Durch Massailand zur Nilquelle
Part 14
Während des Aufenthalts in Sunguisi kam die Karawane des Kapt. Gemmer und später jene des Grafen =Schweinitz=, der nach der Küste zog, durch, und es fehlte mir daher nicht an europäischer Gesellschaft. Auch Mtinginya machte mir seinen Besuch, war hocherfreut über die Niederlage seines alten Gegners Mwana Tombolo und schenkte meinen Leuten zwei Lasten Baumwollzeug. Der Unterhäuptling in Sunguisi, ein behäbiger, gutmüthiger Mann, dessen höchster Stolz seine zahllosen -- Kinder waren, benahm sich musterhaft und räumte mir sein geräumiges Tembe ein. Ein Theil dieses Baues stürzte allerdings eines Morgens ein, erschlug einen Massaihirten und begrub mehrere Askari und Weiber, die aber nur unwesentlich beschädigt wurden. Man wird jedoch auf afrikanischen Reisen nach und nach so abgestumpft, dass mich dieser Unfall keineswegs abhielt, den Rest des Tembe weiter zu bewohnen.
Am 10. Dezember lagerten wir in =Maragano=, einem kleinen Dorfe am Saume des Buschwaldes und traten am nächsten Morgen in denselben ein. Die Regenzeit setzte langsam ein, häufig gingen leichte Schauer nieder und die Baobabs und niederen Büsche trugen grünes Laub. Ein wenig begangener, durch Gestrüpp recht erschwerter Pfad führt durch diese Wildniss an den Rand des =Wembere=-Grabens, den wir am 12. Dezember erreichten. Er war durch malerische Haufen riesiger Granitblöcke bezeichnet, zwischen welchen Baobabs und schöne grüne Vegetation gedieh. Auf diesen Felsmassen lagen die kleinen Dörfer =Nyambeïu= und =Itandulu= verstreut. Besonders das letztere, eine neue Niederlassung mit weissen spitzen Kegelhütten, lag hochromantisch zwischen mächtigen Felszähnen. Einen dieser erkletterte ich, und überblickte die weite, tischflache Wemberesteppe zu meinen Füssen, mit dem niedrigen Saum der jenseitigen Randberge.
Am 13. und 14. Dezember durchschritten wir theilweise bei Regen die Steppe, welche hier weit schmäler als beim Simbiti ist. Sie ist vollkommen offen, fast graslos und nur zahlreiche, nach den Eyassi ziehende Schwärme von Wasservögeln, von Flamingos, Enten und Pelikanen, beleben das eintönige Bild. Gegen den Ostrand zu, treten niedriges Stachelgestrüpp auf sandigem Boden, stellenweise sogar schönes Gras und einzelne riesige Baobabs auf und man erreicht die sanft ansteigende Randhöhe auf welcher mit Pfostenverschanzung das Dorf =Urugu= liegt.
Durch hügeliges, theilweise mit schönem Miombowald bedecktes Land ging es am 15. Dezember nach Ost. An den meist trockenen, breiten Bachrissen stehen malerische Gruppen schlanker Fächerpalmen. Wir kamen an dem grossen Dorfe =Buschora= (Mangura) vorbei, das zwischen Sorghum- und Reisfeldern gelegen ist und erreichten Mittags =Ussure=, einen von zwei hohen Kegelhütten überragten Tembebau an dessen Westecke die von Dr. Peters gehisste deutsche Flagge wehte. (Siehe Kopfleiste des Kapitels.) Seine damalige Freundin Saratita war jedoch inzwischen verstorben und an ihrer Stelle regierte Mlewe ein intelligenter junger Häuptling und eifriger Elephantenjäger, der vorzüglich Swahíli spricht.
Ussure ist ein Grenzland Unyamwesi's, östlich davon dehnt sich die Landschaft =Turu= aus, deren Bewohner, die nackten Wanyaturu, als bösartig berüchtigt sind. Erst Stanley, dann anderen Reisenden traten sie feindlich entgegen, auch gegen Dr. Stuhlmann, der wenige Monate vor mir das Land durchzog, benahmen sie sich unverschämt, ohne jemals ernstlich gezüchtigt worden zu sein. Die Folge war, dass ihre Frechheit ins Grenzenlose wuchs und dass keine kleine Karawane mehr unbehelligt das Land durchziehen konnte. Kurz vor meinem Durchzug waren Leute der Araber in Irangi, die mit Vieh aus Unyamwesi heimkehrten dort überfallen und gänzlich ausgeraubt worden.
Bevor wir bewohntes Land erreichten, hatten wir einen wasserarmen Steppenwald zu durchziehen und erst am 18. Dezember betraten wir die ausgedehnte, leicht gewellte Ebene von =Turu=. Lichter, sandiger Boden bedeckt auf weite Strecken das Land, das stellenweise mit spärlichem Gestrüpp bestanden ist. Vereinzelt ragt ein hoher Baobab oder eine Anhäufung wilder Granitblöcke auf. In der Ferne erhebt sich eine riesige, dunkle Bergpyramide: der =Gurui=. Von dunkelen Euphorbienhecken umgeben, sind die elenden kleinen Temben der Wanyaturu verstreut, ärmliche, niedrige Lehmbauten, in welche man förmlich hinein kriechen muss. Dazwischen liegen die Felder, die mit hölzernen Hacken bebaut werden. Die Eingeborenen, die in ihrer Nacktheit originell aussehen, gleichen sehr den Waschaschi in Elmarau und benutzen auch dieselben originellen Stockschilde wie diese. Sie verhielten sich anfangs scheu, belästigten uns jedoch vorerst nicht.
Erst am 19. September, als wir den salzigen =Singisa=-See passirt hatten, in den tiefe Wasserrisse einmünden, zogen sie uns schaarenweise mit Kriegsgeschrei nach. Wir beachteten dies nicht weiter, bis sie Pfeile auf den Nachtrab schossen, einen Scherz, den sie sich meinen Vorgängern gegenüber mehrfach ungestraft erlaubt hatten. Diesmal waren sie jedoch an die Unrechten gekommen, wovon sie einige scharfe Salven belehrten, welche die freche Gesellschaft in wilde Flucht auflösten. Wir erbeuteten eine Heerde, in der die Araber von Irangi viele Stücke wiederfanden, die ihnen von den Wanyaturu geraubt worden waren. Ich gab meiner Gewohnheit gemäss selbst einige Schüsse ab, wobei meine Wunde wieder aufbrach und mir in den nächsten Tagen heftige Schmerzen verursachte.
Am Morgen des 19. Dezember stiegen wir zu einer Kammhöhe an und sahen uns abermals am Rande des grossen ostafrikanischen Grabens, dessen westlichen Abfall wir bei Leilelei im März erstiegen. Derselbe war hier nicht so steil wie im Massai-Land: tief unten lagen auf der flachen Sohle die Temben der Wanyamwesi-Kolonie =Unyanganyi=. Ueber theils grasigen, theils mit Dorngestrüpp bedeckten Hang, auf dessen Vorstufen vereinzelte Niederlassungen lagen, ging es bergab nach der sandigen Sohle, in der ungeheure Baobabs und kleine Wanyaturu- sowie grosse Wanyamwesi-Temben verstreut sind. Die Kolonisten, intelligente Leute aus Urambo, empfingen uns sehr freundlich, sie haben die hiesigen Wanyaturu völlig zu Paaren getrieben und leben jetzt auf gutem Fusse mit ihnen. Sie wiesen ein Schreiben von Dr. Stuhlmann vor, der einige Monate früher durch Unyanganyi gekommen. Da ich ersah, dass er den direkten Weg nach Irangi eingeschlagen, so beschloss ich über Ussandaui zu marschiren.
In den nächsten Tagen zogen wir durch dorniges, schwer gangbares Steppenland gegen Süden. Breite, gegen Ugogo verlaufende Bachbette durchschneiden das Land, dessen Steppencharakter durch den jüngsten Regen mit Grün übertüncht war. Am 24. Dezember lagerten wir unter hohen Akazien bei den klaren felsigen Igonda-Wasserlöchern. Die Wanyamwesi-Ansiedler in Ussandaui hatten von meiner Ankunft erfahren und brachten mir Eier und Feldfrüchte entgegen, ein Geschenk, das mich am Weihnachtsabend doppelt erfreute.
Am Christtag hielten wir unsern Einzug in Ussandaui und lagerten im Dorf des freundlichen Kolonisten =Kipilipili=, das zwischen ungeheueren Affenbrodbäumen am Fusse eines felsigen Hügels liegt. Von besonderem Interesse war mir das Volk von Ussandaui mit seiner merkwürdigen, durch Schnalzlaute an die Hottentotten erinnernden Sprache.
Am 26. Dezember gings durch hügeliges bewohntes Land. An den meist trockenen Bachbetten lagen die niedrigen Temben der Eingeborenen und ihre Felder, in welchen die Aussaat eben vollendet war. Aus den felsigen Höhen im Norden erhob sich die dunkele, waldige Kuppe des Tuyui. Bei dem an einen Felsblock geklebten Tembe des Mnyamwesi =Mtoro=, bezogen wir Mittags das Lager. Mtoro, ein hochgewachsener alter Mann, war das Oberhaupt der Wanyamwesi-Kolonisten in Ussandaui, überhaupt der eigentliche Beherrscher des Landes und unter den primitiven Eingeborenen ein wahrer Pionier der Kultur, oder doch der Halbkultur.
Durch unbewohntes, vorherrschend flaches Land mit einzelnen felsigen Kuppen ging es nordwärts, theils durch lichten Wald, theils durch dornenreiche Steppe. Wir kamen an Dr. Fischer's Lagerplatz von 1885 vorbei und gelangten am Abend des 28. Dezember an einen felsigen, wasserführenden Riss in den Vorhöhen der Irangi-Berge. Gegen Abend erschien =Ali bin Nasor=, ein Araber von =Irangi=, der mir mit reichen Geschenken entgegengeeilt war. Er war der Zweite im Range der arabischen Kaufleute in Irangi und lebte auf gespanntem Fusse mit seinem ungleich bedeutendern Nebenbuhler =Saïd bin Omar=, dem er auf jede Weise den Rang abzulaufen suchte. Er bot Alles auf um sich mit den neuen Herren Ost-Afrika's, den Deutschen, auf guten Fuss zu stellen. Er ist ein intelligenter Maskataraber, und ich war immerhin erfreut wieder einmal mit einem vernünftigen Menschen sprechen zu können, wenn auch seine übertriebene Demuth und die fortwährenden Versicherungen seiner Liebe zu den Deutschen mich nicht sehr angenehm berührten.
Am 29. Dezember ging es ziemlich steil durch Wald zum breiten, wasserlosen =Bubu=. Wir verfolgten das sandige Bett eines Nebenflüsschens, in dem sogar etwas Wasser rieselt und das sich zwischen freundlichen, bewaldeten Hügeln schlängelt. Später lichtet sich der Wald und in den Feldern der Ansiedler und Eingeborenen wird der ziegelrothe, frisch geackerte Boden sichtbar. Kurz bevor wir Irangi erreichten begegnete uns ein prächtiger Zug von Arabern und Swahíli mit goldgestickten Mänteln und blendend weissen Hemden, mit blitzenden Schwertern und Dolchen im Gürtel. Es war Saïd bin Omar, der mit seinem Gefolge zu meiner Begrüssung ankam, ein vornehmer Araber, der mich mit orientalischer Würde und Höflichkeit empfing, bei der man jedoch so ziemlich durchmerkte, dass er Europäern nicht übermässig grün ist. Die besseren arabischen Kreise halten sich überhaupt noch etwas reservirt und jene Gestalten, die mit überschwänglicher Demuth den siegreichen europäischen Machthabern die Füsse lecken, sind oft die grössten Schufte. Die Zeit wird auch hier klärend auf die Verhältnisse einwirken.
Unter solchen Betrachtungen, von welchen ich natürlich nichts laut werden liess, näherten wir uns der Niederlassung. Auf niederer Kuppe lagen zwischen hohen Baobabs die ansehnlichen Temben der Araber, umgeben von reichen Kulturen von Weizen- und Zuckerrohrfeldern, aus welchen sich -- ein seltener Gast in Ost-Afrika -- die schlanke Dattelpalme erhob. Ueber dem Ganzen wehte auf hoher Stange das schwarz-weiss-rothe Banner, das die Araber uns zu Ehren gehisst hatten.
Unter Flintenknallen und Jubelgeschrei hielten wir unsern Einmarsch. Ein Theil meiner Leute, die Elephantenjäger, waren hier so gut wie zu Hause, auch die anderen fanden Landsleute, Freunde und Bekannte und das Ziel der Reise, die ersehnte Küste, schien in greifbare Nähe gerückt.
VI. KAPITEL.
Von Irangi nach Pangani.
Aufenthalt in Irangi. -- Uassi. -- Ufiomi und die Wafiomi. -- Wieder in Umbugwe. -- Iraku und die Höhlenbewohner. -- Meri. -- Mangati und der Gurui-Berg. -- Die Massai-Steppe. -- Unguu. -- Ankunft an der Küste.
Wenn wir Weihnachten im Busch verlebt hatten, so wollten wir wenigstens das neue Jahr 1893 unter Menschen antreten. So blieben wir denn fünf Tage in =Irangi= und liessen uns die Gastfreundschaft der Araber gefallen, die in Anbetracht der Umstände geradezu glänzend war. Sie hatten auch Grund, der Expedition wohlgesinnt zu sein, denn unsere Kämpfe in Umbugwe hatten ihnen dieses Handelsgebiet erschlossen, und die Ausbeute an Elfenbein war grösser als seit Jahren.
So schwelgten denn die Leute in reichlichen Vorräthen und bei mir erschienen täglich nicht weniger als achtmal kleine Karawanen zierlich gekleideter Sklaven, die auf schönen Metalluntersätzen verdeckte Schüsseln brachten. Da gab es Reis und Würfelfleisch in Gewürzsauce, süsses Gebäck von einheimischem Weizenmehl, Datteln und parfümirten Sherbet -- all' die Leckerbissen einer echt arabischen Mahlzeit.
In den Morgenstunden kamen in farbenprächtigem Aufzuge die vornehmsten Araber und Swahíli zur »Barasa«. In dem lichten Vorraum eines Tembe brachten wir, auf bunte Strohmatten gekauert, eine Viertelstunde mit jenen nichtssagenden, konventionellen Gesprächen zu, die bei solchen Gelegenheiten im Orient üblich sind.
Ausser Elephantenjägern und Karawanenleuten gab es in Irangi auch viele Massai, die vor der Hungersnoth geflüchtet waren und für kleine Dienstleistungen gefüttert wurden. Unter diesen fand unser braver Elmoruo Ndaikai seine längst vermissten Kinder. Mit zitternder Hand betastete er die Verlorengeglaubten, heisse Thränen liefen über sein wetterhartes Gesicht und kaum konnte man den blutgierigen Krieger wiedererkennen, den ich gar oft in Gefechten die Gegner mit breitklingigem Speer zerfleischen sah. Seines Bleibens bei uns war nun nicht mehr länger, reich beschenkt mit Rindern nahm er Abschied und zog mit seinen Kindern in die Steppe hinaus.
Am 4. Januar rüsteten auch wir zum Aufbruch von Irangi, wobei die Araber es sich nicht nehmen liessen, mir 40 Bewaffnete mitzugeben, eine Hilfstruppe, die mich ein wenig an jene drei Schutzmänner erinnerte, welche einmal in bewegter Zeit einem marschirenden Infanterieregiment »als Bedeckung« beigegeben wurden. Vor meiner Abreise schickte ich vier meiner Leute als Postboten nach Pangani, theils um Nachrichten an die Küste gelangen zu lassen, theils um die gänzliche Ungefährlichkeit der »Massairoute« einmal durch ein auffallendes Beispiel darzulegen. Es sei gleich erwähnt, dass diese Leute Pangani in der unglaublich kurzen Zeit von 13 Marschtagen erreichten, ohne von Eingeborenen irgendwie belästigt worden zu sein.
Wir selbst wandten uns Umbugwe zu. Die Araber und ihre Leute erreichen dieses Land meist auf allerlei Umwegen, bei welchen sie die Landschaft =Uassi= umgehen, deren Bewohner als boshaft und kriegerisch gefürchtet sind. Ich sah jedoch keinen Grund, von der direkten Route über Uassi abzuweichen. Durch ein sandiges Thal ging es von Kondoa nach Simba's Niederlassung. Beiderseits erhoben sich kahle Hügelzüge, die Thalsohle war mit Stachelgestrüpp bedeckt und nur am Rande der Höhen ragten einzelne Baobabs und riesige, schattige Waldbäume auf.
Am Morgen des 5. Januar ging es steil hinan zur Höhe des Uassi-Plateaus. Kalte Winde trieben Nebelstreifen über das wellige Land, dessen sandigem Boden die Wauassi einen kärglichen Ertrag abringen. Diese standen abseits bei ihren niedrigen, kleine Höfe einschliessenden Temben, begrüssten uns mit Kriegsgeschrei und riefen uns zu, wir möchten unsere Rinder hergeben. Wir kümmerten uns nicht darum, sondern zogen mit grösster Vorsicht durch das theilweise mit Gestrüpp bedeckte Land, stets verfolgt von den lärmenden Wauassi-Kriegern. Als wir wieder offenes Tembegebiet betraten, begannen dieselben Pfeile auf uns zu schiessen. Um sie zu verjagen, liess ich durch eine kleine Abtheilung eine Salve abgeben, worauf die meisten spornstreichs davonliefen und einige vor Schreck -- in Ohnmacht fielen. Gänzlich unverwundet wurden sie von uns aufgelesen und haben uns als Wegweiser gute Dienste geleistet.
Auf dringende Bitten der Leute aus Irangi lagerte ich schon in den Morgenstunden und liess zahlreiche Temben der Wauassi einäschern, um diese für ihre fortwährenden Räubereien zu bestrafen. Nachmittags zeigte sich eine bewaffnete Schaar derselben auf einem Hügel und stiess ihr Kriegsgeschrei aus. Um den Irangi-Leuten zu zeigen von was für »Helden« sie sich gewöhnlich ins Bockshorn jagen liessen, sandte ich meinen boy Hamadi und =zwei Küchenjungen= aus, die von einem Tembedach ein kräftiges Feuer auf die Kriegerschaar -- es waren mindestens 200 Mann -- eröffneten und sie in wilde Flucht auflösten. Der ganze Vorgang hatte den Erfolg, dass es den Arabern gelang mit den Uassi-Leuten ein Abkommen zu treffen und dass von nun an nie mehr Karawanen in Uassi belästigt wurden. Es war dies das letzte Mal, dass die Expedition von den Waffen Gebrauch machen musste.
Zwei Tage marschirten wir durch unbewohntes, grasiges, von lichtem Akazienwald bedecktes Plateaugebiet und stiegen am 8. Januar nach der Landschaft =Ufiomi= ab. Zu beiden Seiten des langgestreckten, blauen Maitsimba-Sees dehnen sich bebaute Landschaften, aus welchen die viereckigen, ziegelrothen Flecken der Tembendächer hervorstechen. Im Nordost ragt die dunkle, waldige Masse des Ufiomi-Berges auf.
Die Eingeborenen, welche vor den Temben oder auf den Dächern hockten, sahen mit ihren verschlissenen Lederschürzen, den Laubmassen im Ohrlappen und dem verfilzten Haar, in dem eine ruppige Feder steckte, unglaublich wüst aus. Sie galten jahrelang als äusserst bösartig und ihr Land wurde von allen Fremden sorgfältig gemieden. Sei es, dass sie ihre Sitten geändert haben, sei es, dass die Niederlage ihrer Nachbarn sie gewitzigt hatte: sie begnügten sich uns anzustarren und unternahmen nichts Feindliches. Nachmittags hatten wir sogar das Vergnügen die Damenwelt Ufiomi's kennen zu lernen, die sich bisher in den Dachsbauen verborgen hatte, welche diese Eingeborenen in den Lehmboden ihrer Hütten graben, und nun kothbespritzt ans Tageslicht kam. Aus ethnographischem Interesse besuchte ich eine dieser Schutzhöhlen, musste etwa fünf Minuten durch einen beängstigend niedrigen Schacht bergabkriechen und gelangte dann in einen grösseren Raum, der durch einen Luftschacht mit der Oberfläche in Verbindung steht.
Von Ufiomi, das wir am 10. Januar verliessen, ging es leicht bergab durch fruchtbares, waldiges Land. Zwischen den Bäumen erblickt man die glänzende Fläche des Manyara-See. Auch die graue Ebene von =Umbugwe= wurde sichtbar und erweckte die Erinnerung an unsere Todten, die nun fast ein Jahr in fremder Erde lagen.
Ich war einigermaassen gespannt darauf, wie man uns in Umbugwe empfangen würde. Nachdem unsere Kämpfe im März 1892 in Deutschland bekannt geworden, waren nämlich einige »Kenner« aufgestanden, welche die Meinung aussprachen, dass Umbugwe nun endgiltig für alle Karawanen gesperrt sei. Ich war zwar vom Gegentheil überzeugt und die Erfahrungen der Irangi-Araber bewiesen dasselbe, aber wer kann mit Bestimmtheit auf die Gesinnung so unbeständiger, wilder Völkerschaften zählen?
Mit gewohnter Vorsicht betraten wir daher am 11. Januar das Tembengebiet Umbugwe's, aber schon die ersten Eingeborenen zeigten uns, dass sich hier viel verändert hatte. Statt der Kriegerschaaren, die uns bei der ersten Ankunft umschwärmt, erblickten wir überall friedliche, unbewaffnete Menschen, die uns ihr »Tálala« als Gruss boten. Bald kam Mbaruk, der Elephantenjäger, der immer noch hier weilte und mit ihm die Führer von Küsten-Karawanen, welche die Freundlichkeit der Eingeborenen nicht genug loben konnten. Bei dem ernsten freundlichen Häuptling =Mbi=, dem stets wie ein Schatten sein ewig heiterer Minister folgte, schlugen wir das Lager auf.
In den nächsten Tagen trat ich eine kleine Rundreise durch Umbugwe an, die mich zu =Kutadu= und auch nach dem Schauplatz unserer früheren Kämpfe in =Mtakayko's= Land brachte. Ueberall wurden wir freundlich, wenn auch etwas scheu empfangen und erhielten von allen Häuptlingen, auch von Mtakayko, reiche Geschenke. Unter diesen Umständen hielt ich es nicht für gewagt, den grössten Theil der Karawane in Umbugwe zurück zu lassen und mit einer kleinen Abtheilung die Reise nach =Iraku= anzutreten. Natürlich durften die Zurückgebliebenen einzeln das Lager nicht verlassen, eine Maassregel, die eben nur durchführbar ist, wenn man Poscho (Wegzehrung) in natura und =nicht= in Zeug an die Leute vertheilt. Denn sonst kann man es ihnen nicht verbieten, einzeln auszuziehen und Lebensmittel einzukaufen, was kriegerische Eingeborene geradezu zu Mordthaten auffordert. Allerdings erfordert die Verpflegung in natura mehr Erfahrung und der Expeditionsführer muss auf Wochen hinaus auf Beschaffung von Proviant bedacht sein.
Mit leicht beweglicher Schaar verliess ich am 17. Januar Umbugwe, übersetzte den Kwou-Fluss und zog auf gutem Wege durch buschbedecktes Land nach dem Fuss des Steilabfalls. Auf einer Vorkuppe desselben lagerten wir und genossen bei Abenddämmerung einen schönen Blick auf die Seen Manyara und Laua ya Sereri und auf die weite, graue Massaisteppe über deren Horizont, wie ein lichtes Phantom der glänzende Schneedom des Kilimanjaro aufragte.
Nachts wurden wir von einem wilden Thiere, über dessen zoologische Stellung Meinungsverschiedenheiten herrschten, belästigt, welches zwei Mal in's Lager einbrach und erst einen Askari an der Schulter, dann einen Jungen an der Ferse verwundete. Die Patienten wurden am nächsten Morgen nach Umbugwe zurückgeschickt, während wir den steilen, felsigen Hang des Abfalls hinanstiegen.
Je höher wir kamen, desto frischere Luft wehte uns entgegen, bis wir die offene, grasige Hochfläche von =Iraku= erreichten. Zahlreiche Bäche durchschneiden das gewellte Land, im Norden und Nordosten ragen dunkle Waldberge auf. Die Eingeborenen gleichen völlig den Wafiomi, leben auch in ähnlichen Temben und sehen womöglich noch schmutziger, abenteuerlicher und wilder aus. Dennoch kamen sie uns sehr freundlich entgegen und machten den Eindruck friedfertiger Menschen. Als Ackerbauer leisten sie wirklich Hervorragendes; weite Strecken bedecken die schön gehaltenen, viereckigen Felder, die eben umgeackert wurden und als rothe Quadrate an den grasigen Hängen erschienen. Ueberall konnte man eifrig hackende Eingeborene sehen.
Durch ähnliches Gebiet, in dem sich ein stolzer Gipfel erhob, auf seiner Höhe förmliche Felszinnen tragend, ging es am 19. Januar nach der Residenz des Wataturu-Häuptlings =Sagiro=. Derselbe hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich, er hat schon im Massai-Land, in Unyanyembe und Usongo residirt und wurde von seinen Erbfeinden, den Massai, in diese entlegenen Höhen verdrängt. Seine Leute, unter welchen man auffallend wohlgebildete, echt hamitische Gestalten trifft, sehen verkommen aus, schmutzig und elend ist auch sein Dorf, ein halbverfallener Tembenring.
Am 20. Januar ging es südwärts durch Iraku. Ueberall dehnte sich reich bebautes Land aus, von rothen Viehpfaden durchzogen, und belebt von Farnen- und Phönixpalmen-Gruppen. Hier haust ein uralter Häuptling, der mit seiner langen, schmutzig weissen Haar- und Bartmähne wie ein Kobold aussah. Ueberall standen die abenteuerlichen Gestalten der Eingeborenen in neugierigen, harmlos freundlichen Gruppen am Wege und boten mit ihren scharfgeschnittenen Zigeuner-Gesichtern und dem Leder-Ueberwurf einen originellen Anblick. Das Merkwürdigste waren ihre Wohnungen, in die Erde eingelassene, geräumige Erdställe, in welchen es bei der herrschenden Kühle trotz der Dunkelheit ganz angenehm war. An den Eingängen standen dichtgedrängt die fellbekleideten Weiber, darunter auch manches ganz niedliche Höhlenmädchen, die uns vergnügt anlachten, aber bei dem leisesten Versuch sich zu nähern, in ihrem Mauseloch verschwanden.
Am 22. Januar verliessen wir das Dorfgebiet von Iraku, dessen letzte Siedelungen am Rande des Steilabfalles liegen und stiegen auf felsigem Pfade dem Kwou-Thale zu. Ueppige Krautvegetation bedeckt die rauhen Felswände aus deren Spalten reizende Phönixpalmen ihre schlanken Wipfel erheben.