Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens
Part 15
Etwa eine Stunde lang hielten wir eine zusammenhangslose Plauderei aufrecht, während welcher die Nässe meine Kleider immer gründlicher durchdrang. Erst nachdem auch meine Maultiere angekommen und abgeladen worden waren, erhob sich der Kāimakām und entfernte sich, um mich, wie er sagte, der Ruhe zu überlassen. Wir hatten in der Tat eine lange Tagereise hinter uns, hatten die Maultiertreiber doch 11 Stunden zugebracht, um Kal'at el Husn zu erreichen. Kaum aber hatte ich Zeit gehabt, meine feuchten Sachen zu wechseln, als auch schon ein leises Klopfen an der Tür mir die Anwesenheit der Frauen verriet. Ich öffnete sofort und ließ eine Dienerin ein sowie die Frau des Kāimakāms und eine nette Dame, die mich in einem Englisch blumenreichster Art begrüßte. Es war Sitt Ferīdeh, die Frau des Regierungsfeldmessers, der gleich ihr Christ war. Sie war in einer Missionsschule in Tripoli erzogen und ließ mich nicht lange in Unwissenheit der Tatsache, daß sie Schriftstellerin und ihr größtes Werk die Übersetzung der »Letzten Tage von Pompeji« ins Arabische war. Des Kāimakāms Frau, ein junges Geschöpf mit Apfelbäckchen, hätte für hübsch gelten können, wenn sie nicht so außergewöhnlich stark gewesen wäre. Sie war die zweite Frau und erst seit wenigen Monaten verheiratet, der Kāimakām hatte sie nach dem Tode seiner ersten Gemahlin, der Mutter seiner Kinder, genommen. Geraume Zeit wagte sie vor Schüchternheit in meiner Gegenwart den Mund kaum zu öffnen; Sitt Ferīdeh aber war ganz Herrin der Situation, schwatzte bald auf Englisch, bald auf Arabisch munter darauf los und suchte durch ein völlig korrektes Betragen die Tiefe ihres Christentums nachdrücklich zu beweisen. Die Gesellschaft dieser angenehmen und klugen Frau bereitete mir unendlich mehr Vergnügen als die meiner Wirtin. Das erste Wort, das die letztere zu äußern wagte, war mir jedoch ein höchst willkommenes, denn sie fragte mich, wann ich zu speisen wünschte. Voll Eifer erwiderte ich, daß mir keine Stunde zu früh wäre. Darauf begaben wir uns über einen schmutzigen Hof nach einem Gemach, in welchem ein reiches Mahl aufgetragen war. Hier gesellte sich eine alte Dame zu uns, die mir als »eine Freundin, die einen Blick auf Ew. Exzellenz werfen möchte«, vorgestellt wurde. Dann ließen wir uns zu dem besten Mahle und zu den besten Saucen nieder, die wenigstens von einem Gliede der Gesellschaft je gegessen worden sind. Eine dickliche Suppe, vier riesige Schüsseln mit Fleisch und Gemüse und ein Reispudding als Krone des Ganzen machten das Diner aus. Nach Beendigung desselben kehrten wir in mein Zimmer zurück, wo wir uns, nachdem ein Becken voll Holzkohlen und Wasserpfeifen für die Damen hereingebracht worden waren, zu einem abendlichen Plauderstündchen niederließen. Die alte Frau weigerte sich, auf dem Diwan zu sitzen, da sie, wie sie sagte, mehr an den Fußboden gewöhnt war; sie ließ sich so nahe als möglich am Kohlenbecken nieder und streckte ihre runzeligen Hände über die Glut. Sie trug ein schwarzes Kleid und über dem Kopf ein dickes weißes Leinentuch, das die Stirn fest umspannte und auch das Kinn verhüllte, wodurch sie das Aussehen einer alten Priorin irgend eines religiösen Ordens erhielt. Draußen heulte der Wind um das Turmzimmer, der Regen schlug gegen das einzige Fenster, und ganz natürlich kam das Gespräch auf allerlei Schreckenstaten, auf Geschichten von Mord und Totschlag, die eins dem anderen zuraunt, und für welche die tiefen Schatten dieses Zimmers gewiß schon seit Jahrhunderten ein fruchtbarer Boden gewesen sein mochten.
Vor zehn Tagen erst hatte den Kāimakām ein schreckliches Unglück in seiner Familie betroffen: sein Sohn war in Tripoli von einem Schulkameraden in kindischem Streit erschossen worden -- den Frauen schien es gar nicht so ungewöhnlich vorzukommen, daß eines Knaben schnell aufwallender Zorn von so verhängnisvollen Folgen begleitet war. Eine Depesche hatte den Kāimakām gerufen; qualvolle Furcht im Herzen, war er die lange Gebirgsstraße hinabgeritten, nur um seinen Sohn tot zu finden. Fast war der Kummer größer gewesen, als er ertragen konnte. So berichtete Sitt Ferīdeh.
Die Alte wiegte sich über dem Kohlenbecken hin und her und murmelte:
»Mord ist hier so gewöhnlich wie Milchtrinken! Herr, es ist kein andrer Gott als Du!«
Mit frischen Kräften umfegte der Sturm das Gemäuer, als die Christenfrau das Wort nahm:
»Diese Frau,« begann sie, mit dem Kopf auf die Gestalt an der Glut deutend, »weiß auch, was Tränen sind. Erst kürzlich fiel ihr Sohn im Gebirge von der Hand eines Räubers, der ihn mit seinem Messer erstach. Sein ausgeplünderter Leichnam wurde am Wegrand gefunden.«
Wieder beugte sich die beraubte Mutter über die Kohlen, deren heller Schein ihr vergrämtes, altes Gesicht überflutete.
»Mord ist wie das Ausgießen von Wasser,« stöhnte sie, »oh Allerbarmer!«
Spät erst verließen mich die Frauen. Eine erbot sich, die Nacht in meinem Zimmer zuzubringen, aber ich lehnte höflich und entschieden ab.
Am nächsten Morgen weckte mich der Donner, und Hagelkörner prasselten gegen meine Läden. Mir blieb nichts übrig, als weitere 24 Stunden bei dem Kāimakām zu verbringen und dankbar zu sein, daß wir ein schützendes Dach über unsern Häuptern hatten. Ich erforschte die Burg von einem Ende zum andern; glücklicherweise lebt in jedem von uns das ewige Kind, das mehr Vergnügen an den unterirdischen Kerkern und den Befestigungen einer Burg findet als an irgend einem anderen Zeugen der Vergangenheit. Kal'at el Husn ist so groß, daß die halbe Bevölkerung des Dorfes Wohnung in den gewölbten Unterbauen der Festung gefunden hat, während die Besatzung die oberen Türme innehat. Die Mauern des inneren Festungsbaues erheben sich aus einem hinter dem äußeren Befestigungsgürtel liegenden Graben. Durch diese Befestigungen hatte uns gestern abend der gewölbte Gang geführt. Am Tore der inneren Mauer wohnte der Burgfleischer, der jeden Morgen ein Schaf auf der Schwelle schlachtete. Wer sie überschritt, watete durch einen Bluttümpel und mußte meinen, irgend ein barbarisches Opfer würde alltäglich am Tore vollzogen. Das Hauptgebäude enthielt die jetzt in eine Moschee verwandelte Kapelle und einen Bankettsaal mit gotischen Fenstern, deren Öffnungen man mit Steinen ausgesetzt hatte, um die Inwohner vor der Kälte zu schützen. Der Turm, in den ich einquartiert war, gehörte zu den oberen Befestigungswerken und erhob sich auf den zu drei Stockwerken übereinandergesetzten Gewölben. Von diesem Turme aus führte ein schmaler Gang auf der Mauer hin in einen großen, prachtvollen Raum, unter dem sich ein runder Turm mit einem kreisrunden Gemach befand, dessen Decke aus einem vierteiligen Gewölbe bestand, und dessen spitze Fenster Rosetten und mit Friesen geschmückte Bogen aufwiesen. Die Burg wird in den Chroniken der Kreuzzüge »Kerak der Ritter« genannt. Sie gehörte den Hospitalrittern, und der Großmeister des Ordens machte sie zu seiner Residenz. Der ägyptische Sultan Malek ed Dahēr eroberte sie, stellte sie wieder her und setzte seine prahlerische Inschrift über das Haupttor. Die Burg ist eine der besterhaltenen vielen Festungen, die Zeugnis ablegen von dem wunderlichen Gemisch von edlem Eifer, Fanatismus, Ehrgeiz und Verbrechen, aus denen die Geschichte der Kreuzzüge zusammengesetzt ist -- eine Seite ihrer Geschichte, auf welche die christlichen Nationen nicht ohne Erröten blicken und die sie nicht lesen können, ohne so viel vergeblichem Heldenmut ein unwillkürliches Mitleid zu zollen. Denn für eine unwürdige Sache zu sterben, ist die schwerste Niederlage.
Kerak lehnt sich eng an die militärische Architektur des südlichen Frankreichs an, wenn es auch Spuren des orientalischen Einflusses aufweist, von dem sich die großen Ritterorden überhaupt ja nicht ganz freimachen konnten. Viel mehr als die Hospitalritter unterlagen ihm freilich die Tempelherren. Wie bei den zeitgenössischen arabischen Festungen gewannen auch hier die Mauern nach ihrem Fuße zu immer mehr an Stärke und endigten in schräg abfallenden Bastionen aus solidem Mauerwerk, die den Angriffen der Sappeure Trotz boten; die gerundeten Türme aber, die so weit aus der Mauerlinie vorsprangen, zeigten durchaus französischen Charakter. Der Überlieferung nach haben die Kreuzfahrer bereits eine Burg auf dem Berggipfel vorgefunden und sie den Arabern genommen; ich konnte jedoch keine Spur noch früherer Bauten finden. Wohl aber stammen Teile der jetzt vorhandenen Festung aus einer späteren Zeit, so z. B. ein großes Gebäude am inneren Graben, dessen Mauern erhabene Löwen zeigten, die den Seldschukischen Löwen nicht unähnlich waren.
Nach dem Frühstück stieg ich den schlüpfrigen Berg hinab in das Dorf und stattete der Sitt Ferīdeh und ihrem Manne einen Besuch ab. Ich fand ein zweites christliches Paar dort; der Mann war der Sāhib es Sanduk, wohl eine Art Schatzmeister. Die beiden Männer sprachen über die Lage der syrischen Armen. Nach der Meinung des Feldmessers brauchte keiner Hungers zu sterben, wie das von ihm aufgestellte Budget des Durchschnittsbauern bestätigte. Selbst der ärmste Fellahīn kann im Jahre 1000-1500 Piaster verdienen (140-220 Mark), hat aber außer der Kopfsteuer und der Entschädigungssumme für seinen militärischen Ersatzmann keinen Pfennig Geld auszugeben. Fleisch ist ein unbekannter Luxus; ein Faß Semen (ranzige Butter) kostet höchstens 8-10 Mark und genügt auf Monate hinaus, um den Burghul und andre Mehlgerichte schmackhaft zu machen. Werden die Körnerfrüchte und der Semen knapp beim Bauer, so braucht er nur in das Gebirge oder in das flache Land hinabzugehen, das noch herrenloses Gebiet ist, und sich eßbare Kräuter zu sammeln oder nach Wurzeln zu graben. Sein Haus baut er sich eigenhändig, den Platz, auf dem es steht, hat er umsonst, Geräte und Möbel braucht er nicht hinein. Und Kleidung? Da ist ihm wenig genug vonnöten: einige Leinenhemden, alle 2-3 Jahre ein wollenes Gewand und ein Baumwollentuch um den Kopf. Selten nur bleiben die Alten und Kranken ohne Pflege; haben sie noch eine Familie, so sorgt diese für sie, sind sie aber ganz ohne Angehörige, so können sie ihr Leben leicht durch Betteln fristen, denn kein Orientale weist die Bitte um eine kleine Gabe zurück, wenn der Arme auch nur selten Geld geben kann. Wenige Fellahīn besitzen eigenes Land, sondern sie arbeiten um Tagelohn auf den Gütern der Reicheren. Die Hauptgrundbesitzer um Kal'at el Husn gehören der aus Tripoli stammenden Familie der Danādischeh an. Noch bis vor kurzem war die Burg nicht Eigentum der Regierung, sondern gehörte dem Geschlecht der Zabieh, in deren Besitz sie zwei Jahrhunderte gewesen, und deren Nachkommen noch jetzt eine Wohnung am äußeren Wall innehaben. Hier fiel der Schatzmeister mit der Bemerkung ein, daß selbst der mohammedanischen Bevölkerung die ottomanische Herrschaft verhaßt wäre, und daß sie sich viel lieber von einem Fremden regieren lassen würden -- möge er immerhin ein Ungläubiger sein -- am liebsten von den Engländern, denn Ägyptens Wohlfahrt hätte einen tiefen Eindruck auf die Syrer gemacht.
An diesem Abend ließ mich der Kāimakām fragen, ob ich allein zu speisen wünschte, oder ob ich ihm und seiner Frau die Ehre geben wollte. Ich bat um den letzteren Vorzug. Trotz seines wahrhaft rührenden Bemühens, mir ein guter Wirt zu sein, war er doch still und traurig zu Beginn des Diners, bis wir endlich ein Thema anschnitten, das ihn seinem Kummer einigermaßen entzog. Die großen Toten kamen uns zu Hilfe und trugen Worte auf ihren Lippen, die schon Menschengeschlecht um Menschengeschlecht Balsam ins sinkende Herz geträufelt haben. Der Kāimakām war wohlvertraut mit der arabischen Literatur; er kannte die Meister der Wüstendichtung auswendig und trug Lied um Lied vor, sobald er erfahren, daß ich sie zwar hochschätzte, aber nur wenig von ihnen kannte. Sein eigner Geschmack freilich neigte sich mehr modernerer Dichtung zu; einer seiner Lieblingsdichter schien der dem zehnten Jahrhundert angehörende Mutanabbi zu sein. Noch glüht etwas vom Feuer der Alten in Mutanabbis Zeilen, und hell lohte es wieder auf, als der Kāimakām die berühmte Ode zitierte, in der der Dichter Abschied von den Freuden der Jugend nimmt:
»Wie oft hab ich das Alter hergesehnt, den Sturm im Herzen mir zu stillen! und sollte ich nun klagen, da mein Bitten mir erfüllt? Alles Wünschen ist erstorben, nur dem Speer noch gilt mein Lieben, Ihm allein sei Spiel und Scherz geweiht. Gibt's einen schön'ren Sitz im Leben als den Sattel des flücht'gen Renners? Einen bessren Gefährten für die Muße als ein Buch?«
»Diese Zeilen,« schloß der Kāimakām, »müssen Ew. Exzellenz doch gefallen!«
Als er mich in das Gastgemach zurückbrachte, fragte er, ob er mir nicht sein letztes Gedicht vorlesen dürfte, das er auf Bitten der Studenten der amerikanischen Universität zu Beirut (der berühmtesten derartigen Anstalt Syriens) zur Feier eines Jahrestages verfaßt, den sie binnen kurzem festlich begehen wollten. Zunächst brachte er den in den schmeichelhaftesten Ausdrücken abgefaßten Brief der Studenten zum Vorschein, dann sein Manuskript und las mir seine Verse mit der trefflichen Betonung des orientalischen Rezitators vor. Von Zeit zu Zeit hielt er inne, um die Bedeutung einer Metapher zu erklären oder eine Erläuterung zu einer schwierigen Strophe zu geben. Er sang das Lob der Bildung, endete aber höchst inkonsequenterweise mit einem liebedienerischen Hymnus auf den Sultan, eine Stelle, die ihn noch dazu mit großem Stolz erfüllte. Soweit ich es beurteilen konnte, war es keine besonders hervorragende Poesie; aber was schadet das? Es gibt keinen besseren Trost im Kummer als das Bewußtsein, Schöpfer irgend eines Werkes zu sein, und für eine kurze Stunde vergaß der Kāimakām seinen Schmerz und lebte in einer Welt, wo kein Leid ist, noch Geschrei. An passenden Stellen drückte ich meine Billigung und mein Lob aus und mußte innerlich darüber lachen, daß ich hier denselben liebenswürdigen Unsinn auf Arabisch redete, den man so oft auf Englisch sagt.
Statt zwischen den kahlen Wänden einer Kreuzfahrerfestung hätte ich ebenso gut in einem Londoner Salon sitzen können. Ist doch die Welt allüberall aus demselben Stoff gemacht!
Am nächsten Morgen regnete es noch immer; in mißlichster Laune kleidete ich mich an und frühstückte, als die Wolken plötzlich wie von Zauberhand weggeschoben wurden, und 7½ Uhr brachen wir beim herrlichsten Sonnenschein auf. Am Fuße des steilen Hügels, der das Kastell trägt, liegt inmitten eines Olivenhains ein griechisches Kloster. Als wir es erreichten, stieg ich ab, um den Abt zu begrüßen, aber siehe da! er war ein alter Bekannter von mir, dem ich bereits vor fünf Jahren bei meiner Rückkehr von Palmyra im Kloster Ma'alūla begegnet war. Große Freude herrschte über dieses glückliche Zusammentreffen, zu dessen Feier viel Marmelade, Kaffee und Wasser vertilgt wurde. Mit Ausnahme einer kryptaähnlichen Kapelle, die 1200 Jahre alt sein soll, ist das Kloster wieder aufgebaut worden. Das Gewölbe der alten Kapelle wird von zwei Marmorsäulen getragen, die unterhalb des Kapitäls abgebrochen und in die Wand eingefügt sind, ein Verfahren, das mehr seltsam als schön zu nennen ist. Die Kapitäle zeigen die Form von Lilienblüten im byzantinischen Stil. Am Altar, der ein schönes Muster moderner Holzschnitzerei ist, befinden sich einige prächtige persische Kacheln in der Wand. In der Westmauer des Klosters zeigte man mir eine so schmale Pforte, daß es kaum möglich war, sich hindurchzuzwängen, -- unmöglich, wie die Mönche sagten, jedenfalls für den, der nicht reines Herzens ist. Ich wagte nicht, meinen Ruf durch einen Versuch, mich hindurchzudrängen, aufs Spiel zu setzen.
Wir ritten weiter durch dünnbewaldete aber desto dichter mit Blumen besetzte Täler; die Obstbäume begannen zu blühen, das Geißblatt grünte, und bei einem winzigen Friedhof ließen wir uns unter knospenden Eichen zum Frühstück nieder. Vor uns lag der kritische Punkt unsrer Tagereise. Schon sahen wir die Mauern der Burg Sāfita auf dem gegenüberliegenden Hügel, aber noch trennte uns ein angeschwollener Strom, dessen Brücke weggerissen, und dessen Furt, einem Gerücht zufolge, unpassierbar war. Als wir die Ufer des Abrasch erreichten, sahen wir durch das weite Bett eine einzige wirbelnde und schäumende Wassermasse hinabtosen, die kein beladenes Maultier durchwaten konnte. Zwei Stunden ritten wir stromabwärts und gelangten gerade noch zur rechten Zeit an die zweite Brücke, die Djisr el Wād, die sich im letzten Stadium des Verfalls befand, da nur noch die mittleren Bogen zusammenhielten. Die Hügel auf dem gegenüberliegenden Ufer waren mit niederem Buschwerk besetzt, aus dem die liebliche ~Iris stylosa~ ihre blauen Staubgefäße erhob. Zur weiteren Belebung der Szenerie trug ferner ein ununterbrochener Zug weißgekleideter Nosairijjeh bei, die der Brücke zustrebten. In meiner Gesellschaft befand sich 'Abd ul Medjid, ein kurdischer Zaptieh, der das Gebirge und all seine Bewohner gut kannte. Obgleich Mohammedaner, hegte er keinen Groll gegen die Nosairijjeh, die ihm immer als harmlose Leute erschienen waren, und ein jeder grüßte ihn freundlich im Vorübergehen. Er erzählte mir auch, daß die weiße Gesellschaft sich zu den Beerdigungsfeierlichkeiten eines großen, seiner Frömmigkeit wegen wohlbekannten Scheichs begab, der vor einer Woche gestorben war. Das Fest selbst wird gewöhnlich zwei Tage nach der Beerdigung abgehalten, und wenn die Gäste gespeist haben, bringt jeder nach seinen Kräften der Familie des Toten seinen Tribut dar, der zwischen einem und fünf, ja sechs Piaster schwankt. Im Djebel Nosairijjeh im Geruch der Heiligkeit zu stehen, ist gleichwertig mit einer Lebensversicherung bei uns zu Lande.
Dank dem großen Umwege erreichten wir Sāfita erst um 4 Uhr. Ich lehnte die Gastfreundschaft des Kommandanten ab und schlug meine Zelte außerhalb des Dorfes an einem Waldrande auf. Das innere Festungsgebäude, welches wir von ferne gesehen hatten, ist alles, was von der Weißen Burg der Tempelherren übriggeblieben ist. Es steht auf dem Gipfel des Hügels, um dessen Fuß sich das Dörflein gruppiert, und von dem aus man das Mittelmeer und den nördlichen Teil der phönizischen Küste erblickt. Unter den mir zum Verkauf angebotenen Antiquitäten bemerkte ich eine phönizische Münze und die kleine Bronzestatue eines phönizischen Gottes -- wahrscheinlich war Sāfita für jenes Handelsvolk ein Stützpunkt im Binnenlande. Die Feste selbst war eine geschickte architektonische Überraschung. Sie enthielt nicht, wie zu erwarten stand, eine gewölbte Halle oder ein Refektorium, sondern eine große Kirche, die also sozusagen das Herz der Festung ausmachte. Als wir eintraten, wurde gerade ein Gottesdienst abgehalten; durch die Westtüren ergoß sich die Abendröte und hüllte die in Anbetung auf ihren Knieen liegende Gemeinde in purpurne Glut. Die meisten Bewohner von Sāfita sind Christen und sprechen Englisch mit dem ausgesprochen amerikanischen Akzent, den sie sich angeeignet haben, während sie in den Vereinigten Staaten ihr kleines Vermögen erwarben. Außer dem Akzent aber hatten sie auch eine mir nicht angenehme Vertraulichkeit in der Redeweise mitgebracht und ein Teil der ihnen angeborenen guten Manieren verloren. 'Abd ul Medjid, der fesche Unteroffizier, begleitete mich durch die Stadt, rettete mich aus den Klauen der amerikanisierten Christen, zwirbelte seinen kühnen, militärischen Schnurrbart gegen die kleinen Jungen, die uns nachlaufen wollten, und schickte hinter ihrem Rückzug Proben aus dem elegantesten Schimpfwörterschatz her, den mein Ohr je den Vorzug hatte zu hören.
Spät am Abend wurden zwei Besucher angekündigt. Es war der Zābit (Kommandant) und ein andrer Beamter, durch die der Kāimakām von Drekisch mich bewillkommnen und in sein Dorf einladen ließ. Wir drei ritten in der Frühe des nächsten Morgens mit einigen Soldaten hinter uns auf einem gewundenen Pfad durch die Berge und gelangten nach zwei Stunden in ein Tal voller Olivenhaine, an dessen Hängen das Dorf Drekisch lag. Bei der ersten Olivengruppe fanden wir drei Biedermänner in langem Rock und Tarbusch unser harrend; bei unsrer Annäherung bestiegen sie ihre Pferde und schlossen sich dem Zuge an, der, während wir die Dorfstraße hinaufritten, durch andere Honoratioren zu Pferde immer mehr anschwoll, bis wir schließlich die Gesamtsumme von 13 erreicht hatten. Der Kāimakām erwartete uns in Gala und allen Zeremoniells voll an der Tür seines Hauses und geleitete mich in sein Besuchszimmer, wo wir Kaffee tranken. Die Gesellschaft bestand nun aus 30 Personen von Rang und Ansehen. Nach dem offiziellen Empfang brachte mich mein Wirt in seine Privatwohnung und stellte mich seiner Frau, einer liebenswürdigen Damaszenerin, vor. Während der nun folgenden kurzen Unterhaltung lernte ich ihn genauer kennen. Riza Beg el 'Abid verdankt seine gegenwärtige Stellung dem Umstand, daß er ein Vetter 'Isset Paschas ist, denn es gibt in der Familie dieses großen Mannes kein Glied, das nicht wenigstens Kāimakām ist. Aber Riza Beg hätte die soziale Leiter auch ohne Unterstützung erklimmen können; er ist ein Mann von außergewöhnlich gewinnendem Wesen und verfügt in reichem Maße über den scharfen Verstand der Syrer. Das Geschlecht, zu dem er und 'Isset gehören, ist arabischen Ursprungs. Die Glieder der Familie leiten ihre Abstammung von dem edlen Stamm der Muwāli her, die Harūn er Raschid verwandt sind, und wenn du 'Isset Pascha begegnest, so wirst du wohl tun, ihn zu seiner Verwandtschaft mit jenem Kalifen zu beglückwünschen, obgleich er weiß, (auch weiß, daß du es weißt), daß die Muwāli seinen Anspruch mit Verachtung zurückweisen und ihn unter die Abkömmlinge ihrer Sklaven zählen, worauf auch sein Name 'Abid (Sklave) hinweist. Gleichviel, ob Sklaven oder Freie -- die Söhne des Hauses 'Abid sind so geschickt emporgestiegen, daß sie der Türkei den Fuß auf den Nacken gesetzt haben und in dieser gewagten Stellung auch verbleiben werden, bis 'Isset die Gunst des Sultans verliert. Riza Beg machte ein ernstes Gesicht, als ich auf seine hohen Verbindungen anspielte, und bemerkte, daß die Machtstellung, deren er sich als Glied seiner Familie erfreute, keine leichte Sache sei, und daß er mit Freuden ein weniger hervorragendes Amt als das eines Kāimakāms ausfüllen würde. Vielleicht würde auch der Pascha die Freuden Konstantinopels nur allzugern gegen einen bescheideneren aber sicheren Wirkungskreis austauschen -- eine Vermutung, der ich um so lieber Glauben schenke, als 'Isset, wenn das Gerücht wahr spricht, in den Jahren, da er sich der höchsten Gunst erfreute, aus seiner Stellung so viel Nutzen gezogen hat, wie er nur irgend erwarten konnte. Ich versicherte dem Kāimakām, daß ich mir ein Vergnügen daraus machen würde, dem Pascha bei meinem demnächstigen Aufenthalt in Konstantinopel einen Besuch abzustatten, und ich führte dieses Projekt auch mit so gutem Erfolg aus, daß ich nach 'Issets eigner Aussage mich künftighin zu den Personen rechnen muß, die seiner lebenslänglichen Freundschaft versichert sein können.