Durch Massailand zur Nilquelle
Part 18
Wie weit die Beziehungen der alten Egypter nach Innerafrika reichten ist allerdings nicht leicht abzusehen. Jedenfalls ist die Behauptung Stuhlmanns[9], dass ihre Kenntniss des Nil nur bis Wadi Halfa gereicht habe, durchaus irrig und steht im Widerspruch mit dem Ergebniss der egyptologischen Forschung. Am Berge Barkal, also weit oberhalb Wadi Halfa fand Lepsius[10] Tempelruinen, deren älteste aus der Zeit Amenhotep III. (ca. 1500 v. Chr.) stammen. Inschriften, die auch von Brugsch[11] vielfach citirt werden, gaben auf den Denkmälern vom Barkal-Berge Auskunft über jene aethiopischen Pharaonen, die als 25. Dynastie eine Fremdherrschaft in Egypten ausübten.
[9] A. a. O. pag. 847.
[10] Briefe aus Egypten, Aethiopien und der Halbinsel des Sinai, Berlin 1852.
[11] Geschichte Egyptens, pag. 415 und 677 ff.
Weiter südlich, zwischen Nil und Atbara, fand Lepsius die ausgedehnte Ruinenstätte von Meroë mit zahlreichen Pyramiden und am blauen Nil, also oberhalb Chartum beim Dorfe Soba, traf derselbe Forscher[12] eine Statue des Osiris. Dass sich weiter südlich noch keine Denkmäler gefunden haben, kann keineswegs als Beweis angeführt werden, dass den alten Egyptern diese Länder nicht bekannt waren. Denn auch in vielen asiatischen Landschaften, die sie auf ihren Kriegszügen oder Razzias nachweisbar berührten, finden sich keine egyptischen Baureste. Es kann im Gegentheil als erwiesen gelten, dass die Egypter bis tief in den Sudan vorgedrungen sind. Senaar (Essi-n-arti-Flussinsel, nach Brugsch) war ihnen bekannt und ist vielleicht mit dem Reiche Alo oder der Landschaft Asmak identisch, in welcher Psametik egyptische Soldaten ansiedelte. Punt, das Somaliland, wird schon in der ältesten Zeit genannt und eine Landschaft Gureses, die auf den Siegestafeln Tothmes III. (1600 v. Chr.) fungirt, identificirt Brugsch mit Kassala[13]; während derselbe Forscher in den Volksstämmen der Kar oder Kal die heutigen Galla sieht. Aus den geographischen Angaben der altegyptischen Urkunden, die uns besonders Dümichen zugänglich gemacht, liessen sich noch zahlreiche Beweise dafür anführen, dass die alten Egypter im Sudan thatsächlich festen Fuss gefasst hatten. Wie weit von dort aus der Einfluss der egyptischen und der verwandten aethiopischen Kultur bis ins Innere des Kontinents reichte ist heute noch nicht abzusehen. Erst das vergleichende Studium der ethnologischen Belegstücke mit jenen der altegyptischen Kultur scheint geeignet darüber Klarheit zu verbreiten. Jeder, der Innerafrika kennt und unbefangen die Darstellungen der Denkmäler betrachtet, wird unwillkürlich von der erstaunlichen Aehnlichkeit betroffen, welche viele altegyptische Waffen und Geräthe mit solchen Centralafrika's bieten. Besonders die Abbildungen der schwarzen unterworfenen Völker mit ihrer eigenartigen Haartracht zeigen überraschende Analogien.
[12] A. a. O. pag. 163.
[13] A. a. O. pag. 345.
Jedenfalls ist es zweifellos, dass die alten Egypter mit den Stämmen des innersten Afrika's in Berührung traten. Ob diese direkt oder durch importirte Sklaven[14] und Sklavenhändler geschah, scheint von untergeordneter Bedeutung. Jedenfalls hatten sie Gelegenheit sich Kenntnisse über das Quellland des Nil zu erwerben und haben solche auch thatsächlich besessen. Die »Quelle« des Nil bei der Insel Philae wurde im rein symbolischen Sinne aufgefasst, wie auch von Egyptologen wie Dümichen und Lauth[15] anerkannt wird. Letzterer nennt die Quelle bei Philae (Elephantina) einen Quasi-Ursprung, und citirt einen egyptischen Geographen Asamon, der schon in früherer Zeit wusste, dass der Nil aus einem See kam. Auch die bekannten Angaben von Herodot, Diodor und Aristoteles von den Nilsümpfen und Pygmäen, die ja nur aus egyptischen Quellen entsprungen sein können, beweisen uns, dass die Alten von jenen Ländern Kenntnisse besassen. Diese wurden zur Zeit des Ptolemäus ergänzt und erweitert und gaben Nachricht von der Existenz von Seen und schneebedeckten Gebirgen, aus welchen der Nil entspringt.
[14] Zu den Nehasiu-»Schwarzen« der Alten gehörten auch die Pygmäen. Einer derselben wurde unter Pepi II. der 6. Dynastie (ca. 3000 v. Chr.) über Wadi Halfa aus dem »Geisterlande« Innerafrika's eingeführt um bei Trauertänzen zu fungiren (Schiaparelli tomba egiziana della 6. Dynastia pag. 50).
[15] Egyptens Vorzeit pag. 159.
Die =Gesammtheit dieser Gebirge= und nicht ein einzelner Berg, war das =Mondgebirge= und nur die Frage scheint interessant, wie die Alten gerade auf diese Bezeichnung kamen. Die Erklärung, dass Gebel Kamar, Mondberg, zugleich silberner, weisser Berg bedeutet, hat schon Beke widerlegt. Denn sie setzt selbstverständlich voraus, dass Ptolemäus den Namen von den Arabern übernommen und unrichtig übersetzt habe. Nun ist aber das arabische Wort Kamar (Mond), welches allein mit Komr (weiss) verwechselt werden konnte, verhältnissmässig jüngeren Datums und kommt erst im Koran-Arabisch vor. Im hymyarischen, welches zu Ptolemäus und Marinus von Tyrus Zeiten gesprochen wurde, heisst der Mond »warkh«, was eine Verwechslung ausschliesst. Auch nennen die Inder, in deren geographischen Werken das Nilquellgebiet ebenfalls erwähnt wird, die Berge offenbar nach griechischer Quelle Somagiri (Mondberge). Ob allerdings das »Monemugi«, welches Pigafetta und Giovanni Botero im 16. Jahrhundert in Westafrika erkundeten, irgend etwas mit den ostafrikanischen Mwesi-Ländern zu thun hat, scheint mir sehr zweifelhaft.
Jedenfalls ist das Auftreten der Bezeichnung =Mwesi=, =Mond=, in den fraglichen Gebieten in hohem Grade auffallend. Schon Reichard hat auf diesen Umstand hingewiesen und Unyamwesi, das Mondland, geradezu mit den Mondbergen identifiziert. Diese Theorie ist jedoch deshalb irrig, weil der Name Unyamwesi, wie ich nachweisen konnte, kein nationaler, sondern von Küstenleuten und Arabern dem Lande beigelegt ist. Nach der arabischen Geographie vermutheten sie dort ein Mondland und nannten das Land Unyamwesi, ähnlich wie die Salomons-Inseln so getauft wurden, weil man in ihnen das Ophir Salomons zu erkennen glaubte. In Urundi jedoch tritt der Name Mwesi, den schon Burton[16] erkundete, als einheimischer, als Titel des alten Herrschergeschlechtes auf. Dass dieses Wort wirklich »Mond« bedeutet und nicht etwa eine Abart der verbreiteten Bantuform für Häuptling Munyi, Bena u. s. w. ist, ist zweifellos. Denn einerseits ist diese Form im Kirundi durch »Mwami« (Herrscher), die auch im Kiganda auftritt, vertreten, anderseits wurde mir stets ausdrücklich versichert, dass Mwesi »Mond« bedeute und dass das Königsgeschlecht vom Mond herstamme. Mwesi makisavo, der bleiche Mond hiess der letzte Herrscher, mit welchem ich identificirt wurde.
[16] Burton erfuhr von Urundi, dass es ein streng monarchisches Land sei, dessen lichtfarbiger Mwami (Sultan) Mwesi 6 Tage nordöstlich vom Tanganyika an der Kitangule- (Kagera-) Quelle sitze. Das Land galt als vollkommen unzugänglich. (Journal R. G. Soc. 1859, pag. 253.) Es scheint mir wahrscheinlich, dass der Mwesi damals schon eine mythische Persönlichkeit war.
Es liegt mir fern zu behaupten, dass die Missosi ya Mwesi, welche ich an der Quelle des Nil fand, mit den Mondbergen der Alten identisch seien. So sehr diese Bezeichnung mich auch überraschte, so ist es doch mehr als unwahrscheinlich, dass die Alten von dieser Lokalität Kenntniss hatten.
Etwas Anderes ist es, wenn man ganz Urundi in Betracht zieht, das heute noch bei allen Nachbarstämmen =Charo cha mwesi=, =Mondland=, heisst. =Was= der Name Mwesi dem Lande bedeutet, mag aus der Beschreibung der Reise hervorgehen. Darf man nun nicht annehmen, dass dieser Mwesi, dessen blosse Nennung heute noch ruhige Ackerbauer in rasende Fanatiker verwandeln kann, einst noch grössere Bedeutung hatte und dass sein Reich weite Striche im Nil-Quellgebiet umfasste? Ist es undenkbar, dass die Alten, die von den Pygmäen und Nilseen hörten, nicht auch durch dunkle Negergerüchte von diesem »Mondland« vernahmen und nach demselben die Gebirge, aus welchen der Nil seine Wasser sammelt, »Mondgebirge« nannten? --
Wenn wir, zur geographischen Beschreibung zurückkehrend, die Gebiete westlich vom Victoria-Nyansa überblicken, so finden wir dieselben erfüllt von vorherrschend meridional streichenden Gebirgszügen, die als =centralafrikanisches Schiefergebirge= zusammengefasst werden können. Dieselben tragen theils den Charakter durch Erosion vielfach zerrissener Plateaus, theils gliedern sie sich in Kammgebirge. Im Gegensatz zu Unyamwesi ist der Typus der ständig fliessenden Gewässer hier der normale, und periodische Wasserläufe kommen nur vereinzelt vor.
Durch die Wasserscheide zwischen Nil und Kongo ist das Gebiet in zwei klimatisch recht wesentlich unterschiedene Hälften getrennt, von welchen die nördliche, das Nilgebiet, aus wasserreichen Höhen, die südliche, das Gebiet des Mlagarassi, aus trockenen, in ihrem Charakter vielfach an Unyamwesi erinnernden Gebieten besteht.
In hydrographischer Beziehung betritt man, vom Victoria-See kommend, erst das Gebiet des Urigi-Sees, der zeitweise einen Abfluss in den Nyansa besitzen soll und gelangt dann in das Kagera-Nilgebiet.
Von Urundi und Ruanda strömen dem Kagera zahlreiche Bäche zu, darunter auch der ansehnliche Akanyaru, der als wildes Bergwasser in den Missosi ya Mwesi unweit der Nilquelle entspringt und dann in breitem, papyrusreichen Thal, die Grenze zwischen Ruanda und Urundi bildend, gegen Nordost fliesst.
Bekanntlich fungirte der Akanyaru fast zwanzig Jahre lang als »Alexandra-Nyansa« auf den Karten. Stanley hatte nämlich in Karagwe und Ussui von der Existenz eines Nyansa ya Akanyaru gehört und darin sehr begreiflicher Weise einen See vermuthet. Nach meinen Erfahrungen bezeichnen die Eingeborenen jener Striche jedes Gewässer als Nyansa, während der Name für See »Tanganyika« lautet. So wurden mir der Victoria- und Albert-Edward-See als »Tanganyika« bezeichnet, selbst der Urigi-See war für die Leute von Ruanda ein »Tanganyika«. Stets wurde mir versichert, dass ein solcher »Tanganyika«, also ein See, in Ruanda nicht existiere. Nyansa ya Warongo, zweifellos identisch mit dem »Mworongo« Stuhlmanns, ist ein Nebenfluss des Akanyaru. Nach allem, was ich erfuhr, scheint mir die Existenz irgend eines namhaften Seebeckens im Nilquellgebiet so gut wie ausgeschlossen. Das einzige Gewässer, über dessen Charakter ich verschiedene Angaben hörte, ist der =Kifu=, den die einen »Nyansa« (Fluss), die anderen »Tanganyika« (See) nannten. Alle stimmten jedoch darin überein, dass er südlich von den Mfumbiro-Bergen liege und einen Abfluss nach dem Russisi habe, also nicht mehr dem Nilgebiet angehört. Vielleicht ist er mit dem Oso-See Stanleys identisch.
Die Gewässer des Urundi-Plateaus, theilweise schon jene von Ussui zeigen sämmtlich einen gleichförmigen Charakter. Nur grössere Flüsse, wie der Kagera und Akanyaru haben breitere, tiefe Thäler erodiert, sonst zeigt sich bei allen Wasserläufen ein System von Thalstufen. Die engen Thäler sind mit papyrusreichen Hochsümpfen erfüllt, durch welche der Bach träge sickert, um dann in felsigen Schnellen eine Stufe zu überwinden und in ein neues Papyrusthal einzutreten. In Ost-Ussui treten öfter sehr schön erhaltene Felsterrassen an den Thalhängen auf (vid. Kopfleiste des Kapitels), in Urundi sind diese durch die Verwitterung und durch Ueberlagerung mächtiger Lehmschichten verschwunden und die Thäler von steilen, grasigen Hängen eingeschlossen. In Süd-Urundi fehlen die Papyrussümpfe und die Flüsse besitzen in den Absätzen der Stufen etwas breitere Thäler mit Alluvialmassen, welche sie in vielgewundenem Lauf durchschneiden.
Weit wasserärmer als das Nilgebiet ist, wie erwähnt, jenes des =Mlagarassi=, der jedoch selbst ständig Wasser führt und einen merkwürdigen, fast kreisförmigen Lauf besitzt. Er entspringt nämlich in der Landschaft Uganda nördlich von Ujiji, fliesst hierauf, einen Bogen gegen Norden bildend, durch die Landschaften Urundi und Uha, biegt sodann wieder gegen Westen um und mündet südlich von Ujiji in den Tanganyika.
In Uha, wo ich ihn kennen lernte, ist er ein Flachland-Fluss mit breitem Ueberschwemmungsgebiet. Er nimmt dort einige ziemlich wasserreiche Bäche, sonst wohl nur periodische Läufe auf, deren grösster der Igombe ist.
Ueber das Gebiet des =Russisi= konnte ich, wie oben erwähnt, nur gerüchtweise Nachricht einziehen. Von den Urundi-Bergen fliessen ihm zahlreiche wasserreiche Bäche zu. Er soll in der Regenzeit ziemlich weit aufwärts mit Kanus befahrbar sein und keine Schnellen besitzen.
Unweit Ruwenga soll eine heisse Quelle entspringen. Die wenigen Tage, die ich am =Tanganyika= zubrachte, sind nicht im Stande der ziemlich reichen Litteratur über diesen See Neues hinzuzufügen. Von früh 10 Uhr bis Sonnenuntergang wehte im September ein kräftiger Südwind, der in dieser Jahreszeit regelmässig auftreten soll. Das Wasser war leicht brackisch, aber geniessbar. Nach Aussage der Eingeborenen fällt der See stark und breite Sanddünen zeigen die Fläche, die er früher bedeckte. Auch die von Hore und Livingstone gesehene Insel konnte ich nicht mehr wahrnehmen.
Was die =orographische Gliederung= anbelangt, so trifft man in Ost-Ussui leicht gewellte Landschaften, die von einzelnen meist N. N. O. verlaufenden Kämmen durchschnitten werden. Weiter landeinwärts treten diese näher aneinander und nehmen Plateaucharakter an. In Urundi ist das allmählich ansteigende Land durch die Erosion in ein ziemlich regelloses Gewirre von Kuppen verwandelt, in welchem die meridionale Kammrichtung kaum noch erkennbar ist. Den Westrand bildet der riesige, fast 3000 m hohe Wall der Missosi ya Mwesi, der jenseits steil nach dem Centralafrikanischen Graben abstürzt.
Durch den Tanganyika und das Russisi-Thal, durch den Albert-Edward- und Albert-See charakterisirt, bildet der =Centralafrikanische Graben=, wie schon Dr. =Hans Meyer= ausgeführt, eine mehr lokale aber kaum weniger grossartige Störungslinie als der Ostafrikanische. Die Seen sind sämmtlich durch leicht brackisches Wasser ausgezeichnet und der Tanganyika legitimirt sich durch die Fauna deutlich als Relicten-See. Zum Unterschied vom ostafrikanischen Graben, bei welchem der Westrand allein durchwegs scharf ausgeprägt ist, scheinen hier beide Ränder in gleicher Deutlichkeit aufzutreten. Am Tanganyika sowohl wie am Albert- und Albert-Edward-See tritt der Westrand als schroffe Mauer auf; ebenso präsentirt sich der Ostrand im Süden als die Missosi ya Mwesi, im Norden als Ruvensori bis über die Schneegrenze aufragend.
Die von Suess vermuthete Aufwulstung der Grabenränder, tritt hier bei den Randgebirgen deutlich auf. Ueberall bildet die Höhe des Abfalls auch die Wasserscheide, auf der einen Seite die des Kongo, auf der anderen die des Nil, dessen Ursprung sich in nächster Nähe des Grabens befindet. Aehnlich wie der Gurui sich in der Sohle des Ostgrabens erhebt, so ragen hier die Mfumbiro-Vulkane auf, einen deutlichen Beweis für den Bruchcharakter dieser Senkung liefernd.
Von dem östlichen Randwall des Tanganyika zweigt jener Kamm ab, welcher die Wasserscheide zwischen Kagera und Mlagarassi bildet und erst steil und felsig ist, dann immer mehr abflacht. Südlich davon sind nur niedrige Hügelzüge vorgelagert, aus welchen man in das Flachland von Unyamwesi tritt.
Der =geologische Bau= ist durch das Vorherrschen krystallinischer Gesteine bezeichnet; nur selten und meist an grossen Flussläufen, wie dem Kagera und Akanyaru, werden die liegenden plutonischen Gesteine, Granit und Diabas, durch die Erosion blosgelegt. In Ussui und Urundi bis zum Akanyaru ist Quarzit vorherrschend mit meist N. N. O. -- S. S. W.-Streichen und steilem W. N. W.-Fallen. Derselbe ist vielfach mergelich verwittert und oft mit dicken Lateritmassen überlagert. Vereinzelt tritt Gneiss, Glimmerschiefer und Urthonschiefer in gleicher Lagerung auf, letzterer am Muhembaberg graphithaltig. In Ruanda tritt Gneiss auf, während im südlichen Urundi wieder Quarzit vorherrscht. Auch in Uha steht krystallinisches Gestein an, welches vielfach eisenschüssig verwittert ist und sich an das Granitgebiet von Unyamwesi anschliesst. --
Wahrscheinlich paläozoische Sedimente treten an einigen Punkten Urundi's auf, Kalke fand ich nur in Uha, doch sollen solche auch bei Ruvenga am Westufer des Tanganyika anstehen.
Das =Klima= ist in ganz auffallender Weise durch die Wasserscheiden beeinflusst, indem das Gebiet des Kagera fruchtbar und reicher an Niederschlägen ist als das Tanganyika-Gebiet, während das Urigi-Gebiet etwa die Mitte zwischen beiden einhält. -- Der Grund liegt wohl hauptsächlich in der verschiedenen Seehöhe, möglicherweise auch in herrschenden Windrichtungen, deren Erforschung der Zukunft vorbehalten bleibt.
An das Klima ist die Vegetation gebunden, welche den =Landschaftscharakter= bestimmt. Durch einen Steppenstreifen ist das Nyansa-Ufer von Ussui getrennt, ein vorherrschend offenes, grasiges Gebiet in dem nur Siedelhaine und vereinzelt hohe Laubbäume aufragen. Diese verschwinden im centralen Ussui, das einen sehr dürren Charakter mit rothem, eisenschüssigem Gerölle und spärlichem Gestrüpp an den Hängen besitzt. West-Ussui und Urundi sind fast ganz Weideland, mit Wiesen die alljährlich abbrennen und deren Eintönigkeit nur durch die dunkelgrünen Papyrus-Sümpfe und Siedelhaine unterbrochen wird. Erst an den Hängen der Missosi ya Mwesi tritt Bergwald mit zahlreichen Bambus auf. Das südliche Urundi, welches schon dem Mlagarassi-Gebiet angehört, ist ziemlich trocken und steinig. Uha ist ein Waldland; auf ungeheuren Strecken bedeckt mit wasserarmen, lichten Laubwäldern, in welchen Caesalpiniaceen vorherrschen und welche als Miombowälder in das östliche Unyamwesi übergreifen. Die einzige Unterbrechung dieser Wälder bilden in Uha ausgedehnte, zur Regenzeit versumpfte Savannen. Da das ganze Gebiet mehr oder weniger dicht besiedelt ist, so ist Wild ziemlich spärlich und findet sich nur in den Wildnissen von Uha. --
Wenn wir das ganze Gebiet überblicken, so finden wir in demselben eine uralte Kontinentalmasse, in welcher Sedimente nur eine untergeordnete Rolle spielen und die durch das Vorherrschen primärer Gesteine ausgezeichnet ist. Die gebirgsbildenden Motoren, die in Europa und Asien durch Faltung das Antlitz der Erde veränderten, übten hier keine wahrnehmbare Wirkung. An ihre Stelle traten grossartige Störungslinien, welche das Land, in geologisch jüngster Zeit, in einzelne Schollen zerrissen und es zu einem der merkwürdigsten und bedeutungsvollsten Gebiete der Erdoberfläche machten.
VIII. KAPITEL.
Die Völker des abflusslosen Gebietes.
Die Massai. -- Die Wandorobo. -- Die Wataturu. -- Die Wafiomi. -- Die Wambugwe. -- Die Wanyaturu. -- Die Wassandaui. -- Wanderungen der Stämme.
Wie aus der allgemeinen Beschreibung hervorgeht, ist das abflusslose Gebiet durch das immerhin bedeutende Auftreten von Steppenstrichen bezeichnet. Zwar sind dieselben nicht annähernd so ausgedehnt als man vermuthete und viele Gegenden, die als Wüsten bezeichnet wurden, erwiesen sich als ausserordentlich fruchtbar, ja mit als die besten Länder Ostafrika's. Aber immerhin ist das Gebiet, welches menschlicher Siedelung einen günstigen Boden bietet, ein beschränktes und selbst von diesem ist nur ein geringer Theil ständig bewohnt, das übrige bildet den ungeheuren Weide- und Jagdgrund nomadischer Volksstämme. Gerade die schwierige Zugänglichkeit des Gebietes hat jedoch seine Bewohner in einer Ursprünglichkeit und Unberührtheit erhalten, wie sie in heutiger Zeit nur selten anzutreffen ist.
Mehrere der Stämme des abflusslosen Gebietes werden hier zum ersten Mal genannt, von den meisten anderen kannte man nur den Namen, ohne von ihrer Lebensweise und ihrer ethnographischen Zugehörigkeit auch nur das Geringste zu wissen, da kein Reisender dieselben vorher gesehen hatte.
Dies ist allerdings nicht bei jenem Stamme der Fall, der dem ganzen Gebiete gewissermaassen seinen Stempel aufgedrückt hat, bei den =Massai=. Gründliche Forscher, wie Krapf, Dr. Fischer, Thomson und v. Höhnel, haben diesen Stamm in seinen nördlichen Wohnsitzen kennen gelernt und bei der ausserordentlichen Einheitlichkeit der Massai haben die Beschreibungen die sie entworfen im Allgemeinen auch für unser Gebiet Geltung. Dabei haben diese Forscher die Massai in ihrer Glanzperiode gesehen, während ich auf der letzten Reise sie im tiefsten Elend fand.
Wenn ich dennoch nachfolgend eine Beschreibung dieses merkwürdigen Hirtenvolkes gebe, so geschieht dies, weil ich durch monatelangen, täglichen Verkehr mit den Massai-Hirten der Expedition, sowie durch einen selten vorzüglichen Dolmetsch in der Lage war, manches zur Ergänzung der Berichte obengenannter Reisenden zu erfahren.
Die =Massai-Völker= zerfallen in zwei Gruppen, die =Mbarawui=, von den Küstenleuten =Wakuavi= genannt und die Massai im engeren Sinne. Die Sprache der beiden Stämme ist dialektisch verschieden, auch finden sich Unterschiede in den Sitten und vor Allem ist das Stammesbewusstsein beider Völker so stark ausgeprägt, dass eine Unterscheidung derselben berechtigt erscheint. Der Swahíli-Name »Mkuavi« wurde mir von einem gleichnamigen hohen Laubbaum mit rothen Früchten abgeleitet, der in Bondeï und im Hinterlande von Mombas gedeiht und von den Waschambaa Mambia genannt wird. Nach diesem Baum benannten die Küstenleute die hochgewachsenen Mbarawui, das erste Massai-Volk mit dem sie in Berührung kamen.
Die Nachrichten, welche ich über die Kämpfe dieser beiden Stämme erfuhr, lassen sich so ziemlich mit den von Thomson erkundeten in Einklang bringen.
Die Mbarawui sassen ursprünglich zu beiden Seiten des Pare-Gebirges und wohl auch in der Kiwaya-Steppe, von wo aus sie das Küstengebiet zu verheeren pflegten. Die Massai lebten am Manyara-See, in der Sogonoi-Gegend, in Kisongo und nordöstlich vom Kilimanjaro bis Ukambani hin. Nach Thomson litten die Wakuavi sehr unter Dürre und hatten sich eine Niederlage von den Wagogo geholt. Wie man mir mittheilte, drängten die von Süden kommenden Wambugwe auf die Massai und vertrieben sie vom Manyara. Mag nun dieser, oder ein anderer Grund als Veranlassung gedient haben, genug, die Massai bekriegten die ohnehin geschwächten Wakuavi und vertrieben sie aus ihren Wohnsitzen. Ein Theil wurde versprengt und fand in Usegua, Unguu sowie im Pare-Gebirge (als Wambugu) eine Zuflucht als halbansässige Viehzüchter oder schloss sich den Bantu-Ackerbauern von Taveta, Kahe, Ober- und Unter-Aruscha an. Der grösste Theil der Wakuavi zog jedoch nach Nguruman, wo damals noch keine Massai lebten. Dort theilten sie sich: eine Abtheilung besiedelte Ndare Serian (Friedens-Schaf) am Ngare dabash, die andere die Gegenden am Naivascha-See, vor Allem Guas Ngischu. Dort fand der von Thomson erwähnte Verzweiflungskampf mit den Massai statt. Besiegt zog die Hauptmasse der Guas Ngischu-Wakuavi nach Leikipya, dem »Neuland«, wo sie mit der Zeit wieder grosse Macht erlangten. Andere schlossen sich den Bantu (Wassegeju) von Nguruman und Sonyo, andere den, wahrscheinlich den Kamassia verwandten Urbewohnern von Njemps am Baringo und den Kavirondo an. Theilweise gingen sie in diesen Ackerbaustämmen auf, nicht ohne denselben in Tracht und Sitten, vielfach selbst in der Sprache ihr Gepräge aufzudrücken. Auch in Ngoroïne findet man zahlreiche angesiedelte Wakuavi.
Erst nach Verdrängung der Wakuavi aus Guas Ngischu besiedelten die Massai das Plateaugebiet, Mutier, Ndasekera und Serengeti, die ursprünglichen Wohnsitze der Wataturu.