Durch Massailand zur Nilquelle
Part 4
Ausser meiner Karawane lagerte noch die des Swahíli Munyi Hatibu aus Tanga in Aruscha, die ebenfalls dem Massailande zustrebte und mit deren erfahrenen Leitern ich die Aussichten unserer Unternehmungen besprach. Stand doch die Expedition in Aruscha an einem Wendepunkt. Die Gegend zwischen der Küste und dem Kilimanjaro war mir von früher her genau bekannt und ist schon zum beliebten Tummelplatz für Sportsmen und Globetrotter geworden. Von nun an sollte die eigentliche Forschungsarbeit beginnen. Denn das Litemagebirge, das ich 1890 erstiegen, und das sich westlich von Aruscha erhebt, bezeichnete so ziemlich die Grenze unserer Kenntniss. Was dahinter lag war auf hunderte von Meilen unbekannt, unerforscht -- ein weisser Fleck auf der Karte.
II. KAPITEL.
Durch Massai-Land zum Victoria-Nyansa.
Die östliche Massai-Steppe. -- Umbugwe. -- Der Manyara-See. -- Das Mutyek-Plateau. -- Ngorongoro. -- Der Eyassi-See. -- Serengeti. -- Ikoma. -- Katoto.
Die Erkundigungen, welche ich bei vielgereisten Karawanenführern eingezogen, hatten mir die Ueberzeugung verschafft, dass ich, in Luftlinie von Aruscha zum Victoria-Nyansa haltend, mindestens 40 Tagereisen ohne Nahrung zurückzulegen habe. Dieser Umstand erschien mir stets als die grösste Schwierigkeit meiner Aufgabe. Während von anderer Seite die Massai-Gefahr als nahezu unüberwindliches Hinderniss für diese Route angesehen wurde, hielt ich diese für vollkommen unerheblich. Denn Swahíli-Karawanen und in neuerer Zeit auch Europäer durchziehen besonders in der englischen Interessen-Sphäre Jahr aus Jahr ein das Massai-Land, ohne dass die Massai -- die eben nur Viehräuber sind -- ihnen irgend welche ernste Schwierigkeiten bereiten. Dass sie selbst im schlimmsten Fall nichts weniger als unüberwindliche Gegner sind, ist auch schon oft bewiesen, und gerade jetzt, wo die Viehseuche sie dem Hungertode nahe brachte, erschienen mir alle Befürchtungen als einfach lächerlich. Die Karawane für 40 Tage zu verproviantiren, war jedoch nahezu unmöglich, und ich beschloss, einen Umweg nicht zu scheuen, um unterwegs einen bewohnten und Proviant liefernden Platz anzulaufen. Deren gab es nur zwei, im Norden Ober-Aruscha, im Süden Umbugwe. Ober-Aruscha war und ist Europäern stets feindlich gesinnt, ich konnte fast sicher darauf rechnen, dort angegriffen zu werden, wobei noch die Möglichkeit der Proviantbeschaffung zweifelhaft wurde. Von Umbugwe war nur bekannt, dass dort eine Swahíli-Karawane einmal niedergemacht worden und das Land seither sorgfältig gemieden wird. Auf beiden Routen sah ich mich also der Wahrscheinlichkeit eines Kampfes gegenüber, ich zögerte nicht, jene zu wählen, welche geographisch interessanter war: die über Umbugwe.
Nachdem ich derart über den einzuschlagenden Weg mir klar geworden, setzte ich am 17. Februar über den Ronga und brach am nächsten Tage in südwestlicher Richtung auf. Durch leicht ansteigendes Land mit Baobabs und hohen Schirmakazien zogen wir, zahlreiche tief einschneidende Wasserrisse überschreitend, längs der Ausläufer der Litemaberge nach =Njoronyór= (Sickerwasser), einer dem Berghang entströmenden Quelle, an welcher hohe Tamarinden und Baumeuphorbien gedeihen. Früher war dies eine beliebte Viehtränke der Massai, jetzt war kein Mensch zu sehen, nur ein abgemagertes, halb blödsinniges Massai-Weib wankte mit stierem Blick durch das Lager, die Ueberreste der Trägermahlzeiten sammelnd. Es war dies die erste jener schrecklichen Hungergestalten, die wir nun täglich im Massailande sehen sollten, und die, vom Honig der Waldbienen und von wilden Früchten lebend, einem sichern Tode entgegen gehen.
Am Morgen des 19. Februar erstiegen wir leicht die Höhe der Litema-Ausläufer, die sich jenseits sanft zur weiten Massai-Steppe abdachten. Ein offenes Grasland mit spärlichen Stachelbüschen öffnete sich unsern Blicken, aus dem in der Ferne, gleich Inseln, die felsigen Kuppen einzelner Berge auftauchten. Jede Spur eines Weges endete, und durch die charakteristischen Hügel als Landmarken geleitet, verfolgte unser kundiger Wegweiser Ndaikai durch dick und dünn seinen Pfad. Doch gab es wenig Hindernisse, nur ein kleines Kriechgewächs (Mbigiri) verursachte durch seine scharfen Kapselfrüchte den Leuten Schwierigkeit. Wir begegneten einem wandernden Trupp Massai, Krieger, Elmóruo und Weiber, alle ausgehungert und elend, mit Eseln, auf welchen Töpfe und allerlei Hauskram aufgethürmt war, mit einigen Ziegen und Schafen.
Abends erreichten wir nach mühsamem Marsche den =Benne=-Berg, dessen felsigen Klüften ein Rinnsal entströmt, in dem die Massai Tränketümpel abgedämmt haben. Dort fanden wir zwei Massaikinder, die, von ihrem Stamm verlassen, dem Hungertode nahe waren. Das eine von ihnen, ein Knabe, hatte merkwürdigerweise blaue Augen und blondes Haar, was sich zu seinem braunen Gesicht ganz sonderbar ausnahm. Gelabt schlossen sich beide der Karawane an und blieben von da ab unsere Kostgänger.
Zwischen Benne-Berg und =Sogonoi= dehnt sich eine fruchtbarere Mulde mit saftigerem Gras und reichem Baumwuchs aus, nach deren Durchschreitung wir wieder in die Steppe gelangten. Schon Vormittags trafen wir auf den Felsblock =El Muti=, in welchem sich ständige Wassertümpel finden, und lagerten unter einem hohen Baobab mit prächtigem Blick auf die felsigen Hänge des Sogonoi-Berges. Der 21. Februar brachte uns durch dornige, fast graslose Nyika zum =Donyo-Lukutu=, einem felsigen Bergkegel, an dessen Fuss ein kleines Gewässer klare, ständige Tümpel bildet. Wir fanden bei diesen einige Massai-Krieger mit ihren Nditos (junge Mädchen), welche sich Laubhütten erbaut und Ziegen geschlachtet hatten. Sie kamen von einem benachbarten Kraal und sahen ziemlich wohlgenährt aus. Einer der jungen Leute erklärte, sich uns anschliessen zu wollen, da er kein Massai, sondern ein geraubter Mnyamwesi sei, und keine Lust mehr habe, den Massai zu spielen. Da er auch im Typus von seinen Gefährten abwich, und diese die Richtigkeit seiner Angaben anerkannten, wurde er wirklich in die Karawane aufgenommen. Die Träger rasirten seine Frisur ab, wuschen ihn und gaben ihm einen Lendenschurz. Obwohl er fast gar kein Kinyamwesi mehr, sondern nur Massai sprach, lernte er doch unglaublich rasch Kiswahíli und wurde uns als »Mabruki Massai« noch recht nützlich.
Abends erstieg ich eine Felskuppe unweit des Berges, von der man einen weiten Ausblick auf die Steppe genoss, mit ihrem unendlichen Gefolge von dunklen Schirmakazien und lichten Grasflecken mit den scharfen Profilen der Kuppen, die daraus hervorragen, mit dem schneegekrönten Kilimanjaro und der dunklen Pyramide des Meruberges als grossartigen Hintergrund.
Bei der bisherigen Wanderung durch die Steppe war mir besonders der fast völlige Mangel an Wild aufgefallen. Im Jahre 1890 sah ich am Pangani und in der Umgebung von Aruscha ungeheure Heerden, allerdings in der trockenen Zeit, wo die Thiere sich in der Nähe der Wasserläufe aufhalten. Trotzdem zeigt die starke Abnahme hier die furchtbare Wirkung der Viehseuche, welche nicht nur Rinder, sondern auch Büffel, Gnus und Antilopen befiel und von allen Thieren nur Nashorn und Elephanten verschonte. Westwärts von Donyo Lukutu sah ich zum ersten Mal grössere Wildmengen, Antilopen und Zebras, auch eine Heerde Giraffen tauchte auf. Dort gab es noch Vertreter des Jägervolkes der Wandorobo, die sich meist scheu verbergen und nur selten mit Bogen und vergifteten Pfeilen aus dem Busch treten.
Das Land ist hier leicht gewellt, zwischen den grösseren Schwellungen liegen Mulden, die in der herrschenden Regenzeit Lachen oder dicken schwarzen Koth enthielten der besonders den Eseln das Durchkommen erschwerte. Täglich fielen von Mittag ab schwere Regengüsse herab, auch merkte man, dass wir unmerklich höhere Plateautheile erstiegen, denn es wurde oft empfindlich kalt. Vor uns tauchte die breite Bergmasse des Donyo Kissale auf; je mehr wir uns demselben näherten, desto welliger wurde das Land, das zahlreiche tiefe Wasserrisse durchzogen. Die Vegetation wurde reicher, an den Kuppen sah man saftigeres Gras und einzelne Laubbäume.
Am 26. Februar lagerten wir bei einem Bach am =Donyo Kissale=. Auch dort befanden sich ehemals zahlreiche Massai-Kraale, deren Spuren noch sichtbar waren. Wir sahen anfangs keinen Menschen, und erst Nachmittags fanden die herumstreifenden Träger einen sterbenden Elmoran, der verzweifelt mit den Händen nach Waldhonig wühlte. Er wurde gelabt und konnte erzählen, dass er sich auf einem -- Raubzug befand, doch seien seine Gefährten schon sämmtlich verhungert. Natürlich blieb auch dieser Massai Gast der Karawane und hat die ganze Reise mitgemacht.
Westlich vom Donyo Kissale dehnt sich eine gänzlich pfadlose, durch Dorngestrüpp und sumpfige Wiesen schwer passirbare Wildniss aus. Wild gab es hier massenhaft und nicht selten hörte man beim Vortrab Schüsse: ein Nashorn hatte sich in blinder Wuth auf die Karawane gestürzt. Eine dieser Bestien konnte ich durch einen Blattschuss aus dem österreichischen Repetir-Karabiner erlegen.
Der Wassermangel, den wir gefürchtet, trat allerdings nirgends ein, im Gegentheil, wir wateten fast fortwährend im Sumpf, doch hatten wir nur schlechtes, fauliges Wasser zum Trinken, so dass die Fälle von Ruhr sich mehrten und ein Mann derselben erlag. Der erste Todesfall in der Karawane macht stets tiefen Eindruck, der ganze Ernst des Unternehmens tritt den Leuten klar vor die Augen, wenn mitten in der Wildniss der erste Todte in sein einsames Grab gesenkt wird.
Ich selbst, der ich es anfangs unterlassen hatte mein Trinkwasser abzukochen, hatte einen Ruhranfall, der sofort nachliess, als ich gekochtes Wasser trank. Ich führte es von da ab strenge durch, mir stets Trinkwasser für mehrere Tage im Voraus abkochen zu lassen und in einem filzumzogenen Fass mitzuführen.
Am 1. März lichtete sich der Busch, die Sümpfe endeten und wir betraten ein offenes Parkland. Spärlich begraste Wiesen bedeckten einen sandigen Boden: an den trockenen Wasserrinnen standen ungeheure Baobabs, umgeben von Akazien. Stellenweise erhob sich eine schlanke Borassus-Palme; im Westen tauchte ein dunkler Bergwall auf, in dem ich den Abfall der zweiten Plateaustufe, den Westrand des ostafrikanischen Grabens vermuthete.
Als wir in einem schönen Hain gelagert waren, machte uns Ndaikai die Mittheilung, dass wir morgen »Ol Mangati Ltoroto«, das Kriegsland Umbugwe, erreichen würden. Mzimba hielt eine Rede an die Träger, in der er sie zu Vorsicht und friedlicher Haltung ermahnte, vertheilte dann Munition und am nächsten Morgen zogen wir dem »Kriegslande« zu. Ndaikai hatte richtig wahrgesagt, nach wenigen Stunden erreichten wir einen Fusspfad -- den ersten seit Aruscha -- und begegneten bald darauf einem Weibe, das entsetzt ein Bündel Feuerholz wegwarf und spornstreichs in den Busch lief. Wir durchzogen hierauf einen Gürtel von Sorghum-Feldern und betraten bald darauf das Dorfgebiet von =Umbugwe=.
Vor unseren Blicken dehnte sich eine weite tischflache Ebene aus, auf welcher die viereckigen, kaum meterhohen Lehmbauten (Tembe, siehe Kopfleiste des Kapitels) der Eingeborenen, gleich Schachteln, verstreut waren. Dazwischen weideten grosse Heerden von Rindern, Eseln und Kleinvieh und den Hintergrund bildete der Steilabfall des Plateaus. Die Nachricht vom Anlangen einer Karawane hatte sich schon im Lande verbreitet; schlanke, wohlgebaute Krieger, mit Schild und zwei Wurfspeeren, kamen von allen Seiten an, und bald waren wir von einer dichten Menschenmenge begleitet. Kurz vor Betreten des Tembe-Gebietes wurden wir aufgehalten, da die Krieger, wie es hiess, erst den Geistern opfern wollten. Dazu brauchten sie vor allem Glasperlen, die wir ihnen des lieben Friedens halber gaben, dann schlachteten sie ein Schaf und bespritzten uns mit dem Mageninhalt, damit das Erscheinen des ersten Weissen dem Lande Glück bringe. Obwohl sie noch nie einen Europäer gesehen, schenkten sie mir doch keine besondere Aufmerksamkeit, hauptsächlich deshalb, weil mir ein allzugrosser Konkurrent für ihre Schaulust zur Seite stand: das Kameel, das unter Mohammeds Führung gravitätisch hinter der Karawane einherschritt.
Wir schlugen unser Lager beim Tembe des Häuptlings =Mtakayko= auf. Da wir in der völlig offenen Gegend natürlich keinen Dornzaun errichten konnten, so waren wir fortwährend von zahlreichen Kriegern umdrängt, die immer lauter ihren Wunsch nach »Mahongo« (Wegzoll) kundgaben. Ich liess ihnen mittheilen, dass ich ihnen Lebensmittel gern abkaufen wolle, versprach ihnen auch ein Geschenk, erklärte jedoch, dass ich dem Zwang eines Wegzolles (Mahongo) nicht Folge leisten würde. Sie schienen damit auch zufrieden, es kam sogar der Häuptling Mtakayko in schwer betrunkenem Zustande und erhielt ein kleines Geschenk, worauf die Weiber massenhaft Mehl und andere Nahrungsmittel brachten und zu sehr billigen Preisen verkauften. Schon hoffte ich, meine Absicht, mich in Umbugwe zu verproviantiren, in Frieden durchführen zu können.
Die Eingeborenen drängten sich inzwischen an meine Leute heran, brachten ihnen Pombe (Bier) und luden sie ein, mit ihnen in ihre Temben zu kommen. Obwohl ich streng verboten hatte das Lager zu verlassen, liessen sich doch einige Leute verleiten, mit den Wambugwe zu gehen und sogar die Nacht bei ihnen zu verbringen. Ich liess dieselben am nächsten Morgen aufs Empfindlichste züchtigen und hoffte dadurch dem Herumstreifen der Träger ein Ziel gesetzt zu haben.
Am Morgen des 3. März kamen zahlreiche Weiber mit Proviant und es entspann sich ein lebhafter Handel. Einige Pangani-Leute, welche der seiner Zeit in Umbugwe zersprengten Karawane angehört hatten und fast gänzlich zu Wambugwe geworden waren, erschienen ebenfalls im Lager. So verlogen sie auch der lange Umgang mit den Eingeborenen gemacht hatte, so merkte man doch aus ihren Reden, dass nicht alles richtig sei. Thatsächlich wurde das Benehmen der Krieger immer erregter, die Askari konnten sie kaum vom Eindringen in unser Lager abhalten und mehrfache Prügeleien zwischen diesen und jungen Kriegern fanden statt.
Ich selbst litt an jenem Tage am Fieber und sass im Schatten des Tembe, als mir gegen 3 Uhr Nachmittags gemeldet wurde, dass sämmtliche Weiber plötzlich das Lager verlassen hätten und die Krieger sich um dasselbe schaarten. Einem der verwilderten Pangani-Leute, der eben spornstreichs davon lief, rief ich noch die Frage nach: was es gebe? Er antwortete: »die Wambugwe wollen Krieg!« und enteilte schleunigst.
Ich liess meine Mannschaft das beherrschende flache Dach des Tembe besetzen und blickte auf die zahlreichen braunen Gestalten, die wie in einem Ameisenhaufen, etwa hundert Schritte vom Tembe, durcheinanderliefen, wild schrieen, mit den Waffen drohten, und von Anführern offenbar zu einem Angriff geordnet wurden. Ich hielt es für unbedingt nothwendig, diesem zuvor zu kommen, liess daher meine Leute an den vier Seiten des Tembe antreten und hatte eben zum Laden befehligt, als einige Lagerälteste mit dem Ausdruck des Entsetzens auf mich zustürzten und mich beschworen, nicht zu schiessen, da einige ihrer Lagergenossen trotz des strengen Verbots zu Wambugwe-»Freunden« gegangen seien. In solchen Lagen ist rascher Entschluss nothwendig. Ich erwog daher, dass die verblendeten Leute unter den gegenwärtigen Verhältnissen vielleicht gar nicht mehr am Leben seien und dass ein energischer Angriff der Wambugwe das Schicksal der Expedition möglicherweise gefährden, ein Zuwarten den Abwesenden aber doch nichts mehr helfen könnte. Ich befahl daher den Leuten, in die Eintheilung zu gehen und liess nach allen Seiten Salven auf die Kriegerschaar abgeben. Dieselben gingen zwar bei der noch geringen Uebung meiner Leute etwas zu hoch, doch fielen immerhin einige Gegner und die Wirkung war eine vollständige. Mit Windeseile liefen die eben noch so stolzen Krieger radienförmig nach allen Weltgegenden davon. Einige standhaftere Abtheilungen liess ich durch Schützen verjagen und begann dann sofort das Dorfgebiet nach den abwesenden Trägern zu durchsuchen. Eine Anzahl derselben fanden wir noch durch ein Wunder unverletzt; einer wurde mit schwerer Stichwunde im Unterleib aufgefunden und hauchte bald seinen Geist aus, acht Mann waren »vermisst«, d. h. in diesem Falle todt. Eine grosse Rinderheerde, die in der Nähe des Tembe weidete und eine andere, die sich im Tembe befand, wurden erbeutet, dazu noch zahlloses Kleinvieh und Esel.
Am Abend liess ich die Posten auf acht verstärken und auf das Tembedach aufstellen. Den Dienst hatte der Swahíli-Gefreite Hailala, doch ging auch der Sudanese Bahid mit ihm, die Posten zu visitiren und kam mir zu melden, dass sie richtig aufgestellt seien. Ich sehe den langen kohlschwarzen Dinka-Neger heute noch vor mir, wie er im Scheine des Lagerfeuers in strammer Haltung die Meldung machte. Konnte ich doch damals nicht ahnen, dass ich ihn zum letzten Mal lebend gesehen! In der Nacht kam er nämlich auf den unsinnigen Gedanken, sich mit vier anderen dienstfreien Sudanesen aus dem Lager zu schleichen, offenbar um in den Temben der Wambugwe nach Pombe (Bier) zu suchen. Ein nächtlich in der Ferne abgegebener Schuss wurde von den Posten im Lager vernommen, die Abwesenheit der 5 Soldaten wurde konstatirt, eine Magnesiumfackel als Zeichen angezündet, Raketen stiegen auf, Trommel und Horn mussten ohne Unterlass ertönen. Aber Niemand kam.
Ich konnte nicht daran denken, vor Tagesanbruch Patrouillen zu entsenden, so bald jedoch die erste Dämmerung sich wahrnehmbar machte, übergab ich den Befehl über das Lager an Mzimba und zog bei feinem Regen durch die Ebene. Wir durchsuchten die zerstreuten Temben, was keine ganz ungefährliche Aufgabe war, da in dem stockfinsteren, von Verschlägen und Vorrathskörben erfüllten Innern leicht ein Gegner verborgen sein konnte. Es war begreiflich, dass die Askari unter diesen Umständen bei dem leisesten Geräusch Feuer gaben, wobei leider ein armes Weib erschossen wurde. Um Aehnliches zu verhüten, schlugen wir dann Löcher in das flache Dach der Temben, durch welche Licht eindrang, die Gefahr des Durchsuchens gemindert wurde, und wir einige Männer und Weiber antrafen und zu Gefangenen machten. In einem Tembe fanden wir ein Seitengewehr und einen blutigen, einem Sudanesen gehörigen Rock, in einem anderen einen mit frischem Blut gefüllten Topf. Diese Funde machten fast jede Hoffnung schwinden, dass die vermissten Sudanesen noch am Leben seien. Von ihren Leichen fanden wir jedoch keine Spur und begannen schon anzunehmen, dass die Wambugwe sie -- wie ihre eigenen Todten vom vorigen Tage -- fortgeräumt hatten, als wir auf Gruppen von Aasgeiern und Marabus aufmerksam wurden, welche mehrere von einander entfernte Punkte in der Ebene umkreisten. An diesen fanden wir die nackten, von Speerstichen zerfleischten, von den Geiern zerrissenen Leichen der fünf Soldaten. Alle waren im Rausch und offenbar ohne Gegenwehr erstochen worden; nur ein einziger, Mohammed Adam, ein herkulischer Bornu-Neger, hatte sein Leben theuer verkauft. Einen Gegner schoss er nieder -- sein Schuss hatte uns bei Nacht alarmirt -- einen zweiten erschlug er durch einen Kolbenhieb, bevor ihn der tödtliche Speer erreichte. Neben ihm lag, ebenfalls von Speeren durchbohrt, sein Hund, Pesa, ein räudiger afrikanischer Köter, für welchen der Mann eine kindische und oft bespöttelte Zärtlichkeit hatte -- er war seinem Herrn in den Tod gefolgt.
Rasch senkten wir die Gefallenen in eine Grube und wandten unsere Schritte in trüben Gedanken dem Lager zu. Wohl hatten wir einen leichten Sieg über einen Volksstamm erkämpft, der bisher der Schrecken aller Gegner -- die Massai nicht ausgenommen -- gewesen war. Aber 14 unserer Leute waren erlegen, nicht sowohl den Speeren der Gegner als ihrer eigenen, wahnsinnigen Verblendung. So sehr dieser Verlust mir damals nahe ging, so ist es doch unbestreitbar, dass derselbe auf den Fortgang der Expedition von gutem Einfluss war. Denn nichts vermochte den Geist der Disziplin, die Ueberzeugung nur im blinden Gehorsam ihr Heil zu suchen, bei der Mannschaft so zu stärken, als die blutige Katastrophe in Umbugwe.
Mzimba hatte die kleinen Temben in der Umgebung des Lagers zerstören lassen, um freies Schussfeld zu bekommen, und die zahlreichen grossen und kleinen Zelte auf dem flachen Dach, mit den Gruppen bewaffneter Leute und der mächtigen Rinderheerde im Vordergrunde, boten einen abenteuerlichen Anblick. Eine Schaar Wambugwe-Krieger, die sich mit Kriegsgeschrei näherten, hatte Mzimba durch langsames, aber wohlgezieltes Feuer verjagt, selbst eine grosse Zahl älterer Leute, die vom Dach eines Tembe etwa 1000 Schritte Entfernung -- also nach ihrer Ansicht ausser Schussbereich -- das Lager betrachteten, wurden durch eine Kugel auseinander gesprengt.
Plötzlich zeigte sich am Rande der Ebene ein weiss gekleideter Mensch der ein Tuch schwang. Mzimba vermuthete sofort einen Swahíli, winkte auch seinerseits mit einem Tuch und der Mann kam ins Lager. Er entpuppte sich als der Elephantenjäger Mbaruk aus Pangani -- meist Magati genannt -- der südlich von Umbugwe gejagt hatte und auf den Lärm des Gefechts herbeikam. Die Wambugwe baten ihn dringend zu uns zu gehen um den Frieden zu vermitteln. Als Mbaruk zu ihnen kam, wollten die Wambugwe den Kampf erst fortsetzen, doch übte die in die Reihen ihrer Aeltesten auf so grosse Entfernung einschlagende Kugel, die einen angesehenen Mann traf, entscheidende Wirkung. Ich theilte Mbaruk, den ich im Lager fand, mit, dass ich gerne mit den Wambugwe Frieden schliessen wolle, falls die Gewehre der gefallenen Leute ausgeliefert und keinerlei Feindseligkeiten ihrerseits mehr unternommen, vor Allem kein Versuch gemacht würde uns die erbeutete Rinderheerde abzujagen. Mbaruk kehrte zu den Wambugwe zurück, die eine grosse Volksversammlung abhielten, während meine Leute an den ungeheuren Vorräthen sich gütlich thaten. Durch die 250 erbeuteten Rinder, waren wir jeder Sorge um den Proviant enthoben und war die Erreichung des Victoria-Nyansa für mich nicht mehr zweifelhaft.
Am Morgen des 5. März kam Mbaruk mit einigen anderen Makua (Elephantenjägern) und zwei zitternden Greisen als Abgesandten der Wambugwe. Dieselben brachten mir Grasbüschel als Friedenszeichen, stellten 10 der Gewehre zurück und behaupteten die anderen nicht mehr finden zu können. Ich erklärte mich damit zufrieden und übergab ihnen die Gefangenen bis auf zwei Männer, die ich als Wegweiser benöthigte. Die Makua waren hocherfreut über die Niederlage der Wambugwe, die sie stets durch Erpressungen und Räubereien gequält hatten, was jetzt ihrer Ueberzeugung nach, ein Ende hatte.
Am 6. März erschienen nochmals Wambugwe mit Friedensversicherungen, die ich beschenkte, ihnen auftrug, fernerhin Karawanen nicht mehr zu belästigen und ihnen versprach, das Land in Jahresfrist wieder zu besuchen. Dann brachen wir gegen Mittag mit grösster Vorsicht auf, da es mir doch undenkbar schien, dass die Wambugwe keinen Versuch machen würden uns die Heerde abzujagen. Wir nahmen den Tross, die Rinder und Packesel diesmal in die Mitte, zu beiden Seiten der Marschkolonne liess ich als Flankendeckung kleine Askari-Abtheilungen marschiren, welche die Temben nach etwa versteckten Gegnern absuchten. Ebenso wurde dem Vortrab die grösste Vorsicht eingeschärft. Doch es ereignete sich nichts, nur in der Ferne sahen wir die dunklen Gestalten der Eingeborenen umherlaufen. Unbehindert überschritten wir den Moburu-Bach und erreichten das Ufer des =Kwou=.