Durch Massailand zur Nilquelle

Part 28

Chapter 283,206 wordsPublic domain

Ueberhaupt ist mit dem Eingeborenen-Verkehr zwischen Küste und Seegebiet ganz und gar nichts Gewaltthätiges verbunden. Die Träger erhalten einen Lohn und bestehen zum allergeringsten Theil aus unbesoldeten Sklaven. Nahrungsmittel werden gekauft und wenn auch einzelne Diebereien vorkommen, so ist doch sicher, dass die Karawanen in diesen Gebieten stets mehr von den Eingeborenen zu leiden hatten, als umgekehrt. Die Vorwürfe, welche in neuerer Zeit gegen die Missstände des Verkehrs erhoben wurden, scheinen mir daher, soweit sie die Eingeborenen-Karawanen betreffen, ziemlich unbegründet. Die Sicherung der Karawanenstrassen als Adern des Verkehrs wird daher mit Recht als eine der ersten Aufgaben der Kolonialverwaltung betrachtet. Damit wird auch der ohnehin unbedeutende Sklavenhandel schwinden.

Gegen die planmässige Ausrottung des Elephanten giebt es allerdings kein Mittel: denn welche Schutztruppe wäre im Stande den streifenden Jäger der Steppe zu kontrolliren? Das Einzige was geschehen könnte, wäre ein Verbot =kleine Zähne=, also solche der jungen Thiere, in den Handel zu bringen, ein Verbot, das durch Konfiskation solcher Zähne Nachdruck erhalten könnte. Die gleiche Maassregel wird im englischen Schutzgebiet geplant und würde den Vernichtungskrieg wenigstens etwas aufhalten.

Mit der Abnahme des Elfenbeins, mit dem Wachsen der Konkurrenz in Unyamwesi, wurde naturgemäss der Schwerpunkt des arabischen Handels von Tabora nach Westen, nach Ujiji, nach Manyema verlegt. Die Leute, welche jene fernen Gebiete erschlossen, waren fast ausnahmslos =keine= Maskater, sondern in Ostafrika geborene Araber, vielfach Mischlinge. Die erste Rolle spielte dort die von Tarya Topan abhängige Drei-Männer-Firma Tippo-Tip (Kasongo), Rumaliza (Ujiji) und Bwana Nsige (Stanley Falls).

Zum Unterschied von den Maskatern, die sich ausschliesslich mit Handel -- sei es auch Sklavenhandel -- abgeben, verüben die Manyema-Araber nur =Raub=. Der Unterschied ist auf den ersten Blick kenntlich. Denn in den Gebieten des Tabora-Handels im engeren Sinne, in Unyamwesi, Ussui, Karagwe und Uganda findet man grosse Mengen europäischen Baumwollzeuges, Gewehre und andere Produkte die nur der =Handel= eingeführt haben kann. Am Nordende des Tanganyika dagegen und am oberen Kongo bei den Stanleyfällen, also in Gegenden die von den Arabern seit Jahren ausgebeutet werden, fand ich kaum eine Glasperle, kaum einen Fetzen Zeug, was wohl den besten Beweis liefert, dass es sich hier nur um =Raubzüge= handelt.

Der Vorgang dabei ist bekannt. In neue Gebiete einfallend rauben die Banden der Araber Weiber und Kinder und lassen nur jene wieder los die mit Elfenbein ausgelöst werden. Die anderen sind der Sklaverei verfallen. Mit kluger Politik weiss man hierauf die Unterworfenen zu gewinnen und als Bundesgenossen gegen den Nachbarstamm zu verwenden. Die Banden wachsen immer mehr an, jeder Ackerbau wird unmöglich, dicht bewohnte Gebiete entvölkern sich und die elenden Ueberreste der Bevölkerung verkaufen sich selbst und ihre Kinder für eine Mahlzeit den Sklavenhändlern.

Dieser Zustand war in Manyema und am westlichen Tanganyika der stehende, auch am Ostufer des Sees wurden Razzias versucht, doch, der kriegerischen Bevölkerung halber, mit geringem Erfolg. Das Elfenbein und die Sklaven aus Manyema wurden über Tabora oder dessen Vorort Kwihara nach der Küste gebracht. So wurde Tabora immer mehr zur Durchgangsstation. Die Waaren von der Küste, das Elfenbein aus dem Innern, wurden dort aufgestapelt und die Sklaven bekamen jene Tünche des Swahílithums, die sie an der Küste unverdächtig machte.

Das Elfenbein, welches heute über Tabora nach Bagamoyo geht, kommt also zum allergeringsten Theil aus dem deutschen Interessengebiet, sondern aus dem Kongostaat, aus Manyema, und aus der englischen Sphäre in Unyoro und den Nachbargebieten. Es kann kein Zweifel darüber sein, dass diese Quellen in nächster Zeit versiegen müssen. Mit eiserner Hand hat der Kongostaat, nachdem er Jahre lang eine abwartende Haltung eingenommen, nun plötzlich die Araberfrage nahezu gelöst. Durch die glänzendsten Siege, die jemals im tropischen Afrika erfochten wurden, ist die Macht der Sklavenjäger am oberen Kongo und bis zum Tanganyika hin gebrochen worden. Bei der erstaunlichen Thatkraft, welche die kommerziellen Kreise des Kongostaates, sowohl Holländer als Belgier, entwickeln, ist es kein Zweifel, dass der kriegerischen sehr bald die kaufmännische Eroberung folgen wird. Sobald nur die Kongobahn das riesige Wassernetz jener glücklicheren Gebiete dem Weltverkehr völlig erschliesst, wird man, durch die Konkurrenz getrieben, bald in Bana Kamba und am oberen Sankuru dieselben Preise für Elfenbein bezahlen wie in Sansibar und Bagamoyo, und kein Mensch wird mehr daran denken, sein Elfenbein auf dem langen Karawanenwege nach der Ostküste zu schleppen.

Noch eine andere Linie ist bestimmt die Tabora-Strasse völlig lahm zu legen: die Nyassa-Route. Sobald diese herrliche Wasserstrasse erst erschlossen und die schmale Strecke zwischen Tanganyika und Nyassa irgendwie zugänglich gemacht ist, wird der Verkehr bis ins Herz Afrika's dringen können. Länder, welche, wie Urundi und Ruanda, heute zu dem Ultima Thule des Tabora-Verkehrs gehören, werden direkt mit dem Handel in Berührung treten.

Wenn wir daher auf den Elfenbeinhandel der nächsten Zukunft einen Schluss ziehen wollen, so ist vor Allem die Thatsache nicht zu leugnen, dass das deutsche Interessengebiet heute schon verschwindend wenig Elfenbein liefert, dessen Menge alljährlich abnehmen wird. Das Elfenbein aus den englischen Gebieten, sowohl jenen im Massailand als jenen nordwestlich vom Nyansa werden die Engländer bald an ihre Hafenplätze abgelenkt haben, jenes aus Manyema fällt der Kongo- und Nyassa-Route zu. Es wird also in sehr naher Zeit nur der Karawanenverkehr der Wanyamwesi übrig bleiben, die in ihrem konservativen Sinne der Ostküste, speziell Bagamoyo, so bald nicht untreu werden. Doch haben ja auch diese keinen Born aus dem sie ewig Elfenbein schöpfen können, und wenn heute schon Tabora den Eindruck des Verfalls in hohem Grade macht, so wird es seine Bedeutung selbst als Durchgangsposten bald gänzlich verlieren.

Gerade aus dem Grunde, weil die jetzigen Produkte, Elfenbein und Sklaven, nicht von Dauer und daher wirthschaftlich bedeutungslos sind, scheint es mir verfehlt, in den gegenwärtigen Karawanenstrassen die Verkehrslinien der Zukunft zu suchen. Diese dürfen sich nicht nach den Produkten richten, die =sind=, aber nicht mehr lange sein werden, sondern nach jenen, die =geschaffen werden sollen=.

Von wild vorkommenden Produkten ist im Allgemeinen nicht viel zu erwarten. Von Schätzen des Mineralreiches wurde bisher noch nichts gefunden; die erhofften Salpeterlager im Massailand fehlen und an ihrer Stelle wurde =Salz= entdeckt. Im ersten Augenblick mochte man darüber enttäuscht sein, doch scheint mir, dass der Besitz reicher, vorzüglicher Kochsalzlager auch nicht zu verachten ist. Am Balangda-See in Mangati, in der Nyarasa-Steppe südlich vom Eyassi-See und in Uvinsa südlich von Uha trifft man Salz von ausgezeichneter Qualität, ja nahezu chemisch reines Kochsalz.[26]

[26] Siehe die chemische Analyse im Anhang.

Ungeheuere Gebiete des tropischen Afrika's, fast der ganze Sudan und Kongostaat besitzen kein Kochsalz, welches dort zu den werthvollsten Artikeln gehört und nur mangelhaft durch Bananenasche ersetzt wird. Uganda und Unyoro führten blutige Kriege um den Besitz einiger Salzlachen und zu den ersten Handlungen der Engländer in diesen Gebieten gehört die Beschlagnahme dieser Lachen, die ihnen nicht nur die kommerzielle, sondern theilweise sogar die politische Herrschaft dieser Länder sichern.

Dabei ist das Salz vom Albert-Edward-See sehr minderwerthig und hält keinen Vergleich mit den Salzen Deutsch-Ostafrika's aus. Heute schon spielen dieselben im lokalen Verkehr die grösste Rolle. Durch die Wildheit der Massai und Wataturu waren die Salze von Mangati und Nyarasa nur schwer zugänglich und manche Handelskarawane erlag den kühnen Räubern der Steppe. Dennoch führt ein breiter, ausgetretener Pfad von Meatu nach den Salzlagern, und das Nyarasa-Salz ist in ganz Usukuma und dem östlichen Nyansa-Gebiet verbreitet. Das Mangati-Salz versorgt hauptsächlich die Gegenden um Irangi. Noch wichtiger ist das von Uvinsa, das heute schon einerseits nach Tabora, andererseits nach Manyema exportirt wird und den einzigen Verkehr mit den wilden Warundi vermittelt.

Eine Beschlagnahme und wenigstens einigermaassen planmässige Ausbeutung dieser Salzlager wäre heute schon ein keineswegs aussichtsloses Unternehmen. Wer z. B. eine Wasukuma-Karawane zum Nyarasa schickt, dort Salz auflesen lässt und dasselbe über den Nyansa nach der Westküste des Sees oder nach Uganda verfrachtet, der könnte dabei zweifellos seine Rechnung finden. Dasselbe wäre bezüglich des Tanganyika mit dem Uvinsa-Salz der Fall.

Neben Salz bildet =Eisen= in Hackenform ein Hauptmittel des eingeborenen Verkehrs. Centren für dessen Erzeugung sind Usinja und Irangi, von wo die Hacken über ganz Unyamwesi und Ugogo verbreitet werden, doch kommt Eisen für den europäischen Handel natürlich nicht in Betracht.

Von wilden Produkten des Pflanzenreiches ist =Kautschuk= zu nennen, der zwar weniger reichlich als im Küstengebiet, aber doch besonders im westlichen Nyansagebiet in ziemlichen Mengen vorkommt. Das massenhafte Auftreten von Akazien in den Steppen macht das Vorkommen von =Gummi arabicum= wahrscheinlich und auch sonst lässt sich von der botanischen Durchforschung des Landes manches hoffen. =Holz= kommt in den Caesalpinien-Wäldern Unyamwesi's, sowie in den Urwäldern des Massai-Plateaus reichlich und in guter Qualität vor, hat jedoch in so entfernten Gebieten als Exportartikel keine Bedeutung. Die Thierwelt liefert ausser Elephantenhauern auch Nilpferdzähne und Rhinoceroshörner als unbedeutende Nebenprodukte. Straussfedern kommen gar nicht in den Handel, obwohl der Vogel im Massailand häufig genug ist.

Wenn auch die nähere Erforschung noch manches Rohprodukt zu Tage fördern wird, so wäre es doch verfehlt, darauf zu grosse Hoffnungen setzen zu wollen. Die Möglichkeit einer Entwickelung liegt einzig im =Ackerbau=. Im Küstengebiet, besonders in dem fruchtbaren Usambára, ist Plantagenbau unter europäischer Leitung das aussichtsvollste Unternehmen. Im Innern jedoch ist vorläufig an solchen nicht zu denken und es muss der eingeborene Ackerbau an seine Stelle treten. Dazu braucht man anbaufähiges Land und Menschen, welche dieses Land bebauen. An beiden ist kein Ueberfluss, aber doch genügend vorhanden.

Im Hinterlande der Küste bis zum grossen Graben erheben sich die fruchtbaren Gebiete insular als Gebirge aus den weiten, fast gänzlich werthlosen Steppen. An die Berglandschaften von Usagara, Unguu, Usambára und Pare schliesst sich im Nordwesten der Kilimanjaro und Meru. Spärlicher sind die fruchtbaren Inseln in der Massai-Steppe; fast nur die nächste Umgebung der Berggruppen des Sogonoi, des Kissale und anderer sind anbaufähig. Besser ist die Sohle des Grabens, wo nacktes Wüstenland mit fruchtbaren, wasserreichen Gebieten wechselt. Zu den schönsten Strichen gehört jedoch das Massai-Plateau mit Iraku und dem Guruiberg, ein prächtiges, wasserreiches Hochgebiet mit fettem Boden und üppiger Vegetation, im Norden völlig brach liegend, im Süden, in Iraku, reich bebaut. Unyamwesi, dem wirthschaftlich auch die östlichen Nyansa-Gebiete, die Umgebung von Irangi und das südliche Uha beizurechnen sind, ist vorherrschend trockenes Land und häufig von Steppen und Miombo-Wäldern bedeckt. Dennoch ist das Land, wie sich zeigt, überall anbaufähig und der unermüdliche Eifer der Bewohner weiss diesem kargen Boden reiche Ernte abzugewinnen. Die Hochländer zwischen Nyansa und Tanganyika sind vorherrschend fruchtbar und nähern sich, was Wasserreichthum und Ueppigkeit anbelangt, stellenweise sogar dem Massai-Plateau. In Ussui giebt es zwar steinige, dürre Striche, doch sind solche nur vereinzelt, das ganze Gebiet muss als =gutes= bezeichnet werden.

Die Erforschung des nördlichen Deutsch-Ostafrika hat also im Allgemeinen günstigere Ergebnisse geliefert, als sich erwarten liess. Die weiten Steppenstriche, die auf älteren Karten angegeben waren, schrumpfen immer mehr zusammen und wo wasserlose Wüsten erwartet wurden, stiess die Forschung auf prächtige Hochländer, die aussichtsvollsten der Kolonie.

Was die =Bevölkerungsdichtigkeit= anbelangt, so wird es mir schwer, darüber auch nur annähernde Angaben zu machen. Die Nomaden entziehen sich nahezu jeder Beobachtung, sehr erschwert wird eine Untersuchung in Gegenden, wo keine Dörfer, sondern nur verstreute Siedelungen bestehen, und auch da, wo Dörfer vorhanden sind, war mein Routennetz ein zu weitmaschiges, um Schlüsse auf das ganze Gebiet zu gestatten. Ein besseres Material konnte ich 1890 für Usambára und seine Nachbargebiete gewinnen. Auf dieses gestützt, kann ich diesmal nur Vermuthungen über die Bewohnerzahl des Inneren aussprechen.

Die Steppengebiete, überhaupt alle jene, die nicht ständig besiedelt, sondern nur von Nomaden durchstreift werden, sind natürlich =sehr schwach= bewohnt. Die Zahl von 2 Einwohnern auf 10 Quadrat-Kilometer, welche ich 1890 für die Steppenstriche des Küstengebietes erhielt, dürfte auch hier annähernd der Wirklichkeit entsprechen. Eine direkte, wenn auch nur rohe Schätzung konnte ich in den besiedelten Ländern des abflusslosen Gebietes ausführen. Dieselbe basirt auf der Schätzung für Umbugwe, wo ich ca. 300 Temben zählte, für welche man eine durchschnittliche Bewohnerzahl von 10 rechnen muss, da manche Temben von mehreren Familien bewohnt sind und bis zu 40 Insassen und darüber haben.

Die Zahlen für die anderen Landschaften wurden nach dem allgemeinen Eindruck der Tembezahl im Vergleich zu Umbugwe angenommen. Es wären danach anzusetzen:

Wambugwe 3000 Wassandaui 4000 Warangi (mit Uassi) 4000 Wafiomi 3000 Mangati 3000 Iraku 5000 Wanyaturu 4000 ------ 26000

Für die sesshaften Bewohner der abflusslosen Gebiete (mit Ausnahme der Wagogo) wäre also eine Zahl von 26000, allerhöchstens (mit den Wanyairamba) 30000 anzusetzen! Eine Nebenstrasse in Berlin, eine einzige Kaserne enthält also mehr Menschen, als ganze Stämme, die, wie die Wambugwe, eigene Sprache und Sitten besitzen. Und doch könnte das abflusslose Gebiet leicht die hundert und tausendfache Zahl von Menschen ernähren!

Die Gebiete östlich vom Nyansa sind im Allgemeinen schwach besiedelt. Am Ufer des Sees wechseln unbewohnte mit stark bewohnten Strichen; noch sporadischer, noch insularer ist die Besiedelung im Inland, in den Waschaschi-Gebieten. 4 Menschen auf den Quadrat-Kilometer dürfte hier etwa das richtige Verhältniss sein.

Das am dichtesten bewohnte Gebiet, welches ich auf dieser Reise kennen gelernt, ist Usukuma, besonders die Landschaften Ntussu, Usmau und Mwansa, doch schieben sich auch hier Steppenstreifen zwischen die bewohnten Gebiete und mehr als 7 Menschen auf den Quadrat-Kilometer dürften nicht anzusetzen sein. In Süd-Unyamwesi liegen ansehnliche Ortschaften in grossen unbewohnten Strichen sporadisch verstreut, während sich in Usukuma kleine Ortschaften dicht an einander drängen. Dennoch macht Süd-Unyamwesi einen schwach bewohnten Eindruck und mehr als 6 Menschen auf den Quadrat-Kilometer sind hier wohl nicht anzunehmen. Relativ schwach bewohnt sind Usinja, Ussui und Uha. 4 Bewohner auf den Quadrat-Kilometer dürfte hier die allerhöchste Ziffer sein. Ziemlich schwer wird es mir bezüglich Urundi und Ruanda, selbst annäherungsweise Zahlen zu sagen; denn die Volksmassen, welche mich fortwährend umgaben, konnten leicht den Eindruck einer dichten Bewohnerschaft hervorrufen, welche den Thatsachen nicht entspricht. Da es jedoch dort fast gar keine unbewohnten Gebiete giebt und die kleinen Siedelungen mit geringer Hüttenzahl recht dicht verstreut sind, so glaube ich, dass 7 Menschen auf den Quadrat-Kilometer nicht zu hoch gegriffen ist.

Wenn man das ganze Gebiet überblickt, so kann kein anderes Urtheil gefällt werden, als dass dasselbe nur =dünn= bevölkert ist. Sporadisch und mehr oder weniger dicht gesäet sind besiedelte Striche auf weite, unbewohnte Gebiete vertheilt, nur in wenigen Gegenden trifft man grössere bebaute Landschaften.

Was die nomadischen Hirten und Jäger anbelangt, so haben dieselben wirthschaftlich natürlich keine Zukunft. Denn mit dem Fortschritt der Kultur ist nomadische Lebensweise unvereinbar, diese Völker müssen auf irgend eine Art verschwinden, sei es, dass sie unter den Ackerbauern aufgehen, sei es, dass der stärker werdende Kampf ums Dasein sie gänzlich verdrängt.

Die sesshaften Stämme ernähren sich sämmtlich von Ackerbau, der mit der Hacke betrieben und von Viehzucht gänzlich unabhängig ist, die nebenbei auch gepflegt wird. Im abflusslosen Gebiet und in Unyamwesi spielt Sorghum die erste Rolle, bei den Waschaschi Eleusine und Penicillaria, in Usinja Maniok, in Ussui Sorghum, in Urundi vorherrschend Bananen und Hülsenfrüchte. Selbstverständlich wird nur soviel angebaut, als zum Leben nothwendig ist, da irgend welcher Export an Nahrungsmitteln nicht stattfindet. Fast bei allen Stämmen wird der Ackerbau mit grosser Sorgfalt betrieben, die Felder sind meist gut gehalten. Die besten Ackerbauer sind die Wanyamwesi, die mit grosser Vorliebe und ungemein rasch fremde Kulturpflanzen, wie Reis und Baumwolle, annehmen und bauen.

Dennoch schliesst diese Art der Kultur häufige Hungersnoth nicht aus. Bei einer Missernte sind die Vorräthe, so bedeutend sie auch oft sind, nicht genügend, um bis zur nächsten Ernte vorzuhalten und die Isolirung der einzelnen Landschaften, der Mangel jeglicher Verkehrsmittel lassen selbst eine rein lokale Missernte zur Katastrophe werden, der Hunderte erliegen. Diese periodisch auftretende Hungersnoth, verbunden mit Stammesfehden, welche jene Gebiete fast unaufhörlich zerfleischen und Pockenepidemien, die oft furchtbare Verheerungen anrichten, decimiren die Bevölkerung oder lassen doch eine Vermehrung derselben nicht zu. Es liegt auf der Hand, dass die Verbesserung der Verkehrsmittel, die Erhöhung der Sicherheit des Lebens und Eigenthums, die Kultur mit einem Worte, geeignet ist den materiellen Zustand dieser Stämme und damit auch die Bevölkerungszahl zu heben.

Wenn wir die =Kulturpflanzen= der Eingeborenen auf ihre Entwickelungsfähigkeit für den Export betrachten, so sind die Hirsearten (Sorghum, Eleusine, Penicillaria) wohl nicht oder doch erst in zweiter Linie zum Export aus so fernen Gebieten geeignet. Dasselbe gilt von den Knollengewächsen, Maniok, süssen Kartoffeln und von Bananen, die sämmtlich an erster Stelle als Nahrungspflanzen stehen. Aussichtsvoll sind jedoch manche jener Produkte, die heute nur nebenher gebaut werden.

=Weizen= wird in Unyanyembe und Irangi durch Araber und Wanyamwesi gebaut. Obwohl diese Gegenden keineswegs besonders fruchtbar sind, liefert er doch bei fleissiger Berieselung gutes Erträgniss. Noch besser würde er in Hochgebieten gedeihen. Da durch die Erfahrung bewiesen ist, dass Weizen selbst in trockenen Gebieten Ostafrika's gedeiht, so scheint mir eine Förderung seiner Kultur vor Allem wünschenswerth.

=Reis= wird in Usukuma, Unyanyembe und Urambo von Eingeborenen gebaut und wurde ursprünglich von Arabern importirt. Da die betreffende Varietät auch im Trockenen gedeiht, so steht einem Anwachsen dieser Kultur kein Hinderniss entgegen.

=Baumwolle= pflanzt man in Usukuma zur Herstellung des ungemein festen, einheimischen Baumwollzeuges. In Gegenden, wo das europäische Zeug eingeführt wird, schwindet diese Kultur, die hauptsächlich für die Tieflandsgebiete bestimmt erscheint.

=Oelfrüchte=, Sesam und Arachis pflanzt man in vielen Gegenden, letztere besonders massenhaft in Schaschi und es liesse sich bei geeigneten Transportmitteln schon jetzt ein namhafter Export erzielen. =Palm-Oel= produziren die Tanganyika-Ufer in grossen Mengen und versorgen selbst Tabora mit solchem.

=Kaffee= wird, soweit mir bekannt, in Deutsch Ost-Afrika nirgends, wohl aber in Uganda gebaut und liefert dort eine grossbohnige, dem Liberia-Kaffee ähnliche Sorte von mittelmässiger Qualität. Dieselbe könnte eben so gut in deutschem Gebiete gepflanzt werden.

=Tabak= wird fast überall in reichlichen Mengen, allerdings minderer Qualität gebaut und könnte heute schon einen Exportartikel liefern.

=Produkte der Viehzucht= spielen im Karawanenverkehr eine gewisse Rolle. Zeburinder, Ziegen und Schafe werden als Schlachtvieh an die Küste getrieben und dort meist mit sehr grossem Gewinn verkauft. Esel der guten Massai- und der schlechteren Wanyamwesi-Varietät gelangen auch oft an die Küste, wo sie sehr schwankende Preise von 5-40 Rps. erzielen. Die Seuche, welche in den letzten Jahren in Ost-Afrika wüthete, hat einen grossen Theil der Rinder hinweggerafft und nur langsam erholen sich die Viehzüchter von derselben. Rationelle Zucht, eventuell Veredelung durch fremde Rassen, kann viel zur Hebung der Viehzucht beitragen, auch muss auf die Ausbildung der Rinder zu Zugthieren Bedacht genommen werden, da die höhere Entwickelung des Ackerbaues solche unbedingt erfordern wird.

Die Esel sind heute schon ein nicht zu unterschätzendes Transportmittel und sowohl als Lastthiere, wie zum Karrenzug verwendbar. Veredelungen mit den im Innern vorzüglich gedeihenden Maskat-Eseln würden jedenfalls gute Resultate erzielen. --

Fast sämmtliche oben genannte Kulturpflanzen sind =nicht= afrikanischer Abkunft, sondern erst seit relativ kurzer Zeit eingeführt. Grade dieser Umstand beweist, dass man von den Afrikanern erwarten und hoffen kann sie zur weiteren Ausdehnung dieser Kulturen wie zur Annahme neuer Nutzpflanzen bereit zu finden.

Manche Stämme, vor Allem die Wanyamwesi, haben sich Bedürfnisse, hauptsächlich an Baumwollzeug, angeeignet, zu deren Befriedigung sie sich grosser Mühe unterziehen. Als Träger wandern sie nach der Küste, leisten dort oft Dienste als Arbeiter und kehren dann mit den europäischen Industrieerzeugnissen ins Innere zurück.

Mit dem Schwinden des Elfenbeins, mit der Eröffnung der Kongo- und Nyassaroute wird der grosse Karawanenverkehr und damit auch diese Einnahmequelle aufhören. Zwar werden die Leute an der Küste stets Arbeit finden, aber es scheint doch sicher, dass sie auch bereit sein werden, durch Anbau werthvoller Kulturpflanzen ihre Bedürfnisse zu decken, falls durch Verkehrsmittel die Märkte zu solchen geschaffen werden. Auch jene Stämme, welche gegenwärtig abseits der Handelsstrassen ein primitives Dasein führen, unter welchen sich jedoch hochbegabte und kräftige Völker, wie die Wambugwe und vor Allem die Warundi, befinden, werden sich Bedürfnisse aneignen und mit der Aussenwelt in Beziehung treten, sobald moderne Verkehrsmittel bis ins Innere führen.