Durch Massailand zur Nilquelle

Part 12

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Am 21. September kletterten wir auf lehmigen, durch den Regen schlüpferig gemachten Pfaden über steile hohe Grasberge welche die Ausläufer der Missosi ya Mwesi bilden und lagerten im Dorfe =Demera=, wo die Hütten hübsch aus Bambus erbaut waren. Selbst hier, einige Tagereisen vom Tanganyika wusste man nichts von der Existenz dieses Sees und die Entmuthigung meiner Leute wuchs täglich. Ich beschloss nun die Missosi ya Mwesi zu übersteigen, da ich nach der Breitenbestimmung genau wusste, dass das Nordende des Tanganyika nicht mehr fern sein konnte. Natürlich musste ich zu diesem Zwecke die Eingeborenen über die vorhandenen Pfade ausfragen, was wieder das Missliche hatte, dass dadurch die Watussi Nachricht über unsere Bewegungen erhielten.

Zum Glück brachten die Askari bei Demera einen alten Mtussi ein, der, peinlich befragt, uns mittheilte, dass seine Landsleute einen Angriff im Bergwalde planten, was mir dann auch von Warundi bestätigt wurde. Ein Waldkampf gehört in Afrika bekanntlich zu den misslichsten Sachen, ich beschloss daher die Watussi ruhig auf uns lauern zu lassen und das Gebirge an einer anderen Stelle zu überschreiten.

Am 22. September ging es bei kühlem Wetter steil bergan; über die Grasfelder flogen Nebelstreifen, während in den Thalrissen prächtiger Wald mit weissen schlanken Stämmen und hohen tiefgrünen Laubkronen gedieh. Dort sah ich zum ersten Mal seit Jahren wieder den grauen Papagei, einen alten Bekannten aus West-Afrika. Weiter oben ersetzten strauchartige Erika's die Stelle des europäischen Krummholzes und einzelne 3-4 m hohe, an Königskerzen erinnernde Pflanzen (Lobelia) fallen auf. Ganz nahe an der Kammhöhe trafen wir noch mehrere kleine Warundidörfer, deren, trotz der Kälte fast nackte Bewohner zu unserer Begrüssung herbeieilten. Steil stiegen wir durch dichtes Bambusgestrüpp ab, das mit seinen zahllosen schlanken Zweigen und dem zarten matt-grünen Laubgefieder einen reizenden Anblick gewährt. Wir passirten einen dem =Russisi= zufliessenden klaren Bergbach und überstiegen einen zweiten hohen Kamm, der ganz mit Bambus und hochstämmigem dichten Wald bedeckt und von schmalen in den Lehmboden tief eingetretenen Pfaden durchzogen ist.

Erst Nachmittags traten wir aus der dunkeln Wildniss und gelangten in das Dorfgebiet der Landschaft Imbo, wo Bananenhaine und reiche Felder die Hänge bedecken. Am Fusse des Berges dehnte sich ein welliges Land aus, wo sich Feld an Feld reiht und unzählige Rauchsäulen die Weiler bezeichnen. Westlich davon liegt das breite flache Thal des Russisi mit seinen fernen dunkeln Randbergen, die schon dem Territorium des Kongostaates angehören. Im Süden schloss ein scharfer, heller Streif das Bild. Es war der =Tanganyika=, und ich zeigte ihn meinen Leuten, doch schüttelten sie ungläubig die Köpfe. Erst als die Sonne für einen Augenblick die Wolken durchbrach und die Wasserfläche silbern erglänzte, da ging ein Jubelschrei durch die Karawane: Al hamdu lillahi, tumepona! (Gott sei Dank, wir sind gerettet.)

Wir lagerten in einem kleinen Dorfe, dessen Bewohner uns freundlich, aber ohne Begeisterung aufnahmen; auch ich sagte »Gott sei Dank«, denn die Mwesi-Tollheit war vorüber. Es waren echte Warundi, welche dieses gesegnete Land bewohnten. Das Auftreten anderer Kulturpflanzen zeigte die Nähe des völkerverbindenden Sees an. Am 23. September stiegen wir von der Höhe ab und marschirten durch welliges von Bachthälern durchzogenes Land, auf dessen fettem Humusboden prächtige Felder der Eingeborenen gedeihen, in welchen die Bananenhaine und Komplexe halbkugeliger Hütten verstreut sind. Auch der glänzendblättrige Rindenbaum wird überall gebaut und zur Verfertigung des schönen, ziegelrothen Zeuges verwendet. Man sah ziemlich viel Vieh auf der Weide und in den Dörfern gab es reichlich Nahrung, Tabak und vortrefflichen Honig. Das Benehmen der Eingeborenen war gerade nicht unfreundlich, aber scheu; vor allen Dörfern standen Bewaffnete: sie hatten offenbar schon Küstenkarawanen und nicht von der besten Seite kennen gelernt, denn der Araber =Rumaliza= (Mohammed bin Halfan) aus Ujiji pflegte seine Sklavenjagden bis hierher auszudehnen.

Am 24. September betraten wir in der Landschaft =Utavuka= die Russisi-Ebene, welche mit hohem Graswuchs, Dorngestrüpp und Baumeuphorbien einen steppenhaften Eindruck macht. Nur wo die wasserreichen Bäche aus den Bergen treten, dehnen sich üppige Bananenhaine und ganze Wälder herrlicher Oelpalmen aus, die mich lebhaft an Westafrika erinnerten. Besonders fällt der Reichthum an Schmarotzerpflanzen auf, die an den Blattansätzen der Palmen herauswuchern und oft förmliche Bäume am Baum bilden. Dazwischen flatterte in kreischenden Schaaren der graue Papagei.

Am 23. war der Marsch durch sumpfige Stellen erschwert und führte dann durch offenes sandiges Alluvialgebiet, in welchem die glühende Sonnenhitze lästig wurde, bis endlich ein Blick auf den wogenden =Tanganyika= alle Mühe vergessen liess. Wir durchzogen einen Bananenhain, der seine Ufer säumt und lagerten knapp am Strande in einem kleinen Dorfe.

Der Anblick der sich von dort bot gehört zu dem Grossartigsten was ich in Afrika geschaut. Vor uns dehnte sich, ein riesiges Binnenmeer, der tiefblaue Tanganyika mit seiner donnernden, oceanartigen Brandung. Hinter dem üppigen, palmbekränzten Ufer erhoben sich im Osten die grünen Urundiberge, während im Westen, scheinbar direkt den Fluthen entsteigend, die gewaltige dunkle Bergmauer von Uvira aufragte.

Mit Behagen athmeten wir die köstliche Seebrise ein und liessen uns selbst durch Krokodile den Genuss eines Bades nicht verkürzen. Hatten wir doch den schwierigsten Theil unserer Reise hinter uns, standen wir doch an der äussersten, westlichsten Grenze des deutschen Interessengebietes und führte unser Weg fortan doch der aufgehenden Sonne entgegen, nach der Küste, nach der Heimath!

V. KAPITEL.

Vom Tanganyika nach Irangi.

Das Lager der Sklavenhändler. -- Kämpfe mit Watussi. -- Die südlichsten Nilzuflüsse. -- Baumdörfer am Mlagarasi. -- Im Waldland Uha. -- Kirambo. -- Die Mission Urambo. -- Tabora. -- Erstürmung von Tambarale. -- Sunguisi. -- Die Wembere-Steppe und Usure. -- Turu. -- Ussandaui. -- Irangi.

Am Tanganyika trafen wir zum ersten Male seit Wochen wieder auf Küstenleute. Unweit unseres Lagers lag, von festem Stangenzaun umgeben, eine Niederlassung des Arabers Mohamed bin Halfan aus Ujiji, besser bekannt unter dem Namen =Rumaliza=. Doch die freudige Begrüssung, die sonst beim Zusammentreffen mit Swahíli stattfand, blieb hier aus; scheu hielten sich die Insassen des Ortes in ihrer Befestigung und Nachts zeugte das fortwährende Dröhnen einer Trommel, dass sie scharfe Wacht hielten.

Für mich lag darin nichts verwunderliches, denn Rumaliza, ein Sklavenhändler und Kompagnon Tippo-Tips, galt seit jeher als Feind des Europäerthums und stand damals in dringendem Verdacht, mit dem aufrührerischen Häuptling Sike von Unyanyembe unter einer Decke zu stecken. Das war mir bekannt, doch konnte ich nicht wissen, dass zur selben Zeit am Südufer des Tanganyika blutige Kämpfe zwischen Belgiern und Arabern stattfanden, und dass in Manyema der grosse Entscheidungskampf zwischen dem Kongostaat und den Arabern begonnen hatte. Doch liefen dunkle Gerüchte von Kämpfen der Europäer mit Rumaliza bei mir ein, und die Warundi meldeten mir, dass Bakari, der Häuptling Rumaliza's in Ruwenga, jenseits der Russisi-Mündung einen Angriff auf mich plane. Diesem galt es unter allen Umständen zuvor zu kommen. Ich schickte also einen meiner Elephantenjäger, der früher in Manyema gewesen, nach dem arabischen Lager und liess dessen Anführer auffordern, zu mir zu kommen.

Nach längerer Zeit erschienen sie auch, wüst aussehende Kerle in zerrissener Küstentracht und mit langen Flinten. Es war derselbe Schlag Leute, mit welchen ich vor Jahren an den Stanley-Fällen des Kongo viel zu thun hatte; Menschen, die sich Sansibariten nennen, weil sie nothdürftig Kiswahíli sprechen, und doch nur Sklaven aus Innerafrika sind, die niemals die Küste gesehen. Sie berichteten übereinstimmend mit den Warundi, dass =Bakari= (=Kapokora=) das Oberhaupt dieser Gegend sei, und erklärten sich bereit, einen Brief an denselben zu bringen. Denn es war natürlich mein Wunsch, mit diesen Leuten gütlich auszukommen, da mir an dem Risiko eines Gefechtes mit Arabern wenig gelegen war, um so weniger, als dasselbe auf keinen Fall der Expedition irgend etwas nützen konnte. Ich beschloss daher, an Bakari zu schreiben.

Solche Briefe sind keineswegs leicht zu verfassen, da sie, wenn zu friedlich gehalten, leicht den Eindruck der Aengstlichkeit machen und dadurch geradezu den Angriff herausfordern. Mein Sekretär für diese Art Korrespondenz war der Askari Mwalim bin Kivuma aus Tanga, ein braver, ernster Bursche, der zum Unterschied von dem endlosen Phrasengewäsch seiner Landsleute einen geradezu lapidaren, an antike Inschriften erinnernden Styl besass. Als Beispiel sei der Brief an Bakari angeführt, den er für mich verfasste:

Salaam, baada ya salaam nimekuja mzungu mdachi. Kana unataka kupigwa njo upigwe. Kana unataka amani nami nataka amani. Lete sawadi zako kwa sababu baada ya siku tatu nitaondoka. Hii ndio maneno yangu, bwana kivunja. Dr. O. B.

(Gruss, nach dem Gruss: ich, ein deutscher Reisender, bin gekommen. Willst du geschlagen werden, so komme und werde geschlagen. Willst du Frieden, so will auch ich Frieden. Sende deine Geschenke, denn in drei Tagen reise ich ab. Dieses ist meine Rede. Bwana Kivunja. Dr. O. B.)

Die Wirkung dieses Briefes war ganz die gewünschte: denn schon am nächsten Morgen schickte Bakari Reis und Fische als Geschenk und liess mir versichern, dass er gänzlich friedlich gesinnt sei. Offenbar scheute er das Abenteuer eines Kampfes mit einem Europäer, der in drei Tagen abzog.

Bis 30. September erfreuten wir uns des angenehmen Aufenthaltes am See. Ein besonders eigenartiges Schauspiel bot das nächtliche Fischen der Eingeborenen bei Fackelschein, welches einen Kranz hellleuchtender Brände über die dunkle Wasserfläche zog.

Die arabische Niederlassung, die aus einigen Negerhütten bestand, war gefüllt mit Sklaven, meist Weibern und Kindern, von welchen nur einige Fusseisen trugen, während die andern frei umherliefen. Diejenigen, welche sich schon länger in der Station aufhielten, sahen halbwegs gut genährt aus, ein neuer Transport jedoch, der von Ruwenga ankam, bestand fast nur aus skelettartig abgemagerten elenden Gestalten, aus deren tiefliegenden Augen der Hunger sprach. Es waren meist Leute aus Ubmari, Uvira und Ubembe, Gegenden, die von Rumaliza's Leuten unaufhörlich verheert werden, die trotz ihrer Fruchtbarkeit nun fast brach liegen, und wo die von Pocken und Elend decimirten Eingeborenen ihre Kinder in die Sklaverei verkaufen oder selbst von den Leuten der Araber aufgelesen werden.

Obwohl die Händler viele kleine Stationen errichten, um die Verproviantirung zu erleichtern, wüthet doch fast fortwährend Hungersnoth in denselben, und die Krokodile des Tanganyika haben an den täglich hineingeworfenen Leichen ein reiches Mahl. Denn die ausgesogenen Gegenden können den Unterhalt dieser Massen nicht mehr bestreiten, die nur langsam in Kanus nach Ujiji zur Weiterfracht befördert werden.

Aus Mitleid kaufte ich einige dieser Elenden, aufgeweckt aussehende Jungen, für Spottpreise, um eine rothe Mütze, zwei Meter Baumwollstoff u. s. w., frei, und gab sie später an Missionen ab. Es war unglaublich, wie rasch diese armen Kinder sich erholten: ein Bad, ein Fetzen Zeug als Lendenschurz, eine tüchtige Mahlzeit -- und der stumpfsinnige, verzweifelnde Wilde ward zum heiteren, leidlich aussehenden Menschenkind.

Besonders rasch und gründlich veränderte sich Mhogo hadim Kivunja, ein Knirps, den ich in der Nähe des arabischen Lagers als schielendes kleines Scheusal mit runzeligem Greisengesicht aufgelesen. Er wurde später mein persönlicher Diener und weilt in dieser Eigenschaft heute noch bei mir. Doch Niemand würde in dem lebhaften, gesunden Jungen das elende Sklavenkind wiedererkennen, welches ich für eine Schüssel Maniok (Mhogo) und einen Meter Baumwollzeug am Tanganyika erstanden.

Am 30. September verliessen wir =Usige=, wie die von Warundi bewohnte Landschaft am Nordende des Tanganyika genannt wurde, um den Rückmarsch anzutreten. Natürlich wählten wir dazu nicht den Weg über Ujiji und die vielbetretene Karawanenstrasse, sondern hielten direkt Südost durch gänzlich unbekanntes Gebiet auf Urambo zu. Die Leute Rumaliza's, die uns abziehen sahen, schüttelten bedenklich die Köpfe und meinten, wir würden in dieser Richtung wohl nicht weit kommen, denn die Araber hätten sich da oben im Gebirge mehr als einmal blutige Köpfe geholt.

In den nächsten Tagen stiegen wir steil zur Höhe des Abfalls an. Der Hang ist von Warundi bewohnt und reiche Bananen- und Maniokpflanzungen dehnen sich zwischen völlig offenen, baumlosen Weidegebieten aus. Zahlreich sind die kleinen von Dornhecken umgebenen Dörfer, deren freundliche Eingeborene verwundert die Karawane anstarrten. Am 2. Oktober erreichten wir den Kamm, warfen einen letzten Blick auf die mächtige Fläche des Tanganyika, der düster zwischen seinen Steilufern lag und betraten ein welliges Grasland.

Wir waren hier wieder im Nilgebiet; die klaren, in den Thälern rauschenden Bäche bildeten die südlichsten Zuflüsse des »Vaters der Ströme«. Hier hausten ausschliesslich jene kühnen Hirten hamitischer Abstammung, die Watussi, und ihre ärmlichen Weiler mit ihren Distel- und Stachelgestrüpphecken, mit ihren malerischen hohen Bambusstauden und kleinen Erbsen- und Kürbisfeldern, waren überall verstreut; auf den Wiesen weideten zahlreiche, grossgehörnte Rinder. Diese Watussi waren es, welche Rumaliza und sein Gefolge geschlagen hatten.

Zuerst zeigten sie uns gegenüber keine feindlichen Absichten, nur alte Leute mit scharfen Zigeunergesichtern hockten unbeweglich am Wege und starrten uns misstrauisch an. Als wir jedoch eine Anhöhe hinanstiegen, erblickten wir auf deren Höhe eine grosse Schaar bewaffneter Krieger, welche den Weg versperrten. Sie riefen uns zu, wir möchten sofort umkehren und das Land verlassen, sonst würde es uns wie jenen ergehen, die vor uns gekommen seien. Ich liess ihnen antworten, dass wir nur friedliche Absichten und mit den Arabern nichts gemein hätten, ja gleich ihnen ihre Feinde seien. Ein wildes Kriegsgeschrei und Pfeilschüsse waren die Antwort. Ich liess einige Salven abgeben und ging dann sofort zum Sturm über, bei dem die Gegner geworfen wurden, worauf wir die Anhöhe besetzten.

Die Watussi, die offenbar von unserem Angriff überrascht waren, sammelten sich jedoch schnell, stürmten mit furchtbarem Geheul und geschwungenen Speeren wieder an und gaben erst nach, als sie durch erneuerte Salven erhebliche Verluste erlitten hatten. Dann begannen sie sich über die weite Hochfläche zu zerstreuen.

Da wir in dieser Gegend gänzlich ohne Wegweiser waren, musste ich eine Abtheilung Askari entsenden, welcher es auch nach langer Mühe und einer förmlichen Jagd gelang, einen der langbeinigen Watussi und ein Weib festzunehmen, die uns in den nächsten Tagen über das Grasplateau führten.

In =Mhororo= erreichten wir am 3. Oktober wieder ein Warundi-Dorf und traten am 4. in den vorzugsweise von Watussi bewohnten Distrikt =Issasu=, der von steileren, theilweise steinigen Kuppen durchzogen wird, deren Hänge mit zartem Gras bedeckt sind. Schon bei unserem Eintritt in das Land liefen uns viele Watussi mit Bogen und Speer nach und begannen schliesslich den Nachtrab zu beschiessen. Mzimba, dessen Augenleiden nun wieder völlig geheilt war, warf sie jedoch zurück und erbeutete eine Heerde von über 200 grosshörnigen Rindern. Von allen Bergen erscholl das Kriegsgeschrei der Watussi, aber nur wenige wagten sich in die Nähe der Karawane und griffen sie mit unglaublicher Kühnheit -- natürlich erfolglos -- an.

Gegen Mittag kamen wir in ein Dorfgebiet der Warundi, die uns unbewaffnet mit Tänzen und Jubelgeschrei empfingen und die Watussi, welche uns noch nachfolgten, mit den Waffen in der Hand verjagten, da diese, wie sie sagten, »den Krieg in ihr Land brächten«.

Zu jener Zeit machte sich der Mangel an Kugeln für die Vorderlader unangenehm bemerkbar, die wir erst durch Steine und hartgebrannten Töpferthon, dann (in Unyamwesi) durch Eisenkugeln ersetzten. Patronen für die Hinterlader besassen wir noch reichlich, was der ausschliesslichen Anwendung des Salvenfeuers zu danken war, durch welche eine grosse Munitionsersparniss ermöglicht wurde. Mehr als 5-10 Patronen per Mann wurden selten bei einem Gefecht verschossen, was bei Anwendung anderer Feuerarten entschieden unmöglich gewesen wäre. Auch machte ich die Beobachtung, dass die Leute, die ja im Schiessen nicht sehr gut ausgebildet waren, bei Salven ungleich ruhiger und besser schossen, als bei Einzelfeuer. Da Salven auf wilde Gegner auch einen weit grösseren Eindruck machen, so wurde Einzelfeuer überhaupt gänzlich untersagt und Niemand durfte ohne direktes Kommando schiessen.

Mein Vorgehen den Eingeborenen gegenüber war stets von dem Grundsatze geleitet, dass die =festeste= Hand zugleich auch die =mildeste= sei. Der Eindruck, welchen der erste Europäer in neuen Gebieten hervorruft, bleibt oft entscheidend für lange Jahre. Allzu friedfertige Haltung wird leicht als Aengstlichkeit aufgefasst und giebt Veranlassung zu eingeborenem Uebermuth, der später nur durch Ströme Blutes gebrochen werden kann. Energisches Auftreten dagegen, welches auch einen Kampf nicht scheut, der bei dem moralischen Uebergewicht unserer Waffen meist sehr unblutig verläuft, bringt den Eingeborenen von vornherein eine heilsame Achtung vor Europäern bei, welche die sicherste Gewähr späterer friedlicher Entwicklung ist.

Am 15. Oktober überschritten wir den Luaga und Msuávula, ansehnliche reissende Bäche, die zwischen ziemlich steilen Hängen rauschen und in ihrer sandigen Thalsohle die unglaublichsten Krümmungen machen. Den Msuávula bis zu seiner Quelle verfolgend, erstiegen wir einen höheren Grasberg; in zahlreichen Thalrissen bilden kleine Bäche hübsche Wasserfälle, an welchen Gruppen reizender Baumfarne auffallen. Auf der Höhe trafen wir ein offenes, leicht geneigtes Plateau, in dessen grasigen Halden die Felder und Dorfgruppen von =Kiyonzo= verstreut sind. Jedes Dorf bildet mit seinem stachligen Zaun, mit seinen dichten Bananen- und Ficus-Beständen einen kleinen Hain, der unvermittelt und kreisrund aus der grasigen Umgebung absticht. Im Innern sind die Dörfer durch Hecken in förmliche Irrgärten verwandelt, bieten jedoch einen schattigen, kühlen Aufenthalt.

Am 7. Oktober überschritten wir einen kleinen, aber tief eingerissenen Bach, was mit den Rindern fast eine Stunde in Anspruch nahm, kamen an dem charakteristisch spitzen Felskegel Ulembera vorüber und passirten den vielgewundenen =Luvirosa=-Bach, unweit welchem wir in einem kleinen Dorfe, das theilweise von Watwa-Töpfern bewohnt war, lagerten.

Am 8. Oktober überstiegen wir eine mässig hohe, aber steile und steinige Bergkette, welche dadurch merkwürdig ist, dass sie die Wasserscheide zwischen Kongo und Nil bildet. Nach Nord laufen die kleinen Gewässer in den Luvirosa und Nil, dem Victoria-See und Mittelmeer zu, im Süden sammeln sich die Wasser des Mlagarassi, der dem Tanganyika zuströmt, welcher durch den Lukuga-Kongo mit dem Atlantischen Ocean in Verbindung steht.

Aus der kühlen, feuchten Höhe stiegen wir in ein heisses, trockenes Tiefland ab, in dem es augenscheinlich schon lange nicht geregnet hatte. Mächtige ziegelrothe Lateritmassen, in welche die Gewässer tiefe Rinnen eingegraben, bedecken das theilweise steinige Hügelland. Doch war das Land keineswegs unfruchtbar und schöne Felder umgaben die Dörfer der südlichsten Warundi, die hier leben. Zum ersten Mal in Urundi sah man Baumwollzeug, ein Anzeichen der grossen Karawanenstrasse, die Unyamwesi durchschneidet, während nördlich von der Wasserscheide alles gänzlich unberührt von jedem fremden Einfluss war. Aber auch ein sehr böser Gast hatte sich in diesen Theil Urundi's eingeschlichen: die Pocken. Ich empfand es nun schwer, dass der Impfstoff, den ich seiner Zeit von Europa mitgebracht, an der Küste keine Wirkung mehr besass, denn auch in der Karawane brach die Seuche aus. Durch strenge Absonderung der Kranken konnte ich das Umsichgreifen derselben verhindern, aber fast zwei Monate dauerte es, bis wir das Uebel gänzlich los wurden, und mehrere Askari und Träger, darunter der letzte Sudanese Faraj Abdallah erlagen demselben.

Am 10. Oktober verliessen wir das Dorfgebiet und traten in den dichten Laubwald ein, welcher das Thal des =Mlagarassi= bedeckt. Unterholz fehlte gänzlich und seine Stelle vertrat dürres, schneeweiss gebleichtes Bambusgestrüpp. Nach langem Marsch bei glühendem Sonnenbrand erreichten wir schöne Bohnenfelder und ein Dorf unweit des Mlagarassi, der zwischen Lehmufern nach Nord fliesst. Das Dorf, offenbar eine Neugründung und der südlichste Ort Urundi's, war ganz eigener Art. Zum Schutz gegen wilde Thiere waren die Hütten auf leichten Bambusplattformen in der Höhe der Bäume errichtet und nur durch primitive Leitern zugänglich. Die Grashütten auf ihren luftigen Höhen, die dunklen Gestalten der Eingeborenen auf den schwankenden Plattformen gaben in dem grünen Rahmen des Laubwaldes ein eigenartig malerisches Bild.

Am 11. Oktober überschritten wir den Mlagarassi und betraten die Landschaft =Uha=. Dieselbe ist ihrer grössten Ausdehnung nach mit Miombo-Wäldern bedeckt, die in der trockenen Jahreszeit kein sehr üppiges Aussehen hatten. Die Gras- und Krautvegetation, welche den Boden bedeckte, war verbrannt und in schwarze Asche verwandelt, die Stämme waren vielfach verkohlt und dürr hingen die Blätter an den Zweigen. Die Eingeborenen, Waha, welche die Dörfer der Waldlichtungen bewohnen, gleichen vielfach den Warundi, stehen jedoch in steter Verbindung mit Unyamwesi. Sie waren früher ihrer Habsucht und Gewaltthätigkeit wegen berüchtigt, wir lernten sie als ruhige, völlig harmlose Menschen kennen. In dem Distrikte =Ruvungu= wird der Wald von offenen Strichen unterbrochen, wo auf nacktem, ziegelrothem Lateritboden niedriges, glänzendblättriges Gesträuch kleine Oasen bildet, bei welchen eine schöne Primelart gedeiht. Sonst dehnt sich überall dichter endloser Wald aus, in dem die Siedelungen weit zerstreut sind und der so wasserarm ist, dass einzelne Dörfer ihr Trinkwasser stundenweit aus dem Mlagarassi schöpfen müssen.

Am 16. Oktober standen wir wieder am Mlagarassi, dessen rechtes Ufer besiedelt ist, während sich am linken weites, theilweise versumpftes, grasiges Ueberschwemmungsgebiet ausdehnt. Wir übersetzten den knietiefen Fluss und lagerten jenseits am Waldrande. Hier sah ich einige Zebras, das einzige Wild, welches mir westlich vom Victoria-See begegnete. Bei glühender Sonnenhitze ging es am 17. Oktober nach =Iwanda=, das in einem ausgetrockneten Papyrussumpf gelegen ist, bei welchem einige halb verschmachtende Marabus ein trauriges Dasein führten und in dem, von Staub bedeckt, einige Rindenkanus lagen, die zur Regenzeit die Ueberfahrt vermitteln. Unsere langhörnigen Watussi-Rinder, welche wasserreiche Höhen gewohnt waren, fielen zu Dutzenden und die Heerde schwand täglich.