Durch Massailand zur Nilquelle

Part 13

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Am 19. Oktober durchzogen wir ein offenes Grasland mit breiten, zur nassen Jahreszeit versumpften Senkungen, in welchen die wasserliebende Raphia-Palme ihre nun dürren Wedel trübselig hängen liess und traten in ein weites Waldgebiet ein. Nur Elephantenjäger durchstreifen zeitweise diese gänzlich pfadlose Wildniss, in der die Richtung durch Axthiebe an den Bäumen bezeichnet ist. Ein Verirren konnte hier verhängnissvoll werden, denn viele Stunden weit sind die spärlichen Wasserplätze von einander entfernt. Alles Gras war abgebrannt und nur abenteuerliche Termitenbauten erhoben sich aus dem kahlen rothen Boden. Auch einzelne Baumstämme waren den Flammen erlegen und sperrten als verkohlte Strunke den Weg. Besser hatten die kieselharten, blendend weiss gebleichten, dürren Bambusrohre Stand gehalten, deren Gruppen überall als ungeheure Besen aufragten.

Wir mussten -- zum ersten Mal auf der ganzen Reise -- die Nacht ohne Wasser verbringen und bezogen mitten im Walde ein unverfälschtes Buschlager. Es war eine herrliche, laue Tropennacht. Nur die eintönigen Rufe der Wachtposten unterbrachen die Waldesstille und hochlodernde Lagerfeuer übergossen die schlanken, grauen Baumstämme und das malerische Gewirr der zierlichen weissen Bambusrohre mit phantastischem Licht.

Am 20. Oktober erreichten wir schon Morgens einen kleinen, niemals austrocknenden Tümpel, =Itanga=, und trafen dort auf einige Eingeborene, die in der Waldeinsamkeit die Rinde der Bäume abschälten und zu Schachteln und Rindenzeug verarbeiteten. Dann ging es weiter durch den Wald. Erst bei Sonnenuntergang betraten wir offenes Land, in dem die schlanke Form der Borassuspalme das Auge erfreute, und gleich darauf das grosse Dorf =Makindi=, wo wir gastliche Aufnahme fanden. Meiner Gewohnheit gemäss schlug ich das Zelt zwischen den netten Grashütten der Eingeborenen auf, wurde jedoch Nachts aus demselben vertrieben und musste vor dem Dorfe lagern. Dies geschah nicht etwa durch feindliche Menschen, sondern durch zahllose Ratten, die bei den grossen Getreidevorräthen des Dorfes geradezu Legion waren und mein Bett buchstäblich überschwemmt hatten. Auch Mzimba hatte im Lastenzelt einen förmlichen Kampf mit diesen Scheusalen zu bestehen.

Da diese sich Tags über zum Glück verloren, hielten wir am 21. in Makindi Rast und erhielten den Besuch des weiblichen Häuptlings dieser Gegend, eines zarten, kränklichen, aber nicht unschönen Weibes, dessen feine Züge deutlich den hamitischen (Watussi-) Typus trugen. Der Aberglaube verbietet der »Sultanin«, das Hauptdorf zu betreten; so traf ich denn draussen unter einer Palme mit ihr zusammen, wo sie mit schwacher Stimme und müdem Aufschlag der tiefschwarzen Rehaugen um »Medizin« bat.

Am 22. Oktober ging es durch eine weite, völlig baumlose Steppe, die zur Regenzeit ein Kothmeer bildet, mit Wasserarmen, die nur im Rinden-Kanu passirbar sind. Auch jetzt waren sie ziemlich mühsam zu durchwaten und die schlammige schwarze Fluth reichte den Leuten bis zur Brust. Dieser schmale, unbewohnte Streifen bildet die Grenze zwischen Uha und =Kirambo=, der ersten Landschaft von Unyamwesi, deren Grenzdorf wir am 23. Oktober erreichten.

Wir waren nun wieder in einer Gegend, die auf der Karte stand, bei dieser Reise eine seltene Ausnahme und auch die Dörfer und Felder, besonders die Reis-Kulturen zeigten uns, dass wir uns der Karawanenstrasse näherten. Ganz besonders imponirte uns das Hauptdorf Kirambo's, die Residenz =Mlamira's=, das wirklich eine kleine Stadt genannt zu werden verdient. Aussen zieht sich um den Ort ein tiefer Schutzgraben, dessen Wall mit dichtem, buschigem Euphorbiengestrüpp bepflanzt ist. Durch ein Thor betritt man den ersten koncentrischen Ring und gelangt an einen festen Stangenzaun, vor dem abermals ein tiefer Graben gezogen ist. Den dritten und innersten Ring bildet ein starker Lehmbau, ein Tembe, innerhalb welches, durch labyrinthartig verlaufende Zäune geschützt, Mlamira's Hütten gelegen sind.

In allen Ringen verstreut liegen die zahlreichen Kegelhütten, die schönsten und sorgfältigsten, die ich jemals im Innern Afrika's gesehen. Die grössten sind jene Mlamira's, im Centrum des Dorfes aufragende 12 m hohe Pagoden, die für Hunderte von Menschen Platz haben. Zahlreiche Taubenschläge beleben das Bild und überall beschatten Ficusbäume die kahlen Dorfplätze. Sie dienten früher zur Anfertigung des Rindenzeuges, doch ist letzteres längst durch das Baumwollzeug ersetzt, welches die unternehmenden Bewohner von der Küste holen. Hier trägt Alles Gewehre, die Männer kleiden sich mit weissem und blauem Zeuge, die Weiber mit bunten Tüchern nach Art der Swahíli-Weiber. Man könnte sich ohne viel Phantasie in ein Küstendorf versetzt denken, ein wunderbarer Kontrast gegen das wenige Tagereisen entfernte, gänzlich unberührte Urundi.

Obwohl noch kein Europäer sein Dorf besucht -- die Route Stanley's verlief etwas östlich davon -- hatte der junge Häuptling Mlamira, ein gutmüthig aussehender, schüchterner Bursche, doch eine deutsche Flagge und einen Schutzbrief, den er sich aus Tabora hatte holen lassen. Er nahm uns sehr freundlich auf und stellte reichliche Vorräthe von Reis, die uns besonders erfreuten. In den nächsten Tagen ging es durch die zu Urambo gehörigen Landschaften =Mtimbi= und =Msennyi=, in welchen stets Miombo-Wald mit Feldern wechselt und die Bewohner sich in ausgedehnten, befestigten Dörfern zusammenschliessen. Verschiedene Kulturpflanzen, rother Pfeffer, Tomaten und Citronen, eine Seltenheit im Innern, traten auf, ja jenseits des trockenen Igombe-Baches fanden wir beim Dorfe Mpegusi sogar Mango-Bäume, Granaten und Guayaven, welche die Stelle der früheren arabischen Niederlassung Msenne bezeichnen. Wir waren an der grossen Karawanenstrasse; nirgends erregte unser Erscheinen Aufsehen und die Eingeborenen, die uns in ihrer reichen Zeugkleidung unglaublich civilisirt vorkamen, standen höchstens neugierig vor ihren Dörfern und riefen uns auf Kiswahíli oder gar -- auf deutsch ihren Gruss zu.

Aehnlich wie die Eisenbahnen in Europa, so wirken die grossen, alten Karawanenstrassen in Afrika unglaublich nivellirend. Ein und derselbe Typus von Leuten zieht sich längs derselben bis ins Herz des Kontinents, während wenige Meilen abseits, oft schon in der Nähe der Küste das unverfälschte Afrikanerthum blüht. Wer nur die Heerstrasse gesehen, kann kaum sagen, dass er in Afrika war.

Wenn schon die bekleideten Wanyamwesi mir den Eindruck höherer Kultur gemacht hatten, so sollte ich in Urambo noch ganz andere Civilisation kennen lernen, denn am 30. Oktober erreichten wir die englische Mission =Kilimani-Urambo=. Schon der äussere Anblick hatte gar nichts Afrikanisches. Auf dem Gipfel einer Anhöhe, erhob sich ein nettes Gebäude im Schweizer-Styl, umgeben von Wirthschaftsbauten und eingebettet in einem Hain von Citronen. Hier hatten nun schon seit vier Jahren Mr. und Mrs. Shaw ihr Heim, letztere eine junge englische Lady, die ihrem Gatten ins Innere des dunkeln Welttheils gefolgt war. Ich fand die liebenswürdigste Aufnahme bei dem Ehepaar und wurde auch dem Baby vorgestellt, einem reizenden kleinen Mädchen, das in Urambo geboren ist und mit seiner zarten, weissen Haut mir, der ich Monate lang nur schwarze Gesichter gesehen, fast als höheres Wesen erschien.

In der Häuslichkeit sprach sich deutlich das Wirken einer Frau aus. In allen Räumen herrschte Ordnung und Behaglichkeit und bei Tisch erschienen auf blüthenweisser Decke Porzellangeschirre und geschliffene Gläser. Wenn Mrs. Shaw sich hauptsächlich mit dem Hauswesen beschäftigte, so war ihr Gatte ein wahres technisches Genie, Schlosser, Zimmermann, Tischler, Seifensieder in einer Person und konnte mit Stolz die schön eingelegten Möbel und sogar einen Kamin zeigen, den er zur Erhöhung der Wohnlichkeit in seinem elegant eingerichteten Salon aufgebaut. Porzellangeschirr, ein Kamin, ein Salon -- in =Urambo=! Nun, mehr konnte man im Innern Afrika's, 700 Kilometer von der Küste, nicht verlangen.

Die Mission hat eine Anzahl Zöglinge, Knaben und Mädchen, die sich Abends in dem luftigen Dachraum des Hauses zur Andacht versammeln. Mr. Shaw spricht ein kurzes Gebet, dann singen die Kinder, durch Mrs. Shaw am Harmonium begleitet, einige Lieder. Die schwarze Schaar hat es im Singen recht weit gebracht, und wenn man diese Choräle mit meist bekannten Melodien, darunter auch die der österreichischen Volkshymne hört, so vergisst man, dass sie aus Negerkehlen ertönen und unwillkürlich fliegen die Gedanken nach der Heimath.

Leider ist der Gesang so ziemlich der einzige Gegenstand, in welchem die Mission bei ihren Schülern Erfolge erringt. Bei der ausserordentlichen Gleichgültigkeit der Wanyamwesi für alle religiösen Dinge ist es kaum möglich Proselyten zu machen. Die Missionskinder erhalten als Löhnung für ihre Thätigkeit als Schuljungen 2 Doti Baumwollzeug monatlich, doch selten hält es einer auch nur ein halbes Jahr aus und der Wechsel ist ein fortwährender. In zwölf Jahren, seit die Mission besteht, wurde noch kein einziger Schwarzer zum Christenthum bekehrt! Dabei stehen die Missionare auf bestem Fuss mit den Eingeborenen. Zu Lebzeiten Mirambo's, des bekannten »Napoleon von Unyamwesi«, kam dieser Häuptling oft allein und ohne Bedeckung in die Mission und vertrat stets energisch deren Interessen, indem er jede Schädigung ihres Eigenthums streng bestrafte. Ebenso hielt es auch sein Bruder und Nachfolger Mpanda Charo. Der jetzige Häuptling Tuga Moto (Sprühfeuer), ein halbwüchsiger, auffallend hübscher Junge, der mir, behängt mit Schmuck und Seidentüchern am Tage nach meiner Ankunft seinen Besuch machte, verbringt ganze Monate in der Mission und begegnet dem Ehepaar Shaw mit grösster Achtung.

Wenn daher auch der äussere Erfolg der Mission nur ein geringer ist, so kann doch der Einfluss auf die Bevölkerung nicht hoch genug angeschlagen werden. Der fortwährende, nahe Verkehr mit einem gebildeten Europäer hat offenbar bei den in so hohem Grade entwickelungsfähigen Warambo seine Wirkung nicht verfehlt und wenn die Warambo im Küstenaufstand sowohl, wie in den Kämpfen in Unyamwesi stets auf Seiten der Deutschen standen und stets eifrige und gehorsame Bundesgenossen waren, so ist das in erster Linie der Mission von Urambo, mit ihrem Leiter Mr. Shaw zu danken.

Wir verliessen Urambo am 3. November und zogen durch schwach bewohntes Waldgebiet der Landschaft Usagali zu. Aus dem Laubholz ragten stellenweise wilde Granitblöcke auf. Die Dörfer waren theils von Stangenzäunen, theils von jenen starken Lehmbauten, den Temben, umgeben, die im mittleren Unyamwesi die Dörfer zu kleinen Festungen machen. Wasser war spärlich und musste oft weit her aus dem Igombe geholt werden, in dessen Tümpel zahlreiche Welse sich aufhielten.

Am 7. November stiegen wir an einer Felskuppe vorbei in eine weite, grasige Mulde. Bärtige Araber auf weissen leichtfüssigen Maskat-Eseln, gefolgt von bewaffneten Sklaven jagten, eine Wolke Staub aufwirbelnd, durch die Ebene, schlanke Wasserträgerinnen in bunter Küstentracht folgten in malerischer Haltung, die den schöngeformten Arm zur Geltung bringt, den schmalen Pfaden, und Swahíli-Leute in weissem Talar riefen uns ihr »Yambo« zu.

Aus dem Grau der Ebene tauchten allmählig dunkle Parthien auf, man unterschied Gruppen schattiger Mangobäume, aus welchen vereinzelt verkümmerte Kokospalmen ihr Haupt erheben, dazwischen die braunen Dächer der runden und kegelförmigen Hütten und die flachen blendend weissen der Temben: der Knotenpunkt des Karawanenverkehrs, das Emporium Central-Afrika's, =Tabora=.

Ueber dem höchsten Tembedach wehte das deutsche Reichsbanner; darunter die unbewegliche Silhouette des Sudanesenpostens, der sich scharf von dem lichten Hintergrund abhob: die kaiserliche Station.

Wir betraten bald die staubigen Plätze, die sich zwischen den verstreuten Siedelungen ausdehnen und hielten, von grosser Volksmenge begleitet unseren Einmarsch in Tabora. Der erste Bekannte den wir trafen, war zu meiner Freude der Askari Mzee bin Jumah, der mir meldete, dass er die Lasten von Mwansa richtig hierhergebracht habe. Bei den kriegerischen Verhältnissen, die damals in Unyamwesi herrschten, war ich um diesen Mann bereits besorgt gewesen, doch hatte er seine keineswegs leichte Aufgabe, mit seltenem Geschick anstandslos gelöst. Wenige Augenblicke später drückte ich dem deutschen Stationsvorsteher Med. Dr. =Schwesinger= und den Offizieren der belgischen Expedition die Hand, die sich eben auf dem Durchmarsch zum Tanganyika in Tabora befanden.

Der Aufenthalt in Tabora gehört nicht zu meinen angenehmsten Erinnerungen. Schon der Ort ist nichts weniger als anheimelnd mit seinen öden staubigen Strassen, seinen Kehrichthaufen und vielfach verlassenen halbverfallenen Temben und Hütten, ein Bild Grau in Grau, welches deutlich spricht, dass Tabora das Emporium Central-Afrika's -- gewesen ist.

In der Station herrschte trübe Stimmung, denn die Spannung mit =Sike=, dem aufrührerischen Häuptling, der inzwischen sein wohlverdientes Ende gefunden, war damals am stärksten und fortwährend fanden aufregende Schauri mit übel beleumundeten Arabern, mit Seliman bin Masud, Ali bin Nasor und anderen verrätherischen Schuften statt, die unter der Maske tiefster Demuth nur mühsam den wilden Europäer-Hass verbargen. Die Belgier litten unter dem obligaten Träger-Elend und so war an Geselligkeit nicht zu denken. Die einzige Gelegenheit, bei der ich sämmtliche Europäer von Tabora versammelt sah, war eine -- Hinrichtung, bei der ein Mörder an einen Baum beim Marktplatz aufgeknüpft wurde. Man wollte durch diese Exekution moralischen Eindruck auf die Bevölkerung machen, doch schien dieser Zweck nicht erreicht, denn kaum einer der zahlreichen, feilschenden Marktbesucher wandte den Kopf nach dem baumelnden Landsmann.

Ich erlitt einen schweren Verlust in Tabora durch den Tod meines Askari =Kihara wadi Mwamba= aus =Kwa Kyege= bei Mkusi in Bondeï, jener braven Seele die 1888 Dr. Meyers und meine Gefangenschaft bei Buschiri getheilt und in seltener Treue bei uns ausgehalten hatte. Er erlag einem perniciösen Fieber.

Ausser den Lasten die ich von Mwansa hergeschickt, fand ich auch Waffen und Munition, die von der Küste für mich angelangt waren, in Tabora. Es war mir daher garnicht unangenehm als täglich zahlreiche Leute sich meldeten, die unter dem Schutze der Expedition als freiwillige Träger nach der Küste gehen wollten, und ich nahm solche, wenn sie nur halbwegs kräftig waren, gerne an. Auch ein langer dürrer Araber erhielt die Erlaubniss sich mit seinen Leuten uns anzuschliessen, ein echter Maskater, der jahrelang im Innern Afrika's Alles versucht und nichts erreicht hatte. Derselbe erschien täglich Nachmittags zum Thee und machte eifrige Versuche mich zum Islam zu bekehren.

Auch die Expeditions-Damen erhielten in Tabora einen namhaften Zuwachs, meine Leute machten nämlich in den fünf Tagen unseres Aufenthalts die unerhörtesten Eroberungen und gar manche schwarze Schöne fand in der Nacht nach unserem Abmarsch eine Hinterthür, durch die sie dem Haremszwang entsprang und dem heissgeliebten Träger oder Askari nachrannte.

Am 15. November verliessen wir Tabora und zogen am 16. durch lichten, wasserlosen Wald nach =Uyui=, wo ein befestigtes Dorf und eine Niederlassung des Mr. Stokes sich befindet, eine ehemalige Mission, die jetzt in recht baufälligem Zustande ist. Ich selbst wurde dort -- nach langer Pause -- von einem starken Fieber ergriffen, das mir erst am 20. November den Weitermarsch gestattete. Durch die Grenzdörfer von Uyui ging es nach =Ndara=, wo zahlreiche kleine Tembedörfer mit viereckigem Grundriss und schmutzigem, winkeligem Innern in der ziemlich dürren Landschaft verstreut liegen. Von dort brachte uns ein zweitägiger, wasserloser Marsch durch öden Steppenwald nach =Tambarale=, dem Dorfe =Mwana Tombolo's=. An die Stelle des Miombowaldes traten Schirmakazien, Stachelgestrüpp und Baumeuphorbien, in den Mulden reckten ungeheure Baobabs ihre riesigen Aeste -- wir näherten uns dem Massai-Land.

Aus der Wildniss tretend, erblickten wir am Morgen des 23. November das Dorf =Tambarale=. Ein dreifacher Ring fester Tembebauten, dessen äussere Umfassung wohl 4 Kilometer im Umfang hielt, umschloss einen Platz, in dem wenige Rundhütten ihre Kegeldächer erhoben. Auf der höchsten flatterte die schwarz-weiss-rothe Flagge und liess uns schliessen, dass wir einem freundlichen Dorfe nahten.

Durch das Thor des äussern Tembe traten wir in den ersten Ring und lagerten bei einem schattigen Baum, unweit des einzigen Brunnens des Ortes. Eingeborene waren hier nur spärlich zu sehen. Einer erschien und legte einen vom Lt. Langheld unterschriebenen Schutzbrief vor mir auf den Boden, worauf er sich schleunigst entfernte. Während ich noch über diese sonderbare Art, einen Schutzbrief vorzuweisen, nachdachte, krachten plötzlich Schüsse und einige Askari kamen, um zu melden, dass sie vom innersten Tembering aus beschossen würden. Ich dachte erst an einen Irrthum und eilte in den koncentrischen Raum zwischen dem zweiten und dritten Tembering, wurde jedoch aus den Schussscharten des letzten Tembe mit heftigem Feuer und einem Hagel von Pfeilen empfangen.

In der Eile hatte ich nur wenige Askari mit mir genommen und versuchte, mit diesen das niedrige Thor des Tembe zu stürmen, ein mörderisches Feuer aus allernächster Nähe streckte jedoch sofort 5 Mann todt nieder, mehrere wurden verwundet und ich selbst durch den Oberarm geschossen, so dass ich durch den Blutverlust gezwungen wurde, den inneren Tembering zu verlassen.

Ich liess die Kugel durch den Koch herausschneiden und begann mit Mzimba über die weiteren Schritte zur Einnahme des Ortes zu berathen. Denn dass wir einen so verrätherischen, grundlosen Angriff nicht unbestraft dulden konnten, war uns völlig zweifellos. Wir schossen erst Brandpfeile und Brandraketen auf die Strohdächer der Hütten im Innenraum, doch ein leichter Regen vereitelte unser Bemühen.

So warteten wir denn bis zum Einbrechen der Dunkelheit, vertheilten hierauf, um die Hinterlader-Munition zu schonen, die Vorderlader-Schützen auf das Dach des zweiten Temberinges und eröffneten bei Magnesiumlicht ein ununterbrochenes Feuern auf den Innenraum. Der Gegner erwiderte dies kräftig, aber gänzlich wirkungslos, da er stets aus den Schussscharten feuerte und daher unseren höher stehenden Leuten nichts anhaben konnte.

Unaufhörlich krachten die Schüsse, gellend tönte das Geschrei der Weiber aus dem Innenraum, rasselnd schallten die Trommeln, und die Kämpfenden riefen sich wilde Flüche zu. Besonders ein Bursche aus Tabora war im Fluchen gross: Tomba mbwa! (Heirathe einen Hund!) rief er hinein, und von dort erschallte das Kriegsgeschrei »Mwana Kiunge!« womit Sike von Unyanyembe gemeint war. Damit war mir auch klar, dass der ganze Anschlag auf Anstiften dieses Häuptlings geschehen war und einen direkt deutschfeindlichen Charakter hatte.

Nach und nach wurde das Geschrei im Innern schwächer. Das wohlgenährte Feuer hatte schwere Verheerungen angerichtet, Todte und Verwundete lagen bei den Hütten umher, und wir hielten den Augenblick zum Sturm gekommen. Natürlich konnten wir nicht daran denken, einen so ausgedehnten Ort von allen Seiten zu bestürmen, wir erstiegen daher rasch das Dach des innersten Temberinges und eröffneten ein kräftiges Feuer auf die letzten Vertheidiger, worauf gleichzeitig das Thor aufgeschlagen und der Innenraum besetzt wurde. Die noch lebenden Insassen suchten in verzweifelter Flucht nach der anderen Seite ihr Heil: breite Blutspuren bezeichneten ihren Weg.

Tambarale war unser und die erbitterten Leute wollten sofort Brand an die Hütten legen; doch liess ich dieselben erst untersuchen, was sich als sehr nothwendige Vorsicht erwies, denn grosse Pulvervorräthe lagen im Innern. Auch Zeug wurde in ziemlicher Menge vorgefunden und kam meinen schon recht zerrissen aussehenden Leuten sehr zu statten.

Am 24. November steckten wir Tambarale an, was bei den Tembebauten keineswegs leicht war, so dass erst gegen Mittag der leichenerfüllte Schauplatz unseres Kampfes eine rauchende Brandstätte war.

Man wird nun vielleicht die Frage aufwerfen, warum ich mich in dieses Gefecht einliess und mein Leben sowie das meiner Leute auf's Spiel setzte, wo mir doch als »Privatmann« frei stand, nach den ersten Schüssen abzuziehen und eine Klageschrift an das Gouvernement in Dar-es-Salaam zu leiten? Es ist auch möglich, dass die Erstürmung Tambarales mir in gewissen Kreisen keinen Dank, sondern sogar den Vorwurf eines unberechtigten Eingriffs in amtliche Rechte einbringen mochte. Aber erwägen wir einmal die Folgen, welche das obengenannte »korrekte« Vorgehen gehabt hätte! Wenige Tage nach mir passirte die Expedition =Gemmer= Tambarale. Sie führte an 500 Wanyamwesi-Träger und bedeutende Waffen und Munitions-Vorräthe in Lasten verpackt bei sich, besass fast gar keine Soldaten und war zur Vertheidigung gänzlich unfähig. Diese hatte Sike im Auge gehabt, als er seinem Verbündeten Mwana Tombolo den Auftrag gab, die nächste europäische Karawane anzugreifen. Denn er konnte nicht ahnen, dass ich plötzlich auf einer Seitenroute ankommen würde.

Hätte ich nun diesen Angriff nicht mit vollständiger Niederlage des Gegners beantwortet, so wäre die Expedition Gemmer überfallen, und, da sie nahezu wehrlos war, vernichtet worden. Die Hinterlader und Patronen wären den Aufständischen unter Sike in die Hände gefallen und es ist fraglich, ob es dann gelungen wäre, derselben Herr zu werden. Die Postverbindung mit dem Victoria-See, die damals über Tabora schon unterbrochen war, wäre auch auf der direkten Route gesperrt und die Seestation gänzlich abgeschnitten worden. Mir aber wäre für mein »korrektes« Vorgehen wahrscheinlich der Vorwurf schmähliger Feigheit gemacht worden. Denn ein Reisender im Innern Afrika's besonders auf wenig betretenen Pfaden, kann eben =kein= Privatmann sein, wie immer er sich anstellen möge, er ist und bleibt für die Eingeborenen der Vertreter seiner Nation, ja des Europäerthums überhaupt, und muss danach handeln, wenn er die Flagge, unter der er reist, nicht mit Schmach bedecken und der grossen Sache nicht schaden will, für welche wir alle, sei es nun amtlich oder nicht amtlich, unser Leben einsetzen. Solchen Personen, welche die Gewähr für ein umsichtiges Vorgehen nicht bieten, möge man das selbstständige Reisen im Innern einfach verweigern, da sie durch planloses Handeln die Kolonie schwer schädigen können. Bewährte Führer jedoch statte man unbedingt mit den Rechten und Pflichten der Gouvernements-Expeditionen aus, wie das auch vom Kongostaate den Expeditionschefs der grossen Gesellschaften gegenüber stets gehalten wird.

Von Tambarale begaben wir uns einige Stunden nördlich nach =Sunguisi=, dem südlichen Grenzdorf von =Ussongo=, jenem Distrikt, den der bekannte deutschfreundliche Häuptling =Mtinginya= beherrscht. Von den Eingeborenen gastlich aufgenommen, beschloss ich, dort die Heilung meiner Wunde abzuwarten. Bei sorgfältiger antiseptischer Behandlung, in welcher ich schon einige Uebung besass, ging dieselbe ziemlich rasch von statten, so dass ich schon am 10. Dezember aufbrechen konnte.