Durch Massailand zur Nilquelle

Part 27

Chapter 273,316 wordsPublic domain

Die grösste Bedeutung hat der Karawanenhandel bei den Wasumbwa des westlichen Unyamwesi erlangt, die überhaupt die höchste Entwicklung ihres Stammes darstellen. Sie unternehmen Züge nach Unyoro, Ruanda und Manyema, früher reisten sie auch nach Umbugwe und an die Grenze des Massai-Landes, doch hat dies aufgehört, seit die Wasukuma ihnen dort zu starke Konkurrenz machen. Diese bereisen die Uferländer des Victoria-Nyansa bis nach Kavirondo hin. Sobald diese Handelszüge genügend Elfenbein gebracht haben, wird eine Karawane nach der Küste zusammengestellt, an der sich auch viele Leute betheiligen, die dort Arbeit und Verdienst suchen. Mit Zeug und andern Artikeln reich beladen kehren die Karawanen in die Heimath zurück, um bald wieder neue Züge nach entfernten Gegenden zu unternehmen.

Die Wanyamwesi sind tüchtige, sehr ausdauernde Träger, allerdings nur auf Karawanenstrassen brauchbar, wo sie reichlich Wasser und Nahrung bekommen. Sie haben die unangenehme Eigenschaft nur auf den Schultern zu tragen, so dass die Lasten alle länglich oder in Halblasten, Midalla, verpackt werden müssen, die an die Enden einer Stange gebunden werden können. Diese scheuert die Schulter des Trägers nicht selten blutig, was ihn jedoch wenig zu kümmern scheint.

Der Karawanenverkehr gab auch Veranlassung zur =Auswanderung= und Begründung von Kolonien im Auslande. Der Grund dazu lag theils in politischen Unruhen, theils in dem natürlichen Wandertrieb dieses Volkes. Man findet Wanyamwesi-Kolonien nicht nur in Ugogo, Ussandaui, Irangi und neuestens auch in Umbugwe, sondern auch in Manyema und Katanga. Ueberall gelangen sie den Eingeborenen gegenüber zu Einfluss und bilden ein wichtiges Kulturelement.

Ueber das =innere Leben= der Wanyamwesi theile ich nur der Vollständigkeit halber einige Notizen mit, die ich im Lande sammeln konnte und verweise im Uebrigen auf Reichard und Stuhlmann, die Gelegenheit hatten den Stamm genauer kennen zu lernen.

Die =Geburt= eines Kindes giebt keinen Anlass zu besonderen Festlichkeiten, höchstens die von Zwillingen wird durch einen Tanz gefeiert. Der Vater giebt dem Kinde einen Namen -- meist nach dem Grossvater oder der Grossmutter -- den es lebenslang behält. Daneben sind oft viele Spitznamen üblich, die oft bekannter als der wirkliche Name sind. In Usukuma ist der Kindesmord unbekannt. In den von Swahíli vielbesuchten Gegenden, wie Urambo, hat sich der Küstenaberglaube verbreitet, dass ein mit Zähnen geborenes Kind dem Vater den Tod bringe. Es wird aber nur getödtet, wenn der Vater ein Häuptling ist. Als Kinderspielzeug dienen aus Lehm gefertigte kleine Puppen. Der Bräutigam erwirbt die Braut durch Kauf vom Vater; nach einem Tanzfest wird sie ihm übergeben. In Usukuma wird nach der Brautnacht ein Ochse geschlachtet und mit den Verwandten verzehrt. Vielweiberei ist üblich, in Usukuma hat aber nur ein Häuptling mehr als zwei Frauen. Eine unbeliebte Frau wird einfach zurückgeschickt, der Vater muss dann den Preis wieder herausgeben. Bei den Wasumbwa muss der Vater selbst im Todesfall der Frau den Brautpreis ersetzen, oder eine Schwester der Frau stellen.

Bei Krankheiten werden entweder Pflanzenmedizinen angewandt oder der Zauberdoktor geholt, der dann aus Hühnerdärmen bestimmt, welche Krankheit vorhanden ist und diese durch allerlei Hokuspokus mit einem Holzschüsselchen, mit Amuletten u. s. w., auszutreiben sucht. Ein Besessener geniesst in Urambo ein Schaf mit Zauberarznei, geheilt darf er keinen Kopf, Herz oder Magen und kein am selben Tage geschlachtetes Thier essen. Wie so viele Bantu, so glauben auch die Wanyamwesi nicht an natürlichen Tod. Stirbt Jemand an einer Krankheit, so wird der Zauberdoktor befragt, der dann wieder aus Hühnerdärmen sein Orakel fällt. Dasselbe lautet entweder dahin, dass die Geister der Verstorbenen ihn getödtet hätten, oder Jemand wird als der Bezauberer genannt. Dieser wird in Urambo von den Verwandten getödtet, in Usukuma vor den Häuptling gebracht, sein Vermögen eingezogen und er selbst verbannt. Das Honorar des Zauberdoktors beträgt eine Hackenklinge.

Todte werden bei den Wasumbwa in den Busch geworfen, nur Häuptlinge auf einem Stuhl sitzend begraben. In Usukuma werden alle Verstorbenen mit angezogenen Beinen, auf der Seite liegend, begraben, der Häuptling hockend mit erhobener Rechten, die durch Lehm gestützt wird.

Den Geistern der Verstorbenen, die den Lebenden im Traum erscheinen, werden kleine Hütten erbaut und Opfer an Pombe und Mehl dargebracht. Stätten von Geistern, wie Baobabs, werden mit Gras bestreut. Sonst schützt man sich vor ihrem Treiben durch Amulette, deren es für jeden Zweck, für Jagd, Viehzucht, Krieg u. s. w. verschiedene giebt. Menschliche Holzfiguren sind sehr selten, ich fand eine solche in Usukuma, die bei Geistertänzen dienen soll.

Die Wanyamwesi werden von Mtemis (Häuptlingen) regiert, deren Verwandte Mwanangwa (Prinzen) genannt werden. Auch hier zeigt sich die Erscheinung, dass grössere Königreiche nach und nach in kleine Fürstenthümer zerfallen. Eine Art Oberherrschaft über fast ganz Unyamwesi übte Jahre lang der bekannte Mirambo von Urambo aus. Auch dessen Nachfolger, Mpanda Charo (Beherrscher der Königreiche), spielte noch eine grössere Rolle, während unter dem jetzigen jugendlichen Häuptling Tuga Moto das Reich immer mehr zerbröckelt. Ein Theil der Wafioma erkennen Kassusura von Ost-Ussui als ihren Herrscher an.

Die Häuptlingswürde ist thatsächlich erblich, dem Namen nach besteht ein Wahlkönigreich, doch wird eben fast immer der Sohn oder sonst nächste Verwandte des verstorbenen Häuptlings gewählt. Manche Häuptlingsfamilien behaupten von Watussi abzustammen, doch lässt ihr Typus davon jedenfalls nichts mehr erkennen. Kleine Stammkriege sind häufig und werden mit ziemlicher Erbitterung geführt, die Dörfer des geschlagenen Feindes werden verbrannt. Kriegsgefangene werden zu Sklaven gemacht und meist an Küstenleute verkauft. Im Lande selbst findet man auch ziemlich viele Sklaven aus Manyema, vom Tanganyika u. s. w., die sich guter Behandlung erfreuen.

Grössere Kriegs- und Raubzüge werden von einzelnen Häuptlingen mit ihren »Ruga-Ruga« (Räubern) ausgeführt, die phantastisch geschmückt ins Feld ziehen und oft zur wahren Landplage werden.

Die Wanyamwesi sind ein kriegerischer und muthiger Stamm, besonders wenn es sich um die Vertheidigung von Haus und Feld gegen einen wirklichen oder eingebildeten Feind handelt. Sie sind dann weit ernstere Gegner als etwa die Massai und wissen ihre zahlreichen Gewehre und ihre festen Dörfer tüchtig auszunutzen. Europäern sind sie im Allgemeinen geneigt und wenn es doch in Unyamwesi zu Kämpfen kam, so ging die Veranlassung dazu von Leuten aus, welche, wie Isike von Tabora, Feinde jeder geordneten Regierung sind. Der durchaus praktische Sinn der Wanyamwesi erkennt weit leichter als andere Eingeborene den ungeheueren Vortheil, den der direkte Verkehr mit Europäern für sie haben kann. Missionare und Reisende fanden denn auch niemals ernste Schwierigkeiten in Unyamwesi, erstere werden überall als Freunde betrachtet, haben allerdings im Bekehrungswerk fast gar keinen Erfolg, da der Mnyamwesi in religiöser Beziehung vollkommen gleichgiltig ist. Selbst der Islam, der doch sonst auf schwarze Naturmenschen eine zauberhafte Anziehungskraft ausübt, macht in Unyamwesi gar keine Proselyten.

Im Gegensatz zu den phantasiereichen, leicht erregbaren Waganda sind die Wanyamwesi eben durchaus materiell angelegte praktische Leute, die von Fremden nur das annehmen, was für ihre Bequemlichkeit förderlich ist. Man kann daher in Urambo, drei Monate von der Küste, reinlichere und besser bekleidete Menschen und schönere Felder und Dörfer antreffen, als etwa im Wadigoland, drei Stunden von der Küste. Diese leichte Aneignung neuer Bedürfnisse, verbunden mit grossem Unternehmungsgeist und bedeutender Arbeitskraft, lassen die Wanyamwesi als ein für koloniale Zwecke hoch geeignetes Menschenmaterial erscheinen. Deutschland kann sich beglückwünschen, ein solches Volk in seinen Schutzgebieten zu besitzen und die Engländer würden wohl gern ihre vielgepriesenen, intelligenten aber faulen und fanatischen Waganda hergeben, wenn sie dafür so ruhige, unermüdliche Arbeiter eintauschen könnten, wie die Wanyamwesi.

Zum Schluss sei es auch hier gestattet, die Völker des Nyansa-Tanganyika-Gebietes überblickend, einen Schluss auf deren ursprüngliche =Wanderungen= zu ziehen.

Als Ureinwohner dieser Gebiete erscheinen die Pygmäen-Völker, Jägerstämme von niedrigem Körperbau, die mit Bogen und Pfeil dem Wild nachstellten. In Urundi treten sie als Watwa noch heute auf und bilden die Verbindung mit den gleichnamigen Pygmäen-Stämmen der Kongowälder. Im Osten sind sie durch die Wanege der Wembere-Steppe vertreten, während sie in den dicht bewohnten centralen Gebieten völlig verschwunden sind.

Diese wurden von einem mächtigen Bantustamm mit der Wandertendenz von Nord nach Süd, den Nyansa- (Zwischenseen-) Völkern, eingenommen, welche die Ufergebiete des Victoria-Nyansa in West und Ost und den grössten Theil des heutigen Unyamwesi einnahmen. Auf sie drückten die Wanyamwesi mit der Wandertendenz von Süd nach Nord, erreichten den Victoria-Nyansa und theilten die Nyansa-Völker in zwei Gruppen, die sich von da ab selbstständig entwickelten. Es sind dies die =östlichen Nyansa-Völker=, bestehend aus den Waschaschi, Wanyairamba und Wanyaturu, von welchen die Waschaschi sprachlich zweifellos der Wanyoro-Gruppe angehören, während die Wanyairamba und Wanyaturu aus ethnographischen Gründen diesen Stämmen beigezählt werden müssen, und die =westlichen Nyansa-Völker=. Diese bestehen aus den Völkergruppen, die sich von Unyoro bis Ussambiro und Usinja im Westen des Victoria-Nyansa ausdehnen.

Unabhängig von den Wanyoro-Völkern und wahrscheinlich den Wanyamwesi näher als diesen stehend sind die =Warundi-Völker=, welche den Ostrand der Centralafrikanischen Spalte vom Tanganyika bis zum Albert-Edward-See, also Uha, Urundi und Ruanda bewohnen.

Erst lange nach Ansiedlung dieser Bantustämme traten die =Hamiten= als =Watussi= auf, welche, aus den Galla-Ländern kommend, nach und nach sich über das Nilquellgebiet und bis Unyanyembe und Fipa ausdehnten. Theils behielten sie ihre ursprüngliche Stellung als Hirten bei, theils verwandelten sie sich in eine herrschende Klasse, dabei ihre Sprache und Nationalität einbüssend. Aufs tiefste wurden die westlichen Nyansa-Stämme sowohl körperlich (durch Blutmischung) als geistig durch diese Hamiten beeinflusst, während die Wanyamwesi und Warundi trotz vielfacher Berührung sich reiner erhielten. Von den Watussi unberührt blieben die östlichen Nyansa-Völker, welche daher einen reinen, ursprünglicheren Zweig dieser Gruppe repräsentiren, jedoch durch die spätere Einwanderung der Hamiten mit nilotischer Sprache (Massai und Wataturu) und das südliche Vordrängen der reinen Niloten (Wagaya) beeinflusst wurden. Eine sehr junge Einwanderung aus dem Süden stellen die Wangoni vor, die der =Zulu-Gruppe= angehören.

Wenn wir die =Gesammtheit= der Nilquellvölker überblicken so finden wir, dass dieselben sprachlich ziemlich einheitlich sind und durchwegs der Bantugruppe angehören. Für den Linguisten findet sich hier also kein so reiches Material als im abflusslosen Gebiete, wenn auch vielleicht das Studium dieser nördlichsten Bantu-Idiome Ostafrika's geeignet ist auf den Zusammenhang der grossen Bantu-Gruppe mit den hamitischen Sprachen Licht zu werfen.

Ein wahrhaft klassisches Land ist das Nilquellgebiet, besonders Urundi und Ruanda, für den Ethnologen. Hier konnte sich, fern von dem nivellirenden Einfluss der Karawanenstrassen eine primitive Kultur entwickeln, wie sie gleich unverfälscht nur selten zu treffen ist. Auffallende Erscheinungen bieten sich hier in reicher Fülle; ich erwähne nur das Auftreten des Rindenzeuges in einem scharfumgrenzten Gebiet im Herzen Afrika's, welches westlich an Mattenzeug, östlich und nördlich an Fellkleidung grenzt. Das Studium der ethnologischen Thatsachen, welches geeignet ist auf alte, vielleicht sogar egyptische Kultureinflüsse Licht zu werfen, ist jedoch nicht nur wichtig sondern auch in hohem Grade dringlich zu nennen. Denn mit dem Vordringen des Küstenhandels wird das Land mit europäischen Industrie-Artikeln überschwemmt und die einheimische Kultur, die auf Jahrhunderte zurückreicht, geht mit einem Schlage verloren. Dem Pionier freilich, der in raschem Fluge weite Länderstriche durcheilt, ist es nicht möglich die Fülle der Erscheinungen festzuhalten. Dazu bietet sich dem Stationsbeamten, dem Missionar, reiche Gelegenheit, der jahrelang unter einem und demselben Volksstamm lebt. Wie selten aber wird gerade in Deutsch-Ostafrika diese Gelegenheit ausgenutzt!

X. KAPITEL.

Der wirthschaftliche Werth des Landes.

Der Karawanen-Handel. -- Die Massai-Karawanen. -- Der Tabora-Handel. -- Die Manyema-Araber. -- Rohprodukte des Landes. -- Anbaufähigkeit des Gebietes. -- Bevölkerungsdichtigkeit. -- Kulturpflanzen. -- Viehzucht. -- Import. -- Eingeborene und fremde Einwanderung. -- Ostafrikanische Eisenbahnen.

Die Gebiete des tropischen Afrika, welche erst vor wenigen Jahren aus ihrem Dunkel hervorgetreten sind und begonnen haben, für die europäischen Nationen eine praktische Bedeutung zu gewinnen, diese ungeheuren Striche sind ihrem ganzen Wesen nach Zukunftsländer, also solche, deren Werth nicht nach dem bemessen werden kann, was sie heute liefern, sondern nach dem, was sie einmal liefern werden.

Dieser unzweifelhafte Satz ist von Freunden und Gegnern der Kolonial-Politik vielfach unrichtig aufgefasst worden. Während er den ersteren Veranlassung zu den kühnsten Hoffnungen bot, liess er letztere alles schwarz sehen. Gegenwärtig jedoch, wo der erste koloniale Taumel verraucht ist, wo die »Schwärmer« theilweise abgekühlt sind, die Gegner jedoch durch die Thatsachen langsam gewonnen werden, gegenwärtig ist es an der Zeit, koloniale Fragen völlig nüchtern zu erörtern. Der richtige Weg dazu scheint doch immer der zu sein, erst festzustellen, was die fraglichen Länder heute liefern und daraus Schlüsse auf die Zukunft zu ziehen.

Wenn wir nun die weiten Gebiete Deutsch-Ostafrika's überblicken, welche die Massai-Expedition auf ihren Zügen durchstreifte, so finden wir, dass dieselben seit Jahren nur zwei Produkte geliefert haben: Elfenbein und Sklaven. Einzig die Gier nach diesen war es, welche die Araber und Swahíli ins Innere des Kontinentes trieb, einzig und allein diese beiden Produkte riefen den ganzen Karawanenverkehr Centralafrika's hervor.

Von den Karawanen, welche Handelszüge ins Innere unternehmen, sind jene nach den Massai-Ländern und jene auf der Tabora-Strasse ziemlich wesentlich von einander verschieden.

Die =Massai-Karawanen=, die von Mombas, Wanga, Tanga oder Pangani, selten von Sadani ausgehen, sind wahrscheinlich älter als die der Tabora-Route und schlossen sich unmittelbar an den Handel an, der von Makdischu aus mit dem Binnenlande getrieben wurde. Die eigentlichen Unternehmer sind Inder, welche an einen oder mehrere Swahíli Vorschüsse geben, die nach der Rückkehr in Elfenbein ausgezahlt werden müssen. Araber betheiligen sich fast garnicht direkt am Massai-Handel, stellen den Karawanen jedoch vielfach ihre Sklaven als Träger und erhalten dafür einen Antheil von der Löhnung. Die Karawanen sind selten unter 100, oft bis 500 Mann stark und bestehen ausschliesslich aus Küstenleuten, die durchweg mit Vorderladern bewaffnet sind. In Taveta oder Aruscha lösen sich grosse Karawanen in kleine Abtheilungen von 100 bis 150 Mann, oft noch weniger, auf, die dann auf verschiedenen Routen ins Massai-Land vorrücken. Die Linien, welche hauptsächlich begangen werden, sind die folgenden:

Von Taveta oder Ukambani nach Kikuyu und Njemps am Baringo.

Von Aruscha über Ober-Aruscha nach Nguruman und Njemps.

Haben die Karawanen einen Inlandposten erreicht, so gründen sie meist ein befestigtes Lager, von dem aus sie Streifzüge nach der fernen Umgebung machen. Von Unter-Aruscha durchstreift man die Massai-Steppe bis Kiwaya hin, von Ober-Aruscha dringt man über Mutyek nach Elmarau und Ngoroïne vor. Von Nguruman werden Vorstösse nach Sonyo und Ndassekera gemacht und der Naivascha-See ist der Ausgangspunkt für die Routen über Mau nach Kavirondo und nach den Plateauländern von Lumbwa, Nandi und Kossowa. Die wichtigste Station bleibt jedoch Njemps, von der aus Reisen nach Kamassia und Kavirondo, sowie nach Leikipya und zum Rudolf-See unternommen werden.

Das Elfenbein, sowie die Nahrungsmittel, deren die Karawanen bedürfen, werden stets von den Eingeborenen =gekauft=, Gewaltthätigkeiten üben die Massai-Händler niemals aus. Sie sind im Gegentheil den Eingeborenen gegenüber stets der leidende Theil und haben unter Erpressungen und Räubereien schwer zu leiden. Ueberhaupt ist eine Massai-Reise stets ein sehr gewagtes Unternehmen. Wenn auch von Seiten der Eingeborenen, besonders der Massai, heute kaum mehr Gefahren vorliegen, so drohen doch Hunger und Wassermangel in den weiten unbewohnten Strichen und ein Drittel der Leute ist fast immer dem Untergange geweiht.

Ausser Elfenbein bringen die Karawanen stets auch einige =Sklaven= nach der Küste, meist Kriegsgefangene der Eingeborenen, die sie von diesen kaufen oder auch in seltenen Fällen rauben. Früher wurden fast nur Kavirondo- und Wakamba-Sklaven an die Küste gebracht, gegenwärtig, wo die Hungersnoth im Massai-Land wüthet, schliessen sich auch zahlreiche Massai den Karawanen an und werden an der Küste verkauft. Im Allgemeinen ist der Sklavenhandel der Massai-Karawanen ein ganz unbedeutender und fast völlig frei von den Gräueln des Sklavenraubes.

Das Erträgniss dieser Reisen wird mit jedem Jahre geringer. Im deutschen Massai-Gebiet ist das Elfenbein nahezu erschöpft und fast alles, was an die Küste gebracht wird, stammt aus der englischen Interessensphäre. Doch liegen drei wichtige Centren des Massai-Handels, Ober- und Unter-Aruscha und Nguruman im deutschen Gebiet, von welchem allerdings nur Unter-Aruscha im Machtbereich der Kilimanjaro-Station liegt.

Da die Stämme, mit welchen die Karawanen in Verbindung treten Baumwollzeug wenig schätzen, so besteht die durch sie vermittelte Einfuhr fast nur in Eisen- und Messingdraht und Glasperlen. Feuerwaffen und Munition haben sie niemals in irgendwie nennenswerthen Qualitäten eingeführt, wie denn überhaupt ihr Einfluss auf das materielle Dasein der Eingeborenen ein ganz unbedeutender ist. Es liegt dies hauptsächlich darin, dass sie niemals im Innern =dauernde= Niederlassungen gründen, während solche für die Händler der Tabora-Route charakteristisch sind. Auf letzterer bewegen sich auch ständig Handelszüge der Eingeborenen nach der Küste, während von solchen in den Massai-Gebieten keine Rede ist.

Auch für den =Tabora-Handel=, der in Bagamoyo und Sadani seine Hafenplätze hat, sind Inder die eigentlichen Unternehmer. Vor Allem spielt das grosse Sansibar-Haus Tarya Topan eine leitende Rolle, als deren Agenten die hervorragendsten Araber, wie Tippo-Tip in Manyema, Saïd bin Omar in Irangi u. A. zu betrachten sind. Die Karawanenführer, überhaupt die Leiter der Inland-Unternehmungen sind jedoch fast ausschliesslich Araber. Diese haben von jeher das Vorgehen befolgt: Inlands-Stationen zu gründen und von diesen aus ihre kommerzielle Verbindung auf die Umgebung auszudehnen, die dann zur Gründung neuer Niederlassungen führte. So wurden Usagara und Irangi, und später auch =Tabora= begründet.

Um das Jahr 1830 drangen die Araber über Usagara hinaus nach Unyamwesi, begründeten aber erst 10 Jahre später eine Niederlassung in Kigandu, etwa zwei Tagereisen nördlich vom heutigen Tabora. Etwa gleichzeitig wurde Msenne bei Urambo begründet, welches lange Jahre »die Hauptstadt der Küstenaraber und Swahíli« war. Burton, der Msenne 1858 besuchte, fand dort zahlreiche grosse Temben und Hütten im Küstenstyl und konnte sämmtliche Tauschwaaren erhalten. Weit unbedeutender war zu Burtons Zeit =Kazeh=, ein Ort, nach welchem 1852 die Niederlassung in Unyanyembe von Kigandu aus verlegt wurde. 1840 wurde von Msenne aus Ujiji begründet und erst 1846 das heutige Tabora, das Anfangs unwichtig, später alle anderen Niederlassungen überflügelte und lange Zeit der Centralpunkt des Handels war.

Diese Stationen sind nicht nur Handelsniederlassungen, sondern auch Mittelpunkte für die =Elephantenjagd=, das sogenannte =Makua-Geschäft=. Dieses besteht darin, dass ein Araber oder Swahíli mit einem oder mehreren Elephantenjägern in ein Vertragsverhältniss tritt. Die ersten Jäger, welche vom Sultan Seyid Saïd eingeführt wurden, waren Makua, und dieser Name hat sich auf ihre Nachfolger übertragen, obwohl sie allen Stämmen des Küstengebietes und Unyamwesi's angehören. Sie leben in kleinen Gruppen unter Anführung eines »Fundi« (Meisters), welcher den Jagdzauber fertigt von dem alles abhängig gemacht wird. Viele kommen Jahrzehnte lang nicht nach der Küste, manche sind sogar im Innern aufgewachsen, alle werden durch das Leben in der Wildniss zu rauhen, trotzigen Gesellen.

Der Unternehmer versieht diese Leute mit Pulver und Gewehren, dann gehört von jedem erlegten Elephanten ein Zahn den Jägern und einer dem Kaufmann. Auf ihr Elfenbein erhalten die Jäger jedoch meist zu wucherischen Bedingungen Vorschüsse in Bedarfsartikeln, Zeug u. s. w. und kommen aus den Schulden nicht heraus. Dabei wird der Beruf ein immer mühsamerer, denn die Elephanten ziehen sich begreiflicherweise immer weiter in unbewohnte Gebiete zurück und schwinden überhaupt sehr merklich. An Orten wo sie früher zahlreich waren, wie am Gurui-Berg, sind sie nahezu ausgerottet. Die Jäger aus Usagara und Irangi durchstreifen jetzt hauptsächlich die östliche Massai-Steppe und das Umbugwe-Gebiet, jene von Usukuma beuten das Wembere-Gebiet aus und wagen sich in die Nyansa-Gegenden, ja bis Unyoro vor. Von Tabora aus gehen Jäger bis in die Wälder Manyema's.

Neben der Elephantenjagd geht der =Elfenbeinhandel=, welcher die Jagdergebnisse der Eingeborenen erwirbt. Doch machen den Küstenhändlern darin die Wanyamwesi sehr bedeutende Konkurrenz. Die Gebiete westlich am Nyansa und bis Unyoro hin sind fast gänzlich in den Händen der Warambo, jene der östlichen Gebiete werden neuerdings von den Wasukuma planmässig ausgebeutet. Die Araber sind am Victoria-See fast ganz aus dem Felde geschlagen, und der einzige, der neben den Eingeborenen bestehen kann, ist der Irländer Stokes, der sich eben vollkommen der Wanyamwesi-Methode angepasst hat.

Jene Händler, welche sich mit dem Makuageschäft und mit Elfenbeinhandel im Gebiet zwischen der Küste und den Seen abgeben, betreiben nur wenig =Sklavenhandel= und keinen Sklavenraub. In Despotenstaaten wie Ussui und Karagwe, in Ländern fortwährender Fehden wie Unyamwesi, bietet sich stets Gelegenheit zum Ankauf von einzelnen Kriegsgefangenen oder Verurtheilten. Dass ihre Zahl jedoch eine geringe ist, kann man schon aus der verschwindenden Menge von Sklaven aus diesem Gebiet schliessen, die man an der Küste findet. Auf 1000 Sklaven aus Manyema kommt höchstens einer aus Uganda und Unyamwesi und die Zahl der Manyema-Sklaven ist wieder verschwindend gegen die Hochfluth von Menschenwaare aus dem südlichen Schutzgebiet, den Wahiao, Wangindo, Wanyassa u. A., welche die Hauptmasse der Sklavenbevölkerung in Sansibar und an der Küste bilden. In früherer Zeit mag der Sklavenhandel zwischen der Küste und den Seen grössere Ausdehnung gehabt haben. Irgend welche Gewaltthaten waren jedoch kaum jemals direkt damit verbunden. Stets wird der Sklave =gekauft=, wenn auch nicht ausgeschlossen ist, dass die Händler die Eingeborenen zum Abfangen solcher verleiteten.