Durch Massailand zur Nilquelle

Part 15

Chapter 153,466 wordsPublic domain

Am klaren Kwou, dessen Ufer hochstämmiger Galleriewald säumt, lagerten wir und stiegen am nächsten Morgen über reich bewachsenen Hang zur welligen Plateaulandschaft =Meri= an. Hier haust eine kleine Kolonie von Irakuleuten und Wataturu, heitere, gutmüthige Leute, die in schönen Temben leben, welche in Gruppen geordnet, mit den ziegelrothen Dächern sich scharf aus der grünen, hügeligen Umgebung abheben. Ringsum dehnen sich prächtige Felder hinter welchen der begraste Berg ansteigt. Das Schönste an Meri ist jedoch die herrliche Aussicht über den gewaltigen Steilabfall des Grabens, die Niederung mit ihren schimmernden Seen, die graubraune Steppe mit ihren dunklen Gebirgsinseln und in weiter Ferne die Bergriesen des Meru und Kilimanjaro. Letzterer hatte eben eine neue Schneehaube bekommen und erschien in scharfen, blendend weissen Umrissen am Horizont.

Hinter Meri ging es wieder steil bergan. Die Hänge bedeckten Gras und Farnvegetation. Manch' schöne Blumen, darunter reizende Primeln, leuchteten daraus hervor und wurden von farbenprächtigen, kleinen Vögeln umflattert. Dann traten wir in dunklen Laubwald ein, der völlig jenem von Mutyek glich. Lange Bartflechten hingen von den moosbedeckten mittelhohen Laubbäumen, dichte Krautvegetation, meist Nesseln und Farne, bedeckte den Boden. Stellenweise öffnete sich eine kleine Lichtung und breite Elephantenpfade durchschnitten diese herrliche unbewohnte Wildniss. Erst am nächsten Morgen verliessen wir den Wald und durchzogen ein offenes grasiges Land bis zum Rande des Steilabfalles. Vor uns stürzte ein schroffer, theils felsiger, theils bewaldeter Felshang mit eingestreuten Gruppen von Phönixpalmen ab. In der Tiefe erblickten wir die leicht gewellte, theils offene, theils mit Busch bedeckte Landschaft =Mangati= mit dem Balangda-See und den Temben der Wataturu. Uns gegenüber jedoch ragte in greifbarer Nähe, von dunklen Basaltwänden gekrönt, die kühne Bergpyramide des =Gurui= auf.

Durch Gestrüpp und Wald ging es auf felsigem Wege in die Tiefe. Bald hatten wir die Sohle des Grabens und die Niederlassung Barabeïda erreicht, wo ein jüngerer Bruder Sagiro's regierte. Hier lernte ich das Volk der Wataturu in seiner ganzen Ursprünglichkeit kennen. Langbeinige Krieger mit wildem Kopfschmuck von Straussenfedern kamen herbeigeeilt, auf den Kehrichthaufen kauerten Gruppen von Weibern mit Lederzeug und rasselndem Eisenschmuck, schwarzäugige, schmutzige Kinder auf dem Rücken tragend. Allen sieht man auf den ersten Blick die hamitische Abkunft an und negerhafte Züge sind hier nicht zu finden. Auch in Mangati fanden wir freundliche Aufnahme und bekamen reichlich Lebensmittel geliefert. Ein Ausflug brachte mich am nächsten Tage zum salzigen =Balangda=-See, der den Eingeborenen Kochsalz liefert. Von hier präsentirt der Gurui sich wieder anders, aber stets als prächtiger Bergriese.

Leider konnte ich meinen Wunsch, diesen Gipfel zu ersteigen, nicht erfüllen, denn ein Fieber, gegen das ich seit einigen Tagen ankämpfte, warf mich nun zu Boden und zwang mich, einen Tag in Barabeïda zu verbleiben. Obwohl mir am 27. Januar nicht viel besser war, reiste ich doch ab, um mein Fieber durch Ortsveränderung zu kuriren. Dieses alte Buschmittel versagte auch diesmal seine Wirkung nicht; als wir gegen Mittag am papyrusreichen =Bubu= lagerten, erholte ich mich ganz leidlich.

Durch bergiges, licht bewaldetes, fruchtbares Land ging es am 28. Januar an's Westufer des Maitsimba-See und nach unserem alten Lagerplatz in Ufiomi. Auf einer anderen Route längs des Kwou, der tief in den Lehmboden eingerissen ist, erreichten wir am 30. Januar Umbugwe wieder. Ich fand dort alles in bester Ordnung, meine Leute hatten mit den Wambugwe gutes Einvernehmen erhalten und reiche Vorräthe für den Marsch durch die Massai-Steppe gesammelt.

Noch hatte ich in Umbugwe eine Pflicht zu erfüllen, die Errichtung der Niederlassung, die ich in Meatu den Elephantenjägern zugesagt. Als Oberhaupt derselben bestimmte ich =Mwanangwa Swetu=, einen intelligenten Häuptling aus Unyamwesi, und wies demselben den Platz zur Errichtung einer Station an. Mit grossem Geschick hat dieser Mann seine Aufgabe gelöst und meinen Nachfolgern in Umbugwe gute Dienste geleistet. Von den Jägern blieben die meisten zurück, nur wenige, die sich vollkommen in die Expedition eingelebt, zogen mit uns nach der Küste.

Unter jenen, welche zurückblieben, gab es auch Leute, die schon Jahrzehnte im Innern zugebracht und unter andern Umständen vielleicht gern ihre Heimath wieder gesehen hätten. Wenn ich sie aber fragte, warum sie nicht mit nach der Küste wollten, meinten sie meist: »Hatutaki ku cheza ngoma ya Wazungu« (Wir wollen den Weissen nichts vortanzen). Diese Redensart stammt von den grossen Tanzfesten her, die von den Stationschefs bei festlichen Gelegenheiten, z. B. dem Erscheinen eines Oberbeamten zuweilen »amtlich« inscenirt, und von den Eingeborenen als lästiger Zwang empfunden werden.

Ueberhaupt ist es bemerkenswerth, dass weniger die grossen politischen Umänderungen, als die kleinen Polizeinörgeleien von der ostafrikanischen Bevölkerung als Druck gefühlt werden. Dass statt des Sultans von Sansibar nun ein deutscher Gouverneur regiert, ist den Leuten ganz gleichgiltig, aber dass sie nach 9 Uhr Abends nicht mehr spazieren gehen dürfen, Lampen brennen sollen, bei Tänzen und sonstigen Kleinigkeiten erst amtliche Erlaubniss einholen müssen, dann aber wieder auf Kommando, wenn sie keine Lust dazu haben, tanzen sollen, scheint den Swahíli unerträglich. Sie wollen ja gern Alles thun, im Nothfall selbst Steuern zahlen und für die Behörde arbeiten, aber =tanzen= wollen sie, wenn es =ihnen= Spass macht und nicht, wenn es der »Bwana mkubwa« befiehlt. Ein Bakschisch an die farbige Polizei befreit ja freilich von diesen und von den meisten anderen Lasten, wer aber darüber nicht verfügt der muss eben tanzen. Der grosse Mann freilich, zu dessen Ehren solche Feste arrangirt werden, ahnt von alledem nichts und sieht wohlgefällig dem »muntern Treiben« zu, wirft auch vielleicht einige Rupies unter die tanzenden Weiber, die ihnen nachträglich von den Polizisten wieder abgenommen werden. Zum Glück versteht er und seine Umgebung meist so gut wie kein Swahíli, sonst würde er grosse Augen zu den sonderbaren Schmeicheleien machen, die ihm in Form von Huldigungsliedern an den Kopf geworfen werden.[2]

[2] Ich hörte selbst einmal wie die Weiber bei solcher Gelegenheit von den »Bwana mkubwa« (grossen Herren) sangen:

Oh -- ho ana tumbo kaua bweta Oh -- ho kofia kana kiungo etc. (Oh -- ho, er hat einen Bauch wie eine Schachtel einen Hut wie einen Mehlkorb u. s. w.)

Wenn ich auch überzeugt bin, dass solche Erscheinungen zu den Kinderkrankheiten einer jungen Kolonie gehören, die sich mit der Zeit verlieren, so konnte ich es doch meinen alten Elephantenjägern nicht übel nehmen, dass sie es unter solchen Umständen vorzogen in Umbugwe zu bleiben.

Am 3. Februar nahmen wir Abschied von den Zurückbleibenden und traten den Marsch durch die Massai-Steppe an. Um deren Erforschung in grossen Zügen zu vollenden, beschloss ich dieselbe in einer schrägen Linie nach Mgera in Nord-Unguu zu durchqueren. Als Führer für die ersten Tage dienten uns einige Wambugwe, später Massai, die wir von Irangi zu diesem Zwecke mitgenommen. Nach Verlassen der Felder von Umbugwe kamen wir an das Südende des salzigen Laua ya Sereri-Sees und traten dann in lichten Akazien- und Baobab-Wald ein. Vorbei an den nördlichen Ausläufern des Ufiomi-Gebirges gelangten wir an den kleinen Sickerbach Tschem-Tschem, wo wir lagerten.

Schwärme kahlköpfiger Aasgeier, die übliche Staffage der Lager im Massai-Land, hatten sich eingestellt und bedeckten die umliegenden Baumwipfel. Sie waren diesmal besonders frech und rissen in pfeilschnellem Fluge nicht selten den Leuten die Fleischstücke aus der Hand oder vom Feuer weg. Diese rächten sich, indem sie den Geiern mit der -- Angel nachstellten. Sie banden eine gewöhnliche Fischangel mit einer Schnur an einen Ast und hingen ein Stück Fleisch daran. Ich lachte erst über diese komische Idee und war sehr erstaunt nach wenigen Minuten einen der gefrässigen Raubvögel an der Schnur zappeln zu sehen, mit dem Haken tief im Rachen.

Der nächste Marsch führte uns durch pfadlosen Steppenwald zum =Tarangire=-Fluss, der tiefe Tümpel enthielt, in welchen die Leute massenhaft Welse fingen. Am jenseitigen Ufer lag der frische Leichnam eines Nashorns, das von einem Löwen gefällt worden war. Der Wüstenkönig, den unsere Ankunft in seiner Mahlzeit gestört hatte, kam Nachmittags wieder um dieselbe zu vollenden. Es war ein riesiges, männliches Thier, der erste Löwe, den ich auf meinen langjährigen afrikanischen Reisen lebend in Freiheit sah. Natürlich versuchte ich ihn anzupürschen, doch nahm er schleunigst Reissaus und jagte in langen Sätzen über die Ebene davon.

Am 5. Februar ging's durch Steppenland, das öfter gänzlich offene, in der Regenzeit jedenfalls versumpfte Senkungen unterbrachen, dem =Sambo=-Berg zu, der mit seinen südöstlichen Ausläufern, den Lolduman-Hügel, vor uns auftauchte. Viel Wild war zu sehen, darunter besonders Rhinozeros, deren ich eines, meine Leute zwei erlegten. Wir fanden Abends etwas Wasser in einem Thalriss und zogen am nächsten Tage durch die, von tiefen Schluchten zerrissenen Vorhöhen des Sambo, einigen Wasserlöchern zu, die südlich von diesem Bergkegel lagen. Zu jener Zeit brachen wir nicht Morgens, sondern stets Mittags auf, um die Sonne im Rücken zu haben und lagerten erst Abends. Ich selbst wurde fast fortwährend von kleinen Fiebern geplagt und konnte nur mit Mühe topographische Arbeiten verrichten.

Ueber breite, flache Bodenwellen, deren Höhen mit Buschwald bedeckt sind, gingen wir am 7. Februar weiter. In einem felsigen Riss fanden wir Nachmittags Wasser, in das unsere durstigen Rinder förmlich hineinsprangen. Durch die Wegweiser verleitet, marschirten wir jedoch noch weiter, einem Wasserplatz zu, der angeblich nahe war. Doch erreichten wir ihn nicht und mussten wasserlos in der Steppe lagern. Mit seinem ziegelrothen Boden, seinen Termitenbauten und dürrem Stachelgestrüpp, schien das Land eine rechte Einöde und ich dachte eben darüber nach, wie selten wohl ein Mensch hierher gelangen mochte, als sich die Büsche theilten und eine Schaar Wandorobo hervortraten. Sie jagten in der Umgebung und waren stark mit Massai gemischt, die in ihrem Elend zu Wandorobo wurden. Auch einige schreckliche Hungergestalten waren unter ihnen, die Ueberreste ganzer Stämme, deren Gebeine in der Steppe bleichten.

Die Wandorobo führten uns am nächsten Morgen zum Wasserriss =Kivululo=, in dem viele ständige Tümpel sich ansammeln. Dann ging es bei glühendem Sonnenbrand wieder in die Steppe hinaus; auf weite Strecken ist das Land mit niedrigem, schwer passirbarem Gestrüpp bedeckt, über welches Heerden von Giraffen ihre langen Hälse erheben. Wir sollten Abends ein Wasserloch erreichen, fanden dasselbe jedoch leer und mussten abermals ohne Wasser lagern.

Am 9. Februar ging es auf den langen Felshügel =Neibor-murt= zu, der wie ein riesiger Elephantenrücken aus der welligen Steppe hervorragte. An seinem Fusse lagen, von Schattenbäumen umgeben, einige Tümpel. Dort hatten Jäger aus Usegua ein Lager geschlagen und durchstreiften mit einigen Massaiführern die Steppe nach Wild und Elfenbein. Zum letzten Mal erblickten wir vom Neibor-murt die fernen Gipfel des Kilimanjaro und zogen dann weglos durch Dorngestrüpp nach Südosten. Die alten Viehpfade der Massai waren alle verwachsen, nur mit dem Buschmesser kamen wir Schritt für Schritt vorwärts. Glühend brannte die Sonne auf den nackten, rothen Boden zwischen den Stachelbüschen und selbst die Nacht brachte uns kein Labsal, denn ohne Wasser mussten wir abermals bei einem Felshügel =Ndigira= lagern.

Die furchtbare Hitze, der Wassermangel und die schwierigen Terrainverhältnisse stellten an die mit Proviant schwer bepackte Mannschaft harte Anforderungen. Die »alte Garde« der Massai-Expedition allerdings war Allem gewachsen und behielt ihr flottes Marschtempo und ihren guten Muth bei. Die Neulinge jedoch, die in Tabora hinzugekommen, hauptsächlich die Wanyamwesi fielen vollständig ab, waren auf's Aeusserste erschöpft und kaum noch vorwärts zu bringen. Solche Steppenmärsche sind überhaupt die besten Prüfsteine für die Leistungsfähigkeit einer Mannschaft. Wenn ich die Ostafrikaner nach ihrer Eignung zu Pionier-Expeditionen eintheilen sollte, so würde ich die Pangani-Leute entschieden obenan stellen. An Massai-Reisen gewöhnt, halten sie unter allen Umständen, bei jeder Nahrung aus und sind auch vor dem Feinde muthig. Besonders die Sklaven aus Bwenyi, meist Manyema, sind ein vorzügliches Material. Ihnen fast ebenbürtig sind die Wadigo, ausdauernde, muthige Bursche, die noch dazu nicht das unruhige Wesen der Manyema besitzen.

Die echten Tanga- und Mtangata-Leute, sowie die Wassegeju sind vielfach ebenfalls in Massai-Reisen erfahren, stehen jedoch den Pangani-Leuten im Allgemeinen nach. Die Wabondeï sind weder physisch noch moralisch ähnlichen Aufgaben gewachsen, besser sind Waschambaa und Wasegua, unter denen besonders die Wanguu sich als zähe, tapfere Leute auszeichnen. Unter den Bagamoyo-Trägern muss man die echten Wasaramo von der Küstenbevölkerung unterscheiden. Erstere sind weniger brauchbar, letztere recht tüchtig, aber mehr für Karawanenstrassen-Dienst und zu Soldaten verwendbar. Bezüglich der Nahrung sind sie weit empfindlicher als die Pangani- und Tanga-Leute, passen also weniger zu Forschungsreisen.

Ganz unbrauchbar zu jeder richtigen »Buschfahrt«, abseits von der Heerstrasse, sind Wanyamwesi und vor Allen Wasukuma. So ausdauernd diese bei guten Rationen und reichlichem Wasser auf gewohnten Wegen sind, so wenig bewähren sie sich in nur einigermaassen ungewöhnlichen Verhältnissen. Betreffs der Sudanesen machte ich schlechte Erfahrungen, so vorzüglich dieselben im Stationsdienst und auf kleinen Expeditionen, sowie vor dem Feind sich bewähren, so wenig sind sie grossen Strapazen gewachsen, wie auch Stanley erfahren hat. Die Expeditionen der Schutztruppe, welche höchstens einige Wochen hindurch Anspannung aller Kräfte erfordern, dann aber wieder lange Ruhepausen gewähren, sind natürlich in keiner Weise mit einer grossen Forschungs-Expedition zu vergleichen, die Monate und Jahre lang dauert und Kräfte, die für die Schutztruppe genügen, sind für solche Zwecke noch lange nicht ausreichend.

Besonders bei wasserlosen Märschen zeigt sich der Unterschied zwischen erfahrenen und unerfahrenen Leuten. Während erstere mit ihrem Trinkwasser haushalten, trinken letztere alles unterwegs, sind dann im Lager dem Verschmachten nahe und am nächsten Morgen marschunfähig. So war es auch am 11. Februar: Eine ganze Anzahl Wanyamwesi blieb verzweifelt liegen, während wir unsern Marsch durch die glühende Wüste -- Steppe ist für diese fast kahle rothe Fläche zu gering -- eilig fortsetzten. Gegen Mittag erreichten wir einen ansehnlichen Wassertümpel, =Mabani=, und Mensch und Vieh schlürften mit Wollust das schwarze, schlammige Nass. Die unermüdlichen Askari hatten kaum den ersten Durst gelöscht, als sie Gefässe mit Wasser füllten und zurückliefen, um die Wanyamwesi zu laben. Sie fanden dieselben fast sterbend, konnten jedoch alle retten und brachten sie ins Lager. Auch hier hatten einige Elephantenjäger aus Pangani ihr Lager aufgeschlagen und bereits recht ansehnliche Elfenbeinvorräthe gesammelt.

Von nun an ging es mit dem Wasser besser; Graswuchs bedeckte stellenweise das Land, Tümpel mit rothem, grünem oder schwarzem Wasser waren ziemlich häufig: wir näherten uns dem Rand der Steppe. In der Ferne tauchten die Berge von =Unguu= auf, bewohntes Gebiet, dessen erster Anblick Jubelgeschrei hervorrief. Am 14. Februar lagerten wir unweit des =Talama=-Berges bei einer Wandorobo-Niederlassung. In dichtem Gestrüpp verborgen lagen die elenden, halbrunden Grashütten, an der Einzäunung standen schlanke Männer, auf den Bogen gestützt und zwischen den Hütten, inmitten von Fleisch- und Knochen-Ueberresten, kauerten ihre eisengeschmückten, kahlköpfigen Weiber.

Am 15. Februar veränderte sich die Landschaft; nach kurzem Marsch durch offene Steppe traten wir in lichten Laubwald ein, das Land wurde hügelig, die wohlbekannten Formen der Unguuberge traten näher, an den Hängen nahm man die grünen Vierecke der Felder wahr. Nachmittags wurden auch die zaunumgebenen Gruppen der spitzen Kegelhütten wahrnehmbar und mit Trommelklang und Hörnerschall marschirten wir in das Grenzdorf Unguus, in Kwa Maligwa ein.

Am nächsten Morgen erreichten wir =Mgera=, den Hauptort dieser Gegend, der mir schon von 1890 her bekannt war. Damals machten mir die Eingeborenen einen ziemlich urwüchsigen Eindruck, jetzt, wo wir von den Höhlenmenschen kamen, erschienen sie mir in ihrer reichen Baumwollkleidung als hochcivilisirte Menschen. Die gutmüthige, dicke »Königin« Mandaro, eine alte Bekannte, machte mit einigen ganz niedlichen Hofdamen ihre Aufwartung.

Mehr als das freute mich jedoch das Eintreffen der Postboten, die mir lang ersehnte Nachrichten von der Heimath brachten. Hatte ich doch während der ganzen Reise nur zweimal veraltete Postsendungen bekommen! Wir waren eben zu schnell gereist, die Herren, die an der Küste die Beförderung der Posten leiteten, rechneten mit dem üblichen Schneckengang der Expeditionen, und wenn eine Sendung irgendwo eintraf, war ich immer schon längst über alle Berge. Der Grund, warum wir so rasch vorwärts gekommen, liegt, wie ich glaube, hauptsächlich darin, dass wir niemals Gewaltmärsche machten, dass es uns niemals auf einen oder zwei Rasttage ankam, dass wir überhaupt =niemals Eile= hatten. »Haraka haïna baraka« (Eile bringt kein Glück) sagt der Swahíli, und was das Reisen im Innern anbelangt, hat er gewiss Recht. Jede unnütze Ueberanstrengung der Kräfte, jede überstürzt eingeleitete und mangelhaft vorbereitete Unternehmung rächt sich durch endlose Aufenthalte, die dem Reisenden alle Lust benehmen und den Geist der Mannschaft schwer schädigen.

Wenn es der Küste zu geht, ist es freilich ein alter Karawanenbrauch, dass die letzten Tage in Gewaltmärschen zurückgelegt werden. Die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen der Küstenstädte, nach dem »Msonga nyuele«, dem geflochtenen Haar der reizenden Swahíli-Damen, lässt die Leute nicht ruhen. So ging es denn förmlich im Trab hügelauf, hügelab, durch die reich bebauten Gehänge Usegua's. Mir war die Gegend schon bekannt und im Fluge gings bei Makoma, der Stätte unserer blutigen Kämpfe von 1890, und den zahllosen grossen und kleinen Dörfern vorbei.

Selbst ein Krieg, der etwas abseits von unserer Route »wüthete«, konnte unser Interesse nicht erregen. Es kämpften da Leute des verstorbenen räuberischen Häuptlings Kiro mit einer eingeborenen Regierungspartei, die im amtlichen Auftrage diese Rebellen bestrafen sollte. Der »Krieg« bestand darin, dass alle 10 bis 20 Minuten ein Schuss fiel; zur Mittagszeit und bei Regenwetter wurde überhaupt nicht Krieg geführt. Ob dieser gemüthliche Kampf heute noch »tobt« oder ob die Regierungspartei inzwischen der gerechten Sache zum Sieg verholfen, ist mir nicht bekannt.

Uebrigens konnte ich es den braven Kämpfern nicht übel nehmen, wenn sie sich die Sache etwas bequem machten, denn die Sonne brannte in diesen Tagen ganz höllisch, es herrschte das, was man sich gewöhnlich unter einer »afrikanischen Hitze« vorstellt. Dieser und meiner schadhaft gewordenen Kopfbedeckung verdanke ich es, wenn ich am Nachmittag des 20. Februar plötzlich von einem Hitzschlag getroffen wurde, der mich vom Reitesel herab bewusstlos ins Gras warf.

Als ich nach Stunden aus tiefer Ohnmacht erwachte, fand ich mich blitzschnell durch einen nächtlichen Wald schwebend, den zahlreiche strahlende Lichter mit feenhaftem Glanz übergossen. Ich glaubte mich schon in einem Zauberreich, als ich, durch die scharfe Morgenbrise völlig zum Bewusstsein gebracht, erkannte, dass ich durch einen Wald getragen wurde, während vor und hinter mir Askari mit Magnesiumfackeln liefen. Meine Leute hatten mich nämlich, nach vergeblichen Versuchen mich zu erwecken, in eine Hängematte gepackt und im Laufschritt den Marsch angetreten, um mich nach Pangani zum Arzt zu bringen.

Glücklicherweise siegte meine kräftige Natur und als bei Morgengrauen die Palmenwipfel der Pangani-Ufer sichtbar wurden, war ich schon wieder auf den Beinen. In der Zucker-Plantage eines Arabers in =Mauia= fanden wir freundliche Aufnahme und Unterkunft in dem schönen, kühlen Steingebäude. Vom Hause blickte ich hinab auf den grauen, langsam dahinfliessenden Pangani mit seinen üppigen, palmengekrönten Ufern.

Jenseits lagen Tschogwe, Pongwe und Mundo, die frühere Schamba Buschiri's. Welche Fülle von Erinnerungen bargen diese Namen für mich! Hier war ich 1888 mit Dr. Hans Meyer von bewaffneten Schaaren Buschiri's geführt, und meiner letzten Habe beraubt worden. Tagelang mussten wir an diesen lachenden Palmenufern in Ketten unser Schicksal, einen wahrscheinlich schrecklichen Tod erwarten, dem wir nur durch ein Wunder entgingen. Mehr jedoch als unser Leben, bedauerten wir damals das Missglücken unserer Expedition, das Fehlschlagen unserer grossen Pläne. Und doch sollten wir beide diese Pläne noch einmal zur Wahrheit machen: Hans Meyer hat als erster den stolzen Gipfel des Kilimanjaro bestiegen und mir ist es gelungen unsere weiterreichenden, damaligen Entwürfe zur Wahrheit zu machen. Buschiri, unser Gegner von 1888, fand den verdienten Tod und über dem Schauplatz unserer Leiden weht die deutsche Flagge!

Nachmittags verliessen wir Mauia und zogen durch die reichen Pflanzungen des rechten Pangani-Ufers. Stolz erhob sich die königliche Kokospalme und der herrliche, schattige Mangobaum verbreitete süssen Duft. Mit den letzten Strahlen der Sonne zogen wir in Bweni, gegenüber Pangani, ein und sahen in magischer Beleuchtung die Steingebäude des ansehnlichen Städtchens am jenseitigen Ufer.

Die Deutschen Pangani's, die von meiner Ankunft wussten, kamen mir im Boot entgegen und ich konnte den Herren Pfrank, von Rode und Dietert die Hand drücken, alten afrikanischen Bekannten, die in ihren blüthenweissen Anzügen, mir zerfetztem, kothbespritztem Buschmann ungeheuer civilisirt vorkamen.

Dumpf rollte die Trommel, die Freudenschüsse der Leute erklangen und die Luft erzitterte von ihrem Jubelgeschrei. Stolz wehte die zerschlissene Flagge der Massai-Expedition im Abendwind. Und sie hatte ein Recht auf die Expedition stolz zu sein, der sie durch 14 Monate ein Banner gewesen!

=An 4000 Kilometer hatten wir durcheilt, wovon mehr als zwei Drittheile durch gänzlich unerforschtes Gebiet führten. Die riesigen weissen Flecken, welche die Karte des nördlichen Deutsch-Ost-Afrika aufwies, waren ausgefüllt, weite Landstriche, die noch keines Weissen Fuss betreten, erforscht und Völker, die bis auf den Namen unbekannt waren, besucht worden. Zwei grosse Seen, der Manyara und Eyassi und eine tiefe Bucht des Victoria-Nyansa waren entdeckt und die letzten Räthsel des alten Nilquellproblems gelöst worden. Zahlreiche Kämpfe hatten wir zu bestehen gehabt, konnten jedoch mit Stolz behaupten, dass durch unsere Expedition das deutsche Ansehen in Afrika keinen Schaden gelitten hatte.=

Zum letzten Male erklang am nächsten Tage, dem 22. Februar, die Karawanentrommel und die Mannschaft trat vor dem Usagarahaus in Pangani an, um ihren hart verdienten Lohn in Empfang zu nehmen. Die Braven erhielten ihn nebst einem reichen Geschenk und standen dann, ihrer Entlassung harrend, im Vorhofe des Gebäudes.

Noch einmal überblickte ich alle die dunkelfarbigen Gesichter, deren jedes einzelne eine Fülle von Erinnerungen für mich barg. Ich gedachte der schweren Zeiten, die wir gemeinsam verlebt und der Erfolge, die wir errungen, ich gedachte Jener die diese Stunde nicht erlebt, die den Heldentod vor dem Feinde gefunden oder Krankheit und Elend im Innern Afrika's erlegen waren.