Ungeheure Volksmassen kamen von allen Seiten angezogen und wälzten sich gleich einem Strom hinter uns her. Andere Schaaren zogen voraus, gleich einem Heuschreckenschwarm über alles im Lande herfallend. Sie rissen Vorräthe und Hausgeräth aus den Hütten, die Felder waren in wenigen Minuten kahl, ganze Heerden von Rindern wurden mitgetrieben und von meinem rasenden Gefolge oft buchstäblich in Stücke zerrissen. Die ungeheuren Pombemassen, die sich in den Dörfern fanden, trugen ebenfalls nicht zur Beruhigung der Gemüther bei.
Die Bewohner der Ortschaften liessen sich nicht immer ruhig ausplündern, es fanden blutige Gefechte vor der Karawane statt, bei welcher Leute schwer verwundet, mehrere sogar erschlagen wurden. Aber sobald ich mich näherte, legten beide Theile die Waffen nieder, warfen sich buchstäblich unter die Hufe meines Reitesels und riefen ihr »gansa mwami!« Die tollste Raserei entwickelte sich in unmittelbarer Nähe meiner Person. Männer, Weiber und Kinder drängten mit fürchterlichem Geschrei und fanatisch verzerrten Zügen auf mich ein; denn den Mwesi gesehen oder gar berührt zu haben, galt als das höchste Glück. Kurbatschhiebe und selbst Kolbenschläge der Askari waren völlig wirkungslos, mit blutüberströmten Gesichtern kehrten die Gezüchtigten sofort wieder und heulten knieend ihr »gansa mwami«.
Der fortwährende Anblick dieser aneinander gepressten schwarzen Leiber, das Getöse, welches die Luft erzittern machte, und der Wahnsinn, der aus dem ganzen Treiben sprach, machten auf mich den tiefsten Eindruck. Ich rechne es mir zur Ehre an, in jenen Stunden die topographische Aufnahme auch nicht eine Minute unterbrochen zu haben. Wenn mir das überhaupt möglich war, so verdanke ich dies nur meinen braven Askari, die dieser Volksmasse gegenüber ihr kaltes Blut behielten.
Natürlich wandte sich die Wuth der Leute oft gegen sie, wollten sie die Warundi doch von ihrem Mwami abhalten. So kam es, dass am 17. September die Askari erst durch Stockhiebe, dann durch Bisse und schliesslich sogar durch Messerstiche verwundet wurden. Als einem jungen Manyema-Ruga-Ruga gar die Unterlippe abgebissen wurde, war es kein Wunder, dass er Feuer gab. Wie es in solchen Fällen zu gehen pflegt, krachten gleich mehrere Schüsse, und bevor mein sofort gegebener Pfiff zum »Feuer einstellen« sich Geltung verschaffte, bedeckten zu meinem tiefen Bedauern etwa 30 Warundi todt und schwer verwundet den Boden.
Eine Todtenstille trat ein und wir erwarteten nun, den längst gefürchteten Umschlag der Stimmung eintreten zu sehen. Aber nichts dergleichen geschah, ein gellender Freudentriller einer hohen Frauenstimme unterbrach das Schweigen, das »gansa mwami« erscholl wieder aus tausend Kehlen, die Krieger tanzten wenige Schritte von den Leichen ihrer Landsleute, und in das Aechzen der Sterbenden mischte sich der Jubelgesang der Weiber. Es war ein schreckliches Bild.
Obwohl ich mich selbst und in Anbetracht der Umstände auch die Askari von jeder Schuld freisprechen musste, rief ich doch im Lager die Aeltesten der Gegend zusammen und erklärte mich bereit, das in Afrika in solchen Fällen übliche Blutgeld zu zahlen. Aber sie hielten das für einen Scherz. »Der Mwesi«, sagten sie, »thut und lässt was er will, schlägt todt wen er will, ja, ein Mwesi, der keine Leute todtschlägt, wäre gar kein richtiger Mwesi.«
Im Lager war natürlich lebhafte Bewegung. Die Volksmengen, welche uns begleiteten, lagerten meist etwas abseits und äfften Nachts die Rufe unserer Wachtposten nach. Zu mir kamen fortwährend Leute mit Geschenken, kamen Zauberer mit weiss bemalten Gesichtern, eine Klapper schwingend und mit künstlich heiserer Stimme Beschwörungen murmelnd, ja es kamen Leute, welche selbst meinem Esel Geschenke an Vieh und Pombe anboten und sich um sein Wasser, als einer kostbaren Medizin, schlugen. Einmal brachte man mir einen uralten weisshaarigen Mann und fragte mich, ob ich ihn kenne. Ich bedauerte nicht die Ehre zu haben, worauf der Alte meinte, ich habe ihn wohl vergessen, er aber erinnere sich noch genau daran, mich schon früher als Mwesi gesehen zu haben.
Die Träger hatten damals eine bequeme Zeit, denn unterwegs galt es bei den Warundi als eine vielbeneidete Ehre, die Lasten des Mwesi zu schleppen und im Lager bedurfte es nur eines Winkes, um Eingeborene zum Wassertragen und anderen Verrichtungen zu veranlassen.
Am 18. September überschritten wir den Nil, der hier, wie an der Grenze von Ussui, Ruvuvu genannt wird, einen stark fliessenden, etwa 5 m breiten Bach, und wandten uns nach Nordwest, um dessen Quelle zu erreichen. In den zahlreichen Dörfern hausen viele Watussi, die sich zum Unterschied von den Warundi scheu und ablehnend verhielten. Sie stellen gewissermaassen einen Raubadel vor und waren daher von dem Erscheinen eines Mwesi, der ihnen angenehme anarchische Zustände beenden konnte, keineswegs erbaut. Die Warundi warnten mich mehrfach vor ihnen und als ich sie aufforderte, doch alle Feinde von mir abzuwehren, was ihnen bei ihrer riesigen Uebermacht nicht schwer fallen könne, erklärten sie, dass dies nicht anginge, sie als »Wahutu« (Unterworfene) könnten unmöglich mit ihren Herren, den Watussi, kämpfen, dies müsse der Mwesi schon selbst besorgen.
Als wir am 18. September von einer Anhöhe abstiegen, fiel mir auf, dass unser Warundi-Gefolge langsam zurückblieb und plötzlich bemerkte ich etwa 200 Watussi, die mit Bogen und Speer bewaffnet von der Höhe auf uns anstürmten. Ich bestieg schleunigst mit meinen Askari eine Kuppe im Hang, liess einige Salven auf die Angreifenden abgeben und warf sie ohne Schwierigkeit. Als ich die Höhe erstieg, war ich natürlich überzeugt, dass alle bei mir befindlichen Leute mir dahin folgen würden. Zum Unglück blieb jedoch der Massai-Dolmetsch =Bakari= (Kiburdangop) mit seinem Freunde, dem Elmoruo Ndaikai von Unter-Aruscha am Wege stehen. Einige Watussi bemerkten diese beiden, stürzten auf sie los und verwundeten Bakari am Oberarm. Allerdings stiess Ndaikai die beiden Krieger nieder, doch als er mit blutrauchendem Speer zu mir kam, um den Vorfall zu melden, war es zu spät, Bakari war bereits dem Blutverlust erlegen. Nun geriethen unsere Massai-Hirten, die Bakari stets besonders geneigt waren, in grenzenlose Wuth; unterstützt von den Elephantenjägern unternahmen sie eine Verfolgung der Watussi und stiessen viele derselben nieder.
Den braven Bakari, der sechs Jahre seines Lebens im Massai-Lande verbracht und dem ich fast alles verdanke, was ich über Sprache und Sitten der Massai erfahren, senkten wir in die Erde -- eine Tagereise von der Nilquelle.
Am 19. September verfolgten wir den Ruvuvu-Nil aufwärts, der hier ein kleines, nicht viel über einen Meter breites Bächlein ist, das in schmalem, leicht sumpfigem Thal zwischen hohen und steilen Grashängen rauscht. Nach einigen Stunden erreichten wir eine Stelle, wo das Thal sich gabelt und zwei kleine, kaum einen halben Meter breite Rinnsale sich einen. Hier war die Ansicht der Eingeborenen getheilt, welche der beiden Quellen als Ruvuvu, als =Nil=, zu bezeichnen sei. Doch schien mir dies von nebensächlicher Bedeutung, da die Schluchten, wie man deutlich wahrnehmen konnte, in den westlich ansteigenden theilweise waldigen Bergen ihr Ende erreichen und kaum einen Kilometer oberhalb des Vereinigungspunktes zu reinen Regenschluchten werden, die nur periodisch Wasser führen. =Wir standen am Ursprung des Kagera, des mächtigen Hauptstromes des Victoria-Nyansa, welchen die Engländer Alexandra-Nil nennen, weil er zugleich der Quellfluss des Nil ist, wir standen an der= •Quelle des Nil•. Das uralte Problem, in welches zuerst Licht geworfen zu haben =Spekes= unvergänglicher Ruhm ist, fand hier seine endgiltige Lösung, das Ziel welches Stanley 1874 vergeblich angestrebt, war erreicht.
Wir erstiegen eine grasige Höhe zwischen den beiden Quellschluchten und lagerten im kleinen Watussidorf =Unyange=. Unser Gefolge an Warundi hatte stark abgenommen, denn merkwürdigerweise gilt diese Stelle ihnen als heilig und wird mit abergläubischer Scheu betrachtet. Hier wurden einst die verstorbenen Mwesi begraben.
In einem dunklen Hain, dem =Wuruhukiro=, unweit des linken Quellrinnsals, ruhten die Träger der Königsleichen, die Bestattung fand dann am Gipfel des =Ganso Kulu=, eines hohen Grasberges, statt. In den Berg-Wäldern irren, nach dem Glauben der Warundi, heute noch die Geister der verstorbenen Mwesi, nach welchen das Gebirge =Missosi ya Mwesi= genannt wird. Dieser Name, welcher wörtlich übersetzt »=Mondberge=« heisst, überraschte mich aufs höchste, denn wen würde er hier, an der Quelle des Nil, nicht unwillkürlich an die Mondberge der Alten erinnern, welche das räthselhafte Haupt des Nil beschatteten?
In Unyange trat wieder ein freudiges Ereigniss ein, im Lager der Elephantenjäger wurde ein Sprössling geboren, den ich Caput Nili taufte; der leidenden Wöchnerin zuliebe blieben wir am 20. September am Platze. Die Watussi machten sich mehrmals unangenehm bemerkbar, ja sie umschlichen Nachts das Lager und versuchten während eines schweren Wolkenbruches mit Hagelwetter einen Angriff. Sie wurden zwar ohne Schwierigkeit geworfen, doch mit der Nachtruhe war es vorbei und mehrmals wurde die Umgebung bei eiskalter, stockdunkler Regennacht mit der Magnesiumfackel abgeleuchtet, die grelle Lichtstrahlen über die weiten, schweigenden Grashalden warf. Am nächsten Morgen zeigten uns die Warundi eine grosse Schaar Watussi, die auf einem entfernten Hang Kriegsrath hielten. Ich störte diese Berathung sehr unangenehm durch einige wohlgezielte Schüsse mit dem Repetiergewehr und zum nicht endenwollenden Erstaunen der Warundi stob der Haufe auseinander. Bald darauf loderten überall Feuer in den Dörfern auf: die Warundi steckten die Dörfer der Watussi an, die sie nun für endgiltig besiegt hielten.