Durch Massailand zur Nilquelle
Part 3
Den Vortrab bildete Mkamba mit 12 Askari, stets denselben Leuten. Bei ihm befand sich der eingeborene Wegweiser, der manchmal freiwillig, öfter gezwungen und nicht selten an der Kette marschirte. Denn ich konnte, besonders in weglosen, wasserarmen Gegenden, das Wohl und Wehe meiner Karawane nicht von den Launen eines Wilden abhängig machen der, wenn er schliesslich nach einigen Tagen beschenkt wurde, vergnügt nach Hause zurückkehrte. Mkamba wurde stets von mir über die einzuschlagende Richtung aufgeklärt, die Details des Weges überliess ich seinem Ermessen. Er hatte ferner auf etwaige Feindseligkeiten der Eingeborenen scharf zu achten und war für Beseitigung von Marschhindernissen, wie Dorngestrüpp u. s. w., verantwortlich. Seine Leute waren mit Beilen und Waldmessern ausgerüstet.
Etwa 100 Schritt hinter dem Vortrab folgte die Karawane, deren Spitze der Fahnenträger Askari Kipishi bildete, ein vielgereister Mann aus Mtangata, der sein keineswegs leichtes Amt mit besonderem Geschick versah. Von ihm hing es nämlich ab, ob die Karawane geschlossen oder lose marschirte; lief er zu sehr, so kamen die Leute hinten nicht nach, ging er zu langsam, so trat ein schleppendes Tempo ein, welches für Träger sehr ermüdend ist. Diese folgten, so ziemlich stets in derselben Reihenfolge in langer Linie dem Fahnenträger, zwischen ihnen einzelne Askari, welche für die Marschdisziplin sorgten. Ich hielt nämlich strenge darauf, dass die Karawane immer geschlossen marschirte; Niemand durfte in der Eintheilung stehen bleiben oder sich gar zur Rast niederlassen, dazu waren zwei Ruhepausen da, die während jedes Marsches gehalten wurden. Der Marschdisziplin war alles, Männlein und Weiblein, deren es, wie wir sehen werden, meist gar nicht wenige in der Karawane gab, unterworfen und Zuwiderhandelnde erhielten unfehlbar Hiebe.
Am Ende der Karawane folgte ich mit meinem »Stabe«, d. i. den Leuten, welche die wissenschaftlichen Instrumente trugen, den Boys, Köchen und dem Eseljungen des Reitesels, den ich stellenweise benutzte. Selbstverständlich war ich ununterbrochen mit topographischen Aufnahmen beschäftigt, die ich nach langjähriger Uebung halb unbewusst ausführte. Hinter mir schwankte das eine Kameel das mir noch geblieben -- zwei waren in Tanga gestorben -- und tönte das wilde Geschrei der Eseltreiber und das noch tollere Wiehern der Grauthiere. Den Schluss bildete Mzimba mit 15 Askari, ebenfalls stets denselben Leuten. Er war verantwortlich, dass Niemand, der zur Karawane gehörte, zurückblieb. Auch er musste die Augen tüchtig offen halten, denn vielfach und besonders später als wir Rindvieh mittrieben, waren die Angriffe der Eingeborenen gegen das Ende der Karawane gerichtet. Das war auch mit ein Grund, warum ich selbst mich näher an demselben aufhielt.
Sobald die Sonne nahe am Zenith war, begann Mkamba sich nach einem Lagerplatz umzusehen. In Steppen und unbewohnten Gegenden handelt es sich vor Allem um genügendes Wasser und Brennholz, waren diese gefunden, so konnte ein Platz leicht bestimmt werden. In bewohnten Ländern lagerten wir meist in Dörfern.
Der Fahnenträger stiess seine Flagge an der Stelle in die Erde, wo das Lagerzelt errichtet werden sollte. Trommler und Hornist liessen ihre Klänge ertönen und alles athmete erleichtert auf: für heute war's wieder überstanden. Ein Theil der Askari schlug rasch mein Zelt auf oder erbaute, falls keine Negerhütte Schatten bot, in aller Eile eine »Kibanda«, eine Zweighütte mit Grasdach, die einen weit angenehmeren Aufenthalt während des Tages bot als das Zelt. Die übrigen Askari schichteten die Lasten, Munitionskisten, Blechbüchsen mit Pulver, Tauschwaaren und Provisionskisten sorgfältig auf und schlugen das Lastenzelt.
Die Jungen hatten inzwischen das Zelt in Ordnung gebracht und in der Kibanda den Tisch gedeckt, der Koch den Mittagsimbiss fertig gestellt. Bei dieser, wie bei allen Mahlzeiten hielt ich darauf, dass die Hilfsquellen, welche das Land bot, möglichst vollständig ausgenutzt, und auch möglichst gut gekocht wurde, da ich der Ansicht huldige, dass eine gute Mahlzeit sicherer vor Fieber schützt als eine Dosis Chinin oder Arsenik. Dafür, dass Reinlichkeit und Ordnung in der Küche herrschte, sorgte die brave Kibibi, die dortselbst als Alleinherrscherin regierte.
Die Träger hatten sich inzwischen ebenfalls Laubhütten gebaut und begannen ihre Lebensmittel abzukochen. Dies geschah nach Lagergenossenschaften, Kambi's, deren jede einen Aeltesten, den Mkubwa ya Kambi, hatte. Die verschiedenen Landsleute, die Manyema, Wadigo, Wabondei, Wasegua, Wassegeju, Wasaramo und Wanyamwesi, die Leute von Tanga, Mtangata, Pangani, Bweni und Bagamoyo, die Sansibariten und Sudanesen sondern sich da von einander ab, und bilden kleine geschlossene Kreise.
Während ich Nachmittags damit beschäftigt war, meine Aufnahmen zu ordnen und zu ergänzen, sowie ethnographische, linguistische und andere Studien zu machen, waren die Askari darauf bedacht, das Lager gegen einen nächtlichen Angriff zu befestigen.
In einem Dorf war das verhältnissmässig einfach, da mittelafrikanische Siedelungen sehr häufig ohnehin mit Dornverhauen oder anderen Schutzwehren umgeben sind. Im Busch musste jedoch stets die »Boma«, der Stachelzaun, errichtet werden. Alle Mann hackten dann Zweige von den dornigen Akazien und thürmten dieselben im Kreise um das Lager so hoch auf, dass ein Darüberspringen unmöglich war. Solche Maassregeln mögen übertrieben und unnütz erscheinen, aber Sorglosigkeit hat in Deutsch-Ostafrika, wie ich glaube, gerade genug schwere Niederlagen bereitet, sodass ein wenig zuviel Vorsicht nichts schaden kann.
Gegen 5 Uhr Nachmittags versammeln sich die Kambi-Aeltesten bei Mzimba und erhalten »Poscho«, Proviant. Die mitgebrachten oder von den Eingeborenen erworbenen Nahrungsmittel hat dieser vor sich aufgehäuft und giesst jedem Aeltesten mit der Kibaba, einer Holzschüssel, soviel Portionen, als er Leute vertritt, in ein ausgebreitetes Tuch. Dieses sogenannte »Kibabasystem« wird von Arabern und Swahíli stets ausgeübt und war auch bei älteren Reisenden üblich, während jetzt Europäer fast stets das »Mikonosystem« verfolgen, d. h. den Leuten so und so viel Armlängen (Mikono) Baumwollenzeug geben, mit welchen sie eine bestimmte Anzahl Tage ausreichen müssen.
Schon auf der Usambára-Expedition habe ich mit Erfolg das Kibabasystem benutzt, welches ungleich billiger und praktischer ist. Bei der Massai-Reise, wo ich oft auf Monate Proviant für die Mannschaften mitnehmen musste, wäre das Mikonosystem geradezu ein Unding gewesen. Dasselbe verdankt seinen Ursprung hauptsächlich der Abneigung vieler Europäer, für die Verpflegung ihrer Leute zu sorgen. Sie geben denselben ihre Mikono und überlassen es ihnen, sich Nahrung einzukaufen. Auf grossen Karawanenstrassen mag dies ja ganz bequem sein, bei Forschungs-Expeditionen hat es jedoch seine sehr grossen Nachtheile. Vor Allem haben viele Leute garnicht genug Einsicht, um mit ihren Tauschwaaren sparsam umzugehen. Sie verprassen die erhaltenen Mikono gleich nach Empfang und müssen dann bis zum nächsten Poscho-Tage hungern oder bei den Eingeborenen mausen. Dabei kann der Reisende seinen Leuten nicht verbieten, das Lager zu verlassen und unter dem Vorwand Nahrung einzukaufen, weit abseits umherzuschweifen, was auf die Disziplin schädlich einwirkt und in feindlichen Gegenden geradezu verhängnissvoll werden kann. Ferner ist das Mikonosystem eine Quelle fortwährender Unzufriedenheit. Denn weiter im Innern ist das Baumwollzeug mehr werth, und der Reisende sieht sich veranlasst, die Zahl der Mikono herabzusetzen, was stets Stürme der Entrüstung und nicht selten Desertionen veranlasst. Der Mann dagegen, der vom ersten bis zum letzten Reisetag seine Kibaba, Lebensmittel, erhält, an welchen er sich sattessen kann, ist stets zufrieden und kümmert sich wenig darum, ob der Expeditionsleiter, der für ihn eine Art Vorsehung ist, sie billig oder theuer erworben hat. Jagd- und Kriegsbeute, sowie die reichen Geschenke der Inlandhäuptlinge, kommen direkt der Expedition zu Gute, während sie beim Mikonosystem oft geradezu schädlich wirken. Denn wenn der Mann auch im Ueberfluss schwelgt, so wird er doch seine gewohnten Mikono verlangen und diese auf zwecklose Weise durchbringen, was zu vielfachem Unfug Veranlassung giebt.
Zur Poschozeit werden auch die Kranken von dem dazu bestimmten Askari vorgeführt und so gut als möglich von mir behandelt. Vor Sonnenuntergang, kurz bevor ich mein Nachtmahl einnehme, treten die Askari an und machen etwa eine halbe Stunde Gewehrgriffe. Dann wird die Wache für die Nacht abgetheilt. Während der ganzen Reise stellte ich allnächtlich vier Wachtposten auf, die unter kriegerischen Verhältnissen auf sechs und acht verstärkt wurden. Ununterbrochen riefen dieselben mit lauter Stimme die arabischen Zahlen, das beste Mittel, um sich wach zu erhalten. Wenn das Wasser entfernt liegt, so ziehen schon während der Wachabtheilung kleine Trupps von Leuten mit Gefässen aus, um für die Nacht und den nächsten Morgen Wasser zu schöpfen. Denn sowie es dunkel geworden, schlägt der Trommler den Zapfenstreich und ruft die Befehle für den nächsten Tag, vor Allem ob marschirt wird oder nicht, aus. Dann darf Niemand mehr hinaus und das Lager verstummt allmählich.
Eine Weile noch flüstern einzelne Gruppen bei den glühenden Lagerfeuern, doch bald sinkt alles in tiefen Schlaf. Eintönig erschallen die Rufe der Wachtposten um das Lager, draussen jedoch werden die Stimmen der Wildniss laut. Die Hyänen heulen und lachen in widerlicher Weise, manchmal ertönt ein mächtiger Ruf: das Gebrüll des Löwen. Doch trotz allem Lärm schläft man schliesslich ein, bis das Rasseln der Trommel am nächsten Morgen zu neuer Thätigkeit ruft.
Man darf allerdings nicht glauben, dass solch regelmässiger Dienstgang gleich von Anfang an durchführbar ist. Erst herrscht unglaubliche Unordnung, die ungeübten Leute marschiren schlecht und sind nicht vom Fleck zu bringen, im Lager entwickelt sich ein unendlicher Wirrwar. Die beiden Hauptmittel des Expeditions-Chefs: Geduld und Kurbatsch bringen täglich mehr Ordnung in das Chaos, doch braucht es immerhin fast einen Monat bis Alles im Gange ist und Jeder seine Thätigkeit genau kennt. Der eigentliche Lohn für die Mühen der ersten Zeit tritt aber nach mehreren Monaten ein: dann geht alles wie geölt, so dass die Leute selbst ihre Freude daran haben und der Kurbatsch, welcher anfangs täglich viel zu thun hatte, verlässt nur selten mehr seinen Ehrenplatz im Gürtel Mzimba's.
Freilich, wer die zügellose wüste Schaar gesehen hätte, die am Morgen des 16. Januar mit mir =Amboni= verliess, der hätte wohl kaum geahnt wie wohlerzogen und tüchtig diese Leute noch werden sollten. Mit Horn und Trommel voran gings unter stetem Jubelgeschrei durch's Digoland, so dass die erschreckten Wadigo mit Weib und Kind ihre Dörfer verliessen und spornstreichs in den Busch entsprangen.
Der Augenblick, das Digoland zu besuchen, war gerade kein günstiger. Wenige Wochen vorher hatten die Wadigo wieder einmal zuviel Palmwein getrunken. Sie, die immer ganz gute Unterthanen waren, rissen auf einmal die deutsche Flagge herab und erklärten sich für unabhängig. Einen deutschen Offizier, der mit wenigen Soldaten und sehr wenig Munition hinkam, um sie zur Vernunft zu bringen, empfingen sie mit heftigem Feuer. Unter den obengenannten Umständen musste er sich nach kurzer Gegenwehr zurückziehen, wobei ihn die Wadigo bis Amboni verfolgten und die Scheunen der Pflanzer-Gesellschaft niederbrannten. Nun wurde Ernst gemacht. Dampferweise kamen Soldaten aus Dar-es-Salaam und Freiherr von Bülow wurde beauftragt, die Wadigo zu pacificiren. Es gelang ihm dies sehr leicht; nach den ersten Schüssen liefen die Wadigo davon und das übliche Strafverfahren mit Dorfbrennen und Viehforttreiben konnte eingeleitet werden.
Drei Tage nachdem Freiherr von Bülow das Land verlassen, langte ich mit meiner Expedition darin an. Begreiflicherweise mussten die Wadigo in dem Erscheinen von 200 Bewaffneten, die mit Lärm und Trommelschall einzogen, einen neuen Rachezug sehen. Sie suchten das Weite, und als wir unter einem prachtvollen Baum vor dem Dorfe =Gombelo= lagerten, sahen wir keine Seele. Einige Träger, die sich von der Karawane entfernt hatten, wurden abseits mit Pfeilen beschossen.
So stand ich denn vor der Nothwendigkeit, entweder meine Leute gleich in den ersten Tagen hungern zu lassen oder schon hier, so nahe an der Küste, mit dem leidigen Fouragiren zu beginnen. Das erstere hätte zweifellos viele Desertionen, möglicherweise den Ruin der Expedition veranlasst, ich zögerte also nicht, den Leuten zu erlauben, den zur Nahrung nöthigen Maniok aus den Feldern zu ziehen. Dass diese es dabei nicht bewenden liessen und wohl auch manchmal ein Hühnchen mitgehen liessen, ist bei der begreiflicherweise noch mangelhaften Disziplin in einer drei Tage alten Expedition nicht verwunderlich.
Bemüht, möglichst rasch aus diesen unangenehmen Gegenden zu kommen, zogen wir durch die damals völlig menschenleeren Distrikte von Mgandi, Kaerua und Buiti. Erst in =Daluni=, das zwischen prachtvollen Kokospalmen am Fusse des Usambára-Gebirges liegt, liefen die Leute nicht davon und wir konnten Lebensmittel einkaufen, womit ich die leidige Wadigo-Affaire für erledigt hielt. Dieselbe hatte aber noch ein Nachspiel. Als nämlich die Wadigo erfuhren, dass sie diesmal nicht »amtlich« geplündert worden waren, führten sie beim Bezirksamt Klage. Dieses leitete die Klage weiter, nach Dar-es-Salaam, nach Berlin, nach Coblenz, wo das Antisklaverei-Komite veranlasst wurde, eine Schadenersatz-Summe zu zahlen. So löste sich denn alles in Wohlgefallen auf: die Wadigo bekamen ihr Geld, welches ihre Verluste an Maniok und Hühnern mindestens zehnfach deckte, das Bezirksamt hatte sein »amtliches« Recht durchgesetzt, das Komite hatte gezahlt und konnte zahlen, da es wusste, dass mein Vorgehen im Interesse der Expedition dringend geboten war -- und ich zog inzwischen, von allen diesen »amtlichen« Vorgängen nichts ahnend, landeinwärts, der unamtlichen afrikanischen Freiheit zu!
Ein kurzer Aufenthalt in Daluni diente dazu, die wenigen Nachzügler bei der Karawane zu versammeln, und am 22. Januar traten wir den Marsch längs der steil ansteigenden felsigen Mschihui-Berge durch die Umba-Nyika an. In Folge des ungewöhnlich frühzeitigen und reichlichen Regens hatte die Steppe gewissermaassen ihr Frühlingskleid angelegt. An Stelle der gelben harten Gräser sprossen zarte junge Halme hervor, die Baobabs, die sonst ihre mächtigen Aeste blattlos in die Lüfte recken, zeigten reiches Laub, und selbst die Akazien und Dornbüsche verhüllten ihre stachlige Aussenseite mit dichtem Grün. Von Wassermangel war keine Rede; die Bäche, die sonst als trockene Gräben nur Marschhindernisse bilden, führten das erfrischende Nass in Mengen und Niemand beachtete die Wasserbaobabs, jene natürlichen Baumcisternen, die oft in der trockenen Zeit aus den unversiegbaren Wasservorräthen ihrer Innenhöhlung dem Wanderer Labsal bieten.
Die fruchtbare Oase von Kitivo, welche die Stelle bezeichnet wo der Umba aus den Usambárabergen tritt, bot uns und unsern noch wenig geübten Leuten Gelegenheit zur Ruhe und Erholung. Inkey und ich benutzten den Ruhetag zu einem Ausflug in das prächtige Hochthal von Mlalo, das Dr. Meyer und ich 1888 entdeckt, und wo die Mitglieder der deutschen Mission uns begrüssten, die auf mein Anrathen sich dort niedergelassen hatten.
Um die Nordspitze Usambáras herum zogen wir nach =Mnasi=, wo mein alter Bekannter, der Häuptling von Mbaramu, mir Wegweiser durch die Steppe verschaffte. Da die Wasserverhältnisse günstige waren, beschlossen wir, den Umweg über Gonja zu vermeiden und direkt auf Kisuani loszugehen. Mehr aus alter Gewohnheit als weil es wirklich nöthig war, machten wir beim letzten Wasserplatz von Mnasi »Telekesa«, d. h. wir kochten gegen Mittag ab, alle Gefässe wurden gefüllt, das Kameel bekam eine Last voller Schläuche und, gegen die Eventualitäten einer wasserlosen Nacht gerüstet, brachen wir um 1 Uhr Nachmittags auf. Durch lichte, mit spärlichem Stachelgestrüpp bedeckte Steppen, aus der einzelne Felskuppen sich erhoben, führte die ziegelrothe Linie unseres Pfades. Die mächtigen Abfälle Usambáras entfernten sich immer mehr; im Westen tauchte die dunkle Mauer des Pare-Gebirges in der Abenddämmerung mit solcher Klarheit auf, dass man die weissen Rauchsäulen der Schmieden erkennen konnte. Gerade als die Sonne sich anschickte, hinter den Pare-Bergen zu verschwinden, entdeckte Mkamba einen kleinen Wassertümpel und wir lagerten, erfreut, umsonst Telekesa gemacht zu haben. Durch ähnliches Land zogen wir am nächsten Tage zum Kambaga-Fluss, der, in der Trockenzeit völlig wasserlos, nun reichlich fliessendes Wasser in seinem tief eingerissenen Bett führte. Vom Lager aus hatte man einen schönen Blick auf die unbewohnte Tusso-Kette mit ihren grünen Hängen und der steilen, felsigen Krone. Am 31. Januar erreichten wir nach einem starken Marsch um den Nordostvorsprung Süd-Pare's, =Kisuani=, jene fruchtbare, an Sorghum, Mais, Zuckerrohr und Hülsenfrüchten reiche Niederlassung. Dort hatte sich seit meinem letzten Besuch manches verändert, ein kleiner Militärposten war entstanden, dessen Besatzung, ein Swahíli-Gefreiter und vier Mann, uns unter der deutschen Flagge empfing.
Ich beschloss, in Kisuani einige Tage zu verweilen, um die Verproviantirung der Karawane für die Massai-Reise zu beginnen, denn dass im Massai-Land gegenwärtig absolut nichts zu bekommen ist, war mir zu Genüge bekannt und ich hatte keine Lust, meine Expedition den Fährnissen einer Hungerperiode auszusetzen. Die Kunst des Afrikareisens besteht ja zum sehr grossen Theil in der Lösung der Verpflegungsfrage, und die Geschichte der Forschung lehrt uns, dass die grössten Schwierigkeiten immer aus dieser entstanden. Ein voller Magen ist für den Afrikaner -- und vielfach auch für den Europäer -- gleichbedeutend mit Ausdauer, Muth und Unternehmungslust; ein leerer ist feige und gänzlich unbrauchbar. Von diesem Grundsatze ausgehend, sandte ich denn täglich Abtheilungen in's Gebirge, die reich beladen mit Mais wieder herabkamen. Eine Anzahl Ziegen, die wir aus dem Küstengebiet mitgebracht und die nicht mehr vom Fleck kamen, liess ich schlachten und das Fleisch zum Dörren aufhängen. Dies lockte zahlreiche Hyänen an, welche Nachts das Lager umheulten, einmal sogar eindrangen und einen Träger in die Ferse bissen. Dieser erholte sich erst nach Wochen von der Wunde und behielt von nun an den Namen »Komboa fissi« (der von der Hyäne Befreite).
Mein liebenswürdiger Reisegefährte Herr von Inkey, der bisher das Klima sehr gut vertragen und auch schon mit Erfolg gejagt hatte, wurde in Kisuani von starken Fiebern ergriffen und beschloss, in Eilmärschen nach dem Kilimanjaro aufzubrechen, von dessen Höhen-Klima er rasche Erholung hoffte. Vor seiner Abreise hatte er die Güte, mir seinen photographischen Kodak-Apparat zur Verfügung zu stellen der mir fernerhin gute Dienste erwies. Er brach am 5. Februar auf und ich blieb von nun an als einziger Europäer bei der Expedition. An demselben Tage begrüsste ich Herrn Dr. Peters, der auf der Reise nach der Küste in Kisuani durchkam. In seiner Begleitung befand sich ein Swahíli Mwalim, der von Kibongoto aus nach dem Manyara-See geschickt worden war. Er behauptete auch denselben erreicht zu haben und brachte allerlei Nachrichten über den See, die mir sehr unwahrscheinlich klangen und sich auch später als Lügen erwiesen. Der Mann hat den See zweifellos niemals erreicht und die von ihm mitgebrachten Salzproben irgendwo bei Ober-Aruscha, wo sich Salzefflorescenzen genug finden, aufgelesen.
Kisuani verlassend zogen wir zwischen den beiden Komplexen Mittel-Pares hindurch, auf welchen jetzt weit mehr Felder und Siedelungen wahrnehmbar sind, als zur Zeit meines früheren Besuches (1890), ein Umstand, der jedenfalls der Verminderung der Massai-Gefahr zu danken ist. Den niedrigen Sattel zwischen Mittel- und Nordpare überschreitend gelangten wir nach dem Westfuss dieses Gebirges, wo wir uns im Lagerplatz =Pare ya Baussi= mehrere Tage aufhielten. Derselbe liegt schön unter einigen schattigen Bäumen und gewährt einen prächtigen Ausblick auf den Kilimanjaro mit der schimmernden Schneespitze, deren Dom sich scharf vom tiefblauen Tropenhimmel abhebt. Der Zweck unseres Aufenthaltes war theils Beschaffung neuen Proviantes aus dem fruchtbaren Usangi-Gebirge, theils Auffindung eines Wegweisers für die Massai-Steppe. Der Proviant war leicht beschafft, bestand jedoch leider hauptsächlich aus Erbsen, die für solche Zwecke nicht sehr geeignet sind, da sie schon bei geringer Feuchtigkeit zu keimen anfangen, während Mais- und Sorghum-Vorräthe sich besser halten. Weniger leicht ging es mit dem Führer. Denn als solcher war nur ein erwachsener Massai, ein Elmóruo, denkbar. Da die in Folge der Viehseuche sehr ausgehungerten Massai zu jener Zeit vielfach an den Fuss von Nordpare kamen um gegen Esel Nahrungsmittel einzutauschen, so erschien uns der gewählte Platz als günstig.
Es dauerte denn auch gar nicht lange so brachten meine Askari einen Massai, einen hochgewachsenen, ernsten Mann von ca. 40 Jahren, der sich Elmóruo =Ndaikai= nannte. Ich fragte ihn, ob er den Weg zum Manyara kenne, was er bejahte, worauf ich ihm vorstellte, dass es unbedingt nothwendig sei, dass er uns dahin führe. Ndaikai war zwar über die Aussicht, einen solchen Spaziergang von 14 Tagen zu machen, nicht angenehm überrascht, die Zwangslage jedoch, in der er sich befand, sowie die Aussicht täglich reichlich zu essen zu bekommen, versöhnten ihn rasch mit seinem Schicksal. Ndaikai war für uns eine so kostbare und theure Person geworden, dass wir nicht umhin konnten ihn mit den stärksten Banden an uns zu fesseln. Diese bestanden aus einer Eisenkette, die wir dem Trefflichen um den Hals legten um ihn an einem Fluchtversuch zu hindern, welcher uns in der pfadlosen Steppe dem Verderben preisgeben konnte. Auch das nahm Ndaikai in Erkennung der Sachlage keineswegs übel und lachte nach genossener Mahlzeit behaglich den Askari an, der ihm mit scharf geladenem Gewehr Gesellschaft zu leisten pflegte. Ich will gleich vorausschicken, dass Ndaikai solche Sympathie für die Expedition fasste, dass er, als seine Ketten schon längst gelöst waren, als Hirt bei uns blieb, die ganze Reise mitmachte und schliesslich beim Scheiden buchstäblich Thränen vergoss.
Quer durch die ziemlich dürre, fast graslose Nyika zogen wir auf breitem Massaipfad am Baumannhügel vorbei zu der Ruvu-Furth, wo der Fluss durch eine Insel in zwei Arme getheilt und leicht durchwatbar ist und erreichten am 16. Februar die fruchtbare, bananenreiche Oase =Aruscha=. An diesem wichtigen Karawanenplatz befindet sich eine deutsche Station, die seit Jahren das Schicksal hat, abwechselnd errichtet und aufgelassen, dann wieder errichtet und wieder aufgelassen zu werden. Gegenwärtig war gerade das letztere der Fall und ich bezog das einsame Stationsgebäude, in dem 1890, bei meinem letzten Besuch, reges Leben herrschte. Bald kam der Häuptling Shengele mit einem Geschenk an Ziegen, wofür ich ihm ausser dem üblichen Baumwollzeug noch einige Citronenkerne gab mit der Weisung diesen nützlichen Baum in Aruscha anzupflanzen.