Durch Massailand zur Nilquelle
Part 5
Dieser Fluss war so angeschwollen, dass die den Elephantenjägern bekannte Furth nicht passirbar war, der gefangene Mbugwe gab jedoch an, eine andere zu kennen. Am Morgen des 7. März führte er uns auch an eine buschbedeckte Uferstelle, welche ich erst durchsuchen liess bevor wir an den Fluss vorrückten. Ich liess sofort das jenseitige Ufer von Askari besetzen und der Übergang begann, bei dem das Wasser den Leuten bis an die Brust ging. Erst gegen Mittag war die ganze Karawane mit Esel und Rinder drüben und wir bezogen einige hundert Schritte weiter in dichtem, von Moskitos wimmelndem Gestrüpp, das Lager. Wie nothwendig die Vorsichtsmaassregeln gewesen waren, zeigte der Umstand, dass, sobald wir das Ufer verlassen, am jenseitigen grosse Mengen bewaffneter Wambugwe-Krieger auftauchten, die sich anschickten den Fluss zu überschreiten. Einige Wachtposten jedoch, die ich im Uferschilf verborgen zurückgelassen hatte, verjagten sie leicht, durch mehrere Schüsse.
Durch die Ereignisse in Umbugwe hatte die Expedition den Zuwachs einer Rinderheerde bekommen, die nun, fast während des ganzen weiteren Verlaufs der Reise, einen Bestandtheil derselben bildete. Unsere Massai, von Ndaikai bis zum kleinen blondköpfigen Lalagiréh waren darüber ganz glücklich, lagen stundenlang an den Eutern und sogen die lange entbehrte Milch. Beim Marsch pflegte Ndaikai, dessen Führerpflichten jetzt erledigt waren, mit einer Kalebasse vorauszugehen und durch Klopfen auf dieser, sowie durch scharfes Pfeifen die Leitrinder zu locken. Die Heerde selbst wurde von den übrigen Massai, deren Zahl sich später vermehrte, sowie durch Askari getrieben, lief vortrefflich und machte uns weit weniger Mühe als die Esel. Abends bekamen Rinder und Esel einen abgegrenzten Raum in der Einzäunung. Ihr Schnauben und Stampfen war Nachts zwar manchmal störend, doch reichlich entschädigte mich dafür der Genuss von frischem Rindfleisch, von Milch und Butter, die jetzt in der Karawane niemals ausgingen. Für die Bedürfnisse der Mannschaften wurden täglich vier Rinder geschlachtet.
Durch hochbegrastes, pfadloses Land ging es am 8. März nordwärts zwischen dem versumpften, von Borassuspalmen gesäumten Kwou und dem Abfall des Gebirges, dessen Saum lichter Wald bedeckte. Nach wenigen Stunden erreichten wir das Südende des =Manyara=-Sees, den wir von Umbugwe aus undeutlich wahrgenommen und der nun als weite, glänzende Fläche vor uns lag. Der See ist ein Salzsee, weisse Krusten bedecken die lehmigen Ufer, doch zeigen Schneckenschalen und ungeheure Schwärme von Flamingos und Silberreiher an, dass er reiches thierisches Leben enthält. Längs des Westufers, dem wir entlang wanderten, zieht sich ein flacher sandiger Wiesenstreifen, worauf dichte Wald- und Unterholz-Vegetation bis zum nahen Fuss des Abfalls reicht, der theils bewaldet, theils hoch begrast ist. Mehrere klare Bäche entströmen den Bergen und münden in den See. Am 10. März kamen wir an einer heissen, stark nach Schwefel riechenden Quelle vorbei, die zwischen Schilf entspringt und sich in den See ergiesst. Das jenseitige Ufer des Manyara ist flach und wüstenhaft, im Nordosten ragt der langgestreckte Simangor-Berg auf, im Norden sieht man den abgestutzten Kegel des Geleï und in der Ferne den Dongo-Ngai.
Am 11. März erreichten wir das Nordende des Manyara, dessen Strand mit Treibholz, Vogelknochen, Schneckenschalen, sowie von einer dichten schlammigen grau-weissen Salzablagerung bedeckt ist. Der See selbst erscheint stellenweise wie gefroren durch die glänzenden Salzschichten die auf den Sandbänken aufliegen. Wir lagerten unter schönen Akazien am Fusse des hier kaum 100 m hohen Abfalles in anscheinend völlig menschenleerer Wildniss.
Am 12. März hatten wir eben unser Lager verlassen und waren in die offene Steppe gezogen, als plötzlich aus dem Walde hinter uns einige hundert Krieger mit blitzenden Speeren hervorbrachen, die mit wildem Geschrei auf uns zurannten. Wir hielten sie zuerst für Wambugwe die gekommen waren, uns einen Abschiedsbesuch abzustatten und feuerten auf sie, anscheinend ohne Jemand zu treffen, worauf sie schleunigst kehrt machten und eiligst gegen Süden davonliefen. Erst dann erkannten wir aus dem Kriegsschmuck, dass es gar keine Wambugwe, sondern Massai waren, die es offenbar auf unsere Rinderheerde abgesehen hatten, jedoch auf so warmen Empfang nicht gefasst waren. Es ist ja sicher, dass der Anblick so vieler Rinder auf die ausgehungerten Massai so wirken musste wie auf einen Verschmachtenden der einer dampfenden Schüssel, und wir konnten daher darauf rechnen, den Besitz unserer Heerde nicht ruhig geniessen zu können. Nach landläufigen Swahíli-Begriffen galt es überhaupt als unerhörtes Wagniss, mit einer Rinderheerde das Massailand zu passieren, da diese die Begierde der Viehräuber aufs Höchste anreizen musste.
Wir überschritten zwei ansehnliche, dem Manyara zufliessende Bäche, und zogen in der Senkung zwischen dem Plateauabfall und Simangor-Berg durch staubige, fast vegetationslose Nyika nordwärts. Zahlreiches Wild, Strausse, Antilopen und besonders viele Nashorne tummelten sich in der Ebene, letztere waren durch Schwärme kleiner weisser Vögel erkennbar, die über ihrem breiten Rücken flatterten. Der Plateauabfall wird hier sehr steil und sein Obertheil ist von schroffen Felswänden gebildet, in welche die Wasserrisse einschneiden. Bei der Ausmündung eines derselben liegt an klarem Bache unter schönen Bäumen der Marago (Lagerplatz) =Leïlelei=, der von Massai und Karawanen benutzt wird. Hier trafen wir mit der Route zusammen, die von Ober-Aruscha kommend nach Elmarau führt und früher ziemlich oft von Karawanen begangen worden ist. In neuerer Zeit geschah dies seltener, da die Massai von Mutyek und Serengeti als besonders bösartig galten. Dennoch hatte wenige Wochen vor uns ein Swahíli (Munyijumah Kitubui) aus Tanga den Weg von Elmarau über Leïlelei--Ober-Aruscha nach der Küste mit nur 50 Mann zurückgelegt, was gewiss beweist, dass die Gefahr der Massai-Route keine nennenswerthe ist. Ein bedenklicher Umstand waren freilich unsere Rinder, und der Dolmetsch Kiburdangop, der den Weg aus Erfahrung kannte, schien in Hinblick auf diese keineswegs siegesgewiss.
Der 13. März war dem mühsamen Anstieg auf das Plateau gewidmet. Ueber den mit mächtigen Basalt-Klötzen bestreuten Hang führt ein schmaler Viehpfad der Massai, auf dem die Leute ganz gut, sehr schwer aber die Esel und das Rindvieh fortkamen, sodass wir nach langen Mühen erst gegen Abend die prächtige Plateauhöhe erreichten. Dort entschädigte uns ein herrlicher Blick auf den glänzenden Manyara-See, der hier in seiner ganzen Ausdehnung mit dem steilen Westufer und dem fernen Ufiomi-Berge im Süden sichtbar ist, und mit dessen Entdeckung eine der Aufgaben der Massai-Expedition gelöst war.
Eine prächtige, kühle Luft erfrischte uns auf der Höhe, klare Bäche rauschten zwischen den zart begrasten Hängen: im Norden tauchten dunkle, waldbedeckte Höhen auf. Am nächsten Morgen machten wir nur einen kurzen Marsch und lagerten am =Lmorro=-Bach, wo wir uns einen Tag aufhielten um die Lasten theilweise umzupacken. Der Verlust an Mannschaft in Umbugwe machte sich fühlbar, auch hatten unsere Packesel durch den Stich der Ndorobo-Fliege gelitten. Dieses Insekt hält sich an Wasserläufen auf und wird Eseln dadurch gefährlich, dass es dieselben in den After sticht, was Schwellungen und den Tod herbeiführt. Unsere Rinderheerde erforderte dringend neue Kräfte als Treiber und unsere Lasten hatten nicht wesentlich abgenommen.
Um sie zu verringern wurden die Zeuglasten etwas schwerer gemacht und einzelnes Zeug als Vorschuss an die Leute abgegeben. Dennoch war noch zuviel da und ich kam zu dem Beschluss, Lasten fortzuwerfen, da sonst die Reise verzögert und der Erfolg in Frage gestellt worden wäre. Wir machten also eine Grube und versenkten darin Glasperlen, Messingdraht, allerlei Spieldosen und anderen Flitterkram, von dem es gut ist wenn man ihn in Afrika hat, und eben so gut, wenn man ihn nicht hat. Dann schütteten wir die Grube zu und zündeten nach dem Rezept Kiburdangops ein Feuer darauf an, dessen Asche den Platz selbst nach Jahren noch erkenntlich macht.
Nun hatten wir unsere gewohnte Beweglichkeit wieder und es blieb übrig die gefallenen 5 Askari aus den Reihen der Träger zu ergänzen. Schon längst hatte ich für solchen Fall Leute angemerkt, die mir durch besondere Tüchtigkeit aufgefallen waren, darunter einen Namens Bakari Juku, der besonderer Erwähnung verdient. Er war ein echter Digo, der nur mangelhaft Swahíli sprach, ein untersetzter Bursche von ungewöhnlicher Körperkraft. Zwischen seinen breiten Schultern sass, fast ohne Hals, ein dicker kohlschwarzer Kopf, dessen Gesicht bedenkliche Aehnlichkeit mit einer Flusspferd-Physiognomie besass. Aus diesem Antlitz, das durch zahllose Pockennarben keineswegs verschönt wurde, blickten ein paar so kühn unternehmende Augen, dass sie unwillkürlich für den Burschen einnahmen. Er hat sich denn auch als Askari glänzend bewährt: wo es einen Sturm oder sonst ein tolles Unternehmen gab, war Juku immer Allen voran. Dabei war er von unermüdlicher Arbeitskraft, hat er doch einmal, als Noth an Mann war, zwei Lasten auf dem Kopf und einen kranken Kameraden auf dem Rücken, stundenweit getragen!
Die neuen Askari wurden also eingekleidet und am 16. März der Marsch über das Plateau fortgesetzt. Sehr unangenehm war für uns der Mangel eines Wegweisers, da Ndaikai hier völlig fremd war und auch Kiburdangop sich an die Details der Route nicht mehr erinnerte. Solange es über offene grasige Kuppen ging, war die Aufgabe verhältnissmässig einfach, doch es sollte ein Wald vor uns zu passiren sein und dazu bedurften wir unbedingt eines Führers. Wie gerufen kamen uns daher zwei Elmoran, die am Murerá-Bach plötzlich auftauchten und wie sie sagten, durch den Geruch unserer Rinder angelockt worden waren. Dass wir so liebe Gäste nicht mehr losliessen, bedarf kaum der Erwähnung. Einer der beiden Krieger war der Leigwenan (Anführer) der jungen Leute von Mutyek, ein auffallend hübscher Bursche mit feinen, anziehenden Gesichtszügen und schlankem, tadellosem Körperbau. Er erzählte uns, dass seine Leute gerade auf einem Kriegszuge gegen Umbugwe begriffen seien und fragte uns, ob wir denselben nicht begegnet seien. Wir dachten sofort an den Zwischenfall am Manyara-See und meinten, dass wir allerdings die »flüchtige« Bekanntschaft dieser Herren gemacht hätten. Gewaltig imponirte dem Leigwenan, dass wir die Wambugwe, mit welchen die Massai nie fertig werden konnten, besiegt und ihnen so viel Vieh abgenommen hatten. Er wurde hierauf unser begeisterter Freund und trug uns sogar an, mit ihm ein Kompagniegeschäft im Viehrauben zu gründen. Natürlich hatte er noch niemals einen Weissen gesehen. Er hatte keine Ahnung, dass ich der Vertreter einer anderen Rasse sei, sondern hielt mich, wie dies auch Dr. Fischer geschah, für eine Abart der Küstenneger. (Laschomba neïbor = weisse Küstenneger).
Am Morgen des 17. hatten die rüstig voranschreitenden Krieger bald einen rothen Viehpfad gefunden, der durch prächtige Grashalden bergan ging und uns in dichten tropischen Hochwald führte. Verfilzte Krautvegetation und zahlreiche Nesselpflanzen bedeckten den Boden; die einzelstehenden dicken, aber nicht sehr hohen Bäume waren an der Windseite mit Moosen und Flechten bedeckt und umrankt von zahllosen Schlingern. Wir bezogen mitten im Walde am murmelnden Bach, den prachtvolle Schmetterlinge umgaukelten, ein Lager. Gegen Abend fielen dichte Nebel nieder und es wurde empfindlich kalt.
Auf stets gutem Viehwege, der von förmlichen Mauern dichten Krautwuchses eingesäumt ist, ging es am 18. März weiter durch den Bergwald. Von 9 Uhr an durchzogen wir ein offenes, von kleinen sumpfigen Bächen durchzogenes Grasland mit eingestreuten reizenden Waldgruppen. Gegen Mittag sahen wir uns plötzlich am Rande eines Steilabfalles und blickten in den oblongen Kessel von =Ngorongoro= hinab, eine alte Kraterruine, deren Westseite ein kleiner See einnimmt, und deren grasige Sohle von zahlreichem Wild belebt ist. Wir stiegen steil zum Kessel ab und lagerten am Rande des Abfalles. Die Zelte waren noch nicht aufgeschlagen, als der Kameeltreiber Mohammed ganz verstört erschien und meldete, das Kameel sei sterbend zusammengebrochen. Dieses treffliche Thier hatte in der letzten Zeit am Manyara und in der heissen Steppe nördlich davon sichtlich zugenommen. Das kalte Plateau jedoch und gar der feuchte Urwald waren zu viel für das arme Wüstenschiff, es bekam Bluthusten und schleppte sich nur mit Mühe vorwärts. Ich war daher über Mohammeds Mittheilung keineswegs erstaunt und gab ihm einige Leute mit, um das Kameel vielleicht noch durchzubringen. Doch wenige Stunden später kam der Araber sehr betrübt und übergab mir die Halfter des Kameels: die treue Bestie hatte ausgelitten. Es war wirklich rührend, wie sehr Mohammed sich diesen Verlust zu Herzen nahm, er wurde förmlich trübsinnig und magerte sichtlich ab.
Abends umschlichen einzelne Massai-Krieger das Lager, wohl mit der Absicht, Vieh zu stehlen, doch verging die Nacht bei verstärkten Posten ruhig. Früh gings durch die leichtgewellte Senkung sanft bergab, dem Seeboden zu. Der schwarze Humus der Mulde war schön begrast, doch stellenweise mit vulkanischem Gerölle bedeckt. Zahlreiche Massai-Elmoran gaben uns im Morgennebel das Geleit, prächtige, malerische Gestalten mit ihren bunten Schilden und glänzenden breiten Speeren. Auch der Laibon (Zauberer) von Ngorongoro erschien in einem Mantel aus Affenfell. Die Leute benahmen sich keineswegs unverschämt, denn der Leigwenan hatte sie schon darüber belehrt, dass mit uns nicht zu spassen sei. Sie waren ziemlich wohlgenährt und besassen noch einiges Kleinvieh, auch lieferten die Wildmassen der Ebene ihnen Nahrung. Diese waren wirklich grossartig: in Heerden tummelten sich Antilopen, langmähnige Gnus und leichtfüssige Zebras, einzeln oder zu zweien tauchten die breiten Rücken der Nashorne auf. Obwohl ich nichts weniger als ein grosser Nimrod bin, erlegte ich doch an diesem Tage ein Gnu und drei Nashorne, welch' letztere wir den Massai überliessen. Von den benachbarten Kraals, die sich als dunkle Kreise aus der Grasfläche hoben, kamen Schaaren meist magerer, kahlköpfiger Massai-Weiber, im Eisenschmuck rasselnd, um sich Fleisch zu holen.
Im Schatten eines riesigen Baumes, unweit eines Wäldchens schlugen wir das Lager auf. Stets herrschte in diesen Höhen eine kühle angenehme Luft, besonders Mittags, wenn die Sonnenstrahlen den feuchtkalten Morgennebel durchbrachen, war der Aufenthalt ein köstlicher und nichts erinnerte an die Tropen. Die einzige Unannehmlichkeit waren zahlreiche Fliegen, die bei den Massai eine der ägyptischen ähnliche Augenkrankheit erzeugen.
Für einen Jäger wäre dieser Lagerplatz ein paradiesischer gewesen. In der Nähe des Wäldchens hausten zahlreiche Perlhühner, deren ich mir einige zum Frühstück erlegte, in einem Tümpel grunzten Flusspferde und in der weiten Ebene tummelten sich ungeheure Wildmassen, die sehr wenig scheu waren, obwohl sie von Wandorobo und neustens auch von Massai viel gejagt wurden. Diese erlegten das Wild meist mit dem Speer, theils indem sie Gnus, die nicht sehr schnell laufen, verfolgten und sie niederstiessen, theils indem sie sich schlangenähnlich an schlummernde oder grasende Nashorne heranschlichen und ihnen die Waffe in den Leib rannten.
Wir hielten einen Rasttag in Ngorongoro, den ich zur Besichtigung einiger Massai-Kraals benutzte. Ich fand dort die freundlichste Aufnahme. In dem Hof, den die niedrigen, lederbedeckten Zelthütten umgaben, riefen mir die Elmoran, die Krieger ihr »Sowai!« zu; vor den Hütten kauerten Greise mit scharfgeschnittenen Gesichtszügen und Nditos (Mädchen) mit glänzenden schwarzen Augen lugten, behangen mit Eisen- und Glasperlenschmuck, aus dem Innern hervor. Mein ständiger Begleiter bei diesen Spaziergängen war der Leigwenan, den ich durch das Geschenk eines Kalbes glücklich gemacht hatte. Um den Dornzaun unseres Lagers sammelten sich inzwischen Schaaren jener Jammergestalten, die jetzt für das Massai-Land bezeichnend sind. Da waren zu Skelette abgemagerte Weiber, aus deren hohlen Augen der Wahnsinn des Hungers blickte, Kinder die mehr Nacktfröschen als Menschen glichen, »Krieger« die kaum auf allen Vieren kriechen konnten und stumpfsinnige, verschmachtende Greise. Diese Leute verzehrten Alles: gefallene Esel waren für sie ein Schmaus, aber auch Knochen, Häute, ja selbst Hörner des Schlachtviehs verschmähten sie nicht. Ich liess den Unglücklichen nach Kräften Nahrung geben und die gutmüthigen Träger theilten ihre Rationen mit ihnen; aber ihr Appetit war unersättlich und immer neue Hungrige kamen herbeigewankt. Sie waren Flüchtlinge aus Serengeti, wo die Hungersnoth ganze Distrikte entvölkert hatte, und kamen als Bettler zu ihren Landsleuten in Mutyek, die selbst kaum genug zu essen hatten. Schwärme kreischender Geier folgten ihnen nach, ihrer sicheren Opfer harrend. Täglich bot sich uns von nun an der Anblick dieses Elends, zu dessen Linderung wir doch kaum etwas thun konnten. Eltern boten uns ihre Kinder zum Verkauf gegen ein Stückchen Fleisch an und wussten dieselben, als wir solchen Handel ablehnten, geschickt beim Lager zu verstecken und sich aus dem Staube zu machen. Bald wimmelte die Karawane von solchen kleinen Massai und es war rührend, zu beobachten, wie die Träger sich dieser armen Würmer annahmen. Kräftigere Weiber und Männer verwendete ich als Viehhirten und errettete dadurch eine ganze Anzahl vom Hungertode.
Am 21. März zogen wir im Ngorongorokessel weiter, vorbei an einem Wandorobo-Lager, dessen Umgebung mit Wildabfällen bestreut war, um welche sich Raben, Marabus und Geier zankten. In einem schönen Akazienwald unweit des Sees lagerten wir. Die Ebene vor uns beherbergt wieder zahlreiche Rhinozerosse, darunter prachtvolle, schneeweisse Exemplare, deren ich eines erlegte. Mzimba zog Nachmittags zum ersten Mal im Leben auf die Jagd und schoss ein Nashorn. Auch andere meiner Leute haben im Laufe der Expedition mehrfach Nashorne erlegt, da die Jagd dieser Thiere keineswegs so besonders schwierig und gefährlich ist, als es nach den Berichten der Berufs-Nimrode erscheinen könnte. Vor Allem ist das Nashorn nicht sehr scheu und wenn der Wind nur halbwegs günstig ist, so kann man sich ohne Weiteres bis auf 30 Schritte nahen, ohne dass es sich stören lässt. Um auf 30 Schritte ein Rhinozeros zu treffen braucht man gerade kein hervorragender Schütze zu sein, und wenn die Kugel in den Oberleib oder (mit dem kleinkalibrigen Gewehr) in den Kopf einschlägt, so fällt das Thier meist ohne Weiteres. Verwundet man es an einer anderen Stelle, so läuft es entweder davon, und zwar so schnell, dass eine Verfolgung selten Erfolg hat, oder es greift den Jäger an. Dieser Moment wird von den Nimroden meist besonders grell ausgemalt. Ihre Begleiter laufen gewöhnlich davon und nur der Nimrod hält dem anstürmenden Koloss Stand. Das klingt sehr gefährlich, der »anstürmende Koloss« ist aber so gut wie blind, ein Schritt auf die Seite genügt und er rast vorbei, bleibt dann stehen und blickt sich verwundert nach dem Jäger um, der ihm dann in aller Ruhe von nächster Nähe eine zweite Kugel in den Leib jagen kann.
Gegen Abend kamen Wandorobo ins Lager, die uns geheimnissvoll meldeten, dass die Krieger eines benachbarten Kraals einen Ueberfall auf uns beabsichtigten. Ich zweifelte zwar sehr daran, dass Jemand einen solchen wagen könnte, liess aber dennoch die Dornverhaue besonders sorgfältig anlegen und Nachts die Posten verstärken.
Kaum hatte ich mich in mein Zelt zurückgezogen, als ein Schuss krachte. Alles lief an die Einzäunung, das Magnesium-Licht, das für solche Zwecke stets bereit war, flammte auf und zwei splitternackte Massai-Krieger wurden gefangen genommen, die versucht hatten, in den Viehkraal einzudringen. Wir begannen nun wirklich an die Möglichkeit eines Ueberfalls zu denken, doch ereignete sich nichts ähnliches mehr, nur einige Hungergestalten näherten sich dem Lager, auf welche die Posten ohne sie zu erkennen in der Dunkelheit Feuer gaben. Am nächsten Morgen sah ich zu meinem tiefsten Bedauern zwei dieser Unglücklichen von Kugeln durchbohrt vor der Einzäunung liegen. Neben ihnen stand ein langer hagerer Greis mit wirrem, weissen Haar, der uns wüthende Flüche zurief. »Ihr schwelgt in Milch und Fleisch,« sagte er, »und schiesst auf uns, die wir vor Hunger sterben. Seid verflucht!« Ich liess dem Armen ein Stück Fleisch geben, dass er mit thierischer Gier roh verschlang, um dann in seinen wilden Ausbrüchen fortzufahren. Die Karawane hatte sich schon entfernt und immer noch tönte das Geschrei des Unglücklichen hinter uns her.
Wir stiegen auf gutem Viehweg den steilen Westhang des Kessels hinan und erreichten das Plateau von =Neirobi=. Dasselbe hat 2400 m Seehöhe; lange Nebelstreifen ziehen über die mit saftigem Grün bedeckten Weiden in welchen einzelne knorrige, mit Flechten behangene Bäume verstreut sind. An lichter gefärbtem Gras und dichtem Brennesseldickicht waren alte Massai-Kraals erkennbar, deren Bewohner jetzt gänzlich verschwunden waren oder als Verhungernde umherirrten. Einige derselben schlossen sich uns wieder an. Das Massai-Element fing überhaupt an, in der Karawane zuzunehmen und es war komisch zu sehen, wie rasch der stolze Elmoran sich in »Laschomba« (Swahíli) mit Fez und Lendentuch verwandelte. Sogar eine ganze Familie zog mit, bestehend aus Mutter, einer hübschen jungen Tochter, zwei halbwüchsigen Jungen und einem Säugling, der fast garnicht schrie und mit Kuhmilch gefüttert wurde.
Am Morgen des 23. März zogen wir leicht bergan über das kalte, neblige Plateau von =Neirobi=, stets durch prächtiges Weideland, dessen fetter Boden von tief eingetretenen Viehwegen durchschnitten ist. Zu unserer Linken stiegen grasige Kuppen auf. So schön und fruchtbar das Land auch war, so wirkte die ewige Folge niedriger Graswälle doch eintönig, um so mehr als nichts eine Veränderung ahnen liess.
Plötzlich merkte ich eine Bewegung an der Spitze der Karawane, die Leute stellten ihre Lasten nieder und deuteten gegen Süden. Ich beschleunigte meine Schritte und konnte einen Ruf des Erstaunens nicht unterdrücken als ich auf der Kuppe angelangt war. Zu unseren Füssen lag, von steilen, felsigen Hängen eingesäumt, eine ungeheure Spalte, ein Graben im geologischen Sinne, bei dem man förmlich sah, wie ein Stück des Plateaus 1000 Meter weit abgerutscht war. An der Sohle dieses Grabens lag, von sandigen Ufern umgeben, ein blauer See, dessen südlicher Verlauf mit dem Horizont verschwamm. Am Westufer stiegen die Randberge des Serengeti-Plateaus auf, an das Ostufer schloss sich eine Reihe paralleler Ketten an, die in den Iraku-Bergen gipfeln, welche als lange Mauer am Horizont stehen. Ueber diese erhob sich, fast genau im Süden, ein mächtiger, dunkler Kegelberg. Es war, wie ich später erfuhr, der =Gurui=-Berg, den ich schon in Umbugwe gesehen, aber durch die vorgelagerten Berge nicht in seiner Bedeutung erkannt hatte. Der See, welcher sich in der Tiefe ausdehnte, wurde von den Massai =Eyassi=-See genannt. Er ist auch ein Salzsee, doch grösser als der Manyara und das Sammelbecken jener Wasserläufe Unyamwesis, die dem Wembere-System angehören. Dies war mir schon damals zweifellos und wurde später direkt nachgewiesen.