Durch Massailand zur Nilquelle

Part 19

Chapter 193,505 wordsPublic domain

Das weite Massai-Land, welches früher der ungeheuere Weideplatz der Massai-Heerden war, ist jetzt in verschiedene Distrikte wie Kiwaya, Simangiro, Mutyek u. s. w. getheilt, deren jeder ein bestimmtes Schildwappen führt, an dem sich die Krieger erkennen. Innerhalb der einzelnen Distrikte sind stets fast alle Massai-Stämme vertreten, die als mehr oder weniger vornehm gelten und wahrscheinlich noch aus der unbekannten Urheimath der Massai stammen. So giebt es überall Vertreter der Stämme Muleïlyan, Leisseri, Leitoyo, Mamasita, Mágesen, Marumwai, Lugumai, Maguveria und des Schmiedestammes der Elkonono, die ebenfalls Massai sind, aber von den anderen verachtet werden.

Die Massai sind meist hochgewachsen, schlank und langbeinig. Ihre Körperformen sind selten voll, sondern auch bei Männern vielfach zart und weibisch, doch oft von grosser Schönheit. Dennoch besitzen sie bedeutende Muskelkraft und Ausdauer. Die Extremitäten sind zierlich und schmal, die Haut ist meist dunkler als chokoladebraun und erstaunlich weich und sammetartig. Der Gesichtstypus variirt sehr. In Sogonoi und Kiwaya, also im Steppengebiet, findet man oft negerhafte Züge, hier treten auch vollere Körperformen auf. Fast rein hamitisch sehen die Plateau-Massai, also die von Mutyek und Serengeti aus. Dieselben haben regelmässige Züge, schmale Nasen und glänzende, schwarze Augen die manchmal leicht schiefgestellt sind. Im Alter werden die Züge hart und oft adlerartig scharf. Häufig trifft man sogenanntes Hamiten-Haar. Wenn der Kopf frisch rasirt ist, so erscheint das nachwachsende schwarze Haar bis zur Länge von ca. 1 cm völlig glatt und bekommt dann erst eine leichte Kräuselung, die an die Kraushaare mancher Europäer erinnert. Beim echten Wollhaar erscheinen dagegen schon die ersten Haaransätze gekräuselt. Dieses, an der Küste bei Mischlingen von Arabern und Negern nicht seltene Hamiten-Haar findet sich bei den Plateau-Massai häufig, etwas seltener bei jenen des Tieflandes die häufig Wollhaare haben.

Im Allgemeinen machen die Massai den Eindruck eines hamitischen Stammes, der in verschiedenen Gegenden mehr oder weniger starke Blutmischungen mit Bantu erhalten hat. Den tiefschwarzen, typisch negerhaften Sudanesen, welchen sie sprachlich so nahe stehen, gleichen sie physisch in keiner Weise.

Das Haar wird von jungen Leuten kurz getragen. Krieger lassen dasselbe lang wachsen und flechten es in fadendünne Strähnen, so dass es von weitem wie schlichtes Haar aussieht. Diese Strähnen werden mit Fett und rother Lehmfarbe eingerieben und verschiedene Frisuren daraus geflochten, bei welcher die mit langem, bastumwundenen Zopf überwiegt. Die eigenthümliche Art der Beschneidung (Incision) beschreibt Thomson ausführlich.

Die Weiber tragen den Schädel rasirt. Die beiden oberen, vorderen Schneidezähne werden bei beiden Geschlechtern vorgebogen, die entsprechenden unteren ausgebrochen, doch ist diese Sitte nicht mehr allgemein üblich. Die Ohrläppchen werden durchlöchert und bis zur Länge von 10 cm und darüber ausgedehnt. Darin tragen die Krieger Eisenspiralen, an welchen Kettchen hängen, die Weiber tellerförmige Eisenspiralen, die oft so schwer sind, dass sie durch einen über den Schädel gelegten Riemen gehalten werden müssen.

Um den Hals tragen die Weiber Bänder aus steifem Leder, auf welchen weisse und rothe Glasperlen genäht sind und von denen Eisenkettchen und Glasperlen herabhängen, die Verheiratheten auch einen tellerförmigen Kragen von dickem, gewundenem Eisendraht. Am Oberarm tragen die Krieger ein Armband aus Horn, am Unterarm manchmal einige Glasperlen. Die Weiber umwinden sich den Unterarm und Unterschenkel mit mächtigen Manschetten aus Eisendraht.

Die =Kleidung= besteht bei Kriegern aus einem kurzen Lederüberwurf, der die linke Schulter freilässt und niemals die Schamtheile bedeckt. Der selbe ist manchmal aussen behaart und aus verschiedenfarbiger Rindshaut gefertigt. Oefter tragen sie am Hintertheil ein dreieckförmiges Schürzchen als Sitzmöbel. Die älteren Leute haben längere Ledermäntel, ebenso die Weiber, deren, den Busen verhüllende Lederkleidung an den Hüften durch einen Gürtel zusammengehalten wird. An den Füssen trägt man häufig kräftige Ledersandalen.

Der Kriegsschmuck der Massai ist schon oft beschrieben und abgebildet worden. Gerade diese zahlreichen Abbildungen können jedoch die Ansicht hervorrufen, dass dieser wilde, aus Colobusfellen, Straussfedern u. s. w. gebildete Kriegsschmuck allgemein getragen wird. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Ich habe auf dieser und auf meinen früheren Reisen öfter Massai am Kriegspfade gesehen, aber nicht einen einzigen im vollen Kriegsschmuck. Einer oder der andere -- von 100 Kriegern etwa ein Dutzend -- trugen den bekannten Federschmuck aus Straussfedern, der das Gesicht einrahmt, die übrigen zogen in gewöhnlicher Tracht ins Feld und bemalten sich höchstens mit weissem Mergel an den Beinen.

Körperbemalung ist überhaupt allgemein üblich und wird mit Fett und rother Lehmfarbe ausgeführt. Eine Körperreinlichkeit kennen die Massai nicht. Mein ältester Rinderhirt, ein weisshaariger Elmoruo, gestand mir ein, dass er sich im Leben noch nie gewaschen habe. Deshalb wimmeln denn auch die Haare, Lederkleider, ja selbst der Eisenschmuck der Weiber von Ungeziefer.

Durch =Krankheiten= wurden die Massai früher wohl nicht viel geplagt, die empfindlichsten waren die Augenleiden, welche durch die zahllosen Fliegen verbreitet werden und oft zur Erblindung führen. So zäh und gesund die Massai im eigenen Lande sind, so wenig widerstandsfähig zeigen sie sich in anderen Klimaten. Am besten halten noch die Steppen-Massai einen Klimawechsel aus, die Plateaubewohner gehen jedoch überall in der Niederung, besonders an der Küste oder am Victoria-Nyansa, rasch ein. Gegenwärtig leiden alle Massai an einer grossen Krankheit: dem Hunger.

Was den =Charakter= der Massai anbelangt, so ist für denselben vor Allem ein grosser Eigendünkel bezeichnend, der sie auf alles, was nicht Massai ist, mit Verachtung blicken lässt. Besonders die Krieger haben eine stolze, freie Haltung, blicken jedem Fremden gerade ins Auge und bringen dadurch, im Gegensatz zu anderen Schwarzen, einen angenehmen Eindruck hervor. Sie wirken auch auf ihren Raubzügen hauptsächlich durch den moralischen Eindruck eines trotzigen, rücksichtslosen Vorgehens, dem schwache Gemüther nicht gewachsen sind. Wo sie aber auf kräftigen Widerstand stossen, wie z. B. bei den Wambugwe, verwandelt sich ihre »Kühnheit« sofort in jämmerliche Feigheit.

Der nomadischen Lebensweise entsprechen die =Wohnsitze=, oder besser gesagt die Lager der Massai. Sie bestehen aus 40 bis 60 kreisförmig angeordneten Hütten, die einen Viehhof umsäumen. (Abb. pag. 32). Die Hütten haben oblongen Grundriss, sind ca. 1,20 m hoch und durch ein Gerippe von Zweigen gestützt. Dieses wurde früher mit Kuhmist und Lehm, jetzt meist mit Stäbchenmatten und Fellen überzogen. Das Thor, durch welches man seitlich, wie in ein Schneckenhaus, eintritt, liegt an der Innenseite, der Hüttenraum ist in zwei Theile getheilt.

Beim Abzug bleiben diese Hütten stehen und finden sich als Wahrzeichen früherer Siedelungen überall im Massailand verstreut. Nur Felle und Hausgeräth werden auf Esel und Rinder gepackt und mitgenommen.

Das ganze Leben der Massai dreht sich um die =Viehzucht=, die =Jagd= war früher nahezu verpönt und wird erst in neuerer Zeit auch von den El Moran (Kriegern) betrieben. Die Hauptpflege wurde den Rindern zu Theil, deren Zahl durch die Raubzüge ungeheuer anwuchs. Daneben hält man auch Ziegen, Schafe und Esel. Die Zuchtwahl scheint den Massai nicht unbekannt, wenigstens sah ich öfters Schafböcke, welchen man steife Lederschürzen umgebunden hatte, um eine Fortpflanzung zu verhindern. Die Rinder gehören durchweg der Zebu-Rasse an, Anklänge an den bei den Watussi auftretenden Sangatypus der Galla-Länder fehlen gänzlich. Der Grund liegt jedenfalls in den Raubzügen, die den Massai massenhaft Rinder der ansässigen Völker zuführten, wobei etwa vorhandene ursprüngliche Formen aufgingen. Die Esel sind kräftig, untersetzt, von grauer Farbe und sehr ausdauernd. Bei den Krankheiten der Hausthiere werden verschiedene Arzneimittel angewendet. Den Rindern pflegt man mit einem eigenen kurzen Pfeil eine Ader zu öffnen, um deren Blut zu trinken, hierauf wird die Wunde wieder zugeheilt. Die Tödtung der Rinder geschieht durch einen Stich ins Genick. Das Melken der Kühe ist nur Nachts gestattet.

An =Geräthen= besitzen die Massai sehr wenig und nichts selbst gefertigtes, mit Ausnahme der Schmucksachen. Schlechte Thontöpfe liefern ihnen die Wandorobo, Kalebassen erhalten sie von den ackerbautreibenden Stämmen. Als =Waffen= dienen den Kriegern Speer, Schild, Schwert und Keule, den älteren Männern Bogen und Pfeile. Die Eisengeräthe fertigen die Elkonono, doch glaube ich nicht, dass dieselben das Herstellen von Eisen aus dem Erz verstehen. Vielmehr wird Eisen meist als Eisendraht von Karawanen importirt oder in anderer Form von Ackerbauern bezogen. Die schönsten der grossen breitklingigen Massai-Speere machen übrigens gar nicht die Massai, sondern die Wadschagga und Ober-Aruschaner, die auch die Eisen- und Kupferkettchen fertigen. Der Schild wird aus Büffelhaut von den Wandorobo gefertigt und mit Erdfarben in den Wappenmustern bemalt. Dieselben gelten für bestimmte Distrikte, z. B. kann man einen Mutyek-Schild sofort von einem aus Sogonoi erkennen. Die Keule ist aus hartem Holz und dient weniger als Waffe, als zum agiren bei Reden, sie wird auch meist nur von Anführern getragen. Die Elmoruo (die älteren Leute) tragen leichte Bogen und Pfeile in Holzköchern.

Bei der =Geburt= eines Kindes umgeben verwandte Frauen die Wöchnerin, Männer dürfen die Hütte nicht betreten. Knaben sind beliebter als Mädchen, doch soll Kindesmord niemals vorkommen. Ist die Geburt glücklich vorüber, so wird für den Vater ein Rind, für die Mutter ein Schaf geschlachtet. Der Knabe, Layok, läuft völlig nackt und erhält Unterricht im Viehtreiben und Speerschwingen, manchmal wird er wohl auch bei Kriegszügen mitgenommen. Das Mädchen, Ndoye, verbringt die Jugend bei der Mutter, bis sie mit ca. 12 bis 13 Jahren als Ndito in den Elmorankraal kommt. Auch der Knabe wird schon mit 16 Jahren für erwachsen gehalten, was durch ein Fest gefeiert wird. Die älteren Leute versammeln sich, schlachten ein Rind und trinken drei Tage lang Honigwein. Dann werden die jungen Leute durch einen Kundigen -- nicht den Zauberdoktor (Laibon) -- nach Massai-Art beschnitten und die Zähne und Ohren in der oben erwähnten Weise behandelt. Bis zur Heilung der Wunde leben sie abseits im Busch und nähren sich von kleinen Vögeln, deren Bälge sie um den Kopf gewunden tragen.

Dann wird der junge Mann in den =Elmorankraal= aufgenommen und lebt zusammen mit den Nditos. Zeugt er ein Kind, so ist es üblich, dass er das Mädchen heirathet und Elmoruo wird, doch kann er sich auch durch ein Geschenk an den Vater loskaufen. Die Nahrung des Elmoran ist eine rein animalische; ausser Fleisch, Blut und Milch darf er nur Honig und Zuckerrohr geniessen. Wildfleisch und vor allem Getreide sind ihm gänzlich verpönt, so dass derjenige, welcher als Krieger »Ngúruma« (Getreide) isst, keine Frau bekommt. Das Blut wird in der oben beschriebenen Weise direkt aus der Ader des Rindes getrunken. Fleisch wird an Stöcken gebraten. Milch wird im Allgemeinen nicht gekocht, nur für Verwundete mit Blut vermischt und warm gemacht, ein Gebrauch, der jedoch von Fremden (Wagogo?) entlehnt sein soll. Sonst darf der Elmoran am selben Tage nicht Fleisch bezw. Blut und Milch zusammen geniessen.

Aller Nahrung wird ein aus einer Akazienrinde gewonnenes Mittel »Mokota« beigemengt, welches Erbrechen und Abführen, sowie bei reichlichem Genuss eine Art Berserkerwuth hervorbringt, in welcher die Krieger vor Aufregung zittern und wobei ihnen Speichel aus dem Munde fliesst. Fleisch mit Mokota und Milch soll jedoch Ruhr erzeugen, woher der obige Gebrauch stammt, an demselben Tage entweder nur Fleisch oder nur Milch zu geniessen. Auch die Weiber, vor allem die Nditos, geniessen Mokota, dürfen aber auch Pflanzenkost zu sich nehmen.

Im Kraal selbst darf keine Nahrung genommen werden. Um ein Rind zu schlachten, ziehen die Krieger mit einigen Nditos in den Busch, errichten mehrere leichte Grashütten und verschlingen dann unglaubliche Mengen Fleisch. Grosse und kleine Bedürfnisse verrichten die Massai stehend mit ausgespreizten Beinen.

Der Austritt aus dem Elmoran-Verbande erfolgt in verschiedenem Alter, meist jedoch früh, mit ca. 30 Jahren. Dem Massai behagt das Elmoran-Dasein, welches in Kriegszügen und faulem Umherlungern mit den Nditos getheilt ist. Die Väter jedoch, besonders wenn sie grosse Heerden besitzen, sehen ihre Söhne nicht gern in diesem unsteten, gefährlichen Stande und entführen sie nicht selten mit Gewalt aus dem Kraal; das Wahrzeichen des Elmoran, das Haar, wird abrasirt und der Elmoruo, alte Mann, ist fertig. Wer freilich einen armen Vater hat und auch bei den Raubzügen nicht viel Rinder bekommt, der bleibt bis in reiferes Alter Elmoran.

Der =Elmoruo= muss sich sofort um eine Frau umsehen, die er aus den Nditos seines eigenen Stammes erwählt. So heirathet ein Muleïlyan nur eine Muleïlyan, nicht aber etwa eine Leiseri. Der übliche Brautpreis besteht aus zwei Kälbern, zwei Kühen, einem grossen Stier, einem Ochsen und einer Kuh mit kleinem Kalb. Am Hochzeitstage wird ein Ochse geschlachtet. Die Brautleute verbringen hierauf drei Tage in einer Hütte; isst der Mann, so darf die Frau nicht zusehen und umgekehrt. Für die Nahrung des Elmoruo besteht ebensowenig eine Vorschrift, wie für die der verheiratheten Frauen, Siangiki. Auch darf er Honigwein trinken und Tabak schnupfen. Letzteres ist dem Massai-Elmoran verboten, dem Mbaravui- (Wakuavi) Elmoran dagegen gestattet. Die Elmoruo und Siangiki geniessen auch Mokota, doch in geringen Mengen. Vielweiberei ist üblich, Scheidung häufig und mit keinen Umständen verbunden. Den Männern liegt hauptsächlich die Viehzucht ob, den Weibern das Erbauen der Hütten und Treiben der Esel auf der Reise.

Bei =Krankheiten= werden verschiedene Arzneimittel, vor allem die Universalmedizin Mokota gegeben, auch pflegt man den kranken Theil zu massiren und mit Dornen zu stechen. Dagegen ist das sonst so verbreitete Schröpfen und Klystiren unbekannt.

Ein =Todter= wird mit Rindsfett bestrichen, in eine Haut gehüllt und unweit des Kraals ausgesetzt. Wenn ihn die Hyänen nicht gleich am ersten Tage fressen, so gilt dies als Unglückszeichen; es werden vier Rinder geschlachtet und das Fett auf den Todten gestrichen.

Der Familie, Weib und Kind, ist der Massai sehr zugethan und man kann oft harte Krieger plötzlich zur tiefsten Rührung übergehen sehen, wenn sie lange vermisste Familienglieder wiedersehen. Mit diesem anscheinend gutmüthigen Zug kontrastirt ihre Blutgier allen Fremden gegenüber, welche sie nicht nur bewaffnete Feinde, sondern auch gänzlich Wehrlose niedermachen lässt.

Ein eigenthümlicher Zug der Massai ist ihre Frömmigkeit und das feste Vertrauen, welches sie =Ngai=, dem Ueberirdischen, Gott, entgegenbringen. Das Ngai wirklich als Gott aufzufassen ist erscheint zweifellos, und wenn Thomson anführt, dass die Massai beim Anblick von etwas ihnen Ungewöhnlichem, z. B. einer Lampe, »Ngai« rufen, so ist darin ebensowenig etwas verwunderliches wie wenn der Mohammedaner im gleichem Falle »Alah« ruft. Der Massai will damit keineswegs sagen, dass die Lampe Ngai sei, sondern nur seinem Erstaunen über etwas für ihn so Uebernatürliches Ausdruck geben. Ngai hat seinen Sitz in der Höhe, im Himmel, er wird stehend mit erhobenen Händen, in welchen man Grasbüschel hält und mit dem Ruf »Ngaieh!« verehrt. Vor jedem Kriegszug, sowie überhaupt in allen Lebenslagen kann man die Massai derart beten sehen.

Die Sterne, welche Nachts am Himmel blinken sind Augen Ngai's, der auf die schlummernden Massai herabblickt. Eine Sternschnuppe bedeutet den Tod eines Menschen; dann flehen sie, dass kein Massai sondern ein Feind, ein Mangati sterben möge. Die Massai sind überhaupt das auserwählte Volk Ngai's, ihnen hat er alle Rinder zugewiesen und sie üben nur ihr Recht aus, wenn sie den Feinden die ihrigen wegnehmen. -- Merkwürdig ist die Auffassung der Jahreszeiten. Während der grossen Regenzeit, ngokwa (den Mvuli der Swahíli), wo die Rinder fett werden, freut sich Gott und vergiesst Freudethränen. Im Blitz zeigt er seinen furchtbaren Blick, der Donner ist sein Freudengeschrei über das was er gesehen, dann folgt der befruchtende Regen. In der kleinen Regenzeit, ndumure (den Masika der Swahíli), wo die Rinder abmagern, weint Ngai vor Schmerz über die Gleichgültigkeit der Massai. Je länger die Masika dauert, desto grösser ist seine Trauer, die sie durch Gebet zu besänftigen suchen.

Die Sonne betrachten die Massai als einen Mann der auf einem Wege gegen Westen zieht, jedoch im Osten wohnt. Im Westen taucht er in eine Höhle und besucht seine Frau, den Mond. Dann eilt er auf hoher Brücke, den Blicken unsichtbar, wieder nach Osten, um Morgens wieder gegen Westen zu ziehen, wohin ihm der Mond schon vorausgeeilt ist. Als vornehmster Stern gilt Kilekeen, der Morgenstern.

Ein Leben nach dem Tode wird von allen Massai geleugnet. Die bösen Wald- und Felsengeister, die durch Bestreuen ihrer Wohnsitze mit Gras oder Steinen versöhnt werden, gelten nicht wie bei den Bantu als Geister der Verstorbenen, sondern als Kinder Gottes, der jedoch selbst gut ist. Dieser Gruppe gehört wohl auch der Geist Neiterkop an, den Krapf erwähnt, von dem ich jedoch nichts erfuhr. --

Den Verkehr mit Ngai vermittelt der =Laibon=, Zauberer, der überhaupt die bedeutendste Rolle im Distrikt spielt. Sein Schüler und Nachfolger ist der Leigwenan, der Anführer der jungen Krieger, der, wenn er über mehrere Kraals steht, Leitunu genannt wird. Der Laibon macht die Kriegsmedizin und weissagt aus Ziegendärmen, auch verabreicht er Heilmittel und sucht Ngai zu veranlassen die Regen günstig einzutheilen. Vor und nach jedem Kriegszug erhält er von den Kriegern Rinder. Der Laibon geniesst sein Leben lang nur Elmoran-Kost und Honigwein. Er hat Weiber, besucht sie jedoch nur insgeheim, seine Hütte darf kein Weib betreten. Manche Laibons sollen verschiedene Kunststücke machen, sich mit Speeren durchbohren u. s. w. Ein verstorbener Laibon wird im Gegensatze zum Allgemeingebrauch begraben; das Grab, das mit grossen Steinen bedeckt wird, bewacht der Stamm drei Monate lang.

Der oberste Laibon, gewissermaassen ein Massai-Papst, ist der =Mbatyan=, der stets westlich vom Kilimanjaro residirt. An diesen glauben alle Massai, nicht aber die Mbaravui (Wakuavi). Der Mbatyan ist stets einäugig, der Vater pflegt dem Sohn ein Auge auszuschlagen, um ihn zu der Würde geeignet zu machen. Alle Massai bringen ihm Rinder, erflehen seine Fürbitte bei Kriegszügen und betrachten ihn mit grosser Ehrfurcht.

Zeitpunkt und Richtung der =Kriegszüge= werden vom Laibon und Leigwenan bestimmt; letzterer ist der Anführer. An den Zügen betheiligen sich Elmoran und meist auch eine Anzahl Elmoruo. Eine Rinderheerde wird als Proviant mitgetrieben und im Dauermarsch werden ungeheure Strecken zurückgelegt. Immerhin hätten die Massai wohl niemals solche Erfolge erringen können, wenn sie es nicht verstanden hätten, unter den sesshaften Völkern selbst Bundesgenossen zu erwerben, die ihnen Zuflucht gaben und sie mit Führern versahen. Für Unyamwesi und Usukuma spielte Mtinginya von Usongo diese Rolle.

Der Angriff des Massai erfolgt meist überraschend und sehr energisch. Besonders wo Heerden unter wenigen Hirten weiden gelingt es ihnen fast immer sie zu erbeuten. Aengstliche Eingeborene wagen dann nicht die Räuber zu verfolgen, muthige dagegen, wie die Wambugwe, setzen ihnen nach und jagen ihnen das Vieh wieder ab. Mit der glücklich erworbenen Beute ziehen die Massai unter lautem Gesang heimwärts, wobei sie einen Mann voraussenden, der den glücklichen Verlauf des Raubzuges im Lager meldet. Die Vertheilung der Beute geschieht noch im freien Felde und dabei kommt es nicht selten zu blutigen Schlägereien. Im Lager findet ein Siegesfest statt, bei welchem die Krieger mit den Nditos im Gänsemarsch, singend tanzen.

=Sklaverei= ist den Massai unbekannt, doch machen sie nicht selten Knaben und Mädchen zu Kriegsgefangenen und nehmen sie in den Stamm auf. Diese Sitte, sowie die leichte Zugänglichkeit der Massaiweiber Karawanenleuten und wohl auch anderen Eingeborenen gegenüber, führt den Massai viel fremdes Blut zu. Das =Streifgebiet= der Massai umfasst ein ungeheures Gebiet. Im Osten reicht es an die Küste, im Süden nach Mpwapwa und Ugogo, im Westen zum Victoria-Nyansa und bis zur Grenze von Usinja, über ganz Unyamwesi und ins südliche Uha, wo sie vor mehreren Jahren mit den Wangoni (Watuta) zusammenstiessen. In Ugogo und Unyamwesi nennt man sie Wahumba, in Usukuma Wassekera, offenbar nach der Massai-Landschaft Ndassekera. Sie selbst haben für alle Länder ihre eigene Nomenklatur, so nennen sie Umbugwe Ltoroto, Unguu Kimalando und kennen nur ihre eigenen Bezeichnungen.

Als Friedenszeichen pflegen die Massai ein Büschel Gras zu überreichen, welches sie vorher bespeien. Das Bespeien spielt überhaupt eine grosse Rolle, so musste ich alle kleinen Geschenke an Glasperlen u. s. w., die ich ihnen machte, vorher bespeien. Der Gruss geschieht durch Reichen der Hand, wozu man »Sowai!« ruft, der Gegrüsste antwortet »Evá!«

In Streitfällen entscheidet ein Gericht von Greisen. Mörder werden getödtet, wenn eine Sühne von 10 Rindern von den Verwandten des Getödteten abgelehnt wird. Diebstahl im Stamme selbst kommt fast niemals vor. Lügen sind häufig, gelten jedoch als grosser Fehler.

Indem wir damit die Schilderung der Massai schliessen, muss hervorgehoben werden, dass dieselbe in vielen Zügen heute nicht mehr giltig ist, sondern sich auf den Zeitraum vor 1891 bezieht. In diesem Jahre verheerte nämlich die =Viehseuche=, eine Lungenkrankheit, die in ganz Ost-Afrika wüthete, die Heerden der Massai in furchtbarer Weise. Während die sesshaften Völker, welchen als Nahrungsmittel die Produkte des Ackerbaus blieben, sich durch Aufzucht der wenigen verschonten Thiere erholen konnten, zehrten die Massai auch diese auf, so dass sie heute thatsächlich fast gar keine Rinder mehr besitzen. In der ersten Zeit gingen kolossale Mengen von Massai, wohl zwei Drittel des ganzen Stammes, zu Grunde. Die Krieger konnten sich durch Jagd und kleine Diebstähle noch eher durchbringen, die Weiber, Kinder und Greise waren aber dem Elend völlig preisgegeben.

Zu Skeletten abgemagert wankten sie durch die Steppen, vom Honig der Waldbienen und ekelhaftem Aas sich nährend. Alle kriegerischen Unternehmungen schlugen fehl, die Elmoran wurden einfach zurückgeworfen und kehrten oft gar nicht heim, sondern verhungerten unterwegs. Nur in wenigen Gebieten halten sich noch Kraals durch Kleinvieh und Eselzucht, sowie durch die Jagd, sonst sind weite Striche verlassen und die Massai leben als Bettler bei den Ackerbauern der Umgebung. Dass sie dabei an Einhaltung der alten Speisegesetze nicht mehr denken, dass der Elmoran ebenso Getreide und Jagdwild verzehrt wie ein anderer, ist selbstverständlich.

Viele Ackerbauer, wie die Wambugwe und ihre Nachbarn, wollen die alten Feinde selbst im Elend nicht kennen und machen jeden Massai nieder. In Usukuma, Schaschi, in Irangi, Unguu und Usagara, sowie in der Kilimanjaro-Gegend finden sie jedoch Zuflucht und Almosen an Nahrungsmitteln. Denn der Massai bleibt stets ein Bettler, niemals wird es ihm einfallen zum Spaten zu greifen und seine Gastfreunde in der Arbeit zu unterstützen. Wo er dazu gezwungen wird, geht er entweder zu Grunde oder er läuft wieder davon -- in die Steppe.