Durch Massailand zur Nilquelle

Part 17

Chapter 173,465 wordsPublic domain

Im Wembere-Graben besitzt, wie gesagt, der Charakter nackter, trockener Salzwüste die Oberhand. Auch die umrahmenden Höhen sind wenig einladend. Nur im Norden und Osten des Eyassi-Sees dehnen sich fruchtbare Plateaus aus, welche an Mutyek und Iraku erinnern. Die bewohnten Landschaften Issansu, Iramba und Eyambi besitzen einen an Turu erinnernden ärmlichen Boden, sonst ist Alles Wildniss, von wasserarmen, in der Trockenzeit gänzlich versiegenden sandigen Rissen durchzogene, wellige Baumsteppe, die der Kultur wenig Aussicht eröffnet und erst weitab vom Graben in Meatu einerseits und in Hindamara andererseits besseren, wasserreichen Landstrichen Platz macht.

Schon bei Besprechung der westlichen Grabengebiete ist mehrfach von Granit die Rede gewesen. Dieses Gestein gelangt weiter landeinwärts im =Granitplateau von Unyamwesi= zur fast völligen Alleinherrschaft. Dieses weite Gebiet, welches das Süd- und Ostufer des Victoria-Nyansa umfasst, im Süden über Tabora hinaus und im Westen bis Uha reicht, zeichnet sich durch sehr grosse Einförmigkeit aus. Das Terrain ist flach oder leicht gewellt, Gebirge sind selten und werden durch wilde Anhäufungen von Granitblöcken ersetzt, die in mehr oder weniger grossen Abständen verstreut sind.

Die Gewässer dieses Gebietes, die einerseits dem Simbiti-Eyassi, andererseits dem Victoria-Nyansa und dem Tanganyika zuströmen, zeichnen sich durch Wasserarmuth aus. Die Wembere-Zuflüsse sind fast alle periodisch und liegen den grössten Theil des Jahres trocken. Auch der in den Mlagarassi mündende Igombe, der fliessendes Wasser geführt haben soll, besitzt solches nun schon seit Jahren nicht mehr und besteht nur aus einer Reihe tiefer Tümpel, die nur zur Regenzeit unter einander in Verbindung stehen. Nicht viel wasserreicher sind die Zuflüsse des Victoria-Nyansa. Der Simiyu-Fluss, der im Massai-Land entspringt und bei seiner Mündung ein breites, schiffbares Aestuarium besitzt, liegt fast das ganze Jahr trocken. Zur Regenzeit schwillt er allerdings zeitweise ungeheuer an, doch für gewöhnlich enthält er nur Tümpel. Wasserreicher ist der Rubana, der in Nata entspringt, den Grumetri aufnimmt und sich als ständig fliessendes Gewässer in einem Aestuarium des Speke-Golfes ergiesst. Auch er besitzt jedoch sehr wechselnden Wasserstand. Noch mehr ist dies bei den nördlich verlaufenden Flüssen, dem Suguti und Mara, der Fall, die jedoch ebenfalls nicht ganz auszutrocknen scheinen. Der Mara ist der Unterlauf des Ngare dabasch (Ngare = Wasser, dabasch = breit, aber seicht), der zahlreiche Abflüsse des Massai-Plateaus aufnimmt. Fischer sah im Januar 1886 »wenig lehmfarbiges Wasser in tiefem, breitem Bett«, bei meiner Anwesenheit in Ngoroïne im Mai 1892 überschwemmte der Mara seine Ufer und war schwer passirbar.

Alle anderen Gewässer Unyamwesi's, sowohl jene, die dem südlichen Victoria-Nyansa, als jene, die dem Wembere-Gebiet zufliessen, sind sämmtlich Regenschluchten, mit oft breitem, sandigem Bett, in welchem man durch Graben Wasser erhält, in dem sich jedoch nur selten ein Rinnsal findet.

Von eigentlichen Gebirgen kann nur östlich vom Victoria-See die Rede sein, wo die Berge Baridi, Ikiju, Kiruwiru und Majita, sowie die von Uhemba, Uaschi und Ngoroïne sich als vereinzelte, fast tafelförmige Massive aus den Ebenen erheben. Die letzteren bilden den grössten Theil des Landes. Im westlichen Massailand sind sie völlig flach, von niedrigen Senkungen durchzogen, in deren einer der kleine Salzsee Lgarria liegt, und unterbrochen von zerstreuten Granithügeln, wie dem Kiruwassile und Duvai.

In ganz Usukuma und Unyamwesi, sowie in Usinja und den südlichen Nachbargebieten ist das Land wellig, mit den oben erwähnten steilen Granitkuppen, die der Landschaft ein eigenartiges Gepräge geben.

Der =geologische Bau= des Granitplateaus ist, wie erwähnt, ein ungemein gleichartiger. Fast überall herrscht eine mächtige Granitüberlagerung vor und krystallinisches Gestein tritt nur selten zu Tage, noch vereinzelter junge Sedimentgesteine.

Vom Grabengebiet kommend, fand ich in Serengeti Arkosen als Verwitterungsprodukte des Granits anstehend. Der Duvai-Hügel besteht aus weissem Quarzit, am Kiruwassile-Hügel steht ausser Granit auch röthlicher Quarzit an. Solcher findet sich auch am Mbelegeti in Usenye, sowie nördlich bei Mosonge und in Nata am Rubana-Fluss, wo ein meridionales Streichen mit Fall gegen Ost unter ca. 10° erkennbar ist. An den Bächen Elmaraus, sowie am Nyansa, am Kiruwiru, bei den Irambabergen und am Majita treten Grauwacken und Hornblende-Schiefer, ebenfalls in meridionalem Streichen, und sehr steiler Fallrichtung gegen Osten, oft in senkrechten Schichten auf. Zwischen Kiruwassile und Elmarau ist ein kleiner Durchbruch von älterem Eruptivgestein zu bemerken. Ein solcher findet sich auch in Irangala am Emin Pascha-Golf. In den Schaschibergen und in Ngoroïne steht an den Bächen vielfach Amphibolit an, während die Höhen von Granitblöcken gebildet werden. Von Kalken fand ich nur eine Spur in Elmarau, sowie kleine Schollen im Serengeti und Ntussu. In ganz Usukuma, Usinja und Unyamwesi, von Ussandaui bis Uha fand ich =ausschliesslich= Granit anstehen.

Einförmig wie der geologische Aufbau ist auch der =Landschaftscharakter= des Landes. Zwischen den besiedelten und oft sehr intensiv bebauten Gebieten dehnen sich unbewohnte Striche aus, die nur in dem östlichen Nyansagebiet den Charakter offener Savannen haben, sonst überall mit Steppenwald bedeckt sind. Im Osten ist der Massai-Charakter mit Dorngestrüpp, Akazien und einzelnen Baobabs, mit wilden Phönixpalmen an den Wasserbetten vorherrschend, im Westen bedeckt Miombowald (meist Caesalpiniaceen) in seinen lichten Beständen weite Gebiete. Die centralen Theile, vor Allem die südlichen Nyansagebiete, zeigen eine Mischung der beiden Vegetationsformen. Klimatisch folgt das Granitplateau im Allgemeinen den Küstenjahreszeiten, ist jedoch wahrscheinlich trockener als diese. Nach der Erfahrung alter Leute nimmt die Trockenheit alljährlich zu und manche Bäche, die noch vor Jahren Wasser führten, liegen jetzt als sandige Betten. In der trockenen Zeit ist Unyamwesi nicht viel leichter zu bereisen als die Massai-Steppe; die Brunnen liefern schlechtes, spärliches Wasser, und in den weiten Wildnissen, die sich zwischen den Dörfern ausdehnen, muss man oft ohne Wasser lagern. Dennoch ist der Boden ein fruchtbarer und die Niederschläge genügen für reichen Anbau, wie die schönen Kulturen der Eingeborenen beweisen.

Im Norden des Granit-Plateaus ist das ungeheure Becken des =Victoria-Nyansa= eingelagert. Dessen im Süden und Osten ziemlich stark gegliederte Küsten fallen theils in 4-5 m hohen Steilwänden ab, theils sind sie flach und mit dichtem Papyrusgürtel gesäumt, in welchem der wasserliebende, korkartige Ambatsch-Baum verstreut ist. Aehnlichen Charakter weist der in zahlreiche Arme gegliederte Emin Pascha-Golf auf. Die Bukumbi-Bai oder der Smith-Sund hat fast durchweg felsige Küsten. Solche ziehen sich auch am Südufer des Speke-Golfes dahin, dessen Ostende bei Katoto flach und papyrusreich ist. Die Nordküste des Spekegolfes ist gebirgig und steil, sie ist durch den schmalen, durchwatbaren Rugedsi-Kanal von der fruchtbaren, langgestreckten Granitinsel Ukerewe getrennt, welcher wieder das fast kreisrunde Eiland Ukara vorgelagert ist. Nördlich vom Rugedsi-Kanal schneidet der tiefe, vielgegliederte Baumann-Golf ein, mit hohen Halbinseln und Inseln im Westen, mit flachen Papyrusufern im Osten. Er ist durch eine schmale Landenge, welche das Majita-Massiv mit dem Festlande verbindet von der Majita-Bai getrennt. Weiter nördlich ist der Verlauf der Küstenlinie nur oberflächlich bekannt und haben wir möglicherweise recht wesentliche Veränderungen der Karte zu erwarten.

Der Victoria-Nyansa ist in dem besprochenen Theile sehr inselreich, ausser den genannten sind noch zahlreiche, meist felsige Eilande darin verstreut.

Das Wasser des Sees ist an tiefen Stellen und steilen Küsten dunkelgrün, ganz süss und wohlschmeckend, in flachen Theilen wird es gelblich bis braun und hat dann einen schlechten Sumpfgeschmack.

Nach verschiedenen Erkundigungen, welche ich einzog, =fiel= das Niveau des Victoria seit etwa 1880 um mehr als einen Meter, =steigt= jetzt jedoch wieder. Die alte Fluthmarke ist an felsigen Küsten deutlich wahrnehmbar. Eine eigenthümliche, schon von mehreren Reisenden beobachtete Erscheinung ist die scheinbare Ebbe und Fluth im Victoria-See. Am Speke-Golf ändert sich der Wasserstand um ca. 50 cm und ist Morgens am niedrigsten, Mittags am höchsten. Ich beobachtete dies im Mai, doch ist diese Niveauschwankung während des ganzen Jahres angeblich eine ziemlich regelmässige. So durchwaten die Eingeborenen den Rugedsi-Kanal stets Morgens, während sie in der Mittagszeit mit Kanus durchfahren. An der Westküste des Sees, in Bukoba, wurde diese Erscheinung von Dr. Stuhlmann nicht beobachtet. In Kavirondo dagegen beobachtete Pringle ein Schwanken von 6 zu 12 cm, dessen Höhepunkt gegen Abend erreicht wurde. Ob diese eigenthümlichen Schwankungen ausschliesslich den Winden ihre Entstehung verdanken oder ob Seiche-Erscheinungen dabei eine Rolle spielen, mag spätere Forschung entscheiden.

Nach sehr starkem Regen soll der See merklich anschwellen. Er besitzt eine starke Strömung gegen Norden, welche besonders im Rugedsi-Kanal sehr kräftig sichtbar wird. Die Wassertiefen sind zweifellos erheblich. Auf offener See fand ich im Speke-Golf und der Bukumbi-Bai bei 10 m nirgends Grund, an felsigen Küsten finden sich Tiefen von 5-7 m nahe am Ufer, bei flachen sind die Tiefen natürlich geringer.

Der Fischreichthum des Nyansa ist ein auffallend ungleicher, in der Bukumbi-Bai und im Emin Pascha-Golf sehr gering, ausserordentlich gross dagegen am Ostende des Speke-Golfes bei Katoto. Krokodile und Flusspferde sind überall häufig. Was die Ufer anbelangt, so reicht im Süden das wellige, mit Granitblöcken bedeckte Gebiet von Unyamwesi bis an dieselben heran. Im Osten sind die fruchtbaren Ufergebiete oft durch einen Steppenstreifen von den östlichen Hochländern getrennt, von welchen nur ein Komplex, der von Majita und Kiruwiru, bis an die Küste tritt. Auch jener Theil der Westküste, den ich bei Bukome kennen lernte, hat wasserarme Gegenden in nächster Nähe des Sees.

Dennoch scheint mir Lugard's Ansicht der Berechtigung zu entbehren, dass der Victoria-See aus unterirdischen Quellen bedeutende Zuflüsse empfange. Denn der Ausfluss des Nil in Uganda ist nur um ein Drittel wasserreicher als der Einfluss, der Kagera-Nil, und dieses Drittel wird durch die übrigen Zuflüsse des Sees immerhin reichlich ergänzt. Sein eigenes Volumen erhält der See der Verdunstung gegenüber nicht nur durch die Niederschläge, welche er selbst aufnimmt, sondern auch durch die ungeheure Wassermasse die ihm sämmtliche Gewässer zur Regenzeit zuführen.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Binnenseen Centralafrika's, welche Grabenseen sind, ist der Victoria-See ein echtes Becken, bei dessen Entstehung keine grossen geologischen Störungen thätig waren. Stuhlmann fasst zwar den westlichen Steilrand des Sees als Bruchlinie auf, eine Ansicht, die durch das Auftreten älterer Eruptivgesteine bei Irangala eine gewisse Stütze erhält. Doch war die betreffende Störung jedenfalls nur eine rein lokale und spielte bei der Entstehung des Victoria-Sees keine bedeutende Rolle. Ob die Theorie Stuhlmann's, dass der Victoria-See ursprünglich mit dem Eyassi zusammenhing, Begründung hat, mag spätere Forschung lehren. Vorläufig scheint das fast völlige Fehlen junger Sedimente, vor Allem von Kalken, zwischen Victoria-See und Eyassi eher dagegen zu sprechen.

Die Frage der =Zuflüsse des Victoria-Nyansa= hat besonders deshalb Interesse, weil sie unzertrennlich mit dem alten =Problem der Nilquellen= verbunden ist. -- Durch =Speke's= ewig denkwürdige Reise ist dieses Problem entschieden seiner Lösung am nächsten gebracht worden. Mit der Entdeckung des Victoria-Sees und seines Hauptzuflusses des =Kagera=, den Speke Kitangule nennt und bei dessen Anblick ihn hoher Stolz erfüllte, sowie des Ausflusses des Nil, traten die Nilquellen aus ihrem undurchdringlichen Dunkel. Wenn auch noch Niemand dieselben erreicht hatte, so war es doch zweifellos, dass sie irgendwo zwischen Tanganyika und Victoria-See liegen mussten. Damit war die Frage, soweit sie ein =historisches= Interesse bot, gelöst, und mit Recht konnte in diesem Sinne Speke sein berühmtes Telegramm absenden: »The Nile is settled«.

Anders verhält es sich, wenn man die Frage vom rein =geographischen= Standpunkte betrachtet. Da ergiebt sich als zweifellose, von Speke selbst anerkannte Thatsache, dass der Kagera der Quellfluss des Nil, der Ursprung des Kagera also die =Quelle des Nil= ist. Die Wassermasse, die der Kagera dem See zuführt und die nur um ein Drittel geringer ist als jene des Murchison-Nil, die Bedeutung dieses Stromes, neben welchem alle anderen Zuflüsse vollkommen verschwinden, hat selbst bei den Eingeborenen die Ueberzeugung festgesetzt, dass der Kagera »die Mutter des Flusses von Jinja«, der Nil sei.

Auf dem Programm, welches Stanley für seine grosse Expedition 1874 entworfen, stand auch die Entdeckung der Kagera-Nil-Quelle. Mit der diesem grossen Forscher eigenen Thatkraft drang Stanley längs des Kagera, den er Alexandra-Nil nennt, aufwärts, war jedoch gezwungen an der Grenze von Urundi abzulenken und den Fluss zu verlassen. -- »Ich bin mir wohl bewusst, dass ich nicht bis in die Tiefe eingedrungen bin« sagt Stanley an der betreffenden Stelle seines klassischen Reisewerkes. Bis 1892 wurde kein weiterer Versuch gemacht die Quelle des Nil zu erreichen und mit Recht konnte Reclus im 10. Band seiner »Nouvelle Géographie Universelle« sagen: »On cherche encore cette tête du Nil, comme au temps de Lucain, personne n'a eu la gloire de voir le Nil naissant.«

Am 19. September 1892 erreichte ich mit meiner Expedition die Quellen des Kagera-Nil und damit war das letzte Räthsel des alten Nilproblems gelöst. Wenn man überhaupt an dem von hervorragenden Geographen und Reisenden angenommenen Standpunkt festhält, dass der Kagera, der Alexandra-Nil der Engländer, der Quellfluss des Nil sei, so muss der Ursprung des Kagera folgerichtig auch als =Quelle des Nil= angesehen werden. Dass der Fluss, dessen Ursprung ich am 19. September erreichte, wirklich der Kagera-Nil ist, ergiebt sich aus folgender Thatsache.

Am Einfluss in den Ruayana-See (Windermere) besass der Kagera im März 1875, also während der höchsten Regenzeit, nach Stanley eine Breite von 45 m und eine Maximaltiefe von 15 m. An der Kitangule-Fähre, 200 Kilometer weiter stromabwärts, war der Kagera zur selben Zeit an 100 m breit und 17 m tief, während er in der trockenen Jahreszeit, wo ihn Graf Schweinitz 1892 an der Mündung befuhr, 80-100 m breit und durchschnittlich 8 m tief war. Nach Stuhlmann war der Kagera in der Regenzeit 1891 bei Kitangule 60 m breit und mehrere Meter tief. Obwohl die Einmündung eines noch unbekannten =grossen= Zuflusses auf der von Stanley rekognoszirten Strecke Ruayana-Kitangule ausgeschlossen, verdoppelt sich doch das Wasserquantum des Flusses auf dieser Strecke, durch Aufnahme der zahlreichen Bergwässer.

Oberhalb des Ruayana-See erforschte Stanley den Kagera, der 17 Seen durchfliesst und mit üppiger Wasservegetation[8] bedeckt ist, bis zu einer Stelle, die kaum 50 Kilometer von jener entfernt ist, wo ich den Kagera in Ussui überschritt. Stanley erkundete, an der Stelle wo er den Kagera verliess, dass derselbe oberhalb der Aufnahmestelle des Akanyaru ein Fluss von nicht sehr bedeutender Breite und Tiefe sei.

[8] Vid. auch Stuhlmann, Mit Emin Pascha, p. 229.

Bei der Ruanilo-Fähre, wo ich den Kagera überschritt, war derselbe Anfang September, also in sehr trockener Jahreszeit und bei ungewöhnlich niedrigem Wasserstand, ein reissendes Gewässer von 35 m Breite und 3 m Tiefe. Er besass steile, 3 m hohe Ufer und an Fluthmarken war deutlich zu erkennen, dass er dieselben in der Regenzeit ganz überschwemmt. Der Akanyaru wurde zur selben ungewöhnlich trockenen Jahreszeit überschritten und bestand aus zwei Armen, deren einer 10 m breit und 5 m tief, der andere 5 m breit und 1 m tief und langsam fliessend war. Auch hier zeigten weite Papyrusbestände und Fluthmarken an, dass der Akanyaru in der Regenzeit mindestens auf das Vierfache seines Wasserquantums anschwillt, was mir auch von Eingeborenen bestätigt wurde.

Bei dem ungeheuer raschen Anwachsen der Gewässer in jenem Gebiet, welches z. B. das Wasserquantum des Akanyaru in wenigen Kilometern verdoppelt, wie ich mich an den beiden Ueberschreitungsstellen überzeugen konnte, ist es völlig zweifellos, dass diese beiden Gewässer im Stande sind, das von Stanley in der Regenzeit am Ruayana beobachtete Wasserquantum zu liefern. Die Einmündung eines =grossen= Zuflusses, der etwa als Quellarm in Betracht kommen könnte, zwischen Stanley's südlichstem Punkt und meiner Ueberschreitungsstelle des Kagera ist also, wenn schon überhaupt mehr als unwahrscheinlich, so durch das Wasserquantum allein völlig ausgeschlossen. Der von mir überschrittene Fluss =ist der Kagera-Nil= nicht nur seiner Bedeutung nach, sondern auch im Volksmunde.

Der Kagera-Fluss führt in seinem Oberlauf, schon in der Breite von Ussui, den Namen Ruvuvu. Dieser Name bleibt ihm bis zu seiner Quelle, während die unbedeutenden Nebengewässer sämmtlich andere Namen führen. Bei solchen Strom-Quellen ist jedoch selbst in Europa stets der Volksmund entscheidend und muss es auch hier sein, besonders da er hier den thatsächlich wasserreichsten Flusslauf als Quellfluss benennt, was bei europäischen Flüssen nicht immer der Fall ist. Dass die Eingeborenen sich der Bedeutung des Kagera-Ursprunges wenigstens theilweise bewusst sind, bezeugt die abergläubische Scheu mit der sie die Stelle umgeben, wie denn der Kagera von der Quelle bis zur Mündung, in der =Grant= aus abergläubischen Gründen nicht lothen durfte, ein geheiligter Fluss, auch in diesem Sinne der »heilige Nil« ist.

Neben der Ansicht, welche den Kagera-Fluss als Quellarm betrachtet, kann noch jene in Betracht kommen, die den Victoria-See selbst als Quelle des Nil annimmt. Diese Annahme hätte Berechtigung, wenn der Victoria-See das Sammelbecken vieler kleiner, gleichartiger Gewässer wäre. Dies ist aber, wie wir oben gesehen haben, nicht der Fall, dem Kagera gegenüber sind alle Zuflüsse vollkommen unbedeutend; der Victoria Nyansa ist also =nicht= die Quelle des Nil, ebensowenig wie der Bodensee die Quelle des Rhein ist, obwohl auch dieser andere Zuflüsse als den oberen Rhein aufnimmt. Wenn englische Geographen, aus begreiflichen nationalen Gründen, neuerdings den Victoria-See als Nilquelle verfechten, so möchte ich daran erinnern, dass gerade die Engländer den Kagera stets »Alexandra-Nil« nannten und dadurch bezeugten, dass der =Kagera= eben für sie der =Nil= war.

Ausser dieser immerhin diskutirbaren Ansicht giebt es noch eine, die nicht die Quelle des Kagera, sondern den südlichsten Punkt des Nilsystems überhaupt als Quelle des Nil annimmt. Diese Ansicht ist deshalb eine vollkommen unerhörte, weil dieselbe bei keinem anderen Fluss der Welt Geltung hat. Es giebt sehr viele bedeutende Ströme, bei welchen die Quelle von Nebengewässern in Luftlinie weiter von der Mündung entfernt ist, als die des Hauptstromes, ohne dass letztere dadurch aus ihrer Stellung verdrängt wird. Wo freilich der Hauptstrom sich in ein Gewirre verschieden benannter Quellbäche auflöst, hat die Wahl des entferntesten als Hauptquelle Berechtigung, wo dies jedoch, wie beim Kagera, nicht der Fall ist, erscheint ein solches Verfahren gewaltsam und unberechtigt.

Von Reisenden hat, soviel mir bekannt, noch keiner diese unnatürliche Auffassung angenommen. So entdeckte Stanley im südlichen Unyamwesi Wasserläufe, welche, wie schon aus der Höhe vermuthet und durch meine Reise nachgewiesen wurde, nicht dem Nil, sondern dem Eyassigebiet angehören. Stanley konnte dies auf seiner Reise nicht wissen, sondern glaubte südliche Zuflüsse des Simiyu entdeckt zu haben. Obwohl diese, wenn sie wirklich dem Nilgebiet angehören würden, weitaus die südlichsten Gewässer desselben wären, glaubte Stanley doch nicht daran, die Nilquelle entdeckt zu haben, sondern strebte diesem Ziel durch Verfolgung des Kagera zu.

Die Annahme des südlichsten Punktes des Nilgebietes als Quelle des Nil muss also, als durchaus unbegründet, verworfen werden. Uebrigens ist auch für jene Theoretiker, welche doch daran festhalten wollen, die Nilquellfrage als =gelöst= zu betrachten. Denn die südlichsten Zuflüsse des Nil sind zweifellos jene Bäche, welche ich auf der Reise vom Tanganyika südostwärts in Süd-Urundi überschritt. Der äusserste, der Luvirosa, ein von Südwest herkommendes ½ m tiefes und kaum 3 m breites Bächlein, überschritt ich am 7. Oktober und verfolgte einen direkt von Süd kommenden Bach bis zum Ursprung, der sich nahe an der Wasserscheide gegen den Mlagarassi befindet. Es ist als sicher anzunehmen, dass die Quelle dieses Rinnsals unter ca. 3° 46´ s. Br. der südlichste Punkt des Nilsystems ist. Die Quelle des Luvirosa, deren beiläufige Lage mir von den Eingeborenen gezeigt wurde, muss, nach der Kammrichtung des Gebirges zu schliessen, etwas =nördlicher= liegen. An der Stelle, wo ich den Luvirosa überschritt, hatte derselbe fast genau dasselbe Wasserquantum, wie der Mswavula-Bach, den ich am 5. Oktober überschritt und bis zum Ursprung verfolgte. Derselbe war vom Ueberschreitungspunkt ca. 14 Kilometer entfernt und es ist daher sehr wahrscheinlich, dass der Luvirosa in gleicher Entfernung von der Ueberschreitungsstelle entspringt.

Der Grund, warum ich diesen Bach, dessen Ursprung man mir, wie gesagt, am Berghang zeigte, nicht bis zur Quelle verfolgt habe, lag einerseits in der untergeordneten Bedeutung, die ich der ganzen Annahme beilegte, andererseits in dem Umstand, dass mir nicht bekannt war, dass ich im Begriffe stand, das Nilgebiet zu verlassen. Aber auch wenn ich mir die Mühe gegeben hätte, den Luvirosa und alle seine Nebenrinnsale zu verfolgen, so würde dies doch zwecklos gewesen sein, denn die Differenz, um die es sich handeln kann, ist sicher nicht grösser als einige Kilometer, also so klein, dass sie innerhalb der Fehlergrenzen der topographischen Aufnahme fallen, wie sie ein Forschungsreisender auszuführen im Stande ist. Künftigen Generationen, die vielleicht eine Mappierung von Urundi ausführen, wird es vorbehalten sein, den mathematisch südlichsten Punkt des Nilgebietes auszufinden. Sehr wahrscheinlich wird sich der Ursprung des von mir verfolgten Baches als solcher erweisen, vielleicht auch der eines anderen, ja bei den gewundenen Läufen dieser Gebirgswässer ist es nicht unwahrscheinlich, dass irgend ein Lauftheil am südlichsten liegt, der also dann, nach der Theorie des »südlichsten Punktes«, als Quelle des Nil zu betrachten wäre, eine Möglichkeit, welche das absurde der ganzen Annahme darlegt.

=Wie immer man über das Nilquell-Problem denken möge, soviel ist sicher, dass durch die Massai-Expedition des Deutschen Antisklaverei-Komite die letzten Schleier desselben gelüftet wurden, -- dass das »Caput Nili Querere« von nun an endgiltig der Vergangenheit angehört.=

Fern sei es von mir, den Ruhm eines =Speke= zu schmälern, jenes kühnen Forschers, der das Dunkel, welches über der Nilquelle lag, mit einem Schlage gelichtet. Seiner und =Stanley's= Pionierarbeit verdanke ich es ja vor Allem, wenn es mir gelungen ist, ihre Pfade weiter verfolgend, als erster Weisser die Quelle des Nil zu schauen.

Von der Nilquelle zu reden ohne die =Mondberge= zu erwähnen scheint unmöglich, ist es doch in neueren Afrikawerken geradezu Mode geworden, deren Lage mit Beigabe von allerlei alten Karten zu erörtern. Der Streit, ob dieser oder jener Berg mit dem ptolemäischen Mondberge gemeint sei, scheint mir jedoch ein ziemlich müssiger, da er bei den Alten eine genaue Kenntniss der innerafrikanischen Geographie voraussetzt, welche sie kaum besessen haben.