Durch Massailand zur Nilquelle

Part 8

Chapter 83,368 wordsPublic domain

Erst gegen zwei Uhr Nachts rief ein Mann von aussen die Wachtposten an; es war der Askari =Kiroboto=, ein ruhiger, intelligenter Bursche aus Tschumbageni bei Tanga. In strammer Haltung berichtete er mir, dass die Abtheilung Munyishomari's verrätherisch von riesiger Uebermacht angegriffen und zersprengt worden sei. Die Askari Munyishomari, Sadiki und einen Sudanesen sah er fallen, dann verlor er seine Gefährten aus dem Gesicht, verbarg sich in dichtem Dorngestrüpp und brach erst Nachts nach dem Lager auf. Ich fragte ihn, ob er selbst nicht verwundet sei, worauf er sich umwandte und ich einen meterlangen Pfeil in seinem Nacken stecken sah, der dann nur mit der Zange aus dem Rückgratknochen entfernt werden konnte! Ausserdem hatte er noch eine breite Speerwunde in der Hüfte.

Mit diesen schweren Verwundungen war der Mann stundenlang Nachts in wegloser Wildniss umhergeirrt und hatte dann noch die Kraft, in strammer Haltung, das Gewehr bei Fuss, eine Meldung abzustatten; gewiss ein Beweis, dass die höchste Stufe der Disziplin auch schwarzen Soldaten erreichbar ist. Und doch war der Mann ein Swahíli, gehörte also einem Stamme an, der von Vielen als »feig« verrufen ist. Es ist ja überhaupt eine eigene Sache um die sogenannte Feigheit der Neger. Dieselben Sudanesen, die heute als Muster von Muth und Disziplin gelten, sind in ihrer Heimath als Feiglinge verrufen, die sich von Sklavenjägern gleich Schafen wegtreiben und ausrauben liessen; dieselben Bakongo am unteren Kongo, die Vielen -- und mir selbst -- als das elendeste, feigste Gesindel Afrikas erschienen, sie bilden heute als Soldaten des Kongostaates den Schrecken der Araber in Manyema.

Mit dem Soldatenkleid scheint der Schwarze -- und vielfach ja auch der Weisse -- einen anderen Menschen anzuziehen und wer es versteht, diesem den rechten Geist einzuflössen, der kann auch den Neger zum Helden erziehen.

Am 22. Mai setzte ich mit einer Abtheilung über den Fluss, um nach etwaigen Ueberlebenden der Patrouille Munyishomari's zu suchen. Ich hatte jedoch kaum einen Kilometer zurückgelegt, als Schiessen und wüthendes Angriffsgeschrei der Eingeborenen mich in's Lager zurückriefen. Bald nach meinem Abmarsch sah Mzimba plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, Hunderte schwarzer Krieger mit wilden Federkopfputz auf das Lager anrücken. Er liess sofort die Trommel rühren, um mich zurückzurufen, besetzte den Flussübergang, schickte eine Patrouille in die rechte Flanke, um den Eingeborenen ein Umzingeln des Lagers unmöglich zu machen und griff diese hierauf, ohne ihr Kommen zu erwarten, energisch an. Ein paar wohlgezielte Salven -- die Leute bekamen mit der Zeit Uebung -- richteten schwere Verheerungen an und ich kam gerade zurecht, um auch meinerseits durch energischen Flankenangriff die Niederlage zu vollenden. Ihre Waffen grösstentheils wegwerfend rannten die Krieger -- wohl 800 an der Zahl -- davon; die Panik war so gross, dass wir einige derselben abfangen konnten. Wir brannten hierauf sämmtliche Dörfer nieder und schickten einen der Gefangenen an die Eingeborenen ab, um sie aufzufordern, die Gewehre der gefallenen Soldaten herauszugeben, was auch geschah.

Am 23. Mai verliessen wir das Ufergebiet des Nyansa und marschirten durch welliges, unbewohntes Land, aus welchem sich im Osten der ansehnliche Mrandirira-Berg erhob. Jenseits des Kihemba-Baches trafen wir auf Dörfer freundlicher Waschaschi, bei welchen wir gastliche Aufnahme fanden und uns einen Tag erholten. Dort erfuhren wir erst, warum die Mugango-Leute uns überhaupt angefallen hatten. Der Wagaya-Häuptling Kaditi von Irieni hatte ihnen nämlich bei der Nachricht von unserem Herannahen geweissagt, dass unsere Gewehre nicht losgehen und sie unsere Tauschwaaren erbeuten würden. Vielleicht hätten sie aber doch einen Angriff nicht gewagt, wenn der Zwischenfall mit dem vermissten Sudanesen nicht eingetreten wäre. Dieser kranke, wehrlose Mensch war von ihnen niedergemacht worden, worauf sie die abgesandten Patrouillen, die sie für Strafabtheilungen hielten, angriffen. Die leichte Zersprengung derselben ermuthigte sie zu dem grösseren Angriff, der ihnen verhängnissvoll wurde.

Am 25. Mai durchzogen wir stärker gewelltes Kampinen-Land, aus dem die dunklen Euphorbienhecken der Dörfer hervorsahen. Diese lehnen sich meist an malerische Anhäufungen ungeheuerer Granitblöcke, deren Zinnen den Eingeborenen als Aussichtsthürme dienen. Zugleich sind diese auch der beliebte Aufenthalt zahlreicher grosser Affen und von weitem ist es oft schwer zu unterscheiden, ob Affen oder Waschaschi auf den Felsen herumklettern. Zwischen Felsen am Gipfel eines Hügels lag auch das Dorf =Uanékera=, wo wir zwischen den braunen Kegeldächern der Hütten lagerten. Wir wurden freundlich aufgenommen und erhielten massenhaft Arachis, die hier die Hauptnahrung bildet. Diese Erdnuss, die geröstet einen mandelähnlichen Geschmack hat, ist in kleinen Mengen recht angenehm zu geniessen, erregt jedoch als ständige Nahrung selbst bei abgehärteten Negermagen Beschwerden, so dass es erstaunlich ist, wie die Waschaschi dieser Gegend oft fast ausschliesslich davon leben können.

Trotz der Freundschaft wurden wir Nachts durch vergiftete Pfeile belästigt, die von unsichtbaren Schützen, die wahrscheinlich in den Klüften der Felsen verborgen waren, auf die Lagerfeuer abgeschossen wurden. Morgens erschienen die Dorfältesten und fragten uns, freundlich lächelnd, wie wir geschlafen hätten. Als wir uns über die Pfeilschüsse beklagten, meinten sie, das sei ein kleiner Scherz, den die Krieger sich fremden Reisenden gegenüber zu erlauben pflegten. Ich befahl hierauf den Askari, eine der nebenstehenden Vorrathshütten für Getreide anzustecken. Als die Flamme emporloderte wollten die Aeltesten sich erschrocken entfernen, doch beruhigte ich sie mit der Versicherung, dass dies nur ein kleiner Scherz sei, den ich mir so liebenswürdigen Gastfreunden gegenüber nicht versagen könnte. Nachdem wir uns derart gegenseitig Beweise unseres Humors gegeben, nahmen wir mit süss-saurer Miene von einander Abschied.

Es ist bemerkenswerth, dass bei solcher summarischen Vergeltung doch schliesslich fast immer der Schuldige getroffen wird. So wusste -- wie ich später erfuhr -- der Besitzer der verbrannten Vorrathshütte sofort die nächtlichen Pfeilschützen herauszufinden und für seinen Schaden verantwortlich zu machen.

Je weiter wir uns vom Nyansa entfernten, desto bergiger wurde das Land; an den Hängen wechselten stets Gras mit Feldern und kleinen Waldgruppen, in den Mulden rieselten zahlreiche wasserreiche Bäche und die Höhen waren von wilden Felszähnen gekrönt, zwischen welchen die Hütten der Eingeborenen, umgeben von dichtem Euphorbiengestrüpp, verborgen lagen. Nördlich von uns dehnte sich eine breite Senkung aus, die der =Mara=fluss als silbernes Band durchzog, der sich, an Stelle des Rubana, als Unterlauf des =Ngare dabasch= erwies.

Am 27. Mai durchzogen wir ein unbewohntes Gebiet und erreichten die Landschaft =Uaschi=, ein leicht gewelltes, an Feldern reiches Kampinenland mit einzelnen verstreuten Kuppen, die von wilden Anhäufungen ungeheurer Granitblöcke bedeckt sind, zwischen welchen die Hütten gleich Adlernestern kleben. Mit ihren langen Speeren kletterten die Wauaschi mit unglaublicher Gewandheit über die Felsplatten und schienen bereit, ihre Hochburgen energisch zu vertheidigen, falls wir daran gedacht hätten, sie anzugreifen. Kaum hatten sie jedoch unsere friedliche Absicht erkannt, als sie uns freundlich in ihr Hauptdorf führten. Hier beginnt der Einfluss der Massai sich in Moden sehr geltend zu machen, die Ohrläppchen werden ungeheuer ausgedehnt und auch der Fell-Ueberwurf nach Massai-Art getragen. Die Nachbarschaft dieser Viehräuber zwingt die Eingeborenen auch, sich derart in den Felsen zu verbergen.

Am 28. Mai ging es durch eine breite, leicht versumpfte Niederung und über eine Hügelkette, auf der die letzten Dörfer von Uaschi lagen. Da es dort keine Felsen als natürliche Festungen gab, so mussten die Eingeborenen Steinwälle um ihre Dörfer aufrichten, deren einer (um das Dorf Matongo) einen Umfang von über 2 Kilometer hatte und mit Dornengestrüpp bedeckt war. Jenseits der Hügel ging es wieder in eine sumpfige Senkung, die nach den Regengüssen schwer passirbar war, sodass wir erst am Morgen des 29. Mai wieder Bergland erreichten. Dasselbe gehörte der Landschaft =Ngoroïne= oder =Ungroïme= an, die ähnlich wie Elmarau (Ikoma) ein Ultima Thule der Massai-Karawanen bildet. Das erste Dorf lag in einer Schlucht zwischen hohen Felsblöcken und war auf der einzig zugänglichen Seite durch eine etwa 2 m hohe Steinmauer abgeschlossen, deren Thor von Innen fest verrammelt war. Da draussen kein Raum zum Lagern war, während sich drinnen ein grosser freier Platz befand, riefen wir die Eingeborenen, die in drohender Haltung mit Bogen und Speeren zwischen den Felsen hockten, zu, uns aufzunehmen. Doch sie legten als Antwort nur die Pfeile auf und drohten, den ersten der sich der Mauer nähern würde, niederzuschiessen. Dieser erste war der dicke Digo-Askari Bakari Juko, der ohne Befehl, wie gewöhnlich laut fluchend die Mauer erkletterte. Die Bogen spannten sich, unsere Gewehre waren schussbereit, doch kein Pfeil schwirrte, kein Schuss krachte; andere stiegen Bakari nach, öffneten gemüthlich das Thor von innen und mit grossem Halloh zog die Karawane ins Dorf. Als wir uns nach unseren Gegnern umsahen, waren diese erst garnicht zu sehen, dann kamen sie demüthig und unbewaffnet und wurden noch unsere besten Freunde. Später brachten sie sogar ein originelles Saiten-Instrument an, zu dessen Klang sie hübsche Tänze aufführten. Es waren grosse, schön gewachsene Leute mit angenehmen Zügen und eigenartigem, aus Fasern bestehendem Kopfputz.

Ein tüchtiges Fieber -- wohl die Folge der häufigen Sumpfwanderungen -- fesselte mich für einige Tage an dieses Dorf. In wenig behaglichem Zustande sass ich am Morgen des 1. Juni vor meinem Zelt, als einige Leute auf mich zukamen und mir meldeten »safari anakuja«, eine Karawane kommt. Bald erschien denn auch eine abgemagerte, verrissene Gesellschaft, in der wir kaum unsere alten Freunde, die Leute Munyi Hatibu's aus Tanga, den wir in Aruscha verliessen, wieder erkannten. Sie liessen sich an den Lagerfeuern nieder und es ging ans Austauschen der Erlebnisse. Meine Soldaten und Träger wussten viel von blutigen Kämpfen zu erzählen, aber auch die Leute von Munyi Hatibu's Karawane hatten viel durchgemacht. In Ober-Aruscha waren sie durch Hongo-Erpressungen eines Theils ihrer Waaren beraubt worden. Dann zogen sie, meinen Spuren folgend, nach Elmarau. In Mutyek und Serengeti fanden sie freundliche Aufnahme bei den Massai, litten jedoch sehr unter Hunger und 60 Mann gingen auf diesem Marsche zu Grunde. Nun hatten sie sich im Hauptdorf von Ngoroïne niedergelassen, und der Trupp dem wir begegneten, war ausgeschickt worden um nach Elfenbein zu forschen.

In ihrer Begleitung brachen wir am 3. Juni auf, durchzogen schönes, reich bebautes und dicht bewohntes Hügelland und erreichten am Morgen des 4. Hindi, das ausgedehnte Hauptdorf von Ngoroïne, das in einer Mulde am Fusse einer niedrigen Bergkette liegt. Dort hatte Munyi Hatibu ein Lager erbaut und lebte auf bestem Fusse mit den Eingeborenen. Im Vergleich zu unserer wohlgenährten Mannschaft, bot die seinige ein wahres Bild des Jammers. Es fiel mir auf, dass Munyi Hatibu fast gar keine Massai in der Karawane hatte, und ich fragte ihn ob sich denn keine Verhungernde ihm angeschlossen hätten. »Allerdings,« meinte Munyi Hatibu, »wandten sich zahlreiche dieser Elenden an mich und es that mir leid genug, sie dem sicheren Tode preisgeben zu müssen, aber es musste doch geschehen, denn ich habe keine Lust mich an der Küste als Sklavenhändler aufhängen zu lassen.« Und er hatte nicht Unrecht. Denn ein Swahíli, der an der Küste behaupten wollte, er habe bei ihm aufgefundene, eingeborene Kinder nur aus Menschlichkeit aus dem Inneren mitgenommen, der würde höchstens ein Lächeln seiner Richter über eine so dumme Ausrede hervorrufen!

Munyi Hatibu bereitete mir eine Ueberraschung, indem er mir die Lasten aushändigte, die ich beim Lmorro-Bach in Mutyek vergraben hatte. Dem schlauen Swahíli war das Versteck nämlich nicht entgangen und er war ehrlich genug, mir mein Eigenthum nun zu übergeben, so dass ich, wie Polykrates zu seinem Ring, nun wieder zu meinen Glasperlen kam. Mit den Geschäften war der alte Händler keineswegs zufrieden, er hatte bisher fast gar kein Elfenbein bekommen und beabsichtigte nach Kavirondo zu ziehen. Den Mara, der einige Meilen nördlich von Ngoroïne vorbeifliesst, kennt man hier schon unter dem Namen Ngare dabasch, sodass der Zusammenhang dieser beiden Gewässer nachgewiesen war.

Wir befanden uns wieder an der Grenze des Massai-Landes, östlich von uns dehnten sich weite, unbewohnte Gebiete aus. Wir bogen jedoch gegen Süden um, durchzogen erst eine ausgedehnte, buschbedeckte Ebene und gelangten an den letzten Dörfern von Ngoroïne vorbei nach =Nata=. Es ist dies eine wellige Landschaft mit niedrigen Akazien, mit vielen Wasserläufen und fruchtbaren Boden, auf welchem die Pflanzungen der Nata-Leute gedeihen, deren zahlreiche Niederlassungen überall verstreut sind. Hier entspringt der =Rubana=, den wir am 7. Juni als kleinen Bach überschritten um dann in einem von dichtem Dorn- und Euphorbiengestrüpp umgebenen Dorfkomplex zu lagern. Die Eingeborenen, die völlig den Waschaschi von Ikoma glichen, empfingen uns mit der Freundlichkeit, die diesem harmlosen Stamm eigen ist, und brachten besonders viel Honig. Sie trugen einen eigenartigen Kopfschmuck aus Käferflügeldecken, der beim Gehen klapperte.

Als ich gegen Abend gerade beim schwarzen Kaffee sass, kamen plötzlich die Dorfältesten ganz angstbebend und beschworen mich, sie zu retten, »die Massai kämen.« =Diese= Gefahr konnte mich allerdings nicht im Genuss meines »Schwarzen« stören; ich begnügte mich, einige Askari vor das Dorf zu schicken. Wirklich hörte man nach einiger Zeit einen gellenden Gesang: es war ein Trupp Elmoran, die unweit des Dorfes vorbeikamen, wohl ein paar arme, hungrige Teufel, die irgendwo einige Ziegen gestohlen hatten und nun mit Triumphgeschrei heimwärts zogen. Zu ihrem Glück dachten sie nicht daran, unser Dorf zu belästigen und ihr Gesang verklang in der Ferne. Die angsterfüllten Waschaschi hatten sich jedoch so gründlich verkrochen, dass wir sie selbst am nächsten Morgen nicht mehr zu sehen bekamen.

Ein tüchtiger Marsch brachte uns am 8. Juni durch stets offenes, bewohntes Land nach =Ikoma=, wo wir den alten Lagerplatz vom 2. April wieder bezogen. Auch diesmal standen wir in freundlichem Verkehr mit den Eingeborenen. Zwei weitere Tagereisen brachten uns durch die südlichen, am Grumeti gelegenen Dorfgebiete Ikomas, deren äusserstes =Urungu= ist. Die Dörfer mit ihren Feldern schliessen sich meist an den schmalen, aber hochstämmigen Galleriewald des fischreichen Grumeti, während das übrige Land, dornige, offene Nyika ist. Auch das niedrige Stachelgestrüpp hörte auf als wir am 11. Juni erst den Grumeti, dann dessen Randberge überschritten und in weite, fast baumlose Grassteppe eintraten. Einzelne Wasserrisse mit schmalen, dunklen Vegetationsbändern durchzogen die gelbe Fläche, am Horizont standen reihenweise hohe Schirmakazien und Gruppen von Borassus-Palmen. Grosse Heerden von Antilopen umschwärmten uns. Ein ausgetretener Pfad durchschnitt diese Einöde, der den Handelsweg der Wasukuma, der nördlichsten Wanyamwesi mit den Schaschi-Gebieten bildet. Wir begegneten mehrfach kleinen Gruppen derselben, die mit Hackenklingen und trockenen Fischen gegen Norden zogen.

Durch topographische Arbeiten aufgehalten, war ich gerade ein gutes Stück hinter der Karawane zurückgeblieben, als ich wahrnahm wie die Träger, die sich eben zu kurzer Rast niedergelassen, plötzlich aufstanden und ein wüthendes Feuer auf einen Punkt in der Ebene eröffneten. Leider lag dieser Punkt gerade zwischen ihnen und mir, sodass ich mich zu meinem geringen Vergnügen im dichtesten Kugelregen befand. Doch zum Glück hörte das Schiessen bald auf und ein mächtiges Triumphgebrüll ertönte; die Leute hatten, wie ich beim Näherkommen sah, einen =Löwen= getödtet. Derselbe erhob sich plötzlich aus dem Grase, wo er wahrscheinlich sanft geschlummert hatte, und bekam sofort ganze Salven in den Leib gefeuert. Ganz ausser sich vor Freude rissen die Leute dem Thiere das Herz aus und verschlangen es, um Löwenmuth zu bekommen, was jedenfalls nichts schaden konnte.

Die trockene Jahreszeit machte sich immer mehr geltend, in den Wasserrissen fanden sich nur spärliche Tümpel, das hohe Gras war gelb und dürr und in der Ferne stiegen schon die weissen Wolken der Grasbrände auf, die Nachts den Himmel mit glühender Lohe übergossen.

Am Mittag des 12. Juni betraten wir wieder bewohntes Gebiet von =Ututwa=, eine Landschaft, die bereits dem nördlichen Usukuma angehört. Mit ihren trockenen Wasserschluchten, ihren öfter von Granitkuppen gekrönten Hügelzügen, machte sie gerade nicht den Eindruck besonderer Ueppigkeit; doch die weiten, dem Schnitt entgegenreifenden Sorghumfelder bewiesen, dass auch dieser Boden kulturfähig ist. Auch die Dörfer, deren Hütten zwischen den Felsen gelagert sind, machten den Eindruck des Wohlstandes. Die in Schmutz starrenden Eingeborenen freilich, mit ihren Ziegenfellschürzchen, die oft kaum die =Brust= bedecken, mit ihren Lederschilden, Speeren und wildem Kopfputz, machten keinen übermässig civilisirten Eindruck. Dennoch waren es schon echte Wanyamwesi, Leute, deren viele an der Küste gewesen und die Weltsprache Ostafrikas, das Kiswahíli, recht leidlich verstanden. Obwohl noch nie ein Weisser das Land betreten, erregte mein Erscheinen hier doch kein besonderes Aufsehen. Die Leute führten uns ins Dorf, brachten reichlich Nahrung und feierten dann ein Freudenfest, bei dem viel Pombe getrunken und Hanf geraucht wurde, was für uns noch unangenehme Folgen haben sollte.

Als wir nämlich am Morgen des 13. Juni aufbrachen, rotteten sich zahlreiche halb betrunkene Krieger zusammen und verfolgten uns mit wildem Geschrei. Gegen dieses hatten wir nichts einzuwenden, wohl aber dagegen, dass sie uns später mit Pfeilen beschossen, was wir mit der üblichen Salve beantworteten, die auch hier ihre Wirkung nicht verfehlte. Die Schaar der Betrunkenen stob auseinander. Aber die Schüsse liessen leider auch die Nüchternen vermuthen, dass wir Böses im Schilde führten, und überall sah man dunkle Krieger-Gestalten aus den Dörfern hervorkommen und, in langen Linien schwärmend, sich uns nähern. Ich rief ihnen Friedensversicherungen zu, die sie jedoch nur mit Kriegsgeschrei erwiderten, das in komischer Weise das Geheul der Hyäne, U-u-hi! nachahmte. Ich besetzte ein Dorf, das von Menschen verlassen schien, liess die Lasten dort zurück und begann dann, den Gegner anzugreifen. Mit wohlgezielten Salven -- der besten Feuerart gegen Wilde -- trieben wir die U-u-hi-Schreier in die Flucht und bald rannten sie querfeldein, verfolgt von ironischem U-u-hi-Geschrei meiner Leute. Die Träger hatten inzwischen die Granitfelsen, die beim Dorfe lagen, gründlich untersucht und in den Klüften zahlreiche Weiber und Kinder gefangen. Nun waren wir die Herren der Situation -- zwar kehrten die Hyänen-Krieger noch einmal zurück, doch wurden sie ebenso leicht, und zwar diesmal allein von den Trägern verjagt, die sich dies als Gunst erbeten hatten, und aus ihren Vorderlader-Flinten tadellose Salven abgaben. Einige junge Burschen, die offenbar zu den Habitués der Exerzierplätze von Tanga und Pangani gehörten, kommandirten dabei mit der schnarrenden Schneidigkeit eines alten Unteroffiziers.

Nachmittags kamen einige alte Leute mit einer Ziegenheerde ins Lager und erklärten, sie hätten nun genug des Krieges, wir möchten diese Heerde nehmen und ihnen ihre Weiber geben, was auch geschah. Es dauerte keine Viertelstunde, so kamen die Eingeborenen wieder ins Lager, begannen Lebensmittel zu verkaufen als ob nichts geschehen wäre und erzählten uns, dass so und so viel Leute todtgeschossen wurden. Einer meinte ganz harmlos: »Wir haben jetzt unsere Prügel: das genügt uns.« Ganz scheint es ihnen aber doch nicht genügt zu haben, denn als mehrere Wochen später Lieutenant Werther durch das Land kam, griffen sie ihn ebenfalls an und holten sich neue Hiebe.

Am 14. Juni erreichten wir nach Ueberschreitung des Duma-Baches die Landschaft =Ntussu=. Eine weite, leicht gewellte Ebene dehnte sich vor uns aus, in der sich nur einzelne Granithügel erhoben. Ungeheure Sorghum-Felder bedeckten das Land, in welchen man überall die Gestelle mit den schreienden und winkenden, lebenden Vogelscheuchen erblickte. Dazwischen grosse Dörfer mit breiten, ausgetretenen Wegen zwischen Euphorbienhecken, an welchen die kleinen eingezäunten Hüttenkomplexe grenzen. Die Eingeborenen nahmen uns mit Begeisterung auf, viele von ihnen waren an der Küste gewesen, was sie nicht abhielt in sehr einfacher Fellkleidung, oft sogar splitternackt einherzulaufen.

Am 17. Juni verliessen wir Ntussu und traten auf viel begangenem Wege, der nach den Salzlagern des Nyarasa führt, in die Steppe. Das Land wurde fast völlig flach, ausgedehnte Wiesengründe ohne Baumwuchs wechselten mit niedrigen Bodenschwellungen, auf welchen ärmliches Stachelgestrüpp gedieh. Am 18. überschritten wir den Simiyu-Fluss, der kein fliessendes Wasser enthielt und dessen tiefes Bett von dürren Akazien eingesäumt ist. Inmitten verbrannter, öder Steppe lagerten wir bei einigen Tümpeln, unweit eines riesigen einzelnen Baobabs Namens Mwandu, der von den Wasukuma als Sitz eines Geistes verehrt und mit Grasbüscheln bestreut wird.

Am 19. Juni wurde das Land welliger, von breiten, trockenen Wasserrissen durchzogen. Einzelne Felskuppen tauchten auf und vor unseren Blicken dehnten sich weite, gelbe Sorghumfelder: wir hatten die Landschaft =Meatu=, jenen äussersten Vorposten Usukuma's gegen die Steppe zu, erreicht. Aus den dunklen Euphorbien-Hainen der Dörfer kamen Eingeborene hervor: es waren nicht nur Wasukuma, sondern auch =Wataturu= die hier eine Kolonie besassen und sich durch scharfe hamitische Gesichtszüge auszeichneten.

An diesem weltentlegenen Platz, nach allen Seiten hin von Einöden umgeben, hatte ein Halbaraber =Munyi Hemedi= (Mwelekwanyuma) eine Niederlassung gegründet und sandte seine Jäger hinaus in die weite Steppe zur Verfolgung des edlen Dickhäuters, dessen Zähne ihn in diese Einsamkeit gelockt hatten. Munyi Hemedi hatte schon von unserem Herannahen gehört und kam uns entgegen. Es war ein netter lichtfarbiger Swahíli mit intelligentem Gesichtsausdruck, in tadelloses Weiss gekleidet. In seiner Gesellschaft befand sich eine Schaar baumlanger, herkulischer Gestalten in zerfetzter Küstentracht, viele mit weissem Haar und kühn blitzenden Augen, das lange Feuerrohr geschultert: die Elephantenjäger. Sie wurden gewöhnlich Makua genannt, da die ersten Leute, die dieses abenteuerliche Gewerbe betrieben, dem Stamm der Makua angehörten. Gegenwärtig sind es Leute aus allen Küstengegenden, die sich der Elephantenjagd widmen, in kleinen Trupps Jahre und Jahrzehnte lang das Innere durchstreifen, sich in Wildnisse wagen, die selbst ein Eingeborener kaum jemals betritt und in ihren Zügen bis Unyoro und Manyema vordringen.